Ruhrkessel

Hitlers „Defensivspezialist“ verlängerte den sinnlosen Abwehrkampf um Wochen

Von Johann Althaus
Stand: 07:27 UhrLesedauer: 5 Minuten
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US-Fallschirmjäger am 29. März 1945 aufgesessen auf einem britischen „Churchill“-Panzer, um schneller gen Osten um das Ruhrgebiet herum vorzustoßen.Quelle: US Signal Corps / Public Domain

Das industrielle Herz Deutschlands war 1945 das Ruhrgebiet. Um Ostern herum kesselten US-Truppen hier rund 350.000 deutsche Soldaten ein. Generalfeldmarschall Walter Model fabulierte von einem sicheren „Sieg“ des Dritten Reiches – und entzog sich seiner Verantwortung.

Dieser Preis war wirklich lohnend: Rund drei Viertel der industriellen Kapazität Hitlerdeutschlands lagen auf den rund 5000 Quadratkilometern des Gebietes zwischen Lippe, Emscher und Ruhr, rund um die Großstädte Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Hamm. Riesige Kohlenflöze, 16 Kilometer breit, zogen sich unter der Ruhr entlang, fast 65 Kilometer weit. In 150 Bergwerken arbeiteten rund 30.000 Bergleute und förderten mehr als zwei Drittel des deutschen Kohlebedarfs. So massierte sich hier auch die Stahlindustrie; insgesamt mehr als 2500 Fabriken stellten hier Rüstungsgüter her. An deren Schmelzöfen, Pressen, Walzwerken und anderen Einrichtungen aller Art arbeiten auch Anfang 1945 noch mehrere Millionen Menschen. Kein Zweifel: Das Ruhrgebiet war das wirtschaftliche Herz des Dritten Reiches.

Deshalb war es seit Ausbruch des Krieges stets eines der Hauptziele für die Bomber der Royal Air Force (RAF) gewesen. Seit März 1942 hatten unzählige Großangriffe auf Städte und Infrastruktur eben dieser Region gezielt. Allein Essen hatte 272 verschiedene Attacken erdulden müssen, die neun Zehntel der Innenstadt zerstörten.

Doch der strategische Erfolg der Luftangriffe war vergleichsweise begrenzt: Nach jedem Bombardement wurden die Brände gelöscht, die Stahlöfen repariert und die Fließbänder wieder in Betrieb genommen. Auch wenn die Attacken schwere Rückschläge bei der Produktion zur Folge hatten, waren sie doch behebbar.

Das offensichtlich einzige sichere Mittel, die Rüstungsproduktion im Ruhrgebiet zum Stillstand zu bringen, bestand in der Besetzung des gesamten Areals. Daher hatten die Strategen des alliierten Oberkommandos bereits seit 1943 Pläne für die Eroberung ausgearbeitet – als einem der Fernziele der Invasion in der Normandie.

In der letzten Woche vor Ostern 1945 war es so weit. Flussaufwärts, bei Remagen südlich von Bonn, hatten US-Truppen überraschend schon am 7. März eine benutzbare Rheinbrücke erobert und waren auf das Ostufer des Stroms vorgestoßen. Nördlich des Ruhrgebietes, bei Wesel, war der Rheinübergang 16 Tage später gelungen. Nun standen auf dem West- und teilweise bereits auf dem Ostufer des Rheins vier Millionen amerikanische, britische, kanadische und französische Soldaten bereit, den Vorstoß nach Osten zu beginnen – zusätzlich einige zehntausend Polen und mehrere tausend Niederländer.

US-Panzer vom Typ Pershing werden für den schnellen Vormarsch aufgetankt
US-Panzer vom Typ Pershing werden für den schnellen Vormarsch aufgetanktQuelle: Universal Images Group via Getty Images/Photo 12

Für die Operation gegen das Ruhrgebiet waren zwei besonders kampfstarke amerikanische Verbände vorgesehen: die erste US-Armee im Süden mit zwei Panzer- und sieben motorisierten Infanteriedivisionen sowie die neunte im Norden mit einer Panzer- und fünf Infanteriedivisionen sowie zusätzlich massiven britisch-kanadischen Kräften im Rücken.

Mit der 3. Panzerdivision an der Spitze, die seit ihrer Beteiligung am Ausbruch der Invasionstruppen aus der Normandie den Spitznamen „Spearhead“ (auf Deutsch: „Speerspitze“) trug, stießen die Verbände der ersten Armee über Marburg (eingenommen am 28. März 1945) nach Norden Richtung Paderborn vor und ließen das bergige Sauerland links liegen. Am 30. März geriet ihr Kommandant, Major General Maurice Rose, während einer Frontaufklärung hinter den deutschen Linien in eine Kampfgruppe der Waffen-SS und fiel. Er war der ranghöchste US-Soldat, der auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch feindliches Feuer getötet wurde.

