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Nikolaus Blome

Debatte über Familienunternehmen So wird das nichts mit dem Kampf gegen die AfD

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Verbandschefin der Familienunternehmer äußert sich zur AfD und wieder machen nahezu alle alles falsch. Der grassierende Selbstbekenntnis-Drang hilft bei gar nichts.
Anti-AfD-Protest

Anti-AfD-Protest

Foto: Lukas Ratius / DER SPIEGEL

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Wo wollen wir anfangen?

Mit dem übereifrigen Selbstbekenntnis einer mittelbekannten Unternehmer-Verbandschefin , mit der Bekenntnis-Flatulenz öffentlicher Stellungnahmen pro wie contra, mit dem links-aktivistischem Bekenntnis-Ultimatum oder dem öffentlich-stolzen Boykott-Bekenntnis von privaten AfD-Fans und -Gegnern: Nie wieder zu Rossmann! (war gegen AfD-Einladung). Nie wieder zu dm! (war gegen AfD-»Diabolisierung«). Am Ende wird die deutsche Demokratie im Drogeriemarkt gerettet – oder verraten.

Es war und sind Tage der polit-kulturellen Bekenntnisse, diesem Übel unserer Zeit. Und man möchte mehr denn je weinen oder toben, wie wenig diese Rituale noch mit dem Gegenstand zu tun haben, den sie allesamt angeblich adressieren: die Auseinandersetzung mit der in Teilen rechtsextremen AfD. So wird das nichts. Ganz bestimmt nicht.

Am Anfang und am Ende steht die Präsidentin des Verbandes der Familienunternehmer . Schlecht (oder gar nicht) beraten gab sie zum Besten, dass seit geraumer Zeit auch AfD-Bundestagsabgeordnete bei ihren Berliner Verbands-Stehrum-Veranstaltungen eingeladen seien. Daraus machte die Präsidentin ein öffentliches Statement, doch für welche Kundschaft, mit welchem Angebot? Ein Rätsel. Und ich dachte, wenigstens die Unternehmer verstünden etwas von Wirtschaft.

Dabei haben AfD-Abgeordnete keinen Anspruch, eingeladen zu werden, warum denn? Die »FAZ« zitierte einen von ihnen, der auf Berliner Partys dabei sein durfte, aber sich geschnitten fühlte, als wäre er ein »Arsch«. Die AfDler wollen also Outlaws sein, aber auch dazugehören und ein bisschen geliebt werden. Süß. Gastgeberseitig muss man jedoch niemand dazu bitten, wenn man vorher weiß, wer sich individuell danebenbenimmt. Man muss generell keine Vertreter von Parteien einladen, die alle (politische) Regeln ablehnen.

Es ist zugleich schleierhaft, worüber sich ein Unternehmerverband mit der AfD unterhalten möchte: über ihre Pläne für eine Goldmark statt des Euro? Darüber, allen 5,5 Millionen ausländischen Arbeitnehmern – nur weil sie Ausländer sind – das Bürgergeld zu verwehren, falls sie ihren Arbeitsplatz verlieren? Oder über das AfD-»Betreuungsgehalt« für jedes Kind, das 50 Milliarden Euro pro Jahr kosten würde? Wie gesagt, man mag das Reden versuchen, so wie ich in einem langen Interview komplett vergeblich versucht habe, mit Alice Weidel über das Arbeitslosengeld zu sprechen, dessen Bezugsdauer die AfD für Millionen (jüngere) Arbeitnehmer drastisch verkürzen will. Sie konnte nicht, oder sie wollte nicht reden und zuhören erst recht nicht. Das hat Methode: als Antwort auf alle Versuche, die AfD »inhaltlich zu stellen«.

Kurzum: Solche Leute kann man sich ins Haus holen. Ganz wie die Kollegin Sabine Rennefanz an dieser Stelle schrieb : »Einen Versuch wäre es wert. Denn etwas anderes als Reden haben wir nicht.« Man muss es aber auch nicht – und schon gar nicht damit prahlen und es hinterher kleinlaut wieder einsammeln. O Herr, wie peinlich.

