Giardini con Gelatini

Kunst. Auf der Biennale von Venedig wurde der österreichische Pavillon von der Gruppe Gelatin unter Wasser gesetzt. Nicht nur deshalb haben sich manche Eröffnungsbesucher kalte Füße geholt.

von Jan Tabor
FALTER 24/2001 ,

Der österreichische Pavillon ist versaut. Aus dem Haupteingang ist der Fluchtausgang und aus dem Hintereingang der Haupteingang gemacht worden. Wer hinein will, muss sich hinten anstellen und warten. Der österreichische Pavillon sei der beste von allen, meinen zu mir, voneinander unabhängig, unter anderen Professor Erwin Melchart (Kronen Zeitung, Wien), Hofrat Richard Kriesche (steirische Landesregierung, Graz), Professor Peter Weiermair (Kunstmuseum Bologna), Stadträtin Gerda Themel (SP-Wien), Altrektor Carl Pruscha (Akademie, Wien) oder Dr. Doris Fercher (ORF Wien). Ministerialrat Josef Secky (Kunstsektion des BKA, zuständig für Venedig, Wien) enthält sich "als Beamter" des Kommentars, strahlt aber staatsmännische Zufriedenheit aus. Professor Hans Hollein, höre ich hinter vorgehaltener Hand, sei empört darüber, dass die Gruppe Gelatin Überbleibsel seiner vergangenen Architekturbiennale - vor allem die Wandaufschrift AREA OF TOLERANCE - in ihr Kunstwerk einbezogen habe, was einer Verletzung seiner Autorenrechte gleichkäme. Daher will Hollein nun die Biennale-Kommissärin Elisabeth Schweeger klagen.

Nicht nur bei den Österreichern herrscht Andrang wie noch nie. Warteschlangen bilden sich vor etwa einem Drittel der Pavillons. Was heißt "bilden sich"? Sie werden gebildet! Dies dürfte der neueste internationale Trend sein: eine künstliche Kunstzugangsverknappung hervorzurufen. Je länger die Wartezeiten draußen sind, desto besser muss die Kunst drinnen sein. Der Künstler Julius Deutschbauer, der den abwesenden Kunststaatssekretär Franz Morak ersetzte, hat in der Eröffnungsrede, die er in Venedig als "Stattsekretär" hielt, Recht: Seine, Moraks, kulturpolitischen Anstrengungen, die rote Willkür des Staates durch Gesetze der freien Marktwirtschaft zu ersetzen, beginnen sich - überall auf der Welt, wie man in den Biennale-Giardini sehen kann - durchzusetzen. Die Eröffnungsdoppeldoublerede von Franz Morak (alias Deutschbauer) und Wolfgang Schüssel (verkörpert durch Gerhard Spring) wurde vor dem polnischen Pavillon abgehalten, der mit dem herrlichen Fußbodengemälde von Leon Tarasewicz zu den interessantesten gehört (keine Warteschlangen).

Vor dem Österreich-Pavillon regelt ein höflicher junger Mann die Kontingentierung der Kunstmenschen mit einer aus Sperrholzstücken zusammengehämmerten Abhaltetafel. Die Wiese vorm Hinterhofeingang (jetzt Haupteingang) ist vom Wasser aufgeweicht und von Füßen zertrampelt. Die Besucher müssen über Bretter und Holzpaletten hopsen, die immer tiefer in der gatschigen Erde versinken. Es hat viel geregnet in Venedig in den letzten Tagen. Der versaute Zugang ist eine gelatinechte Reminiszenz auf das Aqua alta, ist Bestandteil des über ganz Venedig ausgedehnten Kunstwerks, das "die totale osmose" heißt. Der Regen ist ein Geschenk Gottes an die vier wasserfesten Künstler aus Österreich, die sich Gelatin nennen und Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban heißen. Francesca Scarcioffolo muss noch erwähnt werden, jene italienische Studentin, die in Abwesenheit des Signore Gelatin (wie die Gruppe auf italienischen Briefumschlägen genannt wird) dafür gesorgt hat, dass das über Wochen entstehende Kunstwerk prachtvoll genug der feierlichen Eröffnung entgegengedeiht. Bereits im April waren die Signori Gelatini da. Sie ließen sich auf die unterschiedlichste Art in das kalte und dreckige Wasser der Kanäle fallen, wie es einer Fotodokumentation zu entnehmen ist, die an einer der Glastüren aufgeklebt ist.

Im Hof des Pavillons, der vor allem bei den Österreichern als der eleganteste von allen in den Giardini gilt (Arch. Josef Hoffmann, 1934), sieht es aus wie auf dem Hof eines niederösterreichischen Kleinbiobauern, der auf die Ökologieideologie total abgefahren ist und deshalb von Frau und Kindern verlassen wurde. Damit es den Fröschen, Libellen und Amseln, die sich hier angesiedelt haben, gut geht, speist ein Bächlein (das Wasser wird über einen Gartenschlauch aus dem angrenzenden Rio dei Giardini hergeleitet) das kleine österreichische Ökoparadies. In der Lacke, die mit ihren sattgrünen Algen einem Teichgemälde von Claude Monet ähnlich ist (kunstgeschichtliche Reminiszenzen schaden nicht), befinden sich weggeworfene Gegenstände wie Kinderspielzeug, Getränkedosen, Ausstellungsreste aus dem Vorjahr,Gummistiefel. Die beiden hofseitigen Ausstellungsräume sind noch mit Winterschutzbrettern zugenagelt und mit dem Architekturbiennalemüll vollgeräumt, der dadurch zum Bestandteil der totalen Osmose wurde.

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FALTER 24/2001

Dieser Artikel erschien am
05.06.2001 im
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