Briefe aus dem Nachlass. Band 2: Briefe zwischen 1872 und 1876 348742200X, 9783487422008

Der zweite Band "Erwin Rohde - Briefe aus dem Nachlass“ umfasst die Jahre 1872 bis 1876. Er beginnt mit Nietzsches

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Briefe aus dem Nachlass. Band 2: Briefe zwischen 1872 und 1876
 348742200X, 9783487422008

Table of contents :
Erwin Rohde: Briefe aus dem Nachlass (Band 2)
Impressum
Inhalt
Zu den Briefen
Zur Edition
Abkürzungen
Die Briefe (1872 – 1876)
Griechische Wörter, Phrasen und Zitate

Citation preview

E RW I N RO H D E BRIEFE

AUS DEM NACHLASS

1872– 1876

OLMS

Erwin Rohde Briefe aus dem Nachlass

Erwin Rohde

BRIEFE AUS DEM NACHLASS Herausgegeben von Marianne Haubold

Band 2 1872 – 1876

Georg Olms Verlag Hildesheim · Zürich · New York 2017

Erwin Rohde

BRIEFE AUS DEM NACHLASS 1872 – 1876

Herausgegeben von Marianne Haubold

Georg Olms Verlag Hildesheim · Zürich · New York 2017

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Georg Olms Verlag AG, Hildesheim 2017 www.olms.de Alle Rechte vorbehalten Einbandgestaltung und Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg E-Book ISBN 978-3-487-42200-8

Inhalt

Zu den Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Zur Edition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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DIE BRIEFE (1872–1876) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Griechische Wörter, Phrasen und Zitate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Zu den Briefen

Der zweite Band »Erwin Rohde – Briefe aus dem Nachlass« umfasst die Jahre 1872 bis 1876. Er beginnt mit Nietzsches »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« und endet mit Rohdes Geschichte des antiken Romans »Der griechische Roman und seine Vorläufer«. Sehnsuchtsort, »eigentliche Heimath« ist für den Kieler Dozenten Basel: in den neu sich um Nietzsche bildenden Kreis wird Rohde integriert. Der Kreis der Briefpartner erweitert sich: Richard und Cosima Wagner, Franz Overbeck, Friedrich Zarncke, Otto Ribbeck und Franz Rühl. Die Briefe an die Familie werden seltener, verständlich bei der Nähe zwischen Kiel und Hamburg. Die Themen kreisen um Nietzsches Buch und Gesundheit, das Leben der Freunde in Basel, Zustände an der Kieler Universität, Einsamkeit, Familie, Liebe und »das Buch«. Schlaglichtartig werden Umbrüche der Zeit, die große Wirtschafts- und Bankenkrise von 1873, fassbar: Wiebe, die Hausbank der Rohdes in Hamburg, geht bankrott, den Freundeskreis der Familie wühlt ein Banker-Suizid auf, Rohdes Verleger macht pleite. Augenzwinkernd grüßt Rohde die Mutter mit »sozialdemokratischem Gruß«, er hatte Lasalle eingehend studiert. Unkontrollierbare Epidemien wie die Cholera bringen große Trauer in die Familie, der Bruder stirbt, eine Schwester überlebt knapp. Erste Irritation in Bezug auf Nietzsche findet Ausdruck in Brief und »Cogitatum«. Eine heftige Leidenschaft zu einer verheirateten Frau löst sich in Nichts auf und erschüttert Rohdes Leben. Die Berufung auf eine ordentliche Professur in Jena wird als Erleichterung empfunden.

Zur Edition

Die Brief-Texte werden ungekürzt und unverändert wiedergegeben; Anmerkungen zu den gut erschlossenen Briefen an Nietzsche und Overbeck werden nicht wiederholt. Neu werden, auf Anregung einiger Leserinnen, in einem Anhang griechische Wörter, Phrasen oder Zitate in der Reihenfolge ihres Vorkommens aufgeführt und übersetzt. Sinnverändernde Abweichungen im KGB werden angemerkt. In den Briefen erwähnte Aufsätze Rohdes werden mit der Nummer des Werkverzeichnisses aus Brief-Band 1 und Titel angegeben.1 Als Zeitzeugnisse werden die Angaben Schölls zu den Rohde-Briefen von 19022, einige Briefe Ribbecks in der Auswahl-Ausgabe seiner Frau Emma von 19013, sowie eine »Chronik der Universität zu Kiel.«4 von 1873 bis 1876 angeführt. Außerdem die von Rohdes Enkelin H. Däuble gesammelten Nachrichten zur Familie.5 Ein Gesamtregister wird den letzten, fünften Briefband abschließen. Rohdes Briefe an Richard und Cosima Wagner, Zarncke und Rühl liegen als Kopien im Nachlass.

1 Erwin Rohde, Briefe aus dem Nachlass. Herausgegeben von Marianne Haubold, Band 1, 1865-1871, Hildesheim 2015, S. 13-28. 2 Friedrich Nietzsches Briefwechsel mit Erwin Rohde. Herausgegeben von Elisabeth Förster-Nietzsche und Fritz Schöll, Leipzig 1902. 3 Otto Ribbeck, Ein Bild seines Lebens aus seinen Briefen 1846-1898. Mit zwei Porträts nach Zeichnungen von Paul Heyse, Stuttgart 1901 [herausgegeben von Emma Ribbeck]. 4 Chronik der Universität zu Kiel. Kiel 1872-1879 [Sammelband]. 5 Hedwig Däuble, Familiengeschichte Schleiden-Rohde, Karlsruhe 1988.

Abkürzungen

Chronik

Chronik der Universität zu Kiel. Kiel 1872 – 1876.

Cogitata

Erwin Rohdes Cogitata. Zur Wissenschaftsgeschichte der klassischen Philologie. Eine textkritische Edition. Diss. von Marianne Haubold, Basel 2015.

Däuble

Hedwig Däuble: Familiengeschichte Rohde-Schleiden. Karlsruhe 1988. Privatdruck.

E. Ribbeck Otto Ribbeck: Ein Bild seines Lebens aus seinen Briefen 1846 – 1898. Mit zwei Porträts nach Zeichnungen von Paul Heyse. Stuttgart 1901 [herausgegeben von Emma Ribbeck]. KGB

Nietzsche Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin 1975 – ff.

RN

Rohde-Nachlass.

Schöll

Friedrich Nietzsches Briefwechsel mit Erwin Rohde. Herausgegeben von Elisabeth Förster-Nietzsche und Fritz Schöll. Leipzig 1902.

WV

Werkverzeichnis der Schriften Rohdes, in: Erwin Rohde, Briefe aus dem Nachlass, herausgegeben von Marianne Haubold, Bd. 1, 1865 – 1871, Hildesheim/Zürich/New York 2015.

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2.1 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 9. Januar 72. Geliebter Freund! Dein Brief vom 2ten traf mich, am 6ten‚ noch in Hamburg: dein Buch habe ich erst gestern Abend, als ich hierher zurückkehrte, gefunden. So wäre der große Schritt gethan, und nun möge er Segen wirken! Wie dankbar ich Dir für das Geschenk des Buches bin, brauche ich mit Worten nicht zu sagen. An Zarncke schreibe ich morgen; ich werde mich freilich gewaltig comprimiren müssen, um für die Zarnckeschen angustiae schlank genug zu werden! Aber es bleibt kein andrer geeigneter Platz. An philologische Spezialzeitschriften zu denken, wäre fast ein Hohn: man denke sich das Gaffen des versammelten Alexandria! Mir liegt, in dieser Angelegenheit, immer das Schillersche Epigramm von »Weisheit und Klugheit«1 im Sinn: in Alexandria aber wohnen, außer einigen klugen Ritschl’s – die, wie der Landpfleger, sprechen werden: »Du rasest!« – zahllose Dumme, und ganz Einzelne die nach tiefer Weisheit dürsten. Diesen Dummen klänge diese neue Mähr nicht anders als chinesisch! – In bellettrist. Zeitgg allgemeinerer Art (wie Gottschalls Unterhaltgen etc) würdest Du unter der versammelten Synagoge dich auch gar zu seltsam ausnehmen: diese Art von Gesundheitversicherungsanstalten wäre uns obendrein sicher verschlossen. Was bleibt also, außer dem Allerweltszarncke? (Wenn sich nicht etwa in die Augsb. Allg. Ztg oder e. ähnliches Blatt eindringen ließe: vielleicht, wenn du 1 Auf dem Vorsatzblatt eines Sonderdruckes »Sokrates und die griechische Tragödie« (im Rohde-Nachlass) steht unter Nietzsches Widmung »Meinem liebsten Freunde Erwin Rohde« das von Rohde ausgeschriebene Epigramm: »›Weisheit und Klugheit.‹ Willst Du, Freund, die erhabensten Höhn der Weisheit erfliegen, wag’ es auf die Gefahr daß Dich die Klugheit verlacht. Die Kurzsichtige sieht nur das Ufer, das Dir zurückflieht, Jenes nicht, wo dereinst landet dein mächtiger Flug. SCHILLER Kiel, 22. Juni 71«. Ein Faksimile der handschriftlichen Zufügungen in: »Hedwig Däuble, Friedrich Nietzsche und Erwin Rohde. Mit bisher ungedruckten Briefen«. (Nietzsche-Studien, Bd. 5, 1976, nach S. 352).

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meinst, durch Wagners Vermittlung, um die, in diesem Falle, natürlich ich bitten würde.) Noch habe ich nichts gelesen, sondern nur die Lettern »auf mich wirken lassen«. Die Vignette ist schön erdacht, aber, so scheint mir, nicht ganz glücklich ausgeführt (rechte Hand, der Kopf des Geiers und der offenbar zu kleine und auf den Hals nicht richtig gesetzte Kopf). Morgen werde ich mir dann, und, durch Gunst der κρείττονες‚ auch Uebermorgen noch, zu reinen Festtagen einweihen, indem ich an Deiner Hand eingehe in das Land dionysischen Entzückens! und alles übrige versinken lassen Und somit für heute κόγξ ὄμπαξ2‚ lieber Bruder in Dionysos und Mystagog.! Wie auch Alles gehen möge, meiner Liebe sei unwandelbar versichert. Herzlichst Dein E.R. bitte, mich Burckhardten zu empfehlen; ich danke ihm für seinen Antheil an meinen pythagorischen Kleinigkeiten3 –

2.2 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel, 10. Januar 1872. Sehr geehrter Herr Professor !

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In der ersten Woche des December v. J. habe ich Ihnen die Anzeige der mir zur Besprechung im Centralblatte zugeschickten Bücher von Ranke 4 und Teuffel5 zugesendet, die hoffentlich richtig in Ihre Hände gekommen ist; heute erlaube ich mir, Sie um Zulassung einer anderen Anzeige in Ihrer Zeitschrift zu ersuchen. Mein Freund Nietzsche hat mit Anfang des Jahres (bei E W. Fritzsch in Lpz.) eine Schrift, des Titels Die Geburt der Tragoedie aus dem Geiste der Musik erscheinen lassen. Ich möchte Sie um die besondere Gunst ersuchen, diese Schrift unsres gemeinsamen Freundes im Centralblatte anzeigen zu dürfen. Es ist nicht allein die genaueste Freundschaftsverbindung, die mich an allen wissenschaftlichen Arbeiten N’s und im besondern an dieser seiner ersten separat erscheinenden Schrift den innigsten Antheil nehmen lässt, sondern wohl mehr noch die tiefste Schöll: »κόγξ ὄμπαξ: vielbesprochene »mystische« Glosse des Hesych, s. Lobeck, Aglaophamus, p. 779.« (Schöll, 1902, 433, Nr. 86); es sind die Seiten 775-783. 3 WV 4 und 10: »Die Quellen des Jamblichus in seiner Biographie des Pythagoras«. 4 WV 8: »Ranke, Ferd., August Meineke. Ein Lebensbild«. 5 WV 9: »Teuffel, W. S., Studien und Charakteristiken zur griechischen und römischen sowie zur deutschen Literaturgeschichte«. 2

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Ueberzeugung von der hohen Bedeutung, die dieses Buch, richtig verstanden, für die Lösung der ernstlichsten aesthetischen Probleme, vor Allem auch für eine ganz neue Beselung der Alterthumsstudien gewinnen müßte. Dieser Ueberzeugung einen kurzen und praegnanten Ausdruck zu geben, drängt mich das reinste Gefühl. Sollten Sie also, geehrter Herr Professor, meinem Wunsche nichts entgegensetzen, so würd e ich denn baldmöglichst die betreffende Anzeige einsenden. Mit der Hoffnung auf einige Zeilen zusagender Antwort verbleibe ich mit der vorzüglichsten Hochachtung Ihr ganz ergebner Erwin Rohde Dr. (Kiel, Brunswieckerstraße 10 b.)

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2.3 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel 29. Januar 72. Geehrter Herr Professor! An demselben Tage, wo mir durch Ihre Güte meine Anzeigen des Teuffelschen und des Rankeschen Buches6 (die letztere, wie ich sehe, durch einige Zusätze erweitert) gedruckt zugehen, erlaube ich mir, Ihnen mit beiliegendem die Anzeige der Nietzscheschen Schrift zuzuschicken, deren Aufnahme in Ihr Centralblatt Sie so gütig waren mir zuzusagen. Trotz aller Bemühungen die ich vornehmlich auf eine starke Zusammendrängung des zu sagenden verwendet habe, hat mich die Schwierigkeit der Materie und die Art der Behandlung, die gewiß für viele Leser etwas befremdlich Neues haben wird, zu einer mehr recapitulirenden Art der Anzeige genöthigt, die mich denn, fürchte ich, ein klein wenig über die Grenzen der üblichen zwei Spalten hinausgetrieben hat. Wie ich Sie dies gütigst zu entschuldigen bitte, so wage ich noch eine Bitte vorzutragen, deren Mißdeutung ich nicht fürchten darf. Wahrlich nicht in meinem Interesse, aber in demjenigen meines Freundes, der, wie ich mir vorstelle, mit einiger Ungeduld auf die erste öffentliche Stimme über sein ihm sehr wichtiges Erstlingswerk warten mag, erlaube ich mir, Ihnen die Bitte ans Herz zu legen, diese Anzeige sobald zum Abdrucke zu bringen, als sich ohne irgend welche Störung aller sonst etwa schon getroffenen Anordnungen des Stoffes und Platzes thun lässt. Ich hoffe, wie gesagt, daß Sie mir diese Bitte nicht als Unbescheidenheit auslegen werden, und würde andrerseits durch ihre Erfüllung Ihnen, geehrter Herr Professor, zu ganz besonderm Danke verpflichtet sein. Hochachtungsvoll ergebenst E. Rohde Dr. 6

WV 9 und 8.

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2.4 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 29. 1. 72

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Aber warum verstummst du so gänzlich, mein lieber Freund? ich erwartete täglich Nachricht von Dir, ob du nicht die Einsendung der Anzeige an irgend e. andre Zeitschrift für geeigneter hieltest als grade an Zarnckes Cbl., in dem ich mich, unter grinsenden Magistern, und unter der Oberaufsicht des eiskalten Aspirators Z., ich gestehe es, sehr unbehaglich fühle. Nun ist denn doch die Anz. an Z. abgegangen, und ich hoffe nur dß er meiner Bitte um baldigen Abdruck nachkommt u. nicht gar e. ähnliche Frechheit begeht, wie bei einer Anz. von mir über Rankes Meineke, (am vorigen Sonnabd), wo er ohne mein Wissen vorne u hinten 2 Katzenbuckel für s. Freund Ranke angehängt hat7, dessen ganz dummes Buch mir natürlich zu empfehlen gar nicht eingefallen war. Zum Glück hat er meine Chiffer, ρ, fortgelassen. Dein Buch anzuzeigen ist mir doch einigermaaßen sauer geworden, nicht weil ich nicht viel darüber zu sagen gewusst hätte, sondern weil eben, bei Z, wenig zu sagen war, und das Wenige vor einem Publicum das außer dem lieben Gott, der »Materie«, und der Seele, die darin herumrumort gar keine Vorstellungen weiter im Kopfe hat als die leidige Politik. Auf den Standpunct aber freilich eines diesem Buch ganz fremd gegenüber Stehenden ist es mir doch unmöglich geworden, mich zu versetzen: ich fühlte mich in Allem mit Dir so einig dß es mir vollkommen impossibile war, das herauszufühlen was den rohen Anschauungen unsrer Gelehrten hier alles wildfremd, paradox und einem solchen Leib= und Seelenmann wohl gradezu verrückt vorkommen mag. Vielmehr habe ich dazu beigetragen, diese Leute, auf die nun freil. übh. wohl nicht gerechnet war, in ihrem Verdacht der Verrücktheit zu bestärken, und zum Schluß, mit aller Feierlichkeit an die Plempe schlagend, dies Gesindel ausdrücklich zurückgewiesen. Hätten wir freilich irgend ein Organ, wo man, solche Dinge besprechend, nicht immer mit ganz tollen Katechismusvorstellungen u. Mißverständnissen zu kämpfen hätte, sondern im Kreise Gleichgestimmter ernsthaft reden dürfte, dann könnte man auch vom Wichtigsten kurz reden. So muß man, exponirend, weiter umschreiben, und kann sich schließlich doch nur auf die kleine Gemeinde derjenigen berufen, welche die erstaunlich seltene Kraft besitzen, Ernstes ernst zu nehmen, voran dies seltsame Leben und das ernste Spiel der Kunst. So habe ich es denn freilich 7

WV 8 Schöll: »über Rankes Meineke: Litt. Centralbl. 1872 S. 78f.; die gehaltene und gehaltvolle Anzeige Rohdes ist eingerahmt von den Sätzen: »Es ist ein schönes Geschenk, welches uns Ranke mit diesem Buch über einen Mann macht, dem er lange Jahre hindurch nahe gestanden hat ….. Jeder Lehrer, der sich noch Sinn für das Ideale bewahrt hat (und hoffentlich ist deren Zahl nicht so klein), wird sich daran erheben und erquicken.« Die Rezension fehlt in dem Verzeichniß Kl. Schr. I, p. XVIIIf.« (Schöll, 1902, 433, Nr. 88); s. Rohdebriefe I, 2015, S. 15, A. 3.

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auch gethan: aber ob gerade von Z. aus meine Stimme zu diesen Anachoreten dringt? – Dies waren denn die Bedenklichkeiten einer derartigen Anzeige, zu der mich doch andrerseits alles drängte. Doch nun: weg mit dem Fandôm! (pag. 110.)8 Ach‚ lieber Freund, kommt sie einmal, die goldne Zeit, wo wir zwischen uns und diese freche Welt den Abgrund werfen, da uns doch im Innern ein weltentiefer Abgrund in Denken Wünschen und Empfinden von ihr trennt? und wo wir, eine Gemeinde Engverbundner, dem Lichte entgegen warten, das wohl endlich einmal auch uns aufgehen mag. Man kann nicht engere Gemeinschaft des Empfindens haben als ich mit Dir, der ich in jeder Faser empfinde, wie dieses dein Buch auch meinen tiefsten Erfahrungen überall den mir leuchtend klaren und erschöpfenden Ausdruck giebt. Und dies sind keine ersonnenen Träume; wie könnte ein zweites Wesen sie so im Innersten mit erleben! Daß aber Wagner uns in diesem Verstehen der tiefsten Dinge bestätigt, ist doch ein Band, das auch mich ihm näher verbinden mag, als ich sonst irgend zu hoffen wagen würde. So denke ich, was ich lange versäumte, ihm nächstens ἀγαθῇ τύχῃ, von meinem verehrenden Antheil brieflich zu reden. – Für heute bin ich mit Papier und Kräften zu Ende, es ist spät Abend. Schreib nur bald, l. Freund, u. sei meiner Treue versichert. E. R.

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2.5 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel, 4. Febr. 72. Geehrter Herr Professor! Obgleich ich Anfangs die Absicht hatte‚ auf Ihren Brief nur durch Stillschweigen zu antworten, so sehe ich mich bei kälterer Ueberlegung doch veranlasst, gewissen Mißverständnissen, wie sie ein solches Schweigen hervorrufen könnte, durch eine offene Erklärung vorzubeugen. Ich will zunächst gestehen, daß ich Ihre Ablehnung meiner Anzeige, so überraschend sie mir zuerst kam, doch schließlich als nicht ungerechtfertigt erkannt habe. Nicht zwar, als ob ich meinerseits an dem Inhalte der Anzeige irgend etwas geändert wünschte: denn sie spricht einfach meine Ueberzeugung aus. Auch glaube ich in der That dß so ganz ungewöhnlichen Gedanken, wie die der vorliegenden Nietzscheschen Schrift sind, nur eine theilnehmende und in gewissen Grundanschauungen verwandte Auffassung ohne Mißverständniß gerecht werden kann, eine Auffassung die überdies bewiese daß sie dem Autor in die einsamen Regionen, wohin 8

Schöll: »pag. 110: der »Geburt d. Tr..« (Schöll, 1902, 433, Nr. 88); Rohde wiederholt das Zitat im Brief vom 6. 2. 72.

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ihn sein Flug trägt, zu folgen vermöge. Wenigstens ist es wohl nicht bewiesen, daß gerade die Schnecke der gültige Richter über den Flug des Adlers sei. Wer gar einen rein philologischen Maßstab an dies Buch legen wollte, der würde die letzte und eigentliche Absicht desselben entweder seltsam verkennen oder sie völlig ablehnen müssen. Denn einmal erkannt, kann diese Absicht nur verworfen oder angenommen werden. Ich meinerseits vermag es nun freilich nicht, mit der Kälte des Anatomen vor dem Leichnam, vor dieses Werk mich zu stellen, aus welchem lange gehegte Herzensmeinungen und Hoffnungen meines liebsten Freundes mit vertrauten Tönen leidenschaftlich ernst zu mir sprechen. Aber eben darum kann ich es mir allerdings nicht verhehlen, daß es ein Mißgriff war, einen solchen Ausdruck unbedingter Theilnahme einer rein gelehrten kritischen Zeitschrift anzubieten, die mit Recht den Standpunct einer viel kühleren Beurtheilung sellbst selbst des Bedeutendsten festhält, während doch ein derartig kritisches Verhalten diesem Buche und seinem Gedankenkreise gegenüber mir so unmöglich sein würde, als über meinen eignen Schatten zu springen. Eine Andeutung Ihres Briefes, mit der Sie die Ablehnung der Anzeige begleiten, hat mir indessen, wie ich ganz offen gestehen will, das Gefühl einer tiefen Kränkung hinterlassen. Sie deuten an, daß der Ton der Anzeige geeignet sei, auf die Leser den Eindruck eines beabsichtigten Freundschaftsdienstes im Sinne einer wenig lobenswerthen Cameraderie zu machen. Wenn ich die Ehre hätte, Ihnen von Person näher und seit längerer Zeit bekannt zu sein, so würde ich mit Zuversicht fragen, ob wohl eine derartige gleich unlautere wie geschmacklose Absicht mit meinem Charakter und meiner gewöhnlichen Handlungsweise im Einklang stehe? Jetzt darf ich mir nur erlauben, an Ihr kundiges Urtheil zu appelliren, ob ein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch, falls er den angedeuteten unlauteren Zweck verfolgte, gerade den von mir gewählten Ton angeschlagen haben würde, in dem von einer schlau berechneten Mischung von vielem Lob und einigem Tadel – zur Beschwichtigung des ϕϑόνος – gar nichts zu spüren ist, mit dem sich vielmehr der Recensent, wenig kritisch aber sehr aufrichtig, einfach als Gesinnungsgenossen des Verf. bekennt, und jeden Versuch verschmäht, den ungewöhnlichen Inhalt des Buches den Lesern zugänglicher und harmloser darzustellen als er wirklich ist? Man hätte, um eines Freundes Arbeit, wie man sagt, zu poussiren, wahrlich nicht unkluger handeln können! Und gleichwohl soll ein ehrlicher Absichten sich Bewußter befürchten müssen, durch eine solche Anzeige der Gunstbuhlerei im Namen seines Freundes sich verdächtig zu machen? Die Anzeige möge als Anzeige so verfehlt wie möglich sein: das, dächte ich, hätte jeder unbefangne Leser fühlen müssen, daß es dem Rec. einzig darauf ankam, aus ehrlicher Empfindung öffentlich auszusprechen, wie viel Tiefsinniges und Herrliches ihm und jedem empfänglichen Leser mit diesem Buche geboten werde, ganz und gar nicht darauf, eine marktschreierische Reclame zu machen, nicht einmal, die Schrift weitern Kreisen zu empfeh-

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len: denn dieses Buch, vorläufig gewiß paucorum hominum, wird durch eigne Kraft seinen Weg machen. – Verzeihen Sie, geehrter Herr Professor, meine Ausführlichkeit in einer Angelegenheit die Ihnen vielleicht ganz irrelevant erscheinen mag. Ich habe es für mein Recht und meine Pflicht gehalten, durch eine ganz offene Auseinandersetzung meinerseits den Standpunct zu bezeichnen, den ich in dieser nicht durchaus angenehmen Angelegenheit gegenüber einnehme. Hochachtungsvoll Ihr ganz ergebner E. Rohde Dr.

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2.6 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 6. Febr. 72 Mein lieber Freund! Nein, wir sollen offenbar mit den Klüglingen keinerlei Gemeinschaft pflegen. Hinterher empfinde ich die ganze Lächerlichkeit der Z’schen Transaction. Ich biete mich an: er schreibt, er wolle die Anzeige »gern entgegen nehmen«, u. nun habe ich die Dummheit, nach einer verrückten Anzeige gar noch Herrn Z. u alle seine Confratres zum Schluß ausdrücklich zum Geier zu wünschen: denn mit richtigem Instinct wird er sich u s. Gleichen unter den »Klugen« gewittert haben, die durch ein solemnes ἕκας βέβηλοι! von diesen Mysterien abgewiesen werden. Das sollte er selbst abdrucken! Während ich die Anzeige schrieb, meinte ich, mich in durchaus möglichen Grenzen zu halten: ich würde sonst vieles stärker betont haben, so die schließlichen Hoffnungen, u, was mich besonders berührt hatte, die Ergänzung zur Schopenh.schen Weltansicht, die in dieser auf ihr erbauten Kunstlehre gegeben ist; wie hier die Welt der Erscheinung zuerst e. wirkliche – nicht eben die der guten Herrn vom philosoph. Gewerbe, die gar nicht empfinden, wo der Knoten drückt – Rechtfertigung findet, neben Sch’s buddhistischer Flucht zum Alleinen: jene ergänzende bet Rechtfertigung die eine nicht zu dämpfende Stimme in uns gebieterisch verlangt, und die eben, Deiner Darstellung zu folge, nur die Kunst bieten kann. Denn dem schwierigsten aller Probleme, dem der Individuation dreht doch Sch. eigentlich den Rücken, und gewiß ist, daß alle andern Versuche, etwa e. sehr vertiefte Betrachtg der Moral, hier nichts zu erklären vermögen, sondern einzig die Kunst, zu höchst die tragische. Es ist nämlich dem einmal erwachten philosoph. Bewußtsein viel natürlicher u. leichter, das Eine und Bildende zu fassen, als das Reich der Vorstellung. – Aber welche Impietäten! Und wenn ich das hier Gestammelte präzis in zwei Worten zu sagen mich gesammelt hätte, welcher odor insanitatis. Wenn ich aber doch noch e. Loch finde, von welchem aus ich deinen Ruhm ver-

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kündigen kann, so will ich, einiges beibehaltend, vieles in der Anzeige – die ich Thor mit schlauer Anbequemg an das Cbl. geschrieben zu haben meinte! – ändern, namtl. denn auch das große Verdienst einer solchen, wie man sagen könnte, Kosmodicee (Du verstehst mich), betonen. Darum schicke vorläufig die Anzeige wie sie ist an kein Blatt. Herrn Z. habe ich sehr »stilvoll« geantwortet: ohne Grobheit aber »sehre kihl«: ich erkenne selbst den wunderlichen Mißgriff, sein Blatt zu e. solchen Exhibition gewählt zu haben; dann aber eine energische Zurückweisg der gemeinen Insinuation eines »Freundschaftsdienstes«; sein eignes kundiges Urtheil werde ihm wohl sagen dß solche Dienste von einem halbwegs Zurechnungsfähigen nicht in einer solchen Form sondern mit viel schlauerer Mischung von Licht u Schatten ausgeführt zu werden pflegten. Etc. Wie ungeschickt von dem Guten, mir e. solchen Hebel zu fatalen Wahrheiten zu liefern! Aber wiederum: weg mit dem Phantom! p. 110. Dß die Anzeige, trotz ihrer gelegentl. Accommodation, Dir gefallen hat, ist mir tröstlich: wir wachsen, denk’ ich, immer inniger zusammen, alter Freund! – Ungemein gerührt, als Zeichen reinsten Vertrauens, hat mich die gestern mir zugekommene Sendung der Tribschener Briefe: ich empfinde tief den vollen Glockenton einer in ihrem Innersten bewegten, machtvollen Natur namentlich in dem Briefe des Meisters: wie läutendes Erz, stark und innig. Solche Natur zu solcher Empfindung gebracht zu haben – wahrlich, theurer Freund, konntest du reicheren Lohn für alle Ueberwindungen erwünschen: ich rechne auch dies zu den Ueberwindungen, von den wortlos dunkel bewegten Erregungen der tiefsten Kräften, am Licht der Sonne, in begrifflicher Rede vor allem Volk auf dem Markt zu reden. Es giebt ein zart empfindliches Schamgefühl auch des Gedankens: man kämpft es nur nieder, um den Edelsten sich, mit der rückhaltlosen Offenheit der Liebe, mitzutheilen. Heil dir, dß in W. dir solche verstehende Liebe entgegenkommt. – Ein Wort von Greifswald9. Du hast aufs neue Kohlen auf m. Haupt gesammelt: ich danke dir, mein l. Freund, von Herzen: aber: s war wieder nischt. Ribbeck ist selbst vorgeschlagen, hat, zu ¾, abgelehnt, aber nicht ganz, würde, hier bleibend, mich nicht missen wollen, zumal da eben meine Erhöhung hier vom Plenum des Consistoriums, diesmal ohne Widerspruch – vorgeschlagen ist. Ohe! Treulichst dein E.R.

9 Nietzsche schrieb am 28. 1. 1872: »neulich habe ich […] eine vorläufige Anfrage, ob ich eine Professur in Greifswald annehmen würde […] sofort zu Deinen Gunsten und Dich empfehlend, abgelehnt.«

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2.7 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 26. Februar 72. Mein lieber Freund, ich hätte Dir schon längst einmal wieder die Hand gedrückt – im Briefe: – aber ich hatte wieder einmal eine jener Perioden, wo ich mir, bei vollkommener Gesundheit, so gelähmt und verfroren im Gehirn vorkomme wie Ovid in Tomi: wo man dann die Last u. Schwere des Daseyns quälend empfindet und nur jenes exoterische Leben führt, das einen von langweiligen Gesellschaften in öde Kneipen, zu stumpfer philologischer Sklaverei führt. – Vorüber! – Ach liebster Freund, ich denke tausendfach an Dich, und am Herzlichsten wenn ich Abends in den schönen Buchenwald spazieren gehe, wo im ersterbenden Schummerlicht die Einsamkeit und tröstliche Träume wohnen. – Hierbei erhältst du deine 3 Briefe zurück; ich habe den beiden ersten den tiefsten Einblick entnommen, auch dem von R.10 aber Seltsames. Ich muß doch noch einige Worte über das gescheiterte Recensionsunternehmen sagen, weil sie auch die Auffassg des Buches selbst betreffen. Ich verstehe gz wohl was dir an B’s11 philologisch-historischer Auffassg so wohl that. Oberflächlich Blickende, wie Ritschl, können nämlich in der That fast zu dem wunderlichen Gedanken kommen als werde hier e. mönchische Abschwörung von »Vernunft und Wissenschaft«12 gepredigt: dem gegenüber ist denn e. wissenschaftl. Verwerthung des Buches von Seiten eines Tiefblickenden hoch erfreulich. Kann man, gegenüber der vulgären Geschäftigkeit, worin bei uns der »Ernst des Lebens« besteht, ein betrachtsames Leben höher stellen als wir – ich zähle mich zu Dir – es thun? Aber haben wir nicht zugleich ein Recht, die Verflachung dieses an dem Erscheinen der Erscheinung haftenden Thuns zu beklagen? und nach einer Cultur zu seufzen, in der die πρᾶξις selber mehr wäre als ein leeres Treten der Mühle, und die Betrachtung mehr als die Beschreibg der Schlangenhaut die das Ewig Eine in jedem Moment abstreifend wechselt. Sind wir denn darum Thoren genug, für diese Zeit, wie sie ist, den Alexandrinismus ausreuten zu wollen: was gab es denn zur Diadochenzeit Edleres als die guten alten Alexandriner. Aber darf man sich keine Cultur denken und ersehnen in denen die Edelsten mehr wären als Gelehrte? Darum nun meine ich, eine besondre Hervorkehrg der philolog.-histor. Seite des Buches sei nicht wohl gethan. Wohl für die Resignirten, wie B, nicht für solche, die dem Standpunct des Buches selbst nahe kommen möchten. Aber auch die »That« an die Spitze zu stellen, ist, wie es nicht diplomatisch wäre, so auch nicht richtig. Zunächst kann in dem ungeheuern Schwunge des Weltrades der einzelne Wille we10 Ritschl

(an N. am 16. 2. 1872: KGB II, 2, S. 541).

11 Burckhardt’s. 12

Schöll: »Faust I, V. 1851 der Sophienausg.« (Schöll, 1902, 433, Nr. 92).

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nig thun, eher er e. Vielheit von Willen vertritt. Gesetzt aber, die Aufforderg führte direct zur That: so hätte hier nun, fürchte ich, der alte R. Recht: wir würden einen ungeheuren Dilettantismus befördern: wovor uns der heilige Goethe behüte! Denn das Buch, bei seiner für den gewöhnl. Biedermannsstandpunct ungeheuren Paradoxie, liest sich gewiß viel mystischer, als es gemeint ist: und wie R. eine Art von Verneinungstheorie herausgelesen hat, so würde es gewiß Manchen gehn. Wie nun aber gerade das Buch die Verweltlichung unsrer Gelehrtenbildung mit einer tiefsten Mystik zu versöhnen, wie es im Mythus die Vereinigung des ἕν mit dem πᾶν, in der Kunst die Ueberwindung zugleich der Mystik und des Rationalismus erwarte, dies alles nun im Griechenthum nachweise‚ und die beglückende Hoffnung nähre, daß uns die höchste Natur im Alter gewähre, was ihren glücklichen Lieblingen in die Wiege gelegt war – das müsste, auf eine od die andre Weise gesagt werden. Also weder bloß die kühle philol. Erkenntniß, noch die ungeborne That, die ja auch aus Mißverständnissen geboren werden kann: zuerst die Erweckg eines tiefsten Bedürfnisses nach voller Menschenbildg, und in der Erkenntniß griechischer Art das imperativische Element. War nicht Deutschland schon einmal so weit: aber wer empfindet heute auch nur das quälend Dunkle in der widerspruchsvollen Einheit des Einen und der Individuen: und wenn er sie empfindet, hat er, ein träumender Deutscher‚ einen andern Weg als die mystische Rückflucht ans Herz des Einen uralten Vaters? Daß unser Weg dahin nicht geht, erkannte doch selbst R. nicht; dessen Brief überh. voll der seltsamsten Mißverständnisse ist: was versteht er zB. unter Individuation? Fast scheints, etwa so viel wie »Jetztzeit«! – Zur Erheiterung des »Jemiethes« schicke ich Dir zugleich einen Brief des »Durchschnittslesers« Z: es ist weiter nichts darüber zu sagen: welche Beleidigg übrigens in solchen Trivialitäten liegt, da ich natürlich in meinem Briefe kein Wort von meinen u deinen »Gedankengängen« auch nur angedeutet hatte, merkt solch ein »Practicus« nicht. Àpropos: 22 Mai!13 Da der Tag in die Pfingstferien fällt, wollen wir immerhin die Hoffnung solcher schönen Jubelfeste nähren: ich wüßte nicht, was mich hindern könnte‚ mir dies zu »verjönnen« außer dem verdammten Gelde: als von welchem ich nur ein minus besitze. Du machst dir keine Vorstellung, wie ungeheuer wenig Gehalt ein Privatdozent bekommt: es wird wahrhaftig Zeit daß ich was werde! »doch ich fange an, zu philosophiren14; darum breche ich ab, indem ich mich zeichne mit aufrichtiger Hochschätzung dero ergebner Diener E. R. SCHREIBNURRECHTBALDEINMAL! 13

59. Geburtstag von Richard Wagner; geplante Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth. 14 Schöll: »Doch ich fange an zu philosophieren«: (und der Schluss) aus dem [oben] erwähnten Briefe Zarnckes.« (Schöll, 1902, 433, Nr. 92).

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2.8 Erwin Rohde an Richard Wagner 15 Hochgeehrter Herr! Ich würde es nur mir selbst zuzuschreiben haben, wenn jede Erinnerung an meine Person Ihnen längst entschwunden sein sollte und das endliche Wagniß dieses Briefes als eine durch nichts gerechtfertigte Kühnheit erschiene. Denn in der That suche ich vergebens nach einer gültigen Entschuldigung, die mich von dem Vorwurfe entlasten könnte, die Pflicht, Ihnen einen Dank unmittelbar auszudrücken, den ich im innern Herzen jeden Tag empfinde, so lange versäumt zu haben. Zwar der Dank für die Gastfreundschaft, die Sie mit so liebenswürdiger Herzlichkeit mir im Sommer 1870 erwiesen, als ich durch Herrn Prof. Nietzsche Ihnen vorgestellt zu werden das Glück hatte – der Ausdruck dieses Dankes ist, zu meiner Beschämung, nunmehr so veraltet, daß ich kaum noch wagen darf, Ihnen auszusprechen, wie tief ich die mir damals erwiesene Güte als einen der Glückspuncte meines Lebens empfinde. Aber was mich mehr noch als das Andenken an jenes Versäumniß immer wieder zugleich antrieb und zögernd zurückhielt, mich Ihnen persönlich zu nahen, war das viel mächtigere Gefühl einer innigsten Dankesverpflichtung, die ich Ihnen, verehrter Meister, zu schulden mir bewußt war, als einem der Mittler zu einer höheren Lebensmöglichkeit, die für uns Andere den dunkeln Weg so tröstlich und freudig verheißungsvoll beglänzen, wie im nächtlichen Walde die hohen Sterne. Wer blickte nicht verehrend auf zu den ewig hehren Gestirnen, den »Leitern zu Land und See«16; und so durchdrang seit Langem meine Seele das tiefste Gefühl frohen Dankes, wenn glückliche Stunden mich mitempfindend in den reinen Kreis Ihrer mächtig waltenden Kunst und Weltbetrachtung erheben wollten. Wenn ich gleichwohl so lange gezögert habe, dieser Dankesschuld zu einem Theile wenigstens mich zu entledigen, so lag die Schuld hauptsächlich daran, daß ich mich Ihrem großartig erregenden Wirken zunächst von einer Seite nahte, die meiner Empfindung zwar nahe genug, aber meiner verständigen Einsicht leider gänzlich fern lag. Ich fühlte sehr lebhaft das Ungeziemende, ja Absurde, das darin liegen musste, wenn ein der Musik und Ihren musikalischen Schöpfungen lediglich mit einem dunkel erregten Gefühl Zugewandter, musikalisch technischen Verständnisses aber so völlig Baarer, wie ich, es wagen wollte, Ihnen von den unvergleichlichen Wirkungen zu reden, die diese nur mit ganz ungeschulten Sinnen aufgefassten Kunstwerke ihm selbst bei der mangelhaftesten Darstellung hinterlassen hatten. Ich brauchte mir nicht vorzuhalten – denn ich empfand es stets, daß derjenige, dem mit einer klaren Einsicht in die Gesetze künstlerischer Bildung auch die 15

Original im Wagnerarchiv in Bayreuth; Abdruck in den Bayreuther Blättern (KGB II, 7/1, 654-663); Entwurf im Rohde-Nachlass. 16 Goethe: West-östlicher Divan: »Freysinn«.

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Möglichkeit zu dem elementarsten zugleich und tiefsten Verständniß so völlig fehlten, gar nicht das Recht habe, seine noch so lebhaft erregten Empfindungen vor tiefer und genauer Verstehenden auszulegen, geschweige vor dem Meister selbst, dem diese Art der Mitempfindung, wie sie sich denn doch wohl in tausend Kundgebungen sich ihm entgegenträgt, gewiß als völlig werthlos und nichtig erscheinen muß. Und doch! wenn ich, auf ein vorlautes Urtheil verzichtend, mich dem anspruchslosen Genuß Ihrer dramatisch – musikalischen Werke hingab, so hatte ich eine so gänzlich neue, mit der Wirkung andrer Musik gar nicht vergleichbare Empfindung, die, sich immer mächtiger erneuernd, mich endlich immer sichrer überzeugte, daß hier ein Zauber verborgen liege, der durch das bloße Losungswort musikalischer Technik nicht zu lösen sei. Wer gäbe sich nicht, von dem Wirrsal eignen Lebens und Fühlens ermüdet, mit voller aufathmender Seele willig jedem Werke meisterlicher Kunst hin, das, von der armen Persönlichkeit uns erlösend, uns in die Wundergärten einer fernen lieblichen Traumwelt einführt, wo Sonne und Mond freundlicher strahlen und selbst Schmerz und Thränen in süßer Wehmuth verklingen. In solchen Mährchentraum wiegte mich wohl sonst eine schöne Musik, etwa die des, in dieser Zeit ganz passiven Laien, wie mir, so nahe gebrachten Schumann. Aber das war nicht das Gefühl das vor Ihren Schöpfungen mich erfüllte: diese ganz neue Empfindung verhielt sich vielmehr zu der durch andre Musik aufgeregten wie zum Mährchen der tiefsinnige Mythus. Ich empfand nicht mehr jene Lust an einem sinnend nachdenklichen Versinken in ein phantastisches Schweifen in fernen Hesperidengärten, jenseits der goldnen Abendwolken; ein viel mächtigeres Gefühl fasste mich an, als ob in diesen wogenden Klängen, in diesen bewegten Bildern alles tiefste Wesen der Welt gebannt sei, die ganze Natur ganz gegenwärtig, und ganz geoffenbart an alle Sinne; die höchste Erregung vereinigte sich mit der stillsten Beschwichtigung im Anschauen alles irdischen Glückes und Leidens. Das, so empfand ich, ist die Wirkung ächter mythischer Kunst, welche die wunderbare Kraft hat, den Beschauer im tiefsten Sinnen sich selbst und seinen dem engen Kreise seines eignen Verständnisses zu entrücken, und ihn auf einen Augenblick in die allgewaltige Kraft zu17 zu verwandeln, die, wie in dem beschränkten Einzelmenschen so auch in allen weiten Weltsystemen ringend und strebend, jetzt im Selbsterschauen ihrer eignen herrlichen Offenbarung ihre gewaltig erklommenen Gipfel und ihre selige Götterruhe erreicht. Wie diese zuerst instinctartig empfundene Wirkung reiner Kunst mir allmählich zu einer beglückenden Einsicht, zu einem Trost, ja zu einer neuen Sonne des Lebens geworden ist, das bitte ich Ihnen vertrauensvoll mittheilen zu dürfen. Ich weiß dem großen Meister keinen andern Dank zu sagen als wenn ich ihm die schöpferische Gewalt schildere, die sein Wirken auf mein ganzes Denken 17

Seitenwechsel.

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und Lebensgefühl gewonnen hat; und diese Dankesempfindung möchte wohl den Anschein der Unbescheidenheit haben, den solche ganz persönliche Bekenntnisse eines Fremdem sonst jedenfalls tragen würden. Langsam entwindet der heranwachsende Knabe sich jener süßen Jugenddämmerung, in der die rein aus dem geheimnißvollen Quell alles Daseins entlassene Seele noch so vertraut und heimlich mit all den wunderlichen Dingen draußen und rund umher verkehrt, als wären es liebe Gespielen und aus innerster Verwandtschaft verstandene Geschwister. Wie ich nun aber zuerst das tiefe Erstaunen empfand, mit welchem die wache Menschenseele sich der unerklärbar reichen und drohend gewaltigen Mannichfaltigkeit gegenüber gestellt sieht, da fiel mir – ich weiß nicht, durch welchen sympathetischen Zufall – das Zauberbuch der Schopenhauerischen Philosophie in die Hände. Ich kann nicht sagen, daß die hier offenbarten Weisheitslehren mich mit der blitzartg treffenden Plötzlichkeit erleuchtet hätten, wie wohl andre besser Vorbereitete. Aber wie mich zuerst das tiefsinnig Kühne dieser Lehre anzog, das doch in einer so männlich klaren ehernen Sprache sich darbot, so durchzog allmählich die große Poesie dieser Weltbetrachtung mein ganzes Wesen. Ich wurde nie in dem Grade fanatisirt, daß ich nicht verstanden hätte, wie wohlweise »Kritiker« in der Darstellung dieses Systems mancherlei Sprünge tadeln durften; aber immer fester grub sich mir die fast religiöse Gewißheit ein, daß mit dieser tiefen Lehre vom »Willen« dem unergründlichen Welträthsel das geheime Losungswort entrissen sei. Jetzt verstand ich das wundervolle Leben in Stein und Pflanze und Thier, in Wasser und Luft, im lodernden Feuer und in allen weitesten Himmelsternen; ich empfand es wie die kristallene Woge, die in mir rauschte und stieg, nichts sei als eine flüchtige Hebung des endlosen Meeres das in allem Werdenden rastlos ewig und überall sich bewegte. Nun aber nahm der furchtbare Ernst der ethischen Betrachtung Sch’s das glücksuchende junge Gemüth ganz gefangen. Ich blickte mit Grausen in die gräßliche Rastlosigkeit dieser ewigen Unermeßlichkeit des Werdens und Vergehens, die gänzliche Nichtigkeit des Individuums, das stete Selbstzerstören der Natur. Und so sah ich, wie diese furchtbare Allgewalt zur menschlichen Bewußtheit durch die tausend Stufen des Daseins sich nur heraufarbeitete, um zu all den verzehrenden Qualen noch die höchsten und feinsten zu häufen fügen, und die arme Eintagscreatur, den gaukelnden Einbildungen von Glückszwecken nach, unter gräßlichem Hohngelächter in den Abgrund des Nichts hinunterzujagen. Das war die ewig bewegte Mühe »Mühle des Todes«, von deren Entsetzlichkeit seit dem alten Homer alle Menschengeschlechter in schaurigen Klagen erzählen. So ganz nahm dieses Grauen vor der zwecklosen Unseligkeit des »ewigen Flusses« all mein Empfinden ein, daß ich mit einer Art von Lust der Unlust – wie denn den Menschen auch wider sein Wollen die Eine Kraft des schaffenden Lebens umtreibt – alle Bitterniß der Welt und der Phantasie in mich hineintrank. Und ich kann nicht leugnen daß einige Klänge Ihres Tannhäuser, den ich damals zuerst kennen lernte, mich vornehm-

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lich darum ergriffen, weil sie mir wie gewaltige Klagerufe aus der tiefsten Qual aus dem Abgrunde des ewig Werdenden erschienen. Und dennoch: wenn ich auch in diesem Zustande rathloser Verzweiflung die aus gleichen Betrachtungen entsprossene weltüberwindende Mystik orientalischer und occidentalischer Heiliger in ihrer verehrungswürdigen Kraft verstehen lernte, so durchdrang mich doch immer siegreicher der Glaube daß meine Unfähigkeit zu gleicher übermenschlicher Weltverneinung doch nicht bloße Schwäche sei, daß dem unerlöschlichen Triebe zum Sein, wie er sich täglich diese unendliche Welt erbaut, eine tiefe Rechtfertigung inne wohnen müsse, die nur eben nicht in der trügerischen Befriedigung des stürmisch verlangenden Einzelwillens zu finden sein könne. Warum erlosch nicht dem großen Denker selber, als er mit seinem alles durchschauenden Auge das Nichts der menschlichen Bestrebungen und die furchtbare Realtität der grausam zerstörenden Allgewalt erkannt hatte, mit dieser Erkenntniß zugleich die Lust des Daseins? Woher sogar, bei allem bittern Ernste, der so deutlich vernehmbare Klang einer tieftönenden Heiterkeit, der über seinen mächtigen Werken liegt? Wahrlich nicht nur aus der bloß negativen Erkenntniß des Elends der Welt. Das sah ich wohl: wenn diese Anschauung ihr Recht uneingeschränkt einseitig behauptete, so war nicht nur das Leben der Menschheit ein ewiges Kreislaufen in der Tretmühle, sondern auch was bis dahin das edelste dünkte, die Kraft, die sich aus der Betrachtung des quellenden Reichthums der Erscheinungen in ewigen Werken alter und neuer Kunst und Wissenschaft, unvergängliche Tempel erbaute – auch sie diente nur einem neuen und feinsten Betruge, mit dem der grimmige Hohn des Lebensdämons uns Armen in seinen trostlosen Dienst hineinschmeicheln wollte. Und dies gerade war die schlimmste Qual, daß ich sogar, eine Zeit lang, mich geekelt abwenden musste von allem wissenschaftlichen Thun, das mir fast wie ein stumpfsinnigess Wollenzupfen des elenden Gefangenen erschien, kaum gut genug, ihn vor dem gähnenden Drachenschlund der tödlichen Langenweile zu retten. Doch aber lag in diesem verachteten Treiben eine still empfundene Heilkraft, die vollends wo die Betrachtung sich zum Kunstgenuß steigerte, sich jauchzend wie ein frisches Götterblut durch alle Adern verbreitete. Und endlich grübelte ich mich zu der so einfachen und doch so beglückenden Erkenntniß hindurch daß in diesen herrlichsten aller Reize, und in ihnen allein keine betrügerische Illusion verborgen liege, daß sie allein ein unbedingtes Recht haben. Nie konnte ich im trüben Wahn verkennen daß einen Zweck des im tiefsten Wesen Zwecklosen zu suchen ein Widersinn sei, und daß gerade darum das Edelste keinen weiteren Zweck haben konnte, weil alle übrigen Zweckbestrebungen nur darauf hindrängten, in dieser letzten Blume des Daseins einen endlichen Abschluß zu finden. Was noch bei Schopenhauer nur ein gelegentliches Quietiv des Willenssturmes, fast ein unfreiwilliger Selbstbetrug des Weltwillens war, stellte sich mir als der letzte endgültige Zielpunct alles Ringens der Weltkräfte dar: Die Welt ist nur geworden, um, in tausendfacher Gestalt, erkannt zu wer-

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den, in uns sich selber zu erkennen: was wie das unerklärlichste Räthsel uns gegenüber steht, wie die Welt sich selbst eine Vorstellung werden könne, das eben spricht das Wort des Räthsels aus. Ohne Zögern dürfen wir uns diesem höchsten Triebe hingeben, seiner beseligenden Gewalt vertrauend, keinen Zweck suchend wo das Reich der Zwecke zu Ende ist18, wo wir die Götternatur wieder gewinnen, die in der Zersplitterung der Vielheit sich uns getrübt hatte. Indem der Mensch die Natur erkennt, erlöst er sie, und in ihr sein eignes Wesen. Dies ist so einfach; und doch war mir nun, als träte ich aus den Todesschatten finstrer Erdhöhlen ans heilig belebende Licht der Sonne, die über Berg und Thal ihre erfreulichen Wunder verbreitet. Und freilich, Schopenhauer hatte behielt Recht: soweit das Reich des Willens sich erstreckte, tobte rasender Wirbeltanz friedlos gepeinigter Dämonen; hier wurden wir stets schmerzlich gemahnt, daß uns wir als Atome in der unermesslichen Vielheit nichts gelten, und daß aus unsrer Qual und Vernichtung das Eine Allgewaltige sich seine Götterseligkeit bereite, die in nichts besteht als in dem vertieften Beschauen seiner unendlichen Schönheit. Aber wir nehmen Theil an seiner Seligkeit wenn die Kunst herniedersteigt in unser ruheloses Leben. Erst diese Auffassung der Lebenszwecke kann den Entmuthigten zur rechten Thätigkeit aufrufen, sie kann ihm neue Lust erwecken, von abstracter Versenkung abgekehrt, in einem tieferen Sinne alle Möglichkeiten herrlichen Daseins zu durchleben, den ganzen gestaltenströmenden Reichthum des verbreiteten Lebens an sich vorbeiziehen zu lassen; ja auch sein persönliches Leben, das dem nur der Willenssphäre zugekehrten freilich nichtiger als »eines Schatten Traumbild«19 erscheinen muß, müsste sich dem rechten Lebenskünstler, da er dies doch am Tiefsten selbst empfindet, zum Bilde gestalten, in dem gewaltige Urkräfte, in ein begrenztes Dasein geschlossen, sich ihm bedeutend abspiegeln. Wer so, nachdem er die goldnen Aepfel der Erkenntniß gezeitigt, in den Schooß der Urmutter Nacht zurücksänke, wahrlich der hätte gelebt, und wenn er das tiefste und feinste Leid empfunden hätte im Leben. Wie aber uns, die wir wenig über der breiten Grundfläche der Pyramide menschlicher Entwicklungsfähigkeit uns zu halten vermögen, doch immer wieder die fluthenden Wellen persönlicher Lust und Schmerzen von der ruhig blickenden Betrachtung zurückreißen, da lassen dämonisch begabte Männer die Wunderbilder der Kunst magisch strahlend in unsre Bedrängniß scheinen; und in ihrer Betrachtung gefesselt, erkennen wir gerade an dem Geheimniß ihrer räthselhaften Schönheit in leuchtender Klarheit, daß wir uns hier am Endpunct unsres Daseins befinden, wo das Anschauen der göttlichen Gestalten ganz eigentlich zur religiösen Handlung wird. In diesem Sinne darf man sich auch sein Leben der Erkenntniß des griechischen Alterthums als einer höchsten Aufgabe widmen. Denn freilich ist diese 18 19

Vgl. »Cogitata«, Anm. 16.1, S. 6. Pindar: Pyth. VIII, 135.

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ganze Anschauung eine heidnische, und nur darum auch heute paradox. Dem Griechen war sie die angeborne Religion; er verehrte in allem Gewordenen, und vor Allem in der göttlichen Schönheit der Menschennatur ein Göttliches, er hatte überhaupt nie eine andre Religion als die Kunst: und wenn unsern heutigen Moralaesthetikern das wie ein schlimmer Weltsinn erscheinen will, so muß es ihnen allerdings wohl noch räthselhafter dünken, wie dieses religiöse Verehren der Gottnatur zuletzt zu einem brausenden Accorde sich steigerte, wenn im höchsten Kunstwerke, der dionysischen Tragoedie, sogar alles Entsetzen und qualvolles Unheil, im herrlichen Bilde vorgeführt, ihnen zu erlösender Beruhigung, ernstester Heiterkeit wurde. Wie sich aus diesem tiefen Leben ihre ganze blühend reiche und in freister Helligkeit so sinnreich edle Cultur entfaltete, das, in getrübter Ueberlieferung, verehrend zu erkennen, gehört denn auch wohl zu jenem geistigen Durchleben des Edelsten und Schönsten, das überhaupt des Lebens Werth ausmacht. – Sinkt dann aber der Blick zurück auf unsre gegenwärtige, so gewaltsam bewegte Zeit, so droht nur aufs neue tiefere Verzweiflung an einer geschichtlichen Entwicklung des Menschengeschlechtes das Herz zu bezwingen. Denn freilich, wann war wohl eine Zeit ferner von diesem edlen Heidenthume als unsre? Ihre freche Weltlichkeit mag mit jüdischen Elementen mehr gemein haben als mit jener ächt griechischen Religiosität. Vom Pfaffenwahn vergangner Jahrhunderte sind wir befreit, aber was ist uns geblieben? Ein Hetzen und Rennen nach jenem Glück, das sich mit Stangen u. Netzen doch nicht will fangen lassen; die volle Unseligkeit des athemlosen Treibens der Willenskräfte, das mit dem überwältigenden Apparat zum Glücke den es sich errichtet hat und täglich vergrößert, sich nur den Raum verbaut wo es in Frieden seines Daseins froh werden könnte. Und wie fern mag der Augenblick sein, wo die schreckliche Energie dieses Weltlaufes nach einem stets zurückweichenden Glücksziele in ein wüthendes Stürzen und Balgen und Morden ausarten wird? Hört man nicht schon den dumpfen »Massenschritt«20 jener Uebervortheilten, die nun ebenfalls schreien nach jenem Glück, und die in ihrem Gefolge die ewige Nacht, den praktischen Pessimismus des Vandalen bringen. Derweilen sitzt die Kunst, um nur ja nicht der Wucht dieser »praktischen« Bestrebungen Eintrag zu thun, im Winkel, eben gut genug, um nach vollendetem Schwelgermahle den Herrschaften ein buhlerisches Liedchen vorzuklimpern. Soll man nun jenem Bildungsausschuß, der in unsrer Oeffentlichkeit sein Wesen treibt, beistimmen, der gar nicht müde wird, eben dieser Oeffentlichkeit zu versichern, wie herrlich weit diese freiheitlich fortgeschrittene Cultur es gebracht habe, und wie ja alles so vortrefflich in Ordnung sei, der »Ernst der Arbeit« als der rechte Lebenszweck, die Wissenschaft als »praktischer« Ofenheizer dieses großen Arbeitglühofens, die Kunst, und was von den 20

Rohde zitiert Lasalle, erinnert Wagner damit an die revolutionäre Vergangenheit und persönliche Verbindung mit dem Sozialreformer (s. auch »Cogitata« C. 7, 23, S. 23).

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Wissenschaften sich gar nicht praktisch will verwenden lassen, in geziemender Demuth besorgt, ja nicht mehr als ein Bajazz für verlorne Stunden zu sein, weit entfernt von der Anmaßung, die sie zu Goethe und Schiller’s Zeit hatte, Bildnerin und tröstliche Deuterin des Lebens zu sein. So ist’s ja gerade recht! meinen diese Hochgebildeten. – Wer nun aber wohl erkennt daß diese Edlen zur praktischen Barbarei nur die theoretische hinzubringen, und andrerseits vor dem Fluch einer ungesunden Phantastik zurückschreckten eine solche Zeit gewaltsam mächtiger Uncultur auch dem aus redlichster Ueberzeugung ihr widerstrebenden Einzelnen anheftet, der empfindet wohl mit tiefster Sehnsucht, was Sie in einer Schrift sagen, daß der Einzelne von dieser Unseligkeit allein gewiß nicht erlöst werden kann. Wenn er nun im ganzen weiten Bereich der gegenwärtigen Menschheit sich trostsuchend nach den Anzeichen einer künftigen Erlösung des ganzen Geschlechtes umsieht, wie soll er da die heiligende Wirkung beschreiben, den ein genaueres Verständniß Ihres Wirkens ihm machen muß! Die bei dieser neuen Einsicht eintretende Veränderung der ganzen Lebensstimmung ist wohl der glückseligen Empfindung zu vergleichen, mit der wir nach den dunkeln Wintertagen, deren lastende Trübe so ganz unerhellt ewig dauern zu wollen schien, nun endlich die liebe Sommerszeit wieder begrüßen, mit ihrer warmen Helligkeit und der mannigfaltigen Schönheit heiliger Sonnenkraft. Wir glauben aufs Neue an die mütterliche Güte der ewigen allmächtigen Natur. Zunächst von der unnennbaren Schönheit dieser der Zeit so wunderbar fremden Meisterwerke festgehalten, merkt doch der Verstehende allmählich, daß sie eben es aussprechen, wohin, in ihrer höchsten Blüthe, eine neue Cultur zu deuten habe. Sie deuten auf eine Lebensrichtung, die aus dem tiefsten Ernst der Betrachtung die Weihe gewönne, im künstlerisch anschauenden Verstehen der Welt Qual und Noth und alles Nichtige des Lebens zu überwinden. Sie sind geschaffen wie für eine Gemeinde, die am schönen Tage, des persönlich engen Lebens, dem sie sonst sich nicht entziehen kann und soll, vergessen, versammelt wäre, um eines edlen Lebens höchstes Weihefest zu feiern, an dem der Meister in einem verklärten Abbild dieses unendlich mächtigen Lebens tiefsten Gehalt, seine letzte Lösung ihnen deutete, voller und überzeugender, als alle Worte und Begriffe es je vermöchten. Solch ein Werk nun aber, das jetzt noch wie ein fremdes herrliches Götterbild unter Barbaren steht, nach dessen Betrachtung wir das traurig Lächerliche der umgebenden Gegenwart erst doppelt empfinden – es kann (so ahnt der einmal durch diese Herrlichkeit Entzückte) im Geiste seines Schöpfers nur entsprungen sein aus einer das ganze Leben verklärenden Hoheit der Anschauung. Es wäre eine Thorheit, wenn ich dem großen Künstler versichern wollte, warum ich verehrend zu ihm aufblickte: das aber mag mir zu sagen verstattet sein, daß der Dank, mit dem mich, wie gewiß eine nicht kleine Gemeinde, von der Leerheit dieser Zeit schmerzlich bewegt, seine Dichtungen, der begeisterte Ernst seiner Schriften, ja die Erinnerung an sein bloßes Dasein erfüllt, gerade darum ein so tief empfundener ist, weil all dieses, nicht aus der

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Zeit entsprungen, wie eine frohe Verheißung eines anbrechenden Tages uns ahnend bewegt. Wir sehen, selbst noch im Schatten der Berge, den Meister schon hoch droben auf dem erhabnen Gipfel, von wo das jenseitige froh beglänzte Land im neuen Morgenlicht sich zeigt. Die Angst der Nacht wird nicht ewig dauern. Niemand wird nun wohl in die Täuschung leicht verfallen, als ob die ungeheure Maschine die man die Gegenwart nennt durch einen Windhauch, wie ein leichtes Schiff, zu einem entgegengesetzten Laufe sich bewegen lasse: wohl aber darf man auf die innerlich gute Natur unsres deutschen Volkes die Hoffnung einer allmählich heraufzuführenden frohen Zukunft bauen, der Erfahrung – die freilich auch das unerwartete fruchtlose Absterben vieler edelsten Bestrebungen geschichtlich erklären muß – vertrauend, daß der von Außen unlenkbare sichre Instinct der innersten Volksnatur sehr oft nichts von dem weiß, was die bei Volk und Kindern so dürftig ungelenke, hinter dem wortlosen Verständniß des Herzens weit zurückbleibende Sprache der bewußten Begriffe aus ihnen redet. Diese Sprache lernt das Volk von der immer nur kleinen Schicht der freier Gestellten; und so kann sie, in Zeiten des Verfalls, eine kahle und kalte sein, auch wo, wie bei unserm deutschen Volke, das innere Bedürfniß, das Leben mit dem Ernst des Herzens aufzufassen unter der todten Asche einer barbarischen Unbildung wie der lebendige Funken schlummert. So möchte man denn hoffen, daß gerade dann die edleren Kräfte der ganzen Nation sich wieder regen würden, wenn in den oberen Schichten der Bildung dies herrschende Bewußtsein, einer trügerisch prunkenden Treibhauscultur absagend, sich mit heller Erkenntniß jenen höchsten Zwecken mächtiger wieder zukehren wird, die es seit der Zeit der edelsten u. tiefsten Bildungsbestrebungen welche seit dem Alterthum die Welt überhaupt gesehen hat, seit unsrer goldnen Zeit am Anfang dieses Jahrhunderts über den allerdings nothwendigen Vorbedingungen einer gesunden Existenz nur zeitweilig, so hoffen wir, bei Seite gesetzt hat. Wer aber vom Dämon wenigstens mit der Sehnsucht nach Erkenntniß und Erreichung des Bessern begabt ist, der darf nicht zögern, Ihnen, hochverehrter Meister, freudig zu bekennen, daß er, in Ihnen die beste Hoffnung seines Volkes verehrend, mit begeisterter Theilnahme so weit seine Einsicht reicht den Thaten gewaltiger Kraft folgt, mit denen Sie, trotz Mißgunst und Bosheit, das überwältigend Große heraufführen. Wenn er auch selbst, von einer anmaßenden Ueberschätzung seiner eignen Kraft gänzlich fern, nur bewundernd von Weitem stehen kann, so darf er doch, mit Ihrem Geiste sich durchdringend, in verborgner Arbeit die Flamme nähren, sicher, der edelsten Culturbestrebung der Gegenwart, so viel auf sein stilles Theil kommt, zu dienen. – So aufrichtiges Bedürfniß es mir nun auch war, dieses Ihnen auch für meine Person auszusprechen, so würde ich doch wohl nicht gewagt haben, Sie mit diesen Bekenntnissen zu behelligen, wenn nicht mein lieber Freund Nietzsche, dessen Liebe und Zuneigung ich schon so viel und dessen wundervollem, Ihnen gewidmeten Buche ich nun auch so reiche Belehrung und Antrieb in den tiefsten und wichtigsten Dingen ver-

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danke – mir Hoffnung gemacht hätte, daß Sie eine derartige offenherzige Mittheilung nicht übel deuten würden. Indem ich also schließlich doch noch die ungeschickte Länge zu entschuldigen bitte, zu welcher der Brief angewachsen ist, kann ich nur ihn und mich mit ihm Ihrer wohlwollenden Nachsicht empfehlen. Zugleich darf ich Sie vielleicht bitten, Ihrer Frau Gemahlin, falls sie sich meiner noch erinnert, den Ausdruck meiner ehrerbietigen Hochachtung zu vermitteln. Sie selbst aber bitte ich, diesen ganzen Brief als ein Zeichen der herzlichen Verehrung zu betrachten, mit der ich bin Ihr ganz ergebener Erwin Rohde. Hamburg 8. April 1872.

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2.9 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hamburg 10. April 72. Du wirst gewiß schon ungeduldig geworden sein, mein lieber Freund, nach der Antwort auf Deinen letzten Brief (der mir übrigens, da ich schon in Hbg war, verspätet zugekommen ist). Ich habe die darin vorgeschlagnen Möglichkeiten alle bedacht u hätte mich schon früher entschieden, wenn ich nicht gesehen hätte, dß diese Ferienwochen, mit ihren sonstigen Abhaltungen u. der Nöthigung mich auf Colleg u. Seminar – das ich z. Th. übernehmen muß, vorzubereiten, mir doch zur Ausführg irgend eines Planes keine Zeit lassen würde. Bedenklich sind nun allerdings – wenn wir von der einfachen, aber gz wirkungslosen Anzeige in der N.A.Z. absehen – alle die Wege. An e. Vortrag auf der Philol-vers. ist wohl nicht zu denken: ich gehe, selbst wenn ich nicht nach Baireuth gehe, zu dieser Pfingstversammlung keinenfalls nach Leipzig gehn. Und die übrigen Möglichkeiten: Brief ans Rhein. Mus, Br. an den Berliner Wagnerverein, Offner Br. an W. selbst: erfordern alle‚ was mir abgeht, die Wucht eines Auftretens mit Autorität, ohne welche es sehr schwer sein wird, nicht einigermaaßen ridicül zu werden21. Da ich nun aber doch diese öde Stille über das Buch nicht ertragen kann u. will, so habe ich schließlich als beste Möglichkt erfunden, die auch Dir als solche erschien: den offnen Brief an W. Allerdings müsste – u das ist wieder das Bedenkliche – der Brief wesentlich nur des Aufsehens wegen an W. gerichtet seyn: denn ihn eigentlich zu haranguiren habe ich gar kein Recht. Also an W. nur als den patronus causae gerichtet, müsste das Schreiben sich eigentlich an die Herrn Philologen richten, um sie zu ersuchen, aus deinem Buche zu lernen dß sie, aufhörend bloße Wortklauber zu sein, sich als eine Garde der edleren Bildung constituiren mögen, als wozu sie, an den Griechen, allein das leitende Vor21

Rohde über Ruhm und Autorität in den »Cogitata«, C. 122, S.109.

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bild haben könnten. Wie nun die Adresse an W. u. das Uebrige zu verflechten seien, wird sich wohl mit dem Versuch selbst ergeben. Um aber nun übh. W. derartig »anulken« zu dürfen, habe ich endlich, was ich längst wollte, direct an ihn geschrieben, natürlich von der Absicht eines solchen Sendschreibens noch nichts erwähnend – damit res integra sei – sond. blos im Allgemeinen meine Verehrung erklärend. Nachträglich macht mir das Unternehmen eines solchen Briefes doch einiges heartpang; man erscheint‚ außerhalb seines Bereiches herumtappend, so leicht wie ein zudringlicher Dilettant: eine scheußliche Sorte. Der Brief ist vorgestern abgegangen. Also, lieber Freund, sollte uns nicht eine plötzliche noch bessre Erleuchtung kommen, so bleibts bei jenem Sendschreiben. Nur habe im Punct der Zeit einige – nicht gar zu viele – Geduld. Ich soll Pindar interpretiren22, Properz im Seminar interpr. lassen, dabei endlich ein etwas umfassenderes philologisches Buch23 schreiben. Nur hoffe ich auf die Sonne: bei diesem verschlossnen Himmel gleiche ich einer alten Nebelkrähe: κρώζω. Ich bin nicht freien Gemüthes, wie Du wohl verspürst: meine Carrière kommt nicht vom Fleck, man nutzt mich in Kiel aus & macht mich – in Folge der verdammten holsteinischen Vette rei: Olshausen + Forchhammer + Karsten u. andres Gesindel – zu nichts, u. so liege ich meiner Mutter auf der Tasche. Mit diesen Sorgen fliegen die Fledermäuse andrer vergebner Wünsche auf: wann hört man auf, glücklich sein zu wollen! – Basta, und mit der Sommersonne soll sich mein Muth heben. Laß mich aber von Dir – ohne dieses mein Briefsäumniß zu rächen – hören, was du privatim von den Wirkgg des Buc hes hörst, u. was man in Basel macht (einmal e. rechten Historienbrief) u. sonst in der Welt, u. daß du mein Freund bist. In treuer Liebe dein E. R. Laß mich auch hören, was Du von dem offnen Br. denkst! sehr gut wäre es wenn du Deine Meing über den Inhalt etwas detaillirtest.

2.10 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Mein lieber Freund,

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herzlichen Dank für Deinen liebevollen Brief, und heute Abend, da ich sehr müde bin, nur summarische Antwort auf seinen geschäftlichen Kern. Ach ja: »Lebensunterhalt!« ich schäme mich eigentlich, Dir auch nur mit e. Andeutung solcher Miseren lästig gefallen zu sein, Dir der eben im Begriffe steht, sein Leben 22

Pindar-Zitat im Brief an Wagner (2.8, 182-183): »eines Schatten Traumbild« (Pind. Pyth. VIII, 135). 23 erste Erwähnung der Arbeit am »Griechischen Roman«.

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nach einem furchtlos großen Stil, wie der Geist es Dich heißt, zu erbauen24. Freilich sollte man so mit dem Leben schalten: aber freilich gehört dazu, um alles Nasenrümpfen der Philister verachten zu können, auch solcher Fonds von Geist u. Charakter wie Du diesen Schächern entgegensetzen kannst. Nichts destoweniger hast Du, was mich nur, so plötzlich angekündigt, einigermaaßen überrascht, gewiß schon lange in allen Folgen überlegt, namentlich auch, ob nicht, trotz der zeitweiligen Vacanz, es möglich sein würde, Dir deine Basler Stelle offen zu hal ten: denn das ist wenigstens sehr denkbar daß nach Deinem Wanderapostolat die übrige akademische Cameraderie Dir den Krieg erklärt. Οὐ χρὴ γόνον λέοντος ἐν πόλει τρέφειν, war dieser Edlen Wahlspruch von jeher. Aber freilich ist mir unbekannt ob Du nicht, dem Triebe deines Genius zu liebe, die ganze akademische Herrlichkeit kühnen Muthes in den Wind schlagen willst, und welche weitern Pläne du etwa mit B aireuth verbindest. Das nur wollte ich sagen: etwa gar um meinetwillen auf die Basler Stelle verzichten, wenn sie, deiner sonstigen Pläne unbeschadet, Dir erhalten bleiben könnte, sollst Du um keinen Preis: und ich bitte Dich dringend, hierin nicht aus einem ganz verkehrten Edelmuth irgend etwas Deinem Interesse förderliches zu unterlassen. Die Basler wenigst. wären große Thoren wenn sie Dich so ohne Weitres ziehen ließen: sie müssen gz wohl wissen, dß Du ihnen auf keine Weise ersetzt werden kannst. Indem ich nun annehme dß Du alle Puncte ganz kalt, u. ohne mir den Kummer anzuthun auf meine Poussirung die geringste Rücksicht genommen zu haben, erwogen habest, stellt sich für mich die Frage so: wird Dir der, den Baslern jedenfalls etw. brüsk erscheinende Abgang daƒ erleichtert dß Du sofort Einen stellst, für dessen guten Willen etc du bürgen kannst? in diesem Falle würde ich natürlich; wenn man mich acceptirt, unbedingt annehmen. Aber eben: wenn man mich nimmt! Verdammter Weise sitze ich jetzt zwischen jenen 2 Stühlen, mit denen der richtige akademische »Streber« gerade sein anmuthiges Schaukelspiel zu treiben liebt, die mir aber e. sehr ungemüthliche Empfindung machen. Ein College, der eben von Berlin zurückkommt, hat dort von Olshausen, in ziemlich unbestimmten Worten, doch so viel gehört dß meine Ernennung zum e. o. beschlossene Sache sey: natürlich hat sofort universa academia davon Wind bekommen. Käme nun diese Ernennung vor dem eventuellen Basler Antrag: was dann? Sie zurückweisen wäre an sich lächerlich, moralisch, Ribbeck u. s. Bemühgg geg.über, nicht möglich, und drittens sehr unvorsichtig, da mir dann mögl. Weise sowohl Sperling als Taube entwischten. Lässt es sich aber möglich machen dß der Basler Ruf vor der hiesigen Ernenng eintrifft, – u. ich stelle mir allerdings vor dß man mit meiner Erhöhung in Berlin so gar grausame Eile nicht hat – so würde es mich, abermals Ribbeck gegenüber, freilich immerhin einen peinlichen Entschluß kos24 Reaktion auf Nietzsches Wunsch (KGB, 207,6-9), die Basler Professur aufzugeben und freiberuflich für die Wagnersache zu arbeiten. Rohde sollte die Basler Stelle einnehmen (KGB II, 1 S. 304/5).

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ten, aber dann verspreche ich entschieden, daß ich – wenn nicht die Bedingungen von gz unmöglicher Elendigkeit sind –, daß ich, die hiesigen Aussichten einfach quittirend, mich auf ein »Verwerthen« des Basler Rufes in Bl.25 nicht einlassend (wie das Rb. sicher verlangen wird) sondern nach Basel gehen will. – Dies Alles rein hypothetisch, da, wenn es auch wirklich unumstößlich ist dß Du deinen B’er Posten ganz quittiren willst, doch ƒ nichts bewiesen ist dß Vischer mich wirklich acceptirt. – Genug für heute: solche Dinge sind langweilig u. peinlich. Deine Briefe schicke ich Dir mit diesem Geschäftsbrief nicht zurück sond. nächstens wenn ich von harmloseren Dingen schreibe. Laß mich bald von Dir hören, liebster Freund, und sei meiner unveränderten Gesinnung versichert. Dein E. R. 26

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Natürlich hüte ich mich, hier vorläufig von der Angelegenheit, auch nur als einer von fern in Aussicht zu nehmenden, das Geringste verlauten zu lassen: ich werde Rb. gegenüber e. viel leichteren Stand haben, wenn ich ihn sofort mit einem fait accompli überrasche.

2.11 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche (Telegramm)27

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Kiel 30 April 1872 11 Uhr 10 – Basel 12 Uhr 40 Professor Nietzsche Basel Salve friderice care amice professor te salutat. Erwin

2.12 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 2. Mai 72 Liebste Mutting,

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nach Eintreffen der Glücksbotschaft, & nachdem der erste Freudenrausch verflogen ist, nur einige Worte zur Detaillirung besagten Glückes. Am Dienstag Morgen28 trommelte mich der Pedell schon aus dem Schlaf mit der glücklichen Nachricht – die ich allerdings schon seit e. Woche täglich erwarten konnte – u. 25

Berlin. am Briefkopf mit Bleistift. 27 Chronik, 1872, 6: »Größer war der Wechsel, der die philosophische Fakultät betraf. Durch Curatorialschreiben vom 29. April wurde der Universität die Ernennung des bisherigen Privatdocenten an der philosophischen Facultät, Dr. Erwin Rhode [sic!] zum außerordentlichen Professor notificirt.« 28 30. April. 26

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so las ich, mit e. Nachthemd dürftig bekleidet, Patent u. Schreiben des Curators Scheel-Plessen. Die Hauptsache bleibt freilich die Ehre: denn die »Temporalien«, wie man auf geistlich sagt, sind recht elend bemessen, nämlich dem kürzlich festgestellten Minimum eines Gymnasiallehrergehaltes gleich, 600 rl. jährlich, vom 1. April a. c. an gerechnet. Indeß ist es ja immer e. Anfang, & zwar e. Anfang zu der angenehmsten und einer der angesehensten Beamtencarrièren. Wenn man denn schon »königlicher Diener« werden muß, so kann man mit dem mir zugefallnen Loos zufrieden seyn: u. so bin ich’s. Also, liebste Alte, freue Dich mit mir, u. glaube dß ich Deine große Liberalität, die es mir allein möglich machte, diesem Ziel entgegen zu warten, nie in dankbarem Herzen vergessen werde. – Von dem ersten Quartalgelde wird mir übrigens, wie Ribbeck mir prophezeit, so gut wie nichts übrig bleiben, da Steuern u. gesetzliche Beiträge zu allerlei Wittwenu. andern Cassen das Meiste verschlucken werden. – Ribbeck übrigens u. neben ihm dem Wohlwollen u. thätigen Nachschüren einiger andrer Collegen (namtl. des kleinen Nöldeke)29 gebührt unzweifelhaft der Dank für diese so bald durchgesetzte Erhöhung, den ich ihnen im Herzen auch herzlichst bewahre, wenn ich bedenke, wie es in ihrer Macht stand mich ad libitum auf dem Stuhl des Privatdozententhums sitzen zu lassen. – Vielleicht kannst Du, ƒ Lüders oder Köstlin, e. kurze Notiz in dem Correspondenten veranlassen dß e. Hamburger, E. R. in Kiel außerordtl. Prof. geworden sei: es ist gut wenn das recht viele Leute erfahren. Dem alten Ullrich30 zeige ich’s viell. ƒ e. paar Zeilen an. – Nun lebe wohl, meine liebste Mutting: sage an Großmama u Anna m. herzlichsten Grüße: sie sollen sich mit mir freuen u. des schönen Frühlings genießen. Dein Erwin

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Gestern bin habe ich, vor versammeltem Consistorium, feierlich dem König Treue & der Universität Pflichtleistg geschworen.

