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Artikel 26 / 53

PHILOSOPHIE Die Kunst, zu überleben

• aus DER SPIEGEL 27/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor etwa sechzehn Jahren definierte ein

junger Königsberger Philosophie-Professor namens Arnold Gehlen den Menschen als ein »Mängelwesen«, als ein unzureichend ausgestattetes Lebewesen, das sich in »biologisch hoffnungsloser« Lage befinde. Im Unterschied zum Tier, dessen angeborene Instinkte ihm zweckmäßige Bewegungsformen vorschreiben und das deshalb eine zwangsläufige, naturgegebene Sicherheit des Verhaltens besitzt, sei der Mensch von Haus aus ein anarchisches Lebewesen. Seine Instinkte seien reduziert und »verunsichert«. Sie bestimmten keinesfalls eindeutig sein Tun und Lassen.

Nach Gehlens Ansicht ist die Lage des »Mängelwesens« Mensch aber noch durch einen weiteren Umstand kompliziert: durch einen Überschuß an Antrieben. Während die Sinnesorgane des Tieres auf dessen Lebensnotdurft gerichtet sind, sieht - um ein Beispiel zu nennen - das menschliche Auge mehr, als für die physische Existenz des Menschen lebensnotwendig ist: »Es hat«, schrieb Gehlen, »keinerlei physischen Nutzen, Sterne oder Schatten zu sehen.« Dadurch - also durch den ihm angeborenen Überschuß an Sinneswahrnehmungen und sich daraus ergebenden Antrieben - sei der Mensch der Gefahr der Anarchie, dem Hang zur Gesetzlosigkeit, ausgesetzt.

Gehlen schloß aus diesen Beobachtungen, daß der Mensch - im Unterschied zum Tier

- nicht in die urwüchsige Natur eingepaßt

sei und mithin, um überleben zu können, genötigt sei, zu handeln, zu arbeiten und zu denken. Um die Natur in seinen Dienst zu zwingen, müsse der Mensch sie zerlegen, umkonstruieren, von ihren eigenen Wegen ablenken oder sie technisch sprengen. Der Mensch, so meinte Gehlen, sei ein »Roboter der Kunst des Überlebens«.

Das Buch, in dem Gehlen diese beunruhigenden Gedankengänge formulierte - Titel: »Der Mensch« -, ist Inzwischen berühmt geworden. Im Jahre 1955 erschien im Athenäum-Verlag, Bonn, die fünfte Auflage. In diesem Buch war zwar festgelegt, in welcher Grundposition, in welcher Ausgangsstellung sich der Mensch befindet, der von schützenden Naturinstinkten im Stich gelassen worden war. Die Frage aber, welchen Ersatz sich der Mensch für die Instinkte geschaffen habe oder schaffen könne, hat Gehlen - inzwischen Inhaber eines Lehrstuhls für Soziologie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer - erst in einem neuen Buch »Urmensch und Spätkultur"* beantwortet, das Anfang dieses Jahres erschienen ist.

In diesem Buch versucht Gehlen die Frage zu beantworten, wie es dem von Haus aus anarchischen Lebewesen »Mensch« gelingt, sein Dasein zu stabilisieren. Mit anderen Worten: Es geht um das Problem, wie die Menschen untereinander die Chaotik ihrer Antriebe und die Beliebigkeit ihres Handelns »feststellen«, das heißt in bestimmte, feste Bahnen steuern können.

Die Lösung dieses Problems findet Gehlen bei dem, was er die »Institutionen« nennt. Solche »Institutionen« sind für Ihn die Ehe, der Staat, die Religionen, die Gewalten des Rechts und der Wirtschaft.

Sie - die Institutionen - leisten für den Menschen gleichsam das, was bei den Tieren durch die Mechanik der Instinkte naturhaft gegeben ist: Sie geben dem Menschen Sicherheit des Verhaltens. Sie sind

- laut Gehlen - eine Art kunstvoll stabilisierter »zweiter Natur«, die der Mensch aus sich herausstellt und der er sich umgekehrt unterwerfen muß, wenn er nicht in eine »fürchterliche Natürlichkeit« zurückfallen will. Die Institutionen sind mithin für Gehlen identisch mit dem Mensch-Sein überhaupt oder, anders ausgedrückt, identisch mit der menschlichen Kultur.

