Linksextremismus

„Wir waren Konzeptkünstler“ – Wie die Terroristin Astrid Proll sich selbst sieht

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Von Sven-Felix KellerhoffLeitender Redakteur Geschichte
Veröffentlicht am 10.04.2024Lesedauer: 5 Minuten
Astrid Proll war 1970 Gründungsmitglied der Terrorgruppe RAF (Fotos von 1973 und 2007)Quelle: picture-alliance/dpa/Manfred Rehm; picture-alliance/dpa/Horst Galuschka

In einem Radiofeature des SWR äußert sich das Gründungsmitglied der Terrorgruppe RAF ausführlich und auf erschreckende Weise. Astrid Proll gehörte seit 1969 zum engsten Umfeld von Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Gewöhnlich halten sich Terroristen an das Gebot des Schweigens, an eine Omertà wie beim organisierten Verbrechen. Das ist wenig erstaunlich, sind doch gewalttätige Politaktivisten nichts anderes als Mitglieder krimineller Vereinigungen, weshalb die erste Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) juristisch betrachtet unter den Paragrafen 129 des Strafgesetzbuches fiel; der ergänzende Paragraf 129a speziell gegen terroristische Vereinigungen trat erst 1976 in Kraft.

Angesichts des üblichen Schweigegebots ist erstaunlich, wie ausführlich Astrid Proll in dem SWR-2-Feature „Ich bin froh, dass es mich noch gibt“ zu hören ist. Was allerdings die 1947 geborene Extremistin den Autoren David Zane Mairowitz und Michael Lissek dafür auf Band gesprochen hat, ist mindestens verstörend, teilweise erschreckend. Denn ihr fehlt jede Einsicht, dass sie ihr Leben auf einem Irrweg gelebt hat.

Anfang April 1968 war Astrids sechs Jahre älterer Bruder Thorwald beteiligt an der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern, die Andreas Baader und Gudrun Ensslin begingen, zwei Linksextremisten aus West-Berlin. Der Sachschaden ging in die Millionen; trotzdem erhielten die schnell festgenommenen Täter jeweils nur milde drei Jahre Haft – es hätten auch sechs Jahre sein können. Und nicht nur das: Sie wurden sogar nach weniger als der Hälfte vorläufig auf freien Fuß gesetzt. Bald darauf tauchten Baader, Ensslin und Proll unter.

Im Untergrund unterstützte Thorwalds jüngere Schwester die drei Flüchtigen, besorgte zum Beispiel gefälschte Pässe für die Reise nach Paris. Anfang 1970 waren Baader, Ensslin und Astrid Proll wieder in Berlin; inzwischen gehörte sie anstelle ihres Bruders zum engten Kreis. Als Baader Anfang April mehr oder minder zufällig festgenommen wurde, saß er in einem auf Astrid zugelassenen Mercedes. Fünf Wochen später beteiligte sie sich an seiner gewaltsamen Befreiung – dabei wurde ein Unbeteiligter so schwer verletzt, dass er für den Rest seines Lebens ein Pflegefall blieb.

Die Angeklagte Astrid Proll grüßt 1973 mit erhobener FaustQuelle: picture-alliance / dpa

Das SWR-Feature verschweigt nicht, dass die Gewalt von Anfang an von den selbst ernannten Revolutionären ausging. Verharmlosende Aussagen von Astrid Proll, etwa: „Ich war überhaupt keine Waffen-Närrin. Gut, wir hatten relativ kleine Pistolen, die konnte man ganz gut händeln und unter der Kleidung verschwinden lassen ... Waffen, das ist so eine Art Bekenntnis. Ein Bekenntnis zur Gruppe“ werden durch Originaltöne aus dem Radioarchiv in ihre tatsächlichen Zusammenhänge eingeordnet. Das ist deutlich besser, als man das von manch anderen Beiträgen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum Linksterrorismus gewohnt ist.

