Das bayerische Kernkraftwerk Isar 2 im April 2023 wenige Tage vor seiner Stilllegung / picture alliance/dpa | Armin Weigel

Angebot an die Bundesregierung - Kerntechnik-Firmen wollen AKW wieder ans Netz bringen

Bis zu sechs abgeschaltete deutsche Kernkraftwerke könnten „in wenigen Jahren wieder ans Netz gebracht werden“, schreibt der Branchenverband KernD und bietet der künftigen Bundesregierung seine fachliche Unterstützung an. Wird Friedrich Merz darauf eingehen?

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Daniel Gräber leitet das Ressort Kapital bei Cicero.

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CDU-Chef Friedrich Merz zögert noch. Bei seiner Pressekonferenz nach der gewonnen Bundestagswahl kündigt er zwar an, eine Wiederinbetriebnahme der unter der Ampelregierung stillgelegten Kernkraftwerke zu prüfen. Doch wie ernst er es wirklich meint, ist unklar. Nun hat sich der Branchenverband Kerntechnik Deutschland (KernD) zu Wort gemeldet und bietet der künftigen, vermutlich von Merz als Kanzler geführten Regierung fachliche Unterstützung an.

„Es ist höchste Zeit, jetzt die richtige Entscheidung für eine stabile und zukunftsfähige Energiepolitik zu treffen. Denn die Deindustrialisierung, die zu hohen Strompreise, die Abhängigkeit von Stromimporten und die unsichere Versorgungslage müssen jetzt ein Ende haben“, schreibt der Verband in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme. „KernD bietet der neuen Bundesregierung an, die Zukunft gemeinsam selbst in die Hand zu nehmen und die Deindustrialisierung Deutschlands zu stoppen. Dabei stehen die Mitgliedsunternehmen von KernD mit Kompetenz und Tatkraft zur Seite.“

Wiederinbetriebnahme bis 2030

Zu den Mitgliedsunternehmen zählen hochspezialisierte Hersteller von Kraftwerkstechnik und nuklearen Brennelementen, unter anderen Framatome und Westinghouse, die trotz des Atomausstiegs alle noch in Deutschland aktiv sind. Die Betreiber der Kernkraftwerke, das sind die großen deutschen Energiekonzerne, haben sich hingegen aus dem Verband zurückgezogen, weil sie nichts mehr mit Nuklearenergie zu tun haben möchten.

Bis zu sechs abgeschaltete Kernkraftwerke könnten laut KernD „in wenigen Jahren wieder ans Netz gebracht werden – ohne Abstriche bei der nuklearen Sicherheit“. In drei bis fünf Jahren, also bis 2030, stünde so eine Jahresstromproduktion von etwa 65 Terawattstunden zur Verfügung. Um dies zu realisieren, schlagen die Branchenvertreter ein von den bisherigen Betreibern unabhängiges Modell vor: Der Staat soll einspringen.

Staatliche Betreiber

„In vielen Ländern Europas werden Kernkraftwerke traditionell von Staatsfirmen betrieben (z.B. EdF in Frankreich oder Vattenfall in Schweden)“, erläutert KernD. „In der Schweiz werden Kernkraftwerke von privaten, teilstaatlichen oder genossenschaftlich organisierten Energieunternehmen betrieben. Zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit von politischen Entscheidungen ist z.B. in Belgien der Staat in eine Betreibergesellschaft zur Laufzeitverlängerung eingestiegen.“

In Deutschland sei „ein Mix aus staatlicher Beteiligung und Öffnung für private Investitionen zur Sicherung der Finanzierung und Effizienz vorstellbar“, lautet der Vorschlag des Verbands. Er reagiert damit auf den Unwillen der bisherigen Betreiber EnBW, Eon und RWE, eine Wiederinbetriebnahme in die Hand zu nehmen. Das ist angesichts der unberechenbaren atompolitischen Kehrtwenden Deutschlands und des damit verbundenen hohen finanziellen Risikos auch nachvollziehbar.

Merz fordert Rückbaumoratorium

Denkbar wäre es zum Beispiel, dass der verstaatlichte Gashändler und Kraftwerksbetreiber Uniper den Betrieb der deutschen AKW übernimmt. Das Unternehmen gehört zu fast 99 Prozent der Bundesrepublik und ist bereits an drei laufenden Kernkraftwerken in Schweden beteiligt.

Friedrich Merz hatte nach der Bundestagswahl ein „Rückbaumoratorium“ für die stillgelegten Reaktoren gefordert. Aus seiner Sicht sei das notwendig, sagte er bei einer Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Parteizentrale. „Wie weit wir dann auch zu einer Wiederinbetriebnahme kämen oder gar zum Bau neuer Kernkraftwerke, das wird sicherlich nicht allein in dieser Wahlperiode entschieden und vollzogen.“ Spielt er auf Zeit?

Der Branchenverband KernD hält das für falsch. Die Zeit dränge, betont er in seiner Stellungnahme. „Je schneller die Entscheidung fällt, desto weniger Geld kostet es – und desto früher können die grundlastsichernden, klimafreundlichen Kraftwerke wieder ans Netz gehen.“

Zieht die SPD mit?

Angesichts der geopolitisch angespannten Lage sei die Rückkehr zur Nuklearenergie ein „Beitrag zur nationalen und europäischen Energieunabhängigkeit“, lautet ein weiteres Argument. „Ein Kernkraftwerk benötigt nur ca. 25 Tonnen niedrig angereichertes Uran pro Jahr, um ca. 11 Milliarden kWh Strom zu produzieren. Derartige Brennstoffmengen können für mehrere Jahre leicht auf Vorrat beschafft werden. Denn Uran ist weltweit verfügbar und wird in großen Mengen abgebaut.“ Eine Knappheit an Uran sei nicht in Sicht.

Innerhalb der Union hätte Merz wohl auf jeden Fall Rückhalt für einen entsprechenden Vorstoß. Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder hat sich zuletzt für eine Wiederinbetriebnahme des 2023 abgeschalteten Kernkraftwerks Isar 2 in Bayern ausgesprochen. Doch die offene Frage ist, ob der angestrebte Koalitionspartner SPD mitzieht. In den vergangenen Jahren schmiegten sich die Sozialdemokraten energiepolitisch an die vom Anti-Atom-Dogma beherrschten Grünen an. Gelingt es ihnen, sich davon zu lösen?

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