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Cannabis: »Cannabis als Allheilmittel anzupreisen, ist gefährlich«

Vor zehn Monaten wurde Cannabis in Deutschland legalisiert. Was hat sich seither verändert? Ein Gespräch mit der Suchtforscherin Eva Hoch über die Folgen des Gesetzes, falsche Heilsversprechen und verpasste Chancen.
Mehrere grüne Cannabisblüten sind in einem gleichmäßigen Raster auf einem blauen Hintergrund angeordnet. Die Schatten der Blüten fallen nach rechts unten. Die Anordnung und der Kontrast zwischen den grünen Blüten und dem blauen Hintergrund betonen die Struktur und Farbe der Pflanzen.
Cannabis besteht aus mehr als 100 Cannabinoiden und birgt sowohl therapeutisches Potenzial als auch Risiken.

Frau Hoch, Sie forschen seit 20 Jahren zum Cannabiskonsum und seinen Auswirkungen. Seit April 2024 ist die Substanz in Deutschland in begrenzten Mengen für Erwachsene erlaubt. Ist das ein spannender Glücksfall für Sie als Cannabisforscherin?

Es ist weder ein Glücksfall noch ein Unglücksfall. Es gab eine unglaubliche Nachfrage nach Wissen und Informationen. Das Thema ist sowieso in den letzten zehn Jahren immer präsenter geworden. Aber rund um die Gesetzesverabschiedung war das mediale Interesse riesig, und es ist sehr heftig und emotional diskutiert worden. Für mich persönlich war es ein anstrengendes Jahr. Ich habe viele Fortbildungen und Vorträge für alle möglichen Bereiche der Gesellschaft gehalten. Es ist aber natürlich gut und wichtig, wenn wir als Wissenschaftler zum Diskurs beitragen und fachlich gesicherte Informationen teilen können. Das Gesetz war bis zum Schluss sehr umstritten und ist es auch immer noch. Gerade steht wieder alles auf dem Prüfstand, und in wenigen Tagen haben wir Wahlen. Die jetzige Opposition war immer gegen das Gesetz und hat auch schon angekündigt, es wieder rückgängig machen zu wollen, wenn das überhaupt möglich ist.

Sind Sie konkret eingebunden, die Auswirkungen der Legalisierung zu evaluieren?

Ich leite das IFT, das Institut für Therapieforschung in München. Als unabhängiges und gemeinnütziges Forschungsinstitut sind wir seit fünf Jahrzehnten auf dem Gebiet der Drogen-, Sucht- und Versorgungsforschung tätig. Wir führen beispielsweise seit den 1980er Jahren den Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) zum Konsum von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen sowie Medikamenten in Deutschlands durch. Im Vordergrund steht dabei die Beobachtung von Trends des Substanzkonsums und seiner Folgen. Die letzte Erhebungswelle erfolgte 2024, kurz nach der Legalisierung von Cannabis. Und wir sind aktuell auch an einer großen, vom kanadischen Gesundheitsministerium finanzierten Studie beteiligt, der International Cannabis Policy Study. Die ist für mich ebenfalls sehr interessant, weil sie den Cannabiskonsum in vielen Ländern erfasst. In den USA und Kanada, wo die Substanz bereits vor längerer Zeit legalisiert wurde, und in Ländern ohne Legalisierung, und zwar überall mit der gleichen Methodik.

Eva Hoch
Eva Hoch | Die Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin widmet sich seit 20 Jahren den psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen des Cannabiskonsums und der Cannabiskonsumstörung und berät unter anderem die WHO, die Drogenagentur der Europäischen Union (EUDA) und die Vereinten Nationen. Sie leitet das Institut für Therapieforschung und ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Charlotte Fresenius Hochschule in München sowie Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie.

Was weiß man schon über die Auswirkungen der Legalisierung in Deutschland?

Es ist momentan schwer abzuschätzen, was die Effekte der Legalisierung sind, weil die aktuellen Studienergebnisse noch nicht vorliegen. Von anderen Ländern wissen wir bereits, dass es eine gewisse Zeit braucht, um ein Gesetz zu evaluieren.

Wird der Konsum zunehmen?

In den letzten zehn Jahren ist der Konsum von Cannabis in Deutschland stetig gestiegen. Auf Grund unserer...

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  • Quellen

Hoch, E., et al.: Cannabis, cannabinoids and health: A review of evidence on risks and medical benefits. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience 10.1007/s00406–024–01880–2, 2024

Hoch, Eva, et al.: Cannabiskonsum bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Suchttherapie 25, 2024

Yimer, T. M. et al.: The adverse public health effects of non-medical cannabis legalisation in Canada and the USA. The Lancet Public Health 10, 2025

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