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Klassikstar Anastasia Kobekina
«Das Kind, das nicht üben wollte, ist immer noch in mir», sagt die Cello-Überfliegerin

Die 31-jährige Russin Kobekina ist der Star der Stunde. Und doch erzählt sie von Schwierigkeiten, im Klassikbetrieb ernst genommen zu werden.

Frau in schwarzem Anzug sitzt barfuss auf einem Stuhl neben einem Cello vor grossen Fenstern.
«Vielleicht sehe ich jünger aus, als ich bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich barfuss spiele»: Anastasia Kobekina spürt, dass sie als Solistin nicht immer auf Augenhöhe behandelt wird.
Foto: Nicolas Hudak
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Auf Instagram hat die Cellistin Anastasia Kobekina 135’000 Follower. Das reicht in der grossen Welt der Influencer nicht besonders weit. Aber im Vergleich mit anderen klassischen Musikerinnen und Musikern ist Kobekina damit eine Überfliegerin.

Als solche wird sie zurzeit auch gehandelt. Die 31-Jährige ist seit zwei Jahren bei Sony Classical unter Vertrag und wird vom Label als das grosse Cello-Talent unserer Zeit vermarktet. Ihr erstes Album «Venice» (2024) gewann den Opus Klassik, vor kurzem ist ihr zweites Album erschienen – eine Gesamteinspielung von Bachs Cellosuiten .

Kobekina wuchs als Tochter einer Pianistin und eines Komponisten in der russischen Stadt Jekaterinburg auf. Ihre musikalische Erziehung begann früh, sie wurde zuerst von ihren Eltern, später im Rahmen des nationalen Nachwuchsförderungsprogramms unterrichtet. Als Zwölfjährige ging sie ans Moskauer Konservatorium. Mit achtzehn verliess sie ihre Heimat und ging fürs Studium nach Deutschland.

Presse und Publikum sind begeistert von Kobekinas technischer Perfektion und von ihrer bedingungslosen Hingabe. Diese Woche spielt die Cellistin in Bern. Für unseren Videocall sitzt sie mit nassen Haaren und gelbem Sweater am Küchentisch in ihrer Wohnung in Frankfurt. 

Anastasia Kobekina spielt das Prélude zur Cellosuite Nr. 1 in G-Dur, BWV 1007 von Johann Sebastian Bach
Video: Youtube/Anastasia Kobekina

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Anastasia Kobekina, Sie werden als grosser Star in der Klassikwelt gehandelt. Wie fühlt sich das an?

Ich denke nicht so viel darüber nach. Was in den Medien passiert, hat nichts mit meinem Leben zu tun. Ich bin trotzdem täglich mit meinen eigenen Zweifeln und Herausforderungen konfrontiert.

Verfolgen Sie, was die Medien über Sie schreiben oder erzählen?

Das macht mein Vater für mich (lacht). Er beginnt jeden Tag mit einer Internetsuche nach meinem Namen. Aber auch sonst kriege ich das natürlich über meine Agentur oder über die Veranstalter mit.

Als Musikerin ist man zuerst ein Nachwuchstalent. Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie gespürt haben: Jetzt nimmt man mich als erwachsene Künstlerin ernst?

Ich glaube, noch nicht ganz dort angekommen zu sein. Das soll nicht als allgemeine Kritik verstanden werden, aber die klassische Musikwelt ist schon sehr konservativ. Und ich bin sicher, dass ich als Frau anders wahrgenommen werde, als wenn ich ein Mann im gleichen Alter wäre. Vielleicht sehe ich jünger aus, als ich bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich barfuss spiele. Aber ich bin halt einfach so. Ich möchte mich nicht den Erwartungen dieser Welt anpassen müssen.

In welchen Situationen spüren Sie das?

Es sind die feinen Töne. Nichts, was man genau benennen könnte. Aber schon allein in der Beziehung zwischen mir als Solistin und der Dirigentin oder dem Dirigenten ist so viel Spielraum. Wie man mit mir umgeht, wie mit mir geredet wird, wie ich angesehen werde. Das ist nicht immer auf Augenhöhe. Ich möchte nicht klagen, aber es ist in unserer Gesellschaft einfach immer noch ein Thema, dass man als junge Frau weniger ernst genommen wird. Ich habe kürzlich mit einer Geigenbauerin geredet, die in einem Geigenbauatelier für ihre Arbeit weniger Lohn erhält als ihr gleichaltriger, männlicher Kollege mit derselben Ausbildung. Dass das in unserer Zeit noch passiert, kann ich kaum glauben.

«Ich kämpfe noch mit Dingen aus meiner Kindheit.»

Sie sagen in verschiedenen Interviews, dass Ihre Kindheit von Disziplin geprägt war, Liebe und Anerkennung Ihrer Eltern gab es nur im Tausch gegen Leistung. Heute winkt der grosse Durchbruch. Sind Sie Ihren Eltern dankbar?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich kann im Nachhinein nicht ändern, wie ich erzogen wurde. Und zu fantasieren, was wäre, wenn, ist natürlich sehr verlockend. Ich kämpfe noch mit Dingen aus meiner Kindheit. Denn das kleine Kind ist immer noch in mir. Das Kind, das gekämpft hat gegen den starken Willen der Eltern. Das Kind, das nicht üben wollte. Die Verbindung zu meinem Cello ist deshalb sehr komplex. Da ist Liebe, aber da ist auch ganz viel anderes. Es ist ein dichtes Geflecht aus Emotionen, ein Dreieck zwischen mir, meinen Eltern und meinem Cello. Diese Fäden alle zu sortieren, habe ich bisher noch nicht geschafft.

