„Ich bin noch ich“
Früher half sie Flüchtlingen, jetzt wählt sie AfD - Wie konnte das passieren?
Politik / Lesedauer: 9 min
Was bringt Menschen dazu, die Rechtsaußen-Partei AfD zu wählen? Die YouTuberin Nicole Blair gehört zur vergleichsweise kleinen Gruppe derer, die offen zu ihrer AfD-Wahl steht. Sie lebt in Berlin und erreichte mit dem ersten Video auf ihrem Kanal „nicht mehr politikverdrossen“ auf Anhieb mehr als eine halbe Million Menschen. Im Interview erklärt sie, was sie am Programm der AfD richtig findet, obwohl die Partei vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wurde.
Frau Blair, 2015 engagierten Sie sich in der Flüchtlingshilfe. Wie kam es dazu?
Ich war damals im Sommer in Budapest – zum Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise – und habe gesehen, wie Menschen, auch Frauen und Kinder, ohne Versorgung am Bahnhof campierten. Das hat mich tief bewegt. Ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich wusste, dass ich in einem warmen Bett liege und sie nicht.
Als ich wieder in Deutschland war, habe ich mich sofort in die Flüchtlingshilfe gestürzt. Ich habe Decken gespendet, Kinder betreut, Deutsch und Mathe unterrichtet, Wohnungen vermittelt. Es war für mich selbstverständlich. Ich war total Feuer und Flamme. Ich wollte ein guter Mensch sein.
Gab es einen Moment, in dem Sie begannen, Ihre Haltung zu hinterfragen?
Es war ein schleichender Prozess. Ich habe mich wirklich intensiv engagiert – jedes Wochenende war verplant, oft auch unter der Woche. Die Dankbarkeit und Freundschaften mit Flüchtlingen haben mich motiviert, aber es gab eben auch andere Erfahrungen: Flüchtlinge, die meine Sachen gestohlen haben oder gelogen haben, woher sie kommen oder wie alt sie sind. Ich war zudem mit einer Anspruchshaltung konfrontiert, die mich irritiert hat. Und dann kam Corona – das hat alles noch einmal verschärft.
Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Ich war schwanger, habe mich nicht impfen lassen, weil ich mir Sorgen gemacht habe wegen fehlender Langzeitstudien. Auf einmal war ich die Außenseiterin. Freunde haben sich distanziert, ich habe mich zurückgezogen. Von Politik wollte ich nichts mehr wissen. Ich habe die Nachrichten abgeschaltet, wollte nur noch mein Privatleben leben. Auch ans Auswandern habe ich in dieser Zeit gedacht.
Wie kamen Sie dann dazu, sich politisch wieder stärker zu interessieren – und sich letztlich für die AfD zu entscheiden?
Als es auf die Bundestagswahl zuging, habe ich beschlossen: Wenn ich in Deutschland bleibe, will ich auch wieder mitgestalten. Und um eine informierte Entscheidung zu treffen, habe ich mir tatsächlich alle Parteiprogramme durchgelesen – komplett. Zum ersten Mal auch das der AfD.
Was hat Sie daran überzeugt?
Ich war überrascht. Da stand nicht: „Alle Ausländer raus.“ Da stand: Menschen, die sich integrieren, sind willkommen. Menschen, die straffällig werden oder deren Asylgrund entfällt, sollen zurückgeführt werden. Das fand ich logisch. Und auch in anderen Bereichen – Bildung, Familie, Wirtschaft – habe ich Positionen gefunden, die ich teile. Vor allem vermisste ich diesen klaren Kurs bei den anderen Parteien. Unter anderem eben auch in der Migrationspolitik.
Was stört Sie konkret an der deutschen Migrationspolitik?
