Ines Häfliger, Zürich
Tobias Renggli sitzt am Albulapass am Strassenrand und beginnt vor Erschöpfung zu weinen. Noch vor wenigen Tagen hat er die Dufourspitze, den höchsten Berg der Schweiz erklommen – alles schien leicht. Nun fordern die Strapazen der letzten Tage ihren Tribut. Renggli will nur noch ausruhen, doch am nächsten Tag wartet der nächste Viertausender. Acht Gipfel hat er bereits bezwungen, sechzehn liegen noch vor ihm. Langsam richtet er sich auf, schwingt sich aufs Rennrad und fährt den Pass hinauf.
Das war im vergangenen Sommer. Damals fuhr Renggli mit dem Velo durch die Schweiz und bestieg in jedem Kanton den höchsten Punkt. Der Film «Gipfeli of Switzerland», der ab Oktober am European Outdoor Film Festival in der Schweiz läuft, hält sein 21-tägiges Abenteuer fest.
Tobias Renggli aus dem Kanton Luzern ist 22 Jahre alt und bereits ein erprobter Extremsportler. Er kombiniert Bergsteigen mit Rennradfahren und legt dabei atemberaubende Distanzen zurück. Und trotzdem hält er sich nicht für einen typischen Extremsportler.
Zürich an einem heissen Augusttag. Am Morgen hielt Renggli an einer Berufsschule noch einen Vortrag über seine Abenteuer, jetzt eilt er in die Bibliothek. Die letzten Prüfungen seines Bachelorstudiums stehen bevor. Renggli studiert Gesundheitswissenschaften und Technologie an der ETH. Er wirkt wie ein gewöhnlicher Student: Turnschuhe, Shorts, Outdoor-Rucksack. Vorlesungen besucht er selten, er lernt mit Zusammenfassungen. Denn in den Bergen ruft das Abenteuer.
Renggli wuchs in einer Familie auf, die weder Alpinismus noch Leistungssport kannte. Trotzdem brachte die Familiengeschichte ihn zum Extremsport: Mit zwölf verlor er eine nahestehende Person. Damals begriff er, dass das Leben endlich ist. «Das war wohl einer der Auslöser für meine Abenteuer», sagt er heute. «Ich will nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten.»
Renggli begann, Berge hinaufzurennen, und wurde zu einer der grössten Nachwuchshoffnungen im Schweizer Berglauf. Mit 16 gewann er die U-20-Schweizermeisterschaft und startete an den Europameisterschaften. Der Berglauf lehrte ihn, dass Erfolge harte Arbeit verlangen – und schärfte zugleich sein Gespür für den eigenen Körper und dessen Grenzen.
Doch der Leistungssport fühlte sich bald einengend an. Lieber wollte er zum Sonnenaufgang auf einen Gipfel steigen, als sich durch Intervalltrainings zu quälen. Also fragte er sich, was die Berge und der Sport ihm noch bieten könnten. Mit 17 durchquerte er mit dem Velo die Schweiz und stand erstmals auf dem höchsten Punkt jedes Kantons. Über dieses Abenteuer schrieb er eine 200-seitige Maturaarbeit. Vier Jahre später wiederholte er die Tour für den Film «Gipfeli of Switzerland». «Die Lernphase liess wenig Zeit», sagt Renggli – also legte er die Strecke beim zweiten Mal so schnell wie möglich zurück.
Mit 18, zwischen Militär und Studium, wagte Renggli sein bisher grösstes Abenteuer: Sieben Monate radelte er allein durch Europa und bestieg in 44 Ländern den höchsten Punkt. Dabei legte er 36 000 Kilometer und 450 000 Höhenmeter zurück. Eine Strecke fast so lang wie der Äquator, mit Höhenmetern, die fünfzig Mal dem Mount Everest entsprechen. So weit, so verrückt. Warum tut Renggli sich diese Strapazen an? Er mag diese Frage nicht und sagt: «Klar, es ist manchmal hart, man verlässt die Komfortzone. Aber am Ende ist es vor allem schön.»
Unterwegs entdeckt Renggli neue Landschaften, schliesst Bekanntschaften und trifft auf fremde Kulturen. Er sagt: «Das Fahrradfahren ist schnell genug, dass man vorwärts kommt und langsam genug, dass man die Welt sieht.» Doch meistens ist er allein. Dann kommen ihm neue Ideen, er spürt, wie sich seine Gedanken ordnen. Er nennt es «aufräumen im Kopf».