Wie wichtig ist Ihnen heute die Meinung Ihrer Eltern?

Ich bin versucht zu sagen, dass sie mir nicht so wichtig ist. Aber das Kind in mir erwartet diese Rückmeldung immer noch. Und die ist meistens sehr positiv. Meine Eltern sind stolz auf mich. Was mir manchmal fehlt, ist, dass sie mich als ihre Tochter sehen, und nicht als Cellistin.

Was haben Sie für ein Verhältnis zum Üben?

Ich versuche, kreativ zu üben. Denn das, was ich mein Leben lang machen muss, sollte auf keinen Fall langweilig werden (lacht). Und auch nicht zu üben, ist manchmal gut. Damit erfrischt man alle Sinne, und plötzlich sind Dinge einfacher, als wenn man sie davor stundenlang geübt hätte.

Frau mit lockigem Haar, die ein Cello hält, sitzt im Scheinwerferlicht vor einem dunklen Hintergrund.
Seit drei Jahren spielt Kobekina auf einem Stradivari-Cello aus dem Jahr 1717, das ihr eine Schweizer Stiftung zur Verfügung stellt.
Foto: Nicolas Hudak/Sony Music Entertainment

Hatten Sie je das Gefühl, für ein Konzert zu wenig geübt zu haben?

Ich war vor fünf Jahren an einem Meisterkurs im Bündner Dorf Guarda. Dort spielte ich zum ersten Mal auf einem Cello mit Darmsaiten. Am Tag des Abschlusskonzerts regnete es ununterbrochen, und Darmsaiten reagieren enorm sensibel auf Luftfeuchtigkeit. Das Instrument war dauernd verstimmt. Das war die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Aber sie brachte mich weiter.

Inwiefern?

Ich erhielt wenige Monate später eine Mail von der Stiftung Habisreutinger-Huggler-Coray, die sechs Stradivari-Instrumente besitzt. In der Mail stand, dass sie mir eines ihrer beiden Cellos zur Verfügung stellen wollten. Die Empfehlung hierfür kam von jemandem, der mich an diesem Konzert in Guarda gehört hatte.

Und Sie sagten wahrscheinlich: ja, gern.

Ich konnte mein Glück kaum fassen! Ich durfte das Instrument drei Jahre lang spielen. Seit Anfang dieses Jahres ist es nun ein anderes Stradivari derselben Stiftung, eines aus dem Jahr 1717. Das hat vor mir Sol Gabetta gespielt. Laut Experten ist es das Stradivari-Cello mit dem schönsten Klang. Das Instrument ist unglaublich. Ich bin fasziniert, wie sich ein 300-jähriges Instrument so frei und so reich an Farben ausdrücken kann.

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Sie sind in den sozialen Medien sehr aktiv. Tun Sie das gern?

Ich mache sehr schöne Erfahrungen damit. Wenn Menschen mir schreiben und erzählen, was meine Musik für sie bedeutet, gibt mir das Energie. Musizieren ist für mich oft ja auch banaler Alltag. Solche Feedbacks zeigen mir den Sinn von dem auf, was ich tue.

Hoffen Sie, damit auch neues Publikum in ein klassisches Konzert zu locken?

Ja. Denn wenn jemand das Gefühl bekommt, mich zu kennen, ist die Hürde vielleicht kleiner, sich in ein Konzert zu trauen. Ich möchte den Menschen die Welt näherbringen, in der ich unterwegs bin.

«Ich fühle mich oftmals innerlich leer.»

Sie sagen, Musizieren ist für Sie Alltag. Was ist dabei die grösste Herausforderung?

Vor einem Publikum auf die Bühne zu treten und möglichst offen zu sein. Mutig. Die beste Version von mir zu sein. Das erwarte ich von mir. Wie das dann beim Publikum ankommt, kann ich nicht beeinflussen.

Wie fühlen Sie sich nach einem Konzert?

Ich fühle mich oftmals innerlich leer.

Keine Euphorie, keine Glücksgefühle?

Die Leere kommt oft, wenn ein Konzert für mich ein Gipfel war, etwas, wofür ich hart gearbeitet habe. Und wahrscheinlich ist es normal, dass man, wenn man sich so verausgabt hat, einen Moment lang nicht mehr viel übrig hat. Von diesem Bühnenmoment in die Stille zurückzukehren, ist jedes Mal herausfordernd. Gleichzeitig wird man süchtig nach diesem extremen Wechselspiel. Die Kunst ist nur, einen richtigen Umgang damit zu finden. Ich habe noch kein Rezept gefunden.

Frau in schwarzem Outfit spielt leidenschaftlich Cello in einem schattigen Raum.
Sony Classical vermarktet die 31-Jährige auf allen Kanälen als Shooting Star. Um ihre zweite, jüngst erschienene CD mit Bachs Cellosuiten zu promoten, drehte sie einen Videoclip zum Prélude aus Bachs Cellosuite Nr. 1.
Foto: Nicolas Hudak/Sony Music Entertainment

Was hilft Ihnen, um wieder zu sich zu finden?

Manchmal telefoniere ich mit Freunden. Manchmal schaue ich dumme Videos bis um zwei Uhr morgens. Und manchmal brauche ich einfach Zeit für mich selbst.

Auf welchen Teil Ihres Lebens als Musikerin würden Sie am liebsten verzichten?

(überlegt lange) Auf das Üben. Aber nicht immer. Ich möchte alle Stücke, die ich mal gespielt habe, einfach so auspacken und spielen können. Dann hätte ich unendlich viel mehr Kapazität, um Neues zu lernen. Denn ich liebe den Moment, wenn ich ein Stück lerne, und es in meinem Kopf dampft, weil alles neu ist.

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