Nach Empfehlung des Kulturstaatsministers: Sollte die documenta nicht mehr gendern?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat gerade ein Gender-Verbot in seiner Behörde durchgesetzt und empfiehlt dies auch staatlich geförderten Institutionen. Wie reagieren die darauf?
Geht es nach Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, sollte es solche Sätze auf der Webseite der documenta nicht mehr geben. Dort heißt es etwa zum Jubiläumsprojekt „7000 Palmen“: „Alle Einwohner*innen Kassels werden dazu eingeladen, gemeinschaftlich mit den Wimpelketten ihre Stadt zu schmücken.“ Der parteilose Politiker hat zuletzt den Mitarbeitern seiner Behörde untersagt, die gendergerechte Sprache mit Sonderzeichen zu verwenden. Zugleich empfahl er allen öffentlich geförderten Institutionen wie Museen, Stiftungen und dem Rundfunk, es ebenso zu handhaben – also auch der documenta.
Bei der Weltkunstschau wird man die Empfehlung des Staatsministers ignorieren. Auf Anfrage erklärte Geschäftsführer Andreas Hoffmann, dass man mit Sternchen gendern oder neutrale Formulierungen benutzen werde, die alle miteinbezögen: „Im Kulturbetrieb ist die geschlechterspezifische Sprache etabliert und viele Menschen aus unseren Zielgruppen und auch Künstler*innen erwarten einen antidiskriminierenden Umgang von einer Institution wie der documenta.“ Sprache sei ein wichtiges Mittel, um Teilhabe zu fördern und künstlerische Inhalte angemessen zu vermitteln.
So sehen es große Teile des Kulturbetriebs, die Weimers Empfehlung zum Teil heftig kritisieren. Der konservative Ex-Chef von „Welt“ und „Focus“ ist bei vielen ohnehin unbeliebt. Schon vor seiner Berufung durch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichneten mehr als 72.000 Menschen eine Petition, die verhindern sollte, dass er Staatsminister wird.
Nach seinem behördeninternen Gender-Verbot, das Weimer gern auf alle finanziell geförderten Institutionen ausgeweitet sähe, fragte der Grünen-Politiker Sven Lehmann, ob der Staatsminister ein „missionarischer Kulturkämpfer“ sei. Der Deutsche Journalisten-Verband nannte den Vorstoß einen „Eingriff in die Rundfunkfreiheit“. So deutlich wird documenta-Geschäftsführer Hoffmann nicht, er betont aber: „Als internationale Ausstellung steht die documenta für Offenheit, Vielfalt und die Sichtbarkeit aller Menschen.“
Bei der Landesbehörde Hessen Kassel Heritage (HKH) verwendete man in der Vergangenheit den Genderstern. Damit machte die schwarz-rote Landesregierung 2024 Schluss, als sie das Gendern mit Sonderzeichen an Schulen, Universitäten, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie in der öffentlichen Verwaltung untersagte. Die Opposition warf Ministerpräsident Boris Rhein einen „Kulturkampf um Identitätspolitik“ vor. Der CDU-Politiker versicherte, es ginge ihm vor allem um einfacher zu lesende Texte. Bei HKH hält man sich an die Vorgaben der Landesregierung, wie eine Sprecherin erläutert: „Wir bevorzugen möglichst neutrale Formulierungen, die alle Menschen gleichermaßen einschließen. In gemeinschaftlichen Publikationen überlassen wir die Entscheidung zu gendern den jeweiligen externen Autorinnen und Autoren.“ Von Besuchern lägen weder positive noch negative Reaktionen vor.
Ein ähnliches Feedback hat man bei der Stadt Kassel registriert, die etwa für das Stadtmuseum zuständig ist. Mit Sonderzeichen wird in diesen Einrichtungen nicht gegendert. Laut einem Sprecher verfolge man eine barrierefreie und inklusive Kommunikation. Daher verwende man grundsätzlich geschlechtsumfassende und neutrale Formulierungen. Das könnte etwa das Wort Besuchende sein.
Weder HKH noch die Stadt wollen den Vorschlag des Staatsministers Weimer bewerten. Normann Günther tut dies umso mehr. Der Kasseler ist Regionalleiter des Vereins Deutsche Sprache und hat 2023 eine Initiative für ein „Volksbegehren gegen Genderzwang“ mit ins Leben gerufen. Fast 40.000 Menschen unterschrieben. Dann setzte Ministerpräsident Rhein die Forderung der Initiative per Dienstanweisung um.
Günther freut sich über die Ansage des Kulturstaatsministers. Seiner Ansicht nach ist die gendergerechte Sprache aufoktroyiert und eine Sprache, „die nicht dem Deutschen entspricht“. Gerade von der documenta erwarte er einen Verzicht auf Gendersternchen und andere Sonderformen. Bei der Weltkunstschau sei der Anteil von nicht Deutsch sprechenden Menschen besonders hoch. Sie würden etwa das Binnen-I nicht verstehen. „Das kann zu Sprachstörungen führen“, sagt der 57-Jährige.
Günther widerspricht der These, dass die Debatte ums Gendern, die vor allem von Gegnern der geschlechtergerechten Sprache geführt wird, ein Kulturkampf sei: „Es ist kein Kampf gegen etwas, sondern für die deutsche Sprache.“ Dazu zitiert er Umfragen, laut denen eine Mehrheit das Gendern ablehnt: „Es gibt keine Mehrheit für das Gendern, selbst bei den Grünen nicht.“
In Wirklichkeit sind die Deutschen bei dem Thema gespalten. So befürworteten in einer Umfrage des Hessischen Rundfunks im vorigen Jahr 50 Prozent der Befragten das Verbot von Genderzeichen etwa in Ministerien und bei Abiprüfungen. Allerdings sprachen sich auch 42 Prozent gegen die neue Regelung aus. Vor allem Männer und ältere Menschen sind gegen das Gendersternchen. (Matthias Lohr)