Stahlkonzern in der Krise Thyssenkrupp plant radikalen Umbau
Hochofen von Thyssenkrupp Steel in Duisburg: Man sei von López’ Vorstoß überrumpelt worden, heißt es in Arbeitnehmerkreisen
Foto: Rupert Oberhäuser / picture alliance / Rupert OberhäuserDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Deutschlands Industrieikone Thyssenkrupp steht vor einem Großumbau. Der Essener Traditionskonzern teilte am Montagnachmittag mit, strategisches Ziel sei es, »schrittweise alle Geschäftsbereiche« von Thyssenkrupp »zu verselbstständigen und für die Beteiligung Dritter zu öffnen«. Zu diesem Zweck soll das Unternehmen in eine Holding ohne eigenes Geschäft umgewandelt werden. An der Börse kam die Ankündigung gut an, der Aktienkurs legte zeitweise um sieben Prozent zu.
Bereits seit Jahren verhandelt Thyssenkrupp darüber, das Stahlgeschäft zur Hälfte an die Finanzholding EPG des tschechischen Milliardärs Daniel KÅ™etÃnský abzugeben. Für die Marinesparte Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) sucht der Konzern ebenfalls seit Langem einen neuen Miteigentümer. Nachdem ein Verkauf an den Rüstungskonzern Rheinmetall gescheitert ist, setzt Thyssenkrupp nun auf einen Börsengang.
Doch Vorstandschef Miguel López will jetzt offenbar beim Umbau des Konzerns noch einige Schritte weiter gehen.
Demnach sollen sich auch die Segmente Materials Services, dahinter verbirgt sich der Handel mit Stahl und anderen Wertstoffen, und das schwächelnde Autozuliefergeschäft Automotive Technology »kapitalmarktfähig aufstellen und in die Eigenständigkeit folgen, sobald die dafür nötigen Voraussetzungen geschaffen sind«, teilte Thyssenkrupp mit. Das gleiche gelte »perspektivisch« für den noch jungen Bereich Decarbon Technologies, in dem der Konzern grüne Technologien gebündelt hat. Schon vor Jahren hatte Thyssenkrupp das Aufzugsgeschäft verkauft, um die enorme Schuldenlast zu senken, ohne dadurch dauerhaft aus der Krise zu kommen.
Widerstand der Arbeitnehmer
Thyssenkrupp strebt zumindest vorläufig an, »nach Herstellung der Kapitalmarktfähigkeit Mehrheitsbeteiligungen an den Geschäftsbereichen zu halten«, mit Ausnahme des Stahlgeschäfts. Es gehe darum, die Eigenverantwortlichkeit der Geschäftsbereiche zu stärken, ihnen Kapitalmarktzugang zu verschaffen und die »unternehmerische Flexibilität« zu erhöhen.
López möchte seine Pläne noch in diesem Jahr dem Aufsichtsrat um den früheren BDI-Präsidenten und Ex-Siemens-Manager Siegfried Russwurm vorlegen. Während auf der Anteilseignerseite die Unterstützung als sehr wahrscheinlich gilt, deutet sich auf Seiten des Arbeitnehmerflügels Widerstand an.
Man sei von López Vorstoß überrumpelt wurden, heißt es in Arbeitnehmerkreisen. Seit López Amtsantritt vor knapp zwei Jahren hatten Betriebsrat und Gewerkschaft immer wieder dessen unkooperativen Führungsstil beklagt. Inhaltlich stellen sich die Arbeitnehmervertreter offenbar nicht grundsätzlich gegen den Umbau zu einer Holding und eine Verselbständigung von Geschäftsbereichen. Dazu brauche es jedoch verlässliche Partner, die Geld mitbrächten und tragfähige Strategien, sonst seien Arbeitsplätze und Standorte gefährdet. Wenn es nur darum gehe, die Geschäftsbereiche für die Börse hübsch zu machen, werde die Arbeitnehmerseite dem Vorhaben nicht zustimmen.
Thyssenkrupp kämpft seit langem mit Problemen vor allem im Stahlgeschäft, im zweiten Geschäftsquartal war Thyssen-Krupp Steel Europe (TKS) erneut in die Verlustzone gerutscht. Der Konzern tut sich schwer mit der Transformation hin zu einer CO2-armen Produktion, zumal der finanzielle Spielraum eingeschränkt ist. López holte daher mit KÅ™etÃnský einen neuen Miteigentümer an Bord, über seine Holding EPG erwarb er 20 Prozent an Thyssen-Krupp Steel. Gespräche über eine Aufstockung auf 50 Prozent verlaufen jedoch äußerst mühsam. Da TKS unter hohen Pensionslasten ächzt und der Erfolg der Transformation zum grünen Stahlhersteller unsicher ist, konnten beide Seiten sich bislang nicht auf einen Kaufpreis und ein unternehmerisches Konzept einigen.