Im Februar 1971 wurde Astrid Proll im Zuge einer Schießerei mit zwei Polizisten in Frankfurt/Main festgenommen – ob sie selbst gefeuert hatte, ist bis heute ungeklärt. Nun begann die Zeit, in der Proll, an sich eine Randfigur in der damals (bis auf den allerdings dominierenden Macho Baader) mehrheitlich weiblichen RAF, für den deutschen Terrorismus wesentliche Bedeutung bekam.

Die Vorlage dazu lieferten unbedachte Formulierungen des Justizpersonals im Gefängnis Köln-Ossendorf, in dem Astrid Proll als Untersuchungsgefangene untergebracht war. Für 119 Tage kam sie in einen ansonsten nicht genutzten Trakt der Haftanstalt, wofür in einem offiziellen Schreiben der JVA-Verwaltung die Worte „auch akustisch isoliert“ benutzt wurden.

Daraus machten linke Juristen, die eher Sympathisanten der Terroristen waren als Verteidiger, die Behauptung einer „Isolation“ ihrer Mandanten, später gar einer „Vernichtungshaft“. In Wirklichkeit besuchten eben diese Anwälte Proll und andere RAF-Gefangene regelmäßig; sie durften Briefe schreiben und empfangen. Astrid Proll hatte zudem eine Schreibmaschine auf ihrer Zelle.

Astrid Proll mit ihrem Verteidiger Heinrich HannoverQuelle: picture alliance/United Archives

Um zu erkennen, wie wirkliche Isolation von Gefangenen in Mitteleuropa zu dieser Zeit aussah, musste man nur nach Ost-Berlin schauen, in die Haftanstalt Hohenschönhausen der DDR-Staatssicherheit. Hier war völlige Trennung von der Außenwelt normal. Weder die Insassen selbst wussten, wo sie sich befanden, noch ihre Angehörigen. Anwälte bekamen die Verhafteten stets erst kurz vor ihren (meist geheimen) Prozessen zu sehen, und fast immer handelte es sich um regimetreue Juristen.

Das Stasi-Wachpersonal sprach die Insassen nur mit Nummern an, nie mit Namen. Auf den Gängen im Zellenbau in Hohenschönhausen war eine Ampelanlage installiert, mit der jeder Kontakt von Häftlingen untereinander auf dem Weg vom oder zum Verhör verhindert wurde: Leuchtete ein rotes Licht auf, musste sich der vom Wächter begleitete Insasse sofort zur Wand drehen. So sahen die Häftlinge ausschließlich die unnahbaren Wachen sowie die Vernehmer, aber niemanden sonst. Briefe durften MfS-Gefangene nicht schreiben.

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Nichts davon gab es je in westdeutschen Gefängnissen. Trotzdem demonstrierte und agitierte die westdeutsche Linke heftig gegen die angebliche „Folterhaft“ für RAF-Terroristen. Astrid Proll verdankte dieser Kampagne sogar ihre Freilassung wegen vermeintlicher Verhandlungsunfähigkeit Anfang 1974 – obwohl ihr Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Bankraub und auch versuchter Mord vorgeworfen worden war.

Es ging ihr gut genug, um illegal nach London zu gehen und dort unterzutauchen. Erst im September 1978 wurde sie entdeckt und inhaftiert; ein Dreivierteljahr wehrte sie sich gegen ihre Auslieferung nach Deutschland und willigte dann doch ein. Es war Teil eines Deals: Das Gericht ließ den nicht eindeutig beweisbaren Vorwurf des versuchten Mordes fallen und setzte sie im September 1979 auf freien Fuß. Das Urteil fiel schließlich mit fünfeinhalb Jahren wegen Banküberfällen und Urkundenfälschung milde aus; wegen der bereits verbüßten Zeit in Untersuchungshaft 1971 bis 1974 und 1978/79 musste sie nicht wieder hinter Gitter.

Seither arbeitete Astrid Proll als Fotografin und Fotoredakteurin für Magazine, unter anderem den „Spiegel“. 1998 veröffentlichte sie unter dem Titel „Hans und Grete“ ein verharmlosendes Buch über die Frühgeschichte der RAF, gab auch viele Interviews. An der Aufrichtigkeit ihrer Distanzierung vom Linksextremismus waren und sind Zweifel angebracht.