Auf seinen Touren setzt sich Renggli bewusst dem Extremen aus – etwa der Wildnis. Das ist nicht nur in körperlicher Hinsicht enorm anstrengend. Er schläft draussen im Schlafsack, ein Zelt hat er nicht dabei. Renggli übernachtet auf Berggipfeln, Gletschern oder an Stränden, manchmal aber auch in öffentlichen Toiletten, unter Picknicktischen oder in Bushaltestellen. Die Touren plant er nur grob: «Allzu viel Planung ist überbewertet.»
Renggli langweilt sich schnell und sucht die Herausforderung. «Ich würde nie über den Atlantik rudern, nur um einen Rekord zu brechen», sagt er. «Ich suche bei meinen Projekten die Abwechslung, und Ungewissheiten gehören dazu. Je grösser das Risiko zu scheitern, desto grösser das Abenteuer.»
Manchmal gerät er in gefährliche Situationen: In Albanien biss ihn ein Strassenhund, er suchte tagelang vergeblich nach einer Tollwutimpfung – und reiste dafür letztlich mit dem Boot nach Griechenland. In Litauen fotografierte er in der Nähe des höchsten Punktes einen Grenzzaun zu Weissrussland. Plötzlich richteten sich Kameras auf ihn, und er landete auf einem Polizeiposten. «Erst als ich ein Formular unterzeichnet habe, wurde ich freigelassen», erzählt er Rückblickend sieht er diese Erlebnisse gelassen: «Solche kleinen Sachen gehören dazu.»
Der junge Sportler weiss, wann es Zeit ist, umzukehren. Auf der «Gipfeli»-Tour etwa wollte er gemeinsam mit dem Zermatter Alpinisten Martin Anthamatten das Finsteraarhorn besteigen. Doch weil auf dem letzten Grat noch viel Schnee lag, konnten sie das Sicherungsseil kaum an den Felsen befestigen. Beide hatten ein ungutes Gefühl – an dieser Stelle sind Freunde von Anthamatten einst abgestürzt. 50 Meter unter dem Gipfel drehten sie um, die Vernunft triumphierte über den Ehrgeiz.
Er spricht von den widersprüchlichen Werten, die ihn prägen: «Ich gebe nicht schnell auf, bin aber sehr vernünftig.» In den Bergen bleibt er vorsichtig, überschätzt sich nicht. Der Respekt vor den Herausforderungen ist geblieben.
Obwohl er die Kriterien eines Extremsportlers erfüllt, möchte er nicht als solcher gesehen werden. «Extremsportler wirken auf mich verbissen und unzugänglich. So bin ich nicht. Ich bin normal – vielleicht mit einem ungewöhnlichen Hobby.» Renggli, der Extremes leistet, inszeniert sich nicht als Held, sondern wirkt nahbar. Läuft etwas schief, steht er dazu. «Ich klettere schlecht», sagt er über sich, «und fürchte mich im Dunkeln.»
Vielleicht ist es gerade diese Bodenständigkeit, die ihn so beliebt macht. Renggli ist in der Outdoor-Szene gefragt: Auf Instagram folgen ihm über 40 000 Menschen, er hält Vorträge in der Schweiz, Österreich und Deutschland, unter anderem im Rahmen der Explora-Vortragsreihe, und erzählt dabei von seinen Abenteuern. Vor kurzem hat er eigens für diese Vorträge eine GmbH gegründet. Mit den Einnahmen finanziert er sein Vollzeitstudium an der ETH, zusätzlich arbeitet er als Social-Media-Manager bei Explora.
Der Erfolg sei für ihn überraschend gekommen, sagt Renggli: «Ich mache die Touren für mich. Manchmal frage ich mich, wieso die Leute zu meinen Vorträgen kommen. Was finden sie so spannend am Velofahren, Draussen-Schlafen und In-die-Berge-Gehen?»
Gabriel Gersch, der Geschäftsführer von Explora, arbeitet mit Renggli zusammen. Er sagt: «Tobias ist bescheiden, versteht aber genau, weshalb er beim Publikum ankommt: Er hat Witz, Charme und ein feines Gespür dafür, was einen guten Vortrag ausmacht.» Gersch kennt viele Extremsportler und Abenteurerinnen, doch Renggli ist für ihn ein Ausnahmefall: «In so jungen Jahren schon diese Disziplin, Ausdauer und Leidensfähigkeit zu zeigen, ist äusserst selten. Er ist clever und nutzt seine Zeit sehr effizient.»
