Vorsorge für den Notfall : „Muss ein Beamter sich gegen Berufsunfähigkeit versichern?“
Ein Bundesbeamter hat seit vielen Jahren eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit. Jetzt fragt er sich, ob das noch sinnvoll ist. Eine Fachfrau erklärt, wann sich diese lohnt – und wann nicht.
Mütter wollen stets das Beste für ihre Kinder. Auch im Falle von Holger Eichstädt war das nie anders. Als der heute dreiundfünfzigjährige Eichstädt, der eigentlich anders heißt, 1991 sein Abitur absolviert hatte, schloss seine Mutter eine Kapitallebensversicherung in Kombination mit einer Versicherung gegen Berufsunfähigkeit für den jungen Mann ab. „Sie wollte ihrem Jungen etwas Gutes tun“, sagt Eichstädt mit einem Schmunzel. Der Monatsbeitrag betrug 52 D-Mark, der Anbieter war die Volksfürsorge.
Weder die D-Mark noch die Versicherungsgruppe Volksfürsorge gibt es heute noch, aber all die Jahre lief Eichstädts Vertrag immer weiter. Mittlerweile führt die Proxalto Lebensversicherung den alten Vertrag fort, der noch bis November 2030 läuft. Der Monatsbeitrag ist auf 185 Euro gestiegen. Schon seit Längerem fragt sich Holger Eichstädt, ob ihm seine Mutter damals wirklich einen Gefallen getan hat. Denn der promovierte Akademiker ist seit zwanzig Jahren Beamter und geht einem Schreibtischjob nach. „Wozu brauche ich da überhaupt eine Berufsunfähigkeitsversicherung, was soll mir schon groß passieren?“, fragt er sich seit einiger Zeit.
Berufsunfähigkeitsversicherung lieber kündigen?
Er könnte nun die Berufsunfähigkeitsversicherung kündigen, ist sich aber unsicher. Darum wendet er sich an die Sonntagszeitung. Die F.A.S. bringt Eichstädt mit Sandra Klug zusammen, die bei der Verbraucherzentrale Hamburg die Abteilung für Geld und Versicherungen leitet.
Der Bundesbeamte hat eine Führungsposition inne und kommt auf ein Gehalt von rund 6000 Euro netto im Monat. Er hat nach einer geschiedenen ersten Ehe eine Lebensgefährtin, mit der er sich erst vor wenigen Jahren den Traum eines eigenen Hauses erfüllt hat. Rund 750.000 Euro hat Eichstädt für das Haus ausgegeben. Jeden Monat zahlt er derzeit 2700 Euro an Zinsen und Tilgung. „Noch ist eine Menge abzubezahlen“, sagt er . An Rücklagen bleiben ihm noch 35.000 Euro an Geldvermögen, das vor allem in Aktien-ETF angelegt ist.
„Eigentlich benötigen Sie als langjähriger Beamter keine Berufsunfähigkeitsversicherung mehr“, sagt Fachfrau Klug. „Aber angesichts der noch lange laufenden Immobilienfinanzierung könnte einiges dafür sprechen, die Versicherung besser doch zu behalten.“ Wie kommt sie zu dieser überraschenden Schlussfolgerung? Zunächst sollte niemand davon ausgehen, dass ein Schreibtischjob vor Berufsunfähigkeit schützt. Schlimme Erkrankungen wie Krebs können jeden treffen und zumindest für eine gewisse Zeit zur Berufsunfähigkeit führen. Viele wissen nicht, dass Versicherungen oft auch im Falle einer „vorübergehenden Berufsunfähigkeit“ zu Zahlungen verpflichtet sind.
Versicherung ist anfänglich für Beamte sinnvoll
Gerade zu Beginn ihrer Laufbahn kann es darum für angehende Beamte sinnvoll sein, eine solche Versicherung abzuschließen. Beamte sind zwar über ihren Dienstherrn gegen Dienstunfähigkeit abgesichert. Aber Sandra Klug weist darauf hin, dass die Absicherung frühestens nach fünf Jahren Dienstzeit greift, und sich der zu erwartende Betrag erst mit der Zeit erhöht. „Jedem jungen Beamten würde ich darum empfehlen, sich mit dem Thema Berufsunfähigkeitsversicherung auseinanderzusetzen“, sagt Klug. Von der kombinierten Variante aus Kapitallebensversicherung und Berufsunfähigkeit, auf die Eichstädt gesetzt hat, rät die Fachfrau allerdings ab. „Das geht mit überhöhten Kosten für den Versicherten einher.“ Die Anbieter verkaufen solche Versicherungen gern, weil sie gut daran verdienen.
Bei Holger Eichstädt lässt sich das nun nicht mehr ändern. Klug rät ihm aber, einmal bei seinem Dienstherrn nachzufragen, was er im Falle einer Dienstunfähigkeit als Zahlung erwarten könnte. Tatsächlich kennt Eichstädt die Zahl nicht. Selbst wenn sie hoch ausfallen sollte, rät Klug, sich die Kündigung der Berufsunfähigkeitsversicherung gut zu überlegen. „Aufgrund Ihrer hohen Belastung durch den Immobilienkredit könnte es für Sie schwierig sein, die monatlichen Summen zu stemmen, wenn Sie tatsächlich beruflich ausfallen sollten.“ Die zusätzlichen 445 Euro, die die Versicherung zahlen würde, könnten dann dringend nötig sein.
Beiträge für Berufsunfähigkeitsversicherung reduzieren
Trotzdem kann der Beamte die Höhe seines Beitrages leicht reduzieren. Denn sein Vertrag geht mit zwei Zusatzversicherungen einher, die er nach Ansicht von Klug nicht braucht. Bei der ersten handelt es sich um eine „Unfalltod-Versicherung“, die zahlt, wenn Eichstädt durch einen Unfall sterben sollte. „Das Risiko Tod als solches muss gut abgesichert sein. Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalltodes ist sehr gering, Menschen sterben vor allem an Erkrankungen“, sagt Klug. Eichstädt hat noch eine Risikolebensversicherung, die er wegen des Hauskaufs abgeschlossen hat. Auf die Zusatzversicherung kann er darum verzichten.
Und auch die „Beitragsbefreiung bei Berufsunfähigkeit“ benötigt Eichstädt nach Meinung von Klug nicht. Diese Versicherung stellt sicher, dass die Beiträge in die Kapitallebensversicherung weiter gezahlt werden, sollte Eichstädt dazu wegen Berufsunfähigkeit nicht mehr in der Lage sein. Die zusätzliche Absicherung kostet fünf Euro im Monat. Das findet Klug zu teuer.
Ohne die Zusatzversicherungen würde sich der Beitrag des Beamten um zehn Euro auf 175 Euro im Monat reduzieren. Als Drittes empfiehlt Klug ihm, die sogenannte Dynamisierung seiner Versicherung auszusetzen. Bislang erhöht sich sein Beitragssatz jedes Jahr, um die Risiken der Inflation auszugleichen. Das Konstrukt ist nachteilig für Versicherte, weil ein Teil der höheren Beiträge bei Anbietern und Vertrieb landen kann.
Holger Eichstädt will sich das alles nun gut überlegen. Insgesamt bringt ihm die Versicherung mehr, als er gedacht hat. Dafür kann er seiner Mutter dankbar sein.