Von dieser Position aus übt Gehlen am Bewußtsein der Moderne und an deren Revolte gegen die Institutionen - gegen Staat und Religion also - scharfe Kritik. Er hält - den - etwa in der modernen Kunst aktuellen - Protest des Individuums gegen die Herrschaft der Institutionen für außerordentlich gefährlich. Gehlen prophezeit: »Wenn die Disziplin der gelernten Arbeiter und der beruflichen Körperschaften zerfällt, der Juristen, Gelehrten, Beamten, der Regierungen und Kirchen, wenn das Ideologische und Humanitäre sich verselbständigt und diese Formen von außen her aufweicht, dann ist die Kultur am Ende ...«

Mit Vehemenz formuliert Gehlen seine polemischen Thesen - die er selbst gelegentlich als für den modernen Menschen »anstößig« bezeichnet - gegen den »Subjektivismus«. Gehlen ist ein Feind jeglicher triebhaften oder intellektuellen Revolte gegen die Institutionen, die »in Pflicht nehmen« und die nach Gehlens Meinung allein die anarchische Natur des Menschen stabilisieren. Nach Gehlens Ansicht machen vielmehr eben diese attackierten Institutionen den Inbegriff der Kultur aus. Werden sie abgetragen oder »verunsichert«, so erschienen als ihr Zerfallsprodukt der Subjektivismus, die »Ichbetontheit des Durchschnittsmenschen« und als deren Folge Ratlosigkeit, Begehrlichkeit,Triebhaftigkeit.

Beifällig zitiert Gehlen in seinem Buch einen Satz des Briten Winston Churchill: »Was es auch sei, eines Mannes Leben muß an ein Kreuz geschlagen sein, sei es das des Gedankens oder das der Tat.« Daß dagegen die moderne, mit sich selbst als dem reizvollsten Gegenstand beschäftigte Seele ein Abbauprodukt sei, ist eine von Gehlens »anstößigen« Neuigkeiten.

Ähnliche gegenwartskritische Gedanken gänge üben nun freilich seit längerer Zeit

- als »Neo-Konservatismus« - bedeutenden Einfluß auf das politische Denken und die Politik in der ganzen Welt aus. Einer der namhaftesten Vertreter dieser Richtung ist der prominente amerikanische Kommentator Walter Lippmann, dessen Artikel regelmäßig in der »New York Herald Tribune« veröffentlicht werden (SPIEGEL 53/ 1955). Die Verehrung, die Präsident Eisenhower heute in den Vereinigten Staaten genießt, ist zweifellos neo-konservativen Strömungen zuzuschreiben. Und ganz gewiß trug die unter Stalin in Rußland entwickelte Sowjet-Ideologie zum Teil neokonservative Züge.

Von diesem Zug zu einem neuen Konservatismus unterscheiden sich Gehlens Thesen insofern, als er nicht politisch, sondern moralisch argumentiert. Es kommt ihm auf die »Stabilisierbarkeit«, die Dauerfähigkeit von Handlungen, Gesinnungen und Gedanken an, und diese scheint ihm nur erreichbar, wenn der Mensch sein Tun und

Lassen innerhalb der Normen von Institutionen hält. Was aus der bloßen Subjektivität kommt, wirkt dann sozusagen untermenschlich, auch wenn es sich auf den Höhen der Geistigkeit abspielt.

Der paradoxe Titel »Urmensch und Spätkultur« erklärt sich daraus, daß Gehlen bei seinem Plädoyer für die Institutionen die Frage nach deren Ursprüngen nicht gut unbeantwortet lassen konnte. Ein zentraler Teil des Buches versucht daher nachzuweisen, daß die steinzeitlichen Anfänge der menschlichen Kultur, die Ordnung der

Familienverbände und die Tierhege, aus altertümlichen Tierkulten entwickelt wurden. Gehlen blendet die Anthropologie der Urzeit-Primitiven mitten in die aktuellsten Probleme der Industriekultur ein.

