So blickt ein Kritiker auf die Corona-Maßnahmen: „Wir Ungeimpften wurden diskriminiert“
Im Vergleich zu anderen Staaten ist Deutschland gut durch die Pandemie gekommen. Einige sehen das trotzdem anders. Hier erklärt ein Fitnessstudio-Betreiber, warum die Pandemie für ihn eine Diktatur war.
In der Pandemie machten Maßnahmenkritiker aus Kassel gleich mehrmals bundesweit Schlagzeilen. Erst verglich sich im Dezember 2020 eine Studentin als „Jana aus Kassel“ bei einer „Querdenker“-Demo in Hannover mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, was viele im Land wütend machte. Am 20. März 2021 protestierten dann 20.000 Menschen trotz Verbots in Kassel gegen eine angebliche Diktatur und für die Freiheit. Ohne Maske stürmten die aus der ganzen Republik angereisten Demonstranten in Shopping-Malls. Die Königs-Galerie wurde deswegen an jenem Samstag vom damaligen Oberbürgermeister Christian Geselle vorzeitig geschlossen. Jürgen Beute, Betreiber des Kasseler Fitness-Centers Balance, hatte zuvor in einem Youtube-Video zur Demo aufgerufen. Bereits damals kritisierte er die Maßnahmen scharf. Wir sprachen mit dem 67-Jährigen.
Herr Beute, wie sind Sie als Mensch und Unternehmer durch die Pandemie gekommen?
Mit zwiespältigen Gefühlen. Ich weiß noch genau, wie ich am 14. März 2020 um 16.30 Uhr einen Anruf vom Gesundheitsamt erhielt. Die Mitarbeiterin sagte mir, dass ich mein Fitnesscenter ab morgen schließen müsse. Ich war perplex und fragte: „Wie können Sie die Quelle der Gesundheit schließen? Wir haben doch eine Mission und Aufgabe.“ Das war ein Schock für mich und kam einem Berufsverbot gleich. Unternehmerisch war das eine riesige Herausforderung, aber wir haben es geschafft. Wir mussten niemanden entlassen.
Und wie sind Sie als Mensch durch die Pandemie gekommen?
Wegen meiner chronischen Bronchitis war ich ein Risikokandidat. Mein Hausarzt empfahl mir dringend, mich impfen zu lassen. Aber in meinem Umfeld hatte ich mehrere Experten, die mir wegen der Risiken davon abgeraten haben. Sie haben mit ihren Prophezeiungen in allen Bereichen recht behalten.
Sind Sie an Corona erkrankt?
Ich weiß nicht, ob es Covid, die Grippe oder ein grippaler Infekt war. Acht Tage lang hat es mich richtig erwischt. Mir ging es sehr schlecht.
Was hätte man Ihrer Ansicht nach in der Pandemie rückblickend anders machen müssen?
Man hätte von Anfang an auf das schwedische Modell setzen sollen. Der damalige Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat auf Freiwilligkeit statt auf Verbote gesetzt. Deswegen ist Schweden besser durch die Pandemie gekommen – auch wenn sie ältere Menschen nicht so gut geschützt haben. In meinem Fitnessstudio trainieren auch ältere Menschen, die in der DDR gelebt haben. Sie sagten, in der Pandemie habe es in Deutschland ähnliche Verhältnisse gegeben wie damals im Sozialismus.
Auch viele der Menschen, die am 20. März 2021 in Kassel trotz Verbots gegen die Corona-Maßnahmen protestierten, sprachen von einer Diktatur. In Kassel hat die Demo zahlreiche Menschen schockiert. Sie selbst sagten damals: „Mit Demokratie hat das, was Angela Merkel macht, nicht mehr viel zu tun.“ Meinen Sie das wirklich ernst?
Ja, natürlich. Wie soll man es sonst nennen, wenn man als Ungeimpfter aus dem Leben ausgeschlossen wird? Die Impfpflicht wurde durch die Hintertür eingeführt. Wir Ungeimpften wurden in vielen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert. Die große Demonstration damals war ein Friedensfest. Es ging um Freiheit.
Die Freiheit wurde damals eingeschränkt. Wo wurden Sie im Alltag diskriminiert?
Bei einem Spiel des KSV Hessen im Auestadion habe ich einmal kurz meine Maske runtergenommen, um Bier zu trinken. Da wollte man mich aus dem Stadion entfernen. Dabei bin ich seit Jahrzehnten Sponsor der Löwen. Als ich einmal während einer Reise meinen Camper in Bayern tanken wollte, sagte der Kassierer hinter der Plexiglasscheibe: „Ich bediene Sie nicht.“ Wegen meiner chronischen Bronchitis hatte ich eine Maskenbefreiung. Die Berechtigung hatte ich um den Hals gehängt. Er behauptete jedoch, ich sei ein krimineller Betrüger. So etwas war damals Alltag.