Nach dem Bachelorabschluss wird Renggli nicht direkt weiterstudieren. Stattdessen wird er sich auf das nächste Abenteuer begeben. Nach seiner Europa-Tour will er mit dem Velo nun einen anderen Kontinent bereisen, erneut jede Hauptstadt ansteuern und den höchsten Berg jedes Landes bezwingen. Wohin es ihn verschlägt, hält er noch geheim.
«Drei Jahre habe ich ein ziemlich normales Studentenleben geführt», sagt er. «Jetzt möchte ich wieder etwas Grosses machen. Nicht, um mich zu beweisen, sondern aus Neugier.» Diesmal wolle er es «gemütlicher» angehen: meistens tagsüber fahren, Pausen einlegen, Teilstrecken mit Freunden absolvieren. Doch Renggli weiss, dass das anspruchsvoll wird: Für ihn ist die Reise mehr als ein Hobby oder ein Ferienabenteuer.
Starten wird er im Frühling. Bis dahin sucht er Sponsoren, bereitet sich körperlich vor – und plant die ungefähre Route. Er rechnet damit, dass er mindestens eineinhalb Jahre unterwegs sein wird. Eine solche Leistung würde ihm auch internationale Beachtung verschaffen.
Tobias Renggli glaubt, dass vor ihm noch niemand einen solchen Versuch unternommen hat. Und falls doch: Es wäre ihm egal.
Marco Ackermann
Davor können auch die Traditionalisten unter den Schwingerfreunden nicht die Augen verschliessen: Am Eidgenössischen beeinflussten Fehlurteile des Kampfgerichts die Vergabe des Königstitels nun schon zum dritten Mal in Folge. Eine Häufung, die dem populären Sport und seinen ambitionierten Athleten nicht gerecht wird – und die den Frieden innerhalb der Schwingerfamilie bedroht.
Wegen falscher Einschätzungen des Kampfgerichts haftete dem Wettkampfverlauf ein fader Beigeschmack an. In gewissen Kreisen herrschte das Gefühl vor, betrogen worden zu sein. Die Debatte, ob das Schwingen den Videoschiedsrichter einführen solle, wie das im Fussball geschehen ist, nimmt wieder Fahrt auf.
Viele Schwingerfreunde haben an der Wortkreation Video Assistant Referee (VAR) ungefähr so viel Freude, wie eine Wäscherin an Trainingskleidern voller Sägemehl. Doch eine sanfte Zuhilfenahme von Bildmaterial müsste geprüft werden, auch, um Druck von den ehrenamtlich tätigen Funktionären zu nehmen.
Die Kritik am VAR im Fussball ist teilweise berechtigt, weil er manchmal mehr Fragen aufwirft als Probleme löst. Doch den Schwingern wäre zuzutrauen, dass sie eine pragmatische Anwendung fänden. Eine Möglichkeit wäre, nur am Eidgenössischen einen Bildschirm an jenem Ring zu platzieren, in dem die Athleten kämpfen, die für den Königstitel infrage kommen. Nach einer strittigen Aktion hätten die Kampfrichter ein knappes Zeitbudget, um auf die Fernsehbilder zu blicken. So sähen sie die Aktion ähnlich wie die gut eine Million TV-Zuschauer auf SRF.
Kritiker wenden ein, das würde nicht zum Schwingen passen und führte zu einer Zweiklassengesellschaft, weil ein paar Athleten ein höherer Status beigemessen würde. Doch die Behandlung der Athleten ist ohnehin ungleich, spätestens seit die Armee für die «Bösesten» Spitzensportangebote bereithält, dank denen sie wie Profis trainieren. Zudem ist einem wie Matthias Aeschbacher, der im Schlussgang des Eidgenössischen 2022 Opfer eines Fehlurteils war, kaum mehr zu vermitteln, dass sich Glück und Pech über die Jahre ausglichen, wenn er nur dieses eine Mal nach dem Königstitel greifen konnte. Bei diesem Fest sollte man differenzierter vorgehen, weil es sich von den anderen Anlässen in diesem Sport deutlich abhebt.
