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AboAbbruch beginnt
In der Au verschwindet ein augenfälliger Zeitzeuge

Im Fabrikgebäude in der Au hat die Standard Telephon und Radio AG Telefonanlagen produziert. 

Das grosse Industriegebäude mit dem auffälligen roten Vorbau führte schon mehrere Bezeichnungen. 1959 war es der Standard-Neubau, später das Alcatel-Gebäude, das Au-Center, und heute wird es Au-Park genannt. Die Namensgebung zeugt von der wechselvollen Geschichte des 40’000 Quadratmeter grossen Areals. Sie begann 1961, als die Standard Telephon und Radio AG die Fabrikation von Vermittlungs- und Übertragungssystemen aufnahm – und endet jetzt.

Noch steht das Gebäude, aus dem die letzten Mieter im Sommer ausgezogen sind, verlassen und verriegelt da. Alle Zugänge sind mit Holzplatten versperrt, der grosse Parkplatz ist wie leergefegt. In den nächsten Tagen startet die Räumung und später der Abbruch.

Zu Beginn werden Zwischenböden und -wände herausgebrochen, Maschinen demontiert und übrig gebliebenes Material entfernt, bevor das Gebäude rückgebaut wird, wie es im Jargon heisst. Die Abbrucharbeiten dauerten voraussichtlich bis Mitte 2022, gibt die Besitzerin, das Immobilienunternehmen Intershop Holding von Martin Ebner, bekannt.

Wohlwollende Behörden

Mit dem Abbruch des Industriebaus in der Nähe der Halbinsel verschwindet ein Zeitzeuge der Wädenswiler Industriegeschichte. Dass er vor 60 Jahren bei der Entstehung für Aufsehen sorgte, ist ihm heute nicht mehr anzusehen. Der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee», ein Vorläufer dieser Zeitung, veröffentlichte 1961 zur Einweihung des Standardneubaus sogar eine mehrseitige Sonderbeilage. Schon bei seiner Entstehung war das Gebäude imposant, obwohl es erst 1970 mit einem grossen Anbau die heutigen Dimensionen erreichte.

Die Stadt Wädenswil hatte ein grosses Interesse an der Ansiedlung der Standard Telephon und Radio AG in der Au. Die Behörden trieben das Projekt wohlwollend voran. Die Au, die bevölkerungsmässig in einer Wachstumsphase steckte, hatte damals den Ruf einer «Siedlung ohne ausreichende eigene Existenzgrundlage», wie die Sonderbeilage damals schrieb. Dies, weil kaum Arbeitsplätze vorhanden waren. Zudem erhoffte sich Wädenswil einen finanziellen Segen durch die Ansiedlung des Vorzeigeunternehmens, denn Wädenswil kämpfte damals – wie heute wieder – gegen eine starke Verschuldung.

Kritik der Anwohner

Die Begeisterung der Behörden für das grosse Projekt teilten aber nicht alle. Anwohner reichten Rekurse ein, zogen diese allerdings «rechtzeitig» wieder zurück, wie der überschwängliche Chronist in der Sonderbeilage vermerkte. «Aufgeschlossene Kreise» hätten sie vom Wert und der Notwendigkeit der Ansiedlung einer Grossindustrie überzeugen können, schrieb er. Die Firma habe einige Anliegen aus der Bevölkerung aufgenommen. So versprach sie, dass die Grünhangzone hinter der Fabrik nicht verschwindet und die Fabrikfront bepflanzt wird.

Den politischen Segen erhielt die Ansiedlung des Grossbetriebs schliesslich an einer denkwürdigen Gemeindeversammlung 1957. Damals erschienen 533 Stimmberechtigte in der Kirche und genehmigten den Vertrag mit der Firma Standard. Noch im September hiess das Stimmvolk an der Urne den Kauf von Wald- und Wiesland gut, das die Firma nicht benötigte. Die Zustimmung war wuchtig, was der «Anzeiger» als Zeichen für die Einsicht interpretierte, «dass mit der neuen Industrie der Gemeinde auf lange Sicht gedient ist».

Das Unternehmen, das in der Nachrichtentechnik eine führende Stellung innehatte, florierte bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Rund 1000 Frauen und Männer waren in der Au beschäftigt, bevor die Digitalisierung einsetzte, mit der das Unternehmen nicht Schritt halten konnte. Die Standard, später Alcatel, verlagerte die Produktion schrittweise und entliess viele Arbeitnehmende. 2003 kaufte die Intershop Holding von Martin Ebner das Areal und vermietete die Flächen an Industrie- und Gewerbebetriebe. Die letzten sind Mitte dieses Jahres ausgezogen.

Zukunft beginnt

Wieder soll auf dem Areal ein Vorzeigeprojekt entstehen. Intershop plant ein Quartier mit rund 230 Wohnungen, einem Einkaufsgeschäft und Gewerbeflächen. Ein Park soll der Bevölkerung als Begegnungsort dienen. Die Baubewilligung liegt zwar noch nicht vor. Intershop plant aber, nächstes Jahr mit dem Bau zu starten. Bis 2025 soll die erste Etappe und ein Jahr später die zweite Etappe erstellt sein.

230 Wohnungen und eine Quartierversorgung sollen in den nächsten Jahren anstelle des Industriegebäudes entstehen.

Zudem wird der Kanton Zürich die Mittelschule Zimmerberg auf dem Areal realisieren. Das Gymnasium ist letzten Sommer in einem Provisorium an der Steinacherstrasse eröffnet worden. Ziel ist es, in rund zehn Jahren das definitive Gebäude im Au-Park beziehen zu können. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Als Nächstes plant der Kanton, einen Architekturwettbewerb auszuschreiben.