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Wohnungslos und in Not: Wie ein Kasseler Wohnheim neue Perspektiven schafft

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Gut beschäftigt: In diesem Büro berät Silja Michels Wohnungslose und telefoniert mit anderen Zuständigen
Gut beschäftigt: In diesem Büro berät Silja Michels Wohnungslose und telefoniert mit anderen Zuständigen. © Heihoff, Mareike

Unterstützung, Struktur, neue Chancen: Im Kasseler Übergangswohnheim der Heilsarmee werden wohnungslose Männer betreut.

Kassel – Silja Michels klopft an eine Tür im Obergeschoss des Sozial-Centers der Heilsarmee. Langsam sind Geräusche hinter der weißen Tür zu hören, der Schlüssel im Schloss wird gedreht. Ein junger Mann erblickt verschlafen die Sozialarbeiterin. Er ist einer von fünfzig Männern, die über einen längeren Zeitraum im Übergangswohnheim für Männer unterkommen und von der jungen Frau und ihren Kollegen betreut werden.

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„Ich habe gerade einen Anruf bekommen, sie wurden heute Morgen vermisst“, sagt die Sozialarbeiterin zu dem jungen Mann. Er nimmt am Projekt LoLA des Trägers Outlaw Kassel teil, dieses soll ihn an eine Tagesstruktur gewöhnen. Doch heute hat der junge Mann es nicht aus dem Bett geschafft.

Viele wohnungslose leiden unter Erkrankungen oder Süchten

Die Sozialarbeiterin und ihre Kollegen betreuen im Wohnheim vor allem Männer mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Oft sind das wohnungslose Männer, die zusätzlich unter psychischen Erkrankungen und Süchten leiden.

„Nicht alle wollen bei uns bleiben“, erklärt Lars Hunold, der pädagogische Leiter. Das liege an der gesetzlichen Vorgabe, dass Bewohnende alle Einnahmen bis zu 1121 Euro an das Sozial-Center abgeben müssen. „Dafür bekommen die fest aufgenommenen Männer möblierte Einzelzimmer, drei Mahlzeiten am Tag und ein Taschengeld.“

Um zusätzlich den psychischen Herausforderungen der Bewohner zu begegnen, bietet das Wohnheim in Kooperation mit dem Ludwig-Noll-Krankenhaus alle zwei Wochen psychologische Beratung an. Auch die Vergabe von Medikamenten wird hier koordiniert. Silja Michels berichtet von einem jungen Bewohner, der eine chronische Schizophrenie hat und deswegen ein starkes Medikament bekommt, „das extrem sedierend wirkt“, wie sie sagt. Sie ergänzt betroffen: „Das Medikament hat starke Nebenwirkungen wie beispielsweise Spätdyskinesien.“ Dabei handelt es sich um wiederholte, vom Patienten kaum oder gar nicht beeinflussbare Bewegungen.

„Ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der Politik.“

Doch wie geht die 37-Jährige damit um, täglich diese Schicksale zu begleiten? „Man lernt, eine Routine zu entwickeln, aber vieles sind politische Probleme, da entsteht manchmal schon ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der Politik“, erzählt die junge Frau nachdenklich. Besonders problematisch sei das bei EU-Bürgern, die nach Deutschland kommen. Diese bekommen soziale Leistungen erst, nachdem sie vier Jahre in Deutschland gewohnt und gearbeitet haben.

„Viele von ihnen arbeiten über Jahre, aber werden dafür nicht bezahlt, manche erzählen sogar, dass ihr Chef ihren Pass weggenommen hat.“ Für diese Menschen werde nicht einmal die Unterbringung im Wohnheim bezahlt. „Das einzige, was die EU-Bürger bekommen, ist eine Fahrkarte ins Heimatland.“ Eine Nacht können die Personen als Schutz vor dem Erfrieren untergebracht werden. „Das nimmt mich schon mit, das ist eben ein Beruf, in dem man mehr mitbekommt, was es für Ungerechtigkeiten gibt“, so die zweifache Mutter.

Wie kann man gefährdeten Menschen bei Kälte helfen?

„Es ist nie verkehrt, dann die Polizei oder einen Rettungswagen zu rufen“, sagt Lars Hunold. Viele Menschen scheuen sich davor, doch die Polizei könne die Personen an Wohnheime und Unterkünfte weiter vermitteln.

Es klopft. Vor der Tür steht ein Mann, der die vergangene Nacht im Wohnheim geschlafen hat. Er gehört zu den bis zu zehn Menschen, die übergangsweise für eine bis sieben Nächte im Sozial-Center unterkommen können. In der vergangenen Nacht waren es lediglich fünf Wohnungslose, die über Nacht blieben. „Wo waren Sie?“, erkundigt sich die junge Frau. Normalerweise bespricht die Sozialarbeiterin am Morgen mit den kurzzeitig untergebrachten Personen, wie es weitergehen kann. Doch der junge Mann hat sich erst einmal auf den Weg zum Jobcenter gemacht.

In einem Gespräch geht es um seine Situation: Er berichtet von einer Wohnung, die er anmieten kann, von Beleidigungen, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, von einem Job, den er vielleicht ausüben kann. Doch die Zusammenhänge sind schwer zu verstehen, nicht nur aufgrund einer Sprachbarriere. Gleichzeitig klopft es erneut, auch das Telefon klingelt. Doch Silja Michels gelingt es mühelos, bei der Sache zu bleiben. Sie telefoniert mit dem rechtlichen Berater des Mannes und klärt weitere Schritte mit einer Jobcenter-Abteilung für Wohnungslose.

Wohnungslose: Jobcenter in Kassel hat speziell geschulte Mitarbeiter

„In Kassel sind wir da ganz gut aufgestellt, weil es im Jobcenter und Sozialamt speziell Menschen gibt, die auf die Situation von Wohnungslosen spezialisiert sind.“ Zu denen habe der Sozialdienst der Heilsarmee einen guten Draht. Das zeigt sich bei ihrem Telefonat: Sie klärt die Herausforderungen und gibt konkrete Handlungsanweisungen an den Wohnungslosen weiter.

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„Besonders schön ist es, wenn die Leute etwas erreichen wollen und mitmachen“, sagt sie. Beispielsweise, wenn der Sozialdienst Menschen in eine eigene Wohnung vermitteln und diese selbstständig leben können. „Wenn er tatsächlich die Wohnung kriegt und das mit dem Jobcenter klappt, dann ist ja alles geritzt“, sagt Michels am Telefon. Ob das gelingt, wird die Zeit zeigen. (von Mareike Heihoff)

Zehn Fragen

Mein Lieblingsessen: Nudeln
Mein Sehnsuchtsort: Algarve
Das bringt mich auf die Palme: passive Aggression
Mein Ausgleich: die Natur
Diesen Traumjob hatte ich als Kind: Tierärztin
Dafür brenne ich: Demokratie
Mein Idol: Steven Hassan
Mein wichtigster Wert: Ehrlichkeit
Meine größte Schwäche: Käse
Das will ich unbedingt noch machen: eine große Reise mit meinen Kindern

Das Land Hessen plant ein neues Gesetz für leerstehende Wohnungen. Ob dieses in Kassel greift, ist aber noch unklar.

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