Noch ist die Karriere der Beachvolleyballerin aus Stuttgart nicht zu Ende, doch die Ex-Präsidentin von „Athleten Deutschland“ sehnt sich nach mehr Freiheit – und nimmt sie sich nun.
Wie lange Karla Borger (36) zu den prägenden Figuren im Beachvolleyball gezählt hat, wird in dieser Woche im australischen Adelaide deutlich – weil sie nicht da ist. Erstmals seit 2013 findet eine WM ohne die Abwehrspezialistin aus Stuttgart statt. Ob sie vermisst wird? Spielt für sie keine Rolle mehr, denn sie vermisst nur wenig. „Ich habe eine große Sehnsucht in mir gespürt“, sagt sie, „ich wollte endlich mal frei sein.“
Es ist ein Satz, der leicht missverstanden werden könnte. Schließlich hat Karla Borger die ganze Welt gesehen, auf dem Sand der schönsten Strände trainiert, in stimmungsvollen Stadien aufgeschlagen, zwei Olympische Spiele erlebt. Und trotzdem hat auch eine Karriere in der Sonne ihre Schattenseiten: den ständigen Druck, die Terminhatz, das Hausen in Hotelzimmern, die ewigen Reisen, die Schinderei im Kraftraum, das nie zu besiegende Gefühl, noch mehr trainieren zu können oder müssen. „Beachvolleyball-Profi zu sein ist toll, eine mega Zeit, ein privilegiertes Leben“, sagt Karla Borger, „doch zugleich ist man nie frei von Verpflichtungen.“ Das zehrt. Physisch wie psychisch.
Karla Borger wird kein großes Turnier mehr spielen
Noch hat Karla Borger ihre Laufbahn nicht beendet. Doch sie tritt deutlich kürzer. Die EM im Juli in Düsseldorf an der Seite von Marie Schieder ist ziemlich sicher ihr letztes internationales Großturnier gewesen, auch den herausfordernden Job als Präsidentin der unabhängigen Sportlervertretung „Athleten Deutschland“ hat sie aufgegeben – um endlich tun zu können, wofür bisher keine Zeit war. In der nächsten Woche fliegt Karla Borger mit ihrem Freund nach Neuseeland, bis Ende Dezember werden die beiden unterwegs sein. „Einen so langen Urlaub“, sagt die Beachvolleyballerin, „gab es noch nie in meinem Leben.“
Das ist eine Feststellung, keine Klage. Und eine Beschreibung der Realität, die alle Top-Athleten kennen. Der Spitzensport ist fordernd, er gewährt keine Auszeiten. Erst recht nicht für eine Volleyballerin, der ein Job nicht genug war.
In der Ära Borger hat sich viel bewegt
Einst spielte Karla Borger mit Allianz Volley Stuttgart in der Hallen-Bundesliga, ehe sie sich dem Sandeln verschrieb. An der Seite von Britta Büthe wurde sie 2013 Vize-Weltmeisterin, anschließend spielte sie mit Margareta Kozuch, Julia Sude sowie Sandra Ittlinger weitere WM-Turniere. Zudem ist sie in den vergangenen vier Jahren auch noch ehrenamtlich auf einem anderen Untergrund aktiv gewesen – dem glatten Parkett der Sportpolitik. „Das war interessant, aber auch sehr arbeitsintensiv“, sagt Karla Borger, die nicht nur zeitlich immer wieder an Grenzen stieß. „Ich habe investiert, was mir möglich war. Und zwei Dinge gelernt: Egal, wie viel man tut, es ist nie genug, und egal, wie wichtig ein Anliegen ist, nichts lässt sich von heute auf morgen verändern. Dies zu akzeptieren ist für eine ehrgeizige Athletin nicht einfach.“ Trotzdem hat sich in der Ära Borger viel bewegt.
Es gibt nun eine Anlaufstelle gegen Gewalt im Spitzensport, an die sich Sportlerinnen und Sportler anonym und vertraulich wenden können, wenn sie körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt erlebt haben. Und in vielen Bereichen nutzte „Athleten Deutschland“ in den Verhandlungen mit der Politik seinen Einfluss – bei der Absicherung von Profisportlern, beim Mutterschutz, in Steuerthemen. „Die Stimme unseres Vereins hat Gewicht“, meint Karla Borger, „er ist als Vertretung der Belange von Athletinnen und Athleten nicht mehr wegzudenken.“ Auch wenn nun jemand anderes den Ton angibt.
Zur Nachfolgerin von Karla Borger wurde die Ruderin Pia Greiten (28) gewählt, die 2024 in Paris mit dem Doppelvierer Olympia-Bronze holte. „Sie ist eine tolle Persönlichkeit und ein super Gesicht für unseren Verein“, sagt Karla Borger, „sie wird diese Aufgabe mit Hilfe des tollen Teams auf der Geschäftsstelle sehr gut erledigen.“ Und auch, falls gewünscht, mit dem einen oder anderen Tipp der Vorgängerin: „Wenn sie nach der Übergabe weitere Hilfe von mir benötigt, erhält sie diese natürlich sehr gerne.“ Denn Karla Borger, die zuletzt einen Monat lang für einen Sport-Streamingdienst in der 6,8-Millionen-Einwohner-Metropole Hyderabad Spiele der indischen Volleyball-Liga kommentiert hat, wird künftig etwas mehr Luft haben.
Die Stuttgarterin spielt zwar weiterhin im Sand, allerdings in neuer Rolle. Gemeinsam mit dem Deutschen Volleyball-Verband (DVV) startet sie ein Nachwuchs- und Mentoring-Projekt, in dem sie ihre Erfahrung an die nächste Generation weitergibt. Am Stützpunkt in Stuttgart ist sie fester Teil der Nachwuchstrainingsgruppe von Bundestrainer Paul Becker, sie soll junge Spielerinnen auf und neben dem Court unterstützen. Im Rahmen dieses Projekts wird Karla Borger mit mehreren Talenten auch das eine oder andere Turniere bestreiten. „Sie kann jungen Athletinnen sowohl spielerisch wie mental enorm helfen“, sagt DVV-Chef-Bundestrainer Christoph Dieckmann, „für den Nachwuchs ist das unbezahlbar.“ Und für Karla Borger genau der Grad an Freiheit, den sie sich schon länger gewünscht hat.