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Von Kassel in den Bundestag: Zu Besuch bei Violetta Bock

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Violetta Bock ist 37 und zog bei der Bundestagswahl im Februar überraschend für die Linke in den Bundestag ein. Beim Gespräch in Berlin erzählt sie, was sie als Oppositionelle in den nächsten vier Jahren vorhat.

Berlin – Als sie 2007 ihr Abi in der Tasche hatte, sagt Violetta Bock, habe sie schon einmal überlegt, nach Berlin zu ziehen. Da seien „die Mieten noch günstig“ gewesen. Aber dann entschied sich die Passauerin, die Hochdeutsch statt Niederbayerisch spricht, für das Politikstudium an der Uni Kassel. 18 Jahre später zieht Bock wirklich nach Berlin – als Abgeordnete des Deutschen Bundestags. Und das, obwohl ihre Partei, die Linke, noch Wochen vor der Wahl als chancenlos galt.

Wie kam es dazu? Und was hat die 37-Jährige in der Hauptstadt vor?

Dienstag vorletzte Woche, 8 Uhr morgens. Violetta Bock trägt Schlaghose und ein nicht mehr ganz so neues, schwarz-weiß gestreiftes T-Shirt – also den Look, für den man sie aus der Rothen Ecke, ihrem Stadtteilzentrum in Rothenditmold, kennt. Jetzt lautet ihre Büroadresse Dorotheenstraße 93, 10117 Berlin. Zum Brandenburger Tor braucht sie zu Fuß gut zwei Minuten zu Fuß. Ein Weg, den sonst vor allem Anzugträger nehmen.

Violetta Bock, Linken-Bundestagsabgeordnete aus Kassel, am 13. Mai in einem Gebäude des Bundestags
Violetta Bock, Linken-Bundestagsabgeordnete aus Kassel, am 13. Mai in einem Gebäude des Bundestags © Foto: Franz Viohl

Seit 2016 sitzt Violetta Bock in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung

Im Gespräch geht es, natürlich, um die Miete. Das Thema treibt Bock um, seit sie 2016 in die Kasseler Stadtverordnetenversammlung kam. Sie machte Wahlkampf damit, als sie Oberbürgermeisterin und Landtagsabgeordnete werden wollte. „Berlin ist ein Beispiel, wie internationale Inverstoren die Stadt zur Geschäftemacherei nutzen“, sagt sie. Seit ihrem Abi seien die Mieten in keiner anderen deutschen Stadt stärker gestiegen. Wer Berlin kennt, kann den Wandel im Stadtbild sehen: Selbst in sozial schwachen Bezirken wie Neukölln müssen Geringverdiener und Mittelschichtsfamilien zunehmend Loft-Bewohnern und Kunstgaleristen weichen.

„Wir dürfen die Wohnungsfrage nicht nur durch die Losung Bauen, Bauen, Bauen – was ja auch eine Lobby-Forderung ist – lösen“, meint Bock. Auch im Bestand würden die Mieten stark anziehen. „Deshalb ist der Mietendeckel wichtig.“ Nach einer politischen Mehrheit dafür sieht es im Bundestag derzeit nicht aus. Was kann Bock überhaupt aus der Opposition heraus erreichen?

Berlin ist ein Beispiel, wie internationale Inverstoren die Stadt zur Geschäftemacherei nutzen.

Violetta Bock, Bundestagsabgeordnete

Die Linke und Opposition – das gehört im Bund und in fast ganz Westdeutschland seit jeher fest zusammen. Deshalb haben sich die Abgeordneten darauf spezialisiert, die Regierenden mit kritischen Fragen zu konfrontieren. Im Bundestag heißen die Kleine oder Große Anfragen, außerdem gibt es schriftliche Fragen der Abgeordneten. Violetta Bock nennt ein Beispiel: „Wenn wir in Kassel wissen wollten, wieviel Bürgeldempfänger bei der Miete oder Heizung dazu zahlen müssen, dann gab es da nie Zahlen.“ Über die Anfragen gehe das nun. So habe die Linksfraktion etwa herausgefunden, dass 20 Prozent der Alleinerziehenden aus dem Regelsatz etwas oben drauf zahlen müssen.

Die Infos wolle sie nutzen, um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erzeugen und Druck zu machen. Dazu passt, dass Bock seit vergangener Woche stellvertretendes Mitglied im Wohnausschuss des Bundestags ist, ebenso in den Gremien für Innen- und Außenpolitik. Mehr Einfluss hat sie als Vollmitglied im Klimaausschuss des Parlaments, ein Themenfeld, das ohne die Grünen an der Regierung aktuell eher unter dem Radar läuft.