Bisher wehrten sich die Kampfrichter gegen den Videobeweis. Dabei beriefen sie sich auf eingeführte Massnahmen wie Trainingslager und Team-Building-Konzepte. Doch offenbar reicht dies nicht aus – das hat das Eidgenössische in Mollis verdeutlicht. SRF produziert die Spitzengänge in Top-Qualität, in Mollis wurde eine Seilkamera eingesetzt, wie man sie aus der Fussballbundesliga kennt. Würde der Videobeweis sanft eingeführt, wäre der zusätzliche Aufwand vernachlässigbar im Vergleich zu den Bemühungen, die SRF fürs Schwingen betreibt.
Sicher, es werden die rund 175 000 Franken herumgeboten, die SRF alljährlich dem Schwingerverband ESV für die TV-Rechte bezahle. Doch der Betrag ist Augenwischerei. Gewichtiger ist: SRF investiert in eine Schwingsaison Millionen, wenn man alle Dienstleistungen einrechnet – und der Sender gilt als verlässlicher Partner. Deshalb und weil im ESV bald wichtige Posten neu besetzt werden, wäre der Zeitpunkt günstig, einer Art Videobeweis eine Chance zu geben.
Ulrich von Schwerin, Mumbai
Bei einem schweren Erdbeben im Osten Afghanistans sind in der Nacht auf Montag Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Das Beben der Stärke 6,1 traf die Region um die Stadt Jalalabad kurz vor Mitternacht, als viele Einwohner bereits schliefen. Mehrere schwere Nachbeben erschütterten während der Nacht die Provinz Kunar an der Grenze zu Pakistan. Einwohner und Rettungskräfte suchten am Montag fieberhaft unter den Trümmern zerstörter Häuser nach Überlebenden, doch erschwerten blockierte Strassen den Hilfseinsatz.
Mehr als 800 Menschen seien in den ostafghanischen Provinzen Kunar und Nangarhar getötet und über 2500 weitere verletzt worden, sagte der Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid. Es wird damit gerechnet, dass die Opferzahl noch stark steigt. Mindestens drei Dörfer wurden komplett zerstört, in weiteren Ortschaften wurden die Häuser stark beschädigt. Viele der am stärksten betroffenen Dörfer in der Bergregion sind sehr abgelegen und bis jetzt nur schwer zu erreichen.
Die in der Region aktive Hilfsorganisation Save the Children berichtete, Fels- und Erdrutsche hätten viele Strassen blockiert. Ganze Dörfer seien von der Aussenwelt abgeschnitten. In den letzten Tagen hatten in den Tälern heftige Regenfälle zu Sturzfluten geführt. Die 200 000-Einwohner-Stadt Jalalabad liegt umgeben von hohen Bergen in einem Tal an der wichtigsten Verbindungsstrasse zwischen der afghanischen Hauptstadt Kabul und Pakistan.
Das Erdbeben trifft ein Land, das bereits in einer tiefen humanitären Krise steckt. Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht im August 2021 ist Afghanistan international isoliert, die Wirtschaft liegt am Boden. Mehr als die Hälfte der 42 Millionen Einwohner ist auf Hilfe angewiesen. Zusätzlich verschärft wurde die Situation dieses Jahr durch die Einstellung der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation USAID, die letztes Jahr für 45 Prozent der Hilfe aufgekommen war. Auch andere westliche Geldgeber haben ihre Hilfen gekürzt.
Hinzu kommt, dass die beiden Nachbarländer Pakistan und Iran allein in diesem Jahr zwei Millionen afghanische Migranten ausgewiesen haben. In der Region von Jalalabad, wo sich das Erdbeben ereignete, leben besonders viele Rückkehrer aus Pakistan. Dessen Regierung hatte bereits im Herbst 2023 begonnen, Afghanen auszuweisen. Sie hat den afghanischen Migranten nun eine Frist bis Montag gesetzt, das Land zu verlassen. Andernfalls droht ihnen die Festnahme und Deportation.
In Iran hat Israels Angriff im Juni eine Welle der Fremdenfeindlichkeit ausgelöst. Besonders Afghanen wurden verdächtigt, für Israel spioniert zu haben. In der Folge verschärfte das Regime in Teheran das Vorgehen. Viele der deportierten Migranten haben in Afghanistan weder Arbeit noch eine Wohnung. Das Taliban-Regime in Kabul ist überfordert damit, ihnen zu helfen. Auch der Uno fehlt dazu das Geld. Ihre Mission in Afghanistan ist seit Jahren stark unterfinanziert.
