Publikationswesen : Tretet zurück!
Wissenschaftliche Veröffentlichungen dienen nicht nur dazu, Wissen zu verbreiten – für Forscher sind sie auch für ihre Karriere entscheidend. Verlage nutzen den Publikationsdruck aus, um möglichst viel Geld mit möglichst vielen Artikeln und unbezahlter Arbeit von Autoren wie Gutachtern zu verdienen. Das ist lange bekannt – wie auch die Probleme, die mit der Publikationsflut, der Überforderung der Gutachter und der oftmals mangelnden Qualität der Arbeiten einhergehen. Ein internationales Team von Forschern, darunter dem Psychologen und Vizepräsidenten des Europäischen Forschungsrats, Gerd Gigerenzer, hat jüngst im Fachmagazin „PNAS“ Möglichkeiten diskutiert, das Publikationssystem zu reformieren.
Eine davon: Da die Verlage Elsevier oder Springer Nature nicht freiwillig ihr lukratives Geschäft auf- und in die Hände der Wissenschaft zurückgeben, könnten akademische Institutionen und Gesellschaften „Parallelzeitschriften“ aus der Taufe heben. Dahin sollten dann die Herausgeber der bisherigen kommerziellen Magazine herüberwechseln.
Falsche Anreize
Vorbilder gibt es: So ist 2023 das Herausgebergremium der Zeitschrift „NeuroImage“ zurückgetreten, um gegen die „Gier“ von Elsevier zu protestieren. 2019 haben viele Wissenschaftler das Magazin „Nature Machine Intelligence“ boykottiert, und 2006 trat das Herausgebergremium von Elseviers „Topology“ zurück und gründete das „New Journal of Topology“ – das Elsevier-Magazin sei drei Jahre später eingestellt worden.
Zwar haben auch wissenschaftliche Fachgesellschaften finanzielle Interessen. So veranstalten sie mit dem Geld, das sie mit der Herausgabe von Fachzeitschriften verdienen, beispielsweise Tagungen. Doch akademische Institutionen haben anders als private Verlage keine exorbitanten Renditeerwartungen und müssen weder Anteilseigner berücksichtigen noch teure Marketingabteilungen und Vorstandsetagen bezahlen.
Das Team ermutigt in dem Perspektivenpapier in „PNAS“ Forscher weltweit zu derartigen Revolutionen. Bisher seien die Anreize bei Veröffentlichungen „oft nicht in Übereinstimmung mit den Kernzwecken akademischer Veröffentlichungen“. Auch Ansätze wie Vorveröffentlichungen ohne Gutachten, die bereits von der Community diskutiert werden, offene Begutachtungen oder die Förderung von Arbeiten, die frühere Studien replizieren und damit überprüfen, könnten die Qualität im wissenschaftlichen Prozess steigern.
Doch die Signale, die von Rücktritten der Herausgeber ausgehen, dürften noch deutlicher sein. Eine derartige Selbstermächtigung könnte zeigen: Die Macht ist eigentlich in der Hand der vielen, die bisher quasi ohnmächtig ihre kleinen Beiträge liefern.