Es geht mir nicht um die Menschen, die wirklich verfolgt werden – denen muss geholfen werden. Aber ich habe selbst viele sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge kennengelernt, die das auch offen zugegeben haben. Die nicht aus einem Kriegsgebiet kommen, sondern einfach eine bessere Zukunft wollen. Das ist nachvollziehbar – aber dafür ist das Asylsystem nicht gedacht. Bei anderen habe ich klar gespürt: Die wollen sich überhaupt nicht integrieren.
Ich denke: Wenn jemand klug und leistungsfähig ist, sollte er in erster Linie sein eigenes Land aufbauen. Ich glaube nicht, dass wir diesen Ländern helfen, indem wir alle guten Leute aufnehmen. Das ist kein Mitgefühl, das ist Mitleid – und Mitleid ist oft herablassend.
Haben Sie Ihre Empathie verloren?
Nein. Ich habe gelernt, dass Empathie nicht bedeutet, sich selbst aufzugeben. Ich bin Mutter von bald vier Kindern. Meine Kinder fordern mich auch – und manchmal muss ich sagen: Jetzt nicht, ich brauche jetzt Zeit für mich. Ich glaube, man darf auch mit sich selbst empathisch sein. Empathie bedeutet nämlich nicht, sich selbst vollkommen aufzugeben. Denn dann kann man nicht mehr empathisch mit anderen sein. Das gilt auch für ein ganzes Land. Wir haben begrenzte Ressourcen, finanziell, wirtschaftlich, emotional - und das müssen wir gerade in der Flüchtlingsdebatte einfach berücksichtigen.
Das ist nicht unempathisch, sondern einfach realistisch. Außerdem kann man den Empathiebegriff auch anders lesen. Wenn ich jemandem etwas zutraue, ist das kein Mangel an Empathie, sondern ein Zeichen von Respekt. Wenn all die jungen Männer, die bei uns sind, zu Hause helfen, ihre Heimat mitaufzubauen und wir sie darin unterstützen - anstatt ihnen hier die soziale Hängematte auszubreiten - ist das langfristig gesehen sehr viel empathischer.
Die AfD wurde inzwischen vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Was macht das mit Ihnen?
Es schockiert mich, ehrlich gesagt. Nicht, weil ich mich selbst betroffen fühle – sondern weil ich mich frage: Was bedeutet das für die Demokratie? Wenn eine Partei, die von Millionen Menschen gewählt wird, auf diese Weise abgestempelt wird, dann betrifft das auch all diese Wählerinnen und Wähler. Sind wir jetzt alle Verfassungsfeinde?
Der Verfassungsschutz kommt in seinem Gutachten auf mehr als 1100 Seiten zu einem anderen Schluss. Demnach deuten viele Zitate führender AfD-Politiker sehr wohl auf rechtsextreme Tendenzen. Wie sehen Sie das?
Es gibt sicher einzelne Aussagen, die ich nicht gut finde. Aber das gibt es in jeder Partei. Ich sehe mich jedenfalls nicht als extrem, sondern als kritisch. Ich bin gegen Gewalt, für Meinungsfreiheit, für einen starken Rechtsstaat. Ich will einfach, dass Gesetze eingehalten werden. Wenn das schon reicht, um als „gesichert rechtsextrem“ zu gelten, dann läuft etwas schief.
Sie haben erzählt, dass Sie in der Corona-Zeit auch ans Auswandern gedacht haben. Warum sind Sie geblieben?
Weil ich gemerkt habe: Deutschland ist mein Land. Ich liebe dieses Land – trotz allem. Und ich will nicht weglaufen. Wenn ich mir wünsche, dass sich etwas verändert, dann muss ich mich hier einbringen. Einfach gehen und woanders auf ein besseres Leben hoffen – das ist nicht meine Art.
Was bedeutet Heimat für Sie?
Verantwortung. Sich nicht wegducken. Ich glaube, wenn mehr Menschen bleiben und sich einbringen würden – egal ob sie hier geboren wurden oder eingewandert sind –, dann hätten wir eine stabilere Gesellschaft. Weglaufen ist einfach. Zu bleiben und mitzugestalten ist schwerer, aber sinnvoller.
