Kaum ein Ziel verfolgt die Regierung von Donald Trump so eifrig wie den Kampf gegen das Gute. Oder das, was in vielen Firmen in den vergangenen Jahren als gut galt: nämlich das Bemühen um Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion. In den USA gibt es dazu eine eigene Abkürzung: DEI – Diversity, Equity & Inclusion. Viele Firmen, Behörden, Universitäten und andere Institutionen haben allerlei Programme unter diesem Kürzel eingeführt. Sie sollen einer Diskriminierung wegen Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung entgegenwirken. Doch die meisten Trump-Wähler lehnen solche Aktivitäten ab. 80 Prozent von ihnen sind weiß, 55 Prozent der Männer stimmten für ihn. Aus ihrer Sicht verbirgt sich dahinter die Diskriminierung von Weißen und Männern.

Gleich in den ersten Stunden seiner Amtszeit erließ Trump Anordnungen, um den Wünschen solcher Wähler Genüge zu tun. Sie untersagen es Behörden, etwa Frauen oder Schwarze besonders zu fördern oder Minderheiten bevorzugt zu rekrutieren. Die Tilgung von allem, was nach DEI klingt, nimmt dabei skurrile Züge an. Der nationale Militärfriedhof in Arlington löschte sämtliche Webseiten, die den Kriegseinsatz von Schwarzen oder Frauen hervorhoben. Die Schulbehörde in Idaho wies eine Lehrerin an, ein Plakat mit der Aufschrift "Everyone is welcome here" aus ihrem Klassenzimmer zu entfernen.

Außerdem führt Trump seinen Kreuzzug gegen DEI hinein in die Unternehmen. So müssen Firmen, die Staatsaufträge bekommen wollen, ihre DEI-Programme abschaffen. Das trifft kleine Zulieferer ebenso wie große Konzerne wie Microsoft oder Boeing. Bis zu 20 Prozent der Erwerbstätigen der USA arbeiten Schätzungen zufolge bei Firmen, die staatliche Aufträge erhalten. Zugleich hat Trump die von ihm eingesetzte Generalstaatsanwältin Pam Bondi angewiesen, dem Weißen Haus innerhalb von vier Monaten Empfehlungen vorzulegen, wie sich über die Staatsaufträge hinaus private Unternehmen dazu bringen ließen, "illegale Diskriminierung und Bevorzugung einschließlich DEI" zu beenden.

Trump führt damit einen Kulturkampf weiter, der schon vor seinem Amtsantritt begonnen hat. DEI spaltet die Amerikaner wie sonst kaum ein anderes Thema. So begrüßen 48 Prozent der Befragten in einer aktuellen NBC-News-Umfrage DEI-Programme am Arbeitsplatz, "weil sie vielfältige Perspektiven unseres Landes widerspiegeln, innovative Ideen und Lösungen hervorbringen und die Einheit fördern". Dagegen erklärten 49 Prozent, dass DEI-Programme abgeschafft werden sollten, weil sie "zu viel Wert auf Ethnie und andere soziale Faktoren legen anstatt auf Verdienste, Fähigkeiten und Erfahrung".

Unter dem Eindruck der Trump-Präsidentschaft rücken nun immer mehr Unternehmen von DEI ab. Anhand aktueller Jahresberichte lässt sich das dokumentieren: Mehr als die Hälfte der 400 größten US-Firmen, die DEI darin in den Jahren zuvor noch erwähnt haben, haben das jetzt größtenteils fallen gelassen, wie eine Auswertung der Financial Times ergab. So erklärte etwa der Kreditkartenanbieter Mastercard im Geschäftsbericht 2023 noch: "Diversity, Equity und Inclusion sind die Basis für all unser Tun." Im Bericht von 2024, der kürzlich veröffentlicht wurde, fehlt jeglicher Hinweis darauf. Mastercard äußerte sich auf Anfrage der ZEIT nicht dazu. Luke Hartig von der Washingtoner Kommunikationsberatungsfirma Gravity Research sagt: "DEI ist ein Thema geworden, das CEOs nachts wach liegen lässt."

