Münchens Eisbach-Krise :
Weltstadtwelle

Patrick Bahners
Ein Kommentar von
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Mitarbeiter der Münchner Berufsfeuerwehr bauen in Anwesenheit von Polizeibeamten die ungenehmigten Vorrichtungen für eine künstliche Welle am Eisbach im Englischen Garten wieder ab.

Ist den Münchnern mit ihrer Eisbachwelle auch der Verstand abhandengekommen? Eine Bürgermeisterin ärgert sich über einen Feuerwehreinsatz. Und eine Zeitung verkauft Leichtsinn als Liberalität.

Da kann man nur den Kopf schütteln. Was heutzutage in der Zeitung steht, ist wirklich alles erstunken und erlogen – wenn sie aus München kommt! Besinnlich gestimmt saß man gestern früh am warmen Ofen, hatte die Füße in ein heißes Bad gesteckt und bekam einen Kälteschock, als man die Schlagzeile der „Süddeutschen Zeitung“ las: „Münchens Wahrzeichen – für immer verschwunden?“ Wie bitte? Drei Artikel füllen die Titelseite des Lokalteils mit Katastrophenberichterstattung im Panoramaformat. Doch das Wahrzeichen, auf das sich die Fehlanzeige bezieht, ist nicht die Frauenkirche (vom Föhn verschluckt), das Olympiastadion (nach Qatar verschifft, als Vorauszahlung ans IOC für die nächste Bewerbung) oder die Weißwurst (von Söder verschlungen, Haut und Rezept inklusive). Die Rede ist vom schaumigen Gekräusel eines Gewässers im Englischen Garten, das es Surfern erlaubte, ihrem mit Ferne, Strand und wohlstandsbegünstigtem Gehenlassen assoziierten Sport mitten in der Innenstadt und auch noch am kältesten Punkt der kalten Jahreszeit zu frönen.

Kann die Bachauskehr zu gründlich gewesen sein?

Als hätte die Stadt sonst wenig zu bieten, soll die „Eisbachwelle“ neben dem Haus der Kunst, dieser heißeste Fleck für luxuriösen Zeitverbrauch, nach SZ-Ranking „eine ihrer bekanntesten Attraktionen“ gewesen sein. Nach dem tödlichen Unfall einer Surferin am 17. April staute die Stadt die Anziehungskraft durch Verhängung eines Surfverbots. Die jähr­liche Reinigung des Bachbettes, ge­nannt „Bachauskehr“, im Oktober fiel heuer so gründlich aus, dass mit dem üblichen Geröll und Geraffel das vermeintliche Naturwunder mit ausgekehrt wurde. Die Welle hatte sich gelegt.

Naturgemäß nicht in den Gemütern der Surfer, deren Organisationen der Stadt sogleich wissenschaftlich basierte Entwürfe einer Wiederaufschäumung durch Einbauten vorlegten. Die Behörden machten mit Poststempel vom 23. Dezember Auflagen für den gewünschten Versuch – worauf ein Kommando anonymer Ex­tremsportanlagenbauer in der Weihnachtsnacht ein ungenehmigtes Brett im Bach verankerte. Eine „sehr grundsätzliche Frage“ stellt sich dadurch für die SZ: „Will München eine Stadt sein, in der alles bis ins feinste Detail behördlich geordnet ist? Oder erlaubt die Liberalitas Bavariae hier ein gewisses Laissez-Faire?“

„Surf must go on“:  Die Durchhalteparole, wie sie bei den Olymipischen Spielen 1972 die Spielleitung vorgab, kommt nun aus der Zivilgesellschaft.
„Surf must go on“:  Die Durchhalteparole, wie sie bei den Olymipischen Spielen 1972 die Spielleitung vorgab, kommt nun aus der Zivilgesellschaft.dpa

Grundsätzlicher geht es nicht: Gehörte zur Münchner Lebensart nicht in jedem Wind und Wetter dieser Kick – leben, leben lassen, Lebensgefahr suchen und herbeiführen lassen? In den Wochen der Untersuchung der Ursachen des tödlichen Unglücks vom Gründonnerstag war das Ufer des Baches mit Drahtzäunen abgesperrt. Neben den städtischen Verbotsschildern befestigten radikale Eisbachnutzer eigene Plakate mit zynischen Parolen wie „Bergsteigen und Radfahren verbieten! Sicher ist sicher.“ und „Paragrafen, Regeln, Vorschriften, Angstlust, Mutlosigkeit, Selbstabsicherung“. In Teilen der Surferszene wird also ein regelfeindliches Denken kultiviert, das vor dem Horizont kalifornischer Meereswellen den Gedanken an das Herrenmenschentum des Tech-Managerwesens wecken würde.  Die Aktionsform der Mutprobe wird in den Alltag an Land verlängert, und nicht nur die Sicherheit als Handlungsmaßstab von Polizei und Verwaltung wird verachtet, sondern auch schon die Selbstabsicherung.

Die SZ berichtet, es hätten sich am Samstag zwar nur drei Surfer eingestellt, aber „geschätzt hundert Zuschauer“, was zeige, „wie groß die Attraktion ist, die hier geboten wird“. Doch das Spektakel ist nichts ohne die Wegschauer. Die Feuerwehr spielte nicht mit und entfernte das Brett.

In Vertretung des urlaubenden Oberbürgermeisters Dieter Reiter hatte Sportbürgermeisterin Verena Dietl (SPD) zunächst ihre Freude darüber bekundet, „dass die Welle wieder läuft“. Sie stellte eine Duldung der Nacht-und-Nebel-Konstruktion in Aus­sicht und wurde kalt erwischt von der Mitteilung des zuständigen Referats, die Einbauten seien „widerrechtlich“. Die Figur ostentativen Schwankens, welche die Stadtobrigkeit hier abgab, nennt man in Surferkreisen den „Betrunkenen Storch“. Nach dem Eingreifen der Feuerwehr rügte Dietl „ein nicht überlegtes Handeln der Verwaltung“. Diese Figur ist nun noch gewagter: Die Bürgermeisterin tritt die Flucht nach vorne an, macht die „Brettnase“. Eigentlich hängt sie vollkommen in der Luft. So ist München, Weltstadt mit Herz, aber ohne Verstand: Die Politik will die Welle reiten, bis sie bricht.

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