Nach dem Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeter vor vier Jahren war Afghanistans Bruttoinlandprodukt um ein Viertel eingebrochen. Inzwischen ist es dem Taliban-Regime zwar gelungen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Es hat die Inflation unter Kontrolle gebracht und die Steuereinnahmen erhöht. Einige chinesische und arabische Firmen haben Investitionen zugesagt. Letztes Jahr ist die Wirtschaft sogar leicht gewachsen. Die ökonomische Erholung ist aber bisher zu schwach, als dass die Mehrheit der Afghanen davon profitiert.
Nach dem Erdbeben am Sonntag schickte das Taliban-Regime mehrere Flugzeuge mit Hilfsgütern in die betroffene Region. Auch die Vereinten Nationen entsandten Teams, um bei der Bergung der Opfer zu helfen. Iran, Pakistan und Indien boten Hilfe an. Viele Häuser in den Dörfern sind einstöckige Bauten aus Steinen und Lehm, die anfällig für Erdbeben sind. Das Beben am Sonntag war womöglich besonders zerstörerisch, da es sich in nur acht Kilometern Tiefe ereignete.
In Afghanistan treffen die indische, die arabische und die eurasische Platte aufeinander. In dem Land sind Erdbeben daher häufig. Bei mehreren schweren Beben im Oktober 2023 waren in der westafghanischen Provinz Herat über 1500 Personen getötet worden. Ein Jahr zuvor waren bei einem Erdbeben in der entlegenen Provinz Paktika im Südosten nach Uno-Angaben mindestens 1300 Personen ums Leben gekommen. Die Taliban sprachen damals von 4000 Toten.
Kevin Weber
Früher genügte ein Anruf, um ein Date zu verabreden. Heute reicht ein Hashtag, um Millionen von Menschen an intimen Gesten teilhaben zu lassen. Tiktok, Instagram und Co. bringen ständig neue Trends hervor. Sie zeigen, wie stark sich die Kultur des Kennenlernens verändert. Und wie stark die sozialen Netzwerke das Dating-Verhalten junger Menschen beeinflussen. Im Dschungel der vielen Begriffe verliert man schnell den Überblick. Dieser kleine Leitfaden erklärt die aktuellen viralen Trends.
Was unterscheidet diese Trends vom Dating vor dem Aufkommen sozialer Netzwerke? Vor allem ihre Öffentlichkeit. Was früher im Freundeskreis besprochen wurde, läuft heute unter Hashtags und wird millionenfach geteilt. Während ältere Generationen sich an Ratgeberbüchern oder Fernsehserien orientierten, entscheiden heute Algorithmen und virale Sounds mit, was als romantisch gilt – und was nicht. Die Inhalte auf Tiktok oder Instagram beeinflussen, wie junge Menschen Nähe und Partnerschaft verstehen.
Lisa Aeschlimann
Kayla Thompson wachte in dem Camper, mit dem sie und ihr Mann Kasey zum Burning-Man-Festival gereist waren, frühmorgens mit Bauchschmerzen auf. Das legendäre Festival in der Wüste Nevadas zieht jedes Jahr rund 70 000 Besucher an. Zuerst dachte sie, sie hätte etwas Schlechtes gegessen. Oder war es der Blinddarm? Es waren Wehen.
Sie rief noch ihren Mann in die Toilette, bevor sie Minuten später ihre erste Tochter zur Welt brachte – 1,6 Kilogramm leicht, 42 Zentimeter gross. Mitten im Nirgendwo, wurde Kayla Thompson Mutter. Das Paar aus Salt Lake City hatte keine Ahnung, dass Thompson überhaupt schwanger war. Die 37-Jährige arbeitet in der medizinischen Abteilung eines Spitals. «Ich hatte keine Symptome», sagte sie der «New York Times».
Dass Frauen eine Schwangerschaft bis kurz vor der Geburt nicht bemerken, kommt häufiger vor, als man denkt. Laut Studien bleibt bei einer von 475 Schwangerschaften der Zustand bis nach der 20. Woche unentdeckt, bei etwa einer von 2455 bis zur Geburt. Hochgerechnet auf die Schweiz mit 80 000 Geburten pro Jahr bedeutet das 160 beziehungsweise 32 Fälle. Fachleute sprechen von einer «Gravitas suppressalis», einer verdrängten Schwangerschaft. Wird die Schwangerschaft erst zum Schluss bemerkt, werden die Wehen häufig zuerst als Nierenkoliken oder Blinddarmdurchbruch fehldiagnostiziert.
