Bahnreise in den USAWie ich mit dem Zug durch die Vereinigten Staaten fuhr – und das Land dabei neu kennen lernte
Wer die USA auf Schienen bereist, sieht das riesige Land und seine Menschen aus einer Perspektive, wie man sie sonst kaum je erlebt. Ein nicht immer bequemes Abenteuer – gerade in Trump-Zeiten.
Längst ist das Goldene Zeitalter der Eisenbahn Vergangenheit. Und dennoch: Durch die lichtdurchflutete Wartehalle der Chicago Union Station weht auch 100 Jahre nach ihrer Eröffnung noch ein Hauch von Aufbruch und Abenteuer. Vom nach wie vor wichtigsten Eisenbahnknotenpunkt des Mittleren Westens fahren die Züge von Amtrak – der nationalen Eisenbahngesellschaft der USA – in alle Himmelsrichtungen. Wenn auch auf einem verhältnismässig kleinen Netz mit dünnem Fahrplan.
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Der Empire Builder fährt von Chicago aus einmal täglich durch den Norden des Landes nach Portland und Seattle an der Nordwestküste (Fahrdauer: 46 Stunden), der City of New Orleans dahin, wo sein Name besagt (19 Stunden), der Texas Eagle querfeld bis San Antonio (31 Stunden) – und dreimal die Woche sogar weiter bis nach Los Angeles. Egal in welchen Zug man steigt, er wird Gegenden im Landesinnern durchqueren, die man in den USA gemeinhin als «Flyover States» kennt: Staaten, die für gewöhnlich überflogen werden.
Das Ticket zu meinem amerikanischen Schienenabenteuer heisst USA Rail Pass, Kostenpunkt 499 Dollar, und ist digital auf dem Smartphone hinterlegt. Maximal 30 Tage lang kann ich mich damit in der Coach Class, also dem Sitzabteil, auf dem Amtrak-Netzwerk bewegen und dabei höchstens zehn sogenannte Segmente – Strecken ohne Umstieg – fahren. Diese müssen im Vorfeld reserviert werden, was dank der App von Amtrak denkbar einfach ist.
Regel Nr. 1 mit dem USA Rail Pass: Flexibel bleiben!
«California Zephyr, all passengers for the California Zephyr!», ruft ein uniformierter Mitarbeiter in die Halle. Menschen von jung bis alt, darunter Alleinreisende wie ich, aber auch Familien und auffallend viele Amische erheben sich von den massiven Holzbänken. Auf geht es zur fast 4000 Kilometer langen Reise im bekanntesten – und für viele szenischsten – aller Fernzüge in den USA. 52 Stunden braucht der Zephyr planmässig für seine Route von Chicago bis nach Emeryville nahe San Francisco. Dabei überquert er mit den Rocky Mountains und der Sierra Nevada gleich zwei Bergzüge. Pünktlich um 14 Uhr und unter lautem Getose rollt die zweistöckige Zugsformation inklusive Panorama- und Restaurantwagen dem Westen entgegen.
«Man vergisst völlig, wie unglaublich die Sonnenuntergänge hier in der Prärie sind», sagt mein Sitznachbar Carl, als wir abends durch Iowa rattern. So weit das Auge reicht, ist keine Erhebung in Sicht, nur endlose Weite, Ackerland, und hier und da ein Getreidesilo. Carl ist unterwegs nach Nebraska. Er möge das Reisen im Zug, erzählt der Wissenschaftler aus Washington D.C., selbst wenn er nun halt mit 24 Stunden Verspätung unterwegs sei, «wegen des Flugzeugs, das in Florida neben den Gleisen abgestürzt ist».
Oberste Regel des Zugsfahrens in den USA: flexibel bleiben. Und auf keinen Fall ein unverrückbares Anschlussprogramm planen. Denn Verspätungen – oder gar Ausfälle – gehören zur Tagesordnung. Nicht nur, aber auch, weil die Güterzüge auf dem Schienennetz Vorfahrt geniessen.
