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Die große Ernüchterung: Der Niedergang des Braugewerbes in Kassel

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Nach der angekündigten Abwicklung der Hütt-Brauerei blicken wir auf die Geschichte der Kasseler Brauereien.

In der Stadt Kassel wird seit über 600 Jahren Bier gebraut. Über die Jahrhunderte gab es Dutzende Brauereibetriebe – viele davon mit einem Hausschank in der angeschlossenen Gaststätte. Ein Vertrieb für das Gebräu entwickelte sich erst später. Weil mit der Hütt-Brauerei die letzte große Biermarke im Raum Kassel verschwindet, blicken wir auf diese bierseligen Zeiten zurück.

Herkules-Brauerei, 1939 Foto: Carl Eberth/ Stadtarchiv
Neben Kropf die wichtigste Brauerei: Die Herkules-Brauerei auf einem Foto aus 1939. © Foto: Carl Eberth/ Stadtarchiv

Nach Recherchen des Kasseler Historikers Christian Presche stammen die ersten Belege zum Bierbrauen in der Stadt Kassel aus dem Jahr 1395. „Nur wer in Kassel ansässig war, durfte Bier ausschenken, fremde Biere durften nur zum eigenen Verbrauch eingeführt werden“, so Presche.

ZeitreiseBayerische BierhalleMittelgasse 56BrauereigartenKasselvon Carl Eberth
Stammhaus der Brauerei Kropf: Die „Bayerische Bierhalle“ an der Mittelgasse unweit der Martinskirche war die Keimzelle der Marke Martini. © Repro

An dem Bierdurst der Kasseler verdiente der Landgraf kräftig mit. Es waren Abgaben fürs Brauen und die Rohstoffe (Malz) zu entrichten. Zudem galten im mittelalterlichen Kassel (ab Ende des 15. Jahrhunderts) Preisobergrenzen fürs Bier. Dessen Qualität muss aber sehr durchwachsen gewesen sein. „In den umliegenden Städtchen wurde besser gebraut. 1575 erließ Landgraf Wilhelm IV. daher eine erste Bierordnung“, berichtet der Historiker. Darin wurden etwa Mindestmengen für Gerste und Malz vorgeschrieben und die Zugabe von Hafer verboten. Aber weder Qualität noch Quantität entwickelten sich zufriedenstellend. Deshalb erließ Wilhelm IV. die nächste Brauordnung, weil in Kassel „gar schlechte und unduchtige“ Biere gebraut würden, außerdem zu wenig, sodass der Bedarf über Importe gedeckt wurde. Um dies zu unterbinden, verfügte er, dass in Kassel nur noch Kasseler Bier ausgeschenkt und getrunken werden durfte.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich eine vielfältige Brauerei-Kultur in Kassel etabliert. Auch die Qualität des Bieres war nun so gut, dass es sogar exportiert wurde. 19 Brauereien waren zu dieser Zeit im Stadtgebiet tätig. Dabei hatte Kassel seinerzeit nicht einmal 40.000 Einwohner.

Die von Adolf Kropf 1859 eröffnete „Bayrische Bierhalle“ an der Mittelgasse stehe beispielhaft dafür, dass die alten Brauereien jeweils mit einer eigenen Gaststätte verbunden waren, so Presche. Wegen der Nähe zur Martinskirche entstand deren Biermarke „Martini“. Daneben gab es zahlreiche Familienbetriebe, darunter Eissengarthen, Losch, Wentzell, Hahnenkamm und Krauß. „Weil es noch keinen modernen Vertrieb gab, waren die Gasthäuser noch viel stärker Treffpunkte, auch für zahlreiche Stammtische“, so der Historiker. Später kam es zu Zusammenschlüssen. Die 1895 an der Hafenstraße gegründete Herkules-Brauerei geht auf die Brauereien Losch und Wentzell zurück. Später schlossen sich weitere Gasthaus-Brauereien dieser an.

Herkules-Brauerei, MitarbeiterFoto: Archiv
Gut gelaunt: Ein Mitarbeiter der Herkules-Brauerei auf einer undatierten Aufnahme. © privat

Um das Bier kühl zu lagern, wurden dafür ab 1830 zunehmend Felskeller genutzt. In vielen Fällen befanden sich über den Kellern Ausflugslokale – wie etwa am Kratzenberg an der Kölnischen Straße oder auf dem Weinberg und dem Möncheberg. Während es für Frauen nicht sittsam gewesen sei, Gaststätten zu besuchen, hätten sich diese Biergärten zu beliebten Ausflugsorten für Familien und weibliches Publikum etabliert, so Presche.