01.06.2024, Berlin: „Die Miete ist zu hoch!“ steht auf einem Plakat während einer Demonstration gegen hohe Mieten. Zahlreiche Menschen folgten dem Aufruf zur Mieten-Demo am Potsdamer Platz. Auf Plakaten und Transparenten forderten sie unter anderem einen Mietendeckel und die Enteignung der Wohnungsbau-Gesellschaften. (zu dpa: „Neue Grünen-Parteispitze denkt über Mietenstopp nach“) Foto: Paul Zinken/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
„Die Miete ist zu hoch!“: Teilnehmer einer Demo protestieren im Juni 2024 für die Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften. © Paul Zinken/dpa

Violetta Bock ist im Bundestag Mitglied in vier Ausschüssen

Wie sieht ihr neuer Alltag aus? In zwölf Tagen, sagt Bock, habe sie 30 Stunden in Zügen verbracht. Die Woche vor dem Interview sei so gewesen: „Montag Stadtverordnetenversammlung in Kassel, Dienstag bis Donnerstag Berlin, Freitag Kassel, Samstag und Sonntag Parteitag in Chemnitz. Dann wieder nach Kassel und seit Montag wieder in Berlin.“ Klingt stressig, aber ihrer Laune scheint das nicht zu schaden. Danach gefragt, wie es sich anfühle, bei der Kanzlerwahl im Bundestag zu sitzen, muss Bock lachen. Das sei gar nicht so besonders. „Der Plenarsaal wirkt von unten übrigens viel kleiner aus als von oben.“

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Dann kommt sie nochmal auf die Bahn zu sprechen. „Man fährt Zug und fragt sich, was ist mit der Infrastruktur? Warum fehlt Personal?“ Das Thema betreffe ja auch Kassel, wo viele Menschen in der Instandhaltung und bei DB Cargo arbeiteten. Und: „Als Abgeordnete dürfen wir in der ersten Klasse fahren. Ich sitze aber lieber in der zweiten.“ Am Nahverkehr in Berlin schätzt sie, „dass man zu jeder Zeit zu einer Haltestelle gehen kann und weiß, dass bald eine U-, eine S-Bahn oder ein Bus kommt“.

Zu Gast im Bundestag

Drei Kasseler Politiker schafften es bei der Bundestagswahl am 23. Februar nach Berlin. Daniel Bettermann von der SPD gewann das Direktmandat im Wahlkreis Kassel knapp vor der CDU. Boris Mijatovic (Grüne) und Violetta Bock (Linke) zogen über die hessischen Landeslisten ihrer Parteien ins Parlament ein. Dieser Artikel über die Linken-Politikerin ist der dritte Teil einer Reihe über die Kasseler Abgeordneten.

Über die AfD, die ihre Büros gleich nebenan hat, sagt Bock: „Die sind mit uns im Gebäude, aber ich grüße die nicht.“ Ein Verbot der Partei, wie es seit der Einstufung durch den Verfassungsschutz als rechtsextrem diskutiert wird, fände sie gut. Aber das allein behebe nicht die Ursachen für das Wählerverhalten. „Hier geht es um die multiplen Krisen, gerade um die sozialen Fragen.“

Deutscher Bundestag Berlin konstituierende Sitzung Kasseler Abgeordnete Boris Mijatovic (Grüne), Violetta Bock (Linke) und Daniel Bettermann (SPD)
Drei Kasseler im Bundestag: Violetta Bock (Mitte) von der Linken ist wie Daniel Bettermann (rechts) von der SPD neu im Bundestag, Boris Mijatovic von den Grünen ist bereits seit 2021 Abgeordneter. © privat

Wird sie oft in Kassel sein? Bock nickt. „Mir ist es sehr wichtig, nah dran zu bleiben an den Menschen im Wahlkreis.“ Allerdings müssen sie im Moment noch „viele vertrösten“, die sich mit dem Wunsch nach einem Berlin-Besuch bei ihr gemeldet hätten. Sie müsse sich erst noch einrichten. Tatsächlich wirkt ihr Büro ziemlich karg.

Am Ende bleibt die Frage, was der raue Parlamentsbetrieb in Berlin mit einer Frau macht, die Politik bisher aus dem Kommunalen kannte. Kann sie den Idealismus durchhalten? Wie schmerzhaft werden Kompromisse, wenn man mal mitregieren will? Violetta Bock, so scheint es, macht sich keine Sorgen.

Gibt es einen Glücksbringer aus der Heimat? „Ich hatte jetzt immer meine Stofftasche von der Rothen Ecke dabei.“  

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