2.13 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 6. Mai 72 Liebste Mutting., heute, als am Tage Aggaei, muß ich, bevor die Pflicht mich zum Pindar ruft, noch eiligst aber von Herzen dir, liebe Alte, zum 59. Geburtstage meine Glückwünsche hinüberrufen. Der Himmel macht, hier wenigstens, eine saure Miene, 29

Chronik, 1872, 4: »Aus der philosphischen Facultät traten zu Michalis aus […] der Prof. der orient. Sprachen Dr. Th. Nöldecke in Veranlassung eines Rufes nach Strassburg«. 30 Franz Wolfgang Ullrich (1795-1889), Thukydidesspezialist, Rohdes Lehrer am Johanneum in Hamburg.

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aber ihr 4 werdet doch zusammen das Fest in rechter Gemüthlichkeit feiern31. Rechnet mich hinzu, und wir sind fünfe: ich will wenigstens zu Mittag mit festlichen Gedanken ein Glas auf dein ferneres Wohl und rechte Heiterkeit leheren und so ein magisches Band hinüber zu Euch werfen. Wo ich mir übrigens Euch zu denken habe, ist mir vorläufig gänzlich unklar: Zimmerstraße wohnt in meinem Gedächtniß nicht: übrigens schreibe mir doch auch die Nummer & erfreue mich durch eine Beschreibung des Hauses Gartens und der übrigen Appertinenzen. Großmama sage meinen herzlichsten Dank für ihre freundlichen Glückwunschschreiben an denen mich am meisten erfreute dß sie von der glücklichen Wirkung der Gartenwohnung bei dem milden Wetter auf ihre Gesundheit so befriedigt schreibt. Möge es ihr lange noch recht gut da draußen ergehn. Uebrigens werde ich um Pfingsten euch wenigstens im Vorübergehen sehen: auf Wagners Einladung gehe ich zur Grundsteinlegung des Theaters nach Baireuth, wo ich mit Nietzsche zus.treffe: u bei der Gelegenheit werde ich entw. auf dem Hin oder Herwege e. Tag in Hbg bleiben Für heute ade, liebe Alte; möge Dirs heute & alle folgende Zeit recht wohl ergehen. Schreib mir nur bald, grüße Anna Grm. u. das kleine Ditawurm von Deinem Erwin. Eiligst !

2.14 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 6. Mai 72.

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Nun, lieber Freund, da Du so drängst, eine eilige Antwort zu bekommen, so muß ich nur raptim zur Feder greifen & antworten: Ja, ich komme, nach Baireuth, da, wie Du mir erzählst, in so freundlicher Weise mein Kommen gestattet & erwartet wird. Aber freilich am Freitag, 17. hj. kann ich, als durch Colleg gebunden, noch nicht abreisen, sp frühestens Freitag Nachmittag, so dß ich dann etwa am Sonntag in B. einträfe: man kann nämlich Abends von Hamburg nach Leipzig nicht weiter. Schreibe mir also, ich bitte, wann, i. e. an welchem Tage, zu welcher Stunde die Proben sind, damit ich dazu rechtzeitig eintreffen kann. So möge uns dieses denn zum Heil ausschlagen: ich freue mich vornehmlich, dich auf einige Tage wiederzusehn; wenn ich mir auch, als verstockter ἄμουσος, im Uebrigen unter der musikalischen Gesellschaft wie der Chinese in Rom32 vorkommen werde. 31 Mutter, Großmutter, Schwester mit Töchterchen Elsa, genannt Dita; Anna war wegen der bevorstehenden Geburt des zweiten Kindes von Ungarn nach Hamburg gereist. 32 Goethe-Gedicht: »Der Chinese in Rom«.

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Für Deinen Glückwunsch zum Professor ebenfalls raptim meinen besten Dank: es ist ganz gut, endlich in eine Art von Hafen angelangt zu sein. Diesen Erfolg übrigens danke ich, außer dem Wohlwollen andrer Collegen, namentlich der Freundschaft Ribbecks, dem ich dafür dankbar zu bleiben nie versäumen werde. Im Uebrigen, gestehe ich ganz unter uns, kann sich zwischen mir und ihm kein rechtes Waffenbündniß entwickeln: ich empfinde es oft, u. empfand es kürzlich recht deutlich, als ich, auf sein Verlangen, ihm Dein Buch lieh: wo er denn, im Uebrigen anerkennend, in jener bewußten philologischen Manier an Einzelheiten herumpflückte, vom Ganzen gar nichts verspürt zu haben schien: es erweckt mir immer das peinlichste Gefühl, mit so ganz differenten Naturen von solchen Dingen reden zu müssen; ich schweige viel lieber. Uebrigens ist auch nach errungener Professur zur Anlegung eines wohlhabenden Fettes bei mir wenig Aussicht: ich bekomme 600 rl, wovon denn wohl nicht eben viel auf Zinsen zu legen sein wird. Indeß kann ich, und bin ich auch in d. That gz zufrieden, da diese 600 mir von meiner Muße nur je Ein Privatum & Ein Publicum (resp. Seminar) im Semester rauben. Deine Wanderdoctorenpläne scheinst Du ja vor der Hand aufgegeben zu haben, und ich bin eigentlich in Deinem Namen froh, dß Du die akademische feste Stellung nicht so unbesehen bei Seite geworfen hast: sie ist unter allen Umständen wohl die allersicherste, und für alle Wagnisse freieste, dazu unter den Pflichtgebundenheiten ohne Zweifel die edelste. – Gestern bekam ich von Gersdorff unter Kreuzband e. Aufruf des Berlinischen Wagner=studentenverein: heimlich gestanden ein ganz wunderliches Schrifstück, Statuten, e. unklare Skizze des Nib. Ringes, Anzeige von Wagnerschriften (auch: »Nietzsche. Die Geburt des Dramas aus der Tragoedie«. S i c!) bunt durcheinander, aber viel Begeisterung und guter Wille. Nun für heute, ade, lieber Freund: vor dem schönen Wiedersehen schreibe ich Dir jedenfalls noch einmal, um Dir deine Briefe wieder zu schicken wozu mir augenblicklich e großes Couvert fehlt. Von Herzen, aber raptim, ut supra der Deine E R.

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2.15 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Lieber Freund, so denn Glückauf zu den schönen Tagen! ich kann nicht vor Freitag Nachmittag fort, muß, da keine Möglichkeit ist nach Leipzig durchzudringen, in Hamburg übernachten, kann wegen der vertrackten Züge auch am Sonnabend nicht weiter als Leipzig kommen u habe nun herauscalculirt dß ich am Montag Morgen 9 Uhr 5 Minuten in Bayreuth ankomme.

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Gegenwärtiges schicke ich Dir direct nach Bayreuth, wo es Dir ja wohl rechtzeitig zukommen wird. Mit Bedauern höre ich von Deiner Krankheit: Rosenkränze sind unter allen Umständen verdächtige Dinger. Möge Dir der Aufenthalt im geliebtesten Elemente denn wohl thun: ich freue mich »recht sehre« auf die schöne Wiedervereinigung. Che Dionyso ci guardi! A rivvederci tosto e lieti! Divmo Ervino. Einstweilen bitte ich, mich in der Fantaisie33 bestens zu empfehlen: ti prego, di mandar gli miei rispetti alla fantasia; das reine Zigeunerwälsch.

2.16 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche34

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Hier‚ mein lieber Freund, sind Deine Briefe zurück, u. zugleich mit ihnen e. Anzeige35 Deines Buches in der Nordd. Allg., die freilich »ihren Beruf verfehlt« hat, denn ihr wesentlicher Zweck war nur der, für die Bayreuther Festtage ein Freundschaftszeichen zu seyn: dazu wurde es zu spät. Uebrigens bitte ich Dich, diese Anzeige nur als e. Abschlagszahlung zu betrachten: denn ich weiß wohl dß so unter »Forensia« u. Schweinezucht versteckt u. auf e. kleinen Kreis schon Eingeweihter berechnet, e. Anzeige e. solchen Buches keine Wirksamkeit haben kann. Vielmehr verspreche ich Dir hiemit ausdrücklich dß ich von e. ganz andern, nämlich einem mehr philologischen Stdpunct aus noch einmal vors Publicum, in specie das philologische treten werde um von dem Buche zu reden: vermuthl. in der besprochenen Form e. Anrede an Wagner. Denn das Gefühl habe ich allerdings von B. mitgenommen, dß wir dort unsre Heimath zurückgelassen haben & dß ich die moralische Verpflichtg habe, mich im Kampf um dieses höchste Gut, Dir, mit meinen schwächeren Kräften, als e. Waffenbruder an die Seite zu stellen. Aber, ich bitte dich, laß mir Zeit, die Sache reifen zu lassen, denn nur dann kann sie für mich & Dich Sinn u. Nutzen haben. Für den Augen33

Pension bei Bayreuth. geschrieben nach den Bayreuther Festtagen. Rohde brachte die »Rede bei der Grundsteinlegung des provisorischen Festtheaters in Bayreuth. Gehalten von Richard Wagner« mit; am Ende der gedruckten Rede folgende Bleistiftanmerkung Rohdes: »und im Grundstein: Nun – Hier schließ’ ich ein Geheimniß ein – hier ruh’ es viele hundert Jahr’, So lang’ es hier verbirgt der Stein – Macht es die Welt sich offenbar.« 35 Schöll: »in der N.A.Z. vom 26. Mai (…), jetzt in den Kl. Schr. II, S. 340 ff …« (Schöll, 1902, 434, N.102). 34

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blick hat mich der Trubel des Berufes wieder gz umstrickt. – Deine Vorträge habe ich in d Eisenbahn gelesen u. erbitte mir die Erlaubniß sie zu einer 2ten Lectüre noch einige Tage behalten zu dürfen. Verte

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Für heute muß ich in Eile Abschied nehmen. Der Teufel hole übrigens die librarii mit ihren blödsinnig-gescheuten Druckfehlern! diese »Spöttlinge«! Womit ich bin, in Eile, aber mit Jemieth Dein Freund E. R.

2.17 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche 5 Juni Mein geliebter Freund! Da wäre ja der Scandal, in widerwärtigster Judenüppigkeit! du hast wohl das Pamphlet schon gesehen.36 Jedenfalls wirst Du es nun unter Deiner Würde halten, darauf zu antworten. Und so meine ich dß nun gerade der Zeitpunkt gekommen wäre, wo ich mich an Deine Seite stelle & den Buben abweisen müsste. Ich würde dann, in möglichst kurzer Zeit, in Form eines Schreibens an Wagner, des Skandals gedenken, den Menschen mit kaltverachtender Grobheit abthun u. einiges Positive zur philologisch-historischen Begründg Deiner Ansichten, als Hauptsache, beibringen. Die Form der Anrede an W. würde ich eben darum wählen, um das Positive als Hauptsache behandeln & den Herrn Kritiker nur in Kürze züchtigen zu können: denn mehr verdient solche Gemeinheit nicht. Schreibe mir nun, was du dazu meinst: u. zwar recht bald! Ich kann doch nicht leugnen dß mich die Gemeinheit des Pamphlets in nervöse Aergerlichkeit versetzt hat: aber das darf bei Dir selbst ƒaus die Wirkung nicht sein. Sondern Es kam ja auch nicht unerwartet. Nur um Eins bitte ich Dich von ganzem Herzen, l. Freund: gieb gerade jetzt nicht Deinem Unwillen über dieses Volk soweit Raum dß er dich zu voreiligen Schritten fortrisse. Man fühlt ja überall den giftigen Aerger & Neid dieses pamphletisirenden Lumpen & seiner Clique dß du auf dem Katheder stehst: schon darum müsste man ihnen nicht d. Vergnügen machen, dß diese vortheilhafte Stellung aufgegeben wird. Ich empfinde für Dich, wie ungemein viel werth, jetzt & zukünftig im Streite Dir Deine Stellung auf e. erhöhten Lehrerstandpunct, u. in e. Collegium sein 36

»Zukunftsphilologie! Eine erwidrung auf Friedrich Nietzsches ord. Professors der classischen philologie zu Basel »geburt der tragödie« von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff Dr. phil. Berlin 1872«.

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muß, dessen zwei wichtigste Mitglieder, V. u. Bckh.37 Dir durch wirkliche Achtung & sogar eine gewisse Theilnahme verbunden sind. Wer wollte so eine Stellung gegen die eines rastlosen, beruflosen, vagirenden Gelehrten aufgeben! Laß mich also bald Deine Meing in Betreff meines Schreibens an W. wissen – Fritzsche würde ja wohl zum Verlag bereit sein? – und lebe in Ruhe und μελιτόεσσα εὐδία!38 Meiner unwandelbaren Liebe aber sei gewiß! Dein E. R.

2.18 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Lieber Freund,

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in höchster Eile drei Worte! Morgen wirst du sicher den offnen Brief von W. in der N.A.Z. lesen, worin zu anderm Herrlichen auch der Dr phil. erschossen wird: ein Wonnefest für den Phöbus Apollon, da ja τέρπουσιν λιπαραὶ Φοῖβον ỏνοσφαγίαι39. Nun aber, wie wirds mit meinem Schreibebrief an W.? Sein wesentlichster Inhalt ist in ganz andrer Gewalt mir vorweggenommen Nur finde ich daß dem plumpen Gesellen nach der ganzen Fülle seiner a) gesunden Einfalt b) anmaßenden, erstaunlichen Schülerunwissenheit c) unmoralischen Entstellungskunst noch nicht genug geschehen ist: jedenfalls wäre es sehr gut wenn ihm ausdrücklich eben dieses a b c u. namentlich – da er a für eine besondre Himmelsgnade hält – b u c. vor aller Welt, und in specie vor den Herrn Zunftgenossen eingerieben würde. Das möchte ich nun auch nach W’s Brief immer noch. Aber dazu ist nun offenbar e. Sendschreiben an W. nicht die geeignete Form, zumal ich mich ja »gräulicher Citate« solchem Buben gegenüber, den man mit der Nase darauf stoßen muß, wenigstens nicht völlig enthalten können werde, wenn auch meist eine vornehme allgemeine Verweisung auf Bekanntestes genügen wird. Frage: α) bist du überh. der Meing dß e. solche Epikritik, von Seiten eines nah betheiligten »gläubigen Freundes« nothwendig & heilsam sei? β) erfinde gefälligst eine ahnmuthige Form für dieses Vademecum Wäre es möglich, dieses Schr auch diesen Inhalt in e. Brief an W. zu kleiden, so wäre das immer das Beste, weil das am meisten Drastische. Tantum. Du siehst, ich schreibe heute in der eiligen Geschäftsbarschheit eines Unteroffiziers. Von Herzen danke ich dir für deinen letzten Brief den ich 37

Vischer und Burckhardt. Schöll: »ὁ νικῶν δὲ λοιπὸν ἀμφὶ βίοτον ἔχει μελιτόεσσαν εὐδίαν ἀέθλων γ΄ ἕνεκεν Pindar, Olymp. I, V. 100 ff.« (Schöll, 1902, 434, Nr. 104). 39 Schöll: »Kallimachus Fragm. 188, O. Schneider.« (Schöll, 1902, 434, Nr. 107); 1871 hatte Rohde die »Callimachea« von Otto Schneider rezensiert (WV 7). 38

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nächstens, in Muße, beantworten werde. Der ganze Ton hatte wirklich etwas von εὐδία, und das beruhigte mich sehr: die Erde hat dich wieder! Womit ich bin Dein Freund ER. P. S. Neulich schickte mir die Buchdruckerei von Breitk. & H. aus Lpz. e. Abdruck meiner Anzeige in der NAZ, wie es schien als Correcturbogen; als solchen schickte ich ihn zurück. Ich vermuthe wohl richtig daß dies e. Probe des besondern Abdrucks war, ƒ den Du meiner nur gz temporären & provisorisch gezimmerten Anzeige viel zu viel Ehre anthust. Habe aber Dank, geliebter Freund!

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2.19 Erwin Rohde an Bertha Rohde Dienstag. Liebste Mutting, ich hatte soeben angefangen, einen festlichen Geburtstagsbrief an Großmutter zu entwerfen, in der Meinung dß morgen, als am 19 Juni, ihr und des kleinen Ditewurms gemeinsamer Geburtstag sei: als mir doch einige Bedenken kamen & ich mich nun unbestimmt zu erinnern meine dß der Geburtstag erst auf den 19. Juli fàllt. Nicht wahr, so ist es auch wirklich? Ich habe also meine feierlichen Glückwunschgefühle wieder eingepackt und will dir nur in Kurzem ein paar Zeilen zukommen lassen dß ich noch lebe, aber von allerlei Arbeit wirklich belastet, & mich schon im Voraus auf die Ferien freue die wir endlich im Angriff mit Anstand & Gemüthlichkeit beginnen lassen. Uebrigens bricht jetzt eine abscheuliche Zeit an: mein Haus ist verkauft, & ich bin daher genöthigt umzuziehen: ziehe auch übermorgen mit meiner bisherigen Wirthin, zwei Häuser weiter, in e Wohng die mir eigentlich gar nicht gefällt & die ich denn recht bald wieder aufgeben werde. Sonst ist nichts zu melden, als dß ich heute, in Folge dummen Durcheinandertrinkens von Bier & Wein bei Ribbecks abscheuliche Kopfschmerzen habe. Das siehst du denn auch40 auch wohl diesem Gekrackel an: welches auch nur den Zweck hat, endlich einmal von mir Nachricht zu geben, & vor Allem Dich zu ermahnen auch Deinerseits mich einmal etwas vernehmen zu lassen. Ach, der Kopf hämmert mir. An Großmama, statt der Frühgeburt des Geburtstagsbriefes viele herzliche Grüße: u. so liebe an Lotte41. Von Herzen Dein Erwin 40 41

Seitenwechsel. zweiter Name der jüngeren Schwester Anna.

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2.20 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 12 Juli 72 Mein lieber Freund,

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ich hätte Dir schon längst ein paar Zeilen geschrieben, wenn ich nicht in der Vorstellung gelebt hätte, dß mein Brief dich doch nicht antreffen würde. Zu dieser Meinung verleitete mich der Poststempel Tegernsee42, der auf dem an Ribbeck gesendeten Abdruck meiner Anzeige zu lesen war. Ich danke dir übrigens herzlich für die herrliche Gewandung die Du dieser Anzeige hast anmessen lassen; nur finde ich die Absendung an allerlei Ungerechte doch bedenklich, da diese offb. darin e. Naivetät der Bewerbung um Ihre Gunst sehen werden statt des Hohnes der beabsichtigt war. Mittlerweile habe ich die Abfertigung des Wilamowitz begonnen, an Wagner geschrieben & dessen Zustimmung zu der Ansprache an ihn erhalten. Ich habe augenblicklich mancherlei um die Ohren, denke aber doch in etwa 14 Tagen fertig zu sein. Fritzsch wird ja wohl den Druck übernehmen: soll ich mich direct an ihn wenden, oder willst Du es thun? Für deinen Schritt bei Ritschl danke ich Dir: aber im Ganzen konnte man eine Niederlage, Teubners geg.über –, wohl mit Gewißheit voraus sehen. Wer mag denn aber R. in den Kopf gesetzt haben, die Widerlegung des W. involvire eine Verfluchung d. Philologie als solcher? Daran denke ich ja gar nicht: da vielmehr die Absicht meiner Schrift nur sein kann, den Ungrund der rein philolog. Vorwürfe nachzuweisen, um gerade diese Verbindung historischer mit philosoph. Betrachtung als das Endziel der Philologie aufrecht zu erhalten & den Philologen den Vorwand der unphilologischen Behandlung in deiner Schrift zu nehmen, damit sie lernen. Auch nur einen principiellen Kampf gegen die banausische Philologasterei beabsichtige ich bei dieser Gelegenheit nicht; trotzdem wird die nothwendige Hinweisung auf die volle Berechtigung, das Alterthum mit philosoph., in specie Schopenhauerschen Augen zu betrachten, den heiligen Zorn der Berliner u. Leipziger Kritiker erregen. Im Uebrigen denke ich für dieses Mal jede unnütze Provocation zu unterlassen: ma ich bin ernstlich überzeugt dß es nicht wohlgethan ist, schon jetzt alle Diplomatie fallen zu lassen. Man kann, ohne der Sache irgend zu vergeben, mit etwas milderer Form den Philologis den ja jedenfalls thörichten Wahn benehmen als ob eine, zudem unmögliche, Sprengung der Alterthumswissenschaft beabsichtigt sey & nicht vielmehr eine Zurückrufung derselben auf ihre eigentlichen & ihr gebührenden Wege. Wenn selbst Ritschl diesen Wahn hat, so wird er sich bei den Böswilligen vollends ganz eingefressen haben. – Auf die, über das blos Philologische hinaus gehenden Faseleien des Wil. lasse ich mich natürlich 42

Gersdorff hatte auf Nietzsches Veranlassung hin Rohdes Anzeige in Tegernsee an verschiedene Leute aufgegeben (N. an R. am 7. Juli 1872: KGB II/3, S. 20,22-27).

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gar nicht ein, sondern fertige sie mit Hohn ab. Endlich noch, um diese Polemika abzuschließen, bitte ich Dich, l. Freund, mir einen kurzen & scharfen Titel zu erfinden zu helfen. Dann noch zwei Fragen: 1.) Ist dir irgend etwas darüber bekannt, dß Aristarch wirklich über späteren Ursprung der Titanenerwähnungen in d. Ilias, resp. der betreff. Bücher irgend etwas gesagt habe? Mir nicht, aber die Fiction des Wil. wäre doch gar zu frech. 2). Giebt es über den mimetischen Charakter der Musik des jüngern att. Dithyrambus noch Notizen außer: Aristot. probl. XIX 15. Athen. VIII p. 352 B. 338 A. (Arist. Nub. 332 ff und der hierher, von KO Müller, gezognen Äußerg des Platon, Rep. III. 396 B – 397 A. – endlich Arist. Plut. 338.)? – Sehr merkwürdig ist mir Deine Auffassg des Satyrs nach seiner kräftig-edlen Seite, & ich denke die Gründe dafür erkannt zu haben in den Angaben von Satyrchören der ernsten τραγῳδία‚ resp. des ältesten Dithyramb, besonders Arion, etc. – Dieser Wil. übrigens ist von einer gar nicht zu beschreibenden schülerhaft gedankenlosen Unwissenheit. Also in c. 14 Tagen hoffe ich fertig zu sein. Die Anlage ist in Kurzem diese: Abweisg des Wil. von dem eigtl. Inhalt, als eines jener saubern »Kritiker«, die ich kurz schildere. Er wirft sich aber mit guter Berechng aufs Philologische, um die Schrift den Philol. zu verdächtigen. Diese haben ohnehin e. Horror vor aller Heranziehg der Philosophie, gar der verbotenen Schopenh.schen. These: dß eben dies zu einem ganzen & wirksamen Bilde des Alterth nöthig, in specie Sch’s Musiktheorie für diese trag. Dinge sehr fruchtbar sei. Rücklenkg zu den rein philolog. Fragen, als allein meines Amtes. Grund warum an R. W. gerichtet. Dann die Philologica; zum Schluß Abfertigung des Wil. & e. succinctes Schlußwort. In Summa etwa 2 Bogen. – Dies denn davon. – Du schreibst nichts von Deiner Gesundheit, l. Freund, die doch nach dem vorletzten Brief wieder ins Wanken gekommen war. Laß es Dir doch ja wohl ergehen, & benutze diese warme Ferienzeit (wir ackern frl. noch, aber ihr seid ja wohl frei?) um gehörig »Malz in Deinen Beutel« zu thun. Ist denn Deine Schwester noch bei Dir, als Deine getreue Pflegemutter? In diesem Falle, bitte ich, ihr meinen freundlichen Gruß zu bestellen. – Von München & Tristan erführe ich doch gern noch etwas Näheres und Weiteres. – Mir geht es sonst gut, doch bin ich schlechter Laune. Nächstens steht mir e. wirklicher Verlust bevor: Ribbeck geht zum Herbst n. Heidelberg & mit ihm verliere ich ein wirklich treues Freundesgemüth. Zu meiner Erhöhung wird s. Fortgang übrigens nicht beitragen. Sehr freut es mich, für dich u. ihn, dß Romundt nun bei euch sich ansiedelt: das ist e. großer Gewinn. Wäre ich nun etwa in Freiburg, so wären wir unser Dreie: so aber grüße ihn von mir u. bleibe mein Freund!

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P.S. Schamloser Weise habe ich immer noch Deine Vorträge: ich habe immer getrödelt, wegen der schwierigen Verpackung. Morgen aber will ich sie abschicken, zugleich mit den Briefen von W. u. R.43

2.21 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Sonntag. Lieber Freund,

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der Gedanke, W’s Brief zugleich mit meiner Schrift abdrucken zu lassen, ist auch mir früher gekommen, ehe ich dieselbe zu schreiben begonnen hatte. Da ich aber hörte daß W. überhaupt auf e. Separatabdruck jenes Briefes verzichtet habe – den er zuerst beabsichtigte – habe ich diesen Einfall gz aufgegeben & auch gar nicht geäußert. Um so mehr aber gab ich ihn auf, weil, bei längerer Ueberlegung, dieses Verfahren an sich mir nicht passend erschien. Es ist schon wunderlich, wenn in Einem Hefte zwei Briefe an zwei verschiedne Personen beisammenstehen, vollends aber, wenn der Ton dieser über dieselbe Sache handelnden Briefe‚ der Person der Schreiber gemäß, ein so ganz diverser ist, wie er hier nothwendig sein würde. Nun aber, da ich mitten in der VerAbfassung jener Schrift bin, scheint mir der Vorschlag doppelt undenkbar, denn ich müsste ja nothwendig auf die Wandnachbarschaft des W’schen Briefes Bezug nehmen & in Folge dessen die ganze Haltung des eigentlichen Brieftheiles meiner Schrift völlig wieder umgestalten aus der Form die ich ihm jetzt, wo ich schon mitten in Titanen & Archilochis stecke, schon gegeben habe. Dafür nun scheint mir der ganze Einfall nicht »stilvoll« genug‚ denn zwei so gz differente Personen an einander geschmiedet, würden doch in der That einen bloßen Tragelaphen darstellen, über den man sich mit Recht lustig machen würde. Bei alledem selbst vorausgesetzt, dß W. einverstanden wäre. Also, l. Freund, gieb, ich bitte dich, diese Kupplergedanken auf! wir Beide wären ein zu ungleiches Paar. Dagegen wäre es Dir und uns und bonis litteris sehr zu wünschen, dß W. s. Brief irgendwie einem verbreiteteren & weniger zufälligen Publikum zugänglich machte, sei es nun in e. besondern Abdruck oder indem er es ihn dem neuesten Bande seiner Schriften einverleibte. Und dazu solltest Du ihn ermuntern. Für heute so viel von mißglückten Copulirungen. Gedenke aber, o Herr, der Titanen & des jüngern Dithyrambus, auch des Fritzschii & eines schönen Titels. – Lebe in Gesundheit & Sonnenschein, geliebter Freund, & grüße Romundt; schreibe mir bald. In herzlicher Liebe Dein E. R. 43 Wagner

und Ritschl.

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2.22 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche44 Hier endlich, lieber Freund, kommen Deine Vorträge zurück: zürne nur nicht dß ich so gar lange damit gebummelt habe. Für Deine cenni vielen Dank: da ich selbst schon überall herumgestöbert hatte, waren sie mir im wesentlichen nur e Beweis dß ich deine Intentionen richtig verstanden hatte. Neu war mir die Erinnerung an d. Genellische Bild, dessen ich mich jetzt übr. wieder ganz gut entsinne. Was meint nun Fritzschius ? Ade für heute: in fliegender Eile Dein Freund ER.

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2.23 Erwin Rohde an Bertha Rohde Montag Liebste Mutting, ich schreibe wieder nur ein paar Zeilen, von Herzen, denn was irgend besondrer Mittheilung werth wäre geht hier nicht vor. Ich muß vor Allem melden dß ich zu Großmamas Geburtstag, der auf den kommenden Freitag fällt, leider nicht kommen kann. Als Privatdozent konnte ich wohl so nach Belieben in der Welt herum reisen, nicht aber als Professor, wo ich ƒ mein Amt gebunden & Freitag zu lesen gehalten bin. Item, das geht nicht, & so müsst ihr mit meinen Glückwünschen vorlieb nehmen. Mir steht nächstens eine gar nicht wünschenswerthe Veränderung bevor. Ribbeck hat einen Ruf nach Heidelberg bekommen & ihn, da dort e. gz andrer Wirkungskreis ist & auch sonst die Bedingungen günstig sind, angenommen & geht schon zum nächsten Semester hin. Dß ich so unmittelbar sein Nachfolger im Ordinariat werden könnte, davon kann, bei einem zweimonatlichen Extraordina44

Auf der Blatt-Rückseite Zahlenkolonnen: 16 ǀ 120 ǀ 8 Bogen 48 65 2730 ǀ 128 ǀ 33 42 65 ____ ____ ______ 144 130 16380 144 2¿0 16380 ____ _____ ______ 1584

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ǀ 114 Seiten. ǀ 120 Seiten mit Vorrede. 2178 1584 _____ 5940

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rien gar keine Rede sein. Und so verliere ich nicht nur e. herzlich wohlgesinnnten Freund sond. bekomme Gott weiß welchen & wie gearteten Obercollegen zum Ersatz: womit denn meine Lage nicht angenehmer wird. Indeß R. selber wünsche ich e. derartige Veränderg von Herzen: er war hier längst nicht mehr zufrieden. Ferienpläne habe ich noch keine festgesetzt: ich fürchte ich werde sehr viel zu arbeiten habe n. Wie ich es mit hier Bleiben & eventuellem Hinüberkommen mache, ruht im Schoße der Götter. E. Fußtour aber wäre mir jedenfalls sehr heilsam, ja eigentlich wohl nöthig. Aber das Geld! ich bin, ƒ besondre Verhältnisse, in diesem ersten Professorenjahr noch so deràngirt als bekäme ich gar kein Gehalt. Aber ich hoffe dß in Hamburg ein gew. Jemand seine milde Hand aufthun soll. Wie geht es aber euch, & jetzt ja vor Allem, unsrer kleinen dicken Lotte? Hoffentlich wird sie ja ihre 2te Geburt so gut überstehen wie die erste &, hoffen wir mehr, einem kleinen Ditte, rectius Ditrich zu einem gesunden Dasein helfen. An Großm. & Lotte viele Grüsse von deinem Erwin.

2.24 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel Sonnabend.

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Ich bin fertig mit meiner Schrift, geliebter Freund, muß sie nur noch abschreiben, & dann kanns losgehn! Nun aber wird mir ganz bänglich zu Muthe in Angelegenheit eines Verlegers, da Du, nachdem du ja jedenfalls an Fritzsch geschrieben, so lange nichts hast hören lassen. Sollte das bedeuten daß auch der wackre F. sich sträubt, diesen philologisch-polemischen Centauren zu verlegen? zu Möchte ich bald ƒ e. günstige Anzeige dementirt werden. Wir wollen es jedenfalls dem guten F. so leicht wie möglich machen. Ich bin gar nicht auf e. elegante Ausstattung versteuert, die sich für e. solchen Wisch gar nicht ziemen will. Namtl. wäre es sogar recht gut, wenn der Druck sehr viel compresser ausfiele als bei Deinem Buch & dem Abdruck meiner Anzeige: da sonst der Umfang der Broschüre e. ungemüthlich großer würde. Bei kleinerem Drucke denke ich nicht viel über 2 Bogen einzunehmen. Ich war übrigens in e. bedenklichen Lage: nur Philologen gegenüber hätte ich mich 10 mal so kurz fassen können, während ich, bei der gewählten Form, einer gewissen Ausführlichkeit mich nicht entschlagen konnte, wenn ich nicht völlig unverständlich werden wollte. Daher denn die Dickligkeit45 dieser gz unselbständigen Arbeit. Also machen wir, wenn F. nicht gleich anbeißt, ihm die Concession eines ruppigen, mit Krug zu reden »wahrhaft verächtlichen« Äußeren der Broschüre. 45

KGB: Dürftigkeit.

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Honorar beanspruche ich ohnedies nicht, & so sollte ich meinen dß dem braven Verleger die Kosten nicht über den Kopf wachsen könnten. Endlich noch der Titel. Ich bin Dir u Ov. für die Erfindung jener »Afterphilologie« sehr dankbar. Das Wort ist darum gut, weil es den philolog. Gesichtspunct andeutet, der dann, in s. Langweiligkeit, doch ƒ den Zusatz » – an R. Wagner« contrabalancirt wird. Aber das treffliche Wort schmeckt mir doch etwas gar zu aristophanisch, so nach καταπυγοσύνη, woran man bei »After« doch zunächst denkt. Scheint Dir das nicht auch? Oder wenn Dein Gefühl e. andres ist, so wollen wir den Titel wirklich beibehalten. Erwäge das also noch einmal. Basta per oggi. Ich denke viel an Dich, mein lieber Freund, & höre eigentlich nichts von Dir, nicht wie Dirs geht, noch was du planst u. denkst u. thust. Laß uns aber uns nicht verlieren, sondern getreu zusammenhalten. Ist denn Romundt schon bei euch? Könnte ich doch nach Freiburg, wo Brambach fortgeht. Wer kommt dahin? Und so lebe wohl, lieber Freund & Bruder. In Eile und Hitze dein Freund & Streber E. R. À propos! Sind denn Deine wohl verpackten, verpanzerten Vorträge glückl. in Deine Hände gekommen ?

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2.25 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hersbruck 28. August. Mein lieber Freund, nicht als ob ich Sauhirt oder Brauknecht in diesem oben verzeichneten Neste geworden wäre: aber es ist ein sichres Factum daß ich dieses »Sendschreiben eines Philologen« in einer spektakulösen Kneipe besagten Nestes verfasste. Ich habe seit Wochen fortwährend mit meiner Briefschuld an Dich mich geschleppt, aber über den thörichtsten Verrichtungen – für des biedern Onkel Leutsch »Anzeiger«46: miserabile dictu! – war ich wie ein blecherner Topf geworden, in dem man mit e. Zinnlöffel eine festliche Klappermusik macht: Jetzt ziehe ich nun seit einer Woche schon in Deutschlands Mitte die kreuz & queer herum, und bin augenblicklich am Eingang zu den bescheidenen Gebirgen Mittelfrankens: quod Deus bene vertat. 46

WV 15 und 16: »Lucianus Samotasensis. Franciscus Fritschius recensuit« und »Lucianea von Julius Sommerbrodt«.

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Zum Briefschreiben aber komme ich in diesem Bauerngetöse auch noch nicht: also nur die Nachricht, lieber Freund, daß die Afterphilologie glücklich, nach mühseliger Copirung, an Fritzschium abgegangen, von ihm, mit stillschweigendem Consens, acceptirt worden ist, und wohl schon praela exercirt. Kein Vergnügen ist bei solcher Zankerei mit da derbei, bayrisch zu reden. Auch wird’s einen übeln Skandal erregen, denn ich habe Herrn Wil. nichts erlassen, und namentlich meine Specialkieler werden ihre weisen Häupter zusammen stecken ob des Greuels. Der Teufel hole sie; ich werde mich recht sehre dickfellig machen, und den Regen regnen lassen. Was ist daran gelegen; wenn nur unsre Freundschaft hierdurch aufs Neue sich fester zusammenschließt: und das wird sie ja, mein geliebter Freund! Am Reisen ist auf die Länge auch wenig »Fraid’«, namentlich nicht, wenn man Briefe verfassen soll unter brüllenden, ihr scheußliches Bayrisch laut hervor rülpsenden Fuhrleuten, wie ich »alleweile«. Ich freue mich aber auf die grüne Natur, in die ich jetzt erst recht einlaufen werde, nachdem ich mich bisher in allerlei Städten herumgetrieben habe. Hätte ich mehr Geld, so wäre ich nach der Schweiz gegangen, oder lieber noch nach der gebenedeieten Italia. Ich war jetzt u A. auch in Nürnberg, und hatte doch aufs Neue d. Gefühl, daß an reiner & ganzer Freude da weniger zu holen ist unter all den viereckigen Fratzen als in einer einzigen, kleinen italien. Kunststadt: Verona Padua, selbst Brescia. Und doch waren die Trefflichen sicher auf dem richtigsten Weg zur freien Schönheit, der nicht ƒ e. verhimmelten Idealismus geht, der nichts darzustellen wagt wie er es sieht sond. irgend e. fantastisches Spectrum. So aber bleiben diese Dürer etc. stehen, wo die Realisten der altflorentinischen od. der paduanischen Schule standen: was hinderte aber den Fortgang? Ach die verwünschte Theologie und der 30jährige Krieg: womit ich bin, in alter Liebe, dein Freund und Fuhrmann E. R. Schreibe nur nach Kiel, wohin ich gewiß, deficiente pecu –, früher zurück komme als ich beabsichtige

2.26 Erwin Rohde an Bertha Rohde Sonntag. Wer hätte das geahnt, liebe Mutter, daß das Ende unsrer alten Großmama schon so nah sei?47 ich glaubte nur an eine ganz flüchtige Erkältung und schied ohne die geringste Ahnung von ihr, daß dieses das letzte Mal sei, daß 47

Rohdes Grossmutter mütterlicherseits, Wilhelmine Schleiden, geb. Brüel, starb am 14. 9. 1872 in Hamburg.

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ich der Alten, die mich von je so herzlich geliebt hat, die Hand drücken sollte. Das Leben konnte ihr im Grunde nie viel bieten, denn sie verstand es nicht, zu leben, und so sollte man sie fast glücklich preisen, daß ihr in so hohem Alter noch lange Schmerzen erspart waren, bevor sie gänzlich erlosch. Und doch schaudert es Einen stets aufs Neue wenn der schauerliche Abgrund auf dem wir Alle stehen, sich wieder einmal aufthut, ein Leben zu verschlingen dessen wir sicher zu sein meinten. Ach, was ist das Leben? und dauert nicht in all dem vergänglichen Plunder allein das Menschlichste: Liebe und Treue und die ewige Kunst, die Königin? Diesen leitenden, ewigen Gewalten soll man sich offen und stets zugänglich erhalten, und so thue du, meine geliebte Mutter; nur darin leben wir, und das ist auch der einzige Trost den ich Dir bei dem Tode der Alten sagen kann, der du in ihrem langen Leben, & bei ihren zahllosen Schwächen, Treue und Liebe aufopfernd bis zum Tode gehalten hast. Sie hatte doch, bei aller Selbstsucht & Selbstverwöhnung, einen guten Fonds von ächter Liebe; Niemand könnte das mit größerem Undank leugnen als ich, dem sie nur Gutes erwiesen hat. Was sind wir Alle, im Angesicht der allgemeinen Nothwendigkeit? und so wollen wir nur ihre liebenswerthen, herzlichen Seiten im guten Andenken bewahren; der Rest war sterblich und schwach, wie wir Alle sind. Ich komme Morgen, Montag, gegen Mittag. An Anna viele Grüße und Wünsche einer baldigen endlichen Genesung. Und so auf Wiedersehen, meine liebe Alte! Dein Erwin.

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2.27 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 27. Sept. 72. Mein lieber Freund, der Anti-Wilamowitz hing mir endlich so zum Halse heraus daß ich mich gar nicht wieder an Dich wenden mochte, ehe die Revision dieses unerfreulichen Schriftstückes nicht ganz beendet wäre. Ich finde daß Fritzschius sich nicht übermäßig beeilt hat; indessen ist nun doch die Correctur ganz fertig & das Opusculum kann erscheinen. Heiliger Ῥινοκέρως, stehe mir bei & gieb mir ein dickes Fell damit ich alle die sicher erfolgenden Molesten nicht empfinde. Sollte der ekelhafte Wil. etwa selbst noch einmal antworten, so bin ich entschlossen, nicht zu reagiren, mag er so ausfallend wie möglich werden. Ich habe ihn übrigens auch nicht mit Sammethandschuhen angefasst, so ekelhaft mir sonst derartige polemische Katzbalgereien sind: aber sollte bei der beispiellosen Frechheit des Menschen sich Einem nicht die Galle regen? Sobald nun Exemplare fertig sind, kriegst du natürlich sofort eines.

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Meinen Brief aus Hersbruck hast du ja wohl bekommen? ich bin dann noch etwa 14 Tage in der Welt herumgelaufen, »weite Welt und breites Leben«48 in mich einzusaugen; namentlich habe ich mich an einer gründlichen Betrachtung der Dresdner Gallerie erquickt. Es ist ein sehr »nachdenkliches« Phaenomen daß eine Betrachtung solcher Bilder der Erscheinung uns solch reines, tiefes Vergnügen gewähren kann; das ist freilich eine Lust, und eines der sichersten Zeichen daß eine so reine Entbindung des Intellects vom Willen wie Sch. annimmt, e. Einbildung ist: woher sonst das bestimmte Gefühl einer reinen zwar, und unvergleichlichen, aber einer Lust? »Doch ich fange an zu philosophiren« sprach Zarncke, da hatte er wieder einmal gefaselt. – Kürzlich ist mir Romundts Buch zugekommen: sage ihm doch meinen besten Dank dafür; ich schreibe ihm nächstens selbst, sobald ich einigermaaßen guter Laune bin. Ich bin seit m. Reise noch zu keiner rechten Ruhe, zu jener gleichmüthigen Temperatur der Empfindg gekommen, in der man kein Glück erwartet und kleine Annehmlichkeiten mit Behagen aufnimmt. Ich wurde zudem, da meine alte Großmutter, im 82. Jahre sanft eingeschlafen ist, zwischen hier u. Hamburg ungemüthlich hin & her geworfen. Hier aber fühle ich mich ganz allein & einsam, unbeschreiblich allein und öde: vollends seit auch Ribbeck fort ist, der doch persönlich ein Herz für mich hatte, meine ihm sehr wohl bekannten Meinungen mit Zartsinn & Schonung, u. nicht ganz ohne Sympathie ertrug. Ich bin ihm doch viel und auf immer schuldig; ein edler Mensch. – Nun aber bin ich im Innern ganz verwaist, und dazu regnets seit 14 Tagen fortwährend, und alles sieht aus nach trostloser Finsterniß & Eingeschlossenheit und Kälte. Säße ich doch dir nur näher, mein geliebter Freund: immer die alte Klage. Säße ich zum Mindesten in Süddeutschland irgendwo, da Freibg, wie ich freilich längst wusste, ƒ den dummen Keller verrammelt ist. Ihr habts fürwahr in Basel gut: zwei zusammen spotten der ganzen Welt, aber Einer so ganz solo, soletto, das ist trist. Was macht Burckhardt? Grüße ihn doch bei Gelegenheit. Wie konnte man sich, vor einiger Zeit, doch einbilden, der passe in das ameisenhafte civilisirte Getreibe in Berlin?49 vor diesem Berlin habe ich ein förmliches Grauen; es ist als ob alle scheußlichen Elemente in der heut. Civilisation sich dort zu einem großen Geschwür vereinigten, damit die Welt erkenne, was an selbiger Civ. eigentlich sei. Man mag gar nicht denken, wohin dieses schauderhafte Treiben doch eigentlich nur führen könne: man versteht vollkommen, welches Entsetzen einst die alten Christen vor der »großen Hure«50 zu Rom empfanden. Aber wo ist heute der Erlöser? das neue Blut? die Kraft an einen Menschengott, eine Incarnirung der Liebe zu glauben? Das war doch, so thö48

Schöll: »Goethe, Motto zu »Gott u. Welt«, Gedichte, III, S. 218.« (Schöll, 1902, 435, Nr. 120). 49 1872 lehnte Jacob Burckhardt einen Ruf nach Berlin als Nachfolger Rankes ab. 50 Schöll: »Offenbarung Johannis Kap. 17« (Schöll, 1902, 435, Nr. 120).

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richt es seyn mag, etwas sehr Großes und Beglückendes. Ach lieber Freund, ich bin nicht immer hoffnungsvoll, aber eines weiß ich gewiß daß die Wagnerschen »wir«, wenn sie nicht die Welt reformiren können, sich eines großen und guten Gehaltes sicher wissen dürfen. Schreibe mir bald, l. Freund, und gieb mir Muth. In alter, treuer Gesinnung dein E. R.

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2.28 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 27. Sept. 72. Meine liebe Mutting, es wird nun wohl Zeit sein, uns »wieder zu vertragen«, nach unserm zornigen Scheiden von vor 8 Tagen. Ihr hättet es immerhin etwas weniger deutlich ausdrücken können, daß ich euch nur im Wege stand; und ich wäre doch noch rechtzeitig gegangen; aber ich weiß wohl daß du es im Grunde so schlimm nicht meintest, und hoffe daß du auch bei mir einen besseren Grund der Empfindung kennst als die so in Momenten des Zorns zum Vorschein kommende. Schließlich sind wir, bei der großen Gleichgültigkeit Fremder gegen Fremde einzig auf uns angewiesen, und so gewiß ich Deine Liebe aus tausend Zeichen kenne, so gewiß wird bei mir durch tausend Zeichen übler Laune auch eine rechte Liebe zu dir, liebe Mutter, verhüllt. Also sei dieses abgethan & begraben, nicht wahr? Hier führe ich ein recht ungemüthliches Dasein. Steter Regen & feuchte Kälte, so daß ich schon anfange zu heizen und fortwährend an kalten Füßen und noch mehr an einer aschrauen, wolkigen Stimmung laborire. Wohl 4 Mal schon habe ich den Entschluß gefasst, noch e. kleine Tour nach Lütjenburg & dem Bungsberg zu machen, um dann ernstlichst Winter & Arbeitsheimlichkeit anzufangen: aber immer bezog sich im entscheidenden Moment der Himmel, es wehte und regnete, und ich blieb, wie jener Peter in d. Fremde51, doch lieber zu Hause. Vielleicht führe ich’s aber doch noch aus. Kürzlich ist auch der neu bestellte Anzug von Graeper angekommen; laß ihm doch gelegentlich mittheilen daß er ganz mißlungen sei: die Hose zu eng und der Rock so viel zu weit daß er auf dem Rücken förmlich Wellen schlägt. Ich werde den Anzug hier ganz umbauen lassen & dem biedern Gr. die Rechnung des hiesigen Schneiders von der seinigen abziehen. 51

»Der Peter in der Fremde«, Gedicht von Johann Konrad Grübel (1736-1809), in: »Nürnbergischer Hausschatz. Eine Sammlung von Denkwürdigkeiten aus Nürnbergs Vergangenheit und Gegenwart. Herausgegeben durch einen Verein von Liebhabern vaterstädtischer Dinge. Zweites Bändchen. Konrad Grübel und seine Nachfolger.« Nürnberg, 1873,13-16.

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Im Uebrigen ist es recht öde hier; seit Ribbeck fort ist, giebt es keine Seele hier mehr an der ich rechten Antheil nähme & mit Sympathie der Empfindung hinge. In Basel sollte ich sein, das wäre meine eigentliche Heimath. Bei euch geht es nun hoffentlich stark auf die gänzliche Besserung zu. Wie geht es Anna & dem kleinen Wurm u. der kl. süßen Dite? Dieses schreib mir bald, liebe Alte, u. glaube an meine Liebe. Dein Erwin.

2.29 Erwin Rohde an Bertha Rohde Liebste Mutting,

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eben bekomme ich eure beiden Briefe, für die ich euch von Herzen danke als für ein Liebeszeichen an diesem Tage, an dem ich das 27te Jahr in dieser wunderlichen Welt vollende. An solchen Tagen regt sich doppelt die thörichte Frage: was soll’s eigentlich mit diesem Leben, und wenn wir so ungefragt darin gefesselt sind, wozu uns diese Ironie, die sich doch über all das so wichtigthuende Treiben erheben kann, gebunden zugleich an sein Glücksrad und doch im Innern frei von seinen bethörenden Vorspiegelungen. Il mondo è pazzo. – Uebrigens wünsche ich doch sehr, unsre kleine dicke Mutter mit ihren zwei mehr oder weniger dicken Kindern vor ihrer Abreise52, auf Gott weiß wie lange Zeit, in die fernste Barbarei, noch einmal auf einige gemüthliche Tage zu sehen, u da nun jetzt ja Platz bei euch genug vorhanden seyn muß, so will ich denn eurer Einladung mit kürzestem Entschluß folgen, der in solchen Fällen stets der beste ist. Ich denke also morgen, Donnerstag, Abends um 10 8.10. Uhr n. Hbg zu kommen, falls ihr nicht, wozu ja noch Zeit bleibt, mir vorher abtelegraphirt. Dann bleibe ich einige Tage, feiere etwa Annas Geburtstag noch mit & kehre dann zurück, quasi re bene gesta. Bis dahin denn addio, an Anna viele Grüße & Dank, und so an dich, meine liebe Alte von Deinem Erwin.

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nach Ungarn; die jüngere Schwester Anna war seit 1870 mit dem Ingenieur Alfred Brandt verheiratet. »Das junge Paar zog darauf zunächst nach Wien, wo sich die Direktion der Bahngesellschaft befand, in deren Diensten er etwa ¼ Jahr im Bureau tätig war. Dann wurde er aber zur Ausführung der Bahnarbeiten nach Ungarn in ein ganz kleines, von menschlicher Kultur noch wenig berührtes Nest: Notschmylhall versetzt, wo er nun mehrere Jahre unter den schwierigsten Verhältnissen mit seiner Frau lebte.« (Hans Himmelheber, Die Literarische Gesellschaft Heft 7-8, 1918, Hamburg. II).

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2.30 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 1. November 72. Mein Freund! Du magst dich gewundert haben daß ich dir die Streitschrift so ohne Empfehlungswort zuschickte und nun schon so lange schweigend ihr nachsehe. Ich kann auch nicht mit Wahrhaftigkeit die allerdings drängenden, dieses Mal fast wohlthätig mich übermannenden Arbeiten zum Semesterbeginn als Entschuldigung vorbringen. Und doch, ich gl aube dß du diese gänzliche Abneigung, nun noch etwas zu sagen, innerlichst verstehen wirst. Was hätten wir uns in dieser Sache zu sagen, das nicht ein Jeder im Herzen selbst empfände! Nun sind wir fürs Leben zusammen gethan & werden alle Niederträchtigkeit der Welt in Gemeinsamkeit zu erdulden haben. Das ist es aber nicht, was mich in dieser Zeit bedrückt und müde macht: wer zu einer Sache und Person rechte Liebe trägt, der wird der giftigsten Bosheit des genus humanum auf die Länge nicht entgehen, und darf nur wählen, was er vorzieht, die Dumpfheit oder die stete Belästigung der in ihrer gemeinen Beschränktheit bedrängten πλήσιοι. Aber es ist erweckt das seltsamste Gefühl, sich so öffentlich mit einem gemeinen Buben herumbalgen, und nothgedrungen ihn in Grobheit noch übertrumpfen zu müssen, während Einem das innere δαιμόνιον fortwährend zuruft: was in aller Welt hat unsre gute Sache mit solchen Troßbuben zu thun; was darf dich das Urtheil der gaffenden Philister kümmern? wozu führst du also solche Katzbalgerei mit einem Hanswurst auf, da diejenigen οἷς ἁδεῖν σε χρή dessen gar nicht bedürfen, & die Andern, wenn sie auch bekehrt werden könnten, gar nicht des Bekehrens werth sind! Da erweckt es denn den peinlichsten Krampf, diese Balgerei, die man auf dem stillen Papier sich seufzend abgerungen, nun vor all den biedern Hallunken jetzt erst allmählich öffentlich zu wiederholen. So ist man denn vor ein Forum gestellt, das man innerlich gar nicht anerkennt & das man doch zu respectiren sich den Anschein geben muß -. Das ist das Scheußliche bei aller derartigen Polemik, und man muß es am eignen Herzblut empfunden haben, um sich für alle künftigen Fälle zu geloben: »Laß Du dich nur zu keiner Zeit zum Widerspruch verleiten.« Ich habe das unsäglich Widerliche dieses Gefühls zum Theil dadurch überwunden daß ich, W. anredend, zunächst denn d och an einen Freund und tief gemeinsam Empfindenden mich richten durfte. All diese Bedrängniß u Ekel hätte ich gewiß nicht auf mich genommen – denn ich bin eine ganz antipolemische Natur, überall wo mein Herz mitredet –, wenn ich diesen Schritt nicht für absolut nothwendig, und wenn auch unzweifelhaft äußerlich ganz erfolglos doch insofern wenigstens für ersprießlich gehalten hätte, als den Herrn »Zunftgenossen« laut zugerufen wird, daß Du unter all ihrem Hohn und Naserümpfen wenigstens Einen Genossen gefunden hast, der die vorgehenden Gemeinheiten nicht stillschweigend ansehen will. Es ist mir ja keinen Augenblick zweifelhaft daß all dieses, soweit es etwa an

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diese Herren gerichtet ist, wie in den Wind geredet sein wird; man müsste ja die Menschheit und namentlich diese ungemein selbstzufriedne Sekte nicht kennen wenn man wähnen könnte daß sie ƒ die kräftigsten Appelle sich je vermögen lassen sollten, die Welt & das Alterthum für mehr zu halten als ein Additionsexem pel, das jeder mit leidlich gesunden Sinnen aus den einzelnen Daten sich zusammenrechnen könnte. Hier werden wir keine Proselyten machen, u, wenn ich in der Schrift so thue als wenn ich daran glaubte so geschieht das, wie Du wohl empfinden wirst, nur darum, weil es, diesem Maulwurfsgeschlecht gegenüber, galt, gerade die s.g. »wissenschaftliche « Ehre zu retten, was ohne einige Concessionen nicht anging: ich durfte nämlich nicht merken lassen daß ich eigentlich gar nicht allein Herrn W-M. bekämpfe sondern die ganze philol. Consorteria, von der uns eine tiefe Kluft scheidet. Aber nun möchte ich dem Volke so gern den Rücken kehren, und nur noch da mit ihnen verkehren, wo sie selbst sapiunt, nämlich in reinen philologicis: aber erst muß die Pein des Spießruthenlaufens ert zwischen Hohn, Neid, und allen ekelhaften Kleinlichkeiten dieser Biedern ertragen werden. – Du wirst mich nicht mißdeuten, geliebter Freund, wenn ich dir all diese Mißempfindungen ganz naiv mittheile; ich bereue den Schritt selbst keinen Augenblick; all seine Consequenzen wusste ich voraus, und es stellt sich nun nur doppelt das tiefste Bedürfniß ein, von Zank u. Haß mit ganz Unverwandten sich dem li ebsten Freunde einfach in herzlicher Liebe zuzuwenden, in die kein Neider u. Verhöhner irgend hinein zu reden hat. Wenn mir das tief widerwärtige Befassen mit jenem scandalösen Gesellen nicht die Leichtigkeit ließ, mich im Spott und fröhlich pfeifender Nichtachtung des Witzes über diesen ganzen Morast zu erheben, so hoffe ich doch dß aus dieser schwerfällig derben Polemik Du und die Freunde, die ic h meine, eben erst recht den eigentlichen Herzenston herausgehört habt: es war mir bitter Ernst mit dem Ganzen! Und das sagen mir ja auch Deine lieben Briefe, für die ich dir mit dem ganzen Herzen danke. Schreib mir oft, mein Freund, ich bin unersättlich nach Briefen von Dir, jetzt am meisten, wo in einer ekelhaft ausbrechenden Feindseligkeit oder Verhöhnung der Umgebung mir das immer erneuete Bewußtse yn, mit Dir und unserm Vorbild und Leiter mich im Guten und Reinen, in der wärmsten Empfindung des Gemüths einig, eng verbunden zu wissen, alleine Kraft & Trost geben kann. Es ist im Uebrigen keine Rettung in dieser über uns sicher hereinbrechenden Hochfluth des Gemeinen, als daß wir absolut keine weiche Seite bloß geben sondern den Kopf stolz und hoch erhoben tragen. Ich weiß mich im Herzen völlig frei von jeder Regung selbstüberschätzenden Hochmuthes; aber in solchem Kampfe muß man gewiß die Miene der unerschütterlichsten Selbstschätzung annehmen, soll Einen das Gesindel nicht unter die Füße kriegen. – Das aber können wir uns wohl vornehmen, & als durch diese Eine Prostitution errungen betrachten: niemals wieder uns durch Polemik gegen Andersempfindende uns aus den eignen Bahnen drängen zu lassen: in positivo salus! die Negation hilft zu gar nichts.

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Also: evviva l’amicizia! ich werde sehr bald wieder so weit mich durchgerungen haben daß alles Andre außer »uns« mir vollkommen egal ist. Und bei »uns« hat meine Brandschrift gewirkt wie sie sollte. Ich habe von W.53 ein freundliches Schreiben bekommen, voll jener erhabenen Naivetät die ihm als schönste Eigenthümlichkeit des Genius eigen ist. Als ob ich, mich zu ihm gesellend, seiner Sache irgend etwas zusetzen könnte. Dein Lob, lieber Freund, der Schrift selbst täuscht mich über ihre Mängel nicht: aber ich sage mir daß hier einmal wirklich es nur auf die »That«, nämlich die Thatsache der Herausgabe einer solchen Schrift ankommt, gar nicht auf die sonstige Qualität der Schrift, während sonst e. solches Lob (wie Frau W. damals Deinem Buche zugewendet wissen wollte) für ein selbständig bedeutendes Buch das Minimum des Lobes, in meinen Augen, darstellt. Frau W. hat an Gersdorff sich sehr befriedigt über die Schrift ausgelassen: ich hoffe, wenn ich ihr ein gebundnes Expl. schicken kann, selbst von ihr einige Zeilen zu bekommen. Mit den gebundnen Expll. lässt mich Fritzsch – hier können die Sklaven gar nichts – seltsam im Stich: selbst W. musste ich e. broschirtes Expl. schicken. Kommen sie endlich, so schicke ich auch Dir sofort ein »sulliches« (»und ich habe sulliche« sagte jener Leipz. Philister von den »scheensten besten Kindern«: siehe Bayreuther Pfingstfest.). Auch der treue Gersdorff hat mir sehr zufriedengestellt geschrieben. – Den Vertrieb scheint F. gut zu besorgen: hiesigen Buchhh. war die Schrift schon angezeigt. – Schließlich möge denn von der ganzen Sauerei nichts übrig bleiben als unsre Freundschaft; und so wirds nach einigen sauren Wochen & Monaten sein. Von mir noch 2 Notizen: ich war, seit dem 13ten Oct. wieder 14 Tage in Hambg, an meiner Schwester & ihren 2 kleinen wundervollen Kinderchen mich erfreuend. Dort gedachte ich Deiner am 15ten, und fand den Brief vom 9ten erst zurückgekehrt wieder vor, zugleich die Afterphilol. – Den ganz herrlichen Brief von W. bekommst du nächstens wieder, zugleich auch deine ausgeführtere Partie aus der »Geburt«. Dann, auch Einiges über W’s neueste Schrift, die er mir schickte. Auf baldiges Wiederschreiben, mein einzig geliebter Freund. Dein E. R. Liebster Freund! Fritzschius steht gerechtfertigt da; eben schickt er mir die gebundnen Exemplare, nicht so stattlich wie ich sie in meinen Träumen sah, aber doch eingebunden. Mit einem derartigen Expl. schicke ich Dir e. Anzahl andrer, zur beliebigen Vertheilung. Ich habe von Gleichgiltigen, nur an Ribbeck e. Expl. geschickt. – Schreibe mir bald, lebe wohl und in Heiterkeit: δέξαι τὰν ἀγαθὰν τύχαν, δέξαι τὰν ὑγίειαν! Ἐρβῖνος. Ich schicke Dir einige Expll. der Schrift, zu beliebiger Versendung. Mich ekelt’s, an Gleichgültige sie selber zu schicken. Viele Grüße an die Theilnehmenden, Romundt & Overbeck. 53

Wagner.

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Sage doch ja Deiner Schwester meinen allerschönsten Dank für die freundlichen Zeilen die sie, in Ergänzung deines, vor deiner Reise angefangnen Briefes mir zu schreiben so freund gütig war. Von jener Reise ins Erhabene könntest Du eigentlich noch etwas erzählen.

2.31 Erwin Rohde an Otto Ribbeck54 Kiel 5. Novb. 72. Mein lieber Freund!

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Von Herzen Dank für Ihren Brief, dem ich vor Allem als Hauptsache entnehmen konnte, daß ich bisher über Ihr Ergehen und Befinden glücklicher Weise nur Verkehrtes gehört hatte. Bei Halliers55 und hier hörte ich, Sie wären in – in dem Moment vergesse ich den Namen: aber irgendwo in der Pfalz, Dürkheim, (der bayr. Rheinpfalz) krank gewesen, dann in Heid. in unangenehme Verhältnisse getreten56: während sich nun ja zum Glück dieses Alles gerade umgekehrt verhielt, wie etwa bei dem Kanonier Müller, der eigentlich eine Hebamme war und Schulze hieß. Wenigstens entnahm ich Ihrem Briefe die vollste Befriedigung, soweit eine solche in ganz neuen Verhältnissen, an denen Herz und die sänftigende Gewohnheit noch keinen Theil haben können, zu erwarten ist. – Gerne würde ich nun, zur Erwiderung so wohlthuender Nachrichten, einen vollen Sack kieler Neuigkeiten auspacken. Aber dergleichen kommt eigtl. wenig an mich heran und gleitet dann gleich wieder ab, wie der Regen am Gummimantel. »Was ich aber habe, gebe ich euch.«57 – Die Physiognomie der Univ. hat sich ƒ die neuen Collegen (Burckhardt, Brock- und Backhaus, Heller, Hoffmann und den noch unsichtbaren Sadebeck, τὸν μινεραλόγον)58 bis jetzt noch 54

Ribbeck an seine Mutter (12. November 1872): »Aus Kiel Brief von meinem Rohde [… …] Seit Diltheys Fortgang hatte ich mit keinem mir so zusagenden Verkehr als mit Rohde, der mir wirklich zugethan ist.« (E. Ribbeck, 1901, 245). 55 mit Bleistift unterstrichen; die Frau von Johann Gottlieb Hallier (1804-1882), eine geborene Schleiden, war eine Tante Rohdes mütterlicherseits. 56 In »unangenehme Verhältnisse« war Ribbeck in Bezug auf seinen Kollegen Koechly geraten. Die Vorstellungen über das Seminarwesen waren unterschiedlich. Das Ministerium in Karlsruhe entschied weise, Ribbeck fühlte sich unterstützt. (Ribbeck an seinen Schwiegervater am 21. 12 1872 und jüngeren Bruder Woldemar am 15. 2. 1873 in: E. Ribbeck, 1901, 246-249). 57 frei nach Apostelgeschichte 3,6. 58 »Zu Michaelis trat an Stelle des Prof. Bremer der Prof. Dr. Hugo Burckhard [römisches Recht], bisher ausserordentlicher Professor an der Universität Jena und an Stelle des Prof. Hinschius der Prof. Dr. Friedr. Brockhaus [Deutsches, Handels- und Kirchenrecht] bisher ordentl. Prof. an der Universität Basel in die juristische Facultät ein.

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nicht wesentlich verändert: ich hatte Gelegenheit, die Herren bei Thaulow59 auf e. Diner zu sehen, woselbst Burckhardt (ein sehr jovialer Thieringer), Th. zu Ehren, Einiges über Arischtotelesch und die kleinen Universitäten toastete; ich sprach längere Zeit mit Hoffmann, e. noch sehr jungen, intelligent aussehenden Mann: »wohingegen« Brockhaus unverheirathet ist und einen höchst nobeln, angenehmen Eindruck macht. Einen Philosophen haben wir noch nicht; der Minist. hat zu weiteren Vorschlägen aufgefordert: ich höre daß Bratuscheck derjenige ist, der durch immer erneuete Aufforderung, von dem »Vorschlagsrechte« Gebrauch zu machen, schließlich erzielt werden soll: e cosi sara fatto; wer jetzt zunächst vorgeschlagen ist, weiß ich nicht. Justi60 übrigens ist bis Ende Octobers hier geblieben, dann ab., wie Sie wohl wissen, nicht nach Bonn, sondern auf 1/2 Jahr Urlaub nach Holland und England gegangen. Was endlich das Ihnen und mir Wichtigste betrifft, so habe ich wegen Ihres Nachfolgers nicht den glatten Möbius61 sondern Gutschmid ausgeholt: der versicherte mir, Lipsius62 sei, von ihm, nur der Form wegen, mit vorgeschlagen, und zwar an letzter Stelle: an 1ter Lübbert, 2. Schöll, 3. ? Ich wünschte mir am Ersten noch Lübbert, obwohl ich fürchte daß Schöll, mit s. eleganten Verbindungen, sich wohl durchsetzen wird63. Ich kann es Ihnen gestehen, was ich sonst natürlich durchaus in keiner Weise bekannt wissen möchte, daß diese ganze, innerlich ganz gewiß schlangenkalte Art Schölls mir auf das Aeußerste unsympathisch, feindlich unverwandt ist. Diese Empfindung werde ich aber wohl hinunterschlucken müssen, zu so manchem Andern: und im Grunde ist so sehr viel nicht daran gelegen, wen ich in meiner subalternen Position zum Obergesellen bekomme, da ich das seltenste Glück, einen herzlich theilnehmenden und freundlich berathenden Freund, wie Sie es mir waren, nicht zum zweiten Male erwarten darf64. An Stelle des um Michaelis ausscheidenden Professors der pathologischen Anatomie, Dr. Cohnheim trat der bisherige Privatdocent in Erlangen, Dr. Arnold Heller in die medicinische Facultät ein und übernahm die Leitung des pathologisch-anatomischen Institutes. In die philosophische Facultät wurden berufen: der bisherige Privatdocent in Göttingen Dr. J. G. E. Hoffmann zum ordentlichen Professor der orientalischen Sprachen, 2) der bisherige Privatdocent in Berlin, Dr. Alex. Sadebeck zum ordentl. Professor der Mineralogie Director des mineralog. Museums, 3) der Dr. Herm. Backhaus aus Göttingen zum ordentlichen Professor der Landwirthschaft.« (Chronik, 1872, 3). 59 Gustav Ferdinand Thaulow (1817-1883), Philosoph, Begründer des Kieler ThaulowMuseums. 60 »Aus der philosophischen Facultät traten zu Michaelis aus […] der Professor der Philosophie Dr. C. Justi in Folge einer Berufung nach Bonn.« (Chronik, 1872, 4). 61 Karl August Möbius (1825-1908), Zoologe. 62 Prof. Lipsius wird in der »Chronik« als Theologe erwähnt. (Chronik, 1872, 5). 63 Rudolf Schöll (1844-1893), älterer Bruder von Fritz Schöll, dem späterem Kollegen und Freund in Heidelberg. 64 »Erst im Januar erfolgten die Ernennungen des ordentlichen Professors der klassischen Philologie zu Innsbruck, Dr. August Wilmanns, an Stelle von Prof. Ribbeck […]« (Chronik, 1872, 6).

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Da thut man gewiß gut, sich rechtzeitig ein gehöriges callum der Empfindung wachsen zu lassen. – Sonst geht alles hier seinen alten Trott; von Studenten fehlt uns nur Christensen & Wetzel; 2 oder 3 sind neu hinzugekommen, und so lese ich denn meinen Soph. u. Theokrit herunter; einstweilen noch in den Einleitungen »schlangenwandelnd«. Im Seminar habe ich Trinummus genommen: vorigen Sonnabend begann Boysen damit, eine Einleitung, vermuthlich nach Ihrem Hefte, recht glatt abzuhaspeln. Forchhammer ist ganz wohl, eine eigne Art Weichheit – wenn man es so nennen darf – giebt mir fast an ihm das Vorgefühl, als ob es nicht sehr lange mit ihm währen könne. Ich stehe so weit ganz gut mit ihm; ein geringes Verdienst für einen jungen Menschen sans conséquence, der Einem nirgends im Wege stehen kann. Uebrigens geschehen hier Zeichen: Theod. Möbius liest Taciti Germania vor einigen Zuhörern: einen Vorgeschmack kann man, nach meiner Vorstellung, etwa aus Fritzsches Theokritcommentar bekommen, als welcher F. mit M. innerlichst verwandt ist. – Gewiß geschehen noch sonst mancherlei bemerkenswerthe Dinge; aber ich krame vergebens in meinem Gedächtnisse, um Ihnen noch allerlei Merkwürdigkeiten heraufzuholen: mein Notizensack scheint ein Loch zu haben – Ernstlich übrigens beginnt man jetzt mit dem Universitätsbau, und hat den halben Schloßgarten mit einer hohen Bretterwand umzäunt und abgegrenzt, hinter welchem gräulicher Baumfrevel vorgenommen werden soll.65 Die ganze geforderte Bausumme ist ja auf den Etat gesetzt, und so kann denn die neue Aera immerhin anbrechen. – Jetzt noch einige Worte zur Begleitung der wunderlichen Beilage66. Ich schicke ihnen außer einem Abzug meiner Lucianrecensionen67 (in denen es mir vor Allem auf e. energische Betonung der von Fritzsche ganz verwischten Handschriftenverhältnisse ankam) und als volles Gegenstück eine Widerlegung jenes abscheulichen Wilamowitz-Möllendorff, mit dem, mir ƒ die Basler Freunde eingegebnen, gräulichen Titel: Afterphilologie.68 Was soll ich nun darüber sagen? Ich habe diese Abfertigung wahrhaftig nicht »d’un coeur léger« unternommen, sondern ich wusste & weiß ganz genau, daß der einzige Erfolg der sein wird, daß auch ich, wie N., in das schwarze Buch eingetragen werde, wo die heillos Verrückten stehen, die sich von der herrlichen »Jetztzeit« nicht aufklären lassen wollen. Denn‚ ohne Uebertreibung, Verrücktheit ist das einzige Praedicat, das man solchen Unternehmungen zuertheilen wird. Ich weiß ganz gut, daß meiner »Carrière« selbst 65 »Am 10. August 1872 übergab der Herr Curator […] im Auftrage des Herrn Ministers das zum Bau des Universitätsgebäudes bestimmte Areal im Schlossgarten an die Universität als Eigenthum, in deren Namen der Rector und Syndicus es in Empfang nahmen.« (Chronik, 1872, 7). 66 Ribbeck dankt am 18. 11. 1872 »für die interessanten litterarischen Beilagen« (E. Ribbeck, 1901, 301/2). 67 WV 15 u. WV 16. 68 WV 14.

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ein Feind kein schlimmeres Hemmniß bereiten kann, als ich selbst mit dieser Parteinahme für N., und bei meiner, zu dunklen Phantasien nur zu geneigten Natur69 kann ich wohl sagen daß ich im Kampfe meiner Verstandesberechnung, mit meinem unfehlbar richtigen Gefühl, in peinlichsten Stunden, ein Stück meines Lebens hergegeben habe. Und doch konnte ich schließlich nicht anders: ich konnte es nicht stillschweigend ansehen, wie mein Freund, den ich liebe, dessen Wesen ich mit dem Verständniß des Herzens durch und durch verstehe, von seinen Fachgenossen, wie ein Verbrecher, mit scheuem Stillschweigen bestraft, von einem gemeinen Subjecte mit Koth beworfen wurde. Ich bin nicht so naiv, sein Buch für ein symbolisches Wahrheitsdocument zu halten, aber ich will es nicht verstehen, wie die Vertreter des Besten in dieser grundgemeinen Welt es so ganz verkennen können, daß in seinem Buche, in unzweifelhaft ungeheuer excentrischer Weise, eine jugendliche, schwärmerisch ernste Seele die unzweifelhaft richtige Ueberzeugung ausspricht: daß eine Zeit nicht auf dem richtigen Weg sein könne, in der, wie aus einem Sumpfe der allerfrivolsten, ja diabolischen Civiliationsverhältnisse eine Blüthe der feinsten und reinsten Wissenschaft erblüht, die zwar mit jenem Sumpfe gar nichts gemein, aber auf ihn auch gar keine sichtbare, veredelnde Wirkung hat. Und ist es nicht ganz gewiß, daß in unsrer Wissenschaft die wunderliche Tendenz einer Zeit, die mit einer, Millionen wissenschaftliche Erkenntnisse nur addirenden Thätigkeit sich über die Nothwendigkeit Einer, alle Einzelheiten der Erscheinung ordnenden und beseelenden Gesammtanschauung und ethischen Gesammtempfindung hinwegsetzen zu können meint – daß diese antiphilosophische, antireligiöse, unkünstlerische Wahnvorstellung dieser rein »wissenschaftlichen« Zeit sich auch unsrer Wissenschaft, in den jüngsten Vertretern am Meisten, entseelend und erkältend, bemächtigt hat? Und wenn nun schließlich N. eine Kräftigung des künstlerisch-philosophischen Sinnes nicht von jener selbst erkrankten Wissenschaft, sondern von den – was nur der gemeine Neid verkennen kann – uneigennützigsten, kraftvoll erhabnen Bestrebungen des einzigen gegenwärtig lebenden weitathmigen Künstlers der deutschesten Kunst der Musik, in vielleicht zu enthusiastischer Bestimmtheit erhofft: – so konnte man s. Irrthum, wenn es denn ein solcher ist, ehrlich widerlegen; aber wie die Philologen, auch die Vielen unter ihnen, denen, wie gar nicht zu bezweifeln, das »Ideale« eine ernstlichste Herzenssorge ist, – wie auch diese N. nun, durch die ihnen abstoßende erscheinende Besonderheit seines Glaubens & seiner Darstellung über alle Billigkeit hinaus zur völligen Wegwerfung des tiefern und allgemeinern Gehaltes s. Buches hingerissen, ihn wie einen Aussätzigen meiden können, ihn den Niederträchtigkeiten eines infamen Buben preisgeben können, das verstehe ich nicht, gegenüber der so sehr gebotenen Waffengemeinschaft aller der wenigen »Edlen« gegen die andringende Masse der gemeinsten und der feinsten Knappen und Ritter des Bestialismus. Ich konnte das nicht ertragen u. so werde ich mich denn heillos 69

[zu dunklen Phantasien nur zu geneigten Natur] mit weichem Bleistift dick unterstrichen.

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compromittirt haben, und die Zukunft wird mir Verdruß & Sorge genug bringen. Ich konnte nicht anders. – Nun verzeihen Sie, geliebter Freund & Lehrer, diesen breiten Erguß70: ich hätte wohl erst um die Erlaubniß bitten müssen, meiner gepressten Seele Lauf zu lassen. Zürnen Sie mir nicht, sondern bewahren Sie mir Ihre freundschaftliche Zuneigung: in treuester Gesinnung Ihr E. R. P. S. Von meinen Ferienerlebnissen habe ich nun, im Drange der seltsamsten allotria, nichts melden können: davon ein nächstes Mal. Denn ich hoffe sehr, daß Sie, in billiger Berücksichtigung, wie sehr Sie mich durch Ihre Güte verwöhnt haben, nun als ganz Verwaisten wenigstens durch Briefe recht oft erfreuen werden. An Ihre Frau die schönsten Grüße. Heute Abend Generalprobe bei Seeligs71: Moritz Schnörche72 mit E.R. als Titelrolle. Sie können sich meine Stimmung denken: der sentimentale Hanswurst! Addio!

2.32 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 14 Nov. 72. Mein geliebter Freund,

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jetzt fängt nun wirklich für uns Beide die Regenzeit an. Du schmeckst also die Früchte der freundschaftlichen Aufmerksamkeit der Herren Usener & Consorten schon: ich werde ähnliche recht bald schmecken. So kämpfen wir gegen e. wahre Tripelalliance: Leipz, Berlin & nun auch noch Bonn! Wir Armen! Es fehlt 70

Ribbeck antwortet verständnisvoll: »Alles, was Sie über die durchschnittliche Seelenlosigkeit der heutigen Wissenschaft sagen, unterschreibe ich; aber ihr beizukommen ist sehr schwer, weil wir durch exakte und kritische Methode jede Naivetät des Denkens und Empfindens verloren haben, gegen alles Pathos, auch das reinste, mißtrauisch und der Philosophie gegenüber noch mehr als skeptisch, nämlich verneinend und wegwerfend sind. Kommt nun einer mit Gedanken, so frägt man vor allem, wo er sie her hat, und nachdem er klassifiziert und in allen Taschen nach Resultaten untersucht ist, reponiert man ihn.« (E. Ribbeck, 1901, 302-303). 71 s. Bärbel Pusback: »Geselligkeit im Kieler Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert – am Beispiel der Familie des Professors für Nationalökonomie Wilhelm Selig« (in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 84, Heft 6). 72 »Moritz Schnörche, oder: Eine unerlaubte Liebe. Schwank in 1 Akt nach einer französischen Idee von G. von Moser [handschriftl. Zusatz: 1863 ca.] Gedrucktes Bühnen-Manuscript; In Vorbereitung an Wallner’s Theater in Berlin.« – An die fulminante Wiedergabe des »Moritz Schnörche« erinnert sich der Sohn des Wilhelm Seelig in »Eine deutsche Jugend. Erinnerungen an Kiel und den Schwanenweg von Geert Seelig«, 1922, S. 168/9 (Reprints zur Kieler Stadtgeschichte, herausgegeben von Jürgen Jensen, Bd. 1; Sonderveröffentlichung 6 der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Kiel 1977).