Die neunte Armee erreichte am 29. März Haltern am See, das gemeinsam mit britischen Truppen eingenommen wurde, und stieß bis zum Ostersamstag, dem 31. März, teilweise an die Ems vor – vorneweg: die 2. US-Panzerdivision mit dem Spitznamen „Hell on wheels“ (auf Deutsch: „Hölle auf Rädern“).

US-Panzer rücken am 12. April 1945 in einem Dorf im Sauerland vor
US-Panzer rücken am 12. April 1945 in einem Dorf im Sauerland vorQuelle: US Signal Corps / Public Domain

Das war schon weiter als gleichzeitig die erste US-Armee im Süden, sodass die beiden Panzerdivisionen teilweise einschwenkten, aufeinander zu rollten und sich von Nordwesten wie Süden her Lippstadt näherten. Eine Vereinigung westlich von Paderborn wie eigentlich geplant erwies sich als unmöglich, eben weil dort Panzer der Waffen-SS standen.

Da sich zu diesem Zeitpunkt in Lippstadt kaum mehr deutschen Soldaten befanden, wurde die Stadt kampflos und weitgehend unzerstört den beiden Panzerdivisionen „Hell on whells“ und „Spearhead“ übergeben. Nun waren die deutschen Verbände an der Ruhr eingekesselt.

Dabei handelte es sich um rund 350.000 Mann, im Wesentlichen die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Walter Model, und damit mehr als die beiden US-Armeen, die „nur“ etwa 250.000 Mann zählten. Doch die Deutschen, wild zusammengewürfelt aus großenteils zerschlagenen Kampfeinheiten sowie improvisierten Volkssturmverbänden, waren demoralisiert und ungenügend versorgt, hatten kaum mehr schwere Waffen, wenig Munition und keine Luftunterstützung.

Gegen die bestens ausgestatteten und massiv von Jagdbombern unterstützten amerikanischen Soldaten konnten sie höchstens „hinhaltenden Widerstand“ leisten. Ein militärisch sinnloses Vorgehen, das lediglich weitere Menschen das Leben kostete, die nicht hätten sterben müssen. Hauptverantwortlich für diese Kämpfe war Model, Hitlers „Defensivspezialist“. Er hatte am 29. März 1945 noch einen Befehl herausgegeben, in dem es hieß: „Der Sieg der nationalsozialistischen Idee steht außer Zweifel.“

Stattdessen begannen die US-Truppen zunächst von Norden, wenige Tage später auch von Süden her, den Kessel zu „säubern“, also die noch von Wehrmachtseinheiten gehaltenen Gebiete systematisch zu erobern. Am 12. April spalteten sie die deutschen Verbände in zwei Teile. Der östliche, kleinere Teilkessel rund um Iserlohn kapitulierte bereits drei Tage später, der größere Teilkessel östlich von Düsseldorf dagegen erst am 21. April.

Am selben Tag entzog sich Model, der mehrere Kapitulationsangebote abgelehnt hatte, der Gefangennahme durch einen Schuss in den Kopf. Mehrfach hatte er sich in den Tagen zuvor vorsätzlich in feindliches Feuer begeben – wohl, um „ehrenvoll“ zu fallen. Doch das gelang nicht.

Als einziger Generalfeldmarschall der Wehrmacht erfüllte er Hitlers Erwartung, als Inhaber des höchsten militärischen Ranges eher in den Tod zu gehen als zu kapitulieren. Allerdings kostete diese persönliche Entscheidung wahrscheinlich mehr als 12.000 Menschen das Leben, die zwischen dem 1. und dem 21. April 1945 im Ruhrkessel starben: knapp drei Prozent der Deutschen und ein dreiviertel Prozent der US-Soldaten. Das war zwar deutlich weniger als beispielsweise bei der Schlacht im Hürtgenwald (Todesrate der eingesetzten Truppen: zehn bis 15 Prozent), aber dennoch erheblich.