Erst in den Wehen merken, dass man schwanger ist? Wie kann das sein? «Wir sind Meister im Verdrängen», sagte Sibil Tschudin, leitende Ärztin für gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik am Universitätsspital Basel, einst dem Beobachter. «Bei der verdrängten Schwangerschaft ist das der zentrale Punkt: Was nicht sein darf, das kann nicht sein.»
Untersuchungen haben ergeben, dass Betroffene für fast alle Schwangerschaftsanzeichen andere Erklärungen finden: Frauen mit unregelmässiger Menstruation denken sich nichts dabei, wenn Blutungen ausbleiben. Übelkeit sind Magenprobleme, Kindsbewegungen eine aktive Verdauung, die Gewichtszunahme wohl Folge ungesunder Ernährung. Bei starkem Übergewicht fällt ein Babybauch oft kaum auf.
Nachdem Kayla Thompson ihre Tochter geboren hatte, rannte ihr Mann aus dem Wohnmobil und rief um Hilfe. Innerhalb weniger Minuten kamen eine Neonatologin, ein Kinderarzt und ein Gynäkologe herbeigeeilt. Letzterer war nur in Unterwäsche. Er half Kayla, die Plazenta zu entbinden.
Die 61-jährige Neonatologin Maureen O’Reilly übernahm die Erstversorgung. Sie sei gerade angekommen, als die Nabelschnur durchtrennt wurde. Um das Frühchen warmzuhalten, legte sie es auf ihren eigenen Bauch und deckte es mit einem Handtuch zu. «Das Schwierigste war zu wissen, was alles schiefgehen könnte», sagte sie der «New York Times». O’Reilly kontrollierte Atmung, Hautfarbe und Körperhaltung des Babys. Es war klein, aber es hatte eine rosige Farbe, schrie und atmete gut.
Ein Sturm hatte kurz zuvor das Eröffnungswochenende des Events unterbrochen. Regen und Staubstürme hatten die Ebene in eine Schlammwüste verwandelt. Rettungswagen konnten das Gelände nicht erreichen. Eine Gruppe freiwilliger Helfer, die Black Rock Rangers, traf deshalb mit einem SUV und einem medizinischen Team ein und brachte das Neugeborene zu einer Erste-Hilfe-Station. Von dort aus wurde es mit einem Helikopter ins rund 200 Kilometer entfernte Reno geflogen.
Die Eltern folgten später. Wegen der schlechten Strassenverhältnisse dauerte es über drei Stunden, bis sie das Spital erreichten. Dort lag ihre Tochter auf der Intensivstation. «Sie war sicher und gesund, und ich war so erleichtert», sagte der Vater. Ärzte schätzten, dass Kayla Thompson in der 36. Schwangerschaftswoche gewesen war.
Verdrängte Schwangerschaften treten gemäss Untersuchungen in allen sozialen Schichten auf. Häufiger sind sie jedoch bei sehr jungen Frauen unter 20 und bei Frauen über 40, die nicht mehr mit einer Schwangerschaft rechnen. Rund 80 Prozent der Betroffenen leben in einer festen Partnerschaft, für etwa die Hälfte ist es nicht einmal die erste Schwangerschaft. Die Zahlen sind international vergleichbar.
Fachleute unterscheiden zwischen einer verdrängten und einer verleugneten Schwangerschaft. Im zweiten Fall weiss die Frau zwar von ihrer Schwangerschaft, blendet sie jedoch völlig aus. Passiert dies, wachse in gewissen Fällen auch der Bauch kaum und selbst die Menstruation kommt weiter.
Die grösste Herausforderung ist, dass keine emotionale Vorbereitung auf das Leben mit dem Kind stattfinden konnte. «Darum braucht die Mutter nach der Geburt Zeit. Zeit, um eine Beziehung zum Kind aufzubauen und sich selbst wieder zu vertrauen», sagt die Gynäkologin Tschudin.
Kayla Thompson wurde inzwischen aus dem Spital entlassen. Sie und ihr Mann wohnen vorerst in einem Hotel in Reno, während ihre Tochter weiter medizinisch betreut wird. Sie haben sie Aurora getauft. Um die Kosten für Unterkunft und Behandlung zu stemmen, hat Kasey Thompsons Schwester eine Spendenkampagne gestartet.