Für das SWR-Feature äußerte sie sich umfassend im Originalton – das ist ein Gewinn, der das Anhören lohnt. Es ist entlarvend, wenn Astrid Proll von der RAF 1970/71 allen Ernstes sagt: „Wir waren Konzeptkünstler“. Natürlich hätte man sich ein härteres Nachfragen gewünscht, eine Konfrontation mit den Opfern des Amoklaufes gegen den Rechtsstaat, den Baader, Meinhof, Ensslin und andere auslebten. Doch dann wären die Originaltöne, die man jetzt hören kann, wohl nicht zustande gekommen. Sie sind eine Zumutung – aber aufschlussreich.


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KOMMENTARE (184)


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SH
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Was sagt eigentlich der moderne Feminismus dazu, daß eine der schlimmsten Terrororganisationen in diesem Land vor allem weiblich geprägt war? Das steht so phänomenal im Widerspruch zum angeblich friedfertigen Geschlecht und der Vorstellung von besseren Menschen.
DA
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Proll.....nomen est omen....
UH
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Und we man sieht, der Spiegel ist sich für nichts zu schade.
LT
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Die Re-Sozialisierung durch das Justizsystem ist hier offensichtlich komplett fehlgeschlagen. Warum dürfen solche Menschen in Deutschland frei herumlaufen, Interviews geben, und finden I'm ÖRR eine Plattform?
12
SG
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Offenbar handelt es sich bei den Gesprächspartnern dieser Verbrecher:innen und außen um Brüder/Schwestern im Geiste: Es ist unerträglich, dass sich Menschen, die sich auf schwerste Weise an ihren Mitmenschen und der Gesellschaft versündigt haben, im zwangsgebührenfinanzierten ÖRR eine solche Plattform erhalten, um ihre kriminelle Sicht der Dinge zu verbreiten. Nicht umsonst gibt man ja auch nicht Bankräubern, Vergewaltigern usw. die Gelegenheit zur Selbstrechtfertigung!
11
ZV
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Traurig das man solchen Verbrechern überhaupt noch ein Podium bietet. Ein Mörder ist ein Mörder , egal ob Nazi, RAF, Moslem, Atheist oder was auch immer . Und dafür ist eine sehr harte Strafe anzuordnen. AfD Mitgliedern möchten einige die Bürgerrechte entziehen , aber diese linken Verbrecher ( immer noch ) werden gepampert. Hier läuft so unglaublich viel verkehrt.
17
IJ
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Passt ja zu so einer Staatsfeindin, dass sie für den Spiegel gearbeitet hat. In den USA würde sie heute noch einsitzen aber hier wird man nur wegen Steuerhinterziehung so richtig belangt.
18
G
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Jetzt stellen wir uns mal vor, so ein "Interview" hätte man mit einer bekannten Nazi-Grösse gemacht. Irgendein Gauleiter oder ähnliches. Der hätte dann auch seine "Weisheiten" über den Nationalsozialismus und die tolle Zeit und den "Kampf" der Partei verbreitet.... Warum schickt man diese RAF Terroristen nicht ins Stasi Gefängnis? Die Idiologie dahinter ist doch identisch? Dort können sie in Beugehaft ihre Erlebnisse aufschreiben bis alle Fragen geklärt sind.....und von mir aus dort verrotten. Keine Bühne dieser Mörderbande!
11
CN
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Ach, die durften auch alle im Fernsehen und Radio sprechen, führten gut bezahlte Interviews und konnten ihre beschönigenden, verlogenen Biografien veröffentlichen. Sei es Speer, Dönitz, von Schirach und viele andere; Dönitz sprach sogar vor Schülern eines Gymnasiums.
A
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Erhobene Faust. Aktivisten ... kommt einem das nicht bekannt vor?
11
R
Veröffentlicht vor 11 Monaten | Eingereicht vor 11 Monaten
Eigentlich erstaunlich, dass sie keine Anstellung in einer ARD-Anstalt bekommen hat.
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