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nur dß Herr Dr X. Y. Z. auch an uns in »edler Sprache« (woher ist denn das?) irrenärztliche Studien mache, & die Sauerei ist vollständig. Die scheinbare Vernünftigkeit meiner groben Afterphil. wird, mit Recht, Niemanden irre machen. Was mir bevorsteht, ahne ich vollkommen. Einstweilen nur lächelnd mitleidige Mienen: denn mir direct auf den Leib zu rücken, wagt Keiner; ist ja auch nicht der Mühe werth. Dann aber wird man mir recht bald in collegialischen Abmahnungen die Studenten abwenden (dieses Sem. geht es noch vortrefflich), dann wird man mich auf meinen 600 rl, von denen ich absolut nicht leben kann, verschimmeln u versauern lassen: welches pity dß man mich auch nur zum Extraord. hat kommen lassen. Dieses alles wird um so herrlicher sich arrangiren lassen, da man, an Ribbecks Stelle, nun aber einen ganz unsäglich »correcten« Menschen setzen wird. Erst hatte, mit einer doch selbst für Ribb. & sonstige Staatsdiener erstaunlichen, unsäglichen Unverschämtheit Herr Olshausen unsern guten Blaß, dieses ledernste aller schweinsledernen Subjecte, uns aufdrängen wollen: (Dieses Alles bitte ich dich, wie den Inhalt des ganzen Briefes, ganz für dich zu behalten!) Herr Bl. trug s. auch selbst, wie eine Köchin, in einem von staatsdienerlicher Naivetät triefenden Schreiben, ergebenst an. Da dieses Unglück denn doch ƒ Facultätsbeschluß abgelehnt, Wahlen vom Hrn Minister (resp. Herrn Haupt usw.) nicht beliebt wurden, geht man jetzt darauf aus, am Liebsten Herrn Schöll aus Greifswald zu acquiriren: mir bekannt als Typus jener wahrhaft unsittlichen Katzennaturen, die vor lauter Sammetpfötchen nach oben doch keineswegs vergessen dß höchsten Orts einige Krallen gegen so verkehrte Naturen wie meine recht wohl gelitten seien. Das sind so meine Aussichten. Ich mache mir nun über dieselben keinerlei Illusionen; habe aber auch keine Lust, ewig auf dieser 600 rl Leimruthe zu sitzen: sondern denke ernstlich daran, mich zu »verändern«, d.h. keinenfalls litterarisch zu vagabondiren, sondern mich nach irgd einem Posten umzusehen, wo ich von bloßer Gunst der κρείττονες weniger abhängig bin. Da bitte ich nun dich, l. Freund, aufzupassen (ohne Aengstlichkeit, nur gelegentlich), ob sich etwa in der Schweiz irgend e. gute Lehrerstelle an e. Gymnasium u dgl. aufthut, & mir dazu, etwa ƒ Vischer, zu verhelfen Vielleicht wissen auch deine italienischen Freunde von irgd einem solchen Posten in Italien? Die Sprache würde ich sehr bald vollkommen sprechen können. Natürl. müssten dgl. Verhandlgg, bis zum Abschluß, möglichst ohne Aufsehen geführt werden. Denn eines müssen wir in diesem Kampfe, in dem materielle Chancen aus den Händen zu geben, die größte Thorheit wäre, zur Regel machen: wir dürfen uns, wie du richtig sagst, unsre Bedrängnisse vor den Feinden nicht merken lassen: immer den Kopf hoch und sogar die Nase hoch tragen. Das ist gz nothwendig: man darf um keinen Preis zu verzagen scheinen. Sind wir irgendwie materiell im Trocknen (c’est à dire: im Geldpunkte) so scheeren wir uns den Teuffel um das Volk: denn Ehrgeiz, denen gegenüber, ist dir gewiß so fremd wie mir. Also bitte ich dich dringend, auch von meinen geäußerten Besorgnissen Niemanden ohne Noth etwas zu sagen:

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wir müssen sein wie pfeifende Straßenjungen, Hände in den Taschen: was scheert uns das Pack ! Von Äußergg der »Andern« üb. meine Schrift ist Eine sehr merkwürdige zu registriren. Ich verhandelte kürzlich mit einem Stud. Götz, senior der Societas Ritschel. über ein (dummes) Album das R. geschenkt werden soll. Auf Einsendung meines εἴδωλον73 erwiderte der Gute mir, am Schluß s. Briefes: er erlaube sich, mir für meine »treffliche« »Abfertigung eines Dr. phil. im Namen so mancher guten Freunde Nietzsches herzlich zu danken«. Ich habe ihm m. gerührte Verwunderg zurückgemeldet; ob er mich recht verstanden hat, bezweifle ich. Ich denke natürlich dß alle diese »guten Freunde« rechtzeitig sich abwenden werden, wenn irgend e. »Wissender«, etwa Ritschl selbst (der, offen gesagt, e. recht erbärmliche Figur in diesem ganzen Handel spielt) ihnen die Sache recht bedeutet haben wird. So geht’s gewiß zB. dem wackern Hagen in Bern, der dir damals e Art von Beistimmung meldete. Aehnl. scheint es Großmutter Leutsch zu gehn. Ich stand mit ihm in e. insipiden, fast zärtlichen Briefwechsel wegen seines elenden Anzeigers: auf m. letztes, sehr zuvorkommendes Schreiben habe ich noch immer keine Antwort: mittlerweile ist ihm offb. die Afterphil. zu Gesicht gekommen! Uebrigens bitte ich Dich, zur Erheiterg mir doch sein Theilnahmeschreiben an Dich einmal zu schicken: du bekommst es dann mit allem, was ich sonst von Dir habe, sofort zurück. Mit besonderm Vergnügen habe ich Ribbeck in Verlegenheit gesetzt. Ich habe ihm, nachdem ich e. Brief von ihm (über andres) bekommen hatte, m. Schrift geschickt, mit e. eindringlichen Anrede, auf die er antworten muß. Diese Antwort könnte ich mir, wohl couvertirt, beinahe selbst74 selbst schreiben: »zwar gewiß – aber ich muß doch bekennen –« u.s.w. Aber es liegt mir daran, ausdrücklich auch hier den Abfall zu constatiren. – Neulich erzählte mir Gutschmid, Ritschl habe ihm kürzlich in Lpz. erzählt: ich sei für Freiburg an erster Stelle in Aussicht genommen gewesen: aber jene Anzeige in der N.A.Z. habe mich als unmöglich erscheinen lassen. Es kam mir vor, als ob diese Geschichte mir von dem guten, fischkalten Gutschmid ƒaus »im Auftrag« als avis erzählt werde. Sie zeigt jedenfalls sehr klar, wie es nun kommen wird.

So, jetzt wenden wir uns von dem Gräuel ab: wenn mich all dieses nicht in der rohen Materie bedrohte: innerlich rührt es keine Faser bei mir. Ich bringe es nicht einmal fertig, irgend Einen von all dem Volk eigentlich zu hassen, am Wenigsten den Herrn von Wil.-Möll. Gehört denn nicht unser ganzes Innre, u. die Welt, die unendlich reiche Welt der Anschauung uns ganz allein: alle Köter sind da verbannt, wie aus dem τέμενος des Tempels. Und so richte ich mich immer 73 74

WV 18: »Ad Isigonum«. Seitenwechsel.

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wieder auf, wenn ich in den heiligen Hain trete, wo nur die innere Musik, die mich umtönt, das Schweigen & die Andacht unterbricht. Man hat es kaum nöthig, sich, wie in vielen Zeiten die Stilleren, die von dem Pöbel jede Minute maltraitirt werden, sich, mit einer harmonirenden Gemeinde, nach irgend welchen fernen seligen Inseln zu wünschen. Nimmt uns, in diesem Nest, auch die gütige Kunst nur selten in ihre sanften Arme, so sind wir doch in unserm stillen Winterzimmer, und auf einsamen Lustgängen, alleine mit der tröstlichen Natur, der Einen Mutter, aller Plage & Last entronnen. Ich wünsche mir oft nur eine ganz ergebne, die ganze wunderliche Person mit Schwächen und allen guten Gaben, mit Haut u Haar unbedingt liebende Weiberseele zur Seite: mit solch einer Genossin – dergleichen wohl das Seltenste auf dieser Welt ist –, die mit gleicher Nothwendigkeit, wie Einer selbst, in alle Tiefen der Empfindung hineintauchte, müsste das Leben sein als ob man mit glänzenden Seraphsflügeln, ein seliges Paar, durch einsamen Aether den höchsten Sonnenwelten zuschwebte. Was kümmerte Einen dann die dumpfe Menge unten im Nebel! – Kürzlich fiel mir Varnhagens Galerie v. Bildnissen aus Rahels Umgang in die Hände: im 2ten Bande fand ich einen Menschen in Briefen verewigt, wie ich ihn nie im Geiste noch gesehn habe: Alex. v. d. Marwitz. Selten ergriff mich etwas so, wie diese Seele: »stets blickend in die Höh’«, nach allem Edelsten; innerlichst glühend, ohne die Stütze irgend einer Superstition, frei von aller Schwelgerei im Geistreichsein, und doch Welt u Menschen u Bücher im Spiegel des vornehmsten Geistes, zur wahren Befreiung des Schauenden, widerspiegelnd; seiner Vornehmheit so bewußt, und doch von allem Hochmuth, als ein ächter Mensch, unsäglich fern. Das lies doch, lieber Freund! Man sage doch nicht dß unsre Zeit nicht gräulich hinter jener zurück geschritten sei! Darf sich wohl das Menschliche harmlos frei zeigen? ohne daß man, zu allgemeinem Jubel, psychiatrische Studien darüber macht! Jene Menschen wären für uns, & was gehen uns die andern an? E. R. P.S. Was ist das mit dem Zöllner? Schreibe mir etwas deutlicher. Uebrigens halte den Kopf nur oben, lieber Freund; ich bin äußerlich ganz guter Dinge, spiele sogar Comoedie75: es fehlt mir hier nichts als eine Seele, die ich lieben könnte: freilich ein wenig Alles. Laß mich bald von dir hören, u. lebe wohl. dein E. R.

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s. 2.31, 129-130.

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endlich muß ich mir doch einmal, in ewig drängenden Beschäftigungen, die Arme frei machen, um Dir die Hand zu schütteln und unsrer alten Zusammengehörigkeit mich aufs Neue zu versichern. Ich hatte alsbald nach Empfang Deines letzten Briefes die Absicht, dir zu antworten: einmal hinausgeschoben, zerrann diese Absicht wie ein Nebelstreif in eine weite Ferne. Ich wollte Dir für Deine, mir sehr rührenden Bemühungen u. sorglichen Gedanken für meine fernere Materialisirung von Herzen danken, aber zugleich einem Mißverständniß vorbeugen, das mein eigner Brief erzeugt haben muß. Um keinen Preis möchte ich Dich, um dieser Elendigkeiten willen, in irgend welche aufgeregte Ueberlegsamkeit und Rumination unerquicklicher Bedenken stürzen; denn es handelt sich ja auch nicht eigentlich darum, mich aus meiner gegenwärtigen Lage jetzt zu befreien, wo vor der Hand an ihr nicht viel auszusetzen ist, als dß sie mich von Dir so weltenweit entfernt angenagelt hält: sondern, da uns die Besorgniß nicht grundlos ist, dß, in Folge meiner Frevelthaten, die κρείττονες mich auch für die Zukunft in dieser, für alle Zukunft denn doch etwas zu engen Lage fest halten werden, so wollte ich Dich eigentlich ja nur gebeten haben, gelegentlich (»gelegenheitlich« im jetztzeitigen Hinterwäldlerjargon), wenn irgend eine nach allen Seiten annehmbare Position sich darbietet, darauf e. Augenmerk zu haben, & mich zu avertiren κτλ: denn wirklich ist es ein Elend, dß wir uns über solche λοιπά unterhalten sollen! Da ich nicht einmal vorgeben kann, in den heil. Ehestand treten zu wollen, wie der biedre Bl. dessen ehrbares Gesuch (nein, über diese unverschämte – nicht einmal bis zur Auftragung einiger diplomatischen Schminke sich schämende, tölpelhafte Gier!) – hierbei zurückerfolgt. (Gleichfalls das Schreiben des braven Ernesti76: möge er doch ἐς κόρακας gehen! so stolz dürfen wir ja wohl noch seyn, um zu erkennen, dß er an uns etwas verliert, & wir an ihm gar nichts!) – Also, lieber Freund, mache mir nicht die Sorge, dß du Dir um mich Sorge machest, sondern take it easy, und denke vor Allem nicht daran, mir Deine B. Stelle ohne dringendste Abberufung zu cediren; ich empfinde es täglich mehr, wie wichtig es ist, dß wir gerade auf Universitätskathedern stehen, wenn wir auch auf die Jungens mehr ƒ influxus magicus unsrer Person als durch direkte Heilslehren, die ja doch nur Perlen vor die Säue wären, wirken dürfen. – Ich schicke Dir zurück: 1. Wagners Brief 2. Ritschls Karte (darüber ist nun nichts zu sagen: ich halte die Kundgebg für gz aufrichtig, und wir wären Thoren, die Achtel-Bundesgenossenschaft eines doch immerhin so einsichtsvollen 76

über »Ernesti« in Blockschrift von Rohdes Hand: »kindisch Leutsch!«.

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Mannes abzuweisen. Wie weit sie aber gehe, würden wir alsbald, wohl ohne sonderliches Staunen erfahren, wenn wir – nicht einmal irgend eine öffentliche Parteinahme, sondern nur etwa eine Aufnahme eines Buchhändlerinserats meiner Schrift auf das let den Umschlag des Rhein. Mus. verlangten. Das würde unmöglich seyn. – Jetzt übr. verstehe ich das die unerwartete Zustimmung jenes Leipz. Studenten; auch Ribbeck schrieb mir vor etwa 14 Tagen, liebenswürdig, und zustimmend; er habe d. Schrift mit voller Befriedigung gelesen: der Zweck, Deine »wissensch. Ehre« zu rehabilitiren, sey vollständig gelungen; er 2fle nicht dß die Schrift Sympathie (in philol. Kreisen) finden werde; Ritschl habe ihm geschrieben: »beiden Betheiligten sey zu der »trefflichen Streitschrift« zu gratuliren. – Très bien; ich wollte aber bis auf die Einzelheit jeder denkbaren Collision vorhersagen, wieweit diese Zustimmung sich nach außen geltend zu machen wagen wird.) 3. Deine »Fragment« Dieses habe ich mit großer Begierde & Andacht öfter gelesen, und brauche nicht erst zu sagen dß ich mit seinem Inhalte gz übereinstimme: aber dergl. bekannt zu machen, wäre so gefährlich wie fruchtlos. Denn ich glaube, dß den Vielen, d.h. all den liberalen Optimisten, dieser ihr Optimismus von einer weisen Natur, wie eine schützende Decke, nicht ohne e. wichtige Absicht übergehängt ist: wie das Verdeckthalten der Nothwendigkeit des Leidens u. Sterbens die δειλοὶ βρότοι zum Weiterleben und -arbeiten treiben muß, in Zwecken die nicht ihre individuellen sind, so scheint der tiefwurzelnde Optimismus der Anker zu seyn, an dem die moralischen Antriebe zum Guten, d.h. zu allem, was dem Heile der Gesammtheit dient, bei den Vielen einzig befestigt ist. Erkennten sie das wesentliche Schreckliche, mit menschlichem Gerechtigkeitsmaaß gar nicht zu Messende, gegen alles Individuelle blind Grausame dieser Gesammtheit, so würden sie, fürchte ich, aller moralischen Antriebe zum Dienste der Gesammtheit sich für entbunden erachten. Der gute Wille ist gewiß das unverdächtigst Schätzenswertheste am Menschen; und mit einer muthigen Einsicht in die grauenhaften Bedingungen der Weltexistenz scheinen den nur wenige, eigenthümlich Geartete vereinigen zu können. Aber wenn nun freilich, der heilsamen Dumpfheit ledig, die optimistischen Vielen nach ihren wirklich naturwidrigen hirtengedichtartigen Anschauungen die Welt Menschheit einzurichten unternehmen, dann ist das Chaos da: denn der κόσμος beruht gewiß nur auf einer furchtbar grausamen Gewalt. Aber man kann das den Vielen nicht ohne gefährliche Mißverständnisse klar machen. – Kürzlich Aus Straßburg bekam ich einen liebenswürdigen Brief der Frau Wagner; ich möchte ihr antworten: wohin adressire ich? Wann kommen sie nach Hamburg? das schreibe mir u noch Vieles Andre! Von Herzen Dein E. R.

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2.34 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hamburg 22 Dec. Mein lieber Freund,

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heute komme ich nur, um Dir zum Feste einen Glückwunsch zu bringen, der Dich meiner treuen Gesinnung versichern soll. Es wäre gar nicht so übel, wenn ich jetzt auch in Naumbg. sein könnte und ein wenig an euren – deinen u. Krugii – musikalischen Orgien theilnehmen könnte, »gezückten Ohres« zuhörend und hoffentlich etwas mehr davon verstehend als damals in Bayreuth, wo ich, von allen Tönen dieser Tage ganz overpowered, nur wie im Traume, auf Herrn Giese’s (oder wie der biedre Buchhändler hieß) Sopha sitzend, dich, resp. Herrn George Chatham 77 manfredisiren hörte, und nicht ohne Rührung plötzlich die Weisung vernahm: alleweile erscheine e Geist! Scheene! aber ich war so obturirt, daß ich gar nicht folgen konnte. Wann werden wir uns nun in Bayreuth wiedersehen und noch ganz andre Erscheinungen haben? Das wäre etwas so Außerordentliches, in dieser »Jetzzeit« so Wunderartiges daß ich noch immer eigentlich nicht recht daran glaube: beruhige mich einmal ernstlich, o Freund, über die lumpige pecuniäre Seite: der letzte Bericht des vortrefflichen Feustel klang recht sehre »elegisch und triebe«; und welche Lappalie ist es eig entlich um die es sich handelt. Kürzlich hat man in Wien das Doppelte für ein Operntheater aufgebracht, in dem vermuthlich nach altem Stil fortvirtuosirt wird: und nur für eine wirkliche ächte Kunstleistung, ein »Beispiel«, der gleichen die neuere Zeit gar keins noch kennt, muß mit Stöhnen, Seufzen u Mühe das miserable Geld zusammengekratzt werden, an dessen Ausbleiben vielleicht die erstaunlichste That einer totalen Kunsterneuerung scheitern kann! – Ich habe, in den Zeitungen, W’s Reise nach Talenten antheilvoll verfolgt, und sehr über die ridicüle Onkelmiene mich ergötzt mit der Kölner u. Bremer Zeitungen ihm das Zeugniß ausstellten, in persönlicher Gegenwart bei Weitem nicht so »anmaaßend« zu seyn, wie in seinen Schriften – von denen die Esel nichts, aber nichts verstehen! Dann wundern sie sich, wenn die dämonische Einwirkung des Mannes selbst nicht zu den Gemeinheiten stimmt, die irgend welche litterati sine litteris aus einzelnen seiner Broschüren herausdestillirt haben! Ich freue mich sehr auf ihre Anwesenheit in Hambg, über die ich nur noch nichts Näheres weiß. – Heil Dir, liebster Freund, wenn Du diese fürchterlichen Krackelzüge, mit mütterlicher Feder vollzogen, entziffern kannst: aber auch ohne das, Heil Dir überhaupt und hinwiederum auch im Besundern. Wir wollen gutes Muthes sein: was kann uns anfechten, da wir uns für »ächt« halten dürfen, und einig bleiben wollen in allem Besten. So möge uns gemeinsam das Weihnachtskind Sieg und Siegesfreude bringen, 77

Unter dem Pseudonym »George Chatham« wollte Nietzsche seine »Manfred-Meditation« im Verlag von Fritzsch drucken lassen.

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Freundschaft und Treue uns erhalten! Viele Grüße an deine Mutter & Schwester, sowie an Krug (καδίσκος). Von Herzen dein E. R. bibliotecario in Spe di sua Altezza Reale la principessa Margherita di Savoja (Motto »ich kann kein Fürstendiener seyn« SCHILLER)

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2.35 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 12. Januar 73. Mein lieber Freund, einen herzlichen Neujahrswunsch zuvor: das Jahr kann uns vieles bringen, uns jener Wunschzeit um vieles näher bringen, wo »der Tag dem Edlen endlich kommt.« Die freudige Botschaft von der 2 ten Auflage soll uns ein Glückszeichen seyn: wunderlich bleibt zwar dß man von den Wirkungen der also doch offenbar viel gelesenen Schrift so gar nichts verspürt: aber ihre Zeit wird nun wohl bald gekommen sein: vgl. den Juden Bernays, der alles schon lange selbst sich so gedacht hat. Das ist immer die Weise, wie man das nicht wohl zu Tödtende sich zurechtlegt; andre ziehen es vor, dasselbe zu »widerlegen«, ja es zu »vernichten«, etwa wie die Franzosen im letzten Kriege unsre Heere: wo es denn sehr verwunderlich war dß die 10mal »Vernichteten« immer wieder den Vernichtern auf dem Hals saßen. So macht man’s jetzt noch mit Schopenhauer (mit Wagner ohnehin): kürzlich fiel mir e. Broschür e des wackern J. Bona Meyer in Bonn in die Hand, in der mit lächelnder Süffisance (die fast noch schlimmer, an solchen Knirpsen gegenüber unserm Riesen, ist als die sonst übliche moralische Entrüstung) Sch. zu den Todten, als recht hübsch begabter »Sophist«, geworfen wurde 78. So wird es nun79 nun wohl auch Dir gehen. Àpropos: hast du das dumme Gerede des Onkel Leutsch in einem der letzten Hefte des »Anzeigers« über meine Anzeige der »Geburt« gelesen? Welchen Schöps mag der Edle sich wohl zur »unparteiischen« Berichterstattg erwählt haben? Das fehlte bloß noch dß so ein Monsieur Blaß – den denke ich mir so als L’schen Idealkritiker – uns deinen Feuertrunk als eine harmlose Wassersuppe für jeden braven Biedermann gar noch anempföhle! – 78

Schöll: »J. Bona Meyer: Schopenhauer als Mensch und Denker, 1872« (Schöll, 1902, 436, Nr. 131). 79 Seitenwechsel.

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Jetzt nur in Kürze die gewünschten Einzelvorschläge. Auf Größeres läßt Du dich wohl nicht ein: sonst wäre es sicher nicht unzweckmäßig, am Anfang, in aller Kürze, e. Erklärung über Deine Ansicht des Wesens der Musik u der andern Künste, irgendwie anzubringen: ich weiß, dß so, wie es ist, den Nichtkennern am Anfang vieles unklar bleibt, was sich erst nachträglich aufhellt. – Mach’ nur den Nergeleien des Wilamowitz nirgends Concessionen: sonst freut sich der Schusterjunge. – Griechische Schreibung: Dionysos etc. würde ich sehr widerrathen: 1) soll man in solchen ἀδιάφορα nicht den Anschein der Schulfuchserei – u. das ist der einzige Effect solcher »Correctheit« – auf sich laden, 2) ist solche Schreibung ohne die entsprechende Betonung pure Halbheit. Willst du etwa Aischýlos, Hómēros, Rhianós etc sagen? 3) darf man dann natürlich auch nirgends abkürzen: wie pedantisch klingt aber Homeros, Pindaros, und gar Athenai! – Laß es nur ruhig bei der latein. oder halblateinischen (näml. Sokrates etc) Schreibung. Du brauchst »als« mit dem Relativum meistens falsch: man kann es doch nur setzen, (es steht dann aber auch vortrefflich) wo es einem latein. qui mit dem Conjunctiv oder einem quippe qui entspricht. Bei Dir scheint mir nun das als verkehrt: p. 3, Zeile 7. p 13,1 v. unten. p 38,12 v. unten. p 81,10 v. unten p. 98,8 v. unten p 107,16 v. u. – 109,14 123,2 v. unten 128,14 130,16. – p. 4,8 »unwankend« falsch: man kann »un« nur vor Substant. Adject. Partic. Passiv. u. ganz wenigen, bestimmten Partic. activ. setzen. Wagner sündigt gegen diese Regel sehr oft in »0. & Dr.« p 5, 6 ff. man giebt – gesund ist. Gefällt mir nicht; irgendwo müsste ein »höchstens« »nichts weiter als« eingeschoben, oder der Satz gz umgestaltet werden. p. 7,10 von unten »die Griechen als träumende Homere etc« Der dumme Wilamow80 mißversteht dich freilich ganz: aber klar ist allerdings der, der Antithese zu Liebe gewählte Ausdruck »träumende Homere« nicht: es soll doch heißen: im Traum sind sie Homere an zwingender Bildungskraft; man wird aber zunächst verstehen: sie gleichen dem Homer wenn er träumt; was allerd. Unsinn ist. Ich glaube die gze Antithese muß anders gewendet werden. p.10,6 u. 7 v. unten »Dach« ist falsch und »Wände« wenigstens nicht genau, da höchstens von Cellawänden im Innern die Rede sein könnte. p.12,15. »Gorgonen und Medusen« ist nicht exact, da man doch füglich die Medusa von den Gorgonen nicht trennen kann. Können diese G. und Med. nicht ganz fehlen? p.15,12 schr. unseres. – p.16,10. Sinnlicher u. Kräftiger: Widerschein. – p.18,17 »Dionysusthum«; unschön; warum nicht dionysisches Wesen.? p.19,15. 14 v. unten. Zweimal zuerst: das lte Mal besser: zunächst. p21,8 »genannt haben«. Das hast du aber noch nirgends gethan. 80

keine Abkürzung, kein Punkt (KGB: Wilamow.); Spielerei mit einem Namen bei Rohde häufig.

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p.25,6 v. unten »sagt uns die griech. Geschichte«: eigentlich beruht das doch nicht auf unmittelbaren Zeugnissen, sond. auf Combinationen. p27,16. schreibe dass zwischen Homer und Pindar: streiche inzwischen 30,5 v. unten. Kurz: besser: überhaupt. – 32,15 v. unten. Schr. statt »habe«: »hätte« – p.33,7. wäre: schr. sei. 9 »sei« schr. werde. p.38,17 »amphitheatralisch« ist falsch, aber schwer kurz zu ersetzen. Dem Sinne entspräche das nur sehr weitläuftige: »bei dem, von Einem Mittelpuncte auslaufenden, Terassenbau des Zuschauerraumes«, »bei dem, in concentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau des Z.« oder etw derartiges. p.40,10 endemisch hieße: im Volke einheimisch; besser: epidemisch, über d. ganze Volk sich verbreitend p.45,17 »traurige« passt nicht, kann ganz wegfallen. – 52,4 schr. Mythen erzählen. 52,3 von unten. »das Schöne« ist, wie Du leicht selbst sehen wirst, hier ganz verkehrt. p.57,9 v. unten – »Satyr oder der Halbgott« Halbgott verstehe ich hier gar nicht. Ich verstünde viel eher »Halbmensch«. – p59,10 v. unten. »höchst« wird leicht mißverstanden; schr: »am höchsten« – p58,5. die Schachspielart. etc. Schreibe besser: jene Schachsp. – p.60,8 v. unten. »Zuständen«; zu leer. – 63,16 u. 18. schreibe nehme – verwandle. – p.65,7.8. Nothwendig: »wie zu dem feierlichen Rhapsoden d. a. Z. jener jüngere ect. – 67,5 v. unten: die göttliche besser: Gottes – 69,4 v. unten »abhänge«; besser: »herrühre« oder dgl. – 74,5 Schr. mit welcher der. – 80,13 »Um diese« etc. Dies muß anders gewendet, eingeleitet werden: denn von »dieser« Führerstellg gerade des Sokrates ist vorher nicht unmittelbar die Rede gewesen. – 112,18. deren gewaltigem – 115,8 wie: schr. als – 117,3 v. u. »tragische Menschen« ist hier nicht genau; vorher bedeutet die »trag. M.« stets die buddhistische Vorstufe des erlösenden Kunstbedürfnisses, hier schon den Zustand künstlerischer Befriedigung – 118,9 ff. Wer möchte – dürfen: nicht gut. besser bloß: Wer würde – vermuthen? – 81 81

Schöll, der »Von den zahlreichen und sehr beachtenswerthen Verbesserungsvorschlägen […] nur wenige allgemeiner interessante und unmittelbar verständliche […] abgedruckt« hat (E. F.-N. und F. Schöll, 1902, S. 280, Anm. 1), führt auf: »Für unwankend schrieb N. unerschüttert, für die Griechen als träumende Homere »die träumenden Griechen als Homere«, auch die größere Veränderung S. 5 ist auf R’s Monitum zurückzuführen, ebenso die Streichung von Dach sowie und Wände im Eingang des dritten Abschnitts, auch von jenen Gorgonen und Medusen, ferner S. 18 Dionysisches Wesen statt Dionysthum, im Eingang vom sechsten Abschnitt hat die gelehrte Forschung entdeckt statt sagt uns die griechische Geschichte, S. 38 bei dem in concentrischen Bogen sich erhebenden Terrassenbau statt bei dem amphitheatralischen Bau, S. 57 Halbmensch statt Halbgott, S. 74 mit welcher der statt mit der der (vgl. Biogr. II, S. 147); außerdem sind noch über 20 Vorschläge berücksichtigt, nicht berücksichtigt (wohl nur aus Versehen) S. 115, 8 v. u. als statt wie.« (Schöll, 1902, 436/7, Nr. 131).

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Basta per oggi. Für heute gute Nacht, l. Freund: nächstens e. Wort über deine Ritschlschen Mittheilgg. Noch m. besten Dank für dein aber wirklich grausames Porträt, dessen Rückenschrift ich erst gestern entdeckte. »Heere, dei Bart wächst aber recht sehre«, nach Roscher. – W.’s kommen am 21 zum Concert nach Hambg: Zusammentreffen der Dionysiasten. Dann denke an uns. – Ade, u laß bald von Dir hören. Treulichst Dein E. R.

2.36 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel Sonntag. Mein lieber Freund,

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ich hatte mir zwar mit der Hoffnung geschmeichelt, bei meiner Rückkehr von Hamburg von Dir einen Brief vorzufinden; aber auch so will ich, keine Repressalien übend, Dir von den dort verlebten denkwürdigen Tagen einige Kunde geben. Ich war 3 Tage dort, Dienstag Mittw. u. Donnerstag, und erlebte während derselben 2 Concerte u. eine, wunderlicher Weise zu W’s besonderer Ehre veranstaltete, höchst mangelhafte Meistersingeraufführung. Die Concerte, von einem im Ganzen wohl etw. mangelhaften Orchester ausgeführt, waren mir doch darum sehr interessant, weil ich einige Stücke, wie die Einleitg zum Lohengrin, Vorspiel und Schluß von Tristan & Is., Liebeslied aus Siegfried Walküre82 (»Winterstürme wichen –«) u. Schmiedelieder aus Siegfried, theils zum ersten Mal, theils (wie namtl. Tr. u. Is.) zum ersten Male in richtigem Zeitmaaß und rechter Beseelung hörte. – Dazu hatte ich die Genugthuung, meine Vaterstadt sich im Ganzen sehr anständig benehmen zu sehen: die eigtl. haute volée veranstaltete ein sehr gut geleitetes Bankett (an dem Theil zu nehmen ich leider verhindert war) mit guten Reden angesehener Leute: kurz es zeigte sich e. Spur von Verständniß der über Theater, Kapellmeister, 1te u 2te Tenore hinausgreifenden Bedeutg W’s, und wahrscheinl. wird auch der Erfolg für die pecuniären Zwecke der Wagnervereine nicht unbedeutend sein: solange es näml. Mode bleibt & den guten Hamburgern nicht ƒ ihre einheimischen »Musiker« und »Kritiker« nicht ausgeredet wird: wozu sie e. bedenkliche Neigung haben. – Was mir persönlich eigentlich das Bedeutendste war: eine ruhige persönliche Besprechung mit den Beiden, war natürlich, bei dem ewigen Trouble & W’s natürl. Ermüdung, nicht recht zu erreichen. Dafür zähle ich auf e. friedlichere Begegnung: und im Herzen dachte ich es mir eigtl. als das Wunder denkbar Angenehmste, wenn wir beide 82

»Walküre« über »Siegfried«.

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etwa einmal, in den Sommerferien, in Bayreuth auf e. paar Tage zus.treffen könnten; dann würden wir Vier wohl wirklich eine »fruchtbringende Gesellschaft«83 ausmachen. – Außer diesem Dürftigsten und Äußerlichsten wäre ich jetzt noch nicht recht im Stande, von diesen Tagen etwas Ordentliches zu sagen; mir prägen sich dgl. Ereignisse stets erst allmählich & mit der Zeit immer tiefer & bedeutender ein: wenn ich zumal meiner einfältigen ungeschickten Befangenheit vergesse, die mich, namtl. bei solchen wirbelnden Festereignissen, immer zu einer einigermaaßen dummen Rolle zwingen: ich weiß dann oft weder zu84 zu reden noch zu schweigen, während ich inwendig so dumm gar nicht bin. – Eines bringe ich stets mit: die tiefe Empfindung: was doch unserm Leben und Sein dieser Mann ist, für Verstand, Sinn, Herz und Willen! und ich blute wirklich, wenn man denn endlich scheiden soll, im innersten Herzen; warum muß man denn in der Wüste leben, wenn man doch im Stande wäre, ein reichstes Leben in Gemeinschaft der wenigen innerlich Zusammengehörigen zu leben! Kehrt man dann zurück, so giebt es ein schmerzliches Ringen, bis die erregten Wellen sich endlich in das matte Geplätscher der gewöhnlichen, erbärmlichen Existenz zurückzwingen lassen wollen. Wäre ich doch nicht so allein! nie sehne ich mich mehr als in solchen Zeiten nach Dir, mein geliebter Freund, unter diesen mattherzigen Menschen, denen ich mich gar nicht hochmüthig überlegen, aber in keinem Punkte verwandt und zur liebenden Eröffnung zugetrieben fühle. Solch ein Mensch, im Vertrauen gesagt, ist auch Fritz Brockhaus, der mit in Hamburg war; ich hatte unter Anderm e. nächtliche Unterredung mit ihm, nach einem absurden Schauspielerbankett zu Ehren W’s, und fühlte ganz scharf u. klar aus seiner vorsichtigen, beistimmenden, gefällig habilen Haltung heraus daß hier fremdes Land sey; und ich kann schon gar nicht mehr vertrauen, wo ich das innerste Herz in ganz anderm Takte gehen höre als meines. Diesen Br. kann ich nicht recht vertragen – genug! – Von dir war in den wenigen ruhigen Momenten viel die Rede. Frau W. lässt Dich vor Allem herzlich grüssen, Dich dann um Verzeihung bitten wegen ihres Schweigens auf Deine Sendung: zu e. ordentlichen Briefe fand sich in Berlin, wo W’s vorher waren & weniger hier noch, keine Zeit. Das Telegramm, das ich in ihrem Namen beförderte, hast Du wohl bekommen. Was sie von Deiner »Vorrede« hält, wie hoch sie sie stellt, schreibt sie Dir selbst, bei erster Gelegenheit. Der Aufsatz über den Homer. Wettkampf schien ihr, wenn nicht der bedeutendste, jedenf. der auf dessen Bahnen sie Dich weiter wandeln zu sehen am Meisten wünschte: theils, wie sie mir in etwas aphoristisch (der Zeit wegen) abgebrochnen Worten wegen auseinandersetzte, weil die eigentliche Philosophie wohl ihre Grenze in Schop. erreicht habe, theils weil sie, solche Ideen, eingehender ausge83 Schöll: »Name des 1617 in Weimar gegründeten ›deutschen Sprachvereins‹.« (Schöll, 1902, 437, Nr. 132). 84 Seitenwechsel.

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führt, als mögliche Gewinnungen Mittel zu Deiner philolog. Rehabilitirung zu betrachten scheint. Dies letztere ist, wie wir wohl besser wissen, e. Irrthum. Von den Gesinnungen der Leipziger geg. Dein Buch wusste sie Seltsames aus einer Begegnung mit dem alten Brockhaus (der, scheint es, nur eine ältere Auflage seines Sohnes ist) Seltsames, nur nicht Ueberraschendes zu berichten. – Wie viel ich an dich dachte, u. täglich an dich denke, brauche ich Dir nicht zu sagen: am Stärksten in der (sehr bedenklichen, für W. wahrhaft angreifenden) Vorstellg der Meisters.: unter den sonderbarsten Entstellgg dachte ich an die schöne Zeit, wo ich bei Dir zuerst dieses Zaubergedicht kennen lernte, und, auf das allertiefste erregt, von diesen Klängen umspielt, wie in e. goldnen Wolke wandelte, den andern Achäern unsichtbar85. ~ Wie geht’s denn deiner 2. Auflage? Und wie geht es Dir, herzlich geliebter Freund? Das schreibe mir bald und grüße Gersdorff, den Italienpilger sowie Romundt von mir. E. R.

2.37 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 3. Februar 73. Mein lieber Freund !

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Sie können mir, wegen meines langen, unverantwortlichen Stillschweigens, im Innern nicht stärkere Vorwürfe gemacht haben, als ich selbst mir jeden Tag mache darüber, daß ich Ihren, mir so lieben, ermuthigenden, Antheil nehmenden Brief nun schon so ewig lange unbeantwortet gelassen habe. Ich weiß mir selbst nur die einzige Entschuldigung vorzuhalten, die eben auch wirklich meine ewige Zögerung verschuldet hat, die stets, und täglich, wechselnde Strömung der mannichfaltigsten, sonderbar wechselnden Empfindungen, die mich von einem Tag zum andern den entgegengesetzten Stimmungen in die Arme warfen, deren ich doch keine als die dauernde fixiren mag. In solchen erregten Zuständen fühlt man das ganz Unzulängliche brieflicher Mittheilung über Dinge doppelt, die im Wesentlichen auf Schattenspiele der eignen Gedanken hinauslaufen. Was soll, was mag man aber von einem Leben mittheilen, das in einer gewissen dämmernden, vorsichtig gedämpften Selbstbeschwichtigung sich bewegt, und kaum sich selber klar werden kann ohne zu seufzen, und verlangende Arme nach einem voll einzuathmenden, ganz lebenden Glückszustande auszustrecken, der dem dummen Schreiber doch nicht näher liegt, als die goldnen Hesperidengärten hinter dem Saume der Abendwolken! – Das ist alles dummes Zeug, aber es soll auch nur zur Entschuldigung dienen, um klar zu machen, was man aus solcher Dumpfheit etwa Mittheilenswerthes mittheilen kann: nämlich nichts. Strafen Sie mich also für dieses lange Schweigen 85

Schöll: »homerisch (z.B. Ilias XVIII, 206)« (Schöll, 1902, 437, Nr. 132).

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nicht, lieber verehrter Freund, sondern glauben Sie daß ich in treuster Gesinnung vielfältig an Sie gedacht habe, gerade in der Einsamkeit meiner viel und eigensinnig verlangenden, wenig findenden Seele nach einem Halt, wie ihn Ihre Freundschaft mir bot, mit doppelter Dankbarkeit oft mich [zurückgedacht] zurückgesehnt habe: und möge Sie mein Gelöbniß der Besserung in Briefpflichten vermögen, es noch einmal mit mir zu versuchen, sicher, daß sicher kein Brief froher und dankbarer aufgenommen werden kann, als den Sie etwa mir widmen wollen. – Nun sollte ich wohl sehr vieles erzählen: wenn nicht mittlerweile das Meiste in das Reich der Gleichgültigkeit versunken wäre, was hier und mir, seit Ihrem Briefe, begegnet ist. Erst hatten wir Sturmfluth, in Kiel nur sehr mäßig (nur die Keller in der Vorstadt u am Hafen waren überschwemmt)86, dann Weihnachten, die ich zu Hause zieml. trübseelig mit meiner armen Mutter verlebte, da wenige Tage vor dem Fest mein Bruder (den Sie auch einmal gesehen haben), Ingenieur in Ungarn, ganz unerwartet, in wenigen Stunden an der Cholera gestorben war. – Seitdem war ich, im Januar, noch einmal in Hbg, um Wagner u Frau zu begrüßen, zwei Concerte mit zu machen. Es will sich schwer sagen lassen, wie mich die Berührung mit diesem einzigen Manne stets aufrichtet und erhebt. – Daß es Hallier, d.h. dem Alten, sehr bedenklich geht, wissen Sie ohne Zweifel schon durch Marie87: ich fand ihn so allerdings auch zu Weihnachten, namtl. e. gewisse dumpfe Herabgestimmtheit, die ihm sonst ja gar nicht eigen ist; er hat aber doch wohl starke Wurzeln im Leben. – Hier könnte nun freilich vielerlei passirt sein, aber von wirklich Vorgefallenem würde, glaube ich, selbst Möbius nicht viel berichten können. – Der alte brave Thomsen ist, nach schweren Kämpfen mit s. alten Leiden‚ abgegangen88; von e. Nachf. hört man noch nichts, Lüdemann Nro II hat sich habilitirt.89 Die neuen 4 scheinen keine sonderliche Revolution in die altgewohnten Existenzweisen gebracht zu haben; Hoff86 Die Sturmflut in der Nacht vom 12. auf 13. November 1872 gilt als Jahrtausendereignis, s. Wikipedia unter »Ostseesturmhochwasser 1872«. 87 Marie Junghans (1838-1896), Witwe des jung verstorbenen Historikers, Prof. Wilhelm Junghans (1834-1865), Tochter des Johann Gottlieb Hallier (1804-1882) und der Caroline Marie, geb. Schleiden, einer Tante Rohdes. 88 »Am 22. December 1872 starb der ordentliche Professor der Kirchengeschichte, Kirchenrath Dr. theol. & phil. C. N. T. H. Thomsen. Derselbe war am 21. December 1803 zu Schleswig geboren; […] Der Kirchenrath Prof. Dr. C. Lüdemann hat dem langjährigen Collegen und Freunde warme Worte der Erinnerung bei dem Begräbnisse nachgerufen.« (Chronik, 1872,3/4). 89 »In der theologischen Facultät wurde am 20. März 1872 der Dr. phil. Hermann Lüdemann [Sohn des eben erwähnten Lüdemann] zum Licentiaten promovirt. Derselbe habilitirte sich am 29. Mai 1872 durch eine (ad hoc gedruckte) Abhandlung über die »Anthropologie des Apostels Paulus« und durch eine Probevorlesung über »die Heilslehre des orthodoxen Judenthums zur Zeit Christi.« (Chronik, 1872, 4).

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mann, der uns am Nächsten angeht, ersetzt übrigens Nöldeke ersichtlich in keiner Weise90. – Was über Ihren Nachf. die allmächtigen Götter beschließen od beschlossen haben, wissen Sie vermuthl. besser als wir hier. Daß Lübbert abgelehnt habe, soll nun neuerdings nicht wahr sein91. Ich bin im Grunde ganz stumpf dagegen, richte mich auf einen extraordinarius perpetuus ein, u. lasse die Götter walten. Froh bin ich, wenn man mir d. Seminar abnimmt, das mir, so auf monatliche Kündigung (u. beiläufig, rein für nichts) verwaltet, gar keine Freude macht. Dann komme ich hoffentlich auch zu meinem »Roman« für den ich bisher immer noch nur sammeln kann. – Beifolgend eine Philologusmiscelle92, dem Leutsch auf seine eigne Bitte eingeschickt: seit Erscheinen meiner »Afterphil.« sieht der Treffliche sich nicht weiter veranlasst, auf einen kurz vorher empfangenen, seinen Wünschen entgegenkommenden, Antwort voraussetzenden Brief von mir zu antworten. Signatura situationis. Ich ärgere mich über der gleichen (davon ich mancherlei singen könnte, wenn es mich nicht ekelte) nicht weiter, gräme mich auch nicht‚ verlerne auch zu klagen, und lebe nur, nach Kräften gedankenlos, in den Tag hinein, der ja durchaus gut und sogar dankenswerth störungslos ist. Gewiß könnte man bei so ungewisser, eigentlich wohl aussichtsloser Zukunft das alte triviale (u., wie alle diese Trivialitäten, bei eignem Erleben, erstaunlich wahr und neu erscheinende) Carpe diem, nämlich die einzig gewisse Augenblicksgegenwart, am allerbesten lernen; ich dämmere eigentlich mehr so entlang. Wen könnte ich anklagen, als mich selbst, und mich fühle ich an der nun sicherlich hereinbrechenden Verfehmung ganz unschuldig. So habe ich es dahin gebracht, an Gegenwart u. Zukunft wenig zu denken: sogno della mia vita è il corso intero. E. Zeit lang dachte ich lebhaft daran, die aussichtslose »Carrière« aufzugeben: nur hat sich nichts rechtes Andres zeigen wollen; und wer weiß, ob ich’s ergriffe: man hat nicht immer den Muth, ganz ohne Illusionen zu leben. – Ich sollte mich eigentlich schämen, Ihnen mit solchen Thorheiten zu kommen; aber da sehen Sie, welch ungeeigneter Briefschreiber ich bin. Schreiben Sie mir nur, lieber Freund, wie es Ihnen und Ihrer Frau (der ich mich zu empfehlen bitte) geht, d.h. daß es Ihnen hoffentlich noch eben so gut geht, wie nach dem letzten Briefe, und daß Sie freundlich gedenken Ihres treu ergebenen E. R.

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Der Orientalist Theodor Nöldecke war im Herbst 1872 einem Ruf nach Strassburg gefolgt. 91 Eduard Lübbert, 1830-1889, klassischer Philologe und Archäologe, kam erst 1874 nach Kiel. 92 WV 19: »Zu Dictys Cretensis«.

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2.38 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 27 Februar 73 Mein theurer Freund! ich danke dir von Herzen für Deinen letzten sowie für den vorhergehenden Brief: ich selbst wollte stets schreiben, namentlich um von Deinem Befinden Genaueres u Beruhigendes zu hören, aber ich schob es immer wieder auf. Ein Glück nur daß Du endlich wieder in der Besserung bist; ich fürchte Du nimmst Dich nicht hinreichend in Acht, und thust nicht hinreichend im Punkte einer gewissen plebejischen Zerstreuung von einsamen Gedanken, die den Isolirten, wenn man sie ununterbrochen walten & weben lässt, allmählich aufreiben. Ach, warum in aller Welt hält das fatum uns Beiden so starr u weit getrennt: was wollten wir zusammen für ein vortreffliches Leben führen, u. all der zahllosen Feinde u. Nörgeler spotten: und nun ist’s doch eine recht miserable Existenz, meine zumal, die ich in kläglicher Dumpfheit so weiter spinne. – Davon kein Wort mehr; gefehlt hat mir zum Glück, außer einigem Schnupfen nichts: aber fehlt Einem nichts, wenn man so mit zusammengefalteten u gepressten Flügeln, wie in e. Art Winterschlaf liegen muß ? ! – Sehr freue ich mich auf Deine nächsten Aufsätze, von denen der über griech. Philos., wenn ich Dich recht verstehe, sogar im Drucke erscheinen soll. Schick mir nur auch d. Buch der Vorreden noch einmal zu irgend einer Zeit. Wieweit ist es denn mit der 2. Aufl. der »Geburt«? Schärfe nur dem E. W. Fr. ein daß er etwas besser für Vertrieb derselben sorge: mit meiner Afterph. hat er es so seltsam gehalten daß e. hiesiger Buchhändler mich neulich ganz erstaunt über die Existenz dieser Schrift interpellirte, von der er bis dahin gar nichts gewußt hatte! Ein sonderbarer Schäker! Auch s. Wochenblatt schickt er, obwohl wiederholt v. mir aufgefordert, mir seit Neujahr nicht mehr: einige Nummern sah ich bei Wagner in Hbg, darunter auch Deinen etwas sehr furiösen Angriff auf den Laffen Herrn Dove. Hoffentl. schickt mir Fr. nun nächstens den ganzen Rummel. – Hineinschreiben mag ich übrigens jetzt wenigstens nichts: ich habe e. Periode des Schreibe-ekels, die immer auf einer schwer zu überwindenden Verstimmung des einsam, χαλεποῖσιν ἐνὶ ξείνοισιν Lebenden beruht. – Von der 2. Broschüre des Wil.-Möll. habe auch ich Nachricht bekommen: ich war neugierig genug, sie zu bestellen93. Antworten werde ich (denn dieses Werk geht natürlich gegen mich) sicher nur im alleräußersten Falle: ich wünschte sehr, den Menschen mit 2 ablehnenden Worten in e. litterar. Zeitschrift abzuthun; ob aber die Herren, zB. Zarncke, solch e. Inserat aufnehmen, ist wohl kaum 2felhaft, nämlich sie thun es gewiß nicht. Auf e. weitläuftige Katzbalgerei lasse ich mich keinenfalls ein: so wird also wohl gar nichts geschehen. Noch habe ich das 93

Broschüre im Rohde-Nachlass, mit handschriftlichen Anmerkungen Rohdes.

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Ding übrigens nicht gesehen. – Bei Zarncke stand ja neulich dummes Zeug über dein Buch: ersichtlich von H. Zimmermann, dem Vf. einer ungeheuer langweiligen Aesthetik. – Hier haben wir endlich e. Ordinarius, in Gestalt von Wilmanns aus Gr Insbruck, einem Günstling von Mommsen. Die Sache ist wunderlich gegangen; mich, von Usinger u Gutschmid (der nach Königsberg geht) vorgeschlagen, lehnten die alten Kröten (Forchhammer etc) ab, Schöll, den Kammerdiener, wollte man seltsamer Weise in Berlin nicht94. ~ Hier hast Du e. wahren Schnupfenbrief, mein geliebter Freund. Ich bin nicht hoffnungsvoll, aber nicht eigtl. verstimmt, bedenke vielmehr täglich in meinem Herzen, wie glückl. im ganzen e Geschick zu nennen ist daß Einem in der Jugend, bei gänzlicher Hoffnungslosigkeit f. die Zukunft, doch f. die Gegenwart die Möglichkeit eines stillen Wachsens in dem, was von ächter Bildung unsereinem assimilirbar ist, gewährt. Dieses Gefühl stillen und steten Wachsens ist fast das Einzige was mir, in dieser Kälte des Lebens, von Glücksempfindung übrig bleibt; daneben preise ich das Schicksal, mir einen so treuen u ächten Freund bescheert zu haben wie Dich: und so wollen wir einander treu verbunden bleiben. In alter Liebe dein E.R.

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Àpropos: wo steckt denn u was schreibt Gersdorff-Italinsky? Grüße doch Romundt u. Overbeck, dessen Progr. ich mit vielem Interesse gelesen habe, wie ich Dir auch schon einmal geschrieben habe.

2.39 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 1. März 73. resp. 11/3 73.95 Mein lieber Freund!

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Dieses Mal will ich nicht wieder meinen herzlichsten Dank für Ihren freundlichen, mir so wohlthuenden Brief auszusprechen so lange hinausschieben, bis ich dem Verdachte der schmählichsten Undankbarkeit verfallen muß. Ich werde zwar auch dieses Mal nichts wesentlich Anderes zu melden haben als daß ich Ihrer mit unverminderter Treue u. Dankbarkeit stets eingedenk bin, und daß im Uebrigen Alles hier ebenfalls so ungefähr auf demselben Flecke steht. Ein Ereigniß ist freilich eingetreten von dem Sie wohl auch schon vernommen haben: habemus Papam!! und zwar, wie Sie verkündigt hatten Sior Wilmanns = Altro 94

[Schöll, den Kammerdiener, wollte man seltsamer Weise in Berlin nicht] mit schwarzer Tinte unlesbar gemacht. 95 das Antwort-Datum (respondi – ich habe geantwortet) von Ribbeck.

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fiasco; ich hoffe daß er schon zu Ostern herkommt. Die Wahl ist mir im Ganzen nicht unerwünscht: so weit ich W. kenne, ist er ein anständiger, ehrlicher, geradeaus gehender Mensch; id quod ziemlich selten sein soll. Sonderbar wird er sich freilich gerade als Ihr Nachfolger ausnehmen: denn bei einem guten hausbacknen Verstande fehlt ihm doch selbst der leiseste Anflug jener künstlerischen Empfindungs- u. Auffassungsweise, die ich mir von einem wirklichen Philologen nicht getrennt denken mag. Dazu fehlt ihm, wenn ich ihn darin richtig beurtheile, die Schneide und die willige Uebernahme unvermeidlicher Unbequemlichkeiten, um unserm verehrten Freunde Peter, genannt Wilhelm, mit der nöthigen Energie entgegenzutreten: da doch diesem P. W. eine rechte Gottesgeißel einigermaaßen zu wünschen wäre96. ~ Trotzdem bin ich dem Geschicke und den Allmächtigen in Berlin im Ganzen eigtl. sehr dankbar für diese Wahl: ich fürchtete mich sehr vor Schölls Wahl, und hegte sogar für solchen Fall allerlei extreme Entschlüsse; aber unerklärlicher Weise haben die Berliner Weisen diesen ihren Schützling nicht haben wollen. ~ Im Ganzen kann es mir persönlich gleichgültig sein; hier habe ich nichts zu hoffen, wie ich bestimmt weiß, zumal da Gutschmid auch noch fortgeht (ob Ostern od. Michaelis ist unbestimmt)97. Und was mir im übrigen Königsreich blühen könnte, weiß ich auch nicht; es ist ja gar kein Zweifel daß der Wilamops nur ein enfant terrible der Berliner Unsterblichen ist; und nun kneife ich diesen Mops so ungalant in seinen Patentschweif; dafür muß ich büßen; Uebrigens höre ich, daß jener Wilamowitz ein 2tes Pasquill entweder schon von sich gegeben hat, oder doch von sich zu geben im Begriff ist: ich denke nicht daran, mich abermals mit ihm zu katzbalgen, möchte nur in e. litterarischen Zeitschrift diesen meinen Entschluß, ihn bellen zu lassen, ankündigen; aber glauben Sie daß irgend ein wohlgezogenes Blatt mir dazu seine geehrten Spalten öffnen werde?! Quest’ è quel mondo! – Mit Theilnahme und wahrer Befriedigung habe ich von Ihren glücklich erfochtenen Seminarsiegen gelesen; nun wünsche ich Ihnen nur noch daß Sie in H. für alle die schönen Länder die rund herum liegen, einen philologischen Heerd u. Mittelpunct bilden mögen; dort können doch nicht lauter Unbrauchbare wohnen. Ich sehe seit Ihren Berichten unsre Kieler Jungens mit ordentlichem Respect an; es ist auch wahr, es ist ein sehr ordentlicher Schlag, und das ist ein großes Glück, wenn eben Niemand um Einen rund herum liegt, den man anund ausziehen könnte. – Heute habe ich das Seminar geschlossen: wir haben das schwere Canticum des Trinummus glückl. und glorreich absolvirt; ich bin 96

Peter Wilhelm Forchhammer (1801-1894), seit 1836 als klassischer Philologe Professor an der Universität Kiel, Begründer eines Antikenmuseums dort, politisch tätig. 97 Von Gutschmid war im Sommer 1872 zum Direktor des neu gegründeten historischen Seminars in Kiel berufen worden, allerdings für nicht lange: »Der Professor der Geschichte Dr. H. A. Freiherr v. Gutschmid wurde nach Königsberg berufen und schied am 1. October aus.« (Chronik, 1872,8 und 1873,3).

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froh daß meine Schultern wieder frei sind: vivat sequens! Uebrigens hat der alte Ratjen den rothen Adlerorden 2ter Cl. mit Eichenlaub bekommen98. ~ Zum Schluß ein Wort von Ihrer freundlichen Einladung, für die ich Ihnen‚ wie für alle vielen Zeichen Ihrer Liebe von Herzen danke. Ich kann e. bestimmte Antwort noch nicht geben; an Lust fehlt es nicht, auch würde ich die unsinnige Vorstellg daß immerfort geochst werden muß, wohl unterkriegen: aber‚ ganz offen gestanden: das sogenannte GELD ist bei mir meistens nicht zahlreicher vorhanden als die Haare auf Justi’s Kopf99. Ich lebe mit diesem Elemente in stetem Kriege: täglich erlege ich ihrer viele, aber es ist immer ein Pyrrhussieg. – Auf jeden Fall gebe ich Ihnen vor dem 20. März eine bestimmte Antwort; ohnehin würde natürlich ein Besuch und unsre dann vorzunehmende Lustreise am Besten in die spätere Zeit der Ferien, etwa 10 April u. ff. verlegt. Wenn Sie mich wieder ƒ e. Brief erfreuen, so möchte ich Sie denn auch bitten, mir den Termin wo Ihnen e. eventueller Besuch passen würde, zu bezeichnen. Nun noch m. besten Gruß an Ihre Frau und die Versicherung meiner unwandelbaren Treue. E. R

2.40 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel den 7. März 1873. Geehrter Herr Professor!

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Als sich, zu meinem lebhaften Bedauern, im Anfang des vorigen Jahres unsre Wege schieden, haben wir uns doch, wie ich hoffe, ohne Groll und im Gefühl der gegenseitigen Achtung getrennt. Wie ich wenigstens meinerseits die Abwesenheit jeder verkehrten Empfindlichkeit versichern kann, so glaube ich, auch auf Ihrer Seite eine Fortdauer wohlwollender Gesinnungen theils aus Ihrem letzten Schreiben, theils aus der Aufnahme einer überaus freundlich gesinnten Anzeige meiner Promotionsschrift in Ihr litt. Cbl. (für die ich dem unbekannten Rec. nachträglich meinen besten Dank sage) fest entnehmen zu dürfen. Nur in dieser Ueberzeugung gewinne ich es über mich, Sie, geehrter Herr Professor, mit einer Bitte zu behelligen, deren Erfüllung, wie sie von Ihrem Wohlwollen allein ausgehen kann, mir wie ein wahres Geschenk und eine Verpflichtung zu der allerlebhaftesten Dankbarkeit erscheinen würde. – Es ist Ihnen wahrscheinlich bekannt, daß gegen Nietzsches Buch von einem gewissen Dr. von Wilamowitz Möllendorff eine Invective veröffentlicht worden ist, die an grenzenloser Beschimpfung alles Denkbare übertrifft. Ich begreife vollkommen, wie N.’s Buch die verschiedenste Auffassung erfahren kann, und für viele, 98

Henning Ratjen (1792-1880), Jurist und Universitätsbibliothekar in Kiel. Carl Justi (1832-1912), Kunsthistoriker an der Universität Kiel, Photographie in Wikipedia. 99

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übrigens ganz unparteiische Leute etwas durchaus Anstößiges haben muß. Aber eine solche Verunglimpfung meines Freundes wollte ich um so weniger ertragen als ich das innerlichste Bedürfniß fühlte, vor aller Welt zu erklären, daß ich wenigstens meine Freunde nicht ängstlich im Stiche zu lassen gesonnen sey. So veröffentlichte ich eine Abwehr, des Titels »Afterphilologie« usw., von der Sie vielleicht gehört haben. Ich war mir, und bin mir noch heute, aller Folgen, die ein solcher Schritt haben muß, ganz klar bewußt, und gefaßt, dieselben zu ertragen. Voran stand eine neue Beschimpfung durch den Herrn von W. M., den ich freilich nicht mit Sammethandschuhen angefasst hatte. Dieses neue Werk des Herrn W. M. ist vor kurzem erschienen100. Ich bin nun meiner Seits, wie aller Polemik, so dieser abscheulichen Zänkerei satt und müde. Gleichwohl kann ich diese neuen Invectiven, die wieder ganz im Berliner Styl gehalten sind, nicht völlig stillschweigend einstecken, ohne den Schein des tacitus consensus auf mich zu laden. Nun eben kommt meine Bitte an Sie, die ich nur darum vorzutragen wage, weil ich mich vor einer Misdeutung durchaus für gesichert halten darf. Ich bitte nämlich um die Vergünstigung, die beiliegende Erklärung, die, dem unglaublichen Uebermuth des Dr. W. M. gegenüber, sehr gemäßigt gehalten ist, in Ihr litter. Centralblatt einrücken zu dürfen, entweder, wie das ja oft geschehen ist, am Ende des eigentlichen litterarischen Inhaltes, oder auch als ein bezahltes Inserat. Ich würde nicht unternehmen, eine solche Bitte zu stellen, wenn durch ihre Erfüllung irgend ein Schein einer Convenienz Ihrerseits zu meinen Ansichten und Handlungen erweckt werden könnte: aber ein solcher ist ja durch meine volle Namensunterschrift und die abgesonderte Stellung jener Erklärung vollkommen ausgeschlossen. – Ich kann nur wiederholen, daß eine Erfüllung meiner Bitte mich zu dem lebhaftesten Danke verpflichten würde, und darf meine, vielleicht sonderbar erscheinende Offenherzigkeit nur mit dem Gefühle entschuldigen daß in einer solchen Sache, die mir wahrhaftig nicht weniger peinlich ist, als sie Ihnen lästig sein mag, eine volle Offenheit das einzige Mittel ist, um Misverständnissen vorzubeugen, die eine allzugroße Delicatesse leicht erzeugt. Auf eine geneigte, und hoffentlich zusagende Antwort hoffend, empfehle ich mich Ihren gütigen Gesinnungen als Ihr hochachtungsvoll ergebner E. Rohde.

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»Zukunftsphilologie II«.

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2.41 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel 17. März 73. Geehrter Herr Professor!

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Vor etwa 10 Tagen habe ich an Sie eine »Erklärung« geschickt, für die ich Aufnahme in Ihr Litterarisches Centralblatt erbat. Daß ich noch immer vergebens auf eine Antwort Ihrerseits warte, kann ich mir nun wohl aus mancherlei Hinderungsgründen erklären; gleichwohl möchte ich mir noch einmal erlauben, mich in Erinnerung zu bringen, und Sie, geehrter Herr, höflichst um ein ganz kurzes Wort der Zustimmung oder Ablehnung zu ersuchen. Mit einem einfachen Ja oder Nein ist ja Alles erledigt, und für mich eine Angelegenheit entschieden, in der ich dringend wünsche, baldigst zu erfahren, woran ich bin. Ich bitte also nur um eine kurze Nachricht, durch welche Sie sehr verbinden würden Ihren ganz ergebnen E. Rohde. 2.42 Erwin Rohde an Otto Ribbeck101 Kiel Hamburg, Sonntag 23. März 73102

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Nachdem ich, lieber Freund, wegen des hier herrschenden abscheulichen Winter- und Schneewetters alle Reisepläne schon in Gedanken an jenen Nagel gehängt hatte, an dem so viele gute u. angenehme Vorsätze u. Wünsche hängen, hat mich Ihr freundlicher Brief, der mir hierher nachgeschickt worden ist, nun doch wieder ermuthigt, aufs Neue mich zum Reisen zu begeistern. Somit denn in aller Kürze die Nachricht daß ich, wenn die Dämonen nichts dagegen haben, am kommenden Mittwoch, als am 26. März, von hier abzureisen gedenke, und dann am Donnerstag, 27. Mz. Nachmittags um 5 Uhr in Heidelberg eintreffen werde. Diese Termine werden sicherlich eingehalten werden, soweit es bei mir steht: wenn irgend ein Hinderniß eintritt, so werde ich ganz gewiß vor jenem Donnerstagtermin telegraphiren. Somit denn auf ein fröhliches Wiedersehen und eine angenehme Feriengemeinsamkeit. Wie weit mich Moneta sonst, auf etwaigen Excursionen, gelangen lässt, müssen wir dann überlegen: etwas besser stellen sich mir an Aussichten, seit ich, auf Usingers Rath103, um e. Remuneration für d. Seminar 101 kleinformatiges

Briefpapier mit eingestanzten Initialen B R (Bertha Rohde). Jahreszahl von anderer Hand und schwärzerer Tinte. 103 Prof. Usinger wird in der »Chronik« neben v. Gutschmid als Direktor des neu zu gründenden historischen Seminars in Kiel erwähnt (Chronik, 1872, 8). 102

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angehalten habe, u dieses Gesuch von der Facultät befürwortet worden ist. Also vedremo! Nun nur noch meine schönsten Grüße an Ihre Frau, und alle besten Wünsche für Sie von Ihrem treu ergebnen E. R. NB. Auf den Wilamops No 2. antworte ich schwerlich; Das Centralblatt wäre zu e. kurzen Erklärung der einzige Ort; ich habe nun dergleichen an Z. geschickt, weiß aber daß sie nicht aufgenommen wird, schon darum, weil solche Erklärgg im Cbl. sich herkömml. Weise nur auf Angriffe in demselben Cbl. beziehen dürfen. In der Sache behilft er sich ja ganz ersichtlich nur mit handgreiflichen Sophistereien, und so liefe Alles auf e. elendes Gezänke hinaus, das mich ekelt u. langweilt. Seine Injurien aber kränken mich wenig: men’ moveat cimex Pantinius?104 Ich betrachte also die Sache als abgethan.

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2.43 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche105 Hamburg 23. März 73. Geliebter Freund ! Warum höre ich nun schon seit so langer Zeit gar nichts mehr von Dir? laß mich doch nächstens wenigstens erfahren daß Du nicht wieder krank geworden bist & dich in guter Stimmung fühlst. Zweitens aber überlege Dir folgenden wundersamen Plan. Auf wiederholte Einladung Ribbecks besuche ich ihn in Heidelb. vom nächsten Donnerstag, 27. März, an. Wie lange ich dort bleibe weiß ich nicht. Jedenfalls aber möchte ich, einmal so nahe zu dir gerückt, nicht die seltne Gelegenheit, dir einmal die Hand zu schütteln, versäumen. Dabei kommen aber 2 Dinge in Betracht: 1). R. schrieb früher einmal von gemeinsam zu unternehmenden Touren die uns viell. auch nach Basel führen könnten. Ich kann nun nicht sagen dß ich es vorziehen würde, gerade mit ihm gemeinsam dort anzutreten. 2) aber wäre es eigtl. überhaupt behaglicher, wenn wir beide uns nicht in Basel sondern an e. andern Punkte treffen könnten, etwa in Stuttgart oder Karlsruhe. Nun überlege: ob du bis zum 6. April, über welchen Zeitpunkt ich jedenfalls nicht bei R. bleibe, mir nach irgend e. Punkte entgegenreisen kannst. (viell. kommen auch Romundt & Overbeck mit!), oder, wenn das nicht angeht, wie wir es sonst einrichten. Wenn mir überhaupt meine Gelder (ohe! babae, babae!) 104

Horaz, serm. I, 10, 78: »soll mich Pantilius, die Wanze, ärgern« – Schreibfehler Rohdes? dem Briefpapier der Mutter.

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erlauben, nach Basel zu kommen, so kann ich natürlich keinen leisesten Versuch machen, Rb. vom Mitgehen abzuhalten, sondern werde mit der besten Miene mit ihm zusammen ankommen: daher denn auch keine Sylbe davon verlauten darf dß ich lieber allein käme. – Näheres kann ich nicht bestimmen: erwäge du nun, lieber Freund, Alles in einem feinen Herzen, u schreibe mir bald, nach Heidelberg, adr. Prof. Ribbeck. Von Herzen dein E. R. 2.44 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Heidelberg den 29. März. Verehrter Herr Professor!

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Soeben bekomme ich Ihr gütiges Schreiben, das mir von Hamburg hierher, als an das Ziel einer Ferienreise, nachgeschickt worden ist: Sie werden danach die verzögerte Beantwortung dieser eiligen Sache entschuldigen. Was nun die Sache selbst betrifft, so sage ich Ihnen zunächst für die Bereitwilligkeit einer Aufnahme meiner Erklärung besten Dank: in der Sache selbst bin ich natürlich noch derselben Meinung, die mir jene Erklärung eingab, aber freilich ist meine Stimmung insoweit abgekühlt, als eine Erwiderung auf den Angriff des W.-M. mir allmählich um so entbehrlicher erscheint, da die Angelegenheit mir selbst – u. um so mehr allen Uebrigen – nachgerade zum Ekel u. zur Langenweile gereicht; An eine sachlich eingehende Widerlegung jenes sophistischen Machwerkes denke ich daher absolut gar nicht; u. wenn mir eine kurze scharfe Ablehnung weiterer Debatten, wie sie eben jene Erklärung enthielt, früher nothwendig erschien, so bedenke ich allerdings jetzt, bei kühlerem Blute, daß ich von dem abscheulichen Zanke damit erst recht nicht los kommen würde: worauf allein es mir ankommt. Wenn daher jene Erklärung noch nicht zum Abdrucke befördert ist, so möchte ich, da Ihr eignes kundiges Urtheil dem Abdruck derselben abgeneigt ist, Sie bitten, dieselbe zunächst zu tilgen; indessen erlaube ich mir, auf Ihre einmal geäußerte Bereitwilligkeit zur Aufnahme einer Erklärung fußend, die Bitte, eine anders gefasste Erklärung Ihnen nach einiger Zeit vorlegen zu dürfen; dieselbe würde dann allerdings die Gründe der Ablehnung einer ferneren Unterhandlung etwas weitläuftiger (obwohl immer noch ganz kurz) ausgesprochen enthalten, da ich freilich einsehe, daß eine so schroffe Fassung, wie die der gegenwärtigen Erklärung, den Gegner zur Aufforderung weiterer Belege berechtigen würde, u. so den Streit in’s Ewige hinausziehen könnte. Mit bloßer Gemüthlichkeit kommt man freilich bei einem so rohen Anfall nicht ab, den ich in irgend einer Weise provocirt zu haben, durchaus verneinen muß.

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Ich bleibe hier (Adr. Herrn Prof. Ribbeck) noch etwa bis zum Donnerstag; wenn ich bis dahin keine Antwort Ihrerseits, im ablehnenden Sinne, bekomme, so werde ich das für eine Zustimmung nehmen u. jene etwas gemilderte Erklärung so und dann verfassen, wie und wann es mir die Stimmung eingiebt. Immerhin will ich mich Ihrem Urtheile soweit fügen, daß, wenn ein vollständiges Stillschweigen Ihnen, in meinem Interesse, angemessner erscheinen sollte, ich mich sogar auch dazu entschließen würde. Ich selbst freilich finde auch jetzt noch eine kurze Aeußerung durchaus erforderlich. Hochachtungsvoll Ihr ergebenster E. Rohde.

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2.45 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche106 Heidelberg Dienstag. Liebster Freund, in aller Eile nur 2 Worte, bis zum bevorstehenden Wiedersehen! Ich denke, wir treffen uns erst in Bayreuth: hier kann ich bis zum Sonnabend, für dich den moment of starting, nicht bleiben, selbst wenn ich es möchte: Rb. muß am Freitag nach Carlsruh: somit reise ich, über Stuttgart, langsam nach B., u. denke dort am Sonntag zu irgend e. Tageszeit einzutreffen: Nun für Dich 2erlei Aufträge: 1) Telegraphire doch nach Bayreuth, ob wir passend kommen, u. melde mir das dann alsbald, also wohl auch telegraphisch, da ich spätestens übermorgen Nachmittag von hier abzugehen denke. 2) muß ich Dich bitten, einige Gelder auch für mich mitzunehmen, die Du mir dann pumpen könnest, da ich, auf solche Excursionen nicht rechnend, selbst nicht genug mitgenommen habe. Wenn ich, auf Dein Telegramm, nicht antworte, so geht’s nach Bayreuth; oder besser: Wenn Du mir bis Donnerstag Morgen nicht telegraphirt hast, so nehme ich an dß wir in Bayreuth willkommen sind, u. gehe dorthin ab. Wenn Du etw. andres zu telegraphiren hast, so werde ich auf dieselbe Weise zurückmelden, was ich dann zu thun denke. Addio, in großer Eile Dein Freund ER.

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Briefpapier mit den Initialen »O R« (Otto Ribbeck).

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2.46 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Hamburg 17 April 1873. Geehrtester Herr Professor!

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In Angelegenheiten meiner »Erklärung« hat sich, bei weiterer Ueberlegung, der Widerwille gegen eine weitere Polemik, mir immer entschiedener eingeprägt: ich verzichte daher auf jegliche Erklärung in Ihrem geschätzten Blatte, und bitte Sie, bei nochmaligem Danke für Ihre gütige Bereitwilligkeit, diese Angelegenheit als definitiv abgeschlossen anzusehen. Hochachtungsvoll Ihr ergebner E. Rohde.

2.47 Erwin Rohde an Otto Ribbeck107 Kiel, wahrscheinlich am 29 April 73. Lieber Freund,

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endlich komme ich wieder zu einiger Seßhaftigkeit; so daß ich Ihnen zunächst meinen Dank für die große Güte u. Freundschaft aussprechen kann, mit der Sie mich, in jenen schönen Sonnentagen, in Ihrem Hause aufgenommen haben – u. Ihnen dann von meinen weiteren Erlebnissen kurzen Bericht geben. Sonderliches ist mir nicht begegnet, aber doch genug des Angenehmen u. Erfreulichen: in dem vollständig geglückten Bayreuther Unternehmen namentlich. Zwar wurde das Wetter schlecht und unfreundlich, so daß ich in dem, nur bei Sonnenglanz üppig phäakenhaften Stuttgart trübselig genug herum schlich; auch in Nürnberg war es – für mich nun schon zum dritten Male – schauderhaft naß u. regnig; aber dann traf ich in Bamberg auf meinen Freund, und wir haben dann in Bayr. 8 sehr merkwürdige Tage in stetem Verkehr mit W. zugebracht: bei seiner großen Liebe zu N., u auch zu mir, sehr erfreuliche Tage, in denen sich namentlich auch die, auf ganz eigne Art, liebenswürdige u. herzliche Weise des Mannes einprägte, die, bei einer immer zur freiesten Heiterkeit aufgelegten Stimmung, doch stets wie von einem erzenen Glockentone der aller tiefsten u. lautersten Empfindung alles Ernsten und Würdigen durchklungen ist. Da mag man nun sagen was man will: das innerste Wesen dieses großen Künstlers ist das edelste u. reinste: u. wer es anders meint, der kennt ihn nicht; wie er denn 107

Ribbeck antwortet am 17. Juni 1873; der Brief ist unvollständig in der Briefauswahl von Emma Ribbeck (1901, S. 303) abgedruckt.

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aus äußerlichen Berührungen her gewiß, bei der eignen Herbheit, die er dann zuweilen zeigt, gewiß nur mißverstanden werden kann. – In Lichtenfels trennten wir uns, N. u. ich, nicht ohne die Empfindung, wie sehr wir zusammen gehörten, nicht zu einer kurzen Berührung, von der man wenig im Grunde hat, sondern zu dauernder Lebensgemeinsamkeit: ich kann das Gefühl nicht ausdrücken, mit dem ich stets den Adel seiner Natur auf mich wirken fühle, und eine ganz besondre Poesie, die in seiner ganzen Athmosphäre liegt. Freilich muß man ihn dazu lieben, denn er hat seine für »Kritiker« sehr fühlbaren dèfauts de ses vertus. – Darauf habe ich endlich noch in Hamburg etwa 8 Tage über Laertius Diog. und dem Grünen Heinrich verdämmert, und bin seit wenigen Tagen hier. Ullrich108 besuchte ich, ohne ihn zu treffen, hörte aber, von dem »Domeschticken« daß es ihm ganz wohl gehe. Hallier war etwas besser, und wird wohl schon abgereist sein: zunächst nach Ems, dann, glaube ich, nach der Schweiz. Endlich bin ich froh, daß das Perpendikel wieder in seinen gewohnten u. rechtmäßigen Schwung zurückgelenkt wird: auf die Dauer befinde ich mich nur bei einer stricten Gleichmäßigkeit des Lebens erträglich, die für mich alle unvernünftigen Wünsche dämpft. Nächstens beginnt das Lesen: man munkelt davon daß 7 (schreibe: S I E B E N) neue Philologen inscribirt seien: was doch fast unglaublich ist109. Einen von den Neuen habe ich erst gesehen: dieser schielte. Wilmanns ist »ja denn nu« auch hier, laborirt noch sehr an unpassenden Wohnungen (in der 2ten wohnt er schon, nach der 3ten sucht er), ist aber sonst angenehm, u. gefällt mir eigentlich sehr gut: ich glaube daß er eine große moralische Delicatesse besitzt, und mehr Energie, als ich gedacht hatte. So kann ich mir eigtl. Glück wünschen, gerade ihn noch als Obergesellen bekommen zu haben. Peter110 ist natürlich in großen Staatesangelegenheiten in Berlin, u. wird uns erst zu Pfingsten wieder erfreuen. Der alte Ratjen111 liegt zu Bett: schlimm soll es nicht sein. Bei Groth’s112 machte ich kürzlich e. Besuch: sie sind sehr wohlbehalten aus Holland zurückgekehrt. Bei Litzmanns113 wage ich nicht, recht so 108

Franz Wolfgang Ullrich (1795-1880), Thukydides-Forscher, Rohdes ehemaliger Lehrer am Johanneum in Hamburg. 109 Im SS 1872 waren in Philologie und Geschichte 18 Studenten immatrikuliert, bei insgesamt 174 Studenten; im SS 1873 waren es 23, bei insgesamt 205 Studenten, die »hospites« jeweils dazugezählt. (Chronik, 1872,7; 1873,6). 110 Forchhammer. 111 Von H. Ratjen erscheinen in der »Chronik« wiederholt Berichte über die UniversitätsBibliothek. 112 Der Dichter Klaus Groth gehörte zu den Mitunterzeichnenden bei der Auflösung der »Schleswig-Holstein-Lauenburgische Gesellschaft für die Sammlung und Erhaltung vaterländischer Alterthümer in Kiel«, die in das »Flensburger Museum Nordischer Alterthümer der Universität Kiel« überging. (Chronik, 1872, 35). 113 In der »Chronik« sind die jeweiligen Jahresberichte über »Die Königliche Hebammenlehr- und Gebäranstalt« von Dr. Litzmann verfasst.

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aus heiterm Himmel anzutreten: ich wollte, ich hätte Sie rechtzeitig gebeten, mich gelegentlich in e. Briefe anzukündigen. Gutschmid bleibt noch bis zum Herbst; Pfleiderer114 wurde noch nicht gesehen; der kleine Ladenburg115 hat mich verfehlt, wie ich ihn. Der alte Thomsen wird durch einen gew. Möller116 ersetzt werden: welcher schon im Anzuge ist: Dieses also die herrlichen Neuigkeiten: auch ist Wilmanns nicht verheirathet, so daß wir eine Phalanx von 5 unverheir. Proff. bilden, inclusive Sadebeck, der freilich mit seiner Berliner »Toilette« verheirathet sein mag. Im Uebrigen möchte ich keine Kieler Jungfrau seyn: denn von uns Fünfen kriegt doch keine Einen, und die Uebrigen sind doch nicht der Mühe werth. So ist es auch mit dem hierbei folgenden »Aelius Promotus«117, welcher langweiliger als nützlicher ist: eine Zangengeburt der Ennuyance. – Für dieses Mal ade, lieber Freund: Ihrer Frau bitte ich meine besten Grüße zu sagen, u. mir selbst ein freundliches Andenken zu bewahren, dasselbe auch in Briefen ausdrücken zu wollen. Von Herzen Ihr E. R. 118

Uebrigens ist es seit gestern entschieden, daß Wilmanns nächste Ostern als Bibliothekar nach Königsberg geht! Professor extraordinarius perpetuus.

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2.48 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 5 Mai Meine liebe alte Mutting!

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Trotz aller beginnenden Semesterarbeit, die mich, mit Colleganlegen, in der That von Morgen bis Abend in Athem hält, muß ich Dir doch mit wenigen Worten sagen daß ich morgen mit meinem ganzen Herzen bei Dir bin, und Dir zum neubeginnenden Jahre alles Heil, das es vernünftiger Weise bringen kann, wünsche. Das vergangene war so hart u. schwer für Dich, und der allerbittersten 114

»In der philosophischen Fakultät: Es traten ein zum Beginn des Sommersemesters die ordentlichen Professoren […] der Philosophie Dr. Edmund Pfleiderer.« (Chronik, 1873,3). 115 »In der philosophischen Facultät: Es traten ein zum Beginn des Sommersemesters die ordentlichen Professoren […] der Chemie Dr. A. Ladenburg …« (Chronik, 1873,3). 116 »In der theologischen Facultät: Dr. theol. W. Möller, Pfarrer in Oppin bei Halle a./S., trat als ordentlicher Professor der Kirchengeschichte zu Beginn des Sommersemesters 1873 ins Amt.« (Chronik, 1873,3). 117 WV 17. 118 auf Extrazettel mit Bleistiftnotiz r.o.: »zu 12«; der Gesamtbrief trug die Bleistiftnummer »12«. Die Falzung des Zettels passt allerdings nicht zum übrigen Brief.

