„Alle Jahre wieder …“ kommt in einem bekannten Weihnachtslied „das Christuskind“. Seit 1837. Tatsächlich aber kommt in wenigen Tagen für viele Familien das jährliche Drama der familiären Verletzungen, Missverständnisse und Konflikte. Viel öfter, viel stärker, viel weiter verbreitet seit der Dominanz der sozialen Medien und vor allem der Plattform TikTok. Glaubt man verschiedenen Psychotherapeuten, so haben bei Umfragen zwei Milliarden (!) Menschen weltweit angegeben, in toxischen, also vergifteten, Familienverhältnissen zu leben.
Sie möchten weiterlesen?
- preisgekrönter Qualitätsjournalismus
- unbegrenzter Zugang zu allen Inhalten
- jederzeit auf allen Geräten
Sie haben ein Google-Konto?
Sie haben bereits einen Digital-Zugang?
Die Erkenntnis, gerade zu Weihnachten komme es zu überdurchschnittlich häufigen Streitigkeiten und Gewalt in der Familie, ist nicht neu. Belegbare Zahlen lassen sich nicht finden. Dennoch gelten Weihnachtsfeiertage als allgemeine Stressfaktoren mit oft übertriebenen Harmoniebedürfnissen. Bezeichnend dafür ist der Begriff „Erwartungsmanagement“, was so viel heißt wie sich der eigenen Erwartungen bewusst zu sein und jene anderer Familienmitglieder zu akzeptieren.
Das allerdings reicht aktuell nicht mehr aus: Denn nun ist – als zwar nicht als ganz neuer, aber derzeit populärer Trend – die sogenannte No-contact-Methode aufgetaucht. Und diese wird in den sozialen Medien, eben vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene via TikTok, als Heilmittel für familiäre Schwierigkeiten angepriesen.
Hinweis:
Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.
In den USA wird also plötzlich die „Kontaktsperre“, vor allem zwischen Kindern und Eltern, propagiert. Das sollte misstrauisch machen. Warum? In den 90ern war die US-Psychotherapie besessen vom Missbrauch der Kinder innerhalb der Familie. Jedes Problem wurde auf „child abuse“ zurückgeführt. Viele Familien waren zerstört worden, nachdem sich die Erinnerung der Betroffenen als Irrtum beweisen hat lassen.
Mehr lesen
In einem stundenlangen öffentlichen Podcast der Talk-Queen Oprah Winfrey in New York City warnte ein Psychotherapeut vor der Einschätzung seiner Kollegen: Sie würden den Leuten einreden, die Beziehung zu den Eltern sei vergiftet, Mutter oder Vater seien Narzissten oder emotional unreif. Erwachsene Kinder fühlten sich bestätigt. Wirklich gefährlich aber, so der Psychologe und Autor Joshua Coleman, seien die sozialen Medien. Sie wirkten wie Brandbeschleuniger. Vor allem habe sich durch sie die Einschätzung von „Missbrauch“ stark verändert. Er werde viel weiter gefasst als früher. Es gehe jetzt den TikTok-Fans vor allem um die eigene „mentale Gesundheit“, um das persönliche Wohlbefinden und um die eigene Sicherheit.
Auch deshalb fluten Selbsthilfe-Bücher den Markt. Coleman selbst ist mit sechs mit dabei. „Regeln einer Entfremdung“ („Rules of Estrangement“) veröffentlichte er im Jahr 2021. Natalie Lue stellt die „Regeln für Kontaktsperre“ auf („The No Contact Rule“).
Noch ist ein Vergleich mit Österreich wegen der grundlegend verschiedenen Verhältnisse nicht angebracht. In den so gespaltenen USA zerbrechen Familien an den politischen Trennlinien. Wer kennt eine Familie, in der wegen der Haltung zu Herbert Kickl und der FPÖ eine „Kontaktsperre“ verhängt worden ist?
Der Zugang zu den sozialen Medien und vor allem die Popularität von TikTok lassen es jedoch geboten erscheinen, dieser neuen Mode-Erscheinung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als früher der „Missbrauchswelle“. Die Gefahr, in der Methode der Kontaktsperre eine einfache Lösung psychischer Probleme zu suchen und in den sozialen Medien auch zu finden, ist heute auch ungleich größer. Einerseits ist die Welt komplizierter geworden, was mit einem Verlust an Sicherheit einhergeht, andererseits stehen aber erwachsenen Kindern mehr Lösungsmöglichkeiten offen. Eine davon: die eigene Situation zu hinterfragen, den eigenen Anteil an dem Bruch in der Familie zu reflektieren.
Ob die emotional so aufgeladenen Weihnachtsfeiertage dafür der richtige Zeitpunkt sind? Der Schauspieler Anthony Hopkins würde es verneinen. Er hat keinen Kontakt zu seiner Tochter.
Zur Autorin: Anneliese Rohrer ist Journalistin in Wien.