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Artikel » Post von Wagner: Liebes Radio Corax
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Post von Wagner: Liebes Radio Corax

13. Juni 2025
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Liebes Radio Corax,

heute Morgen saß ich mit meiner Katze Mucki beim Frühstück und dachte: Was ist eigentlich aus dem guten alten Bürgerradio geworden? Ihr habt eure Lizenz bis 2035 verlängert bekommen - Glückwunsch! Aber mal ehrlich unter uns Pinguinen: Ist das noch das rebellische Radio von früher?

Da lese ich euer Fördermittel-Portfolio wie einen Supermarkt-Kassenbon der Gutmenschen-Industrie: Stadt Halle, Medienanstalt, Bundesamt für Familie, Postcode Lotterie - ihr seid ja besser vernetzt als die Kanzlerin auf Instagram! Aber wer so staatlich alimentiert wird wie ein Panda im Zoo, sollte vielleicht nicht jeden Tag über das böse "System" meckern, oder?

Dann bietet euch die Medienanstalt 2023 großzügig DAB+ an - und ihr sagt: "Nee, danke, ist uns zu modern!" Stattdessen dudelt ihr weiter mit euren 2000er-Jahre-Jingles vor euch hin wie ein kaputtes Tamagotchi. Innovation ist wohl nur was für die anderen, wa?

Und was läuft bei euch im Programm? Therapeutische Selbstfindungs-Monologe zwischen Poetry-Slam und Uni-Seminar! Da redet einer über seine Befindlichkeiten, als würde er seiner Mutter am Telefon das Wochenende erzählen. Das ist kein Radio - das ist Audio-Nabelschau mit staatlicher Förderung!

Besonders schön war euer Schweigen zu den Polizei-Aktionen am Kanal. Ausgerechnet im Pride-Monat macht das queer-feministische Radio queere Realität unsichtbar! Da wird ein älterer Herr kriminalisiert, und ihr sendet lieber den x-ten Podcast über intersektionale Katzenhaltung oder so.

Wenn ich euer Funkhaus betrete, sehe ich den kaputten Getränkeautomaten und denke: Das ist die perfekte Metapher! Ihr redet über gesellschaftliche Fürsorge, aber kriegt nicht mal euren eigenen Laden auf die Reihe.

25 Jahre Radio machen, und am Ende ist es eine geschlossene Veranstaltung für Leute geworden, die sich gegenseitig beim Klugscheißern zuhören. Das ist das Gegenteil von dem, was Bürgerradio mal sein wollte: offen für alle, nicht nur für die, die den akademischen Szene-Code beherrschen.

Bis 2035 wird UKW sowieso Geschichte sein, und ihr hängt immer noch am alten Kram wie ein Rentner an seiner Zeitung. Digitale Zukunft? Fehlanzeige! Lieber gemütlich im subventionierten Biotop weitermachen und sich dabei für total rebellisch halten.

Die ursprüngliche Idee - Partizipation, Vielfalt, echter Bürgerdiskurs - ist zur Kulisse für improvisierte Selbstverwirklichung verkommen. Ihr seid ein Mikrokosmos geworden, der hauptsächlich mit sich selbst redet und sich dabei wahnsinnig wichtig vorkommt.

Aber hey, Glückwunsch zur Lizenzverlängerung! Noch zehn Jahre institutionalisierte Echokammer für alle, die gerne sich selbst beim Sprechen zuhören.

Herzlichst, Ihr Franz Josef Wagner