Der Small Talk mit dem ehemaligen Rodeo-Athleten macht Spass. Unglücklich bin ich trotzdem nicht, als er kurz vor Mitternacht in Omaha aussteigt. Ein freier Nebensitz kann nämlich ganz gewaltig Einfluss darauf haben, ob man zu Schlaf kommt oder nicht. Dank grosszügig verstellbarer Rückenlehne und viel Beinfreiheit ist dies zwar um Längen komfortabler als in einem Flugzeug. Ausgesprochen bequem ist eine Nacht im Sitz trotzdem nicht.
Mit der Eisenbahn in eine andere Zeitzone
Ohne das helle Strahlen des Mondes wäre es noch stockdunkel, als ich frühmorgens in der vorbeifliegenden Graslandschaft von Colorado erwache. Der Café Car ist wider Erwarten noch nicht bedient. «Wir sind in einer anderen Zeitzone», erklärt der Zugbegleiter dem wartenden Volk, als er die Theke aufsperrt. Filterkaffee schlürfend, schaue ich durch die Fensterscheibe dabei zu, wie der Tag erwacht. Wildvögel fliegen aus spiegelglatten Gewässern und Sümpfen auf. In der Distanz ist schon bald die Skyline von Denver zu erkennen.
«Ich hoffe, ihr Europäer kommt uns retten, wenn alles noch schlimmer wird», sagt Tom zu mir, als wir auf dem Perron ins Gespräch kommen. «So wie wir es für euch im Zweiten Weltkrieg getan haben», doppelt er nach. Der Rentner aus Philadelphia macht keinen Hehl daraus, was er vom aktuellen politischen Geschehen in seinem Land hält. Die Bilder des Protestmarsches, die er mir zurück im Zugsinnern auf seinem Handy zeigt, kommentiert er dann aber nur noch im Flüsterton. Zu viel Sprengkraft hat das Thema für den geschlossenen Raum – in dem die Leute mit absoluter Sicherheit genauso gespalten sind wie im Rest des Landes.
Nach Denver windet sich der Zug in die Höhe, fährt eine riesige Kurve und gibt dabei den Blick auf eine im Innern grasende Herde Rehe frei. «Nehmt euch etwas zurück mit den Bargetränken, liebe Gäste aus San Diego», ertönt eine augenzwinkernde Durchsage an küstenstämmige Passagiere, die mit der Wirkung von Alkohol in der Höhe nicht vertraut sein mögen.
Die Landschaft wird rau und felsig, nimmt Rottöne an, wie wir sie von den berühmten Canyons kennen. In einem Hochtal liegt noch etwas Schnee, ein paar Skifahrer kurven in einem kleinen Skiresort das Letzte aus dem Winter heraus. Dann folgen wir dem Lauf des Colorado River langsam, aber stetig in die Niederungen, ab und zu fliegt ein Forellenfischer am Fenster vorbei.
Dann verlässt der California Zephyr den Lauf des Colorado River
In Glenwood Springs, bekannt für seine Thermalquellen, lege ich einen 24-stündigen Zwischenhalt ein. Das zu Fuss erkundbare Städtchen wirkt verschlafen, es ist Zwischensaison. Nach dem langen Sitzen steht mir der Sinn nach Bewegung, und so wandere ich auf einen kleinen Hügel. Hier liegt Doc Holliday begraben, ein Revolverheld aus dem 19. Jahrhundert. Willkommen im Wilden Westen!
Kurz vor der Staatengrenze von Utah verlässt der California Zephyr den Lauf des Colorado River. Aus steilen Wänden und Canyons werden einzelne Felsformationen in unterschiedlichen Farbtönen, ein doppelter Regenbogen sorgt zum Abend für gezückte Handys und jede Menge Wows. Während wir durch die Salzwüste gen Salt Lake City tuckern, fällt die Nacht über uns hinein.
Die Augen öffne ich erst frühmorgens in Nevada wieder, geweckt vom Halt in Winnemucca. Der Himmel zeigt sich in malerischen Lilatönen, Grasbüschel zeichnen das karge Land. «Einfach spektakulär», raunt der 89-jährige Richard, meine neuste Bordbekanntschaft. Fehlt nur noch Lucky Luke, der auf seinem Cartoon-Gaul daherreitet.