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KOMMENTARE (20)


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SH
Veröffentlicht vor 11 Minuten | Eingereicht vor 11 Minuten
Wozu dienen solche Artikel und ähnliches in den Medien? Stundenlang Dokus über ww 2, und Waffen? Haben wir nicht aktuell genug Brandherde auf dieser Welt?
BK
Veröffentlicht vor 6 Minuten | Eingereicht vor 6 Minuten
Weil sie interessant und lehrreich sind?
TS
Veröffentlicht vor 15 Minuten | Eingereicht vor 17 Minuten
Da vom Deutschen Reich die bedingungslose Kapitulation gefordert wurde brauchte man sich nicht wundern, wenn bis zur letzten Patrone gekämpft wurde. Die Friedensbedingungen nach dem 1. Weltkrieg waren bekannt. Darauf hatte man freiwillig keine Lust. Die Anzahl an Soldaten sagt noch nichts über ihren Kampfwert aus. Ausbildung, Erfahrung, Ausrüstung und Nachschub sind entscheidend. Die Amerikaner kann man als Soldaten nicht mit den Deutschen und Japanern vergleichen. Nur durch die Masse an Material wie der Luftüberlegenheit konnten diese militärische Erfolge erzielen. Ansonsten war der Kampfwert des amerikanischen Soldaten, wenn es ernst wurde doch lausig. Showmaker mehr auch nicht. Schön auch, wenn man der deutschen Seite unterstellt unnötig Todesopfer verursacht zu haben, weil sie hätten doch einsehen müssen, dass sie gegen die Übermacht der Amerikaner nicht gewinnen können. Den Ukrainern wird auch nicht 2025 vorgeworfen sich nicht zu ergeben, weil die Russen militärisch überlegen sind und auch durch westliche Waffenliegerungen sie die besetzten Gebiete nicht zurück erobern können. Für Deutschland im Jahr 2025 ist der mangelnde Verteidigungswillen der Bevölkerung beängstigender als ein Russland was nach Westen marschiert. Russland hätte ja schon deshalb leichtes Spiel, weil viele Bürger bei Umfragen sagen: "ich würde Deutschland nicht verteidigen, weil das ist nicht mein Krieg."
PW
Veröffentlicht vor 58 Minuten | Eingereicht vor 58 Minuten
Wie war es möglich, trotz schwerster, jahrelanger Bombardierungen den Transport und die Versorgung mit Kohle, Stahl, Kraftstoff und Elektrizität bis zum Ende durchzuführen? Wieso fuhren da noch Züge? Wieso waren nicht längst die E-Werke und Umspannwerke zerstört?
IB
Veröffentlicht vor 42 Minuten | Eingereicht vor 42 Minuten
Weil die deutschen Meister waren im Reparieren und Instandsetzten. Steht auch im Artikel. Besonders zu Bedenken ist das die damaliegen Bombardierungen nicht so präzise waren wie heute.
MM
Veröffentlicht vor 2 Stunden | Eingereicht vor 2 Stunden
Aus heutiger Sicht kann man mit Model hart ins Gericht gehen, nur sollte man dabei bedenken das auch Model Befehle ausführte so wie es Ihm beigebracht wurde. Er lehnte den Kommunismus ab, dies macht ihn jedoch nicht zum Natinalsozialisten und Parolen wie der Nationalsozialismus wird siegen waren keine Seltenheit und dies schon gar nicht nach Juli 1944. In der NS Propaganda spielte Model kaum eine Rolle auch nicht nach den Siegreichen Abwehrschlachten im Osten. Model wurde sogar in die Führerreserve geschoben. ielleicht sollte man Model als das sehen was er war, ein Kind seiner Zeit. Wir sind heute schnell mit dem Verurteilen unserer Großväter, aber jeder sollte sich ehrlich die Frage stellen wie er in so einer Situation gehandelt hätte. Sie waren Soldaten nicht mehr aber auch nicht weniger.
MR
Veröffentlicht vor 16 Minuten | Eingereicht vor 28 Minuten
Aus heutiger Sicht sehe ich, sehen Nachgeborene im Süden des Ruhrkessels, mit dankbaren Augen auf: Theodor Andresen (1907–1945), Bauunternehmer Otto Goetsch (1900–1962), stellvertretender Polizeipräsident Düsseldorf Carl Bernhard Hettmer, Organisationsleiter der Gruppe um Wiedenhofen Franz Jürgens (1895–1945), Kommandant der Schutzpolizei Düsseldorf Karl Kleppe (1889–1945), Malermeister Josef Knab (1894–1945), Ingenieur und Kaufmann Ernst Klein (1900–1964), Schreinermeister Josef Lauxtermann (1898–1972), Bäckermeister Karl Müller (1893–1949), Rechtsanwalt Aloys Odenthal (1912–2003), Architekt Hermann Weill (1924–1945), Student Karl August Wiedenhofen (1888–1958), Rechtsanwalt Theodor Winkens (1897–1967), Angestellter im Polizeipräsidium Düsseldorf Die "Aktion Rheinland", eine Gruppe patriotischer Deutscher, befehlsgewohnt und gewiss keine Kommunisten, führte todesmutig mit den Befehlshabern der alliierten Streitkräfte Gespräche, um eine Zerstörung dessen abzuwenden, was von Düsseldorf noch übrig war, um die Stadt widerstandsfrei zu übergeben, weitere Tote unter den Zivilisten zu vermeiden. Namentlich Groetsch und Jürgens waren keinesfalls Männer, die außerhalb der deutschen Militär- und Verwaltungstradition standen. Nein, selbst wenn man Model nicht an den Maßstäben dieser wirklich heldenhaften Männer messen möchte, war er ein außerordentlich regimetreuer, seine Landsleute in verbrecherischer Weise opfernder Kommandeur. Sie machen hier entweder sich selbst oder den anderen WELT-Lesern etwas vor.
WW
Veröffentlicht vor 2 Stunden | Eingereicht vor 2 Stunden
Sinnloses wird auch hier heutzutage unentwegt gemacht. Wir sind nicht weitergekommen.
CB
Veröffentlicht vor 3 Stunden | Eingereicht vor 3 Stunden
Ich habe mal eine interessante Doku auf Arte gesehen, wo ehemalige amerikanische Frontsoldaten sich ziemlich abfällig über die Wehrmacht geäußert haben. Im Vergleich zu japanischen Soldaten, die man einzeln bis zum letzten Mann bekämpfen musste, konnte man die Deutschen zu Hunderttausenden einkesseln und sie dann ziemlich schnell zur Kapitulation bringen.
TB
Veröffentlicht vor 2 Stunden | Eingereicht vor 2 Stunden
Das wird so gewesen sein, aber die japanische Armee und die deutsche Armee gleichzusetzen ist fast nicht möglich. Die Japaner hatten schon immer den Samurai-Code intus, also Kampf bis zur letztem Atemzug. Diesen Kodex hatte keine deutsche Armee in der Geschichte, und es gab viele davon. Deswegen wurde ja die Waffen-SS gegründet um so einen Mythos zu generieren. Ja von einem deutschen/preussischen Soldaten wurde Tapferkeit und Mut verlangt, aber kein deutscher Heerführer in den regulären Armee hat je verlangt das sich die Soldaten selbstmörderisch opfern.
RM
Veröffentlicht vor 3 Stunden | Eingereicht vor 3 Stunden
Ich dachte der größte und teils auch einzige Defensivspezialist im 3. Reich bzw. in der Wehrmacht war Gotthart Heinrici, der die Autobahnschlacht vor Moskau kommandierte und den Verteidigungskampf in den Seelower Höhen? Die Bilanz von Model in dem Kessel war jetzt auch nicht berauschend, wenn man hier grade mal knapp 3 Wochen durchgehalten hat.... kann man wirklich sagen, das sich der Einsatz nicht gelohnt hat.
SF
Veröffentlicht vor 3 Stunden | Eingereicht vor 3 Stunden
Mit Verweis auf Herrn Kellerhoffs Artikel über Model sollte noch angemerkt werden, das er zum Ende hin die Heeresgruppe auflöste und jedem Soldaten die Wahl überließ weiterzukämpfen, zu kapitulieren oder sich gen Heimat durchzuschlagen. https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article116756783/Walter-Model-Hitlers-Retter-der-Ostfront.html
KK
Veröffentlicht vor 29 Minuten | Eingereicht vor 29 Minuten
Korrekt. Auch mein Vater war im Kessel. Er und mehrere seiner Kameraden entzogen sich der Gefangennahme und versteckten sich in den Wäldern. 8 Wochen später und 500 KM zu Fuß war er wieder zu Hause.
AK
Veröffentlicht vor 4 Stunden | Eingereicht vor 4 Stunden
12.000 Tote von 350.000 erscheint mir als ein wahrscheinlich geringerer Blutzoll, als wäre diesen Einheiten ein mehr oder weniger geordneter Rückzug gelungen. So gab es bis Hannover oder Magdeburg oder Hamburg nur noch wenige deutsche Einheiten, wenig Widerstand, weniger Kollateralschäden in Dörfern und kleineren Städten und an Zivilisten.
KV
Veröffentlicht vor 2 Stunden | Eingereicht vor 2 Stunden
Wenn man schon rechnet, dann vielleicht richtig: wenn es 350.000 deutsche Soldaten waren und 250.000 Amerikaner und 12.000 Soldaten in diesen Schlachten getötet wurden dann beziehen Sie sich auf 600.000 Menschen. Ob ihre Schlussfolgerung stimmt sei mal dahingestellt.

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