Gegenwind für Rotoren am Tollensetal
„Sprengt jede Verhältnismäßigkeit“:
Vor diesen Windrädern wirkt alles mickrig
Vorpommern / Lesedauer: 4 min
Schon heute zeichnen sich bei einem Rundblick von den Buchholzer Höhen übers Tollensetal fast lückenlos Windräder am Horizont ab. Die dichtesten bei Siedenbrünzow, Völschow und Bartow gelegen, zahlreiche weitere in der Ferne. Doch wenn der Windpark im Eignungsgebiet 20/2015 „Kruckow-Alt Tellin“ Wirklichkeit wird, treten all diese Rotoren buchstäblich in den Hintergrund.
So hoch wie der Berliner Fernsehturm
Denn das rund 90 Hektar umfassende Areal schließt sich unmittelbar an die Flusstallandschaft an. Und ist für ein Dutzend Nordex-Strommühlen neuester Generation mit einer Gesamthöhe von um die 250 Meter vorgesehen – was in etwa dem Berliner Fernsehturm abzüglich seines Sendemastes obenauf entspricht und völlig neue Maßstäbe in der Region setzt.
Nicht nur, dass viele bisherige Rotorentürme unter diesen Abmessungen liegen, sämtliche weiteren Bauwerke tun es erst recht. Auch jene, die von den Altvorderen bewusst als repräsentativ in die Orte gesetzt wurden und überdies seit Jahrhunderten als weithin sichtbare Landmarken dienen. Das gilt insbesondere für die Herren- und Gotteshäuser.
Größte Kirche bringt es gerade mal auf 92,5 Meter
So bringt es der Turm von St. Bartholomaei in Demmin als größtes Gebäude am mittleren Peene- und Tollensetal auf stattliche 92,5 Meter. Misst damit aber nur wenig mehr als eines der Rotorblätter der Nordex-Anlagen, die es auf fast 80 Meter bringen.
Die mit zirka 35 Metern höchste Dorfkirche in der Umgebung des Stromspargelfeldes, St. Johannis in Kartlow, überragt so ein Flügel um mehr als das Doppelte. Ganz zu schweigen vom Alt Telliner Sakralbau mit seinen zirka 25 Metern.
Vorrang-Einstufung stellt Denkmalschutz ins Abseits
Sie alle indes spielen in den Betrachtungen der Genehmigungsbehörden erst recht keine Rolle mehr, seit der Ausbau der alternativen Energiegewinnung zu einem der obersten Staatsziele erklärt wurde. Und damit einhergehend auch in Mecklenburg-Vorpommern die Wirkung solcher technischen Installationen auf Baudenkmäler als vernachlässigbar deklariert ist.
Eine Ausnahme bilden 29 Objekte, die wegen ihrer besonderen Bedeutung auf einer Liste des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege stehen, die Teil eines Erlasses des Schweriner Wirtschaftsministeriums zum Thema Windkraftausbau ist. Auf der befindet sich auch die Schlossanlage Broock, deutlich weniger als fünf Kilometer von der anvisierten Fläche entfernt.
Offener Brief der Historischen Kommission für Pommern
Nicht umsonst läuft wie vom Nordkurier berichtet, selbst die „Historische Kommission für Pommern“ Sturm gegen eine Genehmigung von Anlagen im Eignungsgebiet 20/2015, verfasste einen entsprechenden offenen Brief. Mit dem Tenor, dass bei so viel Ignoranz des landschaftkulturellen Erbes die Wissenschaft nicht schweigen könne und dürfe.
Ihre Mitglieder sehen durch die Rotorenriesen nicht nur die Optik des Ensembles von Broock bedroht, sondern die komplette ringsherum bestehende einmalige Kulturlandschaft. Bei der handele es sich um ein herausragendes Beispiel der preußischen Landesverschönerung, geschaffen vom Gartenkünstler Peter Joseph Lenné in Absprache mit den vorpommerschen Gutsherren in nur wenigen Jahren nach 1840.
„Das ist in Deutschland außerhalb Potsdams einmalig“
Mindestens acht Parkanlagen sind dort auf den berühmten Mann zurückzuführen. Darüber hinaus hat er sogar die Landschaft dazwischen in seine Gestaltung einbezogen und entsprechend überformt. „Das ist in Deutschland außerhalb Potsdams absolut einmalig“, sagt die Kommission.
„An der Art der großflächigen Bewirtschaftung hat sich trotz zweimal geänderten Besitzformen und gesellschaftlichen Verhältnissen nichts geändert“, heißt es in einem Gutachten der deutschen Architekturhistorikerin und Denkmalpflegerin Prof. Sabine Bock.
Großteil der Wege, Alleen und Hecken existiert bis heute
Bis heute habe sich das damals geschaffene Wegenetz erhalten und auch ein Großteil der Alleen und Hecken existiere nach wie vor. „Noch ist es Zeit, diese umfassende Kulturleistung der Landesverschönerung im nördlichen Tollensetal wahrzunehmen und zu schützen“, mahnt sie.
Bock verweist in ihrer Einschätzung zu dem Baugenehmigungsverfahren unter anderem auf eine fehlende Visualisierung in den Unterlagen. Und hat sich dieser deshalb selbst angenommen – mit mehreren Fotomontagen und Schaubildern. Verbunden mit dem Urteil, „dass die geplanten Windenergieanlagen jede Verhältnismäßigkeit sprengen und der über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft einen immensen Schaden zufügen würden.“
Tal-Lage verstärkt den Höhenunterschied noch weiter
Wobei die Angaben zur Höhe der Nordex-Türme aus dem Tal heraus betrachtet nicht mal die ganz Wahrheit sind: Da zwischen der Gutsanlage Broock an der Tollense und dem WEG 20/2015 ein Geländeabhang von zirka 20 Metern existiert, würde sich die Fernwirkung der Anlagen noch erhöhen.
Von den unweit gelegenen Buchholzer Höhen wäre der Eindruck ähnlich monumental. Das soll auch eine historische Ansicht von Hohenbüssow belegen, bei der im Hintergrund schon mal die geplanten Strommühlen „aufgebaut“ wurden.