Beim Impfen sind sich Experten rückblickend einig. Die Soziologin Jutta Allmendinger beispielsweise, die im Corona-Sachverständigenausschuss war, sagt: „Das Impfen hat uns sehr geholfen – trotz der Skepsis vieler Impfgegner.“
Das kann man nicht sagen. Wer waren denn diese Experten? Die Ungeimpften sind genauso gut durch die Pandemie gekommen. Um herauszufinden, ob die Impfung überhaupt sinnvoll war, müsste man aufwendige Studien mit zwei Vergleichsgruppen machen. Meine Mutter wurde mit über 90 Jahren dreimal geimpft. Hat es ihr geholfen? Ich weiß es nicht. Und denken Sie an die vielen Impfschäden.
Diesen Menschen wird heute genauso geholfen wie den vielen Menschen mit Post-Covid-Symptomen.
Die wahre Zahl der Impfschäden ist doch völlig unklar. Wir haben damals eine schlimme Bevormundung erlebt, die zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt hat. Man hätte viel mehr auf Eigenverantwortung setzen sollen. Stattdessen wurde die Bevölkerung manipuliert. Ich habe bis heute enge Freunde verloren, weil sie meine Meinung nicht respektiert haben. Nur einer hat sich bislang bei mir für seine Ablehnung von damals entschuldigt. Das wird nicht mehr zu kitten sein. Ich habe auch Kunden, die mich als Menschen immer noch ablehnen, weil ich damals meine Meinung gesagt habe.
Dass es letztlich nicht so schlimm wurde, wie zu Beginn der Pandemie befürchtet, lag auch an den Maßnahmen, die später kritischer gesehen wurden. Man nennt das Präventionsparadox.
Die Maßnahmen waren teilweise unlogisch. Und auch in Deutschland sind trotz der Maßnahmen sehr viele Menschen alleine gestorben. Infektionsschutz war wichtiger als Menschlichkeit. Unchristlicher geht es nicht. Im Expertenrat damals haben sich die Handelnden nur mit Ja-Sagern umgeben. Er war zu einseitig besetzt. Dabei gab es von Anfang an seriöse kritische Stimmen wie den Gemündener Aerosolforscher Gerhard Scheuch. Viele Politiker waren unwissend und agierten selbstherrlich und unreflektiert.
Schulschließungen und krasse Ausgehverbote hätte es womöglich nicht geben müssen. Welche Aufarbeitung wünschen Sie sich?
Dass das Handeln der Verantwortlichen endlich kritisch aufgearbeitet wird. Verantwortung ist für Leute wie den damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nur eine Worthülse. Sie und andere haben Fehler gemacht und müssen keine Konsequenzen tragen. Das geht nicht.
Bei „Querdenker“-Veranstaltungen traf man viele ganz normale besorgte Menschen, aber auch Neonazis. Inwiefern können Sie die Kritik verstehen, dass man mit Rechtsextremen nicht gemeinsam auf die Straße geht?
Ich verstehe diese Kritik nicht, weil man nicht für alle haftbar gemacht werden kann. Sehen Sie: Während der Fußball-EM im vorigen Sommer haben wir bei Balance Public Viewing gemacht. Mein Fitnessstudio war multikulti und ein Ort des Friedens. Trotzdem kann ich nicht für alle meine Klienten die Hand ins Feuer legen.
Unterhält man sich mit AfD-Wählern, sagen viele, sie hätten während der Pandemie zu dieser Partei gefunden. Überrascht Sie das?
Nein, denn speziell im Osten wurden die Menschen an übelste Zeiten erinnert. Die Freiheit ist das höchste Gut unserer Gesellschaft. Und die gab es damals nicht mehr. Wir wurden zu Versuchskaninchen. Auch Medien wie die HNA haben dazu beigetragen, weil sie Andersdenkenden keine Plattform gegeben haben.
Wir haben Sie und andere Maßnahmenkritiker auch damals zu Wort kommen lassen. Und auch wir haben die Regierung kritisiert.
Aber viel zu selten. Einige Medien wurden von der Regierung gesteuert. Auch darum trauen sich viele Menschen heute nicht mehr, die Wahrheit zu sagen.
Was wäre Ihr erster Gedanke, wenn es morgen hieße: Die nächste Pandemie steht vor der Tür. Sind wir besser darauf vorbereitet?
Wenn wir die Fehler nicht richtig aufarbeiten, sehe ich für das Land schwarz. Kinder und alte Menschen waren die Hauptopfer. Ich weiß nicht, wie man mit so einem Versagen klarkommen will, ohne es aufgearbeitet zu haben. Eins ist für mich ohnehin klar: Nie wieder darf meine Anlage geschlossen werden – ohne körperliche Aktivität funktioniert kein Immunsystem. (Interview: Matthias Lohr)
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