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Prüfung voll119, daß Du nun von der ewigen Macht, die uns ohne unser bewußtes Zuthun lenkt, ein volles Jahr der Linderung und allen Segens erwarten darfst – erhoffen wenigstens; und glücklich wäre es, als der Beginn eines langen ruhigen Lebensabends eingeleitet, wenn Angelika wirklich herüberkäme, um hier zu bleiben: was ich, als die höchste aller Wohlthaten, täglich ersehne. Ist noch immer keine bestimmtere Nachricht da? Mit Deinem Umzuge bist Du hoffentlich, trotz des wechselnden Wetters, gut zu Rande gekommen, und befindest dich in dem neuen Prachthotel wohler als in dem alten nassen Kasten. Ein Glück ist auch, daß wir die ekelhafte Judenfamilie Hersch nicht noch zu guter Letzt zu vis à vis bekommen haben: wenn man beim Ausgehen einem Eunuchen oder einem Juden zuerst begegnet, so bedeutet’s Regen oder sonst ein Unglück: u dem wären wir bei der drohenden Herschiade doch nicht entgangen. Wie geht es denn der »glücklichen« Julie Unna120? Hier höre ich daß Herr Mauschel-Klosberger, oder wie er heißt, ein schreckliches Exemplar eines alten, wirklichen Schauerjuden sein soll. Schreibt denn Anna was Vernünftiges, namtl. auch über das kleine Wurm, an die ich nie ohne wirklich herzliche Bewegung denke? Hier ist’s kalt öde u grau, der Frühling noch weit, als wollte er nie kommen: u. das ist eigentlich die einzige Seite, in der mich die Außenwelt hier interessirt; das Uebrige ist kaum Verdauungssache. Mein neuer College Wilmanns ist offenbar ein anständiger Mensch, aber reservirt, von einem gewissen pompösen Ernst u. zur Erheiterung dieses stupiden Lebens, das des Ernstes im Einzelnen gar nicht werth ist, leider wenig geeignet. – Unser Service liegt noch in grauer Nebelferne: wenn’s nur überhaupt kommt! Grüße von Dr Plats’; fröhlich scheinen die Alten auch nicht; das Leben geht sonderbar. Ade nun liebe Alte; laß Dir morgen die Erinnerung an so viel entschwundenes Glück und zerrissene Hoffnungen nicht zu schwer aufliegen; man klagt wohl gerade, wie Solon, darum weil man weiß daß es zu nichts hilft; aber man soll sich‚ bald gefasst, dem Leben ernsthaft u. gehobener Stimmung zuwenden, und sich fest an das halten, was uns trotz alledem bleibt. Sei meiner tiefen u. herzlichen Liebe gewiß u. halte dich wohl u kräftig! Von Herzen Dein Erwin

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Anspielung auf den Cholera-Tod des jüngsten Sohnes Adolph in Ungarn. Rohdes Jugendliebe Julie Unna hatte sich mit dem verwitweten Bankier Adrian Ploos van Amstel verlobt. 120

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2.49 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 20 Mai 73 Mein lieber Freund!

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Du wirst mich längst für den treulosesten aller Briefschreiber gehalten haben wegen meines langen und nicht fidelen Silentium. Ich bin dieses mal zieml. frei von Schuld, denn ich bin in reinem eselmäßigen Ochsen so über die Ohren versenkt, daß, wenn am Abend die für allerlei Gutes u. Treffliches, als zB. auch Briefeschreiben bestimmte Stunde kommt, ich meist an Gehirn und Auge zu allem Vernünftigen unfähig bin, vor Ermüdung. Ich habe mir näml. mit einem Colleg über Quellenkunde der griech. Litteraturgesch., das ich für eine Art Sinecure hielt, unbedachtsam selbst eine Ruthe gebunden: denn beim Ausarbeiten, Klopfen Strecken und Glätten dieses vertrackten Thema giebt es ganz abscheulich viel zu thun; und das occupirt mich zu einem großen Theil; zum andern andre Arbeiten. Deine ganz vortrefflichen, sehr fein u lieblich gesponnenen Alcidamantea121 habe ich, als in eine vorperipatetische Periode ausgesponnener Litteraturfabel-Kreise gehörig, schon mit Lust und Lob verwendet, ja ausgelitzt. – Da ich einmal in der παχύτης γραμματική ganz occulliret bin, so will ich, nach wackrer Philologenart, zugleich 2 treffliche Bemerkungen zum Agon mittheilen: näml. zu den verzwickten Wechselversen. Z. 168 West. heißt viell. (βροτῶν ποίοις ja jedenfalls 167) οἷς αὐτοῖς κίνδυνος ἐπ’ ἀπράκτοισιν ἕπηται, d.h. ἀπράκτοισιν (activ: si inertes sint) ἐφέπηται. – 124. 125. Deine Umkehrg ist grammatisch ganz u. gar unmöglich: »denk’ a bissel nach«. Die gewöhnl. Stellg ist wohl richtig: die Verse zu trennen unmöglich, e. Aenderung nicht indicirt. Der Witz scheint blos darin zu liegen dß Hesiod ἔπειθ’ wie ἔπειτα klingen lassen will, womit der Satz zu Ende u. dem Homer e Fortsetzung unmöglich wäre. Der fasst es aber als ἐπεί τε u. ermöglicht sich so eine Fortsetzung. Solche Amphibolien meint wohl Klearch Athen. X 457 E mit der Kunst τῷ πρώτῳ ἔπος ἢ ἰαμβεῖον εἰπόντι τὸ ἐχόμενον ἕκαστον λέγειν: denn ohne das wars keine Kunst. – Da siehst du meine Versimpelung: ich schreibe auch heute nur, um anzukündigen dß ich zu einer vernünftigeren Stunde Vernünftigeres wieder schreiben will u. werde. – Von unsrer schönen Zus.kunft bin ich ohne Gefährde heimgekehrt. Ritschl habe ich nicht besucht: ich fand, er hat sich zu schäbig benommen als dß ich ihm unbefangen hätte begegnen können. Auch mir hat er sein Erotema gegen Willamolch zugeschickt: du hast Recht: was gehts uns an? – Welcher Esel hat denn neulich Dein Buch bei Onkel Leutsch angewiehert? Ich sah nur hinein; daß doch immer die Blinden über die Farben am Besten unterrichtet sein müssen! Ach, lieber Freund, was haben wir mit diesen Pachydermen nur überhaupt zu schaffen? – 121

Certamen Homeri et Hesiodi: s. Nietzsche Handbuch, 2000/2011, S. 160.

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Sehr gespannt bin ich auf Overbecks Brandschrift (Grüße doch ihn u Romundt herzlich). Lagarde habe ich erst jetzt gelesen, mit großer Stärkung, in dem sehr kräftigen, ja austeren Aposteltone u. Ernste. Namtl. was er von einer mehr als »historischen« Theologie, als einer Anleiterin zur Religion sagt, ist vortrefflich. Als Voraussetzung muß man ihm frl. immer zugeben dß auf dem Grunde des trüben Schlammes »christlicher« Tradition eine ächte, lautere, ganz eigentliche (vor Allem, nicht rein moralische sond. metaphysische) Offenbarung ruhe: sonst hat die neue »Theologie«, in ihrer historischen Art gar keinen Sinn. – Frappirt hat mich s. Meinung üb. das Johannesevangelium: ich habe es neu gelesen, u. der gänzliche Mangel an Dogmen lässt es freil. sehr alt erscheinen: man sieht eigtl. nichts als einen, ƒ s. Person ganz magisch wirkenden Heilslehrer, der den Untergang des κόσμος οὗτος voraussagt, zu dem er selbst nicht als Richter sondern als σώζων der an ihn Glaubenden kommt. Nichts kann übr. wehmüthiger sein als die vollständige Einsamkeit, mit der er, nach Johannes, auch unter s Jüngern stand. – An Gersdorff habe ich vor längerer Zeit geschrieben, an s römische Adresse. Frage doch gelegentlich ob er den Brief bekommen hat. – Ade, liebster Freund: diese Tage werden uns in wunderbaren Erinnerungen vereinigen. Auf bald: vale meque ama. Φιλόλογος.

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Der »Promotus«123 war nur ein letzter Tribut an übernommene Bibliothekslangeweile: scheußlich, ja »verächtlich« ennuyant für Menschen Götter u. Bestien.

2.50 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche124 Die zweite Schreiberei des Wilamowitz hast Du wohl nicht gesehen: es ist auch nicht der Mühe werth; Sophistereien u. Schimpfereien, die uns nicht berühren können. Möge ihm denn bald die lohnende Professur werden! Ich denke nicht daran, ihn zu widerlegen. Dagegen habe ich, am 8. März, an Zarncke e. ganz kurze »Erklärung« geschickt, worin ich e. weitere Polemik ablehne: der Edle hat sie in sein Cbl. nicht aufgenommen, auch überhaupt nicht geantwortet; quorum neutrum demiror. Es war aber ein faux pas von mir, u thut mir hinterher leid. Laß also nichts von diesem vergeblichen Versuch bekannt werden. – Im Grunde geht uns ja all dieses miserable Gezänk gar nichts an, u. ich bin, wenn nicht etwa Z. nachträglich noch meine Erkl. aufnimmt, entschlossen, kein Wort mehr in dieser Angelegenheit zu verlieren. 123

WV 17. loser Zettel auf blauem dünnen Papier, ohne äusseren Zusammenhang mit einem bestimmten Brief; in KBG II,4,229 inhaltlich dem Brief 2.33 (vom 8. 12. 72) zugeordnet; Rohde selbst hatte ihn mit der Bleistiftzahl »63« zwischen den Brief vom 20. Mai 73 und 20. Juni 73 eingeordnet.

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2.51 Erwin Rohde an Richard Wagner Kiel 22. Mai 1873. Lieber und verehrter Meister!

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ich will den heutigen Tag nicht vergehen lassen, ohne Ihnen wenigstens in kurzen Worten die herzlichen Gefühle der Liebe und innigen Ergebenheit auszusprechen, die mich, wie wohl viele andre Getreue, heute125 noch tiefer und lebhafter als sonst bewegen. Ich erinnere mich von selbst jener wunderbaren Tage der Hoffnung vor einem Jahre, als Sie uns alle, die wir zu jenem bedeutungsvollen Feste zusammengekommen waren, durch die göttliche Kunst unseren armen Tagesgefühlen ganz entrückten, und uns wie in einen leuchtenden Zaubergarten der Sehnsucht und des Entzückens erhoben. Wie tausend Male habe ich jener seltensten Tage gedacht! und doch waren sie nur ein Symbol dessen, was wir in Ihnen und Ihren Werken verehren, lieben und erhoffen. Glauben Sie mir, daß unter einer ganz anders gearteten, oft niederdrückenden und betäubenden Arbeit, wie sie der Tag, die Pflicht und das Maaß der eignen Kräfte bringt, kein Tag vergeht, an dem ich nicht, in Augenblicken der Rast und der Sammlung, mit einem tiefen Gefühl des Glückes es empfinde, daß ich wenigstens als ein theilnahmevoll Verstehender an den erhabnen Gedanken einen Antheil nehmen darf, die Ihnen Ihre That eingaben und Sie Ihr großes Werk mit Kraft zum Ende führen lassen werden. – Vor einem Jahre legten Sie den Grundstein zu dem verheißungsvollen Bau, unter Regen und Trübsal; und wenn auch noch nicht Alles klar und günstig aussieht: an einem Geburtstage darf man ja wohl trotzdem hoffen, und das Haupt erheben, im Vertrauen auf den Dämon, der so Großes nicht der Erbärmlichkeit dieses »kleinen Geschlechtes« Preis geben wird! Wir aber, die wir uns Ihre Freunde nennen dürfen, die wir nicht zu jenen Sonderbaren gehören, die den »großen Moment« erst verstehen, wenn er vergangen ist, wir wollen um so fester zu Ihnen halten, soweit wir es mit That oder Wort oder Wunsch und guten Gedanken vermögen. Ach, was können wir mehr als wünschen? Aber das will ich doch wenigstens nach Kräften thun: wünschen, daß Ihnen das kommende Jahr das Menschlichste: Leben und Kraft und Freudigkeit bringe, und Bestand des großen, tiefen Glückes, das Sie nach langem Lebenskampfe in Ihrer Frau und Ihrem Knaben gefunden haben. Hoc est, quod unum est pro laboribus tantis!126 Und doch soll es nicht das Einzige sein; ach, wir wünschen ja noch ganz etwas Andres, und das sei denn schweigend den Göttern empfohlen. – Von mir ist, seit ich Ihr liebes Bayreuth verlassen, und dann in Lichtenfels von meinem Freunde Abschied genommen habe, nichts begegnet, zum Glück, soll 125 126

am Geburtstag Wagners. Catull, 31, 11.

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man wohl sagen, denn die Gewohnheit des ungestörten Lebenslaufes ist für uns gar nicht Extraordinären eigentlich wohl das Beste, zur ἀπάθεια Sänftigendste. Uebrigens war ich auch einige Tage in Hamburg, und suchte, laut Uebereinkommen, Baumeister auf. Ich traf ihn nicht, und schrieb ihm von hier aus einige Zeilen, Ihre Grüße bestellend. Er hat mir in einem liebenswürdigen Briefe geantwortet, aus dem die wahre und ächte Wärme dieses vortrefflichen, in ganz andern Geschäften ergrauten Mannes für Ihre Sache und Person sehr lebhaft hervorleuchtete. Ich wüßte nicht, daß mir lange etwas so wohl gethan hätte, als diese herzlichen Aeußerungen jenes sehr verständigen, einsichtsvollen, gebildeten, und also doch nicht verbildeten Mannes. Der sollte fast in Bayreuth leben, neben dem alten herrlichen Dekan und dem mannhaften Feustel. Ich möchte Sie bitten, mich den beiden Herren, sowie dem H. Bürgermeister gelegentlich zu empfehlen. – Für dieses Mal denn empfehle ich mich selber, verehrter Meister und Freund. Ich bitte, Ihrer Frau Gemahlin meine besten Grüße zu sagen. Mögen meine Wünsche zu Ihrem Heil sich so gewiß erfüllen, als sie vom wärmsten Herzen kommen! Treu ergeben Ihr E. R.

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2.52 Erwin Rohde an Bertha Rohde127 Kiel 8 Juni 73. Liebste Mutting! Heute sind es 14 Tage, seit ich die plötzliche, so überraschende Nachricht von Annas schwerer Erkrankung128 bekam, zu spät am Tage, um noch Abends nach Hamburg abreisen zu können. Seitdem ist sich nun zwar gute und bessere Nachricht, eine nach der andern, gefolgt, die mir z.T. durch Brandts zugekommen sind, und zuletzt noch gerade beim Beginn der Ferien durch Eure Depesche ergänzt wurde: dennoch verlangt es mich sehr, auch etwas Genaueres vom Ver127

bei der Tochter in Ungarn. Nach dem schnellen Choleratod des jüngeren Bruders in Ungarn kurz vor Weihnachten 1872, war nun auch die jüngere Schwester Anna an der Cholera erkrankt. Daran erinnert ein Freund ihres Mannes in seinem Nachruf auf Brandt: »Brandt hat mir selbst wiederholt von diesem Aufenthalt erzählt, der für ihn eine wahre Probezeit auf seine Entsagungsfähigkeit gegenüber den Ansprüchen auf ein menschenwürdiges Dasein in sich schloss. Ganz besonders schwer traf ihn aber unter diesen Umständen der Ausbruch der Cholera, von der auch seine junge Frau so schwer betroffen wurde, dass er schon alle Hoffnung, sie sich am Leben zu erhalten, aufgegeben hatte; nur eine Flasche schweren ungarischen Rotweines, zu der er in seiner Verzweiflung griff, brachte eine Wendung zum Besseren und erhielt ihm sein noch so junges Eheglück.« (H. Himmelheber, in: Die Literarische Gesellschaft, Heft 7-8, 1918, Hamburg, II. Es mag sich bei den »schweren Weinen um »Stierenblut« (Ferenc Szedlák) gehandelt haben. 128

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lauf der Krankheit und ihrer, gottlob, glücklichen Abwendung zu erfahren. Wenn Du also unter der Noth mit der Genesenden, und den kleinen Kinderchen, einen Augenblick Zeit einmal findest, so möchte ich Dich sehr bitten, mir doch gelegentlich einige Notizen über den Stand der Dinge zu geben. Ein Glück nur, daß die eigentliche Noth und Gefahr so bald abgewendet wurde; denn wie groß war nicht die Angst und Sorge, nach dem kaum verwundenen, ganz ähnlich beginnenden Schreckensfall des vorigen Jahres! – Hier haben wir soeben die Pfingstferien überstanden: eine unsinnige Einrichtung, die Einem nur den Geschmack am Faullenzen erweckt, ohne ihn gründlich zu befriedigen und den miserabeln Junggesellen nur verdrossener in seine Arbeitsklause zurückschickt, in der es ihm die heilsame Gewohnheit, die wohlthätigste der Göttinnen, vorher ganz erträglich erscheinen ließ. Man spürt nur wieder das Unsinnige des Arbeitens; eigentlich treibt man diese vielen Dinge wohl nur, um schließlich ein Recht zu haben, als ein Vielerfahrener ihre sinnlose Eitelkeit zu erkennen. – Ich bin von Sonntag bis Freitag in Kopenhagen gewesen, zum 2ten Male, und mit lebhaft erneuertem Genusse; es ist eine höchst anmuthige Stadt, wohlbehäbig, und schön gelegen, der angenehmsten Sammlungen voll, und für ein geistiges Dasein unendlich geeigneter, auch durch eine gewisse gentilezza d’ ingenio der gebildetern Bewohner, als dieses vierschrötige, dumpfe Kiel. Dazu hatte ich, nach vorausgegangner Winterkälte, das herrlichste Sommerwetter, wie z. Glück meist auf meinen Reiseunternehmungen (unberufen!), deren jetzt schon eine ziemliche Anzahl ist. Auf dem Rückweg freilich ein völliger Sturm, und abscheuliche Seekrankheit, mit allen dazu gehörigen Vergnügungen. Ich hätte unsre arme Anna nicht bei diesem scheußlichen Geschwanke sehen u hören mögen, da sie ja schon bei völliger Windstille, bei einer Kahnfahrt um Helgoland herum, in die gründlichsten Expectorationen ausbrach! Ueber & neben mir lagen einige Sachsen die sich ihre gesteigerten Empfindungen im herrlichsten Meißnerdeitsch zuriefen und entgegenvomirten. Hier steht alles auf demselben Fleck, das Laub der Bäume ist herrlich entwickelt, die Luft noch immer nicht recht warm, meine Schreibfedern sämmtlich verrostet (das merkst Du wohl!) und meine Butter ranzig geworden. So ist der Lauf der Welt. – Nun also, liebe Alte, schreibe mir bei günstiger Gelegenheit, etwas von euch, wie es der Kranken u. Dir, Alfred und den lieben kleinen Würmern geht. Du bleibst dann wohl gleich im Süden, um in e. Bad zu gehn? Grüße Anna von ganzem Herzen, die Wiedergewonnene‚ die uns nach dieser Angst doppelt lieb sein soll. Und so denn mit allen herzlichen Grüßen & besten Wünschen an Dich & Alfred für dieses Mal addio! Dein Erwin Heißt das Nest auch wirklich S. A. Ujhély?

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2.53 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke Kiel 18 Juni 73. Geehrter Herr College, ich bin gerne bereit, die mir zugesandte Schrift in Ihrem Blatte zu recensiren129: nur muß ich jedenfalls um eine ziemliche Frist ersuchen, denn augenblicklich bin ich mit Arbeiten für das Colleg und für eigne Zwecke so durchaus belastet, daß ich für Weiteres nur einen sehr geringen Theil meiner Zeit übrig behalte. Wenn also die Anzeige nicht gerade besondre Eile hat, so möchte ich um einige Nachsicht in der Zeit der Einlieferung der Anzeige ersuchen, welche ich dann langsam aber gewiß zu Stande zu bringen mich verbinde. Achtungsvoll Ihr ergebenster E. Rohde.

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2.54 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 20. Juni 73. Mein lieber Freund! endlich ist wohl deine böse ἀμβλύωσις so weit gewichen, daß man es wagen kann, mit einigen Zeilen sein Mitgefühl auszusprechen, ohne eine neue Verschlimmerung des Uebels damit hervorzurufen. An Gersdorff, der mir von Basel aus einen so freundlichen Brief schrieb, hätte ich längst wieder geschrieben, wenn ich irgend e. Vorstellung davon gehabt hätte, wie lange er sich eigentlich bei euch aufhalten und also von einem eventuellen Schreibebrief erreicht werden würde. Die Anwesenheit u. thatkräftige Hülfe dieses treuesten aller Kameraden muß dir freilich eine große Erleichterung in der Noth gewesen sein: ich bitte, ihn, wenn er noch in B. ist, von Herzen von mir zu grüßen. Du aber, theuerster Freund, nimm nur vor Allem das kostbare Augenlicht auf das Sorgsamste in Acht, ohne das wir nichts sind als miserable Fledermäuse, elend piepsend und grübelnd, klebrig umhertappend: dem Ding »Unbewußten« des Herrn v. Hartmann durchaus vergleichbar, als einem Maulwurf mit ausgestochnen Augen. Mich verlangt sehr, etwas Näheres von dem Verlauf der Krankheit zu hören: d.h. wenn eben diese Krankheit ohne Beschwerde zu schreiben verstattet. Ich bin noch immer das alte Ackerpferd, ochsend und gelehrtes Korn zerstampfend von früh bis Abend, essend verdauend schlafend & badend, von Gedanken wenig geplagt. Sela. – Darüber ist also nichts zu sagen. Mein verehrter 129

WV 20: »Schuster, Dr. Paul, Heraklit von Ephesus. Ein Versuch, dessen Fragmente in ihrer ursprünglichen Ordnung wieder herzustellen.«

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College, Herr Wilmanns, zeichnet sich durch eine wirklich pyramidale Langweiligkeit aus: wenn man sich darin auf deutschen Universitäten sogar noch hervorthut, so will das allerdings etwas sagen, wie Du weißt. Das macht also die Existenz nicht sonniger. Dagegen bin ich zu Pfingsten in Kopenhagen gewesen, & habe mit allergrößtem Interesse eine ganz fremde Existenz einmal um mich herfluthen lassen. Verstünde man diese seltsam tönenden Fluthen, so erführe man sicherlich, daß das Leben dort so gemein verläuft, wie überall in der Welt; so aber, ganz fremd und unverstehend, macht dieses Getöne einen so sonderbar anziehenden und anregenden Eindruck, wie eine bloße Instrumentalmusik, bei der der Phantasie zu allen denkbaren Flügen der Raum gelassen ist, oder eines Gesanges in fremder unverstandner Sprache, die ebenfalls das Anziehendste hinter ihren fremdartigen Tönen sich vorzustellen erlaubt. Das ist der Reiz der Fremde. Es ist übrigens ein sehr liebliches, sonderbar weiches und liebenswürdiges Inselland. Àpropos! bald hätte ich eine Hauptsache wieder, wie schon im letzten Briefe, vergessen: die höchst bedenkliche, ja bedrohliche Finanzangelegenheit, die noch zwischen uns schwebt. 79 rl. dir schuldig seiend, bin ich gegenwärtig ganz u gar unfähig, dieses Sündengeld abzutragen. Der erwartete »Wohnungszuschuß« ist noch nicht eingetroffen. Gestatte also, lieber Freund, daß ich, vom Juli an, Dir das Geld allmählich in kleinen Raten abtrage. Ita sunt res nostrae. Habe Geduld mit mir, ich will Dir alles bezahlen u.s.w. Aber ich muß schließen; ich werde dümmer als dumm, durch die Anwesenheit eines braven Dr phil, der mich abzuholen kommt & in meinem Zimmer herumstöbert, mich zerstreut & nervös machend. Ich hoffe auf eine bessre Stunde nächstens. Grüße also vor Allen Gersdorff, aber auch die ganze »engere Tafelrunde« im Kopf von Herzen: mit Ausnahme des »Rüsselgespenstes«, das mir Gersdorf so drastisch vorgemalt hat. Habe Geduld mit mir, mein Freund: bald werde ich geistig & finanziell wieder zahlungsfähig. Bis dahin bleib mir gut, und sorge für Deine Gesundheit. Dein E. R

2.55 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 6. Juli 73 Meine liebe Mutting!

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endlich muß ich doch einmal einige Nachricht von meinem Thun und Ergehen geben, wenn auch nur, um zu sagen dß Alles s. gewöhnlichen Gang geht. Ich habe eure günstigen Nachrichten mit der allergrößten Befriedigung vernommen & wünschte nun nur nächstens noch zu erfahren dß Alfred anderswo eine Stellung gesucht & gefunden habe als in jenem unglückseligen Sumpf- u Barbarenlande, das uns Ein theures Leben schon gekostet und ein andres nur eben noch verschont hat. Was hilft Einem im Grunde ein noch so reichlicher Erwerb zum

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Genusse des Lebens, wenn man dabei eben dieses Leben weder genießen noch seiner auch nur leidlich versichert sein kann? – Dem kleinen Dietewurm scheint es ja, nach dem Bilde zu urtheilen, zunächst noch gz gut zu gehen, wie man aus ihrer stattlichen Abrundung schließen darf. Mögen diese 2 kleinen Wesen sich nur glücklich und heiter entwickeln. – Ich bin zu Pfingsten in Kopenhagen gewesen, wie ich auch wohl schon geschrieben habe. Seitdem arbeitet die Maschine wieder, den Ferien zu: denn wie das Gehen des Menschen, nach irgend einem berühmten Philosophen, eigtl. nur ein immer gehemmtes Fallen ist, so ist ein Universitätssommersemester nicht viel mehr als eine ruckweise Retardirung der Ferien, die dann endlich doch, von Alt & Jung ersehnt, hereinbrechen. Vorher soll noch der Grundstein zu unserm künftigen Universitätsbau und allen chimärischen, daran geknüpften Erwartungen gelegt und festlich gefeiert werden. Dann aber denke ich den August größtentheils hier noch schreibend zuzubringen, & wünsche mir dazu nur ein windstilles Gemüth und eine emsige Schreibehand. Später muß ich mich allerdings etwas auslüften, weiß aber noch nicht recht wo. D.h. was ich wünsche, weiß ich wohl: näml. »Italiens heil’ge Gänse« wiederzusehen, aber ob dazu die Gelder hinreichen, ist mir allerdings 2felhaft. Hier käme es nun darauf an, dß Du mir bestimmt angäbest wie viel Zuschuß Du mir allenfalls zu leisten willig & im Stande bist, damit ich so einen Ueberschlag der verfügbaren Mittel machen kann. Darum also will ich zunächst gebeten haben? – Wie hat sich denn Wiebes Bankerott aufgeklärt? hast Du viel dabei verloren? – Meine Gehaltswechs. haben sich etwas verbessert, ƒ eine persönliche Zulage & das s. g. Servicegeld: in summa stehe ich mich nun auf 900 rl; aber diese Süßigkeiten werden mir wohl erst in einer fernen Zukunft eigentlich zur Empfindung kommen, denn vor der Hand gähnen viele gierige Rachen nach alten Schulden, so dß alsbald die ganze Herrlichkeit verschwunden ist. – Nun möchte ich noch etwas Genaueres über Angelikas Herüberkommen erfahren auf das ich mich mit Dir von Herzen freue. Auch wie es bei eurer kleinen Familie steht & wie es Dir selbst, liebste Alte, geht verlangt mich sehr zu wissen: u. so denn bis auf einen Brief von Dir addio. Tausend Grüße an Lotte und Alfred Dein Erwin.

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2.56 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 6. August 73. Lieber Freund! Nachdem ich erst eine lange Zeit gesäumt hatte Ihnen zu schreiben, weil die »grausame Hitz« jeden Gedanken Einem im Kopfe zerschmolz, habe ich nun schließlich wieder, bei dem mittlerweile, zur Feier unsrer Grundsteinlegung ein-

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gebrochnen Regen= u Kältewetter, auf einen freundlicheren Sonnenblick warten wollen, um Ihnen doch ein wenig Sonnenlicht in den Brief einschließen zu können. So gut soll es aber, scheint es, uns in diesem Sommer nicht mehr werden; und darum denn also endlich die Feder ergriffen mitten im aschgrauen Wind= und Regenwetter. Wie viel wäre nun von diesem verflossenen, u. mit der Grundsteinlegung jämmerlich beschloßenen Semester zu berichten, wenn nicht alles Einzelne längst zur vollständigsten Unbedeutsamkeit eingeschrumpft wäre, seit ich es Ihnen als riesengroße Neuigkeit hätte mittheilen mögen. Die Herrn Studiosibus machen sich, wie immer, ganz wohl und vortrefflich, und von den Herren Professoribus ist auch nichts Aufregendes zu berichten. Peter Wilhelm der Prächtige war bis Ende Juni in Staatesangelegenheiten in Berlin, dann aber gönnte er sich uns wieder. Wie Wilmanns’ Wirksamkeit eingreife, erfahre natürlich gerade ich am Wenigsten, da ein directes Nachfragen sich nicht ziemen würde. Was ich ernstlich beklage ist dß es mir nicht gelingen will, mit ihm in ein irgendwie vertrauteres Verhältniß zu kommen. Die Schuld liegt dieses Mal wirklich nicht an mir, der ich ihm mit Aufmerksamkeit und Beflissenheit entgegen gekommen bin: aber er hat einen ganzen Eiskeller höflicher Steifheit im Leibe, der es gar nicht möglich macht, über die äußerlichsten Praeliminarien hinaus zu irgend einem persönlicheren Contact zu kommen. Wenn ich, natürlich durchaus sub rosa, meine eigentliche Empfindung diesem Biedermann gegenüber aussprechen darf, so ist es in der allergründlichsten Langenweile. Er hat eine so unbeschreiblich gründliche Ernsthaftigkeit in den gemeinsten Angelegenheiten des Lebens, die gar keines wirklichen Ernstes werth sind, daß er Einen mit Erörterungen über Wohnung und Mittagessen – den wesentlichsten Themen seiner Gespräche – in einen Abgrund gähnender Stupidität hinunterziehen kann, der Einem zu weiteren Anstrengungen der Unterhaltung allen Muth nimmt. Dazu bin ich als Wagnerianer130 ihm jedenfalls unheimlich, wie alles Antiphiliströse; und so sehe ich denn, bei aller Anerkennung seiner mir ganz deutlichen moralischen Tugenden, zwischen ihm und mir, wie ich nun einmal von der Natur eingerichtet bin, ein großes χάσμα‚ über das ich keine Brücke zu schlagen weiß. Gleich sind wir uns zudem gerade in dem, worin wir, zur Anbahnung eines collegialen Verhältnisses, es am Wenigsten sein sollten, in einer entschiedenen Abneigung, uns vor Fremden131 – die eben dadurch ewig Fremde bleiben, – herzlich aufzuschließen: die Summe ist ein sonderbar gleichgültiges Verhältniß, das ich beklage, und über das ich hier zum letzten Mal geredet haben will. – Von den übrigen Neuen ist wenig zu sagen. Der Philosoph Pfleiderer wird stets nur ferne am Horizont gesehen. Der kleine 130 »Wagnerianer« mit weichem Bleistift dick unterstrichen: der Strich mit Radiergummi bearbeitet und verschmiert. 131 »Fremden« über der Zeile mit Bleistift wiederholt.

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Möller132 er ist sicherlich noch kleiner geworden, seit Sie ihn als kleinen Jungen kannten – scheint sich gz wohl zu fühlen, er erinnerte sich Ihrer sehr wohl u. lässt grüßen. – Ein unerträglicher kleiner Laffe ist Ladenburg, albern und praetentiös. – Jacobsen hat e. Ruf als Ordinarius nach Rostock bekommen: dem armen Kerl war es zu gönnen. – Gestern hat sich Stimming als Romanist hier habilitirt; ich traue ihm nicht einen Gran wissenschaftlichen Interesses zu133. – Gutschmid verlässt uns zum Winter. Wie groß sein Verlust ist, wissen Sie ja134: Nissen hätte ihn ersetzen können, aber, nachdem man in Berlin (wo natürlich die Herrn ihm nicht grün sind. »Seit N., statt sich auf Andre [i e Mommsen] zu stützen, eigne Wege zu gehen versucht, hat er nur Verfehltes zu Tage gebracht«. So der naseweise Herr Aldenhoven zu Gutschmid; natürlich nur das Echo der Berliner Allwissenden) – nachdem man ihm Anfangs gar keine Gehaltzulage geboten hatte, bot man ihm endlich eine geringe Erhöhung, wenn er schon zum Winter komme: er wollte aber erst zu Ostern kommen, & so hat sich die Sache zerschlagen. Man will in Berlin Hirschfeld, jetzt in Prag, Mommsens Gehülfen und wird ihn auch natürlich durchsetzen. Er ist, bei der großen Noth, mit vorgeschlagen: an erster Stelle aber Peter junior. Heute Abend wird Gutschmid in »Germania« weggegessen. Die Frau geht übrigens zum Winter mit e. kleinen lungenkranken (?) Tochter nach dem Süden, G. allein nach Königsberg, und soll‚ ohne mitgenommene Dienstboten, mit den übrigen Kindern im noch ungemietheten, uneingerichteten Hause allein wirthschaften! – Von unsrer Grundsteinlegung haben Sie wohl in den Zeitungen gelesen. Es verf D. Fest verlief recht kläglich. Um 1 Uhr in den Consistoriensaal bestellt, wurden wir, bei Verzögerung des Extrazuges der den Kronprinzen brachte, erst um 2 ins Chateau hinübergelootst, und während S. K. K. Hoheit allerhöchst zu frühstücken geruhten, mussten wir, Universität, Ritterschaft, Beamte & Officiere, einige hundert Menschen, zwei geschlagene Stunden im großen Saal stehend warten. Endlich g ing denn die allerhöchste Sonne auf: zuerst redeten 2 Redner von der Ritterschaft, dann erst Kupffer135: auf die Universität kam es bei der officiellen Feier überhaupt erst an 2ter Stelle an. Einige Worte des Krpr; Vorstellung zunächst sehr vieler Ritter, dann erst einiger weniger Professoren. Endlich erlöst, durften wir uns im Festzuge scheußlich naßregnen lassen, setzten uns triefend auf die Tribüne im Schloßgarten, und genossen, zwischen geistliche Lieder eingekeilt‚ eine unbeschreiblich salbungsvoll-triviale Rede des guten Lindemann, und weiter eine heillos langweilige sesquipedale Rede des Oberpraesidenten, bei der nur Ein Trost die über den einfallenden Platzregen 132

Der Name mit Bleistift unterstrichen. »Es habilitirte sich als Docent für neuere romanische Sprachen der Lehrer an der hiesigen Realschule, Dr. A. Stimming und begann im Winter seine Vorlesungen.« (Chronik, 1873,5). 134 »Dagegen verlor die Facultät durch Berufung nach Königsberg am 1. October 1873 den Professor der Geschichte, Dr. H. A. Freiherrn von Gutschmid«. (Chronik, 1872,5). 135 »Das Rektorat verwaltete Prof. Dr. medicin. Carl Kupffer.« (Chronik, 1873,4). 133

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tröstete: daß nämlich dem officiellen Ennuyeur der Regen fortwährend auf den unbedeckten kahlen Kopf goß, je länger er kohlte, desto schlimmer. Wie zum Hohn klärte sich das Wetter alsbald auf, als nach den officiellen Hammerschlägen endlich, endlich um 6 ¼ Uhr die concio entlassen wurde: Es folgte officielles Diner auf Bellevue, auf Kosten des Kronprinzen, zu dem, auf Plessens Veranlassung, unter 60 – 70 Gästen, von der Universität nur Rector Decane Festredner und, glaube ich, Weinhold eingeladen waren: bei einem Universitätsfeste! Wir Andern aßen zum Theil in Germania, was von einem auf 5 Uhr berechneten und zu ¾ aufgegessnen Mittagessen um 7 Uhr an kaltgewordnen Resten noch übrig geblieben war. Das Beste war aber der Beschluß des Tages. Mit etwa 6 = 7 Collegen: Wilmanns Brockhaus Ladenburg Möller u A. kam ich in das Commerslocal bei Wied. Kein Platz zu finden, da eine ungeheure Menge einfacher Knoten, ohne irgend e Berechtigung, sich festlich um die Tische gelagert hatten. Von Seiten des Studentencomite’s keinerlei Vorkehrung zu unsrer Aufnahme: wir möchten unterkriechen wo wir Platz fänden. Manche mögen sich dazu herbeigelassen haben: ich ging mit den oben Genannten alsbald wieder fort, froh eigentlich, dieser letzten Strapaze entgangen zu sein, aber doch einigermaßen θυμοῦ μεστός wegen dieser anmuthigen Krönung dieses äußerst unbehaglichen, lächerlich geschmacklosen Festes.136 Der Daemon behüte uns vor weiteren aehnlichen. – So viel von Festen und festigen Unglücksfällen. Das Erfreulichste, was der Mensch, in seiner Rohheit, von diesem Semester verzeichnen könnte, ist wohl der endlich eingetretene Wohnungsgelderzuschuß; ich habe zudem e. Zulage von 100 rl bekommen und besitze also jährlich 920 rl, mit denen ich wenigstens so halb und halb auskomme, und es erwarten kann, bis das unwahrscheinlichste Geschick mich zu dem Stande eines Ordinarius zu erheben die Gewogenheit hat. – Geschlossen habe ich am Sonnabend, bei Gelegenheit der Univ. feier: jetzt bleibe ich noch bis geg. Ende August hier, und gehe dann viell. über München nach Oberitalien auf 6 – 7 Wochen. Zum Herbst erwarten wir meine Schwester (u Schwager) aus Mexico. – Marie Junghans geht als Kindermutter zu Dr Klügmanns in Rom, der vor einigen Stunden, auf e. D.reise durch Kiel, mich besucht hat. – Zum Schluß schönen Dank für Ihre zwiefache Zusendung. Ich werde Sie mit Kleinerem jetzt wohl längere Zeit verschonen. – Leben Sie wohl und heiter, seien Sie meiner treusten Ergebenheit stets gewiß u. lassen Sie mich gelegentlich von Ihrem Wohlergehen hören. Viele Grüße an Ihre Frau. E. R. 136

Der amtliche Bericht in der Chronik erwähnt als »Hauptereigniss in der Geschichte dieses Jahres die von Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit, dem Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preussen. Höchsteigenhändig vollzogene Grundsteinlegung zu dem neuen Universitätsgebäude am 3. August 1873. Die Theilnahme des erhabenen Gastes, der mit allgemeinem Jubel von der Bevölkerung empfangen wurde, gestaltete den feierlichen Akt zu dem bedeutungsvollen Feste, zu dem Stadt und Land freudig mitwirkten.« (Chronik, 1873,6).

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2.57 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 9. August 73 Liebste Mutting, Ferien hätten wir nun glücklich gemacht, und es könnte also sofort die Reise in das gelobte Land stattfinden, wenn ich nicht noch bis zum Ende des Monats hier zu arbeiten hätte an einer beträchtlichen Schrift, die mir schon lang auf dem Magen liegt. Im September aber denke ich ernstlich meine italienischen Pläne auszuführen, und endlich einmal diesem täglich grauer und herbstlich trüber werdenden Kieler Himmel zu entfliehen, & vor Winters Einbruch noch ein wenig Sonnenlicht in den ewigen Nebel hineinzuretten. Ich möchte Dich nun bitten, mir die mir zugedachten 50 rl doch alsbald hierher zu schicken, da mir jeden Tag, bei völliger äußerer Ungebundenheit, der Geduldsfaden über dieses cimmerische graue Wolken- u Regenwetter reißen kann & ich dann zum Abmarsch meine Truppen bereit haben muß. Mit dem Rest meines Servicezuschusses erhalte ich so ein zieml. Reisegeld, dem ich freilich vom kommenden Semester noch ca 100 rl. hinzu fügen muß, um e. Aufenthalt von etwa 6 Wochen in Italien möglich zu machen. Schreibe mir nur gleich dabei, ob ich den dann noch restirenden Theil der Ferien (etwa vom 12 0ctb. an) dir in Hamburg willkommen bin: ich möchte das schon jetzt wissen, um mir sogleich wenn ich nach Italien gehe, die zur Vorbereitg aufs Wintercolleg nöthigen Bücher mit nach Hambg nehmen & sie dort hinterlassen zu können. Hier ist nichts Berichtenswerthes vorgekommen, denn was wäre in Kiel Berichtens werth, wenn, wie nun seit ca 14 Tagen auch noch das Sommerwetter sich vermissen lässt, das einzige Erträgliche in dem ganzen Nest. Vorigen Sonntag »feierten« wir die Grundsteinlegung des neuen Universitätsgebäudes: S. K. K. Hoheit der Kronprinz hatte die Huld u Gnade, uns 2 volle Stunden, wie die Hämmel gepresst, allerunterthänigst im Schlosse stehend antichambriren zu lassen: dann lange lederne Reden auf dem Festplatz, mit strömendem Regenplaisir. Kurz, es war herrlich! und dabei bekam man, bei der Verschiebung der ganzen Tagesordnung, nirgends etwas Rechtes zu essen; so daß das in Unterthänigkeit ersterbende Wonnegefühl über die allerhöchste Anwesenheit unsres allergnädigsten Kronprinzen und zukünftigen Herrn das loyale Gemüth und den damit verknüpften Magen gänzlich zu befriedigen hatten. Und dazu noch das ewige byzantinische Schweifgewedel von den glorreichen Schlachten & dgl. hören zu müssen, die doch wahrhaftig nur geschlagen wurden, damit man sie möglichst bald vergessen könne, nicht ab. damit man, an einem Feste einer wissenschaftlichen Anstalt, immer wieder an den Jammer u. das Elend wie an die herrlichste Erinnerung gemahnt werde. – Das war nun also einmal ein königl. preußisches Galafest! – Recht sehr freue ich mich auf die Mexicanischen Ankömmlinge, die ja, wie es scheint, schon im Anfg October zu kommen

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denken137. – Wie haben sich denn Alfred u Anna auf ihrer Wiener Excursion befunden?138 für ihn muß es freilich eine rechte Weide gewesen sein. War denn sein Modell mit ausgestellt? – Grüße Beide herzlich von mir & halte dich selbst gesund u heiter, liebe Alte, bis auf Wiedersehn in Hambg. Von Herzen Dein Erwin.

2.58 Erwin Rohde an Franz Overbeck Florenz 2 Sept. 73. Geehrter Herr Professor!

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Sie werden mich für sehr undankbar halten, da ich auf Ihre gütige Zusendung der theolog. Streit- und Friedensschrift nun schon seit so langer Zeit mit keinem Worte dankend geantwortet habe. Und doch war es gewiß nichts weniger als Gleichgültigkeit oder Undankbarkeit, was mich so lange zögern ließ, sondern ein sonderbarer, zwischen selbst auferlegter Arbeitswuth und unruhig reizenden Reisehoffnunen getheilter Zu stand, in dem ich Ihre Schrift erhielt, der mich zu irgend einer Sammlung und zu einem vernünftigen Briefe nicht kommen ließ. Vielleicht wird Gersdorff Ihnen ein mehreres mittheilen, aus einem Briefe, den ich, um einer gleichen Versäumniß willen mich entschuldigend, heute an ihn abgehen lasse. Es war nun freilich eine thörichte Hoffnung, daß ich auf der Reise die Sammlung eher als zu Hause finden w ürde: denn natürlich reißt ein solcher Ortswechsel und gar ein Aufenthalt in den völlig berauschenden Herrlichkeiten Italiens Einen erst recht, und mit unwiderstehlicher Gewalt, in alle Weiten fremdartiger Anschauungen & Vorstellungen. Ich hoffe daher, für meine Thorheit Vergebung zu finden, wenn ich auch jetzt noch mich nur auf einen Dank für Ihre freundliche Sendung beschränke, da ich zumal, au f der Rückreise, hoffen darf, Ihnen meinen Dank in Person ausdrücken zu können. Ich dürfte wohl ohnehin mir nicht anmaaßen über ihre Schrift irgend etwas, als meine Meinung, vorzubringen, da ich, als ein gänzlicher A-theologus mich ihr gegenüber durchaus nur lernend zu verhalten habe. Immerhin darf ich bekennen daß von so manchen theologischen Schriften, dergleichen Einem denn doch einige in die Händ e fallen 137

die ältere Schwester Angelika mit ihrem Mann Otto Schlesinger. »Brandt scheint sich in Ungarn mit der Erfindung einer auf ganz neuen Grundlagen herzustellenden Gesteinsbohrmaschine beschäftigt zu haben. Wenigstens hat er auf der Weltausstellung in Wien im Jahre 1873 durch Ausstellung von Zeichnungen und Modellen seine Absichten der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Er hat dort aber, wie er mir selbst gelegentlich erzählt hat, wenig Anklang gefunden. Namentlich scheint der von ihm für den Betrieb seiner hydraulischen Drehbohrmaschinen in Aussicht genommene hohe Wasserdruck von 80 bis 100 Atmosphären bei der Prüfungskommission Anstoss erregt zu haben, weil man es damals noch nicht für möglich hielt, Rohrleitungen herzustellen, die bei solchen Drucken dicht gehalten werden können.« (Himmelheber, 1918, II.).

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nie irgend eine mir einen ähnlich tief bestimmenden und namentlich einen so durchaus sympathischen Eindruck gemacht hat. Es wäre wohl absurd, von Sympathie, sofern sie hier eben nicht auf die Theilnahme an der tiefernstlichen, unerbittlich wahrhaftigen Behandlung des Gegenstandes sich beschränkt – zu reden, gegenüber einer so innerlichst christlichen Schrift, wenn nicht gerade in ihr jene Scheidewand zwischen Christentum und einer frei gewordenen Bildung, die Theologie, wie sie sich dem Laien wenigstens gewöhnlich zeigt, als ein durchaus nur hemmendes, ja geradezu antichristliches Princip Element in der seltsamen Mischung des »heutigen Christentums« abgewiesen würde. Denn damit freilich fühle ich die allerlebhafteste Sympathie, daß man endlich gerade heraus und mit dem großen Muthe den Sie in jener Schrift bewährt haben, dagegen Protest erhebe, daß eine solche historische (und gar nur quasihistorische) Betrachtungsart, wie es die der Theologie ihrem Wesen nach ist, sich wie eine religiöse gebärde. Wo bliebe denn eigentlich zuletzt ein wirklicher Inhalt, im Alles nach sich bestimmenden Lebensprincip, wenn nicht nur unsern übrigen, von N. so drastisch gezeichneten »Bildungsphilistern« erlaubt sein soll, alles Edelste, das Leben bildende und sich nachziehende, in eine kühle »objective« Ferne zu rücken, wo man denn von seiner Existenz wissen kann, und dabei doch ruhig und in seinem eignen Lebensgefühl unberührt auf seinem Canapee sitzen bleiben kann, – wenn nun auch das Christentum von denjenigen, die es ganz wegzuwerfen den Muth nicht haben, in eine solche Distance der »wissenschaftlichen« Betrachtung gerückt wird, ohne daß sein eigentlicher Lebensgehalt – den von einem Theologen so entschieden als einen asketischen bezeichnet zu sehen, wie ich ihn aus Schopenh. kannte, mich sehr erfreut hat – auf die Gesinnung der Betrachtenden irgend einen Einfluß zu gewinnen brauchte. »Kritik« und »Historie« dort wie hier, und in den wichtigsten Dingen ein flaues Begnügen mit dem Wissen um die Meinungen andrer, längst verstorbener Ehrenmänner, und mit einigen wohl gefassten »kritischen« Bestimmungen darüber: als ob man von Scheidewasser leben könnte! Dazu muß einem Christen sicherlich die ganz corrupte, unerhört zwischen rechts und links paktirende Art, wie – nach Ihren Nachrichten – jene s.g. wissenschaftliche Theologie gar noch gehandhabt wird, besondern Schmerz bereiten, da diese freilich unser Einem nur Lächeln abgewinnt, die Wirkung im religiösen Sinne aber gänzlich hemmt. Sie haben ganz gewiß Recht: mit der Religion hat die Wissenschaft – die eben das in die Ferne rückt, was der Religiöse mit seinem ganzen Gefühl in sich aufnimmt – absolut gar nichts gemein, so wenig wie die Kritik mit dem Kunstgenuß; die Wissenschaft mag für sich walten, aber sie fällt freilich ins Absurde, wenn sie sich nun gar zu einer Religion aufbläht, wie sie das gegenwärtig thut. Hiergegen auf christlichem Gebiete zu protestiren ist gewiß eben so verdienstvoll als auf dem Gebiete der sonstigen Bildungsphilisterei: und Sie können sich denken, mit welchen Empfindungen wirklicher Aufklärung in diesen‚ gemeinhin so schläfrig unklar behandelten Fragen ich, zu gleicher Zeit, Ihre und Nietzsches Streitschrift empfing; mir musste es scheinen, als ob

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eigentlich zwei Symptome ganz derselben Krankheit in beiden Schriften behandelt würden; daher ich denn Sie und N. in Einen Band als »Confessores Basileenses« habe zusammenbinden lassen. – Ich bin nachträglich selbst erstaunt, daß ich nun doch eine so lange »Kritik und Historie« über Ihre Schrift hervorgesponnen habe. Glauben Sie mir, daß ich damit nur den Empfindungen meiner Dankbarkeit für die wichtigste Belehrung Ausdruck habe geben wollen, und meine besondre Theilnahme an demjenigen Theile des Inhaltes Ihrer Schrift ausdrücken, von dem allein ich durch Mitempfindung eine Art von Verständniß habe. Möge nun der begonnene Kampf mit Energie ƒgeführt werden. Mit besondrer Hochachtung Ihr ergebenster E. Rohde

2.59 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Florenz, im Postgebäude, Dienstag.139 Liebster Freund!

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In aller Eile nur folgende Anfrage, die allmählich »zeitgemäß« wird: wann beginnen eure Ferien; cioè, wann verläßt Du Basel? Ich möchte das wissen, um danach meine weitern Reisepläne zu bestimmen. Wenn Du nämlich gegen Ende September & Anfang Octobers in Basel bist, werde ich jedenfalls m. Weg über diesen »Platz« nehmen; sonst mache ich einen andern Rückweg. Also bitte ich Dich, mir nur mit 2 Worten Deine Pläne mitzutheilen, & zwar, in doppelter, wenn auch identischer Fassung, der Vorsicht u Sicherheit wegen: nämlich Signor Rohde (weiter nichts!, deutlich geschrieben) Genova, poste restante und: idem, Parma, poste restante. ~ Soweit dieses. Im Uebrigen ist über meine Reise näheres so kurz nicht zu sagen: Florenz ist über alle Gedanken und Worte herrlich, jetzt ist auch das Wetter, nach starken Regengüssen, abgekühlt, das Licht herrlich & die Luft erquickend schön, recht die »feine Luft« von Florenz, die ja die feinen & grandiosen Köpfe der alten Zeit erzeugt haben soll. Gersdorff soll nur eilen daß er herüber 139

unter Ort und Wochentag eine Bleistiftnotiz in Rohdes Handschrift: »Ende Sommer – Herbst 1873; l. o. grosse blaue römische Buntstiftzahl: »III.«; darunter mit Bleistift »16«. Die blaue »III.« von Nietzsche, dem Briefempfänger? (s. Nietzsche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. v. Henning Ottmann, Stuttgart/Weimar, 2000/2011, S. 60 r.).

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kommt. Schreibe mir doch auch über seine Pläne & eventuelle Möglichkeit des Zusammentreffens: alles doppelt, da Briefe hier »mehrschtens« überhaupt nicht ankommen, & doppelt immer noch eher als einfach. Figúrati, wenn ich als lieben Mitbewohner der Casa Nardini, in der ich bis vor einem Sonnabend unternommenen Ausflug nach Siena wohnte (jetzt bin ich umgezogen), entdeckte ? ? Unsern edlen Freund Herrn Ulr. von Wilamowitz, genannt Dr. phil! – Das Papier geht zu Ende, addio & auf baldige Nachricht. Von Herzen Dein E. R.

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2.60 Erwin Rohde an Bertha Rohde Florenz 11. Sept 73, im Postgebäude. Liebste Mutting, nur einige Zeilen, um Dir zu melden daß ich bis dahin meine herrliche Reise in perfetta salute zurückgelegt habe. Zu einem ausführlichen Schreibebrief finde ich doch auf der Reise keine Muße, & effectiv auch nicht die Zeit. Hier also wäre der Küchenzettel meiner Genüsse: München 1 Tag, Abends nach Innsbruck, andern Tages nach Trient (den Gardasee musste ich aufgeben, weil dort der Cholera, in Desenzano, wegen keine Dampfbote gingen). Dann Verona, Abends in Vicenza. Andern Tag Vicenza & Palladios Bauten bewundert, Abends nach Padua. (Dort eine scheußliche Nacht mit Choleragedanken, von der ich vor dem Einschlafen Grauenhaftes gelesen hatte). Andern Tag nach Ferrara (gräßlich öde) und Bologna. Herrlicher Sonntagmorgen in Bologna, Nachmittags nach Florenz. Hier habe ich Montag bis Sonnabend voriger Woche auf der Laurenzianischen Bibliothek gearbeitet und, bei schrecklicher Hitze, unter der vermaledeiten Kuppel des Arbeitsaales unerhört geschwitzt). Sonntagabend Abend nach Siena: Abends Donnerwetter, Sonntag leider ganz dunkler Himmel, so daß ich wenig sah: aber seitdem erquickliche Abkühlung der Atmosphäre. Montag noch in Siena bei hellerem Lichte: Abends zurück. Hier hole ich nun die, unter den Bibliotheksbüffeleien versäumten Schönheiten, lauter alte Bekannte, in einem Repetitorium, nach: Sonnabend gehe ich vermuthlich nach Bologna, dann weiter nach Modena, Parma, Piacenza, Pavia Mailand Genua u. zurück. Von den unzählbaren Herrlichkeiten u. unbeschreiblich eng fortwährend einströmenden Eindrücken dieses ersten Landes der Welt – kein Wort! Wenn du mir etwa – was mich hoch erfreuen würde. – e. Paar Worte schreiben willst, so schicke den Brief nach: Genova, poste restante, nur an: Signor Rohde, ohne weiteres, adressirt: aber bald, sonst finde ich ihn nicht mehr vor. Addio liebste Mutting: wärst Du doch mit hier! Von Herzen Dein Erwin

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2.61 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche140 Hamburg 14. October 73. Mein lieber Freund!

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Einen herzlichen Glückwunsch zuvor, der Dir Gesundheit und Freudigkeit bringen soll, und neue Kraft zum Unzeitgemäßen, das allmählich immer »zeitgemäßer« werden möge. Ich werde morgen Mittag in stiller Erinnerung ein Glas auf dein Wohl und die Dauer unsres Bündnisses, in dem mich der letzte Basler Aufenthalt neu bestärkt hat – leeren. Exaudi nos, daemon, und laß uns endlich einmal zusammen leben und wirken: das sei auch für mich der liebste Wunsch. Aber davon kann wohl zunächst noch nicht die Rede werden (Keim.141) Nun aber höre, wie es mir »zur Pflicht wurde« »von innen durch den Mund an verehrte Na Männer heranzutreten«. Am Abend Entgleisung bald nach Basel: d.h. ein entgleistes »Dampfroß« lag wie ein geborstener Frosch auf unserm Wege: daher denn allgemeine »Entsteigung« aus dem Zuge, Umsteigung in den Bummelzug, und, statt um 8, um 10 ½ Uhr »Kunft« (Xell)142 nach Heidelberg, wo ein miserables Hotel »mir wartete«. Dort »weilte« ich die Nacht, u. besuchte Rb. erst am andern Morgen: strömender Regen, daher alle schönen »Sichten« verhangen, Rb. in schwächlicher Stimmung (wie seltsam überrascht es Einen doch immer aufs Neue, zu bemerken daß die meisten, nämlich, bis auf ganz Wenige, alle Menschen statt in einer zweckvollen »Steigerung« in einem ziellosen Provisorium bis an ihr Ende so fortleben. Eigentlich geht es Einem selber wohl auch so; aber die Andern stellt man sich unwillkürlich glücklicher und weniger dem harmlosen »Viech« gleichend vor, das diese Ziellosigkeit ganz naiv zur Schau trägt.) Also, nach dieser »Schweifung«: es war sehr ungemüthlich in Heidelberg: daher Nm. 4 ¾ Abfahrt: statt beabsichtigter Nachtfahrt vielmehr »Weilung« in Frankfurt. Am andern Tage nach Leipzig. Dort verlöschendes Meßfeuer, alte wohlbekannte Düfte, halb Cloake halb Droguerieladen (ich erin140

auf dem Briefpapier der Mutter mit den Initialen »B R«. zu »Keim« s. Overbeck: »Ich habe auch mit N. viel u. herzlich gelacht, aber noch mehr u. noch herzlicher habe ich es mit R. gethan. Ich brauche nur an die Ergötzlichkeiten, die uns Theod. Keim’s Vorrede zu seinem Leben Jesu v. Nazara u. die Drolligkeiten des sächsischen Dialekts bereitet, die R. so meisterhaft beherrschte.« (Franz Overbeck, Werke und Nachlaß, Band 7/2, Autobiographisches. Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde. Herausgegeben von Barbara von Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub, XVIII). 142 Parodie auf den Stil von Theodor Gsell Fels (1818-1898); sein Reiseführer »Oberitalien« war 1872 erschienen; über »(Xell)« ein Fragezeichen (Bleistift). – Rohde, der die Briefe wohl nach ihrer Rückgabe ordnete, verstand später wohl selbst die Anspielung nicht mehr, so wenig wie »(Keim)« (Z. 10), über dem ein unentziffertes Wort und ein Fragezeichen (Bleistift) steht, – oder ein späterer Bearbeiter der Briefe. 141

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nere mich der meisten Dinge immer nach einem ihnen anhaftenden Geruche141), verschleierte Herbstlüfte: ich erinnerte mich aufs Innigste unsres Freundschaftsemesters, einer glückseligen Dämmerungszeit, in der ein ganz neuer & fremder Ton in meiner Empfindung zum ersten Male erklang. So wankte ich einen ganzen Tag in einer träumerischen Stimmung umher, wie sie sich bei einem μουσικός wohl zu einer musica auctumnalis verdichtet hätte. – Am Abend Besuch bei Fritzsch; er erkannte mich anfangs nicht & war seltsam verwirrt; dann freundliche Wiedererkennung. Deine Conjecturen über sein Stillschweigen sind gänzlich verkehrt, wie ein scharfsichtiger Kritiker (gezeichnet E.R.) in Basel Dir voraussagte. Was der Edle sich bei seinem Nicht-antworten gedacht habe, ist wohl schwer zu sagen; vermuthlich nichts: mir machte er den Eindruck einer ziemlich schlaffen und, nach ostensiblem Anlaufe vor dem Sprung erschreckenden Natur. Kurz, er wusste keinen Grund anzugeben, versprach übrigens, Dir alsbald zu schreiben, item, für Annoncen von Deiner u. O’s Schriften zu sorgen (er behauptete, für »Broschüren« sei das Annonciren eigentlich zu theuer.). Jedenfalls würde ich euch Beiden rathen, kräftigst selber bei ihm nachzuschüren: denn ich traue der Dauer seines Feuers nicht recht. Gewiß geht es ihm schlecht; er machte einen sehr gedrückten & muthlosen Eindruck. Die verrückte Nielsen hat ihm eröffnet, sie werde ein Testament zu seinen Gunsten machen, ist übrigens seit der letzten Basler Scene (mit Liebeswalzer heroischer Arie & Prachtabgang) nicht wieder bei ihm gewesen & soll »alleweile« in Rußland bei den Russen sein. – In Betreff der »Wagnerfrage« (welche ekelhafte Bezeichnung in Lpz. üblich zu sein scheint) äußerte er sich sehr muthlos & in einigen Puncten so sonderbar, daß ich deutlich die Stimme der Pohl Nolh Nohl & Porges vernahm & mich aufs Neue verwunderte, wie verfärbt & verzerrt sich doch manche Dinge in einem Spiegel ausnehmen, die man mit eignen Augen als wohlgestaltet & gesunder Farbe erkannt hat. – Noch e. Notiz: von der »Geburt« seien etwa 100 – 120 Expl. bei der Remission noch wieder zurück gekommen; mit der neuen Auflage sei es besser (wegen der Zahlung, glaube ich) bis nach Neujahr zu warten. Hillebrands Anzeige sei dem Verkauf der »Unzeitgem.« sehr zu statten gekommen, ebenso auch noch dem der »Geburt«.142 – Der Verf. von »Nietzsche & Schletterer« ist ein Studios in Jena. Warum lässt sich denn aber F. mit solchen grünen Hasenfüßen ein?! – Endlich: wer lobte »Geburt« & »Afterphilologie«? Prof. Wenzel, genannt »der Kater«, kintschesken Angedenkens! – Am andern Morgen kurzer, kürzester Besuch bei Ritschl, bei dem ich Ribbeck etwas zu bestellen hatte versprechen müssen. Er war ganz wohl, mit den üblichen Quisqui141

ähnlich in Cogitatum 61 aus dem Jahr 1873, s. »Cogitata«, C. 61. Rohde kannte die Schriften des Essayisten Karl Hillebrand (1825-1884). Im Nachlass befindet sich ein Buch »Frankreich und die Franzosen in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Eindrücke und Erfahrungen von Karl Hillebrand. Berlin, 1873«, mit Besitzerangabe: »E. Rohde Mai 1873«.

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lien beschäftigt & also nach seiner Art glücklich, machte mir übrigens einen mumienhaft fatalen Eindruck, wenn ich bedachte, daß dieses nun der Abend eines bedeutenden Menschen sei, an dem ihn kein Gedanke, und keine ernsthaft weitertönende Stimmung der gemeinen Behaglichkeit des kleinsten Treibens enthebt. Vielmehr wird er immer enger: neuerdings scheint er nur noch bibliographische Studien zu treiben! »Staub fressen, und mit Lust«! Von Dir sprach ich kein Wort und wollte es nicht, bei seinem unwürdigen Benehmen. – Ach, liebster Freund, was scheeren uns diese Fremden! Grüße mir vielmehr die Freunde Ov. & Rom., und versichere sie, daß mir die wenigen Tage in B. die eigentlichste und herzlichste Sympathie für sie eingeflößt & erneuert haben. Grüße auch Deine Schwester, und bleibe gesund, liebster Freund. Semper idem E. R.

2.62 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 23. Oct. 73.

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Ach, liebster Freund, ich bring’s nicht fertig, jenen Aufruf nämlich, mit dem ich Dir so gerne beispringen möchte 143: was ich mir, in Gedanken, davon etwa zurechtgelegt habe, will mir selber so wenig wirkungsvoll vorkommen, wenn ich mir die anzuredende Menge vorstellen, die von der Bedeutung des Mannes & der Sache so gar keine Vorstellung hat & nun in einer scheußlich populären & doch nicht flachen Weise aufgeklärt! werden soll. Mir stockt alle populäre Kraftsprache, am meisten in diesen Tagen, wo eine zu lange aufgeschobene Vorbereitung auf das Colleg all meine Zeit & Gedanken krampfartig occupirt hält. Ich will noch einmal versuchen, ob der Geist plötzlich über mich kommt, denn nur dann kann es vielleicht gelingen, langsame Ueberlegung hilft nichts. Es ist abscheulich schwer, namentlich da keine Hoffnung irgend eines Erfolges Einem begeisternd vorschweben könnte, sondern nur die volle Sicherheit der Erfolglosigkeit eben höchstens ein Gefühl der zu erfüllenden Pflicht als Antrieb übrig lässt. Hoffentlich geht es Dir, liebster Freund, etwas besser, d. h. vor Al lem hoffe ich, daß Du vernünftig bist, nur vegetirst, & nicht durch »unzeitgemäße« Anstrengungen eine definitive Erholung auch für die Zukunft unmöglich machst. Ich empfehle dich, in dieser Hinsicht, ganz besonders den treuen Genossen, die ich Beide von Herzen grüßen lasse & von denen ich dem Sälenentleerer Romundt für seine Schreibedienste noch besonders zu danken bitte. Noch ein Wort von dem Nachtgespenste einer communistischen Fritschiade. Ich glaube vor der Hand nicht daran. Die Testamentsfabel bet schien F. als eine 143

Nietzsche wollte die Aufforderung, für die Wagnersche Sache mit einem Aufruf zu werben, an Rohde weitergeben. (Däuble,1976, 353, 3).

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vorübergehende Grille zu betrachten, sprach übrigens unaufgefordert davon, & allerdings (was mir seltsam & undelicat erschien) so, als ob er in dem Vorhaben nichts Verwunderliches sehe, & eventuell annehmen könnte. Von Gegenleistungen sprach er nichts, wenn dafür nicht e. beiläufige Erwähnung von verrückten Schriften der N. gelten sollen. Er behandelte aber das Ganze wie eine bloße Laune: wozu auch, wenn es Ernst wäre u wirklich in Vorbereitung, mir freiwillig davon reden ? ! Von der N. sprach er sehr »minnachtig«144 (wie man hier sagt): er scheint sie ebenfalls einmal hinausgeworfen zu haben. – Wie gesagt, ich glaube noch nicht an die Geschichte, sondern nur an F’s Geldklemme, denn beklommen (herrliches Wortspiel!) schien er allerdings. V. seiner Gesundheit sagte er nichts. – Addio, liebster Freund, laß Dir’s wohl gehen: heute in Eile mich verabschiedend, lasse ich jedenfalls nächstens hören, ob mir eine Inspiration in Bezug auf den Aufruf gekommen ist. Schreibe mir auch Du nächstens‚ wenn auch nur 2 Zeilen, von Deinem Befinden. – Was ist Gersdorffs Adresse? – Von Herzen Dein E. R.

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2.63 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel Mittwoch. Nur wenige Worte, liebster Freund, in aller Eile und Collegienbedrängtheit. Ueber den »Mahnruf« ist meine ganz ehrliche Ansicht die, daß er zwar allen Freunden der Sache durchaus aus dem Herzen gesprochen sein wird, ihre Empfindungen kraftvoll & zornmüthig ausspricht, die Lauen aber & wen man gar von den Gegnern gewinnen möchte, schwerlich gewinnen wird, wenigstens nicht durch alle seine Theile, zB. sicherlich nicht durch den Ton des Einganges. Das rechne ich Dir gewiß nicht zum Fehler an, denn, genau betrachtet, ist wohl das ganze Unternehmen ein unmögliches, menschliche Kräfte übersteigendes. Wie soll man es anstellen, diese lauen, mißvergnügten, von den albernsten Krittlern jahrelang zu Hohn & Abneigung aufgestachelten Deutschen in einem derartigen letzten Anruf so anzurufen, daß man nicht seiner im Allertiefsten empfundenen Indignation zornigen Ausdruck gebe, sondern einen Ton anstimme, der zu einer Ueberredung der Zaudernden beitragen könne? Eine solche Ueberredung soll aber doch mit eben diesem Anruf versucht werden, der ohne dies ganz erfolglos und also völlig zwecklos sein würde, ja übel schlimmer machen würde. Dem verachtungsvollen Unwillen einen laut grollenden Ausdruck zu geben, wird, wenn etwa die Sache – quod di avertant – völlig aussichtslos 144

plattdeutsch: verächtlich, geringschätzig.

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würde, immer noch der geeignete Moment sich finden. Ich finde nun daß Du diese schwierigste, mir eigentlich unmöglich erscheinende Aufgabe, die Canaille, ohne sie geradezu liebreich zu kitzeln, denn doch zu irgend einer Thätigkeit zu überreden, zu sehr aus den Augen gesetzt hast. Du wirst mich richtig verstehen, lieber Freund, mit diesem aufrichtigen Bedenken; ich empfinde den Mahnruf mehr als einen, tausend mal verdienten, Fußtritt für die κακοί, denn als als eine Lockung an den hinter dem Ofen kauzenden Köter, auf die es denn doch, wenn man sich denn einmal zu einem derartigen Schritt entschlossen hat, abgesehen sein muß. – Bei alledem füge ich mich der bessern Einsicht der in B. versammelten Männer: wird der Anruf in jener Gestalt angenommen, so enthält natürlich sein Inhalt an sich keinen Satz, der mich veranlassen könnte, meine Namensunterschrift zu verweigern. Nur eben Wirkung verspreche ich mir nicht von ihm.145 – Dieses alles wirst Du, hoffe ich, im richtigen Sinne aufnehmen. Uebr. bitte ich dich ganz ausdrücklich diesen Brief Wagners nicht etwa zu zeigen: er enthält nur meine völlig private Meinung, die ich wohl Dir, liebster Freund, mittheilen, aber nicht W. aufgedrängt wissen wollte. – Daß Fr. sich gerechtfertigt hat, ist mir eine wahre Erleichterg: das Gegentheil wäre sehr bös gewesen. – Grenzboten sehe ich hier nicht: es scheint ja heilloses Zeug drin zu stehn. Von wem denn? – Lebewohl, lieber Freund, halte Dich, vor Allem, wohl & gesund in diesen traurig aufregenden Tagen, in denen alle meine Gedanken bei euch sind. Sprich doch auch W. & Frau meine ernstlichst theilnehmende Empfindung aus – Ich warte sehnlichst auf den Ausgang. – Treulichst dein E. R.

2.64 Erwin Rohde an Friedrich Zarncke

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Geehrter Herr College! Hierbei erfolgt endlich die Anzeige des Schusterschen Heraklit146. Sie ist ganz unmäßig lang gerathen, wofür ich allerdings um Vergebung bitten muß; ich hatte aber keine Zeit, mich kürzer zusammenzufassen und doch einige der vielen Bedenken vorzubringen, die ich gegen die überaus zahlreichen, mir nicht recht überzeugenden Paradoxien des interessanten Buches auf meinem Recensentengewissen hatte. Wenn die Rec. auf diese Weise nicht etwa für Ihr Blatt gar zu lang gerathen ist, so möchte ich besonders noch um eine sorgfältige Revision des Druckes meiner, wie ich aus bedenklichen Druckerfahrungen weiß, schwer lesbaren Handschrift ganz ergebenst gebeten 145

Nietzsches Entwurf »Mahnruf an die Deutschen« wurde in Bayreuth abgelehnt; er hatte ihn an Wagner, v. Gersdorff und Rohde geschickt. (Däuble, 1976, S. 353, 3). 146 WV 20: »Schuster, Dr. Paul, Heraklit von Ephesus. Ein Versuch, dessen Fragmente in ihrer ursprünglichen Ordnung wieder herzustellen«.

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haben. Dieses Zettelformat bitte ich mit dem übergroßen Umfang des Ms. selbst zu entschuldigen. Hochachtungsvoll Ihr ergebenster E. Rohde

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2.65 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel, Sonnabend. Liebe Mutting, reden wir nicht von unserm ungemüthlichen Abschied: Du weißt ja ganz genau, was mich verletzt hatte. Ich hatte es aber längst vergessen und nur darum nicht geschrieben‚ weil ich von hier und von mir nichts Besondres zu melden wusste. Unsereinem vergeht das Leben, so äußerlich genommen, zum Glück ja recht gleichmäßig; und von Wünschen und Befürchtungen soll man nicht reden, so wenig wie von etwaigem inneren, langsamen Wachsthum, worin die eigentliche Thätigkeit eines nach außen wenig bewegten Lebens besteht. – Mein Colleg geht recht gut; 12 Zuhörer habe ich eingefangen, & das ist für Kiel ja ganz stattlich. Im Uebrigen esse & trinke ich wie alle Tage & schlafe leider oft schlecht genug, gegenwärtig durch allnächtliches Hundegeheul gestört. – Frau Sievers’ opulente Geldbörse ist glücklich angekommen, sie selbst, wie es scheint‚ noch nicht. Was hat die gute Frau denn nur bei dieser scheußlichen Witterung sich im Lande herumzutreiben? Ja‚ wenn freilich die gesegnete Langeweile nicht wäre, die die Leute zu Tanz Kartenspiel & Eisenbahnreisen, sogar im Winter, treibt, wovon sollten die Plaisirmacher u. Gastwirthe leben? So ist denn Alles in dieser Weit zweckmäßig und herrlich geordnet. Daß es mit Wagners Unternehmen schlecht stehe – in finanzieller Hinsicht – erzählte er uns schon Ostern; er hatte schon damals s. Pläne zur Abhülfe, & wird diese einem Patronenverein entwickelt haben, der am 31. Oct. in Bayreuth getagt hat. Daß ich noch keine Nachricht darüber habe, lässt mich das Schlimmste befürchten. Er hat auf den idealen Sinn der 2beinigen Menschthiere gerechnet, und dabei verrechnet man sich denn freilich stets. In Judäa und bei den Proselyten des Thores wird großer Jubel sein. Sehr Wenige nur verstehen ganz, wie viel und was eigentlich mit diesem Unternehmen zu Grunde geht. Man muß nicht davon reden; wozu auch? Aber sehr traurig und hoffnungslos macht solch ein Mißlingen die wenigen ernstlich Theil nehmenden. – Basta. – Für heute lebe wohl, liebe Mutting: an Otto & Angelika viele Grüße; auch an den berühmten Jack147 meine respektvolle Verehrung. Viel Anmuthiges und 147

der Hund der Mutter?

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Behagliches möge dir der Winter bringen; zu Anna, das wünsche ich dir, wirst Du hoffentlich, da ja doch wohl hinreichend gesorgt werdet werden wird bei dieser Winterszeit nicht zu gehen brauchen. Von Herzen Dein Erwin.

2.66 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 19. Nov. 73.

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Jetzt sind es bald drei Wochen, lieber Freund, seit in Bayreuth die wichtigen Zusammenkünfte stattgefunden haben, an deren Ergebniß ich, wie Du weißt, das allerlebhafteste Interesse habe – und noch immer warte ich vergeblich auf eine Zeile von Deiner Hand, die mir über jene Ergebnisse irgend eine Mittheilung machte. Ich kann mir dieses befremdliche Stillschweigen schlechterdings nicht erklären. Anfangs war ich erstaunt, allmählich werde ich besorgt. Solltest Du krank geworden sein? Das hätte mir doch wohl irgend einer der Basler mitgetheilt, wenn man anders nicht voraussetzt daß ich gegen Krankheit und Unstern meiner Freunde gleichgültig geworden bin. Oder hättest Du in meinem letzten Briefe irgend etwas gefunden, was Dich gekränkt hätte? Ich hatte ihn mit der Offenheit geschrieben, die sich ein Freund wohl erlauben darf, der seine Treue und die Zweifellosigkeit seiner Gesinnung stets bewährt hat – wie ich das von mir behaupten darf. Wenn also irgend etwas dich in jenem Schreiben verletzt hat, so war jedenfalls eine offene Beschwerde der einzige Weg, um mich zur Einsicht meines Fehlers und uns Beide zu einem klaren und Einverständniß zu bringen, wie es doch bei einem schweigend genährten Groll nicht bestehen kann. Ich bitte Dich noch jetzt, lieber Freund, mir, was Du mir etwa vorzuwerfen hast, mit der aller vollständigsten Offenheit mir zu schreiben; ich wenigstens ertrage es nicht, mit dem Gedanken herumzugehen, daß mein Freund, gegen den ich die rückhaltlosesten Gefühle der Liebe und Theilnahme stets gehegt habe, irgend etwas – ich weiß nicht einmal was – in stillschweigendem Zorne mir nachtrage. – Es wird mir schwer, diese Worte zu schreiben; nicht ein Gefühl der Kränkung, nur die Besorgniß geben sie mir ein, einen Freundesbund getrübt zu sehen, ohne den ich mein Leben gar nicht denken mag. Thu’ mir die Liebe, und schreibe mir mit der vollsten Offenheit; oder noch lieber, gieb mir die Beruhigung daß dein Schweigen auf irgend einem Zufall beruhe: jedenfalls enthebe mich dieser Ungewißheit durch Ein Wort! Treulichst E. R.

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2.67 Erwin Rohde an Otto Ribbeck148 Kiel 30. Nov 73. Lieber Freund, Ihre Comici, die mir vor nicht langer Zeit von Leipz. zugeschickt wurden149, mahnen mich, nun, da sie mir eingebunden von dem trefflichen Castagne150 zurückgebracht wurden, aufs Neue daß ich Ihnen zunächst für jenes schöne Geschenk den herzlichsten Dank und daneben einige Nachrichten von meiner Existenz & Leben schulde. Den Dank also spreche ich hiermit von Herzen aus, und hoffe ihn, wie die Dankbarkeit für Ihre stets mir bewiesene Güte & Freundschaft, öffentlich in (hoffentlich!) nicht gar zu ferner Zeit ausdrücken zu können, wenn Sie, worum ich Sie bitte, die Widmung meines Buches über den griech. Roman annehmen wollen. An diesem Buche arbeite ich in den Stunden die mir von Collegvorbereitgg übrig bleiben, dh. in den zusammenhängenden Stunden, in denen allein ich mich in eine Art von Schreibestimmung setzen kann. Davon sind nicht allzu viele, wenn auch die einzelnen Freistunden jetzt bei größerer Colleg-mache, gewiß, zum Glück recht viele sich herausschinden lassen. So rückt denn mein »Roman« einigermaßen vorwärts, wenn auch ganz langsam; denn solch’ einen Haufen vereinzelter Notizen, über lange Zeitstrecken verstreut, die fast alle ἄτριπτοι τ’ ἄβατοι τε151, nämlich ganz unbearbeitet (in dem Sinne, den ich hier meine & brauchen könnte) sind – solch einzelne Späne in einen zusammenhängenden Fluß zu bringen, ist ganz verteufelt schwer, und verlangt ein sehr intensives Feuer das nicht immer sich will anblasen lassen. Wann ich ungefähr fertig sein werde, davon habe ich selbst noch gar keine Vorstellung: dann aber, hoffe ich, machen Sie mir die Freude, die Widmung dieser ersten ausführlicheren Arbeit anzunehmen. Im Uebrigen lese ich dieses Semester nur Ein Colleg, und das mit rechter Coulance, geschäftsmäßig zu reden. Ich habe 12 Mann eingefangen & lese von 4 – 5 Uhr welche Stunde ich als die angenehmste zum Lesen im Winter herausgefunden habe. Damit wäre schon mein Rapport über mich & meine Angelegenheiten erschöpft; von den wenigen Dingen, die ich sonst von dieser Kieler Existenz erwarte, fehlt mir auch weiter kaum wesentliches. – Wilmanns freilich sehe ich gar nicht; e. Besuch, den ich ihm zu Anfang des Semesters gemacht habe, hat er nicht einmal zu erwidern für nöthig gehalten. Ich sehe ganz klar, daß er eine 148

Gemäss der Auswahlausgabe der Briefe Ribbecks antwortete Ribbeck am 4. Januar 1874 (Emma Ribbeck, 1901, 304-305, Brief unvollständig). 149 »Die Fragmente der Komiker erschienen 1873 in zweiter Auflage.« s. ADB, 1907. 150 Universitätsbuchbinderei Castagne in Kiel. 151 frei zitiert nach Philo Iudaeus (ca. 25 v. Chr. bis ca 50 n. Chr.), de agricultura §23.

