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Corax-Lizenz bis 2035: Subventioniertes Echo aus der Echokammer

13. Juni 2025
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Die Verlängerung der Sendelizenz für Radio CORAX bis 2035 ist zweifellos ein Grund zur Freude – zumindest für jene urban geprägte Akademiker*innenschaft, die sich seit einem Vierteljahrhundert selbst beim Radiomachen zuhört. Als rundfunkbeitragszahlende Gesellschaft darf man durchaus einige kritische Fragen stellen, ohne gleich als medienfeindlicher Nestbeschmutzer diffamiert zu werden.

Die Finanzierungsstruktur von Radio CORAX liest sich wie das Who's Who deutscher Fördertöpfe: Von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt über das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bis hin zur Postcode Lotterie und Aktion Mensch – ein beeindruckendes Potpourri staatlicher und semi-staatlicher Geldquellen. Diese institutionelle Rundumversorgung ist umso bemerkenswerter, als sie von einem Sender in Anspruch genommen wird, der regelmäßig das "System" kritisiert, von dem er so komfortabel lebt.

Wer marktwirtschaftliche Strukturen grundsätzlich ablehnt, sollte konsequenterweise auch alternative, selbsttragende Modelle entwickeln. Die permanente Rückversicherung über öffentliche Fördermittel macht das vielbeschworene Ideal der Unabhängigkeit zur tragikomischen Farce. Man möchte fast meinen, hier werde Kapitalismuskritik als subventioniertes Hobby betrieben.

Als die Medienanstalt 2023 großzügig die Umrüstung auf DAB+ anbot, wurde prompt dankend abgelehnt – schließlich hätte man das selbst finanzieren müssen. Stattdessen bleibt man lieber bei den nostalgischen Jingles von 2000 und dem charmant unzuverlässigen Sendeablauf der Pionierzeit. Innovation ist schließlich was für Konzerne, nicht für authentische Gegenkultur.

Diese technologische Verweigerungshaltung passt perfekt zu einer Programmphilosophie, die Stillstand als Widerstand verkauft. Während die Welt digitale Sprünge macht, kuratiert man weiterhin eine Mischung aus therapeutischen Selbstfindungsmonologen und extern eingekauften Podcast-Füllseln – hauptsache, es klingt nach Haltung.

Ein Blick ins Programm offenbart das ganze Dilemma des zeitgenössischen Bürgerradios: Hier mäandert man zwischen selbstreferenzieller Nabelschau und bildungssprachlich kaschierter Belanglosigkeit. Die Sendeinhalte wirken oft wie eine Mischung aus Therapiesitzung und Nebenfach-Vorlesung, garniert mit jenem performativen Diversitäts-Duktus, der irgendwo zwischen Poetry-Slam und akademischem Jargon changiert.

Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Senders, selbst gesellschaftlich relevante Themen in privatistische Selbstverwirklichungsprojekte zu transformieren. Queere Sichtbarkeit wird ästhetisiert, prekäre Lebensrealitäten werden verkünstelt, und gesellschaftliche Konflikte werden zu soziologisch-distanzierten Betrachtungsobjekten umgedeutet. Das Ergebnis: Inhalte, die primär für jene verständlich sind, die sie produzieren.

Besonders entlarvend war das Schweigen des Senders zu den Polizeimaßnahmen am Kanal in Halle – einem historisch gewachsenen Ort queerer Begegnungskultur. Während ein älterer Herr bei einem intimen Moment von einem überempfindlichen Radfahrer "ertappt" und anschließend kriminalisiert wird, schweigt das selbsternannte Sprachrohr der Marginalisierten. Keine Brennpunkt-Sendung über systematische Lustfeindlichkeit, kein kämpferischer Beitrag über die Kriminalisierung queerer Körper – stattdessen wieder nur die x-te Ausgabe irgendeines staatlich geförderten Selbstfindungs-Podcasts.

Die Ironie ist perfekt: Ausgerechnet im Pride-Monat macht ein queer-feministisch positionierter Sender queere Realität unsichtbar. Aber vielleicht war das Thema ja nicht "senderelevant" genug oder passte nicht ins kuratorische Konzept der kontrollierten Diversität.