Aus der Eisenbahn sehen wir eine Spacex-Rakete
Beim Anstieg zur Sierra Nevada finde ich mich neben Don aus Ohio wieder: «Besucher mögen wir. Aber nicht die Illegalen, die hierherkommen.» Viel zu viel Kriminalität gebe es deswegen. «Ich fahre schon gar nicht mehr in die Grossstädte, viel zu gefährlich!» Ich wähle die Strategie Lächeln und Schweigen. Einig wir uns darüber, dass der soeben vorbeiziehende Donner Lake, umringt von endlosen Wäldern, eine grossartige Szenerie darstellt. Danach gehts runter nach Sacramento und schliesslich: an die Pazifikküste. San Francisco!
Drei Tage später steige ich in den von Seattle her kommenden Coast Starlight, Destination Los Angeles. «Halten Sie nach Walen Ausschau, gestern haben wir welche gesehen!», weist uns der Schaffner an. Und dass wir links gleich die Spacex-Basis passieren werden, «vielleicht kann man eine Rakete sehen». Können wir, sie liegt in Form eines weissen Rohrs unspektakulär am Boden. Wale lassen sich keine blicken, aber die Buchten und das weite Meer bieten auch so genug Anschauungsstoff. Im Landesinnern passieren wir Salinas, den Geburtsort von Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck, die Studentenstädtchen San Luis Obispo und Santa Barbara und fahren schliesslich in der Los Angeles Union Station ein.
Die Eisenbahn ist «oldschool»
Für die Fahrt im Sunset Limited (46 Stunden, 3211 Kilometer) von Los Angeles nach New Orleans habe ich mir ein Roomette gegönnt. Der kleine Luxus hat mehr gekostet als der gesamte Railpass. Und dann ist die kleinste Variante aller Schlafabteile auch noch wirklich winzig, besteht an und für sich nur aus dem schmalen Bett und ein paar kleinen Ablageflächen. Aber sie bringt, wie alle anderen Schlafwagentickets, einen zusätzlichen Vorteil mit sich: drei inbegriffene Verköstigungen pro Tag im Dining Car, dem bedienten À-la-carte-Restaurant. Und das hört sich angesichts einer zweitägigen Reise um Welten besser an als die Hotdogs und Hamburger aus dem Café Car.
Spätabends in L.A. losgefahren, ziehen am Morgen die Saguaro-Kakteen in Arizona an uns vorbei. Ich sehe sie nur aus dem Augenwinkel, denn Larry erzählt bei French Toast und Omelett von der Ü55-Siedlung, in der er in Arizona jeweils überwintert. Nun befindet sich der pensionierte Lehrer auf der Rückreise zu seinem eigentlichen Zuhause, einer Kleinstadt in Minnesota.
Für die Mahlzeiten wird man nach dem Zufallsprinzip mit Fremden an den Tisch gesetzt. Was ich als grosse Bereicherung meiner Reise empfinde, kann in Zeiten wie diesen durchaus heikel sein. «Ich habe das bisher hier niemandem erzählt», flüstert mir Drehbuchautorin Laura zu, nachdem der Regierungsmitarbeiter mit USA-Käppi unseren Tisch verlassen hat. «Ich bin trans. Und damit habe ich alle Gründe der Welt, Trump zu hassen.»
Die Gründe dafür, dass jemand in den USA auf den Zug statt auf ein Flugzeug oder das Auto setzt, sind vielfältig. So vielfältig wie die Passagiere selbst. «Das Zugfahren ist eben oldschool, nicht so kompliziert wie das Fliegen», hatte der 89-jährige Richard aus Sacramento gesagt. Als Kind sei sie viel Zug gefahren, holt Schriftstellerin Sarah aus Oakland aus. Dass sie das Reisemittel für die Fahrt zur Beerdigung ihres Vaters an der Ostküste gewählt habe: damit schliesse sich nun gewissermassen ein Kreis. «Ich wollte etwas Neues ausprobieren, und es ist besser für die Umwelt», findet die 20-jährige Katie aus Boston, en route zu Freunden an der Westküste.
El Paso, Texas. Wir fahren den schwarzen Grenzzaun entlang, dahinter liegt Mexiko. «Schau, die farbigen Häuschen da hinten», sagt eine Passagierin zu ihrem Mann. Ansonsten bleibt es still im Panoramawagen. Die Politik wird draussen gelassen – selbst dann, wenn sie zum Greifen nah ist.
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