Neue Kunst fürs Schloss
Von Sven Görner
Moritzburg. Die Kleidung der Frau ist aus derbem Stoff. Um ihren Kopf ist ein wärmender Schal gewickelt. In der Hand trägt sie einen kleinen braunen Sack. Die Hände sehen so aus, als ob sie das Zupacken gewohnt wären. Die Frau läuft leicht nach vorn gebeugt. Wie alt sie ist, lässt sich schwer schätzen. Ihre Augenlieder sind niedergeschlagen. Sie sieht erschöpft aus. Aber dennoch auch zufrieden.
„Das Bild ,Die Kartoffelleser’ ist nach dem Krieg entstanden – 1945 oder 46“, sagt der Moritzburger Andreas Timmler. „Diese Buntstiftzeichnung war die Vorstufe für ein großformatiges Ölbild meines Großvaters.“ In der schweren, entbehrungsreichen Zeit, als es in den Städten noch viel weniger zu essen gab als anderswo, versuchten viele Städter, auf den abgeernteten Feldern im Umland wenigsten noch etwas Essbares zu finden.
Die Zeichnung, die Nachwende-Bürgermeister Andreas Timmler am Montag dem Schloss geschenkt hat, ist in den für die Arbeiten des Dresdner Malers und Hochschullehrers Erich Fraaß (1893-1974) typischen kräftigen Farben gehalten. „Diese Vorstudie hat mir persönlich immer besser gefallen. Das Ölbild war relativ dunkel.“
Neben dieser Zeichnung hat der Moritzburger gestern eine weitere übergeben. Ein Porträt. „Es ist eine Rohrfederzeichnung meines Vaters Karl Timmler.“ Sie zeigt eine Frau bei einer heute kaum noch verbreiteten handwerklichen Beschäftigung: „Die alte Frau Lucht hat den Frauen im Dorf das Spinnen beigebracht“, erzählt Andreas Timmler. Sein Vater habe die Moritzburgerin gleich mehrfach gezeichnet. „Es gibt drei oder vier Bilder“, sagt der promovierte Geologe.
Auf dem Grundstück mit der Windmühle, auf das Karl Timmler 1946 mit der Familie gezogen war, hütet er den Nachlass seines Großvaters und des Vaters (1906-1996). Die Signatur verrät, dass die Schenkung für das Schlossmuseum aus dem Jahr 1954 stammt.
„Ich habe die beiden Zeichnungen ausgewählt, weil das, was sie zeigen, typisch für unsere Gegend ist“, sagt Andreas Timmler. Zum Anlass seiner Schenkung ergänzt er: „Der Grundgedanke ist, dass es künftig auf dem Schloss einen Ausstellungsbereich geben könnte, in dem Werke von Künstlern gezeigt werden, die hier in Moritzburg gearbeitet haben.“ Neben den beiden Genannten sind das einige: etwa der Tiermaler Erik Mailick, der Theater- und Landschaftsmaler Emil Rieck, der Grafiker und Bildhauer Hans Georg Anniès. Und dann ist da ja auch noch Peter Strang, der in diesem Jahr in Moritzburg seinen 80. Geburtstag feierte. Als langjähriger künstlerischer Leiter der Porzellan-Manufaktur Meissen hatte er entscheidend die moderne Porzellankunst mitgeprägt. Von 1969 an waren die Ateliers der Meissen-Künstler für drei Jahrzehnte im Küchenturm des Schlosses untergebracht.
Dieser Fakt und eine Ausstellung zum 70. Geburtstag Peter Strangs im Schloss waren vor neun Jahren für einen ungenannt bleiben wollenden Mäzen der Grund gewesen, dem Schloss eine kostbare Großplastik des Porzellankünstlers zu schenken. Diese steht seitdem, wie manch in den letzten Jahren getätigte Erwerbung für die Barockausstellung, im Depot. Denn obwohl seit 1990 rund 53,2 Millionen Euro in die Restaurierung von Schloss Moritzburg und dem dazugehörigen Fasanenschlösschen investiert wurden, gibt es noch immer viel zu tun. Darauf wann und wo die in den vergangen 100 Jahren entstandenen Kunstwerke einmal im Schloss zu sehen sein werden, wollte sich Schlosschefin Ingrid Möbius daher gestern nicht festlegen.
Dass Wirken Karl Timmlers in Moritzburg wird aber mit Sicherheit auch in einer anderen neuen Dauerausstellung eine Rolle spielen, an der Kuratorin Margitta Hensel bereits arbeitet. Im Besucherzentrum des Fasanenschlösschens soll sie künftig über die aufwendige Restaurierung des Mini-Schlosses informieren. Und die begann nicht erst in den 1990ern, sondern bereits nach dem Krieg. Damals stellte Karl Timmler die Bemalungen im Chinesischen Eckzimmer wieder her. Das Ergebnis ist auch nach der umfassenden Restaurierung des Schlösschens weiter zu bewundern.
Und das sind längst nicht alle Verbindungen, die es zwischen dem akademischen Maler Karl Timmler und dem Schloss gab. Man darf also gespannt bleiben.
SZ