Václac Havel knipst „sein“ Herz aus
In Prag endet der Streit über ein Kunstobjekt: Symbol für friedlichen Wandel oder horizontales Gewerbe?
Jetzt, wo wir erst einmal ohne Präsident sein werden, könnten wir die Prager Burg ja an das ‚horizontale Gewerbe‘ vermieten. Steht sie wenigstens nicht sinnlos leer“, grinst ein Kellner im Café Slavia. Einige Gäste prusten laut los, anderen verziehen angewidert das Gesicht. Jeder aber weiß, worum es geht – um das schreiend rote Neonherz, das von der Burg auf der anderen Moldauseite herüberleuchtet.
Kaum etwas hat die Bewohner Prags in den vergangenen Monaten so beschäftigt wie das 15 Meter hohe Kunstwerk an einem Gerüst der Georgs-Basilika, unweit des Veitsdomes und der Präsidentenräume. Am 17. November im vergangenen Jahr, dem Jahrestag der „Samtrevolution“ von 1989, hatte Burgherr Václav Havel selbst das „Symbol für die Liebe“ des Künstlers Jirí David vom Café Slavia aus per Knopfdruck zum Leuchten gebracht. Während der „Samtrevolution“ sei das Herz zum „Symbol des friedlichen Wandels“ geworden, erinnerte der Präsident. Den meisten Tschechen kam jedoch sogleich ein anderer Gedanke. Sie dachten an die roten Neonherzen, die vor allem in den tschechischen Grenzorten zu Deutschland und Österreich überreichlich anzutreffen sind und nicht etwa auf kardiologische Zentren aufmerksam machen, sondern auf die dort feilgebotenen „Liebesdienste“. Vor allem die Prager Denkmalschützer waren angesichts des Kunstobjekts Herzrhythmusstörungen nahe. „Unpassend“ und „geschmacklos“, wetterten sie. Ähnlich rauschte es im Blätterwald.
Schließlich nahm sich gar das Parlament der „Herzattacke“ an. Premier Vladimir Spidla räumte ein, Böswillige könnten schon auf den Gedanken an ein Bordell kommen. Ein Oppositioneller wurde deutlicher: In Tschechien denke bei einem Herz auf einem Gebäude „kein Mensch an offene politische Arme“. Ex-Premier Václav Klaus räsonierte, beim Anblick der herzlich dekorierten Burg „setze der Verstand aus“. Andere freuten sich über „das romantische Symbol im kalten Winternebel“ oder sahen nunmehr „neben Havel noch ein weiteres angenehmes Herz auf der Burg“.
Einige Fanatiker beließen es nicht bei Worten. So sägte im Dezember eine Gruppe Jugendlicher ein Stromkabel durch und verursachte dem Herzen auf diese Weise einen Infarkt. Nach wenigen Stunden aber pulsierte es wieder. Der Autor des Kunstwerks war jedoch ob des Zwischenfalls so erbost, dass er von einem „einmaligen Fall von Kulturterrorismus“ sprach. Am Tag, als sich das Parlament zum ersten Mal vergeblich anschickte, einen Nachfolger für Havel zu wählen, bemächtigten sich tatkräftige Witzbolde des Herzens. Sie erkletterten Mitte Januar das Gerüst, verhüllten eine Seite des Kunstwerks und installierten eine zusätzliche Leuchte darunter. Heraus kam auf diese Weise ein Fragezeichen, was, auf das Havel-Erbe bezogen, ja auch tatsächlich seine Berechtigung hatte.
Um die letzte Veränderung machte sich schließlich der Besitzer mehrerer Nobelrestaurants unterhalb der Burg verdient. Er installierte auf seinen Wirtshausdächern die ebenfalls neonrot blinkenden Spielkartensymbole Kreuz, Pik und Karo, die wunderbar mit dem Herz auf der Burg harmonieren und symbolisieren, wie heftig die Karten um die Havel-Nachfolge gemischt werden. Freitagabend war nun Schluss mit dem Neonspuk. Eigentlich sollte das Herz bis Sonntag leuchten, Havels letztem Tag auf der Burg. Aber da will er wohl Umzugskisten packen. So knipste er „sein“ Herz schon vorher aus.