Wie ein Kommentar zurFrage der Kriegsdienstverweigerung - die Gehlen allerdings in seine Bemerkungen über »Spätkultur« nicht aufgenommen hat - klingt Gehlens Satz: »Das Leben hat nun einmal die paradoxe Eigenschaft, aufs Spiel gesetzt werden zu müssen.« Das Leben für eine Sache einzusetzen - oder das zu verweigern - galt bisher als ein moralisches Problem.

Gehlen manövriert diese Frage aus dem Moralischen hinüber ins Anthropologische. Damit werden die seit einigen Jahrhunderten gegen Religion und Ethik revoltierenden Wissenschaften auf ihrem eigenen Gebiet attackiert. Beginnend mit den Philosophen der französischen Aufklärung im 18. Jahrhundert haben der Rationalismus und die Naturwissenschaften ständig versucht, Religion und Ethik aus den Angeln zu heben, indem sie ihnen Erfahrungstatsachen gegenüberstellten - zunächst Erfahrungstatsachen aus der außermenschlichen, später auch der innermenschlichen Natur. Der Mensch ist nun einmal im Kerne triebhaft - so etwa ließe sich die Lehre Sigmund Freuds über die menschliche Natur zusammenfassen.

Bisher sind gegen die Angriffe der Wissenschaft zumeist nur ethische und religiöse Argumente ins Feld geführt worden. Gehlen - und mit ihm andere deutsche, französische und vor allem auch angelsächsische Philosophen - möchten nun der Wissenschaft mit Wissenschaft begegnen. Sie kamen zu dem Resultat, daß die Menschen handeln müssen und daß solche Leistungen, wenn sie Dauer haben sollen, umgekehrt die Menschen wieder verpflichten. Menschliche Leistungen zögen zwangsläufig das Entstehen von Institutionen nach sich, die den Handelnden wieder in Dienst nehmen. Das Verderbnis der Gegenwart sieht Gehlen in dem Aufstand des intellektuellen Denkens und dem Drang nach Wohlleben.

Einem seiner größten, zugleich von ihm allerdings auch bewunderten Gegner ist Gehlen mindestens an Pessimismus gewachsen: Sigmund Freud. Der Vater der Psychoanalyse begriff den Menschen als triebhaftes Wesen und meinte, der Mensch werde deswegen niemals den ihm innewohnenden Zerstörungstrieb - den »Trieb zum Tode« - überwinden können, es sei denn, die Erde werde eines Tages von einem anderen Planeten angegriffen, so daß der Destruktionstrieb des Erdbewohners sich gleichsam im interplanetarischen Kampf absorbieren könne.

Auch Gehlen glaubt nicht an einen Fortschritt. »Es ist ein sonderbarer, surrealistischer und doch naheliegender Gedanke«, sagt er, »daß dieser Erdball seinen Weg weiter stürmt, umkreist von den neuen Monden, nämlich den Paketen des giftigen Atommülls, die man in die Stratosphäre hinausschießt, während irgendwo immer noch die Indianer den Tanz des roten Felsenhahns aufführen.«

Wo Gehlen einen Fortschritt für möglich hält - wie etwa den zum ewigen Frieden -, da sieht er ihn sogleich wieder mit einer Verarmung bezahlt. Der als »wirklich epochemachend zu begrüßende« Fortschritt zum Weltfrieden - so meint Gehlen - würde »bezahlt werden in einer Weise, die sich gerade eben erst anzukündigen scheint: auch vitale, zerreißende, nach Lösung schreiende Konflikte könnten unlösbar werden und ausbruchslos in den Menschen weiterschwelen«, so daß eine »noch unmeßbare moralische Belastung« die Folge sein könnte.

Dennoch steckt auch in der Gehlenschen Philosophie ein optimistischer Keim. Am Bilde des Urmenschen versucht Gehlen nachzuweisen, daß der Mensch bisher immer vermocht hat, »der eigenen Angst und der Gier in den Rachen zu greifen«, und daß »das Leben« diese Leistung bisher immer mit der »Prämie« einer neuen Freiheit belohnt habe.

* Arnold Gehlen: »Urmensch und Spätkultur«; Athenäum-verlag, Bonn; 300 Seiten; 16 Mark.

Philosoph Gehlen

Der Mensch ist ein Mängelwesen

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