Schild: „1. Container Kropf Edel Pils Premium German Beer nach USA 6. März 1985“Foto: Carl Eberth/ Stadtarchiv Kassel
30.000 Flaschen für die USA: Im März 1985 wurde mit „Kropf Edel Pils“ der erste Container mit German Beer made in Kassel in die USA verschifft. © Foto: Carl Eberth/ Stadtarchiv

Weil der Bierdurst der Kasseler nicht allein durch Kasseler Produktion gestillt werden konnte, wurde zunehmend importiert. Der größte Teil des Importbieres entstammte seinerzeit nicht der Knallhütte, sondern der Hessischen Actien-Brauerei in Wehlheiden. Der heutige Stadtteil wurde erst 1899 eingemeindet. Die Actien-Brauerei sollte 1912 von der Herkules-Brauerei geschluckt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ereilte die 1874 gegründete Schöfferhof-Brauerei an der Rothenditmolder Brücke das gleiche Schicksal.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich das Braugewerbe in Kassel immer stärker auf die beiden expandierenden Brauereien Kropf (Martini) an der Kölnischen Straße und die Herkules-Brauerei an der Hafenstraße. Mit jährlich bis zu 250.000 Hektolitern gebrautem Bier zählte die Martini-Brauerei bundesweit zu den größeren Regionalmarken. 1985 versuchte Kropf sogar auf dem US-Markt Fuß zu fassen. Ohne nachhaltigen Erfolg. Mit dem sinkenden Bierabsatz wurde der Familienbetrieb Kropf schließlich 1992 von der Henninger-Bräu AG übernommen. 1997 gab es mit der Einbecker Brauhaus AG einen weiteren Eigentümerwechsel. 2016 wurde der Betrieb nach über 150 Jahren endgültig geschlossen.

Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Besuch der „Kropf“-Brauereirückseitiger Vermerk: „von links Dr. [Helmut] Kohl, Erich Kropf, Helmut Kropf, Dr. [Axel N.] Zarges, Dr. [Walter] Wallmann 1983“Foto: Carl Eberth
Bundeskanzler trank Martini: Helmut Kohl besuchte 1983 die Brauerei Kropf. Rechts neben ihm stehen die Brüder Erich und Helmut Kropf, der CDU-Politiker Axel Norbert Zarges und der damalige CDU-Landesvorsitzende und spätere Ministerpräsident Walter Wallmann. © Foto: Carl Eberth/ Stadtarchiv
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Die Herkules-Brauerei war bereits 1972 von der Frankfurter Brauerei Binding übernommen worden. Diese gab den Kasseler Standort 1999 auf. Das heute noch bekannte „Schöfferhofer Weizen“ ist damit das letzte Überbleibsel aus der Kasseler Bierherstellung. 1999 wurde die Produktion der letzten Kasseler Biermarke zu Binding nach Frankfurt verlagert.  Inzwischen wird das Weizen in Dortmund gebraut. Bis heute erinnert die Schöfferhofstraße in Kassel an den früheren Brauort.

Kuriositäten aus Nordhessen

Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt zeigt seine Heimatstadt Kassel in der NDR-Sendung „Zeitreise“ – dabei hat Nordhessen hat so viel mit Norddeutschland zu tun wie Xanten mit Bayern.

Diese Brauereien produzieren noch

Wenn die Hütt-Brauerei in acht Wochen ihren Betrieb einstellt, hinterlässt sie eine große Lücke. Denn nach der Schließung der Martini-Brauerei und der Binding-Brauerei (früher Herkules) gibt es auch im direkten Umland von Kassel keine größere Brauerei mehr. Wir zeigen, wo noch in der Region gebraut wird und in welchem Umfang.

Einbecker Brauhaus AG
Jahresproduktion: 504.000 Hektoliter
125 Mitarbeiter
Gründung: 1967

Brauerei Friedrich Haaß in Treysa
Jahresproduktion: 8500 Hektoliter
15 Mitarbeiter
Gründung: 1820

Dombräu 1880 in Fritzlar
Jahresproduktion: keine Angaben
35 Mitarbeiter
Gründung: 2003

Borkener Hofbräu
Jahresproduktion: 0,5 Hektoliter (kleinste Brauerei Hessens)
1,5 Mitarbeiter
Gründung: 2020

Fuldabrücker Landbrauerei
Jahresproduktion: 800 Hektoliter
2 Mitarbeiter
Gründung: 1995

Schinkels Brauhaus in Witzenhausen
Jahresproduktion: 6000 Hektoliter
30 Mitarbeiter 
Gründung: 1997 

Ratsbrauhaus Hann. Münden
Jahresproduktion: 250 Hektoliter
1 Mitarbeiter
Gründung: 2003

Biermanufaktur Rotenburg
Jahresproduktion: 350 Hektoliter
7 Mitarbeiter
Gründung: 2017

Eschweger Klosterbrauerei
Jahresproduktion: keine Angaben
29 Mitarbeiter
Gründung: 1839

Brauerei Bergbräu in Uslar
Jahresproduktion: 12.000 Hektoliter
14 Mitarbeiter
Gründung: 1868

Braumanufaktur Steckenpferd Kassel
Jahresproduktion: 350 Hektoliter
3 Mitarbeiter
Gründung: 2015

Braulabor Homberg
Jahresproduktion: 600 Liter
1 Mitarbeiter
Gründung: 2021

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