Was an Kritik und lachhafter Aufgeregtheit folgte, macht es allerdings nur schlimmer. Herr Fratzscher vom DIW zürnte über ein »fatales Signal«. Der Verdi-Gewerkschaftschef wies grimm warnend auf die Unterstützung der NSDAP durch Industrielle im Jahr 1933 hin und sagte: »Also: Wehret den Anfängen!« Von der Einladung zu irgendeinem Stehempfang auf Nazinähe der deutschen Wirtschaft zu schließen, ist infam. Aber es soll halt davon ablenken, dass die Gewerkschaften weitgehend rat- und tatlos zusehen, wie Millionen Arbeitnehmer AfD wählen gehen. »Wehret den Anfängen!« muss man den Gewerkschaften mithin nicht zurufen. Was sie »Anfänge« nennen, haben nennenswerte Teile ihrer einstigen Gefolgschaft längst hinter sich gelassen – und die Brandmauer ebenso

Das hinderte die Aktivisten von »Campact« nicht, sich auch noch hinter den Zug zu werfen. Bekenntnisse leisten oder gewünschte Bekenntnisse zu erwirken, sind hier gleichberechtigte Teile des linken Geschäftsmodells. Also erging, selbstredend öffentlich, ein Ultimatum an diverse Firmen, sich zeitnah gegen oder für die AfD-Einladung eines Verbandes zu bekennen, dem sie möglicherweise angehören (oder auch nicht). Bleibt die Frage: Fährt noch jemand ohne Bekenntnis-Fahrschein? Fridays For Future, der evangelische Kirchentag oder FreePalestine? Diese Causa macht zynisch, ich merke das. Aber sie ist noch nicht zu Ende erzählt.

Wer nun nämlich glaubt, Unternehmer seien klüger als Gewerkschafter oder gefallsüchtige Aktivisten, der irrt leider ebenso. Denn die dritte Lage Bekenntnis-Mus steuerten all jene Firmenchefs bei, die öffentlich prompt aus dem Unternehmerverband austraten. Ich habe nicht nachgehalten, wie viele es inzwischen sind, aber bundesweit bekannte Namen waren darunter. Belobigt wurden sie unter anderem von der »Süddeutschen Zeitung«, weil: »Sie tun damit das, was die meisten Firmen vor 1933 versäumt haben: sich zur Demokratie zu bekennen.« Im Ernst? Wenn der Austritt aus einem Verband nach einer vielleicht überflüssigen, weil nutzlosen Einladung als Bekenntnis zur Demokratie auf die Waagschale darf, dann liegt darin das wahre Problem (unserer Demokratie).

Und zum Schluss, auch wenn das überraschen mag: Nein, so leicht sollte man »die Wirtschaft« nicht davonkommen lassen. Das Bekenntnis- und Gesten-Gehuber überlagert, was der Beitrag von Unternehmern in diesen Zeiten zu sein hat: nicht irgendeinen verstrahlten AfDler vom Sektsaufen fernzuhalten, sondern endlich aufzuhören, den Standort immer noch schlechter zu quatschen. Endlich aufzuhören, allzu wehleidig Milliarden an staatlichen Subventionen zu verlangen, weil es gerade Mode ist.

In einem Satz: Es geht um Standortpatriotismus. Gerade unter Familienunternehmern, also den Eigentümer-Unternehmern, endlich auch mit dem Hoffen und dem Schwadronieren aufzuhören, man könne einen föderalen Staat mit bald 85 Millionen Bewohnern führen wie eine mittelständische Schraubenfabrik. Man müsse doch nur »durchgreifen«. In einem Wort, es geht um: »Standortpatriotismus«. Deutschlands Demokratie wird nicht am Verbandsbuffet gerettet, nicht im Kulturkampf, nicht von der AfD. Sondern mit Wachstum für alle.