Radikale Linke und Antisemitismus
Antisemitismusdebatte sorgt in Göttingens linker Szene für Spaltungen
Die „linke Protestlandschaft“ in Göttingen ordnet sich gegenwärtig neu. Hintergrund ist die interne Auseinandersetzung darüber, was letztlich als Antisemitismus gilt und wer als antisemitisch betrachtet werden darf.
Das ist die Erkenntnis einer aktuellen Studie des universitären Instituts für Demokratieforschung Göttingen. Hintergrund für die Forscher ist die Tatsache, dass aus linken Milieus zunehmend antisemitische Zwischentöne zu hören sind - im Zusammenhang auch mit Aktionen und Protestveranstaltungen zum Thema Gaza-Krieg. Die Bundesfachstelle Linke Militanz im Institut für Demokratieforschung wollte also wissen, wie die radikale Linke tatsächlich auf den Gaza-Krieg reagiert.
Die Untersuchung hat sich gezielt Göttingen als „Hochburg der radikalen Linken“ vorgenommen. Die Wissenschaftler analysieren an diesem Fall exemplarisch, welche Gruppen aus der linksradikalen Szene sich wie zum Gaza-Krieg positionieren. „Diese innerlinken Auseinandersetzungen haben Einfluss auf die bislang vorhandenen Identitäten und Strukturen“, erläutern die Autoren Philipp Scharf und Gregor Kreuzer.
Die Studie zeigt, dass auch innerhalb der linken Szene die gesellschaftliche Debatte über Antisemitismus reproduziert wird. „Es wird dabei sehr kontrovers darüber gestritten, was als Antisemitismus gilt und wer als antisemitisch betrachtet werden kann – oder nicht“. Fazit der Autoren: „Anhand dieser Auseinandersetzung ordnet sich die linke Protestlandschaft derzeit neu.“
Neue Definition von Antisemitismus
Dabei sollte auch betrachtet werden, dass die Auseinandersetzung um den Nahostkonflikt und Antisemitismus eine lange Tradition in der radikalen Linken hat, ja sie ist bis heute ein zentrales Erkennungsmerkmal der Szene. Verändert habe sich aber, dass sich neuerdings eine „postkoloniale Szene“ herausgebildet hat. Sie bringe eine alternative Definition von Antisemitismus in die Debatte ein. Eine Folge: Antizionistische Äußerungen werden als legitime Kritik legitimiert.
Demgegenüber steht in der Szene aber eine Antisemitismus-kritische Linke, sie engagiert sich gegen – linken – Antisemitismus, wie die Forscher berichten. Folge sind „innerlinke Konflikte um Begriffe und Deutungsmuster“ zum Thema Antisemitismus.
Ergebnis: Es gab in der radikalen Linken-Szene in Göttingen „organisatorische Spannungen“ bis hin zur Spaltung der Bewegung. Wie eine Neuordnung künftig aussehen wird, sei derzeit noch offen, so die Autoren, die an dem Thema weiter forschen werden. (Thomas Kopietz)