Ein Besuch im Funkhaus genügt, um den Zustand der Institution zu erfassen: Der defekte Getränkeautomat im Eingangsbereich erzählt mehr über Kultur und Haltung als jede Programmbroschüre. Die haptische Metapher einer Organisation, die lieber über gesellschaftliche Großtheorien philosophiert, als die eigenen Räume einladend zu gestalten.

Diese Vernachlässigung der institutionellen Selbstsorge korrespondiert mit einer bemerkenswerten Empfindlichkeit gegenüber externer Kritik. Wer Fragen zu Struktur und Inhalten stellt, wird schnell pathologisiert oder mit elegant verpackten Gaslighting-Manövern mundtot gemacht. Für ein Medium, das sich in der Tradition kritischer Gegenöffentlichkeit verortet, eine bemerkenswert fragile Diskussionskultur.

25 Jahre Sendebetrieb haben aus dem ursprünglich partizipativ gedachten Bürgerradio eine geschlossene Veranstaltung gemacht. Die proklamierte Zugänglichkeit erweist sich in der Praxis als Zugangsbeschränkung für alle, die nicht den kulturellen Code der sendenden Schicht beherrschen. Community Radio als Selbstbespiegelung einer homogenen Gruppe – das ist das Gegenteil dessen, was Bürgerradio einmal sein wollte.

Die geringe Reichweite überrascht daher nicht. Warum sollte jemand ein Medium nutzen, das hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt ist? Das Internet bietet heute erheblich bessere Partizipationsmöglichkeiten als ein Berieselungsmedium, dessen Hauptfunktion darin besteht, die eigenen Mitglieder bei der Selbstvergewisserung zu unterstützen.

Wer unreflektierte Ansichten am Mikrofon rausposaunt, betreibt noch keinen Journalismus. Journalismus ist ein Handwerk, das Ausbildung und Standards erfordert – nicht die Demokratisierung des Monologisierens. Die Verwechslung von persönlicher Betroffenheit mit publizistischer Kompetenz ist ein weit verbreiteter Irrtum im Bereich der "Freien Medien".

Hörfunk wird bis 2035 ausbluten, UKW-Übertragung wird längst Geschichte sein. Digitale Plattformen bieten heute erheblich differenziertere Möglichkeiten für zielgruppenspezifische Kommunikation. Statt am beitragsfinanzierten Rundfunk festzuhalten, der für stark politisierte Inhalte mediengattungsbedingt ungeeignet ist, könnten "Freie Radios" kooperative Web- und App-basierte Plattformen entwickeln.

Doch dafür müsste man das gemütliche Biotop der institutionellen Dauralimentierung verlassen und sich den Unwägbarkeiten digitaler Medienrealität stellen. Das scheint wenig attraktiv für eine Szene, die sich lieber in der Sicherheit öffentlicher Förderung einrichtet.

Die Lizenzverlängerung bis 2035 zementiert eine Struktur, die längst zum Selbstzweck geworden ist. Zehn weitere Jahre institutionalisierte Echokammer, in der sich eine überschaubare Gruppe selbst beim Sprechen zuhört und sich dabei für besonders kritisch hält.

Ein bisschen mehr Selbstkritik und ein bisschen weniger Selbstinszenierung täten gut. Aber wer würde das senden? Das eigene Publikum möchte schließlich bestätigt, nicht irritiert werden. So dreht sich das Karussell der subventionierten Selbstgewissheit weiter – finanziert von jenen, die es nicht hören, für jene, die nichts anderes hören wollen.

Die ursprüngliche Idee des Bürgerradios – Partizipation, Vielfalt, demokratischer Diskurs – verkommt zur Kulisse für improvisierte Selbstverwirklichungsprojekte. Ein Mikrokosmos selbstreferenzieller Inhalte, produziert für ein Publikum, das sich selbst am Mikrofon applaudiert. Herzlichen Glückwunsch zur Lizenzverlängerung – möge das Echo noch lange nachhallen.