Hitlers „Defensivspezialist“ verlängerte den sinnlosen Abwehrkampf um Wochen
Das industrielle Herz Deutschlands war 1945 das Ruhrgebiet. Um Ostern herum kesselten US-Truppen hier rund 350.000 deutsche Soldaten ein. Generalfeldmarschall Walter Model fabulierte von einem sicheren „Sieg“ des Dritten Reiches – und entzog sich seiner Verantwortung.
Dieser Preis war wirklich lohnend: Rund drei Viertel der industriellen Kapazität Hitlerdeutschlands lagen auf den rund 5000 Quadratkilometern des Gebietes zwischen Lippe, Emscher und Ruhr, rund um die Großstädte Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Hamm. Riesige Kohlenflöze, 16 Kilometer breit, zogen sich unter der Ruhr entlang, fast 65 Kilometer weit. In 150 Bergwerken arbeiteten rund 30.000 Bergleute und förderten mehr als zwei Drittel des deutschen Kohlebedarfs. So massierte sich hier auch die Stahlindustrie; insgesamt mehr als 2500 Fabriken stellten hier Rüstungsgüter her. An deren Schmelzöfen, Pressen, Walzwerken und anderen Einrichtungen aller Art arbeiten auch Anfang 1945 noch mehrere Millionen Menschen. Kein Zweifel: Das Ruhrgebiet war das wirtschaftliche Herz des Dritten Reiches.
Deshalb war es seit Ausbruch des Krieges stets eines der Hauptziele für die Bomber der Royal Air Force (RAF) gewesen. Seit März 1942 hatten unzählige Großangriffe auf Städte und Infrastruktur eben dieser Region gezielt. Allein Essen hatte 272 verschiedene Attacken erdulden müssen, die neun Zehntel der Innenstadt zerstörten.
Doch der strategische Erfolg der Luftangriffe war vergleichsweise begrenzt: Nach jedem Bombardement wurden die Brände gelöscht, die Stahlöfen repariert und die Fließbänder wieder in Betrieb genommen. Auch wenn die Attacken schwere Rückschläge bei der Produktion zur Folge hatten, waren sie doch behebbar.
Das offensichtlich einzige sichere Mittel, die Rüstungsproduktion im Ruhrgebiet zum Stillstand zu bringen, bestand in der Besetzung des gesamten Areals. Daher hatten die Strategen des alliierten Oberkommandos bereits seit 1943 Pläne für die Eroberung ausgearbeitet – als einem der Fernziele der Invasion in der Normandie.
In der letzten Woche vor Ostern 1945 war es so weit. Flussaufwärts, bei Remagen südlich von Bonn, hatten US-Truppen überraschend schon am 7. März eine benutzbare Rheinbrücke erobert und waren auf das Ostufer des Stroms vorgestoßen. Nördlich des Ruhrgebietes, bei Wesel, war der Rheinübergang 16 Tage später gelungen. Nun standen auf dem West- und teilweise bereits auf dem Ostufer des Rheins vier Millionen amerikanische, britische, kanadische und französische Soldaten bereit, den Vorstoß nach Osten zu beginnen – zusätzlich einige zehntausend Polen und mehrere tausend Niederländer.
Für die Operation gegen das Ruhrgebiet waren zwei besonders kampfstarke amerikanische Verbände vorgesehen: die erste US-Armee im Süden mit zwei Panzer- und sieben motorisierten Infanteriedivisionen sowie die neunte im Norden mit einer Panzer- und fünf Infanteriedivisionen sowie zusätzlich massiven britisch-kanadischen Kräften im Rücken.
Mit der 3. Panzerdivision an der Spitze, die seit ihrer Beteiligung am Ausbruch der Invasionstruppen aus der Normandie den Spitznamen „Spearhead“ (auf Deutsch: „Speerspitze“) trug, stießen die Verbände der ersten Armee über Marburg (eingenommen am 28. März 1945) nach Norden Richtung Paderborn vor und ließen das bergige Sauerland links liegen. Am 30. März geriet ihr Kommandant, Major General Maurice Rose, während einer Frontaufklärung hinter den deutschen Linien in eine Kampfgruppe der Waffen-SS und fiel. Er war der ranghöchste US-Soldat, der auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch feindliches Feuer getötet wurde.