Die Chefs fürchteten juristische Konsequenzen. Bald könnten nämlich Strafen für "illegales DEI" drohen. So wurde vergangene Woche ein 210-seitiges Schreiben der US-Gleichstellungsbehörde bekannt, das prominente Anwaltskanzleien wie Freshfields auffordert, Angaben über Bewerber und Einstellungen, selbst von Praktikanten, für die vergangenen zehn Jahre zu übermitteln. Die Behörde wolle prüfen, ob ein Personenkreis illegal bevorzugt worden sei. Bei Verstößen kann die Gleichstellungsbehörde Geldstrafen verhängen und dafür sorgen, dass betroffene Firmen öffentliche Aufträge verlieren und auf einer schwarzen Liste landen. Die Niederlassungen der Kanzleien in London oder Frankfurt sind ebenfalls von diesen Ermittlungen betroffen. Freshfields in Deutschland ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.

Europäische Unternehmen haben sich deshalb, wie jüngst der Schweizer Pharmariese Roche, von lange propagierten Diversitätszielen verabschiedet. Man habe DEI-Arbeitsweisen und - Programme "sowohl auf globaler als auch auf US-amerikanischer Ebene überprüft und angepasst, um die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten", teilte Roche auf Anfrage mit. Wie sieht es bei anderen europäischen Firmen mit Niederlassungen in den USA aus? Wer bei Mercedes-Benz North America nachfragt, bekommt die Antwort, man stehe "seit jeher für Chancengleichheit" und verurteile "jegliche Art von Diskriminierung", denn "die vielfältigen Blickwinkel und Erfahrungen unserer Beschäftigten" seien Grundlage des Geschäftserfolgs. Und: "Wir haben uns immer für Nichtdiskriminierung eingesetzt, die entsprechenden Gesetze befolgt und werden dies auch weiterhin tun." Die Frage ist eben: Was ist Diskriminierung? Da dürfte es womöglich gewisse Divergenzen geben zwischen Mercedes und der US-Regierung. Oder BMW: Die Bayern sind stolz darauf, dass die Metropolitan Police aus Washington, D. C., gern mit BMW-Motorrädern fährt. Solche Aufträge gibt es künftig wohl nur, wenn das Unternehmen alle Regeln einhält. Es teilt dazu mit: Man überprüfe ständig die eigenen Programme auf ihre Übereinstimmung mit US-Recht.

Im aktuellen Geschäftsbericht des deutschen Softwarekonzerns SAP, der seit dieser Woche Europas wertvollstes Unternehmen ist, steht noch, man strebe bis Ende 2030 einen Frauenanteil in der Belegschaft von 40 Prozent an. Und jetzt? "SAP hat als globales Unternehmen stets von einer inklusiven Belegschaft profitiert", teilt der Konzern mit. "Derzeit überprüfen wir die Executive Orders des Präsidenten hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf SAP."

Dass die ursprünglich gut gemeinten Initiativen ihnen nun so viel Kopfzerbrechen bereiten, verdanken die CEOs unter anderem einem Mann: Robby Starbuck. Die New York Times nannte ihn den "Anti-DEI-Aktivisten, den die Konzerne am meisten fürchten". Um seine Angriffe auf Unternehmen zu finanzieren, verkauft der ehemalige Produzent von Werbevideos Abos zu seinen Posts auf Social Media sowie DVDs und T-Shirts auf seiner Website. Seinen Durchbruch schaffte er im vergangenen Juni in einer Auseinandersetzung mit Tractor Supply. Das Unternehmen aus dem Bundesstaat Tennessee verkauft Rasenmäher, Futter, Entwurmungsmittel für Pferde und anderen Bedarf für das Landleben. In einem Video monierte Starbuck unter anderem Pride-Fahnen, die Tractor Supply in einem Vertriebszentrum aufgehängt hatte. In den sozialen Medien sorgte das unter Starbucks Anhängern für Entrüstung, woraufhin das Unternehmen sich auf seiner Website dafür entschuldigte, "Kunden enttäuscht zu haben". Man werde das Sponsoring von Pride-Festivals einstellen. Es folgten Kampagnen des Influencers gegen die Facebook-Mutter Meta, den Landmaschinenproduzenten John Deere, den Motorradhersteller Harley-Davidson, den Baumaschinenhersteller Caterpillar und viele andere. Viele der Unternehmen kündigten später an, ihre DEI-Initiativen fallen zu lassen.