Was wünschen Sie sich für die politische Debatte in Deutschland?
Ich wünsche mir mehr Offenheit. Weniger Etiketten. Dass man sich wieder traut, eine unbequeme Meinung zu äußern, ohne gleich als etwas abgestempelt zu werden. Gerade bei komplexen Themen wie Migration oder Energiepolitik braucht es unterschiedliche Perspektiven – und den Mut, sie auszuhalten.
Die Parteien im Bundestag haben eine sogenannte Brandmauer gegenüber der AfD errichtet. Wie blicken Sie darauf?
Ich halte sie für undemokratisch. Wenn eine Partei von Millionen Menschen gewählt wird, gehört sie zum Diskurs. Man muss nicht alles gutheißen, was jemand sagt. Aber man muss reden dürfen. Ich finde, es sollte um Inhalte gehen – nicht darum, wer sie vorträgt. Wenn die zweitstärkste Kraft im Bundestag pauschal ausgeschlossen wird, dann spaltet das die Gesellschaft.
Kurz vor der Bundestagswahl haben Sie Ihren politischen Sinneswandel in Ihrem ersten politischen YouTube-Video öffentlich gemacht und auf Anhieb mehr als eine halbe Million Menschen erreicht. Waren Sie überrascht davon, wie viele Menschen das Video angesehen haben?
Ja, absolut. Als ich einige Tage nach dem Hochladen wieder bei YouTube reingeschaut habe, sehe ich: 20.000 Aufrufe und 500 neue Abonnenten. „Wahnsinn“, dachte ich. Und dann ging es munter weiter.
Wie hat Ihr Umfeld auf die politische Umorientierung reagiert?
Unterschiedlich. Manche waren überrascht und haben nicht verstanden, wie ich zu dieser Meinung komme und was meine Motivation ist, öffentlich darüber zu sprechen. Aber ich habe auch viele sachliche Gespräche geführt. Freunde, die ganz anders denken als ich, sind trotzdem im Austausch geblieben. Das zeigt mir: Es geht. Wir müssen es nur wollen. Ich bin noch derselbe Mensch - auch wenn ich AfD wähle.
Gab es auch positive Rückmeldungen?
Ja, vor allem online. Viele haben geschrieben: „Danke, dass du das sagst. Ich fühle ähnlich, aber ich traue mich nicht.“ Das hat mir Mut gemacht. Ich glaube, es gibt viele stille Beobachter, die innerlich längst zweifeln – aber Angst vor Ablehnung haben. Je mehr Leute Gesicht zeigen, desto normaler wird die Präsenz konservativer oder kritischer Stimmen im öffentlichen Diskurs.
Wie geht es nun weiter – auch mit Ihrem YouTube-Kanal?
Ich möchte weiter Videos machen. Nicht um zu provozieren, sondern um zu erklären. Ich habe gemerkt: Wenn ich ruhig und offen darlege, wie ich zu meinen Ansichten komme, dann hören viele Menschen auch zu. Es gibt so viele Themen, über die man reden müsste – nicht nur über Migration oder Parteien. Ich möchte dabei helfen, dass wir wieder ins Gespräch kommen.
Worauf hoffen Sie?
Dass wir als Gesellschaft zurückfinden zu einer offenen, respektvollen Diskussion. Dass wir uns gegenseitig wieder zuhören – auch wenn wir nicht einer Meinung sind. Und dass wir Menschen nicht nach Etiketten beurteilen, sondern nach dem, was sie wirklich sagen und tun.
Hinweis der Redaktion: Unsere Redaktion macht sich mit den Positionen der von uns interviewten Personen grundsätzlich in keiner Weise gemein; das gilt auch in diesem Fall. Uns ist bewusst, dass die AfD keine Partei wie jede andere ist. Wir halten es dennoch für eine relevante Frage, was Menschen dazu bringt, diese Partei zu wählen – und diese Menschen auch selbst zu Wort kommen zu lassen.