Die neunte Armee erreichte am 29. März Haltern am See, das gemeinsam mit britischen Truppen eingenommen wurde, und stieß bis zum Ostersamstag, dem 31. März, teilweise an die Ems vor – vorneweg: die 2. US-Panzerdivision mit dem Spitznamen „Hell on wheels“ (auf Deutsch: „Hölle auf Rädern“).
Das war schon weiter als gleichzeitig die erste US-Armee im Süden, sodass die beiden Panzerdivisionen teilweise einschwenkten, aufeinander zu rollten und sich von Nordwesten wie Süden her Lippstadt näherten. Eine Vereinigung westlich von Paderborn wie eigentlich geplant erwies sich als unmöglich, eben weil dort Panzer der Waffen-SS standen.
Da sich zu diesem Zeitpunkt in Lippstadt kaum mehr deutschen Soldaten befanden, wurde die Stadt kampflos und weitgehend unzerstört den beiden Panzerdivisionen „Hell on whells“ und „Spearhead“ übergeben. Nun waren die deutschen Verbände an der Ruhr eingekesselt.
Dabei handelte es sich um rund 350.000 Mann, im Wesentlichen die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Walter Model, und damit mehr als die beiden US-Armeen, die „nur“ etwa 250.000 Mann zählten. Doch die Deutschen, wild zusammengewürfelt aus großenteils zerschlagenen Kampfeinheiten sowie improvisierten Volkssturmverbänden, waren demoralisiert und ungenügend versorgt, hatten kaum mehr schwere Waffen, wenig Munition und keine Luftunterstützung.
Gegen die bestens ausgestatteten und massiv von Jagdbombern unterstützten amerikanischen Soldaten konnten sie höchstens „hinhaltenden Widerstand“ leisten. Ein militärisch sinnloses Vorgehen, das lediglich weitere Menschen das Leben kostete, die nicht hätten sterben müssen. Hauptverantwortlich für diese Kämpfe war Model, Hitlers „Defensivspezialist“. Er hatte am 29. März 1945 noch einen Befehl herausgegeben, in dem es hieß: „Der Sieg der nationalsozialistischen Idee steht außer Zweifel.“
Stattdessen begannen die US-Truppen zunächst von Norden, wenige Tage später auch von Süden her, den Kessel zu „säubern“, also die noch von Wehrmachtseinheiten gehaltenen Gebiete systematisch zu erobern. Am 12. April spalteten sie die deutschen Verbände in zwei Teile. Der östliche, kleinere Teilkessel rund um Iserlohn kapitulierte bereits drei Tage später, der größere Teilkessel östlich von Düsseldorf dagegen erst am 21. April.
Am selben Tag entzog sich Model, der mehrere Kapitulationsangebote abgelehnt hatte, der Gefangennahme durch einen Schuss in den Kopf. Mehrfach hatte er sich in den Tagen zuvor vorsätzlich in feindliches Feuer begeben – wohl, um „ehrenvoll“ zu fallen. Doch das gelang nicht.
Als einziger Generalfeldmarschall der Wehrmacht erfüllte er Hitlers Erwartung, als Inhaber des höchsten militärischen Ranges eher in den Tod zu gehen als zu kapitulieren. Allerdings kostete diese persönliche Entscheidung wahrscheinlich mehr als 12.000 Menschen das Leben, die zwischen dem 1. und dem 21. April 1945 im Ruhrkessel starben: knapp drei Prozent der Deutschen und ein dreiviertel Prozent der US-Soldaten. Das war zwar deutlich weniger als beispielsweise bei der Schlacht im Hürtgenwald (Todesrate der eingesetzten Truppen: zehn bis 15 Prozent), aber dennoch erheblich.