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möglichst fremde, ja feindselige Stellung zu mir absichtlich ausbildet, um bei vorkommenden Veränderungen oder Erweiterungen des Personals der hies. Philologie mich mit voller Gemüthlichkeit übergehen zu können. Sie sollen erleben daß dies keine verkehrte Schwarzseherei ist. Ich beklage mich kaum darüber, denn so geht eben die Welt; und an der Person des Edlen verliere ich gewiß nichts‚ da ein weniger anregendes Wesen schwerlich auch nur gedacht, geschweige gefunden werden kann. Peter Wilhelm ist wohl und fidel. Sonst ist von den übrigen Herrn nichts Bedeutendes zu melden; merkwürdig genug ist kein Neuer dieses Semester angetreten. Gutschmids Nachfolger ist noch nicht bestimmt; Hirschfeld hat abgelehnt. G. hat an Dr. Andreas aus Königsberg152, vorläufig ganz fidel, geschrieben. Niemeyer hat starke Aussicht, in Hambg Classens Nachfolger zu werden. Glück damit! Der Universitätsbau, von mir aus zu übersehen, wächst langsam empor, er ist schon ca 30 Fuß aus der Erde. Die übrigen Institute scheinen noch immer keinen festen Platz zu haben; angefangen ist davon noch nichts. – Ein Cyclus von popul. Vorträgen soll Mittel zu einem akadem. Lesezimmer geben: Weig Brockhaus Hoffmann Wilmanns Pfleiderer u Usinger (?) [der wieder einmal e. Anfall gehabt u. glücklich überstanden hat] wollen reden: Weig hat angefangen, vorigen Freitag, von den übrigen verspreche ich mir einzig von Pfl. etwas Leidliches. Mich für meine Person interessirt viel mehr als alle diese akademischen Quisquilien, das Wetter, das Einem so persönlich auf den Leib rückt. Dieses Jahr ist es auffallend milde geblieben, e. Zeitlang sogar hell und schön, seitdem zwar trübe & grau, aber doch mit ungewohnter Mäßigkeit regnend. Dabei hält man es schon aus, si campa; und so will ich denn auch die übrigen, menschlichen Verhältnisse hier in Kiel betrachten, die sich freilich wenig über eine erträgliche Novembertemperatur erheben, seitdem Sie fort sind, lieber Freund, und Niemand mehr hier ist, der mit mir Geduld & für mich Freundschaft, Güte & Nachsicht hat, wie ich sie bei Ihnen stets zu finden gewiß war. Seien Sie sicher daß ich Ihnen stets in Dankbarkeit und Freundschaft verbunden bleibe. Herzliche Grüße an Ihre Frau, an die ich, wenn Ihnen das nicht unbequem ist, nächstens einen Kieler Gruß in Gestalt einiger »Sprötte«153 abgehen lassen möchte. Möge Ihnen der Winter, gesellig, im Hause & im Amte, viel Erfreuliches und Behagliches bringen, und lassen Sie denn auch mich durch einige Zeilen von Ihrem Ergehen hören. Von Herzen grüßt Sie Ihr E. Rohde

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später verheiratet mit Lou Andreas-Salomé. »Kieler Sprotte«, eine Heringsspezialität.

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2.68 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel Dienstag. Lieber, theurer Freund, ich komme mir nachträglich selbst ganz unvernünftig, ja blamirt vor, wegen der, Gott sei Dank, unsinnigen und verkehrten Vorstellungen, die sich, im Geleite der trübseligen und hoffnungslosen Gedanken die Alles, was ich von Bayreuth u. den letzten Zusammenkünften hörte u. las, – endlich bei mir so festgesetzt hatten daß ich wirklich recht sehr darunter gelitten u. mich denn schließlich zu einem so unvernünftigen Ausbruch ermannt habe. Verzeihe mir, liebster Freund, meine Thorheit, und habe von Herzen Dank für Deine Briefe, deren erster schon – vielleicht zu derselben Stunde wie mein thörichter geschrieben – mir den schweren Stein vom Herzen gewälzt hatte, und mich fast, ärgerlich über mich selbst, lachen machte über den unvernünftigen Kleinmuth, der sich mit solchen Nachtgespenstern schrecken könnte. Sieh also vielmehr mich als jenes Kalb an, mit dem Du, unverdienter Weise, Dich selbst in Deinem letzten Geehrten vergleichen willst. Wir können auch wahrlich nichts bessres thun, als in dieser feindseligen Welt uns auf das Engste zu verbrüdern und Treue zu halten; hat uns nicht die Natur zu Verwandten gemacht und zu Brüdern bestimmt? und das wollen wir in alle Ewigkeit sein und bleiben. Und so reiche ich Dir aufs Neue die Hand – nicht zur Versöhnung, denn deren bedarf es ja nicht, aber zum Gelöbniß daß kein thörichter Einsiedler – Quälgeist mich je wieder irre u. gl kleingläubig machen soll, und mich nie mehr zum Zweifeln, nicht an Dir, an dem ich nicht ge2felt habe, sondern eigentlich an mir und meiner sufficienza für Dich, mein geliebter Freund, bringen soll. Solche Thorheiten kommen aber her von aller Laster u. Uebel Anfang: nämlich von unsrer Getrenntheit, die mich nur ein halbes und verzagtes Leben führen lässt und mich oft drückt und irre macht. Der Dämon bessre’s! das wünsche ich alle Tage u. Stunden. – Mit Briefen ist nicht viel geholfen, das ist sicher; und ich bitte Dich, nicht um meiner egoistischen Wünsche willen zu solchen Briefanstrengungen Deine Augen zu zwingen, die du über Alles schonen solltest. Eigentlich sollte ich jeden Brief von Dir, als einen Exceß, nur mit Gewissensbissen lesen. Die Correcturen Deiner Nr 2 sollst du keinesfalls lesen; ich werde mir eine wahre Freude daraus machen, nicht nur Eine sondern so viele Correcturen zu lesen sein werden, zu lesen: ich hoffe bestimmt, du wirst sie mich alle übernehmen lassen. – Mein »Roman« rückt ganz langsam vorwärts; es ist verteufelt schwer, solche einzelne, massenhafte Einzelnotizen in e. leidlich zusammenhängenden Fluß zu bringen. – Von Bayreuther Dingen mag ich gar nichts sagen u. hören; mir blutet das Herz bei diesen Angelegenheiten. Die Bogen liegen auch in den hiesigen

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Buchhandlungen aus; es wird aber nichts Ernstliches dabei herauskommen. Was soll, was kann denn aber noch geschehen? – Àpropos: wohin schreibt man dem vortrefflichen Gersdorff gegenwärtig? Vor c. 3 Wochen Brief aus Venedig. – Gute Nacht lieber Freund; bleibe gesund. Wir sind einig, und ich möchte den Teufel sehen der uns wanken machte! Dein E. R.

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Viele u. herzliche Grüße an die beiden Basler Freunde; sie sollen meiner so freundlich und als eines treuen Gesinnungsgenossen gedenken wie ich ihrer oft und viel gedenke. – Von Grenzbotenschweinereien habe ich in unsrer »Winkeluniversität« noch nichts gesehen.

2.69 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hamburg 23. Decb 73. Lieber, theurer Freund!

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Einen Weihnachtsgruß will ich Dir doch jedenfalls zurufen, obwohl ich kaum weiß, wohin ich einen solchen richten soll. Bist Du in Naumburg, oder bist Du in Basel sitzen geblieben? und wird er dich wohl und heiter treffen, oder im Kampfe mit den heimtückischen Dämonen, die der Gott der Fliegen und Recensenten Dir gegen Augen und Nerven geschickt hat, und in deren Gewalt ich mir, leider, Dich immerfort gequält denken muß. Laß uns ein Rauchopfer, oder wenigstens das übliche gemeinsame Weinopfer dem Dämon darbringen, damit er Dir im nächsten Jahre Rast gönne & Kraft gebe: ὑγίεια μὲν ἄριστον ἀνδρὶ θνατῷ, sagt das Skolion, und mit ihm sogar Wilamowitz, der Tropf; und dieses Mal sollen sie rechthaben. Daran müsstest Du aber wirklich viel ernstlicher denken, geliebter Freund, als Du bis jetzt thust. Könntest du denn nicht durchsetzen daß von den übermäßig vielen Aemtern, die man Dir aufgepackt hat, einige dauernd dir abgenommen, und andern aufgeladen werden? Denn zu der Radicalcur Immermann’s von der mir Gersdorff kürzlich schrieb: »Werden Sie dümmer, und Sie werden wöhler sein« – dazu ist wohl keine rechte Aussicht. Ach, lieber Freund, welche Freude würdest Du mir machen, wenn Du mir endlich und plötzlich einmal von Deinem völligen Wohlsein melden könntest! Dann erst würde ich mit voller Freude von Deinem unverzagten Weiterschreiten in dem, was nun deine Lebenszwecke geworden sind, hören: denn jetzt sehe ich immer mit gemischten Gefühlen Deine neuen »Betrachtgg« reifen, an denen sicherlich immer ein Stück deiner Kraft und Gesundheit hängt! Aber, bei alledem, für Deinen Muth und deine unbesiegliche Zuversicht sei gepriesen; solch einen festen Punkt braucht man wahrlich, um heiter und sicher zu bleiben in diesen dunkeln Tagen, an denen Alles abwärts wankt und stürzt

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und so gar nichts Hoffnunggebendes sich zeigen will. – Von meinen persönlichen Verhältnissen will ich nicht viel melden; man sollte wohl eigentlich nur von Glücklichem u. Hoffnungweckendem mittheilen – wenigstens ist das mein Gefühl. Dergleichen ist mir nichts zu Theil geworden in dieser letzten Zeit; vielmehr ergreift mich gelegentlich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das meine Schwarzseherei no ch stets mehr verbittert. Nun geht – um vom Äußerlichsten zu reden – auch Wilmanns wieder fort (nach Königsberg als Bibliothekar); man redete in der Facultät davon, mich zum Nachfolger zu machen; sprach lauter Günstiges von mir – um schließl. zu finden daß ich für das Amt eines Examinators, Seminardirectors etc. zu jung sey, u. ruhig noch »einige Semester« warten könne, wo man mich dann allergnädigst zum Ordinarius vorschlagen werde. Das ist eine Kleinigkeit, und doch eine Qual gerade für meine Gesinnungsart: ich fühle auf das Bestimmteste, daß eine Beruhigung meiner ganzen Empfindung, die kostbarste Gabe: den Augenblick, die kürzeste Gegenwart zu genießen, daß eine friedlichere Stimmung in allen Beziehungen für mich erst möglich sein wird, wenn ich aus dem elenden Provisorium des Extraordinariats heraus sein werde, nichts Wesentliches mehr zu fürchten & zu hoffen habe auf dieser sonderbar schlüpfrigen, von Gunst und Gabe durchaus bestimmten Docentenbahn. In dieser Empfindung kann mich dann eine solche neue Enttäuschung wochen- u. monatelang alles im hoffnungslosesten Lichte sehen lassen, & mir ein Erfassen des Moments, die höchste Kunst des Lebens, erst recht, unmöglich machen. Das ist nun meine Krankheit, geliebter Freund; und ich weiß wohl daß die wesentlichste Medicin dagegen eine dauernde Vereinigung mit Dir sein würde: wie wollte ich aller der Misèren lachen! Fürchte auch nicht daß solche elende Krankenstubengedanken mich dauernd gefangen halten; ich habe zum Glück noch die Kraft, mich in guten Stunden in allgemeinere Betrachtung aufzuschwingen; u. darin liegt doch die einzige Panacee g egen die Kargheit des Schicksals, das den lebhaften Wünschen mit so ärmlicher Erfüllung entgegenkommt. – Um von etwas Erfreulicherem zu reden: mein »Roman« ist in ununterbrochenem Flusse, so langsam es auch vorwärts geht bei einer Arbeit aus lauter Bruchstücken, an der man doch die Mühe nicht allzu stark merken soll. – Vor einigen Wochen bekam ich e. Brief von Frau Wagner, der mich sehr erfreut hat. Sie wollte Nachrichten von Dir haben, die ich ihr sofort gab. Sonst eine gefasste Stimmung; wenig besondre Nachrichten: außer der, daß Liszt deine Unzeitgem. mit Bewunderung lese. – Zu Ende ist das Papier, liebster Freund: so möge es mit allen Uebeln zu Ende gehen, die uns trennen u. bedrücken. An Muth u. Zuversicht soll es uns nicht fehlen, und nicht an der Liebe, die uns verbindet! Dein E. R. Herzliche Grüße an Deine Umgebung: zunächst suchen meine Gedanken dich in Deiner Familie, die du von Herzen grüßen sollst; bist Du aber in Basel, so sage den beiden Freunden meinen allerbesten Weihnachtsgruß. – (Geschrieben mit einer wahrhaft verächtlichen Feder meiner Mutter.)

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2.70 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 9. Januar 74. Theurer Freund!

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Einen fröhlichen Neujahrsgruß zuvor, der Dir Glück und die καλλίστη ὑγιεία bringen soll: sei aber auch vernünftig, und scheußlich unhistorisch, wenn auch nicht überhistorisch, denn das thut den Nerven nicht wohl. Du siehst, wie ich mich in Deine N. 2 allbereits »eingelebt« habe, wie man heutzutage sagt. – Hierbei folgt der 1 te, so eben erhaltne & fluggs corrigirte Bogen, nach deiner Vorschrift nach Basel geschickt, zurück. Ich habe darin auf Seite 8. 11. 13. 14 am Rande (in Klammern) auch einige stilistische Bemerkungen beigeschrieben, die ich beliebiger Erwägung anheim stelle. Wie ganz ich, u. von vollstem Herzen, Dir in der Sache beifalle, brauche ich gar nicht zu sagen. Spätere Zeiten werden es zu bewundern haben, mit wel cher entschiedenen Klarheit, mitten im Fieber, die Symptome einer Krankheit erkannt sind, die man sonst wohl gar für das Roth der Gesundheit hält, und die unsrer ganzen Art ihr wesentlichstes, nie dagewesenes Gepräge geben: eine allmähliche Fortspülung aller Naivetät. Aber wir stehen alle selbst mitten in dem Uebel: & eben darum preise ich den bisher eingehaltnen, ruhigeren, ja kälter betrachtenden Ton deiner Schrift; denn im Grunde hat man – das spürt man an sich selbst – hier mehr zu beklagen als, um bösen Willens wegen, zu verurtheilen. – Addio, caro. Während der Ferien war ich in Hambg, wo ich auch Deinen lieben Brief bekam. Zum Ordinarius will man mich hier nicht weil man e. Älteren & e. Latinisten brauche. Hol’s der Teufel! Viele Grüße an O. u. R. Herzlichst Dein E. R. À propos, da Eucken sich nach Jena gestrebt hat, werdet ihr nun wohl Romundt befördern? Speriamo. – Sehr ergötzt hat mich deine Ritscheliade: die Lehre vom Eulengeschlecht.

2.71 Erwin Rohde an Otto Ribbeck154 Kiel 25. Januar 74. Lieber Freund!

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ich hatte mir Ihr längeres Stillschweigen selbst so gedeutet, wie es sich schließlich begründet gezeigt hat: unter so furchtbaren Schlägen, wie sie Ihre Familie und Freunde getroffen haben, verstummt man freilich, um die unbegreifliche 154

l. o. von Ribbeck: R. 14/2.

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Härte des Menschenschicksals stumm zu verwinden, da man sie doch ertragen und verwinden muß.155 Ich beklage Sie und Ihre liebe Frau aus mitfühlender Seele; so schrecklich die Menschen zu verlieren, deren Dasein und treues Angedenken in dieser fremden Welt, auch wenn sie fern sind, Einem das Leben erträglich macht, das ist ein Schlag, der Einen tief erschüttern muß, und wohl lange nachzittert auch im gleichmüthiger gewordenen Weiterleben. Möchte denn auch ich, zu andern Freunden, ein wenig dazu beitragen, Sie in dem Gefühle wieder aufzurichten, daß noch manche treue und ernstliche Gedanken ferner Freunde zu Ihnen hinüberdenken, und Ihnen das Leben heiter und klar wünschen, so ernst es ist. Mit Freuden lese ich daß vor Allem Ihre amtliche Wirksamkeit schon anfängt, Früchte zu bringen, und dß, sogar die Qualität der Jungens schon beginnt sich ein wenig zu heben. Das ist denn vor Allem die Hauptsache und wird Ihnen gewiß leichter über die wohl noch ein wenig kühlen Collegenverhältnisse hinweghelfen. Von mir sagte ich am Liebsten gar nichts: lieber noch von hiesigen Dingen: daß der Univ.bau gehörig wächst, nächstens die Anatomie erbaut werden soll, Scheel=Plessen auf 3 Monat nach Italien geht, von den 2 Bräutigams des Frl. Karsten der Eine (Prof Brunner) geisteskrank geworden ist, und daß eigentlich nichts Besondres hier passirt. Ach, lieber Freund, ich ärgre mich selbst über meine Gleichgültigkeit gegen alle diese hiesigen Afffairen u. Ereignisse. Es ist als ob man statt zu leben, dem Leben eigentlich nur zusähe, ein frostiger u. unfruchtbarer Zustand. Er mag zum Theil daher kommen, daß ich mich innerlich kaum als hierher gehörig‚ hier jemals einzuwurzeln bestimmt betrachte. Sie können sich denken, daß ich voll Galle bin über die neue Demüthigung, die mir Peter & Wilmanns im schönen Bunde bereitet haben; dabei nun aber bin ich lei-

155 »Ja, lieber Freund, dieser letzten Wochen Qual war groß, das Maß allgemein menschlicher Schicksale und Schmerzen so weit übersteigend, wie eben die Tragödie das Alltagsleben. Tröstlich ist nur zweierlei: der Gedanke, daß zwei edle, geliebte Menschen ein Ende hoffnungsloser Leiden gefunden haben und daß ihr Andenken durch das erlittene Martyrium nur noch mehr in unsrem Gedächtnis verklärt ist. Von unsrem Leben ist unter solchen Umständen wenig zu sagen.« (E. Ribbeck, 2001, S. 304). – Frau Clara Kugler, geb. Hitzig, eine Tante der Frau Ribbeck, unterhielt in Berlin mit ihrem Mann Franz Kugler einen Salon. Nach seinem frühen Tod (1858) ging sie »mit ihrem jüngsten Sohn Hans nach München, wo Paul und Margarethe [eine Tochter der Frau Clara] Heyse wohnten. Als 1862 ihre Tochter Margarethe starb, führte Clara Kugler Paul Heyse und ihren Enkelkindern einige Zeit den Haushalt. Eine chronische Krankheit ihres Sohnes Hans, die diesen in seiner Laufbahn als Maler (er war ein Schüler Böcklins) hemmte und über Jahre zermürbte, ließ ihn 1873 einen scheinbar erfolgreichen Selbstmordversuch unternehmen. Clara Kugler, ihrerseits bereits unheilbar krank, vergiftete sich daraufhin. Die Tragödie endete damit, daß Hans Kugler, kaum genesen, eine Woche später seiner Mutter freiwillig nachfolgte.« (Petra Wilhelmy: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert: 1780-1914, Teil 1, Berlin; New York 1989, S. 704-705).

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der nun gar noch so schwächlich gereist, Niemanden eigentlich mit meinem Groll beschweren & wie einen entlastenden Sühnbock mit einem Fußtritt laufen zu lassen zu können. – Indessen will ich Sie mit meinem »Aechzen und Krächzen« nicht langweilen. Eines aber habe ich bei mir beschlossen. Ich bin halte mich für zu gut, um hier, als ewiger Extraordinarius, allmählich aus den Jahren, wo man trotz alledem heimlich noch hofft, in das Alter der öden Hoffnungslosigkeit hinüber zu modern; ich will nicht, ohne mich zu rühren, eine ewige Dürftigkeit und Enge ertragen, zu der ich das Talent der Genügsamkeit nun einmal nicht habe. Also diesen Gefallen thue ich den hiesigen akademischen Confratres nicht. Nun also: nach Vollendung meines Buches habe ich mir noch eine bestimmte Frist gesteckt. Komme ich bis zu der nicht vorwärts – und wie sollte ich? hier stecke ich in einer vollständigen Sackgasse, aus der kein Weitergang möglich ist, und anderswo wird man e. schöne Idee von dem also Uebergangnen bekommen, von Andrem abgesehen – dann also hänge ich die Universitätscarrière (lieber Gott! nicht einmal ein Trabb!) an den Nagel, und werde ergreife irgend etwas, worin mich wenigstens eigne Arbeit und nicht launenhafte Obere zu fördern hat. Und wenn ich Kaufmann werden sollte. – Mit solchen Gedanken zieht man sich denn freilich immer scheuer in sein Schneckenhaus zurück, und nimmt an einer Außenwelt keinen Theil, die Einem nichts gewährt. Aber ich fühle wohl daß solch ein eingesponnenes Leben nur in den eignen Phantasien und Gedanken ein elendes Schattendasein ist, wie in einem überirdischen Hades: Ich höre so vielerlei Töne in mir erklingen, und man glaubt und hofft doch immer, daß einmal ein voller und glückseliger Accord sich zusammenfassen sollte. Dazu bedarf es aber ein wenig Glück und Sonnenschein. Man sagt wohl, das Glück bekomme den Menschen nicht gut; mir würde es erst zu einem vollen Erwachen so mancher Kräfte verhelfen, von deren Dasein mir, in dieser Dumpfheit, kaum einmal ein tiefes Aufwallen der Sehnsucht Kunde giebt. – Nun ächze und krächze ich ja doch, wider Willen; aber so verknüpft mein unglücklicher schwerer Sinn Ein Mißlingen mit einem ganzen mißlungenen Leben: und leider hat er dann immer Recht bekommen. Dabei weiß ich, so sonderbar es gewiß klingt, daß ich eigentlich von Natur heiter bin (womit ich natürlich ein elendes Strohfeuer der Lebhaftigkeit nicht meine, das freilich jede gesellige Berührung leicht entzündet.). – Verzeihen Sie diese einfältigen Confessions; ich betrachte es wie einen Freundschaftsdienst, wenn Sie im Briefe solche Ergiessungen über sich ergehen lassen, von denen meine Lippe ohnehin nie überfließt, da mein Herz eben voll davon ist. Es soll auch nicht wieder vorkommen. Mein »Roman« tritt, in seinem ersten Zehntel, in das Stadium der Reinschrift, die übrigen neun Zehntel existiren noch nicht einmal in der allerdreckigsten Schrift. Ich wünschte aber freilich sehr, das Buch recht bald zu beendigen; man muß sich keine Zeit lassen, sich selbst gar zu sehr zu überholen, und durch langes Herumschustern an einem Buche am Schluß so weise und geschmackvoll zu werden daß man den Anfang abscheulich kindisch findet & dann zu gar

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nichts kommt. Daher mich denn Ihr Urlaubsgedanke sehr gekitzelt hat. Nun aber bitte ich Sie, lieber Freund, Ihre Freundlichkeit voll zu machen & mir etwas genauere Anweisungen zu geben. Ich bin in solchen Dingen unwissend u. unpraktisch wie ein Säugling. Also: an wen richtet man solch e. Gesuch? Curator, Minister od. wen? wie kleidet man es ein? lässt man es durch die Facultät empfehlen? und vor Allem: ist man, & würde ich in specie so ziemlich gewiß sein, des Gesuches gewährt zu werden? Denn wenn man es mir mit Kälte schimpflich abschlüge, wenn ich dgl. nur zu erwarten, als sehr denkbarer Weise eintreffend zu erwarten hätte, so ackre ich lieber weiter, als daß ich mir eine neue Blamage hole. In diesem Puncte bin ich jetzt sehr nervös geworden. Darf ich Sie also bitten, mich über diese & sonstige wissenswürdige Puncte einigermaaßen aufzuklären? Nun sagen Sie Ihrer Frau noc h die besten Grüße und meinen allerschönsten Dank für ihre liebenswürdigen Zeilen. Meine albernen Sprott! so ganz hors de propos zu kommen! ich gebe es aber noch nicht auf, in irgend einem andern Falle auch mit irgend einer Kieler Nahrhaftigkeit zur rechten Zeit zu kommen, um Ihnen anzudeuten, wie freundschaftlich Ihrer gedenkt Ihr E. R.

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2.72 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 7. Februar 74. Meine liebe Mutting! ich muß nur endlich einmal von mir hören lassen, um Euch für eure 2 lieben Briefe Dank zu sagen: dergleichen ich immer zu bekommen mich ebenso freue, als ich selbst zu schreiben mich scheue (Originalreim). Ich müsste als Motto immer meinen Briefen voran stellen, was man als Kind seinen Episteln getreulich als Schluß und Coda mitzugeben pflegt: ich weiß nicht weiter, was ich schreiben soll. Es ist schwer, auch nur e. Vorstellung davon zu geben, wie wenig eigentlich ein Mensch erlebt, der mit einer so kühlen Gleichgültigkeit wie ich gegen das gute Kiel und Kiliana begabt ist: daher denn alle ungemein wichtigen Ereignisse u. Gesellschafts = erlebnisse von mir wie Regentropfen vom Gummimantel abfallen & ich gar nichts von solchen Wichtigkeiten beschreiben könnte weil ich sie alsbald vergesse. So ist es wirklich eine Ungerechtigkeit, festliche Erzählungsbriefe von meiner Wenigkeit zu erwarten. Aber schreibt ihr mir nur so liebenswürdige Erzählbriefe wie eure beiden waren: An Geka noch meinen besondern Dank. Ich denke immer mit einem behaglichen Gefühl zu euch jetzt hinüber, da ich dich, an den langen Abenden, bei Vorlesen usw. so wohl geborgen und der kalten Einsamkeit enthoben denke, die frl. dem Menschen nicht wohl bekommen kann. Wenn nur die Beiden dauernd hier bleiben könnten!

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Wie würde dir das den Abend des Lebens vergolden u. erheitern! Was macht denn das Ungarische Paar? Ziehen sie definitiv nach Wien und wann? Immerhin wäre das ein ordentlicher Schritt näher zu uns, und gäbe auch für Ang. & Otto eine ganz andre Aussicht, Anna mit ihren 3 Würmern im Sommer einmal besuchen zu können? Denkst du denn ernstlich daran, jetzt – eigentl. ohne rechten Zweck nach Ungarn zu gehn? – Ich schreibe an einem dicken Buche, in dessen Abfassung ich nur durch Arbeiten fürs Colleg immer wieder unangenehm unterbrochen werde: solch ein Dualismus des Interesses thut nicht wohl. Immerhin hält Einen e. derartige Arbeit in Spannung; so lange man daran schreibt, hat doch das Leben einen Plan, u. das macht es allein bedeutend. – Auch habe ich mich, ganz dummer Weise, zu einem Vortrag (dgl. hiesige Proff. einen ganzen Cyclus halten) bereden lassen, der am 6./7. März steigen soll: er macht mir kein Vergnügen, da die Theilnahme Publici bisher sehr lau war: und wen erquickt denn laues Wasser? – Lebe wohl, liebe Mutting, und laß dir es wohl gehen. An Otto viele Grüße: Röntgen τὸν πάνυ (so viel Griechisch kann er am Ende noch) sollen auch wir am kommenden Mittwoch genießen. Herzliche Grüße an Ang. Dein Erwin.

2.73 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 20. Febr. 74 Mein lieber Freund!

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Von Herzen danke ich Ihnen für Ihren liebenswürdigen Trostbrief; solche Freundesworte thun unter allen Umständen sehr wohl, und verlocken Einen auch wohl gar, sich phantasievollen Hoffnungen hinzugeben: gleichwohl weiß ich nur zu bestimmt daß dergleichen Selbstbeschwichtigung nur Schwäche ist; & daß ein kaltes Bewußtsein über die wirkliche unbehagliche Lage der Dinge das einzige ist, was auf die Dauer einen leidlich gefassten, nicht ewig auf- u. abschwankenden Muth nährt. Zu dieser Art der Ataraxie bin ich glücklich durchgedrungen; und damit denn genug. – Nun aber der Urlaub! Sie haben mir durch Ihre verlockenden Vorstellungen von einem gemeinschaftlich zu verlebenden Heidelberger Sommer das Herz doppelt groß gemacht. Das wäre nun freilich ein Sommer »an sich«; die wonnigste Vorstellung. Indessen – es scheint, als ob’s wieder »andersch kommt«, wie der Dichter sagt. Ich habe mich gestern mit meinem Busenfreund Peter unterredet, da dieser Decan ist. Offenbares Erstaunen & Mißgönnen, mit sanften Worten überzuckert. Aber in der Sache hatte er ganz Recht. 1) ist Lübbert noch nicht eigentlich berufen, da er s. Entlassung noch nicht hat. Ginge ich nun jetzt an die Facultät, so könnte die ihre Empfehlg meiner Bitte höchstens suspendiren, ginge

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ich direct an Falk, so würde der, bis L. definitiv zusagen kann, zu Ostern anzutreten, ohne Weiteres Nein sagen. Das ist wohl unbestreitbar. 2) Ich müsste also warten, bis L. s. Ankunft zu Ostern bestimmt angezeigt hat. Dann aber wäre a) viel Zeit verloren, b) die Gewährg immer noch unsicher. Denn allerdings sind Diltheys u Justi’s Fälle, da sie ihren Urlaub gleich bei der Berufg zur Bedingung machen konnten, ganz anders als meiner; u. woher sollte ich z.B. die stattliche Oberjägermeister-miene her nehmen, mit der zB. Thaulow, »höheren Ortes« imponirend, den 1 jährigen Urlaub zu seiner berühmten, hochwissenschaftlichen Reise ƒgesetzt hat? Da ich zudem keinen Grund angeben könnte, der mich von Kiel zu verreisen nöthigte. – Und so könnte ich von 1 – 3000, und von A – Z weiter raisonniren. Kurz, es gehören günstige Umstände und bedeutende Protectoren, nicht sachliche Gründe zu diesem, wie zu allen akadem. Successen; ich kann aber nur mit letztern aufwarten und würde mir gewiß einen abermaligen Mißerfolg, zum gaudium sämmtlicher Musenbrüder, holen. Nichts destoweniger will ich noch nicht die Flinte ins Korn werfen, sondern die Antwort Lübberti abwarten & dann etwa mit Usinger noch einmal die Chancen der Sache berathen . – Ach, lieber Freund, was muß ich Sie mit diesen Thorheiten ennuyiren. Uebrigens polire ich an meinem »Roman« herum, bin dabei ganz vergnügt, werde im Sommer jedenfalls nur ein dreistündiges Interpretatorium lesen, & wünsche einstweilen auch dieses zum Teufel. Hier beginnen die sonnigen Frühlingstage & machen Sehnsucht in die Ferne. Ist’s nicht im Sommer, so sehe ich Sie doch wohl jedenfalls im Herbst: denn daran soll mich kein Peter, kein Falk und alles Gethier der Welt nicht hindern. Einstweilen ziehe ich die Segel meiner Hoffnungen ein; aber doch, ich hoffe auf ein wenig Sonnenschein, denn der bekommt Thieren Menschen u – selbst Romanen gut. Motto: ἔξεχ’ ὦ φίλ’ Ἥλιε! Mit vielen Grüßen an Ihre Frau & allen guten Wünschen für Sie Beide von Herzen Ihr E. Rohde.

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G R A T U L O R übrigens zum Hofrath, νεανίσκος τῆς αὐλῆς. Tzetzes prol. in Aristoph.

2.74 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel Mittwoch. Liebste Mutting! Daß ich nun längere Zeit von euch nichts gehört habe, lege ich mir dahin aus, dß ihr, nach glücklicher Ueberstehung der großartigen Festlichkeiten zu Gekas Geburtstag, nun im Gewässer täglicher Behaglichkeit so ruhig weiter plätschert; wobei denn nicht viel Mittheilenswerthes heraus kommt.

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Ich befinde mich so ungefähr in demselben Falle, so fern der Fall eines allmählich dummerhaft werdenden alten Junggesellen mit dem Eueren gleich sein kann. Nur einiger Schnupfen bringt zuweilen e. gewisse Gemüthserregung in meinen apathischen Zustand. Heute nun schreibe ich in einer Geschäftsangelegenheit: welche darin besteht, daß ich dich dringendst um baldige Uebersendung von 50 rl, aus dem unerschöpflichen Fonds der Lotterielose, die Du mir einmal geschenkt hast, zu ersuchen nicht umhin kann. Der Grund ist ohne sonderbaren Scharfsinn zu errathen: drängende Rechng und abnehmende, ja abgenommen habende Geldmittel. Also bitte ich ernstlich um baldige Sendg jener 50. – Im Uebrigen geht das Semester zu Ende, & das erweckt, bei aller spitzigen Schneeluft, die wir hier neuerdings genießen, e Art von Frühlingsempfindg. Ich schließe Sonnabd den 7. März, u. nicht sehr lange nachher kannst Du dich auf mein Einrücken in Hbg gefasst machen. – Vorher droht mir, am Freitag 6 Mz, ein absurder Vortrag, zu dem ich mich leichtsinnig verpflichtet habe u der mir nun im Bauch liegt, wie die Großmutter dem Wolf im Rothkäppchen. – Also, liebste Mutting, hilf mir in m. Nöthen: bleibe gesund & heiter & grüße Otto + Angeeka von Herzen. Dein Erwin.

2.75 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche

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Nur zwei Zeilen, geliebter Freund, um in aller Kürze zu sagen, daß Du mein Stillschweigen nicht mißverstehen darfst: ich habe in dieser Woche mit letzten Collegarbeiten u. allen Tollheiten über die Maßen viel zu thun u kann Dein Buch nicht mit Muße wiederlesen u. Dir m. Ansicht sagen. Alles soll mit Muße in Hamburg, wohin ich nächste Woche gehe, geschehn. In tanto, sta ti bene, aber bene im eigentlichen Sinne, nicht mit furtiven Nervenschmerzen etc: heile Dich ja zu Hause recht aus. Ich denke stets an Dich und euch, i. e. die Basileenses, die ich meine. Hast Du Nachricht über die Bedeutg der Mannheimer Jubelnachricht? Wenn ja, so schreib’ mir es mit 2 Worten. Dann aber: Lasset die feurigen Bomben erschallen! Du siehst welche Eile ich habe: Addio, lieber, tapfrer Freund! Dein E. R. Montag.

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2.76 Erwin Rohde an Otto Ribbeck156 Kiel 12. März 74. Nur einige Worte, lieber Freund, um Ihnen nun definitiv zu melden, was Sie nach meinem letzten Briefe wohl erwartet haben: daß ich um Urlaub gar nicht erst angehalten habe, und daß es also mit den verlockenden Sommerplänen nichts ist. Es thut mir selbst natürlich am meisten leid. Theils aber kam Lübberts definitive Entlassung so spät (vor c. 10 Tagen) daß schon um des Zeitmangels willen an e. derartiges Gesuch nicht mehr zu denken war: theils meinte doch auch Usinger, der anfangs gar keine Schwierigkeit bei der Sache sah, daß als er hörte daß ich keine Nothwendigkeit, um der Arbeit willen an e. bestimmten Punct zu verreisen, angeben könne, daß der Erfolg sehr 2felhaft sein werde. So habe ich mich denn in m. Schicksal ergeben u. muß versuchen, was bei meinem 3 stündigen Interpretatorium sich nebenbei wird machen lassen. Weniger, fürchte ich, als bei meiner sonst schnellen Art zu arbeiten, zu erwarten wäre: ich bedarf zur rechten Lust am Buchmachen ein ganz ungestörtes Einspinnen in Einen Vorstellungskreis, u. verfalle leicht, bei fortwährenden Unterbrechungen, auf zerstückeltes Lesen u. Ansammeln von Material, da dieses keine bestimmte Stimmung erfordert. Morgen gehe ich nach Hamburg, um dort bei m. Mutter u. in Gesellschaft m. mexicanischen Schwester & Mann die ganzen Ferien zu verbringen: was dann, so hoffe ich, recht behaglich werden wird. Möchten Ihnen in Berlin die Ferien ebenfalls recht angenehm verfließen. Wer weiß, ob man Sie nicht gleich dabehält, um Capitonem157 zu ersetzen? Schönsten Dank für Ihre letzte Zusendung: es wird Vielen, gleich mir, wohlthun, einmal diesen alten Unterleibspatienten gehörig gerüffelt zu sehn. Diese Manier, aus einzelnen Beobachtgg die windigsten Schlüsse zu ziehen & dann mit Galle und Geifer alle anzufallen, für die sich die Philologie nicht aus solchen Paradigmen und Thesen zusammensetzt, ist auf die Länge unerträglich. Für heute addio, liebster Freund, lassen Sie es sich wohl und heiter gehen. Wenn der Wind in den Ferien secundus sein wird, hoffe ich nach denselben von der Ueberwindung der schlimmsten Partie meines Buches melden zu können. An Ihre Frau meine herzlichsten Grüße & Wünsche. Ich erinnere mich in diesen Tagen doppelt lebhaft der schönen Tage des vorigen Jahres, wo wir, und auch Ihre Frau in so überraschender Rüstigkeit, auf dem Schlosse herumstiegen 156

l. o. von Ribbeck: R. 16/3. lat. capito: Haupt: am 5. 2. 74 war Moritz Haupt, klassischer Philologe und Germanist gestorben; – über dem lateinischen Wort mit Bleistift »Haupt«.

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& der schönen Sonne genossen. Die möge Ihnen, als Sinnbild alles Guten und Belebenden, noch oft und lange scheinen. Von Herzen Ihr E Rohde

2.77 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hamburg 24. März 74. Mein lieber Freund!

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Ich sollte eigentlich alle meine Briefe mit »endlich« anfangen, denn allemal wird es erst »endlich« bis ich, nachdem ich lange & viele Briefe an meine Freunde in Gedanken geschrieben & auf dem bekannten Wege der »Segler der Lüfte« befördert habe, mich wirklich, realiter und effective auf meinen séant setze, um ihnen nun auch in aller Körperlichkeit, ja mit »voller Hingebung der Persönlichkeit an den Briefproceß« zu schreiben. Dafür erbitte ich denn, als für einen constitutionellen Fehler, ein für alle Mal Generalpardon. Zuerst vielen Dank für deinen Brief, aus dessen völligem Stillschweigen über Dein Befinden ich hoffentlich Gutes & Tröstliches entnehmen darf. Mit Befremden bemerke ich aber, daß du von deiner »vorhabenden« Reise nach Naumburg gar nichts schreibst. Solltest Du sie aufgegeben haben? so wäre dies eine wirkliche Unvernünftigkeit; denn wenn Du gegenwärtig auch mit der Correctur des »Weltprocesses« zu thun hast, so würde ich doch vor Allem den Tag benedeien, an dem ich hörte, daß Du deinen eignen »Erdfloh«, will sagen τὸ σκῆνος, näml. das vermaledeiete Nervensystem ƒ e. gründliche Kur auf seinen Normalstand zu bringen unternehmest, da es gegenwärtig doch wohl immer noch einigermß. im »Unstand« ist. Also schone dich ernstlichst, lieber Freund! Und warum nimmst Du nicht ein paar Wochen Urlaub? Dabei gedenke ich des Concilium subalpinum. Du weißt, daß ich meinerseits vom 10 August bis gegen den 20. October zu haben bin. Nähere Pläne erwarte ich also vielmehr von euch, deren Zeit so viel beschränkter ist. Theilt mir die mit, & ich werde dann meine Einrichtgg danach treffen. Um keinen Preis wollen wir diese herrliche Zusammenkunft aufgeben, auf die ich mich schon während des ganzen grauen Winters gefreut habe. Hoffentlich werden meine finanziellen Verhältnisse – mit denen ich fortwährend à outrance mich herumschlage – in jenem gesegneten Monate blühend & feist sein. Dabei fällt mir ein, was mir schon oft, aber stets zur verkehrten Stunde eingefallen ist, daß ich Dir, theurer Freund und Wucherer, noch 39, schreibe neununddreißig Thaler schuldig bin: von denen, im Apriltermin, eine Rate an dich abgehen soll.

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Jetzt ein Wort von der »Historie«. Wenn Du von mir Aufklärungen über Deine Schreibweise u. dgl. erwartest, so könnte ich freilich, E. v. Hartm. blutig rächend, erwidern: man kennt dich, Schalk aller Schälke! Du weißt wohl, daß man den Schüler nicht dem Herrn Magister das Exercitium corrigiren lässt. Indessen ist freilich gewiß, daß Bessermachen und Besserwissen 2erlei Dinge sind, und daß man das Letzte zuweilen, in manchen Einzelheiten, besitzen kann, wenn man vom ersten auch »nich e Linschen«, wie die Sachsen sagen, hat. So will ich denn, auf Verlangen, allerlei moniren, was sich wohl anders denken ließe. In der Anlage des Ganzen erkenne ich einen wirklichen Mangel in dem 4. Abschnitt. Die so sehr richtige Bemerkg über den Gegensatz des Außen & Innen kommt zu plötzlich, wie aus der Kanone geschossen, eigentlich (auf S. 36) wie aus dem Leibe hervorgerumpelt.158 Dabei bemerke ich nun e. Mangel, der wie mir öfter die, von Fremden mir öfter entgegengehaltne Schwierigkeit Deiner Bücher z. Th. verursacht. Du deducirst allzu wenig, sondern überlässest dem Leser mehr als billig & gut ist, die Brücken zwischen Deinen Gedanken & Sätzen zu finden. Gewiß ist die allmähliche Ableitung des 2ten aus dem lten, des 3t aus dem 2ten usw. in infinitum oft tödtlich langweilig; aber der entgegengesetzte Fehler kann, aufs Extrem getrieben, Bücher über eine ohnehin schwierige Materie oft unsäglich beschwerlich machen, wie das zB. Wagnern fast in allen seinen Schriften (außer im Dirigiren u. im Judenthum) so geht. In diesem speciellen Falle, bei Nr. 4, wird der Zusammenhang der übermäßigen Historie mit dem fatalen Gegensatz, von dem du redest, gar nicht klar, weil du ihn nirgends recht ausdrücklich und nachdrücklich hervorgehoben hast. Dieser Gegensatz, könnte Einer meinen, könnte sich auch herausstellen, wenn die Deutschen noch, nach früherer Art, abstracte Theorienmacher wären; in wiefern er gerade mit dem Gegentheil dieser früheren Art, der gegenwärtigen »schönen Thatsächlichkeit« zus.hängt und ihrer teuflischen Manier, mit hunderttausend Dingen sich zu beschäftigen, die, in der Art mit der man sich mit ihnen beschäftigt, dem Charakter, dem eignen Willen, dem Leben, dem geistigen Gesammtwesen des Menschen sich gar nicht, zu förderlicher Ernährung, assimiliren – das ist wohl angedeutet, hie und da, aber nicht genügend ausgeführt. Eben darum sind, 158 Die eher drastische Wendung hat Rohde aus der zu kritisierenden Schrift Nietzsches übernommen und, augenzwinkernd, weiter ausgesponnen. – Vgl. »Unzeitgemässe Betrachtungen von Dr. Friedrich Nietzsche, ordentl. Professor der classischen Philologie an der Universität Basel. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben.« Leipzig. Verlag von E. W. Fritzsch. 1874. 4. Abschnitt, S. 36: »Der moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit auch ordentlich im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst. Durch dieses Rumpeln verräth sich die eigenste Eigenschaft dieses modernen Menschen: der merkwürdige Gegensatz eines Inneren, dem kein Aeusseres, eines Aeusseren, dem kein Inneres entspricht, ein Gegensatz, den die alten Völker nicht kennen.« Es ist die erste Annäherung an die später viel besprochene Stelle.

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fürchte ich, die ganz vortrefflichen Bemerkungen in Nr. 5, über die Wirkungslosigkeit selbst der Größten & Gewaltigsten für Fernstehende nicht so klar, wie sie an sich doch sind. Es fehlt der deutliche Zusammenhang, auch mit N. 4 (wozu übrigens die nachträgliche Unterbrechung »In fünffacher Hinsicht« usw? Das gehörte in den Anfang von N. 4), welcher, wie ich vermuthe, wohl der sein soll, daß man sich mit allem Herrlichen der unendlichen Vergangenheit so kühl und »objectiv«, das ist gleichgültig und ohne persönliche Einwirkung zu empfangen, abgefunden hat, und darin eine so verruchte Virtuosität erlangt hat, daß man diese Virtuosität nun auch auf die Gegenwart überträgt, erstaunliche Ereignisse & Menschen sofort in der angelernten Weise »historisch begreift«, worauf man denn des Staunens ledig ist, das Große, nun aber »Begriffene« reponiren kann und sich in seiner Behaglichkeit nicht weiter braucht stören zu lassen. Kurz, liebster Freund, es wäre gewiß der Wirkung Deiner Bücher nicht nachtheilig, wenn Du dich, in etwas gröberer Bleifassung deiner Scheiben, dem gröbern Verständniß des theuren Publici, dem solche Gedanken ja überdies erschrecklich fremd und paradox sind, mehr anbequemen wolltest. Lies zB. einmal englische deducirende Aufsätze: die Kerls sind mit ihrem gräßlichen common sense – styl freilich oft zum Todgähnen, aber die Bessern verstehen die schwere Kunst des logischen Darlegens, ohne Aufdringlichkeit, vortrefflich. Nur nicht Carlyle, das ist ein Rhetor, ein vortrefflicher tiefsinniger und enthusiastischer Mensch, der aber gar nicht gehen, sondern nur springen kann, & das soll man ja, für den Alltag wenigstens, gerade vermeiden. Noch einen Fehler habe ich zu rügen. Du verfolgst, so scheint mir, nicht ganz glückliche, oft recht stark hinkende Bilder, zuweilen weiter, als für Ihre Wirkung ersprießlich ist. Z. B. das Bild vom Baum p. 30. Ich weiß wohl, woher das kommt. Unsre Sprache hat sich von der richtigen Bildlichkeit, die ursprünglich in jedem Worte der Sprache liegt (du verstehst was ich meine) sehr weit entfernt. Ich empfinde es oft an eigner Schreiberei, wie grau, abstract, bildlos unsre Sprache u. Ausdrucksweise geworden ist. Vielleicht durch Schuld des Ueberwiegens der wissenschaftlichen Prosa, auch namentlich der Schleiermacherei & Hegelei. So bezeichnen wir unsre Meinungen vielleicht wirklich eigentlicher und näher, als eine jugendlichere Zeit: aber es fehlt das liebliche Mitspielen so vieler, durch bildliche Wörter mitangedeuteter Vorstellungen. Diese Dürre empfindet man peinlich, & sucht ihr leicht aufzuhelfen durch einen absichtlich bildlichen Ausdruck: absichtlich nicht, weil sie Einem nicht etwa ohne Weiteres & instinctiv sich aufdrängten, sondern weil man das Bildliche dabei doch immer empfindet & festhält, und daher eben leicht zu weit ausmalt u. zu lange festhält. Sonst rühme ich gerade an deinem Stil die Fülle, oder, mit einem Roastbeaf-bilde, die Saftigkeit des in sich noch bilderreichen Ausdrucks, der dich von den heutigen Scribenten, unter neben vielen tausend andern Eigenthümlichkeiten, so herrlich unterscheidet. Nur im Durchfugiren wirklicher Bilder thust du oft zu viel. Ich empfinde dieses, weil es mir selbst leicht so geht.

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Alles dieses würde ich gar nicht erwähnen, wenn ich nicht viel mehr noch als die einzelnen Mängel die Kraft & Schönheit Deiner Schreibart innigst empfände, wenn ich Dir nicht in allen Gedanken deiner Schrift von Herzen zustimmte und Aufklärung, Bestätigung, Belehrung in vollen Zügen aus ihr getrunken hätte. Du wirst mich daher auch nicht dahin verstehen, als ob ich mit Schulmeistermiene dich rectificiren wollte, und, nach jenem Grillparzerschen Verschen, mich der Sache über die ich schreibe naseweis überlegen fühlte. – Noch Eins übrigens, lieber Freund. Zuweilen habe ich den Eindruck, als ob einzelne Stücke & Abschnitte zuerst für sich fertig gearbeitet worden wären, & dann, ohne in dem Fluß des Metalls völlig wieder aufgelöst worden zu sein, dem Ganzen eingefügt worden wären159. Das kann aber eine Täuschung sein. Für dieses Mal genug des Nörgelns. Im Uebrigen knüpft jede neue Schrift von Dir ein neues Band zwischen uns: denn ich erkenne immer aufs Neue, wie tief gemeinsam unsre Empfindungsweise in allen wichtigen Dingen ist; so daß ich über alle die tiefgedachten Dinge deiner Schriften kaum noch erstaunt bin, da ich, wenn sie nur erst einmal ausgesprochen sind, von Herzen sie wie meine eignen Gedanken empfinde. Wie übrigens unsre Herren Confratres in Philologicis eigentlich in ihrem Innern aussehen mögen, ist mir dunkel & verborgen. Mit solchen Gedanken, wie Deine über die Historie müsste ja eigentlich jeder rechte class. u. eigentl. auch germanische Philolog von vorneherein einverstanden sein, sie müssten ihm zB. den unsinnigen Widerspruch aufdecken, der darin liegt, die class. Philologie zu einer »rein historischen« Wissenschaft im modernsten Sinne zu degradiren – was sie ursprgl. gar nicht war & sein wollte, – und doch ihr, in den Gymnasien einen Vorzug vor andern »reinen« Historien einräumen zu wollen: wie man das, mit den seltsamsten Redensarten, u. vermöge eines Ueberrestes von Instinct, doch immer noch vertheidigt. Und doch, wie werden die Herren zürnen, schimpfen und geifern! Dagegen bin ich übrigens, ein für alle Mal, jetzt gänzlich unempfindlich geworden. Herrn Brunonem, den Ausführlichen, habe ich sogar, theilweise, gelesen. Schick ihm nur Mopsum, sie werden sich verstehen: Arcades ambo. Reagiren werden wir wohl sicherlich auf Attacken niemals wieder. Fuchsius ist mir noch nicht zu Gesicht gekommen. Es lebe übrigens der brave Plüss: es scheint, als ob sich einiger Ernst doch noch in philologischen Gemüthern erhalten habe. Im Uebrigen, wie gesagt, verstehe ich dieses Geschlecht immer weniger. Irenaeum übrigens wird wohl das bibliographische Denkzettelchen verschnupft haben. Begierig bin ich, Burckhardts Worte näher kennen zu lernen; er bleibt ein unvergleichlicher Kopf, dem es nur an Stärke der Hoffnung und, vielleicht muß man leider so sagen, an Fähigkeit zu einer lebenernährenden Illusion gefehlt hat in jüngeren Jahren. 159

Rohde kennt die Schwierigkeit im eigenen Schreiben: vgl. 2.67, 17-21; 2.68, 36-38; 2.69, 56-58.

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Nun also rüstig an die 2te »Geburt«. Laß nur mich die Correctur lesen, wenn du mit meinem diesmal. Dienste zufrieden gewesen bist. – Um Rom. solltet ihr euch nicht sorgen. Ein mystischer Hang liegt wohl in jedem ernsthaften Menschen und will sich austoben. Mir ist viel mehr für sein äußerliches Fortkommen ernstlich bange. Ich wünschte, dafür könnte man einmal etw. thun. Auf mein Ordinariat kannst Du lange warten. Ich kenne zu wenig Fachgenossen & verspüre gar keine Lust, mehr kennen zu lernen. Dazu Mangel aller Künste des ambitus. Leb wohl, theurer Freund, bleib gesund & grüße die Basler Freunde. Dein E. R. Was nun Bayreuth betrifft, so habe ich doch einstweilen die »feurigen Bomben« 160 noch zurückgestellt: wenn nur nicht aufs Neue eine Enttäuschung hinterher hinkt! ich kann noch nicht recht froh werden.

2.78 Erwin Rohde an Bertha Rohde Kiel 5. Mai 74. Liebste Mutting,

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von Herzen wünsche ich dir Glück zu deinem morgen bevorstehenden Geburtstag: möge er ein gesundes & heiteres Lebensjahr fröhlich einleiten. Das Wetter wenigstens macht ja eine Art Festmiene; das soll uns denn ein günstiges Vorzeichen für alles Erfreuliche sein. Gerne hätte ich Dir die versprochene u. auch wirklich hergestellte Photographie geschickt: aber E. Bieber scheint zur Praecision zu vornehm geworden zu sein; die Probephotographie habe ich bekommen aber nicht das bestellte Dutzend von dem erträglichsten der 3 Abdrücke. Ein großes Meisterstück ist es nicht, & übrigens hat es ja auch keine Eile. Nimm einstweilen die Anweisung auf die einstige wirkliche geheime Photographie anstatt ihrer selbst an. Ich fliege nun wohl gleich nach dem 6ten in alle Winde, näml. hauptsächl. nach Süden. Dazu wäre nun freilich ein etwas weniger eisiges Wetter zu wünschen als wir die letzte Zeit genossen haben. Was wird denn Otto machen? Die entsetzliche Geschichte von Unnas Schwiegersohn hatte vor einigen Tagen Dr Andreas mir zum Theil erzählt161. Die armen Alten thun mir sehr leid: endlich meinten sie wohl, nach vielen Nöthen in einem ruhigen Hafen angelegt zu sein, & nun diese fürchterliche Katastrophe, bei der kein Trost und keine 160

s. 2.75, 10. Bankier Adrian Ploos van Amstel (2.48,21 erwähnt) hat sich nach nicht einjähriger Ehe am 19. April 1874 in Heidelberg in Zusammenhang mit dem allgemeinen Bankenkrach, der großen Wirtschaftskrise von 1873/74, erschossen. Die gemeinsame Tochter Paula wurde nach seinem Tod geboren. Es gab noch drei kleinere Kinder aus seiner erster Ehe. 161

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Linderung möglich ist! Was wird denn mit den 3 Kindern des Herrn Pl. geschehen? da er, so scheint es, seine Familie ganz mittellos hinterlassen hat. – Wann kommt Anna eigentlich herüber? ich habe es aus deinen Briefen nicht recht ersehen können. Es wäre mir sehr lieb, rechtzeitig einen genauen Plan der von euch beabsichtigten Eintheilung des Sommers u. Herbstes, in Reisen, Zuhausesein, Annas Anwesenheit &sw. zu bekommen, damit auch ich eventuell meine Herbstferien=reisepläne danach modificiren kann. Also gieb mir gelegentlich die nöthigen Andeutgg. Hier ist das Semester eben angegangen; Kiel ist öde & ledern wie immer, & weiter ist nichts davon zu sagen. Den geliebten Sack hast Du hoffentl. heute bekommen; ich hatte ihn allerdings vergessen. Nun also, mit socialdemokratischem Gruß wünsche ich meiner lieben Mutter zu deinem Geburtstag viel Glück von ihrem Sohn Erwin. Viele Grüße an Ang. & Otto.

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2.79 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 10. Mai 74 Mein geliebter Freund! je älter man wird – und ich fange schon an zu fühlen, daß Einem das Leben wie lockrer Sand unter den Füßen wegrieselt – um so mehr fühlt man das Absurde einer brieflichen Verbindung von Menschen, die dieses kurze & zweifelhafte Leben zusammen in persönlicher Gemeinschaft verleben sollten, weil sie zusammengehören. So auf einem Blatt Papier irgend einen der zahllosen Minuten aus denen das Leben sich aufbaut festhalten zu wollen hat gar keinen Sinn: und des allgemeinen Sinnes & Klanges der sich durch alle diese Minuten, wenn auch nur als eine Sehnsucht, hindurchzieht, ist der Freund ohnehin gewiß. Das heißt, diese Weisheit gilt nur für mich: von Dir aber, theurer Freund, wünsche und ersehne ich, oft und viel häufiger als es geschieht, viel zu hören. Denn Du bist muthig und hoffnungsvoll thätig, und vom Geist der Musik, der in Dir lebt, emporgetragen. Ich krieche im Staube, und lebe in einer wirklich depravirenden Muthlosigkeit alle die Tage und alle die elenden Zustände hindurch, durch die uns das Leben schleppt. Davon ist nicht gut zu reden; und darum, lieber Freund, laß Dich bitten, und gieb mir öfter Zeichen Deines Angedenkens, deiner Gemeinschaft mit mir, ohne die ich gar nicht leben und athmen möchte. Alle andern Pläne, Wünsche, Hoffnungen reißt mir eine abscheuliche Muthlosigkeit weg, die mich, zuweilen in der Nacht bei plötzlichem

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Erwachen162 so alpartig überfällt, daß ich mir wie in einer Wüste, ohne Freunde, ohne Trost, ungeliebt von allen Menschen elend herum zu irren scheine, in einer Unsicherheit der Existenz, die alles ernstliche Anpacken irgend einer Hoffnung, eines Planes des Lebens wie eine Albernheit erscheinen lässt. Das sind alles Wahngebilde, die der Wahrheit nicht entsprechen: und doch können einem, unter unglückl. Stern Gebornen, sich tausend kleine und kleinste Dinge zu einem solchen Zauberknäuel des Widerwärtigen verfitzen, daß sie ihm, wenn er so erregbar ist, wie ich, zu einer endlosen Plage und Hemmniß, eine geringfügige Enttäuschung zum Symbol eines ganzen mißlungenen Lebens wird. – Da hast Du eine abscheuliche Krankengeschichte. Ich habe keinen andern Trost als den Gedanken an das einzige, was ich besitze: Deine Freundschaft, Lieber und Getreuer, und die nun möchte ich durch ein Zeichen öfter bestätigt sehen. Du kräftigst mich durch einige muthvolle und frische Zeilen mehr, als tausend innere Strafpredigten gegen meine unsinnige Verzagtheit vermögen. – Mein »Roman« geht rückt unter so trübem Himmel innerer Stimmung nur sehr langsam vom Flecke: ich kann nur arbeiten, wenn ich heiter bin. Beiliegend eine, zu meiner Mutter Geburtstag veranstaltete Photographie: mittelgut. Für die Briefe vielen Dank, ich schicke sie das nächste Mal zurück, wo ich denn auch etwas freier von dem Druck dieser letzten Wochen zu sein hoffe. Schreib mir doch Genaueres über eure Genfer Pläne: die sind mein Leitstern in der gegenwärtigen Nacht der Verdrossenheit. Nun grüße Ov. & Rom. von Herzen, und verzeihe mir diesen Jammerbrief. Bald werde ich aus dieser elenden Höhle des Trübsinns wieder herauf geklettert sein, a riveder le stelle. Von Herzen dein E. R.

2.80 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 26 Mai 74. 163 Mein

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lieber Freund!

ich stecke seit Wochen so völlig mit über beiden Ohren in meinem »Roman«, daß ich weniger als je von meinen persönlichen Verhältnissen Aufhebens zu machen & Nachricht zu geben Veranlassung habe. In der That bin ich wenigstens so weit vorgerückt, daß ich morgen den ersten Abschnitt, welcher von der alexandrinischen Liebeselegie & ihrem (problematischen) Einfluß auf den Roman handelt, & damit mit einem Drittel der ganzen Arbeit fertig zu werden 162 163

vgl. »Cogitata«, C. 67. l.o.: R 27/6.

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hoffe. Was sich, bei genauerer Ausführg einer im Allgemeinen längst vorbereiteten & zurechtgelegten Sache Einem für unendliche Einzelheiten in den Weg stellen, habe ich dabei ausreichend erfahren; dazu noch die fortwährende Nöthigung, den Topf, mitten im Kochen, vom Ofen abzurücken u. dann mühsam wieder die Asche anzublasen: so erklärt es sich ausreichend, warum mich dieser dornigste – u. bei dem dürftigen Material doch so wenig lohnende Abschnitt so lange beschäftigt hat. Uebrigens sehe ich keine Möglichkeit noch diesen Sommer zu dem ersehnten Abschluß zu kommen, so wenig mich auch mein 3 stündiges Colleg hindert. Viele Grüße schickt Ihnen Volquardsen, der sich, mit einer wie es scheint, herzlich gemeinten Pietät Ihrer erinnert. Er ist gewiß ein sehr wohlmeinender Mensch: einstweilen übrigens noch sehr ersichtlich in der Gährung, wo denn auf der Oberfläche Politik, Etymologie (z. B. des Pelasger-namens u. solcher erfreulicher Dinge), Historie und »allgemeine Bildung« etwas turbulent durch einander schwimmt.164 Lübbert ist, wie es scheint, eine sehr gute Erwerbung. Er soll im Seminar sehr gut sein, & ist ja auf jeden Fall philologisch in seltner Weise allgemein & gründlich durchgebildet. Sonst kennen Sie wohl seine etwas allzu weiche Manier, die Einen immer einigermaaßen in Beschämung versetzt: denn liegt in solcher Behutsamkeit des Anfassens nicht eigtl. die Meinung ausgedrückt, daß der Andre ein nur halbgezähmter Wauwau und Bumann sei, den man nur ja nicht durch lautes Auftreten wecken dürfe? Welche Stellung L. zu Forchh. hat, weiß ich noch nicht. Im Uebrigen bin ich in Ansehung meiner persönl. Erwartung an hiesiger u. andern Universitäten vollendeter Pessimist geworden, erwarte daher auch von L. nichts andres, als daß er mir in aller Sanftmuth nächstens einmal einen 3ten Ordinarius vor die Nase setze: z. B. den biedern Blass, lächerlichen Angedenkens, der sich, wie ich aus L’s Äußerungen entnommen habe bereits bei ihm zu solchem Behuf angemeldet hat. Passen Sie auf, ob ich nicht wieder Recht behalte. Ich bin ein unübertrefflicher μάντις κακῶν. Unter solchenen Umständen – quae cum ita sint – sehe ich gierig nach der Millionenbraut aus, die mir wohlpräparirt in’s Maul fliegen & mich unabhängig machen soll. Aber bald zeigt sich die Braut, bald die Million, aber nie beide zusammen. »Wie selten ist es, daß die Menschen finden, was ihnen doch bestimmt gewesen schien!« – Sonst passirt hier, Gott sei Dank, nichts. Der Universitätsbau soll nächstens (im Juli) gerichtet werden: die Institute werden dann begonnen werden, zuletzt das nothwendigste, die Bibliothek. Haben Sie die von der amüsanten Intro164

»Am Beginn des Sommersemesters 1874 traten in die philosophischen [sic!] Facultät als ordentlicher Professor der Geschichte der bisherige ordentliche Lehrer am Gymasium zu Potsdam, Dr. CHRISTIAN AUGUST VOLQUARDSEN und als ordentlicher Professor der klassischen Philologie der bisherige ordentliche Professor an der Universität Giessen, Dr. EDUARD LÜBBERT ein«. (Chronik, 1874,3).

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duction der neuesten Erwerbung, Prof. e. o. Pochhammer165 gehört? Er hatte sich, als Privatdoc. in Berlin, der hies. Facultät zur Beförderung ergebenst angetragen, abgewiesen, setzt er beim Minister s. Anstellung, ohne Befragung der Facultät, nun doch durch, & kam plötzlich beim Rector an, ehe dieser e. Ahnung hatte, wer Hr P. und welches seine Absichten seien. – Im Uebrigen ist es bisher hier scheußl. kalt gewesen, jetzt wird es warm, daher ich übermorgen mit Dr. Andreas166 – welcher Aussicht hat, der Expedition zur Beobachtg des Venusdurchganges nach Persien als Inschriftensucher u dgl. beigegeben zu werden – eine Fußtour auf 2 – 3 Tage nach Lüttjenburg Eutin (woselbst sich, nach einer Studentennachricht, Wisser wieder verheirathen wird) u Lübeck zu machen gedenke. – Ich bin in einer ziemlich dumpfen Stimmung, durch meine Arbeit indessen ab und an in’s heiterere Unpersönliche gezogen. – Ihnen und Ihrer Frau, die ich herzlich zu grüßen bitte, wünsche ich nur einen friedlichen und heiter stillen Sommer: mir zugleich mit ein frohes Wiedersehn im gesegneten Herbst. Addio, lieber Freund: Ihr E. R

2.81 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 17. Juni 74.

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Verzeihe mir, liebster Freund, wenn ich meine vortrefflichen Schreibeabsichten wieder einmal so lange hinaus gezögert habe, bis ich meinen Freunden unnöthige Besorgniß errege. Unnöthig ist die zum Glück ganz und gar: denn ich laborire nur an einem gew. torpor meiner Empfindungen und einer gräßlichen Abneigung, etwas zu sagen. Daher ich denn gänzlich in die Tiefe der wunderlichsten Roman-meere hinuntertauche u. mich an dem tollen Wesen drunten unter den Larven und sonstigen Schillerschen Klippenfischen erfreue. Dahin dringt kaum einmal ein ferner Glockenton, in die Einsamkeit und Entfernung von allem Äußerlichen. Mache Dir nur keine Sorgen irgend einer Art um mich: solche thörichte Ausbrüche, wie sie mein letzter Brief enthielt, den ich, abgeschickt zu haben, alsbald bereute, – befallen mich nur selten. Sonst ist meine Stimmung meist nè trista nè lieta, wie es in der Ordnung ist. Einen öffentlichen Ausdruck meiner ganzen Denkweise zu geben, – wie Du, als einen heilsamen Aderlaß, es mir anräthst – verspare ich mir auf eine viel spätere Zeit, wo ich reifer geworden sein werde: ich bin ein sehr langsam reifen165 »… wurde zu Ostern 1874 der bisherige Privatdocent an der Universität zu Berlin, Dr. LEO POCHHAMMER zum ausserordentlichen Professor für das Fach der Mathematik ernannt.« (Chronik, 1874,3). 166 Dr. Friedrich Carl Andreas, Orientalist 1846-1930, seit 1887 verheiratet mit Lou Andreas-Salomé (1861-1937).

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des Wesen, das seine Ringe sehr allmählich ansetzt. Vor der Hand fühle ich mich wirklich nicht gereift genug, um über Allgemeines öffentl. zu reden, sondern ich bedarf des Stammes eines besondern Gegenstandes, an dem ich mich aufranke. Um Eines übrigens bitte ich Dich, geliebter Freund: laß mich in Zukunft Deine wirkliche Stimmung stets treu und unverhüllt vernehmen: wozu sollen wir denn vor einander, aus irgend einer verkehrten Schonung, unsre Schmerzen verbergen, und nicht gemeinsam tragen, was wir gemeinsam empfinden?! Das ist übrigens gewiß, daß Du die ewigen u. täglichen Peinen, welche die Universitätsstellung Dir, wie die Sachen sich gewendet haben, bringen muß, nicht auf die Länge wirst ertragen können. Aber fasse, wie auch Gersd. dir räth, nur keinen raschen Entschluß. Zum Teufel, giebt es denn keine reichen Weiber mehr, um uns unwiderstehliche Jünglinge zu heirathen! Mit der Lotterie ist es nichts! ich wenigstens habe kein Glück im Spiel. Auch nicht in der Liebe: es zeigen sich näml. in meiner Umgebung nur solche weibl. Wesen, die gewiß in einem frühern Leben Gänse oder Katzen gewesen sind: da ich nun wahrscheinlich, wie jener Freund des Pythagoras, wahrscheinlich schon damals ein Esel war167, so fehlt zwischen mir und jenen die φυσικὴ συμπάθεια. Hätte ich nur, wovon ich jetzt so viel lese, einen Rhâkshasa zum Freunde, so wollte ich – u. Du – bald zu Golde kommen, & pfiffe auf alle Millionenbräute! – Schreibe mir doch den Ferienplan! – Ich lese Dante Div. Comm. mit großer Andacht. – Könntest Du gelegentl. einmal Frau Wagner andeuten, ich empfände längst Gewissensbisse wegen Briefschuld: ich würde sie auch nächstens abtragen, wäre aber gegenwärtig so ausgeblasen u. dumm, wie e. hohle Nuß. – Viele Grüße an die Freunde: grüß auch den armen alten Vischer, u empfiehl mich Deiner Schwester. – Auf die »Historie« alles stumm, bum, bum. Die neueste und sicherste Art der Abtödtung. Ostern, in Hamburg, sah ich sie in e. Leseverein aufliegen und förmlich zerlesen und mit schmutzigen Fingerspuren geziert: womit der Deutsche Interesse und Hochachtung auszudrücken pflegt. Addio. dein E. R VOM 1. IULI AN WOHNE ICH: Jägersberg No19.

167 Zur Rezeptionsgeschichte der Briefe: Später verdichtete ein Studienfreund von Rohdes Enkelin Hedwig diese ihr wohl unerkannt gebliebene Stelle: »Die Liebe brach, eh‘ sie noch ganz war, weil er ein Esel, sie ‘ne Gans war.« (Vers und Zeichnung von Gerolf Steiner im Nachlass).

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2.82 Erwin Rohde an Franz Overbeck Kiel 20. Juli 74 Lieber Overbeck!

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Meinen allerbesten Dank für die Uebersendg Ihres ganz vortrefflichen Bildes: durch Gegensendung meiner sehr mittelmäßigen Photographie kann ich meinen Dank kaum mehr als symbolisch‚ nicht durch eine gleich wiegende Gabe aufzuwiegen hoffen. Ich wollte nur, die Zeit wäre erst gekommen, da ich zu Ihnen nach der Schweiz in Person fliegen könnte: dieses Kiel habe ich über alle Begriffe satt. Nun möchte ich Sie bitten, mir nur mit ein paar Zeilen eine Uebersicht über Ihre Ferienzeiten und über die Absichten mitzutheilen, die Sie in Betreff der Genfer Zusammenkunft haben. Ich für meinen Theil habe, wie Sie wissen, von c. 10 August – c. 15 October freie Zeit; aber ich möchte irgend einen genaueren Anhalt haben, um e Eintheilung meiner Ferien, von denen e. Theil meiner gegenwärtig aus Mexico zum Besuch in Hambg sich aufhaltenden Schwester gehört, möglich zu machen. Also thun Sie mir den Gefallen, mir Ihre & der andern Freunde Absichten mitzutheilen: von Nietzsche habe ich dergleichen bisher nicht extrahiren können. Uebrigens habe ich keine Idee, wo ich Sie bei dieser Sommergluth mit den Gedanken zu suchen habe: man schickt Ihnen hoffentlich die Briefe nach, & so auch diesen Zettel, dem Sie wohl die 26º R. im Schatten anmerken werden. N. ist ja wohl hoffentlich nach Bayreuth gegangen: wenn ich mir etwas ganz Kluges für Sie ausdenke, so schicke ich Sie gegenwärtig auch nach B. Schreiben Sie mir, darum bitte ich recht sehr, ob Sie um des Freundes Gesundheit in letzter Zeit besorgt zu sein hatten: s. eignen Briefe besagen darüber so wenig, und, wie ich immer fürchte, Trügerisches. Wie es mit s. Stimmung stehen muß empfinde ich sehr wohl; er ist zu so wunderlicher Stunde in die Welt gekommen, dß ihm kaum anders wird wohl werden können, als wenn er diesem Zeitalter, von dem ihn e. ganzer Abgrund trennt, den Rücken wenden, & auf eigner Burg von allen quälenden Verbindungen sich ganz lösen könnte. – Das Herrlichste wäre, wenn wir Alle eine kleine Insel mitten im Strom der »Jetztzeit« uns befestigen könnten; unter den fremden Leuten ist doch kein rechtes Behagen. Einen kleinen Anfang wollen wir nun in der Genfer Zusammenkunft machen, auf die ich mich sehr freue, als auf e. kurze Zeit volleren Lebens nach dieser akademischen Oede. Lassen Sie uns nur diese Vereinigungszeit nicht gar zu kurz bemessen. An dem alten Vischer haben Sie 3, N., Sie u. Rom. gewiß einen ächten Freund und wirklichen »Gönner« im rechten Sinne des schönen Wortes verloren. Schon darum habe ich s. Tod aufrichtig betrauert.168 Nun nur noch an Rom. u N. die besten Grüße und an Sie selbst nochmals den besten Dank. In freundschaftlicher Gesinnung Ihr E Rohde. 168

Wilhelm Vischer-Bilfinger starb am 5. Juli 1874.

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2.83 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 25. Juli 74. Lieber Freund! ich habe solange mit einer Antwort gezögert, um Ihnen meinerseits ganz bestimmte Vorschläge zu einem Ferien=zusammentreffen machen zu können: und nun bin ich, durch e. allerneueste Wendung der Dinge, eigentlich dümmer als zuvor. Gegenwärtig ist näml. m. Mutter sowie meine mexicanische Schwester & ihr Mann in Wien Wien bei m. andern Schwester: sie bitten mich, gleich bei Beginn der Ferien auch hinzukommen, & das werde ich denn jedenfalls thun. Wann ich also nach Heidelbg werde kommen können, weiß ich bisher nicht: ich bitte vielmehr Sie, mir irgend e. Zeitpunct anzugeben, zu welchem Ihnen dergl. am Besten passen würde. Wenn wir zusammen e. kleine Tour unternehmen wollen, so würde sich vielleicht die, Ihnen ja vor der Thür liegende Schwäbische Alb empfehlen (machen Sie sich einmal bei Bädecker den Mund danach wässern) oder was sonst. Später habe ich dann mit m. Basler Freunden e. Rendezvous am Genfer See: den Termin weiß ich noch nicht; ich glaube, im September. – Mit m. Roman bin ich in’s Hintertreffen gerathen, ich habe am 2 ten Buch (rectius 2. Abschnitt) im Einzelnen herum subtilisirt, aber nichts vollständ. ausgearbeitet; vielleicht findet sich in den Ferien der »scheene Stil« dazu, dann ist ja alles in Ordnung. Ich fühle stark, ein wie viel bequemeres Geschäft es ist, rein untersuchende Arbeiten zu schreiben, als solche, die e. weitläuftigen Stoff weniger kritisch zu ergründen als »ahnmuthig« zu gruppiren haben, & wo auf die Sauce, d.i. auf die Zubereitung des Materials so sehr viel ankommt. Mittlerweile habe ich Apuleium genau durchgelesen & einige Conjecturen gelegt169. – An Usinger haben Univ. u Stadt in der That sehr viel verloren: auch ich speciell, da er wohl der Letzte an hiesiger Univ. war, der mir ernstlich wohlwollte &, gegebnen Falls, etwas für mich getan haben würde.170 Uebrigens wohne ich bei Frau Usinger (Jägersberg 19)171, die bei ihrer elenden Pension (244 rl!!) das wohl nicht entbehren konnte, seit 1. Juli zur Miethe: zwar sehr theuer, aber so vortrefflich wie e. Junggesell wohl überhaupt wohnen kann. Falk war 2 Tage hier: Fackelzug und schlechte Reden. Heute geht Möbius (bei dem neulich, bei e Temperatur von 25º im Schatten, ein übrigens sehr ver169

WV 21: »Zu den Metamorphosen des Apulejus«. »Am 31. Mai 1874 wurde der ordentliche Professor der Geschichte, Dr. RUDOLF USINGER während eines Aufenthalts in Bremen, wohin er sich zur Jahresversammlung des hanseatischen Geschichtsvereins begeben hatte, unserer Universität durch den Tod entrissen.« (Chronik, 1874,3). – Ein ausführlicher, anrührender Lebenslauf (16 Seiten) von Karl Weinhold ist zu finden unter: www.mgh-bibliothek.de/dokumente/b/b025109.pdf. 171 Rudolf Usinger und Leonore von Bardeleben verlobten sich im September 1867, heirateten im März 1868, bevor Usinger seine Stelle in Kiel antrat. 170

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gnügter Schwitzball war!) nach S. Maurizius, im Sept. die Astronomen Peters (»il più brutto«) nach Persien, zugleich, od. später, Dr Andreas, dem endl. Akademie & Camphausen viribus unitis 5000 rl. zu s. Expedition bewilligt haben. – Daß Schirren aus Zürich an Us’s Stelle kommt, wissen Sie wohl.172 Ihrer Frau bitte ich meine besten Grüße zu sagen: hoffentlich sehe ich sie, bei m. Dziehen durch Heidelberg, so gesund & frisch, wie vorige Ostern, wo es ja schien, als solle Heid. ihrer Gesundheit förderlicher sein werden als alle Bäder. – Wenn Sie mir Ihre Vorsätze anzeigen, so bitte ich, nur hierher, Jägersbg 19 zu adressiren: man wird mir Alles nachschicken. Bis zu einem fröhlichen Wiedersehen leben Sie gesund u. heiter! Ihr E. Rohde.

2.84 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kalksburg (Poststation Liesing bei Wien) Tiefenbacherstrasse N 53. Sonnabend. 5

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Lieber Freund ! Seit gestern bin ich, nach einer endlosen Eisenbahnreise hier, und wollte Sie nun nur mit 2 Worten gebeten haben, mir so bald es Ihnen mögl. sein wird, Nachricht zu geben, wo Sie in Gastein wohnen werden: da ich, wenn meine & meiner diversen Familienmitglieder Reisedispositionen es irgend möglich machen, einmal in Gastein, auf m. Uebersiedlung von hier in die Schweiz, vorsprechen möchte. Nur weiß ich aber weder wann Sie etwa in G. eintreffen noch wann ich von hier wieder abreisen werde. Darüber also, wenn Beides entschieden ist, noch e. nähere Nachricht nach G. Einstweilen wünsche ich Ihnen & Ihrer Frau eine angenehme Reise, ohne die kannibalische Hitze die wir hier haben & rechte Erquickung in den Bergen. – Dies ist das Höchste, was mir die Temperatur & das Gelärme meiner kleinen Nichtchen im Briefschreiben zu leisten gestatten. Hoffentl. trifft der Zettel Sie noch in Heidelberg. Die besten Grüße & Wünsche an Ihre Frau; auch an Ihre Mutter, wenn sie noch in Hdb. ist. Meine Mutter lässt sich Ihnen empfehlen. Addio & arivvederci. Ihr E. R. 172

Ein Irrtum? – gemäss der »Chronik« »trat zu Anfang des Wintersemesters 1874/75 der unterm 8. Juli 1874 zum ordentlichen Professor der Geschichte an hiesiger Universität ernannte frühere Professor an der Kaiserl. Russ. Universität Dorpat, Dr. CARL SCHIRREN in die philosophische Fakultät ein.« (Chronik, 1874, 5).

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2.85 Erwin Rohde an Franz Overbeck Kalksburg bei Wien Sonntag 16. August 74. Lieber Overbeck! Es geht »halter« Alles anders, als man in seinen klugen Gedanken beschlossen hat. Unvermuthet bin ich hierher zu einem allgemeinen Familienconcil – meine l. Schwester ist in Wien verheirathet – bestellt worden: welches denn auch ganz, gut abgelaufen, seit 2 Tagen aber auf das Niederträchtigste eingeregnet worden ist. Von hier aus habe ich nun Ribbeck versprochen, ihn in Gastein, wohin er s. kranke Frau begleiten muß, auf ein 1 – 2 Tage zu besuchen. Von dort aber habe ich nun folgenden Plan gefasst. Mit der Genfer – see – partie auf der Wende Sept. / Oct. kann es meinerseits leider unmöglich etwas werden, weil gerade um jene Zeit mein Schwager & Schwester aus Mexico, welche seit 1. Jahr in Hambg zum Besuch sind; abzureisen gedenken: wobei ich natürlich nicht fehlen darf. Statt der Genfer Expedition denke ich also etwa den 25/6 August nach Basel zu kommen, & dort etwa 14 Tage einfach zu sitzen und mich Ihrer Gesellschaft zu erfreuen, zugleich in aller Harmlosigkeit an meinem Buche über den griech. Roman weiterzubosseln. Ich hoffe daß Ihnen & N. dieses Arrangement recht ist. Dann würde ich Sie nur bitten, mir, nicht allzuweit von Ihrem Hause, eine (wochenweise zu miethende) Wohnung von 2 oder auch 1 Zimmer, zu e. nicht zu excessiven Preise zu miethen. Ich meinerseits stelle mir gerade ein derartiges Zusammensein, bei welchem man allerseits in seiner bürgerlichen Betriebsamkeit bleibt, & also der languor einer vollständigen »Erholungs« existenz nicht eintreten kann, sehr behaglich vor, & freue mich, da einmal die Genfer Pläne für dieses Jahr zu Wasser geworden sind, sehr auf dieses neueste Arrangement. Entschuldigen Sie das scheußliche, an Fritzsch erinnernde Gekleckse mit den zigeunerhaften Zuständen, in denen wir hier auf dem Lande leben: grüßen Sie N. u. Rom. & lassen es sich wohlergehn bis zu einem heitern Wiedersehen, bei welchem wir auf kurze Zeit alle Widerwärtigkeiten uns, zu Gunsten der Gegenwart, aus dem Sinne schlage wollen. Mit herzlichen Grüssen Ihr E. R. Ueber m. Ankunft schreibe ich noch Genaueres. Bitte um e. Nachricht nach München poste restante.

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2.86 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kalksburg 22. August. Lieber Freund!

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Es haben sich doch wirklich alle Dämonen verschworen, mir in diesen Ferien keinen einzigen meiner Pläne zu voller Ausführung kommen zu lassen. Hier, auf dem Lande, hoffte ich der sehr anmuthigen Wiener Wald–gegend recht zu genießen: und nun sitzen wir, seit dem Tage, an dem ich Ihnen zuletzt schrieb, hier in Regen Sturm und Dreck eingeschlossen & hocken in sehr ungemüthlichen Stuben zusammen. Gestern endlich ein etwas hellerer Tag: und ich fasste schon den Entschluß, den eigentlich aufgegebnen Gasteiner Abstecher nun doch noch zu unternehmen; aber heute ist wieder alles mit dicken dunkeln Regenwolken verhängt & nächstens wird es wieder zu gießen anfangen. Dabei e. förmliche Herbstkälte. Unter solchen Auspicien nach G. zu gehen, wäre nun freil. Thorheit; wenn es hier unten so ist, so wird es bei Ihnen, 3 – 4000’ hoch, jedenfalls schneien, & wenigstens zu regnen gar nicht mehr aufhören. Somit wäre es denn auch mit dieser Aussicht einer kurzen Zusammenkunft nichts. Das thut mir sehr leid; zumal da ich auch nicht hoffen darf, auf m. Rückkehr von Basel, etwa den 10 – 15 Septb. Sie schon wieder in Heidelberg antreffen, &, allen Dämonen zum Trotz, doch noch begrüßen zu können. Da hier, bei der geschilderten Unwegsamkeit des Landes, der Aufenthalt anfängt, recht »öde« zu werden, so denke ich, morgen nach Basel zu reisen. Dort werde ich es, allem Wetter zum Trotz, wohl aushalten können, denn ich denke mich dort auf einige Wochen einzumiethen & ganz bürgerlich, mit meinen Freunden zusammen, zu leben; hauptsächl. auch an meinem »Roman« zu bosseln, zu dem ich, nach der schon allzu langen Unthätigkeit der Ferienwochen, neue Lust bekommen habe. Wie es Ihnen, bei diesem fürchterl. Wetter, dort oben ergehen mag, kann ich mir nicht recht vorstellen; Sie werden sich um so energischer der Cur widmen können. Möge die nur ihrer lieben Frau recht wohl thun; dafür lässt sich denn auch selbst die Oede & der languor einer eingeregneten Badeexistenz ertragen. Das Beste für solche Zustände ist, wie ich öfter gefunden habe, einen alten Tröster herzunehmen & Conjecturen zu machen, welche den Geist beschäftigen & doch keine Stimmung verlangen, vielmehr, wie die Pilze, gerade im Regen am Ueppigsten aufschießen. Damit vergnügen Sie sich vielleicht, bis zur Wiederkehr erträglicherer Tage. Nun also noch alle guten Wünsche für die Heilung Ihrer Frau und einen erquicklichen Aufenthalt für Sie selbst. Wenn Sie mir, mit 2 Worten, nach Basel, poste restante, mittheilen könnten, zu welchem Termin Sie wieder in Heidelberg eintreffen wollen, so würden Sie mich sehr erfreuen, da es dann doch vielleicht möglich wäre, über den βάσκανος δαίμων zu triumphiren. Mit herzlichen Grüßen Ihr E. R.

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2.87 Erwin Rohde an Anna Brandt173 Hamburg 12. Oct 74 Liebste Annamies! Ein nach dem Andern setzt sich die ganze Familie hin, um Dir, in feierlichem Zuge, zu deinem Geburtstage Glück und alles Gute zu wünschen. Zum Schluß komme denn auch ich, um von Herzen dir Gesundheit und Heiterkeit und Freude an Mann und Kindern zu wünschen. Ich wollte ich könnte Dir, wie Elsa mir so rühmlich vorgemacht hat, ebenfalls einen kleinen Schmetterling, oder Wallfisch, oder Topfenstrudel oder dergl. auf Papier sticken, zum Zeichen meines Angedenkens: so aber kann ich dir, und der kleinen Künstlerin nur meinen schönsten Dank für den schönen Buttervogel sagen; ich gedenke dabei der kleinen lieben Deern und sehe ihn mit Vergnügen & Rührung an, indem ich mir vorstelle, wie die kleine wichtige Miene und die kleinen eifrigen Finger so lange um das Kunstwerk »im Garten« beschäftigt gewesen sind. Ihr sitzt wohl jetzt auch etwas behaglicher in euren neuen Wänden; möge euch nur das kommende Jahr nicht unliebsam daraus vertreiben: das ist auch ein Geburtstagswunsch. Denn noch einmal wieder in die Barbarei zurück, wäre doch ein hartes Loos. Ich habe während dieser Ferien nun einmal permanentes Unglück gehabt. Zunächst bei euch das elende Wetter, in Folge dessen Mißlingen der beabsichtigten Zusammenkunft mit Ribbeck; in Basel auch kein anmuthiges Wetter, und dazu besonders schwere Arbeitslast meiner Freunde, die noch mitten im Universitätssemester steckten u. sonst zu thun hatten. Daher wir uns nur in zerrissenen und ermüdeten Zwischenstunden sehen konnten. Endlich Rückreise. Hier ist mir, eine wichtige Arbeit einigermaaßen zu fördern, so ziemlich gelungen; und das war Alles was ich verlangte. O. u. A.174 reisen, nach den gegenwärtigen Dispositionen, am 25. ab: bis dahin kann ich nicht hier bleiben, daher ich wohl schon am 19t oder 20t abreise nach Kiel, wo ich wenigstens meine Bücher, die alten Sorgentröster, wieder antreffe. – Wie es sonst im Hause & in Hamburg zugeht, haben die andern Briefsteller dir wohl schon mitgetheilt. Wir genießen vor Allem noch die mildesten Herbsttage und ihres wehmüthigen Sonnenlichtes, so daß wir wenigstens sanft in Dreck und Winternebel hineingeschoben werden. Hätten wir nur so angenehmes Wetter während meines Aufenthaltes in K. gehabt! Dennoch denke ich mit Vergnügen an jene Wochen, zumal da nun der traurige Abschluß durch deine Krankheit sich schließlich in Wohlgefallen verändert hat. Grüße mir den 173 Adresse: »Frau Anna Brandt Ingenieursgattin Wien pr. Adr. Herrn Ingenieur Brandt; Bureau der Ungarischen Nordostbahn, Schwarzspanierstrasse.« 174 Otto und Angelika Schlesinger, Schwager und Schwester.

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armen geplagten Alfred, und bringe mich den kleinen lieben Gören in freundliche Erinnerung. Ich denke oft an sie mit den Gefühlen eines ächten Onkels. Besonders der kleinen Schmetterlings=künstlerin gieb einen Extra=dankeskuß von mir. Und du selbst gehabe dich wohl, liebe Annamarie, sei froh und bleibe gesund, und behalte mich lieb dein Erwin.

2.88 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Hamburg 13. Oct 74 Mein liebster Freund!

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möchten Dir doch meine Wünsche zu deinem 30ten Geburtstage wirklichen Segen in Haus und Herz bringen können! Zunächst dem widerspänstigen Leiblichen, dem vermaledeiten σαρκίον, auf dem, als einem empfindlichen & so leicht verstimmten Instrumente die liebe Psyche zu spielen gezwungen ist. Man kommt im Leben immer mehr zur Einsicht, wie das Einfachste eigentlich auch das Beste und Höchste ist, und so wünsche ich Dir, ganz bürgerlich, daß es dir in Gesundheit und ordinärer Heiterkeit im kommenden Jahre besser ergehen möge als im vergangnen. Gar nicht den kaum noch glimmenden Rest des deines Egoismus – wie du es wünschest – sollst du ersticken, sondern, da du das tiefe Leiden der unbedingten Wahrheit auf Dich genommen hast, so solltest Du vor jener Resignation, die nach der eignen Person gar nicht mehr fragt, wie einer allerschlimmsten Krankheit gerade fliehen, und das Heerdfeuer des persönlichen Glückbedürfnisses um welches die andern Menschen alle ihre Töpfe und Pfannen so eifrig und erfolgreich zu stellen gewohnt sind, ga wenigstens nicht ganz erlöschen lassen. Man ist, wenn so absonderliche Verhältnisse, wie Deine sind, alle tieferen und heißeren Wünsche unmöglich und unerfüllbar machen, nur zu geneigt, die stupiden und vorübergehenden Aufheiterungen des Augenblicks nun auch zu verschmähen, und ja sie wie eine Ablockung von den unaufhörlichen Gedanken des Innern mit Abscheu zu verwerfen. Glaube nur, du bedarfst bei dem starken, und so schmerzlich unbefriedigten Pathos, das in dir lebt, nicht einer vollends zerstörenden Entsagung sondern einer umso innigeren Hinwendung zum Leben in seiner zerstreuenden Mannichfaltigkeit und seiner tröstenden Wärme. Es bietet wohl nur Palliative, aber schon die sind hoch zu schätzen einer Krankheit gegenüber, wie sie ein unwiderstehlich gewaltiger Trieb zur That so leicht herbeiführt, wenn ihm die starken Illusionen fehlen, die ihn eigentlich begleiten und über seine Gefahren hinwegtragen müssten. – Ich meine also, man soll sich die frohe, nach Umständen auch freche Laune auf die Dauer nicht rauben lassen, die allein ein so zartes Innere gegen die grundgemeine Welt schützen und decken können. Uns andern wird das viel leichter, so schwere deutsche Naturen wir auch sein mögen, weil uns gerade unser

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Persönliches viel stärker und ungenirter packt als dich: aber eben darum ist dir, zur Selbsterhaltung, eine größere Dosis des Egoismus, des Webens in deinem irdischsten Ich und seinen harmlosesten Herzensbedürfnissen zu wünschen. – Für die schönste Geburtstagsendung, deine Nr 3, einstweilen nur meinen Dank; ich muß sie, da ich sie freilich gleich am 9ten durchstürmte, erst noch einmal in Muße durchstudiren, ehe ich ein Wort davon sagen kann. Overbeck muß nun auch baldigst mit seinem Opus fertig sein, und so sähe ich denn wohl diese Ernte, bei deren Einbringen ich, freilich nur gaffend, zugegen gewesen bin, bald stattlich eingeheimst vor mir. Trotz aller Ungunst der damal. Verhältnisse war mir der Aufenthalt in Basel doch sehr werthvoll; ich habe eure Existenz in der Nähe gesehen, auch die vielfachen Verschiedenheiten in unsern Naturen wohl und bestimmt empfunden, und nur um so bestimmter gefühlt, wie mächtig, bei alle dem, eine gründliche Gemeinsamkeit des Empfindens, Wollens und Wünschens uns zu jener Sympathie verbindet, die allein, bei den unvermeidlichen Differenzen verschiedner Individuen, eine Gruppe von Menschen, mitten in der unverständlichen Andersartigkeit der übrigen Menschen, zur Freundschaft vereinigen kann. – Zurückgereist bin ich nach dem Programm. In Heidelberg traf ich Ribbeck noch nicht (was mir ganz recht war, da ich, dort zu bleiben, nicht Geld genug gehabt haben würde.), in Mainz versäumte ich das Dampfboot, & blieb in Folge dessen e. ganzen Tag dort, nicht ohne Annehmlichkeit in der stattlichen Bischofstadt. Dann eine herbstlich verschleierte, z Th. sehr schöne Rheinfahrt, und über Cöln hierher. Hier simpele ich in m. Familie umher (m. Schwester & Schwager aus Mexico gehen Ende des Monats wieder zurück) und bin – was mir während meiner andern Ferienaufenthalte nicht gelingen wollte – in m. »Roman« e. zieml. Stück vorwärtsgekommen. Fertig wird der vor Ende Winters gewiß nicht; ich hoffe aber, er soll mich während der Nebelmonate in eine goldne Wolke einhüllen und den Kieler Ungemüthlichkeiten entziehen. Was ich dabei für Staub schlucke, ist unsäglich; welche Kunst nun aber, diesen Staub meinen Lesern einigermaaßen zu ersparen! – Am 19. od. 20t muß ich nach Kiel zurück. – Euch liebe ich, mir in der Behaglichkeit der nun ja hoffentl. ungestörten u. etw. verlängerten Abende um die Theekanne (zu der ich mich, von dem deutschen Giftbiere, völlig bekehrt habe) versammelt zu denken: ich wollte, ich könnte, wenn ich die Feder Abends weglegte, ohne Weitres in eure Freundesrunde treten. Nun ist auch Gersdorf bei euch angelangt; grüße ihn herzlichst von mir. Ich denke immer mit Vergnügen an ihn; es ist doch so schön daß es wenigstens Einen von den Unsern giebt, den man ein wenig beneiden kann! Gleiche Grüße an Romundt, den Staatengründer, und an Overbeck, dem ich für s. Geburtstagbrief mit Stopfer danke. Dir, theurer Freund, sei hiermit ein großes Cabinetsporträt von mir versprochen. Gute Nacht für heute, und guten Tag, gutes Jahr für übermorgen und für immer. In alter Treue dein E. R.

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2.89 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 25. Novb. 74. Lieber Freund!

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ich mache mir dieses Mal wegen meiner anhaltenden, ja chronisch sich verhärtenden Brieffaulheit weniger Vorwürfe als ich sonst wohl zu thun hätte: denn eigentlich schreibe ich ja jeden Tag an Sie, als den Adressaten, an den ich in Gedanken, u. dereinst auch in Wirklichkeit meine Romanarbeit richte. Dieser Brief wird nun freilich wohl etwas spät abgegeben werden: je später aber desto mehr‚ hoffe ich, wird er Ihnen dereinst etwas Vergnügen machen können. In der That stecke ich so vollständig in m. »Roman«, dß kaum noch andre Gedanken in m. Kopf kommen. Während der Ferien bin ich weder in Wien noch nachher in Basel recht ordentl. zur Arbeit gekommen, wie sich ja denken lässt: in Hamburg ging die Sache besser von Statten, u. seitdem rücke ich behaglich, aber unablässig jeden Tag einen kleinen Schritt vorwärts, stets nur ein klein wenig, aber εἰ θαμὰ τοῦτ’ ἕρδοις – . Sehr werde ich dabei durch die große Behaglichkeit meiner gegenwärtigen Wohnung gefördert, und zumal durch die geringere Colleglast: ich lese, wenn auch nach e. erweiterten Plane, wieder, wie einst in m. 1t Semester, Geschichte der gr. Philologie im Alterthum, u. kann also wenigstens für den ersten Theil mich auf e. Revision des einst aufgetzeichneten Materials beschränken, wobei denn m. Zeit weit weniger als bei einem neuen Colleg in Anspruch genommen ist. Philologia florirt übrigens in Kilia: neulich hatten wir e. Gastcommers des philolog. Lehrervereins, wo wir denn eine stattliche Zahl jugendlicher Häupter beisammen sahen. Wie viel es genau sind, weiß ich nicht; ich habe im Privatum 13, immer doch gegen die 4, die im 1t Semester dasselbe hörten, ein Fortschritt. Immer noch beklage ich das lächerlich-ärgerliche 2fache Verfehlen in den Ferien. Die ganze Zeit hat dadurch so einen verpfuschten Anstrich bekommen. Ich mache aber nicht leicht wieder ein ganzes Jahr vorher Ferienpläne, wie dieses Mal, von denen nichts ordentlich und κατὰ κόσμον in Ausführung kommt. Schön ist es freilich, und tröstlich, in winterlicher – ach und auch sommerlicher Kieler Oede solch eine Ferienaussicht wie einen freundlichen Hoffnungsstern ins Auge fassen zu können; aber die Dämonen machen hintennach alles zu Schande. In Basel traf ich meine Freunde in Semesterarbeit – sie haben andre Ferien – und hatte sie eigtl. nur in ihren abgespannten und müden Stunden. Und dann vor Allem das vor einander wegreisen, das wir zusammen aufgeführt haben: ich hätte Sie und Ihre liebe Frau so herzlich gern einmal wieder begrüßt. Für das nächste Mal beschränke ich mich nur auf Wünsche: denn Pläne, das merke ich, macht ὁ Φθόνος mir mit Vergnügen zunichte. – Von Kiel wäre wohl wenig zu melden: Gott sei Dank steht alles einmal ein wenig still, während sonst immer, wie in einem Stundenglas, unten der Sand abrieselt, und oben zu, und so

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ohne Aufhören Neu ist nur Schirren, ein energischer, wie es scheint durchaus mehr weltmännisch freier als stuben= und cliquenseliger Professor germanicus. – Es werden 8 öffentl. Vorträge gehalten zu Gunsten der Lesehalle, unter stärkerer Betheiligg als im letzten Winter: vorigen Donnerstag hat Weinhold begonnen. – Daß Halliers mit Julie wieder nach Italien gereist sind, wissen Sie wohl. Als ob das Glück hinter den Bergen säße! Mir fällt bei solchen verkehrten Unternehmungen immer ein, wie richtig doch die Alten das δύνασθαι σχολάζειν καλῶς für eine allerschwierigste Kunst hielten. – Von persönl. Verhältnissen wüsste ich nichts zu melden. Ich bin froh, von m. Arbeiten recht eingehüllt zu sein, obwohl ich das Gefühl nicht verliere, daß man mit allen solchen Beschäftigungen eigentlich nur dem qualvollen Bewußtsein entfliehen will, daß man im wirklichen Sinne des Wortes gar nicht lebt. Doch bin ich zufrieden, wenn und so lange dieses Entfliehen mir eben gelingt. Sagen Sie Ihrer Frau die herzlichsten Grüße: rächen Sie sich nicht für mein langes Schweigen, & lassen Sie mich bald erfahren, daß es Ihrer Frau besser & wohl ergeht und daß Sie selbst heiter sind. Herzlichst Ihr E. R.

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2.90 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche und Franz Overbeck Kiel 13. Decb. 74. Herrn N i e t z s c h e und O v e r b e c k zumal, meinen Gruß zuvor! –. Ich wundre mich selbst nicht weniger, lieben Freunde, als ihr vermuthlich thut, über die unverständliche Nachlässigkeit, mit der ich Tag für Tag auf dem Bache der Schreibfaulheit, ja der gänzlichen Agrapheia hinuntergleite, da ich euch Beiden doch den allerschönsten Dank zu sagen hätte, auch abgesehen davon daß ich, ein vertrauliches Wort mit euch zu reden, alltäglich das größte Verlangen trage. Nachdem ich mich nun über diese meine »beschauliche Träg Faulheit« (wie ein neuerer Autor so schön sagt) hinreichend selbst verwundert habe, wird es endlich Zeit, meine Lenden mit dem Gürtel des Entschlusses zu gürten, das Halsband der Wohlredenheit umzulegen, und in den Schuhen der Beredsamkeit den beschwerlichen Pfad der Epistolographie zu beschreiten. Ich wollte, ich könnte statt dessen einmal Abends kurzweg an euren Theetisch treten und eín vernünftiges Gespräch mit euch führen, nach der öden Thorheit, in der ich mich hier, täglich Schaden nehmend an meiner Seele, umdrehen muß, unter Leuten, mit denen ich nun einmal im Grunde der Empfindungen keine Gemeinschaft habe. Einstweilen ersetzen eure schriftstellerischen Bekenntnisse mir ein klein wenig, was ich jeden Tag entbehre, eure persönliche Gemeinschaft. Ich nehme sie oft, in guten Stunden, zur Hand, und fühle mich wieder unter den Meinen,

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wohl und befriedigt, und in jedem Gedanken zustimmend. Den »Schopenhauer« habe ich noch gestern, in feierlicher Mitternacht, wo man so Vieles, wie durch ein seltsames Astrallicht fremdartig und neu beleuchtet, genauer versteht, wieder durchgelesen, und mich erhoben gefühlt, wie von einer großartigen heroischen Musik. Ach, liebster Freund, wie weit sind wir freilich von solchen Anforderungen entfernt; und wo sind auch nur die untersten Fundamente einer Cultur, wie du sie forderst, die in der Förderung und Emporhebung des Genius ihre Spitze und einen Zweck hätte! Ich sehe immer klarer, daß die griechische Cultur, in ihrer höchsten Zeit, wirklich, im unbewußten, selbst genialen Trieb, diesen Zweck verfolgte, sogar mit Härte und Grausamkeit; bei uns haben wohl immer nur Einzelne dieses Ziel überhaupt geschaut, und diesen Einzelnen fehlten immer die Hebel zur Ausführung ihrer Gedanken Ich finde auch bei Dir die »Kette zusammenhängender Pflichten«, die uns mit jener höchsten Anforderung verbinden solle, einstweilen nur angedeutet, in einer scharfen Beleuchtung der Anforderg selbst; die kommenden Unzeitgemäßen werden wohl, so hoffe ich, eben diese Durchführung des Einen Gedankens durch alle die Unterbauten und Stufen der Cultur bringen. Ich für meine Person fühle mich immer zugleich erhoben und beschämt von solcher Lectüre: video meliora proboque – und doch stecke ich so tief in den Sümpfen des Gelehrtenthums, das ganz gewiß wesentlich eine Erfindung ist, uns entweder der Besinnung auf das eigentlich Wesentliche des Lebens vergessen zu machen, durch Abkehrung zu Quisquilien, oder, im besten Fall, uns zu diesem Wesentlichen nur in das Verhältniß eines künstlerischen Beschauers zu versetzen, der seine eignen Hände weise im Schoos ruhen lässt. Davon ist nun über die Maaßen schwer wieder los zu kommen; denn es liegt ein gar zu großer Reiz in solcher beschaulichen Umschau. Gott besser’s. – Von Overbecks Buch habe ich mit besonderm Antheil die Sclaven-untersuchung gelesen, fast mit gleichem Gefühl, wie einst die »Christlichkeit«; denn wirklich springt hier für einen Nicht-theologen außerordentlich klar hervor, wie eine einmal richtig gebildete Anschauung vom Sinn und Wesen des wirklich Christlichen gar keinen 2fel mehr über die Stellung lassen kann, welche das ernsthafte Christenthum zu dieser, wie allen Fragen des weltlichen Regiments einnehmen musste, und wie im Hintergrund der von Ov. bekämpften Irrthümer viel mehr als eine bloß gelehrte Unkunde liegt, nämlich jene flaue Pactirung mit dem furchtbar ernsten, überweltlichen Sinn des Christenthums, vor dem diese officiellen Vertreter des protestantischen, und, wie ich nun sehe, auch des katholischen »Christenthums« angstvoll die Augen verschließen. Giebt es übrigens, lieber Overbeck, eine vernünftige Darstellung der tiefen Umwälzung, welche die Abschaffung der Sclaverei in allen Bedingungen und Zielen des Culturlebens hervorgerufen haben muß? Das wäre mir sehr interessant. Offenbar ist es seitdem völlig mit dem obersten Ziel der griech. Cultur, dem δύνασθαι σχολάζειν καλῶς vorbei, und mit vielen Härten, die dieses, in s. Ausführung, nach menschlicher Weise natürlich mannichfach entstellte Princip zur Vorbedingung

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hat, sind doch jedenfalls auch seine edelsten Früchte seitdem abgefallen, und nie wieder zu erzeugen. Ich meinestheils schiebe so langsam an meinem Schneeball, dem »Roman« weiter; er wird immer voller und dicker, und wenn ich ihn endlich oben habe, denke ich ihn mit Gepolter und rechter Genugthuung hinunter rollen lassen zu können. Aber wann werde ich ihn oben haben? ich fühle übrigens keine Verpflichtung zu besondrer Eile, kaum einen sonderlichen Trieb, außer dem Verlangen, endlich von dieser Materie abzukommen. Schmeitzner hat mir sehr freundl. geschrieben; ich verwunderte mich, nach Gewohnheit, einige Zeit darüber, und habe ihm dann endlich geantwortet, dß mein gegenwärtiges »bei mir tragendes« Opus schon einer andern Amme zum Aufpäppeln versprochen sei, aber wenn ich wieder anfinge, mich Mutter zu fühlen, wolle ich gewiß an ihn denken. Das heißt, ich habe mich nicht so polizeiwidrig ausgedrückt; & ich hoffe, es kommt auch noch dazu, daß die ganze Manipel der Freunde sich unter Sch.’s Zeichen vereinigt. – Dem armen Romundt meinen herzlichsten Gruß. Ich finde es sehr vernünftig, daß er sich entschließen will, in den sauren Apfel der Lehrerschaft zu beißen; um in süße zu beißen braucht man ja gar nicht vernünftig zu sein. Wie die Verhh. liegen, ist das ganz gewiß das Einzige was ihn vor einem fruchtlosen languor retten kann, der noch viel schlimmer ist, als selbst die Sclaverei des Lehrerthums. Kann er aber nicht in Basel, oder in der Nähe ankommen? Das wäre doch sehr viel werth. Ach, theuersten Freunde, hätte ich nur erst die Millionenbraut, dann wäre uns allen Vieren geholfen. Aber dazu kommts wohl nie. Kürzlich in den Ferien wollte sich bei mir ein kleines ἐρωτικόν anspinnen; ich merkte aber, daß ich zu alt, oder zu dumm oder zu verstudirt bin, als daß dgl. meine Gedanken ganz, oder nur vorwiegend, und namentlich auf einige Dauer fesseln könnte. Ich schlug mirs bald aus dem Sinn. Ich erfuhr bei jener Gelegenheit, daß ein allerliebstes Ragäzzchen – ragazzetta – sich sogar ausdrücklich aus dépit amoureux an einen Andern verheirathet habe, vor ½ Jahre, weil ich ihre, meiner Person geneigten Gefühle gar nicht einmal bemerkt hatte175. Wenn also sogar die Eitelkeit schon so weit abgestorben ist, daß sie so etwas, was doch nicht alle Tage vorkommt, gar nicht bemerkt, wie soll da, ich frage euer versammeltes Collegium, die Erwerbung einer Millionenbraut, d. i. die Einnahme einer Festung ersten Ranges, gelingen: wozu es Verschanzungen, und Laufgräben u. alles TeufelsZeugs bedarf.? Hofft also nicht auf meine Millionen. Sondern Nietzsche muß heirathen: was ja auch Gersdorffens Votum zu sein scheint. Ich habe einstwei175 Erste Erwähnung von »Minna«? – Schöll deutet eine Verbindung zu dem »Herzenserlebnis« in Rom an, »das – durch Rohde’s Zurückhaltung und Zweifel an sich selbst – nicht zur Entwicklung kam und ihm später durch die Erkenntniß des Versäumten viele schwere Stunden und innerliche Conflicte bereitete.« (Schöll: ADB, Rohde, S. 426 und Erwin Rohde, Briefe aus dem Nachlass, Bd. 1, S. 160f.).

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len in der Hamburger Lotterie gespielt: μυστήριον; denn in Preußen ist das verboten. Nun bitte ich aber um ebenfallsige (neu und schön) Nachricht. Behaltet mich lieb, theure Freunde, und seid heiter und gelassen! Von Herzen Euer E. R.

2.91 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 23. 2. 75.

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Es wird doch Zeit, lieber Freund, daß ich endlich einmal eine Art Lebenszeichen »erfließen« lasse, mit dem freilich auch nichts ausgedrückt sein soll, als daß ich, zum Glück, von meinem Leben nichts Sonderliches mitzutheilen habe; unsre Gelehrtenexistenz schlägt ja keine hohe Wellen; ich wollte nur, wir könnten gemeinsam im gleichmässigen Fluß des alltäglichen Lebens uns ruhig gleitend hinuntertragen lassen. Könnte ich wenigstens zu Ostern irgend eine Art der Zusammenkunft ausfindig machen! Aber ich sehe dazu keine Möglichkeit, denn erstens fehlt es mir vollständigst und eigentlichst an den Geldern, die zu einer »vorhabenden Reise« mindestens so nöthig sind, wie jene famosen Pistolen: ich werde vielmehr mich ganz ruhig & philiströs bei meiner Mutter saginiren lassen müssen, & meine wenigen Hülfstruppen zu einem erklecklichen Vorstoß in den großen Ferien sammeln & aufsparen. Dazu kommt nun, daß ich meinen unglückseligen »Roman« nicht kalt werden lassen darf, wenn er nicht ganz verkommen soll. Sie werden dereinst, wenn das Kind geboren ist, eher begreifen, wie es mir so lange und elephantenmäßig im Leibe liegen konnte; ich hätte‚ nach einem dürftigeren Plane, das Buch 10 Mal fertig haben können; aber nun muß ich schon die einmal begonnene Anlage breiterer & vollerer Art durch das Ganze durchführen. Ich werde selbst am ungeduldigsten darüber, denn ich möchte endlich etwas Andres zu kauen haben; aber ich denke, daß meine Arbeit über der Verzögerung nicht schlechter werden soll. Gegenwärtig stehe ich an dem letzten, aber freilich auch längsten & schlimmsten Absatz: d. h. seit 2 Wochen befinde ich mich in jenem ungemüthlichen Zustand, wo die im Allgemeinen so wohl bekannte Materie genau durchgedacht, die zudringenden Détails gesichtet und gruppirt und die ganze Darstellung in Gedanken zurecht gelegt werden soll. Darüber gehen gewiß noch 4 Wochen hin: dann werde ich in Einem Ergusse schreiben, und hoffe dann doch, bis Ende Sommers mit dem Ganzen fertig zu werden. Ich möchte nicht beginnen zu drucken ehe ich den letzten Strich gethan habe. – Ihre Gesch. der Trag. wird Teubner ja hoffentlich zur Ostermesse fertig machen; ich freue mich sehr darauf. Für den kleinen Aufsatz über histor. Trag. meinen besten Dank: mich interessirte namtl. die Darlegung des Inhalts der »Pheräer«, da ich bei Gelegenheit der angeblichen Erzählung des Theopomp von »Thisbe«, in Wahrheit von Thebe, bei Plutarch

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non posse suav. vivi 10 auf diese Abenteuer meine Aufmerksamkeit zu richten schon vorher Veranlassung hatte. – Hier steht alles fest und gleichmäßig. Wir hatten das wechselndste Wetter, daher Schnupfen ringsum: jetzt das herrlichste klare Frostwetter. Studiosen haben wir die schwere Menge, einige 30 Philologen! Lübbert lebt sehr still & eingezogen, man sagt, er gehe immer um 8 ½ zu Bette; ich sehe ihn nicht oft, aber doch vor einigen Tagen, wo er mir auftrug, Sie zu grüßen. In academicis nichts Neues: es ist unglaublich, aber, wie die Mühlbach176 zu notiren pflegt, »wörtlich wahr«, daß in diesem Semester noch kein neues Mitglied angeflogen, kein Altes ausgeflogen ist. – Daß der kleine Möller, Ihr Schulgenosse, sich mit einer Cousine, oder Nichte oder Enkelin – ich weiß nicht – von Thd. Möbius verheirathet hat, werden Sie wissen. – Lübbert schreibt das Programm, über die Hauscommentarien irgend einer gens. – Eine schreckliche Nachricht erhielt man gestern: die Frau Director Bartelmann ist, wie es scheint in e. Art Fieberwahnsinn, bei Bellevue, mitten in der Nacht aufs Eis gegangen und hinter Meyers Villa todt im Eis gefunden worden. Ich habe die Frau nicht gekannt, – den Mann erinnere ich mich, als Student einmal bei Ihnen gesehen zu haben. – Am Ende des vorigen Jahres ist auch mein Freund Matz in Berlin seiner ganz elenden Gesundheit erlegen177. Es ging mir sehr nahe: ich hatte ihn seit beinahe 2 Jahren fast aus den Augen verloren, er bewahrte mir aber immer, in seiner Treue, ein herzliches Andenken. Es war ein Mensch ohne allen Falsch. Und wer muß mir, »mit dem letzten Gruße des Verstorbenen«, die Nachricht zuschicken? Wilamowitz! Ich habe ihm bei der Gelegenheit halb und halb vergeben: aber nun schreibt er wieder so ekelhaft gaminartig im Hermes! – Charta me deficit: ich schließe mit den herzlichsten Grüßen an Ihre Frau. Leben Sie wohl und heiter. Im Sommer sehen wir uns aber gewiß! Treulichst Ihr E. R.

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2.92 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 27. Febr. 75. Ich muß nun einmal die Stunde beim Schopf nehmen, liebster Freund, um endlich einmal dir ein Lebenszeichen zu geben: denn zu einer rechten Muße & einer schönen Plauderstunde komme ich in diesen Zeiten des Semesterschlusses, wo die Arbeit condensirt werden muß, doch nicht mehr. Es ist wirklich der elendeste Zustand, dem Freunde so in 2 Zeilen mittheilen zu sollen, was nur der tägliche Verkehr darlegen könnte, Gang & Stimmung seines Lebens. Die Briefschreibe176

Luise Mühlbach, (Clara Mundt, geb. Müller), 1814-1873, viel schreibende Schriftstellerin. 177 Ihn traf Rohde mehrmals auf seiner Italienreise 1869/70.

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kunst ist eine elende Erfindung. – Ich zimmere immer noch am »Roman« herum: wenn er einmal fertig sein wird, wirst Du eher begreifen, wie ich mich so elephantenmäßig lange mit ihm herumschlagen konnte; die ganze Anlage ist von der Art, daß ich sie nicht schnell zu Ende führen kann. Ich lerne aber mittlerweile viel dabei, wie ja stets wenn man sich von einer, freilich im Allgemeinen schon gekannten Sa che Rechenschaft zu geben gezwungen ist. Vor Ende Sommers sehe ich kein Ende: dann bin ich hoffentlich der Bürde los, und kann mit erfrischten Sinnen in Bayreuth die Proben mitmachen. Da wird es eine ganz neue Welt kennen zu lernen geben; ich habe bisher keine Vorstellung von diesen Dingen. Von Deiner N r 3 verspürt man noch keine Wirkung; ich denke aber, nächstens werden die Herren lossprudeln. Hier besitzen wir, in Herrn Pfleiderer, einem Urschwaben, auch ein philosoph. Prachtstück. Dieser theilte mir neulich mit: »ja, Ihr Freind ischt halt sehr uhngehalten dariber, daß es nit lauter Schenies’ gibt; mein Gott, es muß doch auch Mittelmäßige geben, u.s.w. Er ischt nun aber halt sackgrob u.s.w.« So fasst dieses Schenie den Inhalt Deiner Schrift auf! ich ließ ihn natürlich dabei. – Eine sonderbare Angelegenheit begegnete mir am Jahresanfang. In Berlin war der Prof. Matz gestorben, ein Freund von mir aus Rom her; ich war hatte seit ca 2 Jahren ihn fast aus den Augen verloren, und war um so tiefer von der plötzlichen Todesnachricht erschüttert. Er hatte, wie er denn das treueste und reinste Herz besaß, mir stets eine herzliche Gesinnung bewahrt. Als ich nun am 4. Januar aus Hamburg wiederkomme, finde ich einen Brief mit der Todesanzeige; aber wer schreibt sie, »mit dem letzten Gruße178 des Verstorbenen«? – Wilamowitz! ich wurde sehr nachdenklich gestimmt, & vergab im Herzen dem Thoren seine früheren Gemeinheiten. Aber nun schreibt er wieder im Hermes so urberlinische Sachen im vollsten Gamin=ton! es bleibt eine stete Kluft zwischen uns & diesen Leuten. – Wenn Gersdorff kommt, so sage ihm vielen Dank für die Zusendung von Romeo & Julie: ich hätte sie zurückgeschickt wenn ich seine Adresse kennte. Der ist wirklich ein rares Stück! mit welchem Herr H. allein schon verdient hat, von den »Culturkämpfern« auf ihr pappenes Schild gehoben zu werden, wie es gegenwärtig geschieht. – Von mir ist sonst nichts zu sagen. Die Romanarbeit hat einstweilen meinen Kopf ganz zugebaut & lässt Fremdem wenig Raum. Dazu kommt neuerdings ein wunderliches ἐρωτικόν, das auch keine vernünftige Lösung verspricht. So schleppt man seinen Thorheitssack immer redlich weiter. Wenn ich aber den Roman erst fertig habe, will ich auch ein besserer Mensch werden. Bis dahin habe Geduld mit mir‚ mein getreuer Freund, und erhalte mir deine Liebe. An Overbeck u. Romundt herzliche Grüße, u. nächstens mehr von Deinem E. R.

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KGB: den letzten Grüßen.

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2.93 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 12. März 75. Verzeihe, liebster Freund, mein langes Stillschweigen auf deinen letzten Brief: ich war rein körperlich, durch ein Geschwür am kleinen Finger der rechten Hand am Schreiben verhindert, & schreibe noch immer mit Beschwerde. Ich bin, wie ihr, traurig über die wunderbare Angelegenheit, oder richtiger consternirt, denn ich verstehe den Sinn des ganzen Vorganges gar nicht. Man könnte sich ein absonderlich angelegtes Gemüth denken, welches in einer immer gesteigerten Glaubensgluth schließlich zur freiwilligen Uebernehmung der Knechtschaft sich nothwendig getrieben fühlte. Aber einen solchen Zustand ließ doch bei R. gar nichts vermuthen, und es wäre mir schon an sich völlig räthselhaft, wie ein solches mystisches Gewächs gerade in unserm Kreise aufwachsen konnte. Muß man nicht etwa gar fürchten, daß jener philosophirende Mysticismus, den ihr schon längst an R. 179 bemerktet, ihn schließlich, in einer Art von narkotischer Ermüdung in den päpstlichen Sumpf hinübergezogen hat? Ich kenne nichts Widerwärtigeres, als diejenige Art von Weitherzigkeit, mit der die päpstliche Kirche solche, in einem gewissen aesthetisch philosophischen Marasmus schließlich zu ihr flüchtende Proselyten aufzunehmen liebt, ohne von ihnen eine Hingebung an die Dogmen im eigentlichen Sinne zu verlangen. Und solch’ eine Gläubigkeit im eigentlichen Sinne, die allein einen solchen Schritt motiviren könnte, vermag ich mir nun wiederum, auch nicht einmal absichtlich »nachempfindend«, nicht zu imaginiren. So wage ich nicht, einen Stein auf den Unglückseligen 180 zu werfen, da ich an eine innerliche Unwahrheit oder Selbstbelügung, nicht glauben mag, und einen wahrhaften Sinn, wenn er hier zu Grunde liegt, gar nicht verstehe. Eins ist sicher, und das ist freilich das Traurigste, daß, wer also feierlich der Vernunft und der menschlichen Freiheit abschwört, uns verloren ist. Gewiß hat ihn auch das Verlangen nach einer Thätigkeit, und der Wunsch, eine feste Bestimmung seiner Thätigkeit, die er sich selbst nicht zu geben wusste, von Außen zu empfangen, zu dem Schritte getrieben. Ich bin einstweilen noch völlig perplex, da ich, anders als ihr in B. wohl, keine Gelegenheit hatte, eine solche pfäffische Gesinnung in R. allmählich heran wachsen zu sehen. Wie mag sich das nun weiter entwickeln? Rathen und Helfen lässt sich da sicher nicht, denn dort hinüber giebt es freilich von uns aus gar keine Brücke. – Nach Bayreuth werde ich nächstens einmal einen Brief richten. Es war doch nicht so undankbar u. thöricht, wie es scheint, wenn ich lange geschwiegen habe; denn ganz in meine philolog. Arbeit eingesponnen, hätte ich mir eigentlich anma179

Heinrich Romundt; vgl. Martin Pernet: Nietzsche und das »Fromme Basel«, Basel, 2014, S. 245 ff. 180 KGB : Unglücklichen.

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ßend erscheinen müssen, wenn ich von diesem Arbeitsleben, welches dort unmöglich unmittelbar interessiren konnte, weitläuftigen Bericht hätte geben wollen. – Ich werde dann auch an den Bürgermeister schreiben. – Ich bin nicht ganz wohl diese Zeit, denke mich aber in Hamburg, wohin ich morgen abgehe, zu erholen. – Lebe wohl, theuerster Freund; sei meiner unveränderten Gesinnung gewiß; ich denke wir halten zusammen aus bis ans Ende. Herzlichen Gruß an Overbeck. Dein E. R.

2.94 Erwin Rohde an Cosima Wagner Hamburg 2. April 75. Hochverehrte Frau!

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Da ich nun so überlange nichts habe von mir hören lassen, so würde es wohl thöricht sein, wenn ich besondre Entschuldigungsgründe für mein langes Verstummen vorbringen wollte. Ich bitte Sie nur, darin nicht einen Beweis einer Undankbarkeit oder Lauheit zu sehen, die meinem Herzen fremd ist. Wie oft habe ich, in dem täglichen Getriebe u. unter diesen Menschen, die mit absonderlicher Beflissenheit sich selbst zu entfliehen bestrebt sind, an Bayreuth gedacht als an den Ort der Hoffnung und Beruhigung, wo dereinst Alle, die dazu noch im Stande sind, zu der tiefsten Sammlung ihres ganzen Wesens eingeladen werden sollen. Wenn ich mir aber die endlosen Sorgen, Bemühungen und Nöthe vorstellte, mit denen Sie dort der zähen Böswilligkeit und Stumpfheit der Deutschen das Gelingen der großen Angelegenheit abringen müssen, und wie alle Ihre Gedanken, in Hoffnung Begeisterung und unaufhörlicher Wachsamkeit einzig diese Angelegenheit festhalten müssen: dann kam ich mir immer, in meinem Bücherwinkel, so verstaubt und armselig vor, daß ich mir, von mir und meinem Leben, von dem kaum zu reden der Mühe lohnt, gar zu schreiben und dafür Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, wie eine abgeschmackte Anmaaßung vorkam. Ich lebe so ganz in den Büchern, daß ich mich selbst sogar oft zwischen den Blättern erst wieder heraussuchen muß, wo ich wie ein Lesezeichen liegen geblieben bin. Sie können schwerlich den Geist einer deutschen academischen Genossenschaft der »Jetztzeit« so in der Nähe gesehen haben, um völlig zu begreifen, wie wenig dieser Geist im Stande ist, mich aus den Büchern hervor unter die academische Heiterkeit und Humanität zu locken. Ich will mich nicht besser machen, als meine confratres auch: aber diese vermögen eben sicherlich nicht, mich mir selbst, wie ich so sehr wünschte, zu entreißen und in ein höheres Element empor zu heben. Büchermenschen sind sie alle, und neuerdings gar noch Menschen der mittelmäßigen Bücher, und dazu noch Zeitungsmenschen; und diese letzten Eigenschaften sind mir freilich fremd, sie mögen es aber auch immer blei-

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ben. So theile ich mein Leben zwischen die Studierstube und eine stumpfsinnige Geselligkeit, von der ich nichts verlange, als daß sie mich ein wenig abkühle. Aber was soll ich von solchen Zuständen groß Meldung thun? Ich denke am Liebsten nicht daran: denn ich kann sie nicht ändern, meiner Natur wegen und in Folge des einmal eingeschlagenen Lebenslaufs, der sich nicht zurückthun lässt. Rechnen Sie hinzu einige Perioden einer tiefen Entmuthigung, und allerlei Gemüthsbewegungen einer absonderlichen Art, die, ohne Resultat verlaufen, auch nur Unruhe und Hoffnungslosigkeit zurückließen: so werden Sie begreifen, warum ich Sie von meinem Leben zu unterhalten mich scheuete, da zudem keinerlei ungewöhnliches Ereigniß dessen gleichmäßigen Verlauf unterbrach. In meinem Studienwinkel hat mich nun schon lange Zeit eine Arbeit beschäftigt, die mich bald erfreut und getragen, bald gelangweilt und ungeduldig gemacht hat. Es ist eine Art Bedürfniß, bei diesem fortwährenden Lernen, das wir Leben nennen, sich durch eine thätige Reaction lebendig zu erweisen: vielleicht daß ich bei einem thätigeren Leben im Stande wäre, so aus dem tiefsten Herzen meine Vorstellungen von Leben und Menschenpflicht herauszuströmen, wie Freund Nietzsche; als ein Büchermensch weiß ich mir nicht anders zu helfen, als indem ich meine aus den Büchern gewonnenen Anschauungen und Begriffe in ein Bild, ach immer wieder nur in ein andres Buch verwandle. Dieses Mal handelt es sich um eine Geschichte des griech. Romans, und seiner sehr eigenthümlichen Entwicklung. Dabei sind ganz merkwürdige, einsam gelegene Felder und Bergwiesen des großen hellenischen Parnasses zu beschreiten und zum Theil erst zu entdecken. Nicht gerade die Gebiete der eigentlichen, glorreichen Kraft der Griechen, sondern gewisse Uebergänge in’s Moderne, einige höchst sonderbare sentimentale Winkelchen, die man bei diesen festen Naturen gar nicht suchte; dazu eine ganze Welt – nicht der Mythen, sondern der eigentlichen Märchen und Phantasmagorien, die auch nicht leicht Jemand bei den Griechen vermuthet, der sie nicht geradezu aufsucht. Aus Diesen sonderbaren Bestandtheilen hat dann die rhetorische Kunst, die in den nachchristl. Jahrhunderten in Griechenland mit neuen Kräften auferstand, zu dem Ganzen des s. g. griechischen Romans vereinigt, einem sehr schwächlichen Geschöpf, das nur wegen seines Daseins überhapt, nicht seines speciellen Wesens wegen interessant ist. Bei dieser Arbeit sind nun, um sie in ein erläuterndes, den Sinn u. die Bedeutung des Ganzen für die Culturgeschichte erhellendes Licht zu rücken, die unsäglichsten Vorstudien, von weiter Ausdehnung zugleich und feinster Dètaillirung erforderlich; ich lerne also, via facendo, sehr viel und vielerlei dabei; aber die Vollendung zieht sich immer mehr in die Länge, weil zu der großen Arbeit noch die fortwährende Abziehung durch die Collegien und eine gewisse Launenhaftigkeit kommt, die mir zuweilen das Ganze als erschrecklich langweilig erscheinen lässt, was es eigentlich gar nicht ist, & mich periodenweise am Arbeiten hindert. Ich denke aber, jede weitere Verzögerung werde dem Werth des dereinst vollendeten Werkes zu Gute kommen; ich lege auch einige Sorgfalt in die äußere Form, da ich die Stillosigkeit unsrer heutigen philologischen

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Scribenten nicht an mir selber nachahmen möchte. So wälze ich mein Faß langsam u. ehrbar vor mir her; ich hoffe aber, obwohl ich eben keine Eile habe, am Ende des Sommers es bis auf den Gipfel gewälzt zu haben; womit mir selbst eine große Last abgenommen sein wird. Vielleicht sehen Sie dann, wenn es fertig ist, das Buch einmal in einer müßigen Stunde an; da ich allen Wust und Graus der Gelehrsamkeit in die Anmerkungen verbannt habe, so muß sich der Text, wie ich denke, auch ohne specielle philologische Zunftinteressen lesen lassen. Nun habe ich Ihnen so weitläuftig von diesen Gelehrtensachen vorgeredet! Aber das ist mein Leben. Ich wollte ich wäre den Freunden in Basel näher; das wäre noch eine andre Sache. Ich höre von dort immer nur bruchstückweise; das Schreiben ist ein gar zu elendes Surrogat des Zusammenlebens. Im Ganzen aber geht es offenbar N. besser als im vorigen Winter; ganz neuerdings gehen freilich dort so unglaubliche Dinge vor, daß ich auch für seine Gesundheit schlimme Folgen fürchte. Sie wissen vielleicht mehr davon als ich. – Wenn nun endlich das Sommersemester begonnen und bis zum officiellen Ende geführt sein wird, d. h. im Anfang August, komme ich, wenn es erlaubt ist, jedenfalls nach Bayreuth, um den Proben beizuwohnen. Das wird eine Wonne sein, von der ich noch gar keine Vorstellung habe. Und wie lange haben wir darauf geharrt und gehofft! Und wie langer Noth und Mühen endliche Krönung würde für Sie ein glückliches Gelingen bedeuten! Das wird eine noch wunderbarere Zeit als jene Pfingstage vor drei Jahren. Auf Nietzsches Anrathen schreibe ich an den Bürgermeister, um Besorgung einer Wohnung zu bitten: eine einzelne Ratte wird ja wohl noch irgend ein Loch finden. Nun für dieses Mal genug. Ich bitte, den Meister meiner unwandelbaren Treue Liebe und Ergebenheit zu versichern; und seien Sie selbst versichert daß ich, bei allen Fehlern und Sonderbarkeiten, in meiner Gesinnung beständig und treu bin. Möge es Ihnen und Ihrem Hause, in Gesundheit und Freudigkeit, wohl ergehen. Und auf Wiedersehen im August. Ihr ergebenster E. Rohde.

2.95 Erwin Rohde an Otto Ribbeck181 Hamburg 10. April 75. Lieber Freund!

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ich wende mich mit der Bitte um Rath an Sie, der mir ihn allein, kundig & aufrichtig geben kann. Ich bekomme soeben e. Brief von Rühl aus Dorpat, mit der Anfrage ob ich geneigt sei, Pauckers Nachfolger dort zu werden. Aus s. verclau181

l. o. von Ribbeck : resp. 11/4.

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sulirten Bericht entnehme ich dß man zuerst e. s. g. Extraordinarius, 1700 Rubel, anstellen würde, der aber nach höchstens Einem Jahre Ordinarius, 2400 Rubel, werden würde. Eine Zusage an ihn, R, binde mich noch nicht, erst eine solche auf e. officielle Anfrage. Petersen & Leo Meyer seien mir geneigt. Nun also bitte ich um Ihren Rath. Ich habe persönlich sehr wenig Lust, nach D. zu gehen; nicht wegen des dortigen Lebens, welches nicht übel sein soll, aber wegen der gräßlichen Entfernung von Deutschland; u. weil ich fürchte, ich würde dort nicht, wenn mir die Sache nicht mehr gefällt, den Herren ihren Kram einfach vor die Füße werfen können: was ich doch in Preußen stets kann. Im Ganzen wäre mirs also lieber, wenn ich, nach übler aber einmal herkömmlicher Sitte, in Preußen irgend ein Capital aus der Anfrage schlagen könnte. Dazu weiß ich aber weder Mittel noch Wege. Sie nun also bitte ich, mich hierin zu belehren & zu unterstützen, d. h. mir umgehend kurz anzudeuten, was Sie für das Zweckmäßigste halten, & was Sie meinen dß ich R. antworten solle. Ich bitte um Entschuldigung wegen der Gier, mit der ich Ihnen über den Hals komme: aber R’s Brief, selbst schon zieml. alt, fordert schleunigste Bea ntwortung. Also bitte, einen schlauen Rath; ich selbst bin in diesen Dingen mehr Schaaf als Mensch. Mit herzlichen Grüßen Ihr E Rohde. Bis zum 22ten April hier in Hamburg: Adr. Frau Dr. Rohde, Uhlenhorst, Zimmerstrasse; vom 23. an wieder in Kiel.

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2.96 Erwin Rohde an Franz Rühl Hamburg 11. April 75. Lieber Rühl! Gestatten Sie mir zuvörderst, Ihnen meinen allerwärmsten Dank für Ihre, auf dem Umwege über Kiel erst heute mir zugekommene Anfrage auszusprechen. Daß Sie bei dieser Veranlassung an mich gedacht haben, ist mir um so werthvoller, & erregt in der That meine aufrichtigste Dankbarkeit um so mehr, weil ich mich bereits völlig in der Gewißheit befestigt und eigentlich auch beruhigt hatte, durch meine öffentlich, in der Streitschrift gegen den Wilamowitz u.s.w. ausgesprochene Mißachtung gegen das, was man in den officiellen Berliner Kreisen heutzutage die philologische Wissenschaft nennt, ein für alle Mal in das schwarze Buch, darin die Ketzer verzeichnet sind, aufgenommen & aus dem Kreise der »Gutgesinnten« ausgeschlossen zu sein. Geize ich nun auch gar nicht nach dem Ruhme eines solchen Gutgesinnten, der in meiner Nase keineswegs fein duftet, so bin ich doch immer doppelt erfreut, wenn von Seiten eines der Vernünftigen unter unsern Fachgenossen, auf deren Achtung es mir allein ankommen kann, mir ein Beweis zu Theil wird,

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daß eine gerechte Würdigung der Dinge noch nicht überall vom Sectengeist erstickt ist. Was nun die Sache selbst betrifft, so werden Sie es mir nicht verargen, wenn ich, so völlig überrascht von einer durchaus unvermutheten Perspective, nicht gleich im ersten Augenblick mit einem einfachen Ja! antworten mag. Ich habe, durch Prof. Schirren und sonsther, so mancherlei Gutes von dem Dorpater Leben gehört, daß ich von vorne herein, wenn die dortige Facultät mich erwählen sollte, keineswegs abgeneigt wäre, anzunehmen. Nur möchte ich Sie jedenfalls noch bitten, mir in kurzen Worten einige weitere Aufklärung über die dortigen Verhältnisse zu geben. Namentlich über die Ferien: ihre Dauer und ihre Lage im Jahr (die Semester sind ja wohl ganz anders vertheilt als bei uns), da, dieses genau zu wissen, mir aus mancherlei Gründen nicht so unwichtig ist, wie es scheinen könnte. Ferner über die Einrichtung des Studiums; ob eine ähnliche Selbstbestimmung der Studenten wie bei uns besteht, oder mehr eine schulmäßige Einrichtung des Hörens und des Docirens; wie meine Stellung im philologischen Seminar sein würde, etc. Endlich, ob für die Bibliothek hinreichend gesorgt ist: denn einen Mangel in dieser Beziehung könnte ich mir dort hinten in der Einöde für die eignen Studien lähmend denken. Zuletzt noch: Sie deuten an, dß man mich zunächst nur zum Extraordinarius machen würde; nun gut (d.h., wenn es möglich wäre, gleich Ordinarius zu werden, so würde ich dieses natürlich mit aller Energie wünschen & betreiben): ist es aber eine durchaus fest & gesetzlich normirte Nothwendigkeit, daß ich spätestens in 1 Jahre zum Ord. aufrücke, oder müsste man dieses gesetzte ausdrücklich erst stipuliren? Beiläufig: werden denn keine Umzugsentschädigungen bewilligt, wie doch in Preußen stets? Großes Gewicht lege ich hierauf nicht, da mein Gepäcke, wenn auch nicht »federleicht«, so doch auch keineswegs bergeschwer und also hoffentlich ohne allzu große Kosten transportabel ist. Eine Hauptsache hätte ich bald vergessen: zu welchem Termin müsste der neu zu Erwählende in Dorpat anzutreten u. seine Vorlesungen zu eröffnen sich verpflichten? Den bevorstehenden Sommer wünschte ich allerdings noch recht sehr in otiis Kiliensibus zu verleben; ich trage mich mit einem Buche über den griech. Roman & die mancherlei Litteraturgebiete, die damit in Verbindung stehen, & würde, so hoffe ich, gerade am Ende des Sommers mit dieser sehr umständlichen und langathmigen Arbeit zu Ende kommen, wenn ich sonst nicht viel zu thun habe. Nun verzeihen Sie diese Reihe von Fragen: ich würde Sie nur mit einigen wenigen darunter zu belästigen gehabt haben, wenn ich gegenwärtig in Kiel wäre & Schirren, als alten Dorpater, hätte zu Rathe ziehen können. Ich bin aber während dieser Ferien, und noch bis zum 22. April in Hamburg: Adr. Frau Dr. Rohde, Uhlenhorst, Zimmerstraße. Hierhin bitte ich auch, falls ein Brief von Ihnen noch bis zum 22. hierher gelangen kann, einen solchen zu richten. Vom 23. an bin ich wieder in Kiel. Und nun

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wünsche ich der ganzen Angelegenheit einen günstigen Verlauf; welches aber auch ihr Ausgang sein möge, Sie Ihrerseits dürfen gewiß sein, mich zu dauernder Dankbarkeit verbunden zu haben. E. Rohde.

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2.97 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 26. April 75. Ich wollte eigentlich mit näheren Nachrichten warten, lieber Freund, bis ich von Rühl weitere Auskunft erhalten haben würde. Aber das scheint noch lange dauern zu können. Ich habe, gleich nachdem ich an Sie geschrieben hatte, auch an R. geschrieben: das sind nun über 14 Tage, und noch immer ne γρῦ quidem! Ich schrieb so, wie Sie nachher es mir auch gerathen haben: ich sei zu kommen nicht abgeneigt, bitte aber vorher um nähere Auskunft in manchen Puncten u.s.w. Nachträglich habe ich an mir selber wahrgenommen, daß ich eigentlich zu indolent bin, um in diesen Dingen mich mit besonderm Eifer ins Geschirr zu werfen; wenn nicht die gebratenen Tauben mir mit Gewalt ins Maul fliegen werde ich sie unbekümmert Andern überlassen: Im Grunde ist ein Extraordinarius der freieste Mann an der Universität; soll er sich um weniger Thaler willen bemühen, an der Langenweile der Sitzungen und Referate u. was weiß ich, sich einen Antheil zu erkämpfen! Ehrgeiz habe ich einmal von der Natur nur ½ Quentchen, gerade für e. extraordinarius genug, mitbekommen; & da ich das Heirathen ohne Vermögen doch aufgegeben habe, so wüsste ich nicht, welchen Reiz die wenigen Thaler mehr auf mich ausüben könnten. Somit nehme ich die Angelegenheit sehr gemüthlich, & warte mit vollkommenem Gleichmuth ab, was kommt. Aus Deutschland fort, von meinen Freunden fort in e. unerreichbare Einöde zu gehen, habe ich natürlich auch nicht die geringste Neigung. Also mag es gehen wie es will. Das Semester beginnt hier Ende der Woche. Wie die Studentenzahl steht sieht man noch nicht. Vorigen Sonnabend großes langweiliges Festessen für Karl Möbius. Vollständiges Winterwetter mit Schnee und Hagel bis heute: jetzunder, scheint es, geht endlich das Frühjahr an. Mein Roman gedeiht langsam. Addio, l. Freund. Freundl. Gruß an Ihre Frau und die besten Wünsche für einen heitern & gedeihlichen Sommer. Wie steht’s denn mit Ihrem Tragoedienbuche? Teubner, schläfst du? – Wenn nähere Nachrichten kommen, theile ich sie mit. Herzlichst E. R.

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2.98 Erwin Rohde an Franz Overbeck Kiel 27. April 75. Lieber Overbeck!

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Haben Sie herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Brief. Leider hatte er eigentlich nichts Erfreuliches zu berichten: es geht mit unserm kleinen Freundeskreise wie mit jenem alten Manne; da heißt’s: duck unter, die Welt ist Dir gram! Der arme Romundt vor Allen dauert mich von Herzen. Wie kann man da eingreifen, da ihm doch der Wurm mitten im »Gekröse« sitzt! Ich bin wahrhaft erfreut, daß Sie ihn wenigstens zum Ergreifen des Schulmeisterberufes überredet haben. Nach meiner Meinung war dies die einzige, für ihn denkbare Stellung, in der er möglicher Weise nicht ganz verschimmelt und in schwächlichen Träumen verstaubt, wie ein altes Spinnengewebe im Winkel. Wenn er diesen Beruf nur festhält! Es ist ein ganz verfluchter Sclavendienst, so, wie er jetzt im Reich, wenigstens in Preußen gehandhabt wird – ich sehe es an Bekannten hier in Kiel in fataler Nähe – und einige Frische kann nur durch eine Theilnahme an dem Persönlichen der Knaben hineinkommen; u. ich weiß nicht, ob hierfür‚ was ja keineswegs Jedermanns Sache ist, R. irgend ein Interesse hat. Trotz alledem hält dieser Beruf ihn an einem fest geregelten Verlauf von Pflichten fest: & eine derartige autoritativ sich auferlegende Nöthigung ist ganz gewiß für R, damit er zu einiger Ruhe gelange‚ durchaus erforderlich. Eine Ursache zur Befriedigung haben wir immerhin darin, dß seine unsinnigen Conversionsgedanken ihm verraucht sind; ich war ganz consternirt über einen so tollen Gedanken; denn diese Pfaffenkirche ist & bleibt doch der eigentliche »alte böse Feind«, an den einen Freund verlieren zu müssen der schlimmste Verlust gewesen wäre. – Warum will er aber nach Sachsen? Es wäre doch in vieler Beziehung besser wenn er mehr in Ihrer Nähe bliebe: in Baden könnte wahrscheinlich Ribbeck etwas für ihn thun, wenn ich deswegen an ihn schriebe. Was meinen Sie? Schreiben Sie mir nur Rs Adresse: ich will gewiß an ihn einmal schreiben und ihm nach Kräften Muth einsprechen. Was ist auch in der That für ihn verloren? Eigentlich nichts: denn in keiner Lage, sie möge sein wie sie wolle, wird er sich selbst und seine schwere Natur loswerden, die ihn plagt; Gleichmäßigkeit, u. am Besten eine erzwungene, wird ihm noch am Ersten wohl bekommen. Mit Bedauern höre ich von Ihrer Krankheit. Aber Sie sind wenigstens ein verständiger Kranker und schieben die gründliche Heilung nicht auf, wie Nietzsche, der immer so lange wartet bis die Maschine ganz in Verwirrung kommt. Heilen Sie sich nur in K. gründlichst aus und leben eine Zeitlang als vergnügter Thor und Brunnenidiote; in der Arbeitsstube lässt Einen schon der Gedanke der ewig mahnend dastehenden Pflicht nicht zur Heilung kommen. Am Schluß winkt dann der herrliche Herbst in Bayreuth. Da heißt es: heert, Leite‚ alle nach Connewitz! u. ich denke, es wird sich eine sonderbare Gemeinde, wie aus einer

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andern Welt mitten im Reiche des Culturkampfes zusammenfinden, um eine Zeitlang der Zeit zu vergessen und ganz im Ewigen unterzutauchen. Ich freue mich sehr auf diese Wochen & wünschte mir persönlich nur, irgend einen freundwilligen Mystagogen hier zu haben, der mich gänzlichen A-pianisten ein wenig in die Musik des Ringes der N. einführte, damit die Mühe des ersten Aufnehmens, während jener Bayreuther Proben selbst mir nicht die eigentliche Andacht und Entzückung zu sehr raube. Könnte ich Sie jetzt in Bs. ersetzen und unserm armen Nietzsche die Einsamkeit ein wenig erleichtern, wofür Er selbst mich durch Clavierskizzen aus dem R. der N. belohnte; ich habe so 1870 die Meistersinger von ihm zuerst gehört & nie, so oft ich dieselben nachher auf der Bühne gesehen habe, von dem eigentlichen Wesen jenes wunderbaren Werkes eine so tiefe und, eigentlich gesagt, beglückende Empfindg bekommen, wie damals durch seinen Vortrag. – Sie schreiben nichts von dem Inhalt der Nr. 4 der Unzeitgemäßen. Und wie steht es mit Ihrer eignen Nummer 2 der Studien? Dieser böse Winter hat Sie darin wohl nicht weiter kommen lassen. Ich komme mir immer, gegenüber der Basler Schreibenergie wie ein lahmer asellus vor; mit meiner Geschichte des Romans hinke ich nun schon durch so viele Semester & sehe noch nicht das Ziel. Ich nehme es nun freilich auch etwas pomadig; & im Grunde was könnte mich zur Eile bewegen? Die Arbeit selbst macht mir Spaß; wenn sie fertig sein wird, wird sie mich vermuthlich langweilen. – Kürzlich fragte man aus Dorpat bei mir an, ob ich Lust hätte, dorthin mich für 2400 Rubel als Prof. zu verkaufen. Ich habe so verclausulirt geantwortet daß man sich wohl nach einem andern Streber umsehen wird. – Kurz vor Ihrem Briefe hatte ich e. Brief von der Frau Wagner, e. Antwort auf einen Brief den ich mich endlich entschlossen hatte, trotz des Widerspruches meiner sündlichen Faulheit, nach B. zu schreiben. Sie trägt mir nach Basel u. an Gersdorff Grüße aus & bittet allerseits um Entschuldigung wegen etwaigen Nicht-schreibens. Die fatalen Reisen auf denen sie jetzt wieder sich herumtreiben müssen, lassen zum Schreiben keine Zeit. – Ich habe auch an den Bürgermeister in B. geschrieben, wegen Wohnung im August (ich kann leider nicht vor 3/4 Aug. kommem), wie mir N. rieth: er schreibt sehr höflich & zusagend zurück, aber so, daß mir scheint, als ob eigentlich der Andrang nicht so gewaltig wäre, daß ich ihn hätte zu belästigen brauchen. – N. soll ich noch bestellen: Frau W. werde sehr gerne die französ. Uebersetzung seines Buches durchlesen & sich dafür stets Zeit reserviren. – Nun leben Sie ernstlichst wohl. Grüßen Sie Nietzsche von Herzen, & bedenken Sie stets, daß hier in Kiel ein Prof. p. e. o.182 sitzt, der an seinen Basler Freunden u. Allem was sie betrifft den treuesten Antheil nimmt. Ihr E. Rohde.

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perpetuus extra ordinarius.

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2.99 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 1. Mai 75. Lieber Rühl!

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Vielen Dank für alles Gute & Freundliche das Sie mir in Ihrem Briefe mittheilen. Ich habe alsbald abgeschickt was ich von meinen Schriftlichkeiten noch vorfand: 2 Polluces 183, 1 Ὄνος184, 1 Exemplar eines kleinen Anecdoton im Rhein. Mus185. Von einer weitläuftigen Recension von Fritzsches186 u Sommerbrodts Lucianea187, im Philolog. Anzeiger 1872 N. 10 hatte ich kein Exemplar mehr: ich lege einigen Werth auf diese Recension, weil sie Proben meiner Lucianstudien auf italien. Bibliotheken giebt. Im Uebrigen hole der Teufel das Recensiren, vollends in den elenden Wurst- und Cliquenblättern der philologischen »Jetztzeit«: ich werde mich nicht leicht wieder dazu verleiten lassen. Nächstens kann ich auch mit einem Körbchen voll Apulejus-conjecturen 188 dienen: nur ad specimen eruditionis, damit man ersehe daß ich auch e. wenig Latein verstehe, was ich freilich in den letzten Jahren einigermaaßen vernachlässigt habe. Ich mache mich nach u. nach etwas mehr mit dem Gedanken vertraut, eventuell wirklich Deutschland zu verlassen, was bei meiner Beharrlichkeit in angenommenen Gewohnheiten einige Zeit gekostet hat. Ich werde mir noch von Schirren das Bild der Dorpater Zustände genau ausmalen lassen. Im Uebrigen muß ich nun allerdings zwei Bedingungen machen. Erstens würde ich durchaus darauf bestehen, gleich als Ordinarius angestellt zu werden. So sind ja auch Schwabe und Petersen gleich als Ordinarien berufen worden: warum sollte ich weniger verlangen können, da ich doch schon seit 4 ½ Jahren academ. Lehrer bin, und gerade in diesen Tagen seit 3 Jahren Extraordinarius? Zweitens aber würde ich sehr lebhaft wünschen, nicht vor Ihrem Winter Sommersemester, also nicht vor dem 24. Januar alten Stils antreten zu müssen. Mein Buch über den gr. Roman ist nun gerade so weit, daß ich es, ohne der etwas üppigen Anlage des Ganzen am Schluß noch etwas abknappen zu müssen, etwa im Oct. oder Novb. werde abschließen können. In den neuen Verhältnissen würde mir dazu natürlich keine Muße bleiben, um so weniger, da mit dem Anfang unsrer Ferien, c. 10 August, ich nur gleich aufpacken könnte, um nach Dorp. abzureisen u. also der Ferienzeit ganz verlustig ginge: denn Anfg Sept. be183 WV 2: »De Julii Pollucis in apparatu scaenico enarrando fontibus scripsit Ervinus Rohde. Accedit de Pollucis libri secundi fontibus epimetrum«. 184 WV 1: »Ueber Lucians Schrift ΛΟΥΚΙΟΣ Η ΟΝΟΣ und ihr Verhältniss zu Lucius von Patrae und den Metamorphosen des Apulejus. Eine literarhistorische Untersuchung«. 185 WV 3: »Unedirte Lucianscholien, die attischen Thesmophorien und Haloen betreffend«. 186 WV 15: »Rezension: Lucianus Samosatensis. Franciscus Fritzschius recensuit«. 187 WWV 16: »Rezension: Lucianus von Julius Sommerbrodt«. 188 WV 21: »Zu den Metamorphosen des Apulejus«.

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ginnt ja wohl Ihr Wintersemester. Zudem wären die Verhandlungen mit Verleger & Drucker von Rußland aus sehr unbequem zu führen. Mir scheint, daß diese beiden Forderungen nicht unbillig sind. – Den Monatsabzug müsste ich natürlich ertragen: man richtet mir’s nicht besser an als meinen Brüdern allen. Dagegen wäre eine Ueberlegung nöthig in Betreff der Pensionscasse falls eine solche in D. existirt. Hier muß man – gleichviel ob verheirathet oder nicht – gleich bei der Anstellung dorthinein (d.h. in 2 Cassen für Wittwenpensionen.) 150 rl abführen, bei jeder Gehaltserhöhung ein volles Vierteljahrsgehalt, dazu noch eine regelmäßige Steuer von so u soviel %. Auf diese Weise habe ich bereits über 300 rl in diesen Schlund geworfen! Bei meinem Fortgang geht mir dies verloren. An deutschen Universitäten ist es nun ausnahmloses Herkommen, daß man, bei Versetzungen, an dem alten Ort seine Ansprüche verliert, dagegen aber am neuen ausdrücklich von einem Einschießen in den Pensionsfonds entbunden wird. Darauf würde nun auch ich in Dorpat antragen müssen. Einer etwa bestehenden fortlaufenden Steuer an e. solchen Fonds würde ich mich dagegen natürlich nicht entziehen können, & wollen. So viel von Geschäften. In Ihren litterarischen Unternehmungen wünsche ich Ihnen guten Fortgang und frohen Muth. Es kommt ja gewiß auch die Zeit, wo Sie sich zu weiter umblickenden Unternehmungen sammeln. Leben Sie wohl und seien Sie versichert des dankbaren Gedenkens Ihres E Rohde. Noch eine statistische Notiz. Den Ὄνος habe ich als Student geschrieben u. veröffentlicht, den Pollux als Preisaufgabe der hies. Universität, und dann als Doctorarbeit benutzt. Die Fragestellung war dumm, u. kommt nicht auf meine Rechnung: ich habe aus dem widerhaarigen Stoffe so viel, oder eigentlich wohl etwas mehr zu machen gesucht als eben möglich war.

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2.100 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 1. Mai 75. Die Dorpater Angelegenheit setzt sich doch fort, lieber Freund. Vorgestern hatte ich einen 2t Brief von Rühl. Am 20t April hat er mich in der Facultät vorgeschlagen. Leo Meyer stellte dagegen Hörschelmann in Leipzig auf. R. meint, wenn man sich Mühe gebe, sei H. wohl zu überwinden: man erkenne allgemein an, daß H. nichts vor mir voraus habe als seine livländische Geburt: Familieneinflüsse allein wirkten für ihn. Ich sei durch Ritschl, Gutschmid, und Nöldeke angelegentlich empfohlen, der treffliche Rühl scheint sich an sie gewandt zu haben, u. giebt sich überhaupt große Mühe, ohn all mein Verdienst & Würdigkeit.

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Ich habe zurück geschrieben: ich müsse vor Allem auf directer Erwählung zum Ordinarius bestehen: wie Sie es mir riethen. Weiter wünschte ich sehr nicht vor Ende Januar, wo dort das Sommersemester beginnt, antreten zu müssen, meines Buches willen: u weil ich andern Falles nur direct nach Schluß des hiesigen Sommersemesters nach D. reisen müsste, wo Ende August das Wintersem. beginnt. Auf diesen 2 Bedingungen würde ich eventuell auch bei wirklichem Antrage bestehen. Hörsch. wird es wahrscheinlich billiger thun u. gleich zu haben sein, & so vermuthe ich daß hierin meine Wahl scheitern werde, u. bin nicht sonderlich unglücklich darüber. Nimmt man diese Bedinggg freilich an & wählt mich dennoch, so kann ich loyaler Weise nicht wohl zurück treten. Ich muß mich daher mit dem Gedanken einer Expatriirung immerhin auf alle Fälle gefasst machen. Und wenigstens aus Kiel scheide ich ohne einen Seufzer. Hier fängt endlich das Frühjahr an, die Lüfte werden weich und voll und die Wiesen grün. Bei Ihnen steht wohl schon Alles im Grünen. So wünsche ich Ihnen & Ihrer Frau zunächst vergnügte Pfingsten. Ich meinestheils muß schon des Romans wegen zu Pfingsten hierbleiben – Addio liebster Freund, entschuldigen Sie die furchtbare Kleckserei, ich werde gedrängt von einem auf mich wartenden & nach Tabak stinkenden βαναὺσος. E. R.

2.101 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 10. Mai 75. Lieber Rühl,

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Lassen Sie mich Ihnen aufs Neue meinen lebhaftesten Dank sagen für die Mühe, die Sie sich in meiner, wie es scheint so stark bedroheten Angelegenheit geben. Ich habe zugleich mit Ihrem Brief Meyers Schreiben bekommen & mit einer bindenden Zusage im Falle der Wahl alsbald geantwortet. Schirren hatte mir inzwischen die D’schen Verhältnisse so angenehm ausgemalt dß ich in der That Lust bekommen habe zu gehen. Es scheint nur freilich als ob es bei der Lust bleiben solle. Schirren sah das Ganze richtig voraus. Das nachträgliche Auftauchen der Candidatur H. sei schon ein bedenkliches Zeichen; er ahnte auch richtig die von hier aus gespielte Perfidie. Man muß jenen von Meyer zu Rathe gezogenen wackern Theologen kennen, um die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen über den Einfall, den über den Charakter eines Menschen zu befragen. Ich trotze auf das Urtheil jedes männlichen, liberalen – ich meine antik ἐλευθέριος – Mannes an hiesiger Universität: sie würden meine Arroganz Schroffheit und Rücksichtslosigkeit gegen den Schein gewiß auch bestätigen, aber doch bekennen müssen daß jede Tücke Illoyalität und Schleicherei mir

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fremd ist, & nicht minder jede »Krakelerei«, zu der ich für das Persönliche viel zu indifferent bin; und diese Indifferenz mag denn auch mein schlimmster Fehler sein; jeder Eitle wittert dahinter viel mehr Verachtung als dahinter ist. Aber nun dieser Gottesmann! Er kennt mich nicht, ich ihn nicht, aber aus christlicher Nebenliebe findet der Biedre nichts an mir zu bemerken als jenes »ab u anspruchsvolle, patzige« Wesen. Damit ist für solche Strohmänner das Wesen eines Menschen erschöpft. Sehr hat mich das »obwohl – gute Familie – Bild männl. Schönheit (oha!)« doch – amüsirt. Wenn nur nicht, bei diesem Jesuiten, hinter diesem »obwohl« die angenehme Insinuation theils einer gewissen Geckenhaftigkeit, die mir doch wirklich fremd ist, theils eine Einschränkung meiner Verdienste auf jenes »Gute« und »Männliche« versteckt läge! Oder sollte das »obwohl« meine Verwerflichkeit noch schwärzer darstellen? Dann allerdings ist der Gottesmann weder ein Bild m. Sch. – die Studenten nennen ihn sehr treffend »den beinernen Esel« – noch scheint er, der naiv-egoistischen Rüpelhaftigkeit seines persönlichen Benehmens nach zu rechnen, aus der besten Familie zu sein. Soviel von der Gottseligkeit und Nächstenliebe. Im Uebrigen sehe ich der Sache mit großer Ruhe und wirklicher Unparteilichkeit zu, über die ich mich selber verwundre. – Apropos, Schirren hat sogleich heute Meyern und dem Andern geantwortet; wie ich vermuthe gerade in dem Sinne wie ich es wünschen muß: ohne Schönfärberei und doch auch ohne Kleinlichkeit. Ich kenne ihn erst wenig, aber genug, daß er mir sehr gut gefalle. Sind denn die von mir abgesandten Bücher noch nicht angekommen?! Schirren räth, dann einmal auf der Censur danach zu fragen. Bitte geben Sie mir davon Nachricht: eventuell würde ich, was ich von Exemplaren sonst noch auftreibe, noch einmal hinschicken: – Nun lassen Sie uns auf einen guten Ausgang hoffen; der beinernen Esel werden ja wohl nicht ganze Legionen sein! Ὄνομα μου λεγεών. Mit dem herzlichsten Gruße Ihr dankbar ergebner E. R.

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2.102 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 13. Mai 75. Lieber Rühl, ich habe heute Ihren Brief vom 24 April189 bekommen, & so werden auch, wenn dieser Brief ankommt, meine Briefe vom 10.t in Ihren und Meyers Händen sein. Heute muß ich nun freilich mit einem kleinen, vielleicht sehr störenden Nachtrag nachhinken. Ich habe an M. geschrieben dß der spätere Antritt nur 189

unter »24 April« korrigierend »6 Mai«.

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ein Wunsch, keine Bedingung sein solle & daß ich auch ohne dessen Gewährung kommen würde. Dies that ich mit schwerem Herzen und nur darum, weil ich wohl sah, aus einer Äußerg des M., dß er gerade hier einen Knoten zu meiner Verdrängung einschlagen wollte. Bei längerem Nachdenken kann ich denn auch diesen Standpunct nicht festhalten. Ich muß noch einige Zeit nach dem August in Deutschland bleiben. 1) wegen meines Buches, dessen Abschluß sonst vielleicht auf Jahre verschoben würde. 2) und noch mehr aus einem freilich sentimentalen Grunde, an dem nun aber einmal mein ganzes Sentiment hängt. Ich liebe eine Frau, die mich wieder liebt, & die ich nur in den Ferien sehen kann. Als sie von m. Entschluß, so bald nach D. zu gehen hörte – ich war einen Tag dort – sagte sie nur einige Worte, die mir es erst ganz aufs Herz fallen ließen, wie schrecklich schwer mir die Trennung werden würde. Ich könnte sie nicht vor nächsten Juni wiedersehen! während wir im September Wochen lang Gelegenheit zum Beisammensein finden würden. Das wird Ihnen e. sehr alberner Grund scheinen, aber ich gestehe, ich bin so schwach, eher die ganze Aussicht auf Dp. fahren zu lassen als sie so zu betrüben; sie liebt mich über alle Begriffe. Ich vertraue Ihnen dieses an, damit Sie erst recht keinen Menschen auch nur e. Ahnung von dem wahren Grunde meines Zögerns bekommen lassen. An M. schreibe ich nun: ich wünsche nicht, ich mache zur Bedingung Verschiebg des Antritts bis Ende Octobers. Den Brief lege ich Ihnen bei: aber ich mache Ihnen zur absoluten Pflicht, ihm diesen Brief sogleich zu geben, u. ihn nicht aus Politik zurückzuhalten: ich würde mich, falls mich die Wahl träfe, auf diese an M. abgegebne Erklärung berufen müssen. Dies verschlimmert nun natürlich meine Actien. Vielleicht hebt dieselben e. wenig die Nachricht: daß ich am Dienstag, 11. Mai eine Anfrage wegen Annahme des von Schenkl früher bekleideten Ordinariats in Graz durch M. v. Karajan bekommen habe: eine erste Anfrage natürlich; eine Commission von 3 Proff. stellt 3 Candidaten auf u. darunter bin ich. Wenn es nützlich ist, so bitte ich Sie, diese Nachricht in D. zu verbreiten. Ich habe gleich geantwortet, ich sei in D. gebunden; wenn es möglich sei, solle man e. wenig warten, würde ich in D. nicht gewählt, so sei ich sehr gern bereit, nach Graz zu gehen. Im Uebrigen, glaube ich, ist durch Schirrens Briefe die Lage etwas verbessert. Lassen Sie bald Neues hören Ihren herzlich verbundnen E. R. Ich schicke den Brief doch gleich direct an Meyer: er nähme einen Einschluß vielleicht übel. Ich verlange darin Aufschub bis Ende October (dh. wenn ich gleich welchen bis Ende Januar kriegen kann ist es mir lieber: das sage ich aber in dem Briefe nicht), u. rede hauptsächlich von dem Abschluß des Buches. Bricht mir diese Bedingg den Hals, ebbene, aber ich konnte wirklich nicht anders; der oder das »Genaueste« sagt der Jüd. Ich selber sehe übrigens nichts

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Exorbitantes in dieser Forderung. Nb. Reden Sie von Graz, aber nicht gar zu provocirend, u. nicht so, als ob der Ruf nach Gr – mich – in Causalconex, auf diese Forderung des Aufschubs gebracht hätte. Das wäre unpolitisch u. auch nicht wahr.

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2.103 Erwin Rohde an Cosima Wagner Kiel 21. Mai 75. Hochverehrte Frau! Sie werden jetzt wohl wieder glücklich von den anstrengenden Concertreisen zurückgekehrt sein, so daß zum 22ten ein Gruß und eine Versicherung treuer Gesinnung Sie wieder in »Wahnfried« aufzufinden hoffen darf. Möge dem Meister und allen seinen Theuren und Freunden dieses neue Jahr endlich zu erfüllen beginnen, was seit den glorreichen Maitagen 72 so hoffnungsvoll begründet und mit so aufopferungsvollem Bemühen von ihm weitergeführt worden ist. Wenn es endlich doch gelänge, das große Werk, das wäre in Wirklichkeit eine »Krone des Lebens«, der Bemühungen und Sorgen eines ganzen künstlerisch reformatorischen Lebens: u. eine solche Krone ist ja der »Treue bis in den Tod« verheißen. Ich für meine Person kann zu einem so hoffnungsreichen Tage nichts als meine wärmsten und treuesten Wünsche und Gesinnungen darbringen; die aber bitte ich, dem Meister auszusprechen. Ihr Brief hat mir eine große Freude gemacht; haben Sie Dank für die ächte u. herzliche Theilnahme an meinen kleinen Angelegenheiten, die er ausspricht. Ich gäbe Ihnen gern genauere Auskunft über die Anlage meines etwas wunderlichen Roman-buches; nur würde das zu sehr in obscure Winkel und Ecken führen. Sie werden, wenn Sie später einmal e. Blick in das Buch werfen, selber sehen, welcher Umständlichkeiten es bedarf, um hier die inneren Zusammenhänge klarer hervorzustellen. Eigentliche Romane giebt es erst seit dem 2. Jahrhundert nach Christi, sie sind Producte einer sehr merkwürdigen Wiedergeburt der griechischen Rhetorik und Stilkunst in jener Zeit, welche ernstlich auf die Erschaffung einer Poesie in Prosa ausging. Sie hängen aber zusammen theils mit einer eignen, für uns leider fast ganz verschollenen, Gattung sentimentaler Fabelerzählungen erotischen Inhaltes aus alexandrinischer Zeit – welche ihrerseits herstammt aus gewissen, bis dahin in der Tiefe der Volkssagen lebenden, den eigentlichen Mythen völlig entgegengesetzten, sehr zarten und fast schwärmerischen Locallegenden, theils mit einer sehr wunderlichen Reihe von ethnographischen und geographischen Phantasmen, deren erstes Vorbild, seltsam genug, die Erzählung des Plato von der Atlantischen Insel (im »Timäus« und »Kritias«) war. Sie sehen, wie groß der Abstand zwischen mythologisch-heroischen Stoffen des Epos und der Tragoedie (auch der älteren Lyrik) und dieser, aus einer senti-

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mentalen Erotik und freien Phantastik zusammengesponnenen Romanerzählungen sein muß. Es spinnt sich hier eine neue, zweite Reihe griechischer Dichtung an, die vielleicht sehr bedeutend hätte werden können, aber Alles bleibt bei schwachen Ansätzen (natürlich, denn diese ganze Richtung war erst bei einer Zerstörung des rechten griechischen Wesens denkbar), u. so ist mehr die ganze Richtung als ihre einzelnen Producte interessant. – Mit christlichen Richtungen irgend welcher Art hat das Ganze durchaus nichts zu thun, eher mit orientalischen Sagen und Erfindungen. Wann ich nun aber fertig sein werde, wird mir immer zweifelhafter. Ich kann die ruhige Heiterkeit nicht aufbringen oder doch nicht festhalten, die zu solchen Unternehmungen gehört. Jene peinlichen und trüben Gemüthserregungen von denen ich schon e. Andeutung machte, lassen so wenig nach, daß sie allmählich mein ganzes Leben zu verwirren drohen. Und eine reine Lösung ist leider unmöglich. Ich erinnere mich, daß, als ich mit Nietzsche Ostern 73 in Bayreuth war, die Rede auf die »Wahlverwandtschaften« kam die Sie, u. auch ich, vor Kurzem wieder gelesen hatten. Ich hatte nur die künstlerische Weisheit und Tiefe empfunden, während der Meister Sie in Thränen über dem Buche getroffen hatte. Ich lese jetzt gelegentlich in dem wunderbaren Roman mit einer nun ebenfalls ganz persönlich gewordenen u. tief ins Herz schneidenden Empfindung. So bedarf es nicht nur, um die allmählich trivial gewordenen Sätze alter, immer erneuerter menschlicher Erfahrung in ihrer ganzen Kraft und Weisheit zu empfinden, sondern selbst um von der schrecklichen Wahrheit die der größte Dichter in den Seelenkrämpfen seiner Helden so eindringlich darlegt, bis ins eigenste Innere erschüttert zu werden, des persönlichen Erlebnisses. Ich weiß nicht, soll ich wünschen, ich hätte diese Qual nie erlebt? Man hätte doch eigentlich nicht gelebt ohne solche Erfahrung: wie sieht man nun erst, von Innen erleuchtet, die Welt und ihre schrecklich ernsten Verhältnisse in tiefen Farben leuchten.! Ach, genug. Andre Ereignisse verlieren daneben für mich sehr an Bedeutung. Man hat mich in Dorpat zum ordentl. Professor vorgeschlagen. Die äußerliche Verbesserung wäre mir nicht unerwünscht, da ich doch noch meine Hoffnungen auf einen Wechsel der Verhältnisse setze, in dem mir äußere Selbständigkeit nothwendig wäre. Sehr gern aber entflöhe ich der Misère deutscher »Collegialität«, jener perfiden Biedermeierei deutscher Universitäten, die in Dorpat nur sehr gemäßigt anzutreffen ist. Aber ich müsste im August bereits antreten, das kann ich nicht, weil ich im September erst meine Hoffnungen auf ein etwas längeres Beisammensein mit einer sehr geliebten Person sich erfüllen sehen könnte. So habe ich geschrieben, ich käme nicht vor Ende Octobers, u. darauf hin wird man wohl e. andern Candidaten, der es ohnehin billiger thut, erwählen. Ich habe wenig Interesse an der Sache; eine werthvolle Erfahrung, wie nämlich dort in Dorpat ein bisher oberflächl. Bekannter mir plötzlich zum Freund geworden ist, trage ich immerhin davon. Auch aus Graz fragte man an: aber Niemand

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kann zween Herren dienen. – Aus Basel höre ich nichts: ich bin besorgt um N., den Romundts, nun endlich doch am Schlimmsten vorbeigeleiteter Unfall sehr angegriffen hat. Von Overbeck hatte ich Ende April e. Brief, er ist nun wohl in Carlsbad. – Leben Sie wohl, u. wiederholen Sie dem Meister meine wärmsten Grüße. Möge Ihnen dieser wichtige u. arbeitsvolle Sommer zur innern Erquickung dienen! E. R.

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2.104 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 8. Juni 75 Lieber Rühl, ich hätte Ihnen längst auf Ihren Brief vom 20. Mai meinen Dank vermeldet, wenn ich in diesen letzten Wochen zum Schreiben überhaupt fähig gewesen wäre. Meine »unmoderne Gesinnung« in der angedeuteten Sache hat mir die schrecklichsten Qualen gebracht: ich erzähle Ihnen vielleicht später einmal ausführlicher von dieser Sache. Man muß es eben überstehen, die Zeit ermüdet & heilt damit; gegenwärtig habe ich noch für keine Außendinge, neben dieser Angelegenheit, ein Interesse. – Ich käme jetzt doppelt gern nach Dorpat. Möchten doch Ihre Hoffnung auf einen günstigen Erfolg sich bewähren! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, so müßte die »entscheidende Sitzung« am letzten Mittwoch, morgen vor 8 Tagen gewesen sein? ist das nun Praesentation im Conseil oder schon Balottement? Sowie die Sache entschieden ist, werden Sie mir gewiß gleich schreiben: Ich käme jetzt in der That sehr gern; eine Zeit lang war ich sehr bedenklich. Mit Ende October meine ich natürlich Ende neuen Stils, also ja wohl 18 October für Sie. Wenn Sie die Güte hätten, Ihrer Anerbietung entsprechend, in England einige Capitel de dea Syria, gleich vom Anfang an zur Probe zu vergleichen, so würde ich Ihnen sehr dankbar sein. Mein Buch hat in dieser Zeit ganz liegen müssen. War das eine Zeit! ich tauche allmählich etwas wieder empor, & vielleicht finde ich Kraft genug, nun die Arbeit wieder aufzunehmen. Nun wollen wir den Dämonen opfern, in den Busen spucken & das Beste erhoffen! Seien Sie meines dankbar freundschaftlichen Andenkens versichert. Ihr E. Rohde.

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2.105 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 11 Juni 75 Mein lieber Freund,

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wenn ich so lange nicht an Sie geschrieben habe, so geschah es wahrlich nicht, weil ich Ihrer nicht oft und viel gedacht hatte. Ich habe eine fürchterliche Periode durchgemacht, vielmehr ich stecke noch mitten drin & Gott weiß wie das enden wird. Eine lange zurückgewiesene Leidenschaft hat sich meiner endlich mit einer wahnsinnigen Gewalt bemächtigt, & quält mich so daß ich es weder beschreiben noch eigentlich ertragen kann. Eine vollkommen, der Verhältnisse wegen, aussichtslose Leidenschaft‚ die mir alle Lust & Freudigkeit des Lebens raubt. Ich leide zu sehr darunter als daß ich etwas Näheres mitzutheilen im Stande wäre. Ich kann aber unter diesen Umständen überhaupt nichts Vernünftiges schreiben. Beklagen Sie mich; wenn Sie können, schreiben Sie mir etwas Tröstliches, ich bedarf des Zuspruches. Nun hatte ich alle meine Hoffnungen auf Dorpat gesetzt, um nur möglichst bald möglichst weit fort zu kommen. Eben telegraphirt mir Rühl: Hörschelmann mit 2 Stimmen Majorität gewählt! Nun bin ich vollends geknickt. Dies verhasste Kiel hatte ich schon ganz aufgegeben, nun hält es mich dennoch fest. In Deutschland habe ich gar keine Aussichten, das weiß ich ja. Ich hatte vor c. 3 Wochen e. vorläufige Anfrage aus Graz, die ich natürlich nicht benutzen konnte. Was bleibt mir nun als mein Haupt zu verhüllen, & dumpf dasitzend zu versuchen, ob die gebenedeiete Resignation mich nicht endlich einschläfern will. Grüßen Sie Ihre liebe Frau von Herzen. Noch nie habe ich Ihre Freundschaft hier so vermisst wie jetzt. Ich bin völlig gebrochen. Bleiben Sie mein Freund! ich habe so wenige auf der Welt. Von Herzen der Ihrige E Rohde.

2.106 Erwin Rohde an Otto Ribbeck190 Hier denn auch eine zu Ostern hergestellte, jetzt erst mir zugekommene Photographie; Sie können sich ungefähr vorstellen zu wessen Beruhig. & Trost diese effigies, in Ermangelung des Originals, hergestellt worden ist; an dieser competenten Stelle wurde das Bild noch nicht einmal gut genug befunden; ich finde es ganz vortrefflich.

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Extrablatt, dem die Faltungen für eine Photographie eingeprägt sind.

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2.107 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 12 Juni 75 Du bist krank, mein geliebter Freund, ich höre es aus jeder Zeile Deines Briefes, & ich wußte es längst vorher, obwohl mir es Niemand gesagt hatte. Ich hätte dir längst, ach längst geschrieben & dir zum Troste wenigstens gesagt, daß ich in Liebe & Trauer191 stets & täglich deiner gedenke, aber ich konnte nicht. Ich war & bin sicherlich noch elender als Du; was sollte ich Dir klagen u. vorjammern zu deinem eignen Elend! Ich bin zu müde, um es Dir auch nur genauer zu erzählen, was mich so entsetzlich quält, & auf mir liegt wie ein Berg. Eine lange zurückgewiesene Leidenschaft hat sich endlich meiner mit einer ganz wahnsinnigen Gewalt bemächtigt, eine völlig aussichtslose Leidenschaft, obwohl sie getheilt wird, & mehr als getheilt; das macht mich nur doppelt traurig. Das geht mir nun Tag und Nacht im Kopfe herum, lähmt mir alle Gedanken, die Sonne scheint mir finster, & das ganze Leben kommt mir so bitter vor. Das muß nun eben ausgehalten & überstanden werden; ich habe nicht die Kraft, diese Leidenschaft mit der Wurzel auszureißen, ich hätte sie vielleicht, wenn es sich um mich allein handelte. So schleppe ich mich in Verzweiflung und aberwitziger Hoffnung durch die Wochen u Monate. Nun hatte ich alle meine Hoffnung auf Dorpat gesetzt: je früher, je weiter weg desto erwünschter. Anfangs hatte ich dorthin zu gehen nicht die geringste Lust, die letzten Wochen haben mir nur dies als letztes gewaltsames Heilmittel erscheinen lassen. Alles schien sich vortrefflich anzulassen – aber offenbar weil ich es endlich sehnsüchtigst wünschte, musste alles mißglücken. Gestern telegraphirt mir Rühl, mein Gegencandidat sei mit 2 Stimmen Majorität gewählt! Ich bin nun ganz niedergebeugt. Die Zeit muß & wird helfen, ich schleppe mich so weiter & versuche durch Arbeit mich zu andern Gedanken zu zwingen. Es ist ein jammervoller Zustand, lieber Freund, u. du siehst nun, wie wohl ich that, dich mit solchen Klagerufen nicht zu behelligen. Die Enttäuschung in Dorpat bringt mir vielleicht eine Krisis: die letzte Hoffnung ist nun gefallen – vielleicht kommt sie nun, die gebenedeiete Resignation & wirft mir ihren grauen Schleier über den Kopf. – Laß mich mehr von dir hören, geliebter Freund; wenn wir uns nicht dicht aneinander schließen, wenn sollten wir in der Welt uns befreundet fühlen? Daß Du nicht nach Bayreuth kommst beklage ich sehr, ich gehe jedenfalls hin, ich fühle nun vollends das dringendste Bedürfniß, mich rein zu baden, meine ganze Person einmal völlig loszuwerden; wie tief empfinde ich nun erst welche Seligkeit es ist, des eignen Willens einmal völlig frei & ledig zu sein. Aber ich will 191

KGB: Treue.

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dich gewiß nicht überreden, den Entschluß aufzugeben den du ja sicher mit größter Ueberwindung, als einen ƒaus nothwendigen, gefasst hast. Ich kann übr. erst Anfang August dorthin kommen. Von Overbeck hatte ich kürzlich e. Brief: ich konnte nicht antworten, so wohl mir seine Freundschaft gethan hatte, ich fange erst jetzt wieder ein wenig an, emporzutauchen. Ach ich bin noch lange nicht frei, ich merke schon neue Rückfälle heranziehen. – Daß die Baumannshöhle sich nun zerstreut ist ein Jammer, ihr bleibt aber doch wohl wenigstens bei euren Abendgemeinschaften? So denke ich mir euch am Liebsten vereinigt. Gut daß der treffliche Baumgartner zu euch stößt. – Mein Buch hat seit Langem geruht; ich will mich zwingen, nun wieder anzufangen. – Ich hatte auch, Mitte Mai, e. Anfrage aus Graz, die ich ablehnen musste weil man sich in Dorpat vorgängig schon gz fest binden muß. – Noch eine Bitte, die du mir sogleich erfüllen musst. Eine mir sehr befreundete Familie in Hambg sucht einen Curort in der Schweiz: er soll ziemlich hoch liegen, dennoch bequem zu erreichen, wenig besucht, reine Luft, Wald in der Nähe, Wannenbäder, Molken, Spaziergänge die auch eine etwas gebrechliche Frau machen könnte, endlich bequeme Einrichtg des Hauses, gute Betten etc. Der Preis wäre, denke ich, ziemlich gleichgültig, wenn nur alle diese Bedingungen erfüllt sind. Du kennst ja gerade dergleichen Orte in Menge: nun bitte dich, mir einen oder mehrere zu nennen (etwas genauer, wo sie liegen), aber thu mir die Freundschaft & schreibe mir darüber sogleich, an dem Tage wo mein Brief ankommt. Ich mache dir dies zur besondern Pflicht; die Leute wollen schon c. 23 Juni auf Reisen gehen & müssen sich doch erst entschließen. Also thu mir diesen Gefallen – Nun lebe wohl, mein lieber Freund. Gedenke meiner viel und liebevoll, schon dieser Gedanke thut mir wohl. Wir müssen uns still & geduckt halten, bis die Natur sich wieder hergestellt hat. Ich habe nur192 jetzt das Steuerruder völlig verloren & weiß gar nicht wohin mich das Leben werfen wird. Man muß aushalten! Ich denke noch immer daß irgend ein Glücksdämon uns Beiden endlich doch im ruhigen Hafen zusammenführt; warum nicht, was verlangen wir eigentlich viel von der Welt? Dein Freund. E. R. Grüße deine Schwester aufs Beste von mir. – Was macht denn Gersdorff, der Getreue?

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KGB: nun.

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2.108 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 20. Juni 75. Wie soll ich Ihnen genug danken, mein lieber Freund, für Ihren Brief! Die herzliche Theilnahme die aus jeder Zeile spricht, hat mich mehr als alle andern Trostgedanken in diesen schweren Zeiten aufgerichtet. Glauben Sie daß ich Ihnen diese Theilnahme nie vergessen werde, ich wünschte nur, einmal eine rechte Gelegenheit zu finden, um meine Treue & Dankbarkeit Ihnen ein wenig beweisen zu können. Ich drücke Ihnen die Hand; wir wollen rechte Freunde bleiben. Ein klein wenig beginnen die Wolken sich aufzuklaren. Ich bin nun etwas ruhiger, & kann Ihnen – da ich ja weiß, daß diese Dinge ganz unter uns bleiben werden – in aller Kürze die Lage der Verhältnisse, in denen ich mich verfangen habe, andeuten. Ein junges Mädchen in Hamburg verheirathete sich vor etwas mehr als einem Jahre an einen ganz achtungswerthen, ihr aber völlig gleichgültigen Mann. Ich erfuhr erst hinterher daß dies in einem unbedachten Anfall eines dépit amoureux geschehen war: sie liebte mich Unwürdigen seit langer Zeit193; ich hatte aber für diese Dinge gar kein Auge & keinen Gedanken, und hatte gar nichts bemerkt. Es wäre nun eine weitläuftige Geschichte, zu erzählen wie ein allgemeines Wohlgefallen sich bei mir allmählich zu der leidenschaftlichsten Liebe steigerte. Ich drängte sie lange gewaltsam zurück: wer wagt so leicht, zu der Frau eines Andern s. Blicke zu erheben! Aber ich wurde zuletzt überwältigt, und nun begann eine Periode einer wahrhaft höllischen Qual, da ich mir die Geliebte, deren heißester Gegenliebe ich sicher war, in der Gewalt, in den Armen eines Andern denken musste, und, der Eltern (die uns sehr befreundet sind) u der ganzen Verhältnisse wegen einen gewaltsamen Schritt zur Befreiung, der die junge Frau für immer unglücklich gemacht hätte, nicht wagen durfte. In letzter Zeit bin ich über einen allerwesentlichsten Punct beruhigt worden: nach einer unbedachten Äußerung des Gatten selbst ist es gewiß daß sie gar niemals seine Frau im eigentl. Verstande geworden ist, wozu denn der wahrhaft jungfräuliche Eindruck ihres Äußern und ihres ganzen kindlich liebenswürdigen Wesens auch gar nicht stimmen wollte. Da ich weiß daß sie hierin, wie sie es nun schon ein Jahr gethan, fest bleiben wird, so ist mir allerdings ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Aber es gilt, die unnatürliche & sinnlose Verbindung, die sich nie zu einer Ehe, im rechten, & vollends im herzlichen & geistigen Sinne befestigen wird, aufzulösen: seit ich vollends mich ihr ganz ergeben habe, hat die junge Frau schlechterdings keine andern Gedanken mehr als an mich; was soll da die Anschmiedung an einen beliebigen Andern! Nun kann die-

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Schöll (ADB, »Rohde« 1907/8, 429) deutet eine Verbindung zu Rohdes Rom-Erlebnis an. (Erwin Rohde: Briefe aus dem Nachlass, Bd. 1, 1.62/ 1.63/ 1.65).

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sem leider nichts, aber gar nichts vorgeworfen werden. Eine Scheidung müsste von ihm ausgehen: und ein Grund, der harmloseste aller Scheidungsgründe liegt ja eben in der Jungfräulichkeit seiner angeblichen Gattin vor. Nun ist er neuerdings eifersüchtig geworden, & hat die entschiedensten Spuren meiner Anwesenheit in den Gedanken der Frau aufgestöbert: sie ist ein wenig unvorsichtig. Seitdem giebt es denn Anfälle von Eifersucht, Verzweiflung, Raserei; so daß mein armes Kind, so kräftig sie ist, endlich gar vor Angst und Sorge krank geworden ist. Sie können sich ungefähr meinen Zustand bei diesen Ereignissen denken: ich sitze hier in der Entfernung, habe versprechen müssen, (aus Vorsicht) nicht mehr zu correspondiren, kann keinen Schritt zur Lösung thun, & ringe nur vergeblich die Hände. Sowie ich vorträte, wäre eben Alles ruinirt, & eben diese Thatlosigkeit ist meine schlimmste Qual. Zum großen Glück haben wir nun neuerlichst sehr mächtige Bundesgenossen an den Eltern der jungen Frau gewonnen. Sie sehen den unmöglichen Zustand dieser Ehe täglich in der Nähe, und haben sich endlich überzeugen müssen daß eine Scheidung das einzige Heilmittel ist. Der Gatte ist ihr langjähriger Hausfreund; er hat mit der Mutter schon mehrere Male über das Unglück seiner Ehe geredet & sie hofft, ihn allmählich auf eine Scheidung hinlenken zu können, die ja ganz in seiner Hand liegt. Da jetzt auch der Vater, ein sehr verständiger Mann, die Scheidung begünstigt, so sind allerdings – das alles ist erst ganz kürzlich eingetreten, – meine Hoffnungen sehr gestiegen. Es wird trotzdem noch sehr viele Mühe kosten den Mann – wie er nun einmal ist – zur Scheidung – und nicht zu einer lahmen Trennung – zu bewegen. Aber ich sehe doch endlich von Weitem Land, und bin nun so ziemlich gefasst. Es braucht nur noch einer namenlosen Geduld, die mir von Natur freilich nicht bescheert ist, aber doch nicht mehr des verzweifelten Gedankens einer vollständigen Flucht, der mir lange Zeit als einziges Rettungsmittel erschien. Daran wäre ich doch erlegen, man stirbt an diesen Dingen ja nicht, aber ich wäre einen verzehrenden Gram nicht wieder los geworden. Ich liebe das Kind zu sehr, um sie jetzt wieder aufgeben zu können. – Diese verhältnißmäßig günstige Lage kenne ich erst ganz seit gestern: die Mutter war, um mir Alles auseinander zu setzen, extra von Hbg hierher gekommen. Dorpat ist mir über diesen Dingen, die mich Tag & Nacht ganz ausfüllen, e. wenig in den Hintergrund getreten. Es ist dort ja auch eben vorbei & kein Wort mehr darüber zu sagen. Unglücklich ist nur, daß aus dieser Affaire weder hier noch in Graz irgend e. Vortheil zu ziehen war: in Graz musste ich ablehnen weil ich mich, nach Dorpater Einrichtgg – zu einer der Annahme eines event. Rufes schriftlich verpflichten musste, um überhaupt zur Wahl vorgeschlagen zu werden. Die Grazer Anfrage kam einen Tag nachher! Ich schrieb, man möge diese Ablehnung nicht als definitiv ansehen, & habe, nach Scheiterung der Dorpater Sache, noch einmal geschrieben, ich sei nun zur Annahme bereit. Natürlich nur der Vollständigkeit wegen, dort ist auch Alles vorbei, man hat mir nicht einmal geantwortet. – Nun muß ich mich wieder an Kiel gewöhnen, von dem ich mich

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in Gedanken schon völlig losgeschraubt hatte – und das war mir so leicht geworden! Ich würde mich aber jetzt ohne große Mühe wieder in mein Schneckenhaus zurück ziehen können, in dem ich so freie Muße habe & so ungeschoren für mich sitze: wenn ich nicht mit allen Sinnen darauf bedacht sein müsste, mir nun, und zwar so bald wie möglich, eine äußerlich selbständige Stellung zu erringen, um die Geliebte, so bald sie frei sein wird, – und das kann sehr bald sein – sofort aufnehmen zu können. Mit Verdruß sehe ich nun, wie schlecht meine Actien stehen: in Deutschland habe ich ja offenbar gar keine Aussichten! Können Sie, liebster Freund, irgendwo etwas für mich thun, so bitte ich Sie allerdings darum; warum ich aus Kiel fort & zu avanciren wünsche, bedarf ja doch wohl keiner besondern Motivirung. Ich selbst wüsste nichts zu thun, als mein Buch zu vollenden: ich habe es, nach langer Pause, seit 1 Woche wieder aufgenommen, & arbeite mit Dampf: es ist zugleich das einzige Mittel, meine Stimmung in einem leidlichen Gleichgewicht zu erhalten. Mit Ende des Semesters denke ich doch auch dem Ende des Buches wenigstens sehr nahe zu sein. Ihr Buch wird nun wohl auch schon fast ganz fertig gedruckt sein? ich freue mich sehr darauf; es wird ja wohl eine Art lateinischer Welcker194. – Während der Ferien müssen wir uns jedenfalls treffen: ich kann nur noch nichts genaues bestimmen. Die 2 ersten Wochen des August bin ich in Bayreuth zu den Orchesterproben Wagners. Später gehe ich vermuthlich nach Norderney, da die Geliebte, ihre Mutter begleitend, auch dorthin zu gehen beabsichtigt; dies könnte ich mir nicht versagen. Ich erzähle übrigens hier & in Hbg, ich ginge nach der Schweiz. Zu irgend einer Zeit aber, im August oder Septb., treffe ich jedenfalls mit Ihnen zusammen, wir müssen nur das Nähere noch verabreden. Nun leben Sie wohl. Sagen Sie Ihrer Frau meine herzlichsten Grüße; ich hörte neulich, es gehe ihr diesen Sommer doch viel besser als voriges Jahr. Wie sehr wünschte ich, wieder in Ihrer Nähe wohnen zu können: dann könnte ich im Bewußtsein Ihrer freundschaftlichen Gesinnung mich ab und an ausruhen von den Nöthen, Zweifeln und Qualen die mich, bei meiner vergeblichen Sehnsucht nach der Liebsten, doch immer wieder peinigen. – Zunächst also lassen Sie uns Ferienpläne schmieden. Und so denn auf ein frohes Wiedersehen! Wer weiß was bis dahin alles geschehen ist. Von ganzem Herzen Ihr Freund E Rohde Ich setze zum Ueberfluß noch einmal ausdrücklich die Bitte her, die ganze Geschichte, & jede Spur von meinen Leiden, allen Andern völlig verborgen zu halten. Nicht nur, weil man von solchen Dingen nur im engsten Vertrauen über194 1875 erschien Ribbecks »Die römische Tragödie im Zeitalter der Republik«; 1839 bis 1841 hatte Welcker »Die griechischen Tragödien mit Rücksicht auf den epischen Zyklus geordnet« herausgegeben.

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haupt reden kann, sondern weil jedes Bekanntwerden, sei es in Kiel oder in Hamburg oder wo sonst, dem weiteren Verlauf der Sache den schlimmsten Schaden bringen könnte.

2.109 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 20. Juni 75. Lieber Rühl,

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ich kann Ihnen nur mit wenigen Worten für alle die Freundschaft, Treue & Beharrlichkeit meinen innigsten Dank aussprechen, mit welcher Sie meine Angelegenheit angegriffen & durchgefochten haben. Gegen Tücke & Unverstand kämpft man am Ende vergeblich an, sie beherrschen einmal die Welt. Ich bin nicht demüthig genug, um nicht ganz kecklich zu bekennen, daß es wirklich eine Thorheit war, mir den andern Candidaten vorzuziehen. Aber sei es drum. Mir ist schließlich das Scheitern der Angelegenheit – auf deren Gelingen ich nicht nur nach Ihren sondern auch nach Briefen die Schirren aus Dorpat bekommen hatte ganz fest rechnete – sehr schmerzlich gewesen, wiewohl ich e. Zeitlang der Sache sehr kühl zugesehen hatte. In e. Briefe der wohl erst nach Ihrer Abreise nach Dp. gekommen sein wird – geschrieben wenige Tage vor der Abstimmung – habe ich den Grund, warum ich jetzt e. so hohen Werth auf ein Gelingen der Sache legen musste, angedeutet. Jene Angelegenheit, um derentwillen ich eigentlich den Aufschub bis Ende Octobers verlangte, hat einen acuten Verlauf genommen: nichts ist entschieden bis jetzt, aber Alles kann sich sehr bald, so oder so, entscheiden. In beiden Fällen war mir ein Asyl – für mich allein oder für noch Jemand – möglichst fern von Deutschland hoch erwünscht, sei es um zu vergessen – das wäre nun wohl nicht möglich, aber um meinen Gram hinunter zu fressen – oder um ein seliges neues Leben in einer neuen Welt zu beginnen. Das ist nun nichts. (Ich bitte Sie nur, die absoluteste Verschwiegenheit zu bewahren.) Ich habe wahrhaft höllische Zeiten, seit Mitte Mai, durchlebt. Die Wolken lichten sich jetzt ein wenig, ich finde daher auch allmählich meine Elasticität und eine Art von Fassung, die mich ganz verlassen hatte, wieder. – Ich lege Ihnen den Brief von Meyer bei, vielleicht interessiert Sie dieses wunderliche Schriftstück: es klingt ja beinahe als ob den Edlen seine Wahl gereuete! – Ich nehme nun mein Romanbuch, das lange geruht hat, wieder zur Hand; vielleicht hält mich die Arbeit über Wasser. – Mit Graz ist es nichts; ich mußte mich ja in Dp. vorgängig fest binden, & also dort absagen. Man hat mir nicht einmal geantwortet. – Ich kann nicht ausdrücken, wie gleichgültig mir eigentlich diese Strebereien sind; wenn ich nur nicht, mit Rücksicht auf meine Pläne in der Sache die mich ganz beschäftigt, streben müsste! – Leben Sie wohl, haben Sie noch einmal meinen aufrichtigsten Dank; ich wünsche, Ihnen einmal durch die

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That meine Dankbarkeit beweisen zu können. Vorläufig trage ich aus dieser im Uebrigen mißlungenen Sache die beste Erfahrung davon, die man unter den Menschen leicht machen kann, die Erfahrung von einer uneigennützigen, bis jetzt durch nichts verdienten Freundschaft. Seien Sie gewiß daß ich Ihnen nie vergessen werde daß ich diese Erfahrung Ihnen verdanke. Und lassen Sie uns nicht ganz aus einander kommen, schreiben Sie mir ab & an von allen Ihren Angelegenheiten & Interessen & rechnen Sie mit Sicherheit auf eine herzliche Theilnahme an Allem was Sie bewegt. An einer prompten Antwort soll es nie fehlen. Ich trage Ihnen nicht auf, Ritschl zu grüßen: ich hasse diese alte schleichende Katze; wie elend hat er sich Nietzsche gegenüber benommen! Man muß sich nur über nichts in der Welt mehr verwundern. Die Hauptsache ist, daß man seiner selbst sicher sei, der Rest ist eitel Qualm und unsichrer Sand. Leben Sie wohl. Von Herzen der Ihrige E. Rohde.

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Apropos! ich habe schon in jenem, nach Dp. zu spät gekommenen Briefe gebeten, wenn Sie in London Zeit haben, aus dem cd. des Lucian de d. Syr. einige Capitel, gleich von Anfang weg, zur Probe zu collationiren: d.h. wenn Sie wirklich die Zeit dazu rein übrig haben!

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2.110 Erwin Rohde an Franz Overbeck 21. Juni 75. Lieber Overbeck, ich schreibe mehr, um Ihnen für Ihren lieben Brief zu danken und von mir wenigstens e. kurze Nachricht zu geben, als um genauere Mittheilungen von m. Leben zu machen. Ich habe eine schwere Zeit zu durchleben, wie sie Ihnen immer erspart bleiben möge. Eine Leidenschaft der tiefsten und heftigsten Art hat mich ergriffen, der die äußeren Umstände eherne Schranken in den Weg stellen. Es fehlt nicht alle Hoffnung‚ aber gegenwärtig & mit aller Uebermacht der Gegenwart peinigend ist die schmerzlichste Sehnsucht & eine fast unleidliche Qual. Ich würde unter diesen Umständen einen elenden Correspondenten abgeben, ich habe auch keinen vernünftigen & kühlen Gedanken im Kopfe. – Ich komme jedenfalls nach Bayreuth, kann aber nicht vor 2 – 3 August frühestens kommen: Sie bleiben ja doch gewiß auch bis zu Ende der Proben, Mitte August, dort? – In Dorpat bin ich mit 2 Stimmen Minorität – so wacklig war die Entscheidung – einem inländischen Candidaten erlegen: das that mir unter meinen gegenwärtigen Verhältnissen förmlich wehe‚ da ich zumal nach allen vorgängigen Berichten mit Bestimmtheit auf Erfolg rechnen musste. Anfängl. hatte ich

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wenig Lust zu gehen, jetzt wäre es mir, mögen meine sonstigen Wünsche so oder so beschieden werden, eine wahre Erlösung gewesen dorthin zu gehen – zu fliehen sollte ich beinahe sagen. Eben darum aber scheiterte die Sache. – Von unserm armen Nietzsche erfahre ich das Allerschlimmste‚ nun bricht ja sein Magenleiden erst völlig aus. Er muß, so scheint mir, für den Winter, wenn er auch in Basel bleibt, doch jedenfalls seine Vorlesgg aussetzen. Von Frau Wagner hatte ich vorgestern e. sehr liebenswürdigen Brief aus Weimar. Es thut so wohl so hochherzige, das Leben so vornehm und kühn nehmende Seelen Einem ein Trostwort in der bittersten Bedrängniß sagen zu hören. Mein Buch über den griech. Roman hat lange brach gelegen. Ich fange jetzt wieder an – ich bin endlich ein wenig gefasster – mich zum Weiterarbeiten zu zwingen‚ vielleicht trägt das bei, das Gleichgewicht wieder herzustellen, später vielleicht; jetzt dämmt es den Schmerz nur einen Augenblick zurück, der dann gleich wieder um so heftiger vorbricht. – An Romundt zu schreiben fühle ich mich noch nicht im Stande. Ich denke viel & mit Trauer an ihn; ich bitte Sie sehr, ihn, wenn Sie ihm schreiben, von Herzen und aus den Gefühlen einer ächtesten Theilnahme zu grüßen von mir. – Nun lassen Sie sich die Cur nur gut bekommen & genießen Sie einer ruhigen und frohen Nachcur. Wenn Sie mich wahrhaft erfreuen wollen so schreiben Sie mir nächstens einmal wieder; ich werde mich auch schon wieder zu e. leidlichen Ruhe aufreißen. Gedenken Sie meiner in Freundschaft! Herzlichst Ihr E. Rohde

2.111 Erwin Rohde an Anna Brandt Kiel 29. Juni Liebe Anna,

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ich hätte dir wohl längst einmal schreiben sollen, & ich habe in der That keine Enschuldigung als die meiner ungewöhnlichen Schreibfaulheit, die Du ja zu gut kennst, um aus meinem Stillschweigen zu schließen daß ich Deiner & deiner kleinen Familie nicht oft mit herzlichster Theilnahme gedacht habe. Ich wollte mich nun endlich aufraffen, um dir zu eurer so glücklichen neuen Stellung & der dauernden Ansiedlung in dem schönen Zürich Glück zu wünschen. Ich denke immer mit Freude u. großer Befriedigung an euch, lasst es euch lange gut gehen, das Leben will fest gepackt sein damit man es genießen kann. Ich kann von mir nicht viel – ach gar nichts Erfreuliches melden, du mußt dich mit diesem kurzen Glückwunsch begnügen Ach, liebe Schwester es giebt Leiden auf der Welt, die dir unbekannt sind & immer unbekannt bleiben mögen, & die in ihrer schrecklichsten, verzehrendsten, Gewalt wohl nur e. so leidenschaftliches Gemüth wie meines erleben kann. Solche Qualen halten mich nun schon lange fest & werden mich auch nicht sobald loslassen; ich habe nicht die Mittel ihnen

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ein Ende zu machen, & die Natur hilft uns nur langsam. Was soll ich da von meinem Leben sagen; ich schleppe es wie der Sünder sein Kreuz von Tag zu Tag, von Woche zu Woche; ach und die Nächte! Genug. Unsrer armen Mutting geht es ja auch erbärmlich; zu allem Uebrigen nun noch dieser furchtbare Fall! Sie ist aber nun stark in der Besserung; vielleicht kommt sie nach nicht langer Zeit zu Euch. Im Herbst komme ich vielleicht auch auf einige Tage nach Zürich. Ich mag gar nicht soweit voraus denken; dann stellt sich die endlose, zwecklose, fürchterliche Reihe der Tage & Wochen mit dar, durch die ich mich noch hindurchschleppen muß. Lebt ihr nur glücklich in der neuen Heimath; das Glück ist selten. Wie gerne sähe ich dich einmal im Kreise der drei Kleinen. An denen hängt doch wirklich mein ganzes Herz. Segne sie in meinem Namen & küsse sie; und sage deinem Alfred meine herzlichsten Grüße. Lebe wohl, meine Annemies & gedenke meiner in schwesterlicher Liebe & Treue. Von Herzen Dein Erwin.

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2.112 Erwin Rohde an Otto Ribbeck195 Mein lieber Freund, meinen herzlichsten Dank für Ihre Zeilen. Sagen Sie mir nur, und oft, daß Sie mit mir fühlen, das ist mir schon ein Trost. Alles verwirrt sich wieder, ich kann es Ihnen so gar nicht sagen. Aber was‚ und wie unerträglich ich dabei leide, dafür hat die menschliche Sprache keine Worte. Diese Existenz ertrage ich nicht mehr lange; ich habe nie das Leben sehr hoch geschätzt, ich könnte es ohne Furcht fortwerfen. – Ob ich nach Norderney gehe ist auch zweifelhaft, vielleicht lassen die Umstände e. Beisammensein doch nicht zu. Es ist wahr dß dort sich leicht e. Katastrophe entwickeln könnte, aber davor bangt mir nicht; ich würfe, um sie zu retten, mit Frohlocken, ja mit Lust Alles hin, Amt, Stellung Ehre und Leben. Mit Lust wirklich, denn von welchen gräßlichen Schmerzen würde mich ein schnelles Ende erlösen. Glauben Sie nicht dß ich den Kopf verloren habe, ich werde keine Katastrophe herbeiführen, ohne damit meinen Zweck, den einzigen Zweck den ich noch kenne zu fördern: aber diesem Zweck bin ich schlechterdings Alles zu opfern jeden Augenblick bereit. Wenn alle Menschen die in diese Angelegenheit verflochten sind so entschlossen wären wie ich, so wäre längst Alles beendigt – so oder so. Aber daran liegt es eben. Und vielleicht daß diese Unentschlossenheit Alles im Sande verlaufen läßt, aber auch dann muß mit allen Hoffnungen ein schnelles Ende gemacht werden. Dieses Leben zu ertragen ist auf die Länge einem Menschen gar nicht möglich. Tausendmal besser 195

l. o. von Ribbeck: Pr. 21/7; R. ersten.

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die volle Verzweiflung. Dann kommt sie ja wohl, die Resignation, die ich täglich anrufe; endlich muß sie doch kommen, oder ich zerstöre mich vollständig. Halliers waren hier zum Musikfest, von Weinholds eingeladen. Julie hat gleich an Ihre Schwägerin geschrieben. Ich ließ mich verleiten auch in ein Concert zu gehen, ich dachte es solle mir Erleichterung schaffen, aber es hat mich vollends zerhämmert & zertrümmert. Thun Sie doch Alles was Sie können mich von hier fortzubringen, das wäre auch schon eine Erleichterung & keine geringe. Und haben Sie Dank für Ihre Freundschaft. Erhalten Sie mir sie. Ich bin über alle Begriffe unglücklich. Grüßen Sie Ihre Frau herzlich von mir. Ihr E Rohde.

2.113 Erwin Rohde an Cosima Wagner Kiel 19. Juli 75.

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Sehr spät erst, hochverehrte Frau, komme ich dazu, Ihnen für Ihren Brief aus Weimar meinen tiefsten und so lange in mir herumgetragenen Dank zu sagen. Sie werden gewiß in dieser Verspätung nicht eine Kälte und Undankbarkeit sehen, die mir fremd ist: In meiner Noth hat mir kaum irgend etwas so wohl gethan, mich so tröstlich berührt wie Ihre Worte, denen ich die ächteste gütigste Theilnahme so wohl anhörte, und aus denen ich ein so ungemein wohlthuendes, schmerzlinderndes Verständniß für die fürchterlichen Leiden mir entgegenklingen hörte, in denen ich mich umherwerfen muß. Es war mir aber rein unmöglich, mitten aus dem Meer vom Plagen, in dem ich umgetrieben werde, ein halbwegs vernünftiges Wort des Dankes Ihnen zuzurufen; ich hatte (und habe eigentlich noch) mit mir selbst und mit tausend Bedrängnissen so hart zu kämpfen, meine Stimmungen werden so unausgesetzt zwischen Ebbe und Fluth hin und zurück gezogen, daß ich gar nicht daran denken konnte, in irgend einem einzelnen Moment irgend etwas zu sagen, was die nächste Welle doch wieder als ungültig und nichtig fortschwemmen würde. Meine verehrte Freundin, ich habe in den Wochen seit meinem letzten Brief eine wahre Unendlichkeit der bittersten Leiden, eines so entsetzlich aufreibenden Grames, der folterndsten Angst u. Aufregung durchlebt, daß jeder Tag darüber mir wie zu einem Jahre voll Plage u. Noth geworden ist, das gar kein Ende nehmen will mit seinen bleiernen, schweren, langen Stunden! Es ist so wie im Traum, wo man bisweilen in wenigen Minuten die Erlebnisse einer jahrelangen Zeit überstehen muß. Wenn ich so zurückdenke zum 22. Mai! es ist der Geburtstag nicht nur unsres Meisters sondern auch jener Frau, der ich mich nun für mein ganzes Leben zugeschworen habe. Wie endlos weit liegt der Tag hinter mir; wie lange fürchterliche Unsternstrecken liegen zwischen heute und jenem Tage!

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Eines nur ist in aller Pein u. Drangsal völlig gewiß. Ich, wir werden keinesfalls Alles elend im Sande verlaufen lassen; man wüsste wahrhaftig nicht, wozu man eigentlich lebte u. athmete, wenn ein solches Gefühl nicht am Ende dem Leben seinen bestimmenden Inhalt geben sollte. Wie tausend Male sind mir Ihre Worte im Innern wieder erklungen: daß ein jedes ächte Gefühl zum Sieg über die Verhältnisse oder zum Tode führen müsse; wie tausend Male habe ich mir auch vorgesagt: zum Siege aber braucht es Zeit und einer namenlosen aufreibendsten Geduld: ich habe mich ganz in den Panzer der Geduld gehüllt; er lastet so schwer! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie peinlich, wie vor allem Andern aufreibend u. niederdrückend das Gefühl ist, in einer solchen wichtigsten Angelegenheit selbst nichts – gar nichts thun zu können. Ich wäre jeden Moment bereit, – ich sehne mich so darnach, zur Rettung der Geliebten Alles zu opfern, Amt, Stellung, Ehre und Leben! Vielleicht kommt auch noch die Zeit, u. sie wird mich jeden Augenblick freudig bereit finden. Aber wie gegenwärtig die Dinge liegen, wäre mit einer plötzlichen Explosion Alles zu verderben, nichts zu gewinnen. Wir haben es ja nicht auf einen kurzen Rausch, sondern auf die Befestigung eines hoffentlich langen gemeinsamen Lebens abgesehen. Da will es denn freilich eine grenzenlose Geduld, eine langsame Minirarbeit, bei der man vor Ungeduld und Sehnsucht oft wahnsinnig werden möchte. Sie können sich denken, wie verwickelt sich hier die zartesten Fäden verschlingen, die man sorgsam auflösen, nicht schnell durchhauen kann. Ich würde mir allzu wehe thun durch eine genaue Erzählung des Sachverhaltes; vielleicht finde ich in Bayreuth dazu einmal eine Stunde. Es sind unselig complicirte Verhältnisse; ohne das wäre das innerlich längst gelöste – vielmehr, im eigentlichen Sinne gar nie geknüpfte Band längst einfach u. entschlossen gelöst. Ich würde gleichwohl diese qualvolle Lage durch einen heftigen Gewaltact lösen, wenn nicht zum Glück die Stellung der Geliebten zu dem Andern äußerlich u. innerlich, durch ihre Energie (die ich wahrhaft bewundre: sie ist noch so jung!) so geordnet wäre daß sie von ihm gänzlich abgeschlossen, wie in einem unbeschreitbaren Zauberkreise für sich lebt. So muß denn die Geduld helfen. Aber siegen werden wir, so oder so. Verzeihen Sie nun daß ich Sie mit diesen so ganz persönlichen Leiden so lange behelligt habe: ich wüsste in der That von mir aus nicht viel Andres vorzubringen, ich habe kaum irgend einen andern Gedanken. Ihren Wunsch, daß die Arbeit mich aufrecht erhalten möge, habe ich dankbar hingenommen, aber ich konnte ihn nicht erfüllen. Wie sehnte ich mich oft, mich selbst loszuwerden in den Gedanken an allgemeinere Dinge. Es wollte nicht gehn: ich konnte die Theilnahme für jene Dinge nicht erringen u. nicht festhalten. Versuchte ich es dennoch, so wurde es eine dumpfe betäubende Sclavenarbeit. Und ebenso ging es mit den nothwendigen Arbeiten für meine Vorlesungen; nur Plage, gar keine Erleichterung. Wirklich wie ein Rettungsfeuer schwebt mir nur der Gedanke an Bayreuth vor. Ich werde dort in den ersten Tagen des August, hoffentlich noch rechtzeitig

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zu den Orchesterproben eintreffen. Das wird endlich einmal eine große herrliche Sache sein für die ich eine starke Theilnahme empfinden kann, u. das heißt doch, in der ich meine eignen heftigen Willenstriebe in einem gewaltigeren, allgemeineren, beglückend starken u. reinen Willen aufgehen lassen und vergessen kann. Das wird wie eine Heilcur auf mich wirken; ich fühle sehr stark daß es dieses wohl eigentlich ist, was Aristoteles mit seiner vielbeschwatzten Katharsis, »Reinigung von den Affecten« meint. Wohin ich mich dann weiter schleppe, weiß ich noch nicht. Die Hoffnung, mit der Geliebten auf längere Zeit zusammentreffen zu können, ist nicht ganz aufgegeben aber noch unsicher. In Dorpat bin ich durchgefallen. Die Aussichten waren sehr günstig, man gab mir allgemein das Zeugniß daß ich dem Nebenbuhler in jeder Beziehung weit überlegen sei – und so war es auch; es war wirklich eine Thorheit, mich nicht zu wählen. Man hat aber, nach einem harten Wahlkampf, mit 2 Stimmen Majorität einen Livländer gewählt, für den außer landsmännischen Interessen noch gewisse Experimental=wünsche für die dortige Universitätsverfassung sprachen. Unangenehm war mir daß ich – da man für D sich im Voraus zur Annahme verpflichten muß – darüber eine Anfrage aus Graz ablehnen musste. Gegenwärtig scheine ich in Rostock Aussicht zu haben. Diese Dinge sind mir nicht ganz gleichgültig, weil ich bedacht sein muß, festen Fuß zur Begründung eines Hausstandes zu fassen. Dazu ist mir Kiel speciell verhasst. – Von Nietzsche hatte ich zuletzt vorgestern e. Brief: es gehe ihm etwas besser, er wolle die Ferien in e. Schwarzwaldbade zubringen. Ich hoffe noch immer daß er endlich doch noch nach Bayreuth kommen kann. Overbeck kommt ja aber gewiß. – Darf ich Sie nun noch mit einer Bitte belästigen? Ich wünsche so sehr, die Geliebte in reinere Gedankenkreise zu erheben. Da ich ferne bin, müssen hierzu hauptsächlich Bücher helfen. Nun weiß ich Bücherwurm gleichwohl wenig Rath zu geben für die Lectüre eines jungen weiblichen Wesens ihrer Art: mit einem guten, durchaus dem Reinen u. Aechten zugewandten Verstand, keineswegs einer wohl ausgebildeten Fassungskraft ermangelnd, aber natürlich bisher ohne eine feste ernstere Stütze, wie ich sie dereinst ihr, in persönlicher Anleitung, wohl werde geben können. Was soll man nun da (in den 3 Hauptsprachen u. allenfalls noch im Schwedischen) für Bücher empfehlen, die sie aus den Dunstsphären unsrer »Gebildeten« in eine freiere u. stärkende Luft erheben? ich bin wirklich in Verlegenheit: denn beispielsweise die ganze antike Litteratur ist, als gänzlich für Männer geschrieben, ihr einstweilen unzugänglich. Nun habe ich gedacht, es sei vielleicht nicht zu unverschämt, wenn ich mich an Sie, meine hochverehrte Freundin, mit der herzlichen Bitte wendete, mich hierin ein wenig mit Ihrem Rathe, den Sie sicher besser u. competenter ertheilen können als irgend Jemand, zu unterstützen. Ich will sicherlich meine Unverschämtheit nicht soweit ausdehnen, daß ich Sie bäte, mir in diesen, von tausend Sorgen und Beschäftigungen angefüllten Wochen eine Liste guter, geeigneter Bücher aufzusetzen: aber ich dachte, Sie hätten vielleicht die Güte, in gelegentlichen Gedan-

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ken einige Bücher der Art sich zu merken, deren Titel Sie mir dann beiläufig, wenn ich im August Sie in Bayreuth begrüßen darf, mittheilen könnten. – Ich empfinde lebhaft, in welchem großen und freudigen Wogenschlage in diesen Wochen Ihre Empfindungen sich heben müssen: endlich, endlich kommt das große, das Lebenswerk in eine glückverheißende Bewegung. Ich sehne mich sehr, nach Beendigung des Semesters in diese wunderbaren Erregungen auch meinerseits eintreten zu dürfen. Sagen Sie dem Meister meine innigsten Grüße und Glückwünsche. Auf Wiedersehen nach wenigen Wochen! Ihr treulich und dankbar ergebener E. Rohde.

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Ich bitte um Entschuldigung wegen dieses Zettelwesens!

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2.114 Erwin Rohde an Otto Ribbeck196 Mein lieber Freund, wie können Sie glauben, ich habe Ihre Vorhaltungen übel genommen? wenn ich auch nicht viel mir davon aneignen konnte – es giebt eben Lagen, in denen Einem Mäßigung & Vernunft ganz von selbst vergehen – so fühlte ich doch daß sie aus einem theilnehmenden & freundschaftlichen Herzen kamen. Die Dinge gehen aber in der letzten Zeit so hin & her. Ebbe & Fluth wechseln immerfort – ich fand keine Stimmung zu einer Mittheilung über diese ewig wechselnden Empfindungen. In diesem Augenblick ist, Gott sei Dank, der Himmel ziemlich heiter; ich habe ein hoffnungsvolles Gefühl, als ob die Dinge anfingen sich dem Ende zu nähern. Die Geliebte hat sich (jetzt, da die Eltern im Bade sind, mit jenem Andern ganz allein) immer vollständiger zu isoliren gewusst, sie ist ein treues tapferes herrliches Geschöpf; jetzt hat sie sich äußerlich & innerlich ihm so entgegenzustellen verstanden, dß er in keiner Beziehung ihr etwas anhaben kann, auch durch gelegentliche Scenen ihr innerlich nicht mehr wehe thun kann – das dient denn sehr zur Beruhigung meiner Sorgen Angst & Aufregung in dem steten Gedanken an jene so gefährlichen Verhältnisse, in denen ich so gar nichts – aber gar nichts thun kann, ohne Alles zu verpfuschen: und das ist eben die schrecklichste Qual. Eines ist völlig gewiß & zweifellos: wir werden die Sache nicht im Sande elend verlaufen lassen, ich werde sie jedenfalls mir erringen, und ich habe mir dazu das nöthigste Ingrediens, eine ganz unsägliche Geduld angeschafft; das wird mir sehr sauer, bei meinem leidenschaftl. Temperament. Es ist ein so sehr aufreibender Zustand, für mich – und viel mehr noch

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l. o. von Ribbeck: R 29/7.

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für mein armes geliebtes Kind, an das ich gleichwohl, trotz aller Verbesserung ihrer Lage, nie ohne Schmerz und Angst denken kann. Und dazu diese schreckliche Sehnsucht! Genug – Das Schlimmste ist, hoffe ich, überstanden, ich habe wirklich gräßliche Wochen durchlebt. – Meine Ferienpläne sind immer noch unreif. Bayreuth steht fest, alles Uebrige – von Mitte August an – ist unbestimmt. Ob aus Norderney etwas wird ist noch nicht entschieden. Ich werde aber, so hoffe ich, Sie dennoch bestimmt irgendwo sehn: sei es nun dß ich Sie in Heidelberg überfalle, oder dß wir uns in der Schweiz irgendwo treffen. Ich würde dann auch auf einige Tage nach Zürich Zürich gehen, wo jetzt mein Schwager – hoffentlich nun für längere Zeit, – als Ingenieur an der Gotthardbahn wohnt. – Die Zeit kann ich nur eben vor der Entscheidung über Norderney (woran alle meine Hoffnungen hängen) noch nicht bestimmen. – Eben bekomme ich e. Brief von dem alten Fritzsche: ich sei in Rostock auf dem engern Aufsatz gewesen, in Schwerin sei aber Förster beliebt worden: desto mehr Aussicht hätte ich berufen zu werden »bei der nächsten Besetzung«. – was mag denn das für eine sein? Ich solle zur Philol.versammlg Ende Septb. doch nach R. kommen & e. kleinen Vortrag halten. Das habe ich ihm denn versprochen. – Hier munkelt es daß Lübbert fortgehe, nach Königsberg. – Gott sei Dank dß das Semester bald zu Ende geht! ich habe genug von diesem Ort wo ich so viel gelitten habe. E. Zeitlang dachte ich daran im Winter Urlaub zu nehmen: aber ich hielte es doch nicht aus; ich muß auch in ihrer Nähe bleiben. – Nun sagen Sie Ihrer lieben Frau meine herzlichsten Grüße und seien Sie meiner Dankbarkeit und treuesten Freundschaft aufs Neue versichert, lieber Freund! Ihr E. R.

2.115 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 26. Juli 75

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Mein lieber, geliebter Freund! ich schreibe Dir nur einige Worte, damit du mein langes Stillschweigen nicht mißdeuten mögest. Verlange nicht von mir, daß ich unter meinen gegenwärtigen Umständen die Kraft zu langen Mittheilungen mir bewahren solle. Ich erliege beinahe unter der Last der Schmerzen, die auf mir liegen; u. habe genug zu thun, nur so schweigend weiterzugehn und die Wunde, die immer, ohne Unterlaß blutet nicht noch mehr zu reizen197. Es ist nichts davon zu sagen, ach lieber Freund es giebt schrecklich schwere Leiden! Ich muß

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KGB: zeigen.

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hindurch, vielleicht ist das Ende umso glorreicher. Noch ist kein Ende abzusehn. – Zum Glück scheint meine körperliche Gesundheit im Ganzen sich befestigt zu haben; außer einer198 steten Appetitlosigkeit thut der Gram der an mir frisst, mir so äußerlich keinen Schaden. Eine Zeitlang glaubte ich, hoffte ich beinahe, in einer Nervenkrankheit das Bewußtsein zu verlieren: es war e. Täuschung. Der Mensch muß wohl zum Leiden eigentlich geboren sein, er kann entsetzlich viel ertragen – aber wie! Ach, genug davon. Die ganze Welt schmeckt mir bitter. Nur Bayreuth steht mir hoffnungsreich vor Augen: ich hoffe wenigstens, daran einmal wieder Theil nehmen zu können. Alles Uebrige ist mir so erschrecklich gleichgültig. Deine Fruchtsendung, geliebter Freund, hat mich wahrhaft gerührt. Du armer Dulder – schreiben konntest du nicht, u. wolltest mich wenigstens mit irgend einem Liebeszeichen erfreuen! Ich habe es tief empfunden. Habe auch dafür Dank, mein lieber Freund. Und mehr noch, tausendmal mehr für die Treue deiner Freundschaft überhaupt: der Gedanke an sie trägt viel dazu bei, mich so leidlich über Wasser zu halten. Komm doch nur nach Bayreuth wenn’s irgend geht. Vielleicht thut dir das Bad so wohl. Mit Freude erfahre ich daß es dir etwas besser bereits ging als du hinzogst. Ich sehne mich sehr nach Dir, mein Freund, mein ganzes Innere ist wie zerfleischt, die lindernde Gegenwart eines ächten Freundes würde mir so wohlthun. In der Einsamkeit & unter Fremden leide ich gar zu sehr. Kein Trost will verfangen. Tu ne cede malis, sed contra audentior ito! ist mein Mahnspruch geworden: er will aber auch nicht viel sagen, – die mala treffen ja nicht mich sondern ein Wesen das ich mehr als mich selbst liebe & dem ich, noch dazu so aus der Ferne, nichts, nichts helfen kann. Wie man unter solcher Pein, Qual, Angst, Sorge um einen Andern leiden kann, viel mehr als wenn man selbst betroffen wäre – das weiß auch nur wer es an sich selbst erfährt. Nach Bayreuth gedenke ich – wenn nichts dazwischen kommt – Montag 2. August gegen Mittg zu kommen. Wärest du da! oder kämest du doch dahin! Jedenfalls, mein Freund, bitte ich dich, mir, unter Wagners Adresse, dorthin zu schreiben: wie es dir geht, wie du dich fühlst, wie du das Leben noch erträgst. Lebe wohl, geliebter Freund, mein getreues Andenken, meine ächteste Freundschaft verlässt dich nie. Du weißt es! Dein Erwin Rohde.

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2.116 Erwin Rohde an Otto Ribbeck199 Bayreuth 9. August 75 Rennweg 283 ½, 2 Treppen bei Frau Hoereth. Mein lieber Freund! 5

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Mitten aus der Erregung dieser Tage und wunderbaren Vorgängen nur einige Worte. Es kommt mir darauf an, dieses Jahr Sie nicht wieder zu verfehlen: nun bitte ich Sie, geben Sie mir geradezu ein Rendezvous irgendwo zu einer genau bestimmten Zeit. Ich bleibe hier noch bis Ende dieser Woche, höchstens bis Montag nächster Woche. Sie werden dann schon am 4waldstädtersee sein, & ich sehe nicht ein, was mich abhalten könnte, ebenfalls dorthin zu gehen & einige Zeit mit Ihnen & Ihrer Frau herumzusitzen. Nun bitte ich um genaue Angabe Ihres dwellingplaces. Adressiren Sie e. Brief nur hierher, ich lasse ihn, falls er mich nicht mehr trifft, nachkommen. Ich bin für den Rest der Ferien völlig unbesetzt. Mit Norderney ist es nichts. Ich habe eine entscheidende Wendung, vom Zufall unterstützt, herbeigeführt, meine Freundin, anfangs muthig genug, hat im entscheidenden Moment nicht Muth genug zum richtigen kühnen Entschluß gehabt, & leidet nun schrecklich unter einer jetzt unheilbar gewordenen falschen & elenden Position. Die letzte Gelegenheit ist versäumt worden: jetzt muß ein Ende gemacht werden. Es dauert freilich lange & schwer zu überstehende Zeit bis solch ein nothwendiger Entschluß sich ganz in den Willen eingräbt; aber es muß sein, u. langsam und schonend, aber bestimmt werde ich mich von ihr lostrennen. Vielleicht habe ich zudem Aufklärung über mancherlei Illusionen zu erwarten, u. dann wäre mein Entschluß sogar leicht. In summa: die so schwere Zeit muß überstanden werden, sie wird böse Narben und eine elende, erbitternde Erschlaffung im Gemüth hinterlassen Ich werde nie wieder auf andre als längst und viel erprobte Menschen bauen in wichtigen Lebensangelegenheiten. Wenn wir uns treffen, lassen Sie uns nur, darum bitte ich dringend, kein Wort von diesen Dingen reden. Meine Wunden bluten noch alle. – Also meine Ferien sind, vom 15. an, noch ganz disponibel. Ich denke bestimmt dß wir uns am See irgendwo treffen können. Weiterhin muß ich mich 199

mit angeklebtem Abschnitt einer Geldüberweisung über 100 Mark, eingezahlt von E. Rohde. Hamburg am 19ten Sept. 1875. Bemerkungen. Mein theurer Freund Beifolgend die 100 Mark zurück mit bestem Dank. Hier steht Alles anders als ich vermuthete. Sie ist völlig zur That entschlossen, u. wird sie Anfang October ins Werk setzen. Das war das »Alles« was ich »verderben« sollte. Die Alten sind noch ärgere Teufel als ich voraussagte Herzl. Grüße an Ihre Frau . Ihr ER. (handschriftliche Teile auf dem vorgedruckten Überweisungszettel kursiv). – Der Überweisungszettel gehört zu Brief 2.123 (s. 2.122.50).

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dann in irgend eine Einsamkeit zum Arbeiten zurückziehen: mein Roman hat allzu lange gefeiert; jetzt soll mir die Arbeit helfen, mich aus den schrecklichen Verwirrungen der letzten Zeit in ruhige, reine & mir vertraute Reiche zurückzuschwingen. Für die Uebersendung Ihres Tragoedienbuches im Voraus meinen schönsten Dank: ich werde es freilich erst nach meiner Rückkehr finden & genießen. – Mein »Pindaraufsatz«200 besteht in e. kleinen, nicht uninteressanten neuen Fragment das ich in der philolog. Latrine des Leutsch vertrauensvoll zu beliebigem Gebrauche niedergelegt habe: ich habe nicht e. einzigen Abzug bekommen. – So hoffe ich denn auf ein baldiges nach Vermögen heiteres Wiedersehn! Grüßen Sie Ihre liebe Frau aufs Herzlichste von mir, & genießen Sie der schönen Tage. In treuer Freundschaft Ihr E. R.

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2.117 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche201 Bayreuth, 13. Aug. 75. Geliebter Freund! es ist vorüber, gestern um 12 Uhr schloß mit der Probe des 3. Actes der Götterdämmerung Alles ab. Nun ist es doch Einmal wenigstens dagewesen und kann nicht mehr ganz untergehen. In einer unsäglichen Bewegung tiefster Ergriffenheit verließen wir nach dem Verrauschen dieser letzten gewaltigsten Musik das Theater, und nun wird sich die Erinnerung an die Welt, – ja eine ganze Welt des Erhabenen, deren siegreichster Grundton doch die Liebe ist, – an diese Welt ganz für sich in der wir diese Wochen lang gelebt und freier geathmet haben, zu einer immer heftigeren Sehnsucht steigern, wieder aus unserer gräßlichen »Jetztzeit« in dieses Land der hehrsten Wunder einzutauchen. So denn bis zum nächsten Jahre! und dann, mein lieber Freund, werden wir gewiß auch dich in unsrer Mitte sehen, den wir dieses Mal so schmerzlich vermisst haben. Diese wunderbaren Dinge verlangen, um ganz Dazusein, ein völlig verständnißvoll schauendes Auge, so gut wie die Welt der Erscheinung in e. gewissen Sinne gar nicht vorhanden wäre ohne die Vorstellungskraft des Menschen. Nur war uns immer als ob ohne dich, theuerster Freund, dieses voll verstehende Auge gar nicht anwesend wäre; wenigstens nicht in unserm Kreise. Jeder kann da freilich nur von seinen eigensten Erfahrungen reden. Mir persönlich ging recht lebhaft und ganz hell aus diesem doppelten oder eigentlich 1½ fachen (Morgens nur 200 201

WV 25: »Ein fragment Pindars«. Brief in UB München.

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Orchester, Nachmittags mit Sängern) Anhören des gewaltigen Gedichtes wesentlich nur der dramatische Gang und Inhalt auf; ich kam mir so dumm in meinem ignoranten Lungern vor der ungeheuren Macht dieser Musik vor, daß ich mich förmlich schämte neben den eifrigen Partiturlesern Overbeck und Gersdorff. Aber ab und zu kam doch eine gewaltige Woge auch der Musik herangebraust und hob mich mit, hoch und froh erhoben, empor: ich habe nie noch eine solche Entzückung, eine wirkliche Verzückung gespürt, wie bei den Klängen unter denen Brünhilde zum Licht und zur Liebe erwacht, im 3. Acte des Siegfried. Und diese letzten gewaltigen Wellen, am Schluß des Ganzen! Nun ist es vorüber: Und man möchte unmittelbar sich umwenden um aufs Neue sich ins Meer zu stürzen und gar nicht wieder ans Land zurückzukehren! Von der Musik ist doch auch mir Ignoranten genug aufgegangen, daß ich bei der vollen Vorführung, zum ersten zweiten dritten Male, nächstes Jahr, in fortwährender Steigerung mir den Klang, den Herzschlag dieses tönenden Wunders werde zur vollen Empfindung aneignen können: und mehr darf ich bei meiner gräßlichen Unwissenheit doch nicht erwarten. Das sind die verderblichen Folgen der Faulheit! »Gieb dich Mühe, dann kannst dus« sagte der Musiklehrer, aber ich gab »mich« keine Mühe; nun kann ich’s auch nicht. Es ist Schade: ich habe von Haus aus viel musikalisches Gefühl. Ueber alles Einzelne wird dich Overbeck – der eben hier war mit deinem Briefe (die 2 einliegenden sollen gleich besorgt werden) – genau unterrichten können. Davon also kein Wort: nur so viel daß bei so vieler Liebe und Aufopferung als man sie auf allen Seiten bemerkt das große Werk nun nicht mehr unvollendet untergehen kann. Am wenigsten wird es an Wagner selbst fehlen: er ist ganz merkwürdig frisch und elastisch geblieben. Gestern Mittag haben wir Drei deine Gesundheit in zweifelhaftem Bocksbeutel getrunken: morgen oder übermorgen fliegen wir wieder in alle Welt auseinander. Ov. und Gersd. zunächst nach Dresden, ich zunächst nach München. Rein aus Verlegenheit; ich weiß mich nirgends sonst unterzubringen. Meine ursprüngl. Pläne sind ganz zerstört. In jener Angelegenheit die mich vorzugsweise beschäftigt, ist eine Wendung zum ganz Verzweifelten, durch Muthlosigkeit und Unentschlossenheit herbeigeführt, eingetreten. Ich sollte die Kraft haben, jetzt ein resolutes Ende ein für alle Mal zu machen, aber ich bin zu schwach dazu; die so tief gewurzelte Liebe lässt sich nicht auf einmal ausreißen; ich wage auch nicht, einem unglücklichen und verzweifelten, unter feindselig Fremden ganz sich selbst überlassenen Herzen, wiewohl es mich verrathen hat, den letzten Trost, den es in meiner Liebe finden muß, so kurzweg zu entziehen. Diese überaus peinliche und schmerzensreiche Verwirrung zog sich, wie ein melancholischer Nebenton durch alle diese erhebenden Klänge dieser Zeit, Tag und Nacht mir in den Ohren tönend, so daß ich gelegentlich ganz in jene dumpfe Schmerzempfindung versank die in Kiel mein gewöhnlicher Zustand war. Dennoch wich der Dämon oft völlig vor der großartigen Macht dieser überwältigenden Wun-

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der, ich wurde wirklich meine Person los, und so hat dieser Bayreuther Aufenthalt für mich fast die Wirkung einer Heilcur gehabt. Ich fürchte mich vor der nun bevorstehenden Einsamkeit; ich muß auf alle Weise mir selbst zu entlaufen versuchen – wohin ich von München aus gehe ist ganz ungewiß: zunächst wohl auf einige Tage nach Zürich, wo meine Schwester verheirathet ist. Ich komme jedenfalls, um dich zu sehen, auch auf einige Zeit nach Basel. Mit Ribbeck treffe ich wahrscheinlich am Vierwaldstättersee auf einige Tage zusammen. Aber alles Nähere ist noch ganz unbestimmt. Am 8. Sept. bin ich in München, um zum ersten Mal Tristan aufführen zu hören. Den Rest der Ferien werde ich wohl in Hamburg zubringen. – Ich kann also jedenfalls sagen: Auf Wiedersehn, geliebter Freund! mich verlangt nach Dir! Laß es dir bis dahin leidlich gut gehen und schone dich. Das Nähere über meine Ankunft in Basel zeige ich noch besonders an. Von den Freunden, sowie von Frau Wagner die allerherzlichsten Grüße. Ich bleibe in alter Treue der deine. E. R.

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2.118 Erwin Rohde an Otto Ribbeck (Telegramm202) Professor Ribbeck Zurich Hotel baur au lac bitte verhaltungsmaßregeln zurich poste restante komme nach Zurich Mittwoch reise dann nach. Rohde

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2.119 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Bei Baur au lac werde ich nach Briefen fragen. Zürich 19. August Liebster Freund, eben komme ich an & finde Ihre & Ihrer Frau Karten. Ich setze voraus daß Sie in Bürgelnstock sind & schreibe also, da Sie mir keine andre Adresse hinterlassen haben dorthin. Ich meinerseits werde consequent poste rest. nachfragen, wenn Sie diese Zeilen aber bekommen so bitte ich hierher zu adressiren: Zürich, Rämistrasse No 44.

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Bayreuth, 14. 8. 1875 um 6 Uhr.

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Ehe ich von Ihrem Verbleib Nachricht habe, gehe ich nicht von hier weg. Im Falle guter Unterkunft bitte ich Sie, sofort auch für mich Logis bestellen zu wollen. – Hätten Sie nur e. Adresse angegeben! Nun schreibe ich so einfach ins Blaue: – Auf fröhliches Wiedersehn! Mit den herzlichst. Grüßen an Ihre liebe Frau Ihr E. Rohde. Eilig.

2.120 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche203 Freitag.

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Lieber Freund! ich stecke hier in Bürgelnstock am Vierwaldstättersee, bleibe hier noch morgen und gehe über Zürich zu euch nach Basel. Dorthin werde ich, so denke ich, am Dienstg nächster Woche kommen; ich werde das Nähere telegraphiren: nur schreibe mir gleich deine genaue Adresse: Zürich poste restante. Auf Wiedersehen! Dein E. Rohde

2.121 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Basel 7. O Septb. 75.

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In aller Eile der Abreise (nach München), liebster Freund, nur die ganz kurze Anzeige daß ich jedenfalls nach Heidelberg auf einige Tage komme: ich denke so gegen den 11ten oder 12ten. Die herzlichsten Grüße an Ihre arme Frau; ich vermuthe & hoffe daß nach allen Bergexperimenten zuletzt die Luft des Daheim in Heidelberg ihr wieder einigermaßen wohlthun wird. Auf Wiedersehen denn! der Ihrige E. Rohde.

203 Postkarte.

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2.122 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche München 9. Sept. 75 Mein geliebter Freund! ich bin nicht recht im Stande von meinem Zustand Rechenschaft zu geben. Es ist mir wiedermal als wäre ich wie ein armes Waisenkind mutterseelenallein in eine fremde Welt gestoßen, in der kein Glück, keine Liebe für mein bedürftiges Herz zu finden ist. Seit ich euch vorgestern verließ, komme ich mir doppelt vereinsamt vor; ich darf mit mir jetzt nicht allein sein, sonst packen mich alsbald alle Dämonen an. Ach, geliebter Freund, das konnte ich dir ja nicht sagen, wie sehr, wie heiß und mit welcher furchtbaren Sehnsucht ich sie liebe; kaum bin ich mir selbst wieder überlassen so fängt der Schmerz aufs Neue an zu wüthen, nichts kann mich abziehen, kein Trostgrund, den ich, aus dem Apparat des Egoismus hervorgesucht, mir vorhalte, will verfangen. Mit bittern Thränen wachte ich heut Morgen auf, die Sonne schien so grell ins Zimmer, es war wie ein hartes Hohnlachen über mein Elend; und so geht mit Gram und heimlichen Thränen der Tag vorüber. Es hilft nichts daß ich mich mit Schaam meiner Mannheit erinnere, immer bricht der heiße Strom wieder hervor; das Herz, das in Hoffnung und einer rasenden Leidenschaft sich so weit geöffnet hat, kann sich noch nicht darein finden, nun wieder in matter Kleinheit, auf seine Einsamkeit resignirt, zu schlagen und sich eng und furchtsam zusammen zu ziehen. Es muß sein! – und so wird es denn sein; aber ich sehe die Zeit und alle Zukunft mit Grauen und Ekel vor mir selbst sich hinstrecken. In solchem Zustand kann auch die Kunst ihren rechten, erlösenden Einfluß nicht ausüben. »Tristan« hat mich viel zu persönlich erschüttert. Vielleicht war es doch so recht; ich fühlte den ungeheuren Pulsschlag der sehnenden Leidenschaft ganz unmittelbar mit; nichts schien mir überschwänglich, nichts verstiegen. Und welche Töne! Gewiß giebt es in der Welt keine andre Musik von solcher Nothwendigkeit: meine Seele sang unmittelbar mit in diesem tönenden Meeresrauschen der stürmenden Empfindung! Da ist nichts von künstlich = künstlerischer Willkür, die solchem dämonischen Zwange gegenüber Einem fast frech erscheinen muß. Die Wirkung im Ganzen war aber zu heftig für mich: diese ungeheure Ausweitung des Gefühls reißt den Mitfühlenden ganz aus der Menschenwelt hinweg, ein wahrer Todesrausch trägt ihn hinunter in jenes dämmernde Reich, wo die Liebe ohne Ende wohnt und webt; mit einem wahren Krampf muß er sich wieder in die Tageswelt der Menschen zurückrucken. Ach, ein verzweifelt Liebender kennt diese orgiastische, wilde und doch selig = müde Todeslust gar zu gut! Und doch: noch sollen wir leben, wie es eben gehen will, und uns über die schreckliche liebeleere Zeit hinwegtäuschen, bis etwa einmal der Abendfriede einkehren wird. Noch tönt mir, vor allen andern Erinnerungen, der Anfang des Vorspiels zum dritten Act (die 5 ersten Töne), im-

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mer im Herzen nach: es kommt mir vor wie ein langgezogenes tieftönendes Glockenläuten, das allem Glück, und allem tröstlichen Licht der Erde zu Nacht & Grabe läutete; es ist furchtbar traurig! – Genug, mein Freund. Mein Herz ist aller Liebe offner als je; ich fühlte beim Fortgehn gestern recht tief, wie ich den Dichter dieses wunderbaren Gedichtes im innersten Grunde liebe; wüsste ich sonst nichts von ihm: mit wem man so etwas erlebt hat, den muß man wohl lieben. – Ich bin heute noch hier geblieben, weil kein andrer vernünftiger Zug nach Stuttgart = Heidelberg geht als um 6 Uhr Morgens, & ich dazu heute zu müde war. Ich kehrte so gerne zu euch zurück, aber mein Geldbeutel ist zu sehr zusammengeschmolzen: ich werde sogar Ribbeck anpumpen müssen. Nächstes Jahr müssen wir aber wahrhaftig längere, lange Zeit beisammen sein: ich gehöre doch einmal zu euch; nirgends sonst ist mir als wäre ich zu Hause; & wenn ich, übers Jahr, ärmer zugleich und in meiner Armuth resignirter, wiederkomme, werde ich auch einen leidlicheren Gesellschafter abgeben, als jetzt wo ich mich auf den Dornen meines Unglücks ruhelos hin & her werfen muß. Ich denke im Ganzen, daß diese furchtbaren Erfahrungen, in ihrer Nachwirkung, meinem Charakter nur heilsam sein werden: man reift durch solche Erlebnisse, & nimmt hernach das Leben nicht leichter aber vornehmer, da man mit diesem großen Schmerz so viele kleine Plackereien ein für alle Mal überwunden hat & ihr Herr geworden ist. Ich werde schon durch kommen, mein geliebter Freund: hilf mir nur du mit deiner Liebe! – Lebe wohl für heute; grüße mir Overbeck aufs Herzlichste, und auch deine Schwester, der ich mit meinem Galgenhumor, dem freudelosen Complement meiner inneren Verzweiflung, rüpelhaft genug erschienen sein mag. An dich denke ich um vieles getrösteter & ruhiger als bisher; und so sei denn mein Basler Aufenthalt gesegnet! Lebe wohl, mein geliebter Freund; liebe mich! Dein E. R. Ich war heute auf der Post: nichts da! ich Thor hatte trotz bessern Wissens auf e. kleinen Brief von ihr gehofft. In Zukunft also schickt bis auf Weitres nach: Heidelberg p. ad. Herrn Hofrath Prof. Ribbeck. – Deine 2 Bücher schicke ich von Heidelberg aus zurück.

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2.123 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 27. Sept. 75. Sie haben ganz richtig vermuthet, mein lieber Freund, daß der alberne Vortrag es sei der mich am Schreiben verhinderte. Daß ich überhaupt vor der Versammlung der Schul= und Universitätspedanten noch zum Schreiben komme, ist lediglich ein Verdienst meines Dienstmädchens, die durch gewandte Manöver mich heute, indem sie nach langem Herumbummeln endlich zu spät nach Hause kam ohne die Droschke nach der ich sie ausgeschickt hatte, am Abreisen um 8.30, verhindert hat. Nun kann ich erst heut Nachmittag reisen, komme heute nur bis Lübeck, und platze morgen, si dis placet, mitten in die Versammlung hinein, wenn diese gerade die Ohren zückt, um durch meinen Novellenvortrag entzückt zu werden. Ich weiß zwar nicht, auf welchen Tag das Praesidium meine Vorführung angesetzt hat, aber ich möchte wetten, daß es morgen ist; ich habe stets ein eigenthümliches Glück in solchen Dingen. Diese Tage (seit Mittwoch vor. Woche) waren wahre Büffeltage, ich bin denn auch mit einem Brett vor dem Kopf, Maulfäule, Klauenseuche und andern Zierden der Büffelheit aus diesen Zuständen hervorgegangen. Ich bin entsetzlich müde: und doch, nach Gleisweiler zu gehen, hindern mich meine wesentlich negativen und passiven Geldverhältnisse – und noch etwas andres. In Hamburg nämlich – wo ich mich wider Absicht 5 ganze Tage herumgetrieben habe – erfuhr ich Sonderbares. Denken Sie sich die Perfidie dieses Vaters! Die sämmtlichen Lügen des Schwiegersohnes waren schon in Norderney vorgebracht & alsbald von der Tochter zurückgewiesen worden: dieser edle Vater, dem ich allerdings mich in Gemeinheit völlig »unebenbürtig« fühle, log also mit vollem Bewußtsein auf Kosten seiner Tochter, nur um mich loszuwerden, und bequemlich in den Hafen einer apathischen Behaglichkeit einzuschiffen! Uebrigens hatte die Kleine sich einigermaaßen die Hände dadurch gebunden, daß sie, bei Gelegenheit jenes schurkischen Ueberfalls, dem Menschen, der ihr seinerseits sein Ehrenwort geben musste, nie wieder sich als ihr Gatte geriren zu wollen, erlaubt hatte, auf Befragen dem Alten zu sagen was ihm beliebe. Genug davon. Pfui Teufel, welche ekelhaften Menschthiere! Nun theilte mir die Kleine alsbald mit, sie sei fest entschlossen, Anfang Octobers zu fliehen. Der Mann, durch meine Briefe an den Alten aufmerksam gemacht, ist nämlich nicht verreist, sondern reist erst morgen auf ca 8 – 10 Tage ab. In s. Abwesenheit geht sie fort, die brave Tante voran; sie treffen sich an einem auch mir bisher nicht bekannten Orte, wo sie zu bleiben gedenken. Ich habe ihr ganz & gar nicht zugeredet, vielmehr mündlich & brieflich ihr alle Bedenken, namentlich auch ihre etwaige Reue den Eltern gegenüber nach Kräften ausgemalt: sie bleibt aber fest, & nun soll die Sache ihren Verlauf haben. Die Folgen werden für sie und wohl auch für mich nicht leicht & süß sein: aber ich denke,

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wir handeln nur so, wie es sich für anständige & ehrliche Menschen geziemt: und so möge denn kommen was will. Ich gehe nun aber nicht weit weg, weil meine Hülfe doch auch gelegentlich persönlich erforderlich sein könnte. – Zu einer Scheidung lässt der Mensch, fürchte ich, sich auch so nicht herbei; aber zu einer, wenn auch nur thatsächlichen Trennung wird er gezwungen, und das ist schon viel werth. Großen Trost gewährt es mir, die Geliebte im Schutz und tröstenden Umgang der Tante zu wissen. Mit der geht es wunderlich genug. Die Eltern haben so wenig Verdacht auf sie, daß sie sie ausdrücklich zur Spionin über alle Handlungen Minna’s auserwählt haben: sie führt diese Rolle auch mit ungemeiner Biederkeit durch; und hierdurch kommt ein, unter allem Ekelhaften und Trüben einigermaßen luftreinigender Zug von Lächerlichkeit in die ganze Angelegenheit. Durch kluge Veranstaltung der Tante ist es mir in den 5 Tagen gelungen, die Geliebte nicht weniger als 4 mal, je 5 Stunden lang zu sprechen: das erste Mal fuhren wir, sehr romantisch, in einer Droschke Droschke auf Landwegen herum, die andern Male fand sich ein andres Mittel. Dabei hatten die Alten erfahren, daß ich in der Stadt sei, und hatten Minna noch besonders vorgepredigt! Dumm sind diese Menschen bei aller katzenartigen List der Mutter. Wie befreit werde ich mich aber fühlen, wenn die Geliebte erst von diesen unreinen Menschen losgerissen und der elenden Listen & Finten überhoben ist, mit denen sie jetzt die Eltern über ihr Verhältniß zu mir täuschen muß! Dann wird endlich volle Ehrlichkeit und Klarheit herrschen: und dann komme was will! Vor der Hand braucht es freilich L ist und Vorsicht, und eben darum gab sie mir jenen verwegenen Wischer in dem Telegramm. Die Meine Briefe haben übrigens, zu meiner großen Genugthuung den Alten furchtbar geärgert. Ich taxirte diesen Menschen noch viel zu gut: ich bildete mir ein, wenn ich ihn mit Gewalt über das wirkliche Verhältniß der Tochter zu jenem Manne aufklärte, würde selbst Er eine Trennung für nothwendig erkennen. Aber er wußte darüber längst Bescheid, und will die Tochter dennoch an jenen gräulichen Patron fesseln! Mit solchen Schurken correspondire und verhandle Einer noch! Nein, es bleibt nichts weiter übrig als die Flucht, und die wird denn auch ausgeführt werden. – Sie können sich denken, mit welcher unsäglichen Gleichgültigkeit ich unter diesen Umständen Rostock & Alles was daran baumelt betrachte. – An meine Freunde denke ich, bei diesen Erlebnissen, lebhafter als je: was ist mir in der That die »Welt« anders als der kleine Kreis von Menschen die mir herzlich wohlwollen; an diesen Kreis denke ich mit tröstlichem Gefühl, und mit Stolz: ich habe gut gewählt! So danke ich denn auch Ihnen, mein lieber theurer Freund, und nicht minder Ihrer Frau von tiefstem Grunde meines Herzens für die Theilnahme, Geduld, Milde und allerächteste Freundesempfindung, mit der Sie mich in diesen gräßlichen Wochen schonend, berathend und helfend gestützt und gehalten haben. Nichts andres als solche Theilnahme konnte mir so leidlich über diese allerschwersten Erlebnisse weghelfen. Ich vergesse Ihnen das nie, dessen seien Sie gewiß! Will es das Schicksal, so kommt noch einmal die Zeit, wo

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auch mir die Sonne freundlicher scheint, und dann mögen Sie eben so herzlich an meinem Glücke theilnehmen! Es thut mir so leid, Sie nun nicht, wie ich gehofft hatte, von Gleisweiler aus noch einmal begrüßen zu können: aber es geht nicht, meine wenigen Pfennige werde ich nun zur Unterstützung der Geliebten dringend nöthig haben. Sie selbst ist in diesen Dingen von einem Leichtsinn, der mich immer ermahnt, meinerseits meinen eignen Geld-leichtsinn desto ernstlicher zu zügeln. – Ihre Tragoedie habe ich vorgefunden, und sage nochmals meinen schönsten Dank. Bisher konnte ich nur so hier & da in das Buch hineingucken, im Winter werde ich es gründlich studiren. – Peter Wilhelm der Nasse ist übrigens meuchlings, bis März, auf Urlaub nach Italien gegangen! Da fällt mir vermuthlich wieder das Seminar zu: ich weiß aber nicht ob ich mich nicht weigern werde, Ordinarius-pflichten ohne seine Rechte zu übernehmen. – Leben Sie wohl, liebster Freund, und sorgen Sie doch ja daß auch Ihre Frau endlich ernstlich anfängt, wohl zu leben. – Mit den herzlichsten Grüßen an Sie selbst wie an Ihre Frau Ihr E. R.

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2.124 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 12 Oct. 75. Habe Dank, mein geliebter Freund, für deinen Trost= und Freundschaftsbrief zum neunten. – So lange man solche Freunde hat, kann man nicht ganz im Elend umkommen, man weiß doch immer wohin man sein armes gequältes Herz retten kann damit es sich ausheile und sich wieder aufrichte. Ich hatte nun sehr gehofft – und bis heute Morgen gehofft, dich zu deinem Geburtstage mit etwas freierem & muthigeren Sinne begrüßen zu können & nicht mit den alten ewigen lamenti. Aber das Schicksal will es & nicht. Stelle dir vor: die Geliebte war ganz vollkommen fest entschloßen, gestern (Montag) zu fliehen. Alles war vortrefflich eingerichtet: die Koffer gepackt, die Dienstmädchen aus geschickt: gegen Mittag sollte der helfende Engel (eine Tante, ein treues hülfreiches Herz, von den Eltern lächerlicher Weise zur Aufpasserin bestellt, aber vollständig mit uns verbündet) ankommen mit 2 Leuten welche die Koffer wegtrügen. Beide Frauen wären gleich nachgefolgt, auf die Eisenbahn gegangen & an einen (mir selbst nur der ungefähren Lage nach bekannten) Ort gefahren, an dem sie sich verborgen gehalten und von wo aus sie, im Fall der Entdeckung, e. Rückkehr energisch verweigert hätten. Alles war in Ordnung: da plötzlich kommt statt der Tante ein Telegramm, sie sei bedenklich erkrankt (es ist keine Tücke dabei, wie ein Fremder wohl glauben könnte; sie ist unbedingt treu, klug und entschlossen) & könne nicht kommen. Damit ist die Sache nun abermals verschoben; wird die Flucht nicht bis höchstens zum 20. huj. dennoch ausgeführt, mit

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oder ohne Tante, so muß und werde ich nun wirklich zurücktreten; länger kann ich diese Qual & ewige Angst nicht aushalten. Dieses Alles erfuhr ich heute früh durch e. Briefchen der Unglücklichen. Meine Empfindung nach dieser abermaligen (ach wohl schon der 7ten: denn die Flucht ist, aus rechten Weibergründen [die »Sachen« seien noch nicht fertig etc] viele Male aufgeschoben worden) Enttäuschung kannst du dir ungefähr vorstellen. – oder doch nicht vorstellen, denn das Gemisch der scheußlichsten & qualvollsten Gefühle, mit dem ich an die Geliebte denke solange sie in den Händen dieses Mannes und gar dieser Eltern ist, kann mir freilich niemand nachfühlen. Möglich daß sie auch jetzt fest bleibt, & eventuell alleine geht: immerhin habe ich e. neue Woche greulichster Angst & Spannung, die ich endlich abgethan wähnte, vor mir. Ich erinnere mich aber einer Prophezeiung der Frau Wagner, die mich dringend bat, rechtzeitig zurückzutreten: denn die Sachen würden wiederholt denselben Weg gehen: ich würde das Kind ein zweites Mal bis zu demselben Grade des Entschlusses wie in Norderney bringen: – und im entscheidenden Moment werde sie dann abermals, wie damals, versagen. Dann ist’s aber aus, ganz bestimmt & ganz unweigerlich. An den Vorbereitungen dieser uns abermals mißlungenen Unternehmung habe ich nun eigentlich die ganze Zeit seit München gelitten & mich gräßlich dabei aufgerieben. Zuerst in Heidelberg (wo Ribbecks sich mit lindernder204 theilnehmender Freundschaft sich meiner annahmen, so daß ich es ihnen nie vergessen werde) gräuliche Zustände: Correspondenz mit dem verruchten Vater (wirklich einem Teufel), der mir seine schmutzigen Anschuldigungen der Tochter nun detaillirte nach vollkommen lügenhaften Aussagen des Schwiegersohnes: ich Thor ging darauf ein weil ich mir einredete, wenn ich den Alten gewaltsam von der wirklichen Lage der Dinge überzeugte, so werde er endlich e. Trennung herbeiführen: nachher erfuhr ich in Hamburg daß alle diese Lügen ihm längst widerlegt worden waren; also mit Bewußtsein befleckte dieser Schuft seiner Tochter Ehre, nur um mich los zu werden, damit er sie dann jenem Elenden desto sichrer ausliefern könne. Wie man das Kind selbst bedrängt hat, davon machst du dir gar keine Vorstellung. Und ich nun mitten in diesen Gräueln & Scheußlichkeiten! Ich bin dann 5 Tage in Hamburg gewesen & hatte durch Vermittlung der (damals zum Besuch anwesenden) Tante lange Zusammenkünfte mit der Geliebten: Oasen die ich immer mit Begierde aufsuche. Endlich musste ich hierher, u habe hier in gräßlicher Ueberarbeitung schnell m. Vortrag für Rostock gemacht. Dort ging mir’s abwechselnd, erst sehr trübsinnig, dann heiterte mich die Fröhlichkeit einiger leichtfüßiger Bekannten (Jungmann, Sturenberg u. A. Auch der dicke Koch aus Braunschweig war da, Familienvater & Schulphilister aber ein gutes Herz.) etwas auf. Im Ganzen bekam mir der Unsinn nicht 204

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schlecht. Mein Vortrag wurde sehr günstig aufgenommen; ich muß ihn leider drucken lassen, bis dahin bekomme ich das Ms. nicht zurück. Aussicht, nach R. zu kommen scheint aber so gut wie gar keine zu sein: die alte verstaubte Fledermaus Fritzsche hat gar keinen Einfluß, ich halte ihn auch nicht für ehrlich. Es war e. verrücktes Gefühl, unter diesen Generalpächtern des Alterthums sich umzutreiben: mir schien e. bedrückender Dunst von einfachem Mangel an Talent über allen diesen so urgewöhnlichen Häuptern zu liegen. Ich war dann wieder vom 2 – 8. October in Hamburg, & hatte lange, lange Zusammenkünfte (bei Tage & Nacht, unter allen mögl. Umständen) mit der Geliebten. Sie sollte eigentlich an m. Geburtstag fortgehen: leider musste die Tante am Freitag verreisen – und nun wird sie mir krank! Ich bin allmählich auch vollkommen ruinirt in m. Nerven durch dieses ewige Hin und Her; endlich, endlich muß ein letzter Schritt so oder so geschehen. Ich habe den 20. Oct. als allerletzten Termin festgesetzt & werde fest darauf bestehen. Soll ich mich denn völlig dabei zerstören? und zerstören rein für nichts?! Es ist als ob man mit Schmiedehämmern auf e. Clavier herumtrommelte; endlich reißen die Saiten. Ich bin zerschlagen, geliebter Freund, durch diese neueste Prüfung. Verzeihe meinem Gejammre; der nächste Brief soll dir gewiß eine gefasstere Stimmung zeigen: so oder so wird dann die Entscheidung getroffen sein. Nur Entscheidung! dieses ewige Hin & Herzerren kann ich nicht mehr ertragen! die Geliebte selbst, mit einem viel kühleren Temperament, hält es aus, ich, so in der Ferne nun gar, kann das nicht aushalten. Genug. Man wird so egoistisch durch solche unaufhörliche Plagen & Krankheiten. Du, geliebter Freund, wohnst in einem reineren Reiche; laß mich von Zeit zu Zeit deine tröstende & für mich stets erhebende Stimme hören. Ich danke dir nochmals für deine Freundschaft; ich bleibe dir treu, und weiter weiß ich dir auch zu deinem Geburtstag nichts zu sagen in meiner jetzigen elenden Stimmung. Sehr gefreut habe ich mich an B’s Urtheil über deine pädagogische Thätigkeit: das ist ja sehr viel, ein vorzüglicher Schulmeister zu sein, wenn auch lange nicht genug für dich, geliebter Freund, dem doch viel stärkere als bloße Schulmeisterflügel wachsen. Ein Glück für Romundt dß er sich in s. Beruf findet: sein Director Stein lobt ihn sehr, wie mir in Rostock Wisser (der selbst noch der impotente Gernegroß, wie früher ist, nur jetzt gar noch ohne den damaligen Zweifel an sich selbst) sagte. Lebe wohl, mein Freund; die Jahre unsrer Freundschaft mehren sich und finden uns immer gleich vereint. Grüße Overbeck u danke ihm herzlich für s. Brief. Den besten Gruß an deine Schwester. Dich grüße ich von ganzem Herzen als dein Freund E. R. Deine 2 Bücher, zugleich mit m. Photographie schicke ich nächstens; ich habe jetzt zum Paketmachen keinerlei Material zur Hand.

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2.125 Erwin Rohde an Anna Brandt Kiel 14. Oct. 75 Liebste Annemies,

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ich bringe dir meine Geburtstagswünsche statt zum 14ten am 14ten dar; sie werden damit ja hoffentlich, was sie an Kraft etwa haben, nicht verlieren. Du kannst mit Befriedigung auf das vergangene Jahr zurücksehen, das dir wenig besondre Sorge & eine große Verbesserung eurer ganzen Existenz gebracht hat: und so möge denn das neue Jahr dir dein friedliches Familienglück, dein & deiner Lieben Gesundheit & Rüstigkeit erhalten, – und, wenn es erlaubt ist der Juno Lucina durch Wünsche vorzugreifen, zu den drei kleinen dicken Damen die sich zu deinen Füßen herumtreiben dir nun auch einen kräftigen Herrn, Ritter und Stammhalter bescheeren! Es ist sehr ungalant, aber die alten Griechen meinten es (und sie pflegen immer Recht zu haben): ein Mann sei so viel werth wie 10,000 Weiber. Jedenfalls wäre es gar zu niedlich unter den drei kleinen Schwesterchen ein allerkleinstes Brüderchen sich herumkugeln zu sehn. Diese drei kleinen Krabauter öfter sehen und herzen zu können würde mir eine wahre Herzstärkung sein: ich war dieses Mal, von vielfachen Dämonen gehetzt & unruhig gemacht, allzukurz dort, um die Kleinen wieder an den finstern Onkel gewohnt zu machen: aber ich hoffe, daß mir das nächste Jahr, & der nächste Herbst zu vielen andern guten Dingen (lieber Himmel, ich habe Wünsche genug im Sack!) auch genug Ferienruhe bescheert, damit ich mich etwas länger in der Schweiz herumtreiben & so denn auch mein Bündniß mit den kleinen Würmern etwas genauer schließen kann. Einstweilen sage den 2 Großen & Vernünftigen einen schönen Gruß von süßen Onkel; nächstes Jahr, hoffe ich, werde nicht nur Elsa sondern auch Lala schon sehr viele schöne Sprüche (Elsa kann ja jetzt schon 2 ganze & die würde ich auch vermuthlich an m. Geburtstage zu hören bekommen haben) kennen & können. Ich bin seit meiner verunglückten Fahrt nach Morschach ziemlich ruhelos herumgeworfen worden. Zuerst war ich in Basel c. 8. Tage. Dann in München um Wagners »Tristan« zu hören, der mich über alle Maaßen erschütterte; es ist die alle innersten Empfindungen der Seele am gewaltsamsten zerschmelzende Musik die es wohl giebt. Dann war ich e. Zeitlang bei Ribbecks in Heidelberg wo ich viele ächte Freundschaft, unter mancherlei seelischen Bedrängnissen, erfuhr. Endlich in Hamburg einige Tage, hier einige, um in hastiger Ueberarbeitung e. Vortrag für die Rostocker Philologenversammlung zu machen. Vom 28 Sept – 2 Oct. in Rostock, erst sehr trübe & angegriffen, dann durch die Fröhlichkeit einiger junger Leipziger Bekannter auch mit angeregt & ganz vergnügt: noch ist in aller Miserè die Jugend nicht ganz ersoffen in mir. Mein Vortrag wurde sehr günstig aufgenommen; im Ganzen hat mir die Zeit dort sehr wohlgethan. Dann war ich 5 – 6 Tage in Hamburg & bin nun seit dem 8. wieder hier, in glücklicher Ferienmuße an meinem Buche sehr fleißig arbeitend und

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in leidlich guter Stimmung. Um noch, wie ich beabsichtigte, in e. Wasserheilanstalt zu gehen, wurde es zu kalt, ich hatte auch andre dringendere Abhaltung. Das Alles schreibe ich namentlich auch Mama zur Kunde, der ich dich bitte, diesen Brief mitzutheilen. Ich schreibe ihr selbst in den nächsten Tagen, wegen wichtiger Dinge. Bitte vergiß nicht, ihr beiliegenden Zettel gleich zu geben. Dir wie ihr wünsche ich Glück daß sie noch e. Zeitlang bei dir bleibt: B. v. Rechem theilte mir mit daß sie sich ihr Winterzeug kommen lasse. Möge es ihr im wärmeren Lande noch auf ihre alten Tage recht gut gehn. Ein warmes Herz gedeiht auch hier oben, mein Annemies, und ein solches will ich dir allezeit bewahren. Grüße Alfred & Mama herzlich und sei meiner treuen Liebe versichert. Dein Erwin.

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2.126 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 17 Oct. 75. Mein lieber Freund! ich habe immer darauf gewartet, bis ich Ihnen endlich etwas Erfreuliches, Erlösendes, Entscheidendes in der Angelegenheit die meine Gedanken allein beschäftigt, mittheilen, endlich vom Klagen & Wimmern ablassen könnte. Es soll mir so gut nicht werden, scheint es, und nun wende ich mich doch wieder als ein nur Leidender & Klagender an Ihre Freundschaft, damit Sie mir ein wenig Trost, statt der Hülfe, die nicht in Ihrer Macht steht, zu Theil werden lassen. Das Hinderniß liegt jetzt nicht in meiner armen kleinen Freundin: die ist muthig & entschlossen zu dem schweren Schritt der ihr allein helfen kann. Aber das reine einfache Unglück hält sie fest. Nach wiederholten Aufschiebungen war endlich die Flucht definitiv auf vorigen Montag (den 11ten Oct.) festgesetzt. Die Tante, welche am Freitag vorher nach ihrer Heimath gereist war, um dort ihre Verhältnisse zu ordnen, sollte am Mittag kommen & beide wollten abreisen. Da kommt im letzten Moment statt der Tante ein Telegramm, sie sei an einer Halsentzündung bedenklich erkrankt. Ich erfuhr das Unglück erst am Dienstag: wir waren Beide sehr in Verzweiflung, aber es wurde e. neuer Termin auf morgen, 18. Oct. festgesetzt. Die Tante schreibt 2 Mal, sie werde kommen: heute morgen bekomme ich e. Brief, sie habe gestern geschrieben, sie könne doch noch nicht reisen! Es ist keine Tücke der Tante dabei, wie ich fest überzeugt bin, es ist reines Unglück. Nun schreibt die Geliebte, sie wolle jetzt allein morgen fort. Das wäre mir sehr ängstlich, indeß habe ich nichts wesentliches dagegen, wenn ich nur nicht sehr befürchten müsste daß sie allein nicht geschickt genug sein wird, um unertappt, mit ihren unglücklichen Koffern, wegzukommen. Ich habe also zurückgeschrieben: ich bewillige noch e. Termin bis wohin die Tante kommen müsse, 25. October. Zunächst seien die Koffer als Frachtgut nach dem neuen Bestimmungsort vorauszuschicken; die Kleine müsse dann warten bis höchstens

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25. Oct. & dann (was, ohne Koffer, ja ganz einfach ist) unerbittlich weggehen. Es liegt auch gar nicht an ihrem Muth, ach gewiß nicht: wenn nur die Sache nicht an der gänzlichen Unerfahrenheit des Kindes, dem man bisher alles über den Kopf genommen hat, scheitert. Sie können sich denken, in welcher Angst, Noth und scheußlichen Aufregung ich diese ewig getäuschten Erwartungen durchlebe, sie haben unerfreuliche Proben meiner Leiden mit erlebt, und hier fehlt mir noch dazu eine treue Seele der ich meine Qual wenigstens aussprechen könnte. Ich komme soeben von e. einsamen Spaziergang in Nacht, Regen & Wind nach Hause; unterwegs fühlte ich mit einer mir selbst erstaunlichen Gewalt daß ich nun von dem Kinde gar nicht mehr lassen kann. Am Wenigsten wenn sie so ohne eigne Schuld festgehalten wird. Ich drehe & wälze mich zuweilen in m. Leiden herum um mich selbst zu überreden ich könne von der Liebe zu ihr lassen; ich biete alle Mächte des Egoismus auf, um zunächst an meine eigne Ruhe und Bequemlichkeit zu denken & mich ein wenig loszulockern. Es geht nicht! ich kann nicht von ihr lassen, wiederum freilich nur eine Art Egoismus, denn ich fühle es wohl daß ohne sie das Leben absolut keine Reizung mehr für mich enthält, ein bloßes grausames wildes Meer ist ohne Stern, ohne Leuchtfeuer, ohne Ziel. Ich fühle es immer an der fast verrückten Freude wenn ich nur ihre Schriftzüge sehe, daß ich den Gedanken, von ihr zu lassen, ebenfalls nur in einer Art von verrückten Eingenommenheit des Gehirns fassen kann. Hätte ich doch kälteres Blut und nicht diese verzehrende, seit meiner Kindheit eigentlich an mir fressende Sehnsucht nach einer ganz unermesslichen, unausdenkbaren Liebe! Und so liebt sie mich, ohne Bedingung, ohne Einschränkung, trotz meiner so aufdringlichen, unausstehlichen Fehler, trotz meiner Härte & Heftigkeit & vielfachen Ungerechtigkeit, trotz meines rücksichtlosen Egoismus, ganz & gar so wie ich bin, viel mehr als ich je mich selbst lieben könnte, eigentlich ganz ohne Grund, (und wo wäre auch ein Grund zu finden, da der völlige Defect eigentlicher Liebenswürdigkeit meine kenntlichste Eigenthümlichkeit ist!) und so ganz ohne mein Verdienst. Das ist die Liebe wie ich sie als einziges positives Glück meines Lebens von jeher gewünscht habe; nun habe ich diesen allzu kühnen Wunsch von jeher zurückgedämmt; jetzt da ich weiß wo das Herz ist das mich in dieser schrankenlosen Hingebung liebt, kann ich nicht wieder von diesem Herzen lassen! Und dann das arme Kind selbst! sie jammert mich so, in ihrer Jugend (sie ist erst 19 Jahre, nicht 20 wie sie bisher naiver Weise selbst meinte) unter diesen Menschen sich verzehren zu sollen! Und nun musste schließlich Alles an dem elendesten Zufall scheitern! Ach, lieber Freund, man erträgt Alles was Einen selbst betrifft schließlich so oder so, wenn man sich selbst nur behält; aber so um einen Andern leiden zu müssen, der Einem lieber ist als dies elende Selbst und dem man nicht helfen kann, das zerreibt und zerfrisst zuletzt alle Lebenskraft! Was nun wird, weiß ich nicht. Vielleicht erreicht mein Brief sie morgen zu spät. Ich habe ihr darin angegeben wie sie die Fracht besorgen oder wie sie, wenn auf Genesung der Tante doch nicht zu rechnen ist, allenfalls morgen auch allein

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entwischen könne. Ich wünsche, sie wartete noch bis zum 25ten, denn lieber warte ich noch etwas als daß ich sie überrascht & dann ganz an der Flucht gehindert sehe. Auch weiß ich sie nur mit großer Sorge irgendwo allein in der Welt sitzen. – Alles dieses wäre für e. Mann so einfach: aber so ein junges unerfahrenes, an eigne freie Bewegung gar nicht gewöhntes Ding! Und ich kann nicht helfen! – Genug. Meine Erlebnisse seit m. letzten Brief sind simpel genug. In Rostock war ich anfangs sehr trübsinnig, doch heiterte mich zuletzt der Frohsinn einiger Leipziger Bekannten e. wenig auf. Mein Vortrag wurde sehr günstig aufgenommen, ich muß ihn leider drucken lassen, was gar nicht in m. Absicht lag. Der alte Fr. war sehr zärtlich & that so als ob bei Bachmanns bevorstehendem Abgang ich sehr gute Aussichten hätte. Es kam mir aber manches sehr bedenklich vor, auch weiß ich nicht ob dem Alten so ganz zu trauen ist. – Die Versammlung war ziemlich öde, fast lauter Schulmeister, großer Mangel an esprit, dazu schlechtes Wetter. – À propos! Berufen Sie mich doch nach Freiburg von wo Keller weggeht. Nirgendwohin ginge ich lieber; so zwischen Ihnen & Nietzsche in der Mitte! – Ich war dann 6 Tage in Hamburg & hatte viele Zusammenkünfte mit der Geliebten. Seit dem 8. bin ich wieder hier & versuche an dem Buch zu arbeiten. Hier ist es scheußlich, ewig kalter Regen & Wind. – Nun leben Sie wohl, mein lieber Freund, verzeihen Sie meine sentimentalen Ausbrüche. Ich bin ein Pechvogel. Grüßen Sie Ihre Frau auf das Allerherzlichste & schreiben Sie mir gelegentlich einmal etwas Tröstliches, vor Allem daß Sie meiner noch in Freundschaft gedenken. Von Herzen Ihr E. R.

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2.127 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 3. Novb. 75 Mein lieber theurer Freund! ich bin Ihnen so dankbar für Ihren eben angekommenen kleinen Brief: er erinnert mich aufs Neue daran daß es noch ächte Theilnahme und eine dauernde Treue der Gesinnung auf der Welt auch für mich giebt. Ich bin mit meinem Abenteuer am Ende: am elendesten, und schmerzlichsten Ende, das man sich erdenken könnte. Die Flucht wurde also immerfort hinausgeschoben. Heut vor 8 Tagen sollte sie nun ganz definitiv erfolgen. Da plötzlich, am Dienstag Morgen, kommt der Vater ins Haus der jungen Frau gestürzt, einen Brief in der Hand, in welchem »ein zuverlässiger Freund« Alles haarklein verrieth. Sehr bald stellte sichs heraus daß die Tante an uns zur Verrätherin geworden war! Kein Wort mehr von diesem Schurkenstreich (sie hatte sogar noch sich nicht mit der Theilnahme angeklagt, sondern sich durch Lügen zu decken gewußt.) Wie weit und gleichgültig liegt das

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Alles hinter mir! Die Flucht war nun vor der Hand unmöglich. Ich sann eben auf neue Mittel. Da, am Donnerstag Abend bestellt mich e. Bote nach Hôtel Germania. Die Mutter war da. Sie kam, um mich zu bitten, das Kind zur Schonung zu ermahnen, vor e tollen Flucht zu bewahren – – wegen ihrer hochgradigen Schwangerschaft! Ich wurde wüthend, aber (ich mache es kurz) ich wurde endlich unwiderleglich überführt: die Sache verhält sich so. Stark war es nun schon daß mir dies verheimlicht war, daß sie in diesem Zustand hatte fliehen wollen. Ich rede mit der Mutter noch weiter; ich habe, im persönlichen Gegenüber, diese Frau ganz in m. Gewalt; wir erörterten die Lage mit erstaunlicher Offenheit. Vater wie Mann hatten bestimmt erklärt, sofort nach der Entbindung e. Trennung eintreten lassen zu wollen. Gut. Ich rede weiter, über die ekelhafte Art dieses Menschen: so habe er, jetzt noch, der Kleinen von s. letzten Reise Brillanten mitgebracht, die sie nicht getragen hatte. Hier begann nun das Schreckliche. Die Mutter wusste nichts von Brillanten: sie zählte mir die wenigen Brillanten der Tochter auf; nur 1. Ring der Art hatte der Mann ihr bei der Verlobung geschenkt. Dieses Mal nur e. kleines werthloses Glasflacon. Ich war ganz starr. Im weitern Verlauf des Gespräches frage ich nach manchen Einzelheiten aus den Brieferzählungen der letzten Zeit; absichtlich so daß die Mutter gar nicht wissen konnte, was eigentlich die Tochter mir geschrieben habe. Und nun denken Sie sich: in großen & kleinen Dingen (so weit herunter, daß sie mir ihren Anzug bei e. Feste vollkommen nach freier Phantasie ganz unwahr beschrieben hatte!) hatte man mir lauter Lügen erzählt. Z. B. eines was ich Ihnen neulich gelegentlich schrieb, weil mich die Naivetät daran erfreute. Ich frage: wie alt ist Minna eigentlich? »20 Jahre, sie wird 21.« Wissen Sie das auch gewiß? »Natürlich, wie sollte ich nicht« – u. freilich wie sollte e. Mutter das nicht wissen? Nun hatte sie mir neulich e. lange Geschichte (ganz ohne Veranlassung) erzählt, wie sie kürzlich entdeckt habe, sie sei erst 19 Jahre alt, nicht 20, wie sie bisher gemeint habe. Ich ging ganz zerschlagen spät in der Nacht fort. Ich schlief keinen Augenblick, & war um 6 Uhr Morgens wieder da. Ich war voll Mißtrauen gegen die Mutter gekommen: aber ich musste nun immer mehr sehen: nicht sie hatte mich belogen, sondern ganz jemand Andrer. Man hatte in Norderney wirklich die Schwangerschaft entdeckt und e. Frist in m. Verhältniß zu Minna bis zur Entbindung verlangt: billig genug. Minna (die es wissen musste; alle Zeichen waren eingetreten, die sie mir sämmtlich abgeleugnet hat) hat mir das stets abgeleugnet, noch im October; und ich bin freilich zu ungeübt, um ihr etwas anzusehn. Nun merkte die Mutter erst, wie solche Entdeckungen bei mir wirkten. Ich sah daß sie, wie früher, so jetzt noch den Wunsch hatte, mich, nach e. regelrechten Scheidung, mit der Tochter verbunden zu sehn. Sie war bestürzt, als sie nun bemerkte, wie mich die Entdeckung so zahlloser Lügen, rein aus Bosheit des Herzens, zerknickte. Es versteht sich von selbst daß nun mein Glaube an die Wahrheit der Aussagen in der Hauptsache, dem Verhältniß zu dem Manne, völlig ins Wanken kam.

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Wenn sie mich Arglosen in den gewöhnlichsten Angelegenheiten, ohne allen Zweck mit den schändlichsten Lügen füttern konnte, um wie viel mehr da, wo es e. sehr sichtbaren Zweck hatte? Und weiter: ich konnte nun an der Schwangerschaft nicht mehr zweifeln. Diese war nach der hartnäckig festgehaltenen Version des Ueberfalls ganz unmöglich; nach einer andern, in dem Briefe der mir vom Ueberfall zuerst sprach, gegebenen, immer noch physiologisch so gut wie unmöglich. Ich war völlig vernichtet und zerbrochen. Am Freitag reist die Mutter ab. Am Sonnabend e. Brief von Minna, Antwort auf e. sehr liebevollen, den ich ihr nach der vereitelten Flucht geschrieben hatte, Andeutung der Schwangerschaft, Besorgniß die Mutter möchte zu mir gereist sein, Versicherung der leidenschaftlichsten Liebe. Am Sonntag e. weitrer Brief von Minna: die Mutter sei also hier gewesen: sie versichere aufs Neue, in keinem Moment mir in irgend einer Sache die Unwahrheit gesagt zu haben. Und das, nachdem sie erfahren hatte, daß jene einzelnen kleinen Lügen (an denen ich leider, bei der Art wie ich sie entdeckte, gar nicht zweifeln kann. Z. B. folgendes; eine Lumperei, aber bezeichnend für die allgemeine, gleichmäßige Verbreitung dieses Lügennetzes. Bei e. Feste hatte ich sie gebeten, abzusagen, damit sie nicht veranlasst sei, mit jenem Menschen zu tanzen. Sie schreibt zurück: Absagen sei nicht mehr möglich gewesen. Nach Tische wurde getanzt. Ich lehnte gleich Anfangs ab u s.w. Sie habe e. hellgrauseidnes Kleid u.s.w. angehabt. Ich frage – weil mir dies bei den Brillanten zufällig einfiel – die Mutter, was man auf jenem Feste (wo auch die Eltern waren) gemacht habe? (ohne von Tanz zu reden). »Es waren im Ganzen nur 14 Personen, großer Herrenmangel, daher mein Mann Minna zu Tisch führte, nachher spielten die Herren Whist, die Damen e. Gesellschaftsspiel.« Und man tanzte? »Nein, getanzt hat kein Mensch.« Was hatte Minna denn an? »Ein schwarzseidnes Kleid (e. bestimmtes das ich sehr genau kenne); ich musste ihr noch Keile einsetzen weil es zu eng war.« u.s.w. Kurz, ich konnte an diesem förmlichen Wahnsinn der Lügen in allen Einzelheiten nicht zweifeln.) – nachdem sie erfahren hatte daß jene unzweifelhaften kleinen Lügen an den Tag gekommen waren. Ich meinerseits, meine Erlebnisse überblickend, sah nun nachträglich freilich sehr deutlich, wie sie mich in der Hauptsache, in einzelnen Stufen, die ich sehr genau unterscheiden kann, betrogen hatte. Ich schrieb also gleich am Sonnabend e. Brief an Minna. Ich zählte ihr alle die zufällig entdeckten kleinen Unwahrheiten mit denen sie mich rein aus Bosheit des Herzens, aus einer wirklich fast verrückten Lust am Lügen tractirt hatte, auf. Hiernach müsse sie nun in die Hauptsache völlige Klarheit bringen. Wenn sie wahr geredet habe, & nichts als der »Ueberfall« vorgekommen sei, so solle sie dies in e. Brief an die Mutter (um vor den Eltern im richtigen Licht, dem Manne gegenüber, dazustehen) einfach noch einmal aussprechen, mit dem Verlangen, diesen Brief dem Manne vorzulegen. (Die Mutter hatte mir versprochen, dies dann thun zu wollen.) Möge dann der Mann auch auf seiner Aussage beharren, so sei mir dennoch ihr Brief vollkommen genug, u.

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sie stehe gereinigt vor mir. Ich könne ihr aber nicht verhehlen, daß mir ihre Aussage über die Maaßen unwahrscheinlich geworden sei. Theils aus physiologischen Gründen, theils wegen der aufgedeckten andern Lügen. Ich redete ihr nun aufs Inständigste zu. Ich begriffe so genau, wie sie (am Ende Mai ihre Schwangerschaft zuerst bemerkend: dies ist mir nämlich gegenwärtig ganz klar) dazu gekommen sei. Sie habe mir nun wenigstens damals als sie vom »Ueberfall« zurechtfabelte, die Wahrheit sagen sollen (bis dahin war ich in dem Wahne, es habe durchaus gar nichts stattgefunden). Was sie damals nicht gethan habe, solle sie noch jetzt thun. Wenn sie mir noch jetzt die Wahrheit sage, so wolle ich von dem Puncte der besudelten Ehre absehen, ihr keinen Groll u. keine Verachtung nachtragen, ihr Alles verzeihn, vergeben & vergessen, und nach beendigter Entbindung, wenn sie denn Trennung & Scheidung bewirkt habe, mich ihr aufs Neue anbieten, um zu versuchen, ob meine Liebe sie auf e. reineren u. wahrhaftigeren Weg leiten könne. Den Brief schickte ich nicht ab, damit er nicht, am Sonntag dem Manne in die Hände falle. Am Sonntag der verstockte 2te Brief Minnas. Jetzt hatte ich genug: ich schrieb ihr e. Abschiedsbrief & schickte an die Mutter den andern Brief, um ihn Minna später einmal zu übergeben, damit sie sehe, wen sie verrathen hat. Am Montag e. ganz kleines Briefchen von Minna: ich möge doch nicht mit der Mutter correspondiren, der sie keine Briefe von mir gönne. Ich lasse mich noch einmal erweichen, u. mache ihr, in e. letzten Briefe noch einmal die Proposition, ihre Unwahrheit einfach zu gestehen, wo dann Alles verziehen sein solle. Ich schrieb im Ton und Sinn der allertiefsten und barmherzigsten Liebe, wie sie eben mein Herz ganz erfüllte; ich wollte sie, und mit den bittersten Opfern meiner eignen Empfindung, aus diesem Elend an mein Herz retten. – Heute Morgen bekomme ich den Brief vom Sonntag unerbrochen zurück; der Mann hatte ihn sich aufs Comptoir bringen lassen, aber Minna hatte ihn in e. andres Couvert gesteckt u. die Adresse geschrieben. Ebenso werde ich ohne Zweifel morgen den Brief von Montag zurückbekommen. – Damit soll es denn aus sein. Ich habe schon den Brief vom Sonnabend wie den von Sonntag an die Mutter geschickt, der vom Montag folgt morgen. Sie soll sie später oder jetzt wie sie will, Minna übergeben: sie soll deutlich sehen, ob sie mir e. Mangel an Nachsicht & Liebe vorwerfen kann. Sie weiß – durch die Mutter – von dem Inhalt des Briefes vom Sonnabend; sie hat sich trotzdem verhärtet in ihrem Trotz. Ich habe sie nicht gekannt: sie mich desto besser; sie hat in einer wahrhaft teuflischen Weise sich daran vergnügt, den Menschen, der sie so unbedingt liebte, den sie in ihrer Art auch liebte, in ein ganzes Netz von Lügen, großen & kleinen, hineinzuzerren. Dies ist die ganz trockne Erzählung meines Unglücks. Ich bin nicht im Stande, ein Wort noch über den Eindruck, die gänzliche Zermalmung aller meiner Empfindungen zu äußern. Ich bin noch ganz betäubt. Ich habe so ein Gefühl eines kalten Schauders; wie arglos stand ich unter diesem Gewühl und Geringel scheußlicher feuchter Schlangen! Verstehen kann ich von dem ganzen Vorgang nichts; was Minna veranlassen konnte, nicht nur jene große Lüge immer wieder

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zu beschwören (das lässt sich wenigstens so halbwegs begreifen), sondern namentlich mit diesen tausend kleinen Lügen mich immerfort zu füttern. An ihnen kann ich nicht zweifeln: und nun konnte ich nachfragen wo ich wollte: lauter Lügen! Ich würde an e. Art von Verrücktheit glauben, wenn ich nicht ihren ganz ausgezeichnet guten starken und scharfen Verstand kennte, den ich so liebte, so lange ich meinte, er diene meinen Zwecken. Und nun richte ich mich wahrlich in vollem Selbstgefühl auf: ich habe wie ein guter, wie ein reiner und anständiger – und vor Allem wie ein völlig ehrlicher Mensch an ihr gehandelt, ich habe ihr keine Falte meines Herzens je verborgen, & ich glaube nicht daß sie auf dem Grund meines Herzens Härte und richtermäßige Strenge hat entdecken können. Und, so nun ganz von meiner Liebe umgeben, ganz an mich angelehnt, und nach ihrer Weise wirklich auch mir leidenschaftlich ergeben, hat sie so an mir handeln können! Und wie ich ihr noch zu allerletzt die Hand zur Verzeihung, und zu e. Verzeihung ohne alle Vorwürfe, ohne Pharisäermiene hinreiche – da stößt sie die kalt und stumm von sich! Ich kann darüber keine Betrachtungen machen; ich kann nur in tiefster schmerzlichster Verwunderung ausrufen und aussprechen, was sie mir angethan hat. – Ich werde mich gewiß noch fassen lernen; es ist ja nun vorüber, und so wird die Wunde nicht mehr gereizt. Ich wende mein Gesicht mit Gewalt ab; ich will nicht mehr sehen nur denken, welches innerlich elende Leben dieses unglückliche Wesen, das den treuesten Freund so von sich gehen lassen konnte, erwartet. Sie flößt mir immer noch nur Jammer und eine ganz auflösende Traurigkeit ein, gar keinen Groll, nicht einmal Verachtung. – Und gewiß kommt ja die Zeit, wo ich den Zufall segne, der sie, (in ihrer Schwangerschaft!!) vor der Flucht bewahrt, die Herzenshärtigkeit, die sie von der Annahme meines Zweimal wiederholten letzten Verzeihungsversuch zurückhielt, segne; denn wenn ich nun, aus reiner Barmherzigkeit und einer freilich über alle Bedenken mich hinüberhebenden Liebe, sie endlich mir verbunden hätte, welches Elend hätte mich erwartet, wenn ich die so schmerzlich und zuweilen so wie ein eignes unglückliches Kind Geliebte fortwährend von diesem unheimlichen Dämon der scheußlichsten Lüge besessen, mir nie, nicht im Augenblick des seligsten Liebesbundes mich selbst sicher sähe in dem Gefühl, alle Gedanken eines Menschen den man liebt, völlig zu besitzen. Und dennoch: ich glaube wirklich, unter allen Lügen war das Gefühl der Liebe zu mir und dessen Äußerungen das einzig ganz Wahre an Minna. Aber ich würde vollkommen elend geworden sein, wenn ich mit ihr hätte leben wollen, ohne ihr je ganz unbedingt vertrauen zu können. – Mein Herz muß sich langsam ausheilen. Gegenwärtig lebe ich in e. scheußlichen dumpfen stupor so dahin. Ich sehne mich nach unermeßlichen Thränen; sie liegen schwer auf meinem Gehirn u. Herzen. Mir ist so schrecklich traurig zu Muthe; könnte ich wenigstens zornig sein. Ach, das Kind weiß nicht, was sie mir genommen hat; ich werde noch lange daran tragen. Und was soll mir das Leben ohne Liebe? Da ich, mit der Minna verbunden, die ich mir vorträumte, der beste, wohlwollendste und glücklichste Mensch der Erde geworden wäre.

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Ich suche mich nun mit Gewalt dem Romanbuche zuzuwenden. Um mich zu zwingen, habe ich mit dem hiesigen Verleger K. v. Wechmar abgeschlossen: bis Ostern solls fertig sein, der Druck beginnt gleich. Ich muß mich dranhalten, denn die Arbeit ist noch längst nicht beendet. Solcher Zwang wird nun vielleicht gut sein. – Die kleine Firma hat etwas Bedenkliches. Aber ich habe ihn hier unter der Hand. Auch bezahlt er mich besser als größere Verleger wohl thäten: 50 Reichsm. per Bogen. Ich dachte freilich noch, ich würde das Geld brauchen können, um die Geliebte in ihrem Exil zu unterhalten. – Aber für mich kommt es auch gelegen. Es werden 30 – 35 Bogen sein. Ich danke Ihnen von Herzen, mein lieber Freund, für Ihre Bemühungen in Freiburg. Daß ich dahin nicht komme, bedaure ich trotz Alledem sehr; – Hier habe ich gestern angefangen zu lesen: – Es ist mir Alles so gleichgültig! – Aber seien Sie nicht besorgt um mich. Ich habe e. gute Natur; jetzt wird, hoffe ich, der Egoismus herankriechen, u. mich überzeugen daß ich froh sein könne, vor solchen gewagten Abenteuern bewahrt geblieben zu sein; – Eins aber denke ich: ich werde nicht schlechter aus diesen Dingen hervorgegangen sein; ich fühle wohl wie unverdientes Unglück und Qual adeln kann: man nimmt die geringeren Dinge von da an viel vornehmer. – Nun erhalten Sie mir nur Ihre Freundschaft, mein lieber theurer Freund; ich bedarf ihrer doppelt. Meiner Treue sind Sie gewiß, und so auch Ihre liebe Frau, an die ich mit der herzlichsten Verehrung gedenke. Sagen Sie Ihr meinen Gruß. Und schreiben Sie mir öfter einmal, Sie thun e. gutes Werk damit. Von Herzen Ihr E. Rohde.

2.128 Erwin Rohde an Cosima Wagner Kiel 25. Nov. 75.

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Es wird mir sehr schwer, meine verehrte Freundin, Ihnen die Dinge mitzutheilen, die ich heute mitzutheilen komme; ich habe lange auf eine richtige Stimmung gewartet, aber da könnte ich wohl lange warten. – Wenn ich jetzt manche Ihrer mündlichen und brieflichen Äußerungen überdenke, so scheint es mir, als ob Sie, aus Schonung, mir manches nur angedeutet haben, wo Sie in Wirklichkeit schärfer u. deutlicher erkannten, wie eigentlich die Dinge ständen, als Sie, ohne Beweis, mir geradezu sagen mochten. Die ganze Wirklichkeit konnten Sie aber unmöglich ahnen; mir steht, seit ich sie kenne, im eigentlichen Sinne, wie man wohl sagt »der Verstand still«; ich weiß nun Alles und verstehe nichts davon. – Zuerst also: die Verrätherin des Fluchtplans war die Tante selbst. Zwei Tage, nachdem ich an Sie geschrieben, kam die Mutter Minnas herüber; sie beschwor mich, von ferneren Unternehmungen abzustehen, weil M. hochschwanger sei!! ich wurde wüthend; die Thatsache ist leider ganz unbezweifelbar, wie-

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wohl noch im September M. mir, auf directe Fragen, Alles abgeleugnet hatte. Dennoch glaubte ich noch an die Aussage derselben in Betreff ihres ganzen Verhältnisses zu dem Manne; ich verabredete mit der Mutter eine Trennung nach der Entbindung, wozu der Mann sich schon bereit erklärt hatte. Im weitern Verlauf des Gesprächs rede ich von gew. Brillanten, welche der Mann kürzlich M. von e. Reise mitgebracht habe, von der Collosität dieses Menschen, der jetzt noch solche Zudringlichkeiten fortsetze. Brillanten, erfahre ich, besitzt sie überhaupt nicht, außer einem alten Ringe. Ich war ganz erstarrt. Ich frage weiter nach 1000 Einzelheiten der Briefe: und nun denken Sie sich: Alles, Alles, Alles war erlogen! jede geringste Kleinigkeit erfunden oder entstellt. Ich fragte absichtlich stets so, daß die Mutter nicht errathen konnte, was eigentlich M. mir geschrieben habe; sie konnte mich also gar nicht betrügen, und sie wollte es auch wahrlich nicht, vielmehr war sie entsetzt über die Wirkung, die diese Entdeckungen bei mir hatten, und suchte nach Kräften einzulenken. – Da ich mich so in allen Puncten ihrer Berichte betrogen fand, und zumal in solchen, wo eine Lüge gar keinen ersichtlichen Zweck haben konnte, so war es freilich klar daß auch das Fundament unsres ganzen Verhältnisses nur auf einer Lüge (und hier zwar einer sehr zweckvollen) beruhte: wofür allein die Physiologie schon gar zu deutlich sprach. – Ich schrieb also an M.: ich habe durch die Mutter alle ihre 1000 kleinen Unwahrheiten erfahren; ich kenne nun ihren Zustand bestimmt. Ich bitte sie also, entweder die Wahrheit ihrer Aussage wegen jenes famosen »Ueberfalls« von Seiten des Mannes sehr einfach dadurch zu erhärten, daß sie ihm dies geradezu ins Gesicht sage in Anwesenheit der Eltern, oder auch nur diese Aussage in e. Brief an die Mutter wiederhole, welchen diese dann dem Manne vorlegen werde: – oder, wenn sie auch in diesem Puncte mich betrogen habe, dies mir nun endlich einzugestehen. Dann würde ich meinerseits Alles vergeben vergessen und begraben sein lassen, nie darauf zurück kommen, keinerlei Superiorität daraus ableiten, ohne Pharisäermiene und Gefühl der Gerechtigkeit ihr gegenüber treten, mich ihr erhalten und endlich wenn sie frei sein werde versuchen, durch meine große und ernste Liebe sie zu einem würdigen und guten Weibe zu machen. – Das schrieb ich zwei Mal: Ich fühlte mein Herz in schmerzlichster Liebe so glühen und wallen, daß ich gar nicht anders gekonnt hätte als mich ihr anbieten, um sie mit äußerster Anstrengung zu retten und an mein Herz zu reißen, um das Gute in ihr, das ich liebe, zu bewahren. – Die Briefe gingen an das Comptoir des Mannes, der den Postboten instruirt hatte; er schickte sie uneröffnet Minna zu; sie schickte sie mir ungelesen zurück. Ich erwartete das; ich schickte die Briefe nun an die Mutter, und Minna kennt den Inhalt ganz genau. Nun bekam ich einen Brief von Minna: sie könne nur wiederholen, daß sie mir nie die Unwahrheit wissentlich gesagt habe u.s.w. Damit war’s denn genug. Ohne mein Wissen u. Wollen hatten mittlerweile die Eltern (es sind seltsame Leute: sie sind nun nachträglich ganz erschrocken darüber daß die Sache diesen Verlauf nimmt) – wohl um M. alle Chancen zur Rettung zu bieten – den

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Mann geradezu nach seinem »Ueberfall« (welcher nach M’s Darstellung, die einzige Beziehung gewesen sein sollte, welche sie zu dem Menschen gehabt hätte) gefragt. Er ist ein dummer und sehr ungeschickter Mensch; er würde eine Lüge, so plötzlich überrascht, nicht durchführen können: nach seinem ganzen Verhalten bei dieser Gelegenheit bleibt leider kein geringster Zweifel, daß gar kein »Ueberfall« stattgefunden hat, daß, allerdings mit äußerstem Abscheu ihrerseits, einige wenige Male der Gesell die Unglückliche, ihm zu dienen gezwungen hat. Dies seine eigne Aussage. So war ich in jedem Stück belogen u. betrogen: zurückblickend, sehe ich wohl, wie die einzelnen Stadien des Betrugs sich an einander reihen, wie namentlich das Märchen vom »Ueberfall« erfunden wurde, Anfang Juni, als die ersten Spuren einer Schwangerschaft sich bemerklich machten: es gab damals eine kurze Zeit, in welcher M. erklärte, bei dem Manne aushalten zu wollen (e. Regung die ich damals gar nicht begriff); dann regte sich aufs Neue der lebhafte Wunsch, mich festzuhalten; sie wusste, was ich von einer Hingebung ohne Liebe denke205, sie kannte mich nicht tief genug, um kühn auf meine Großmuth – und den Egoismus einer allzu heftigen Liebe zu rechnen, die, auch bei einem vollen Eingeständniß der Wahrheit, mich nicht von ihr mich hätten lossagen lassen: und so erfand sie das Märchen. Ich weiß nichts, und will nichts wissen von einer Treulosigkeit M’s seit unserm förmlichen Bündniß (Anfang Mai); die Lüge vom »Ueberfall« kann ich immer noch nur deuten: aber mit welchem Gefühl ich auf die teuflische Art hinblicke, mit der sie mir geradezu in jedem Puncte, auch wo die Wahrheit ebenso bequem u. günstig war, wie die Lüge, lieber eine Lüge gesagt hat, meist sogar ohne gefragt zu sein, ganz spontan: das kann ich nicht aussprechen. Und nun denken Sie sich dieses Wesen, das, mit dem Ausdruck der kindlichsten Unschuld, mit ruhig lächelndem Gesichte, mich fortwährend betrog und täuschte, das mich tausend Stunden in innigster Umarmung festhielt, mein argloses Herz in seiner vollsten Liebe, in allen edelsten Gedanken und Empfindiungen, in seligen Thorheiten und wirklich in seinem reinsten Triebe sich ihr ganz hingegeben sah: und die nie den Gedanken sich peinigen fühlte: du belügst ihn, der dir so ganz vertraut, du ziehst ihn in einen schauderhaften Abgrund hinab, du verdirbst ihn, und du selbst spielst mit ihm ein teuflisches Spiel; wirf dich an sein Herz, wende dich an seine Liebe, sag ihm Alles, auch wenn er dir dann nicht verzeiht! Und wie hätte ich ihr denn nicht verziehen! Und nun, nachdem ich Alles wusste – und ihr meine Arme weit ausbreitete zur Verzeihung, weil ich es nicht ertragen konnte, daß dieses Kind, an dem mein ganzes Herz hing, mir so fremd gegenüber stehe: da konnte sie sich, statt nun endlich der Liebe Gehör zu geben, in einen so dürftigen Mantel einer letzten trotzigen Lüge hüllen!

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s. »Cogitata«, C. 65.

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28. Nov. Hier bin ich unterbrochen worden, und komme erst heute zur Fortsetzung. Ich habe wenig weiter hinzuzusetzen. Nachdem Alles gescheitert war, bin ich nach Hamburg gereist und habe mir durch die Mutter meine Briefe Bilder, Ring u.s.w. einhändigen lassen, auch meinerseits Minnas Briefe u.s.w. zurückgegeben. Das war letzten Donnerstag vor 14 Tagen. Und nun ist denn Alles vorüber, und der unerläßliche letzte Schritt gethan. Ich kann nicht sagen daß mir nun wohl und heil zu Muthe wäre; mir ist als blutete eine tiefe Wunde so leise Tropfen für Tropfen dahin. Ich schmiede mich ernstlichst und streng an die Arbeit, sie wendet mich mit Gewalt andern – und wenn nicht immer erhebenden, doch reinen, von dieser schrecklichen krampfhaften Bewegung des aufwallenden »Willens« freien Regionen zu. Ich darf mich noch nicht von dieser fast ermattenden Arbeitsamkeit emancipiren; kaum sehe ich einmal auf, so zuckt die Schlange mir wieder im Herzen, und tausend süße Erinnerungen, tausend höllische Qualen, Angst Abscheu, und leider immer noch eine schwer zu bändigende Sehnsucht wälzen sich herauf und winden sich durch einander. Nun will ich aber gesund sein – oder doch werden. Ich habe einen Trost in der That zur Hand, und das ist wirklich ein Trost, nicht von der bekannten Art, die nur schon Getröstete tröstet. Wenn es besonders schmerzlich in mir zuckt, so denke ich gleich: stelle dir nur die Höllenqual vor, in der du dich nun gar winden müsstest, wenn die Unglückliche deine Verzeihung angenommen hätte; und nun doch eben noch in der Gewalt jenes Menschen bliebe, und dir stets, bei aller Liebe, so unheimlich bleiben müsste, wie eben die Lüge den von ihr Besessenen für einen bisher arglos Vertrauenden machen muß. Das erst wäre ein wirklich unerträglicher Zustand gewesen. So sehnlich ich damals wünschte, sie möchte sich noch in letzter Stunde reuevoll an mein Herz werfen das ihr so willig verziehen hätte – jetzt preise ich mich glücklich daß nun Alles abgeschnitten u. ausgelöscht ist. – Genug hiervon. – Mein »Roman« wächst so langsam weiter, ich fange jetzt an zu drucken, zu Ostern soll das Buch ausgegeben werden. Ich hoffe doch daß Sie an manchen Partien Freude, an Anderm wenigstens e. Art Vergnügen finden sollen. Gegenwärtig stützt und hält die Arbeit mich sehr.206 »Sie trägt dich über alles Gemeine fort, Am Aether hin, so lang’ du dienen kannst.« Das Gemeine kann mir nicht viel anhaben, das spüre ich doch immer mehr, und das ist doch auch ein Gewinn des Weiterlebens. – Nun möchte 206 Von der tröstenden Wirkung der Arbeit schreibt Rohde im Vorwort des Buches: »Zwischen den Zeilen und oft aus den trockensten Erörterungen sieht mir mit dunkeln Augen die Erinnerung an viele trübe und schwerlastende Stunden, Wochen, Monate entgegen, in denen dieses Buch, wie ein treuer und hilfreicher Freund, mich getröstet und mit gelinder Hand auf Gebiete eines unpersönlichen Interesses geleitet hat.« (Erwin Rohde: Der griechische Roman und seine Vorläufer, 3. Auflage, herausgegeben von Wilhelm Schmid, Leipzig 1914 , 6. Reprint: Hildesheim, 2013, S. IX/X).

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ich aber sehr gern einige Nachricht von dem Weitergang der großen Sache erfahren, in der wir doch Alle den Gipfelpunct, die Krönung unsres Lebens sehen. Ich erfahre hier rein gar nichts; ich habe seit Monaten nicht einmal e. Zeitung zur Hand genommen. Wenn Sie einmal nichts Wichtigeres zu thun haben, meine verehrte Freundin, so bitte ich Sie, mir ein paar Worte zu schreiben: wie es Ihnen und bei Ihnen geht; Ihre Andeutungen von den Leiden in Wien haben mich ganz besorgt gemacht. Melden Sie, bitte, dem Meister meinen Gruß und meine herzlichste Treue. Und seien Sie meiner unwandelbaren Gesinnung aufs Neue versichert. Mit den innigsten Grüßen Ihr E. Rohde.

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Mein lieber Freund! ich muß mich endlich entschließen, Ihnen einige Worte zu schreiben, wiewohl mich selbst vor dem stumpfen Zustand meines ganzen geistigen Wesens unter den Nachwehen der durchlebten Leidenszeit ekelt, und ich nicht erwarten kann, Ihnen einen vernünftigen Eindruck zu machen. Lassen Sie mich vor allen Dingen Ihnen, und nicht weniger Ihrer lieben Frau meinen allerherzlichsten Dank für Ihre Briefe aussprechen die mir in meiner Noth als die ersehnteste Labung, in der Qual in welcher diese gräßlichen unreinen Verhältnisse mich herumhetzten, wie eine tröstliche, heilkräftige Luft aus einer reineren harmloseren und ächten Gefühles und guten Willens vollen Welt anwehten. Ich drücke Ihnen Beiden die Hand: Sie haben mich innigst gerührt und mir so wohl gethan wie nur Menschen in solcher Lage irgend thun konnten! – Jetzt ist nun, Gott Lob, so äußerlich Alles vorüber. Ich bin bald nach meinem letzten Briefe drüben in Hamburg gewesen, habe meine Briefe Bilder u Andenken bei der Mutter in Empfang genommen208, Minnas Briefe u.s.w. zurückgestellt, habe 207

l. o. von Ribbeck: R 25/1. Die Briefe wurden vernichtet. Nur einer entging als Fragment, dh. oben und unten sorgfältig eingekürzt und damit ohne Anrede, zusammen mit einem anderen Fragment, das wohl auch mit »Minna« zu tun hat, diesem Schicksal. Letzteres ist zu finden in: »Cogitata«. Nachtrag: … »keine gleicht, das ich, als mein geliebtes Weib, am Arme führe. Und bloß dieses Bewußtsein. – ach und ein Traumbewußtsein, daß Du bei mir bist & nicht wieder fortgehst & nur mir gehörst, & mich liebst heute & immerdar, erfüllt mich mit einem Glück ohne Grenzen. Ich denke mir, z. B. auch, wie du mit mir, in Venedig, in einer schönen Gondel über die Lagunen gleitest: wir sitzen Hand in Hand nebeneinander, & du wendest ab u zu deine Blicke auf mich, und das Glück, die Seligkeit der Liebe scheint aus einem in’s andre hinüber. Dann wird mein Herz die Ruhe, nicht der Resignation sondern des Glückes finden. Präge dir 208

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Minna gar nicht weiter gesprochen und bin wenigstens von der Mutter, der ich e. Zeit lang Unrecht gethan hatte, in Frieden geschieden. Daß ich nun ganz heil und gesund wäre kann ich nicht sagen; und eben darum mochte ich nicht schreiben. Ich darf mich keinen Moment mir selbst überlassen; sonst wälzt die alte Schlange sich gleich wieder empor und gräßliche Gedanken, Angst, Trauer, Sehnsucht, schmerzlich=süße Erinnerungen wallen qualvoll auf und machen mir gräuliche Schmerzen. Am Besten ist, ich sage kein Wort mehr von diesen nun begrabenen Dingen, nicht zu Andern und, wenn es sein kann, auch nicht zu meinen eignen stummen Gedanken. Die Wunde muß so ausbluten; mir ist als tröpfele noch immer das Lebenselement mir ununterbrochen, Tropfen für Tropfen, fort. Ich bin sehr stumpf in meiner Empfindung geworden: Trauer Zorn Sehnsucht u. Liebe haben so lange in mir herumgetobt daß ich nun wie betäubt bin; hoffentlich ist das die Mattigkeit des Genesenden. Und tausend Mal halte ich mir zum Troste vor, wie völlig elend, wie ganz namenlos gequält mein Leben nun gar sein würde wenn Minna noch in letzter Stunde meine Verzeihung angenommen hätte. Dem bin ich, durch ihren kläglichen Trotz, entronnen: Gott sei Dank! sage ich jetzt selbst, so sehnsüchtig ich auch damals wünschte, sie möchte endlich der Liebe Gehör geben und reumüthig sich an mein so leicht verzeihendes Herz werfen. Es ist viel, viel besser so. – Ich arbeite, schon um mich nicht mit mir selbst allein zu lassen, pferdemäßig an m. »Roman«. Durch Bummelei des Verlegers ist noch nichts gedruckt; dieser Tage aber, denke ich bestimmt, beginnt, bei Breitkopf & Härtel, der Druck. Mein Ms. wird sicher zum rechten Termin fertig. Ich fürchte mich nur vor einer unmäßigen Dicke des Buches; ach, egal; es steht doch so viel des wenig Bekannten und Neuen darin. – Von Ihrem Tragoedienbuche schweigt ja Critica noch ganz; sie verdaut ziemlich langsam. Ich selbst habe noch nicht recht ordentlich folgende schöne Verse aus Goethes »Trilogie der Leidenschaft« ein, die mir, in solchen Träumen, immer wie ein Motto im Sinne liegen: Dem Frieden Gottes, welcher Euch hienieden Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen’s – Vergleich’ ich wohl der Liebe heitern Frieden, In Gegenwart des allgeliebten Wesens. Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören. Solcher »heitre Frieden« wird über unserm Leben liegen, wenn endlich unser Ziel erreicht sein wird. Und dann komm nur, Tod! Wir haben gelebt, und alle Herrlichkeit der Welt kann uns Höheres & Reicheres nicht bieten. – Ach, nur kurze Augenblicke vermag ich Sorge & Gram soweit abzuwerfen daß ich mit dem Vorgefühl dieses heitern Friedens mich ganz durchdringe. Liebe mich, meine Minna! und bleibe mir treu; dann wird sicher einst Alles gut ausgehen. Schreibe mir, sooft du magst & sooft du mit der nöthigen Vorsicht es kannst. Schreibe mir die gleichgültigsten Erlebnisse deines täglichen Lebens, Alles interessirt mich. Lebe wohl, mein Gör, bald schreib ich mehr. Dein Erwin.«

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darin lesen können: ich muß gegenwärtig Alles vermeiden was mich von meinen Erotikern abführen könnte, die ich doch so herzlich satt habe. Eben darum muß ich leider auch die so freundlich gemeinte Einladung Ihrer Frau, zu Weihnachten nach Heidelberg zu kommen, ablehnen, so dankbar ich dafür bin. Ich werde hier bleiben u. ochsen (meine Mutter bleibt noch in Zürich.): hoffentlich ist dann die Arbeit schon e. doppelte, am Ms. und an den Druckbogen. – Mit Trauer höre ich daß es nun wieder Ihrer Frau so schlecht geht. Sie glauben mir daß ich mit aller Treue, Dankbarkeit und Freundschaft an Ihnen u. Ihrer Frau hänge; ich fühlte diese Verdunkelung Ihrer Tage wie eine eigne Beschwerniß mit. Könnte ich nur irgend eine Erleichterung ihr und Ihnen verschaffen! Hilft denn nicht einmal das Bromkali mehr? So helfen vielleicht ein wenig die helleren und sonnigen Tage. Mir wird immer leichter ums Herz, wenn ich in den streng kalten sonnigen Tagen, die wir hier jetzt haben, Morgens in die sonnenbeschienene Stube trete. Wiewohl freilich mit den Jahren die Einflüsse des Wetters sich verringern; mir wenigstens geht es so: früher ganz vom Wetter abhängig, gehe ich jetzt mit ziemlich gleicher Stimmung durch Nebel Schnee und Sonnenschein. Man spinnt wohl eine immer dichtere Decke von eignen Gedanken und Erlebnissen um sich herum; es kann von außen wenig mehr heran; man erwartet auch nicht mehr, das Glück von außen heran ziehen zu sehen mit Vogelgesang und Sonnenglanz. – Sonst geht es hier einförmig her; bei mir ganz besonders. Ich esse um 3 Uhr mit einigen Collegen u. a. Volk zusammen & renne dann regelmäßig mit dem neuen Sanskritaner Pischel spaziren. Er ist ein netter kleiner Mensch und nicht von den ganz eng eingeschnürten, wie eine umbundene Melone ins Dürftige ausgewachsenen Seelen wie sie die teutsche Akademie sonst so vielfach großzieht. Dazu ist mir ein Berather in Indicis, in denen ich so dilettantisch gelegentlich herumwühle, sehr erwünscht und er kennt seine Indica vortrefflich. Hat auch sogar 8 Zuhörer zu seiner Sanskritgrammatik gefangen. Eben trampelt er übrigens die Treppe herauf, um mich abzuholen zu e. Sitzung bei Hoffmann: öde genug! – Sie sehen daß ich einige Anstrengungen mache um mir selbst zu entlaufen. Es gelingt mir auch so ziemlich; und wer wird auch so thöricht sein an dem Verlangen nach einem eigentlichen Uebermaaß des Glücks festhalten zu wollen! Man mag es jauchzend aufnehmen wenn es kommt; kommt es nicht, so duckt man eben unter: si campa. Und mehr kann ich denn freilich auch von mir nicht sagen. – Pisciculus stört mich. – Leben Sie nun wohl, mein lieber Freund! Meine besten und innigsten Wünsche sind bei Ihnen und Ihrer Frau. Ich danke Ihnen noch einmal aus vollster Seele für Ihre Theilnahme in so schwerer bittrer Stunde. Wer weiß? vielleicht kommt dereinst noch ein Glück. Sei es aber wie es mag: meine Treue u. Freundschaft bleibt Ihnen unverändert. Die herzlichsten Grüße an Ihre Frau. Unwandelbar der Ihre E. Rohde.

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2.130 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 10. Decb. 75 Lieber Rühl! Nehmen Sie etwas verspätet meine, darum nicht minder herzlich & freundschaftlich gemeinten Glückwünsche zu Ihrer Verlobung an: und so möge Ihnen denn dereinst in diesem Bündniß das einzige, über die reine Negation des Unbehagens hinausgehende Glück zu Theil werden, das in dieser Welt unter dem Monde uns seltsamen Menschen gegönnt ist: die Liebe eines rechten und echten, stolzen und zarten Weibes, in dessen Herzen wir ganz wohnen, der schrecklichen, sehnsuchtsvollen Einsamkeit überhoben, die uns Andre, wenn wir einmal von der Arbeitsbank aufschauen bisweilen mit so ängstigender Bedrückung überfällt. Ist man einsam auf dieser Welt! und wahrhaftig nur die Liebe einer Frau kann Einem in Wahrheit ein Zweites geben, das sich innerlichst mit uns verbindet. – Ich hätte Ihnen längst geschrieben – wenn ich irgend eine Möglichkeit dazu gehabt hätte. Ich war aber nicht im Stande dazu, und bin es eigentlich noch nicht. Daß der Mensch nicht zum Glück geboren ist, wird mir wahrhaftig gründlich eingebläut vom Schicksal: ich vermuthe beinahe, der δημιουργός, indem er an einem so leidenschaftlich verlangenden Gemüthe wie gerade meines ist dieses Exempel statuirt, hat gewisse pädagogische Absichten mit mir: ich soll zu einer Entsagung erzogen werden, die mir, gegenüber dem entbehrten höchsten, einzigen Gut Alles andre, das man sonst noch entbehrt, als Lumperei erscheinen lässt. – Ich rede vielleicht in Aenigmen; entschuldigen Sie mich, ich kann noch nicht wieder vernünftig reden & denken: Sie erinnern Sich vielleicht der leidenschaftlichen Verstrickung von der ich, bei Gelegenheit der dorpater Dinge, schrieb. Die ist nun gelöst – aber in der erdenklich traurigsten Weise; ich kann schriftlich nicht davon reden. Ich selber stehe – und darüber bin ich stolz und getröstet – wirklich ganz rein & fleckenlos da, die innigste Liebe konnte nicht anders handeln als ich es gethan habe. Genug: ich habe in diesen letzten Monaten ganze Labyrinthe der Leiden durchwandelt; kaum bin ich ans Licht zurückgekehrt, und die Heilung ist noch fern. Darin eben liegt die Entschuldigung meines langen Stillschweigens: ich konnte nicht schreiben; man thut unter solchen Umständen gut, sich zu ducken und zu denken: was willst du denn? halte an dir selbst nur fest und denke dß Alles andre doch dahin fließt. – Nun auch meinen herzlichsten Dank für Ihre so liebenswürdige und weit über meine Bitte hinausgehende Vermittlung der Collation209. Ich habe sie einstweilen bis zu näherer Prüfung zurückgelegt: gegenwärtig brauche ich alle meine Zeit zur Vollendung meines Buches über den griech. Roman: er soll zu Ostern erscheinen, das Manuscript wird auch sicher zur rechten Zeit ganz fertig 209

s. 2.104, 17-19.

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werden, aber die Drucker hole der Teufel! Die Kerle kommen nicht vom Fleck. Dennoch erwarte ich nun morgen oder übermorgen den ersten Bogen. Ich will froh sein wenn Alles fertig ist, ich habe die Sache nun sehr satt; es steckt übrigens eine sehr große Arbeit darin. Ich will froh sein wenn ich, durch den Druck, dies Alles gew. Mß. ins Trockne gebracht habe; was dann weiter geschehe, ist mir eigentlich ganz gleichgültig. Gegenwärtig ist die Arbeit mir e. Art peinlicher Wohlthat, sie zwingt mich, in einer stetigen Folge zu denken und zu sorgen, und lässt meinen Gedanken wenig Zeit, zu ihren alten – ach so neuen Schmerzen zurück zu kehren. Leben Sie wohl, lieber Freund. Lassen Sie mich doch ja bald wieder von Ihrem Leben & Thun hören. Ich hoffe, Ihr neuer Zustand erfüllt Sie mit einer belebenden Wärme; Sie fahren dem Glück entgegen; es giebt noch μακάρων νῆσοι fern von aller Welt: mögen Sie dort einmal landen! Gedenken Sie meiner in Freundschaft. Mit den herzlichsten Grüßen Ihr E. Rohde.

2.131 Erwin Rohde an Anna Brandt Kiel 22. Decb. 75 Meine liebe Annemies!

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Wenigstens einen kurzen, herzlich gemeinten Weihnachtsgruß will ich euch hinüberschicken, der euch sagen soll daß ich an dem Tage treulich hinüberdenke. Hoffentlich sitzt ihr nun wieder friedlich & wohl bei einander, klein Clara wird, nach den letzten Nachrichten, nun wohl auch wieder ganz wohl sein, & du wieder auf den Beinen. Große Feiern werdet ihr freilich nicht zu veranstalten haben. Ich meinerseits werde mit e. Bekannten die Zeit irgendwie todt zu schlagen suchen. Ich habe viel, und nichts als Schlimmes, in diesem Jahr erlebt; man erfährt eben im Verlauf der Jahre nicht viel mehr als daß selbst das Bitterste einmal vorübergeht – es ist gewesen, & müde und überdrüssig bleibt man zurück. Sei es so. Ich schicke dir mein Bild hinüber; wenn ich nur auch von dir einmal e. ähnlich gutes bekäme! denn bisher habe ich nur schlechte oder halbgute von dir gesehn. Ich lasse gegenwärtig an e. Buche drucken, e. dicken Unthier, das zu Ostern fertig sein soll. Im Uebrigen ist nichts, rein nichts von mir zu melden. Laß es dir gut gehen mit deinen Gören, liebe Anna, und sage Mama & Alfred meine herzlichsten Grüße u Wünsche zum Fest. Und denke in Liebe an deinen Erwin.

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2.132 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 28 Januar 76. Ich hatte nur zu guten Grund, liebster Freund, so lange stumm zu bleiben. Sollte ich sie, à la Hiob, mit meinen Schwären und Beschwerden jammernd behelligen? ich lebe ein sehr stumpfes Leben so weiter! es will mir nicht recht gelingen, mich wieder zu einiger Heiterkeit aufzuraffen, höchstens zu einem schneidenden Galgenhumor, und der thut nur wohl weh und Niemanden wohl. Be it so! ich muß eben langsam weiter kriechen. Aber gegönnt ist mir nichts vom Dämon, das ist freilich klar. Jetzt quäle ich mich schon seit vielen Wochen mit einem neuen Unheil herum. Denken Sie an: mein Lump von Verleger, v. Wechmar (der s.g. »Baron«, Sie erinnern sich seiner vielleicht: ein Figürchen wie ein Barbier am Sonntag) ist schuldenhalber durchgebrannt. Auf mein Ersuchen hat man ihm e. Abwesenheitsvormund gesetzt: und nun weigert sich der Esel (in der That wie ein störriger Esel, den keine Argumenten=prügel zu irgend einer Bewegung veranlassen können), mich aus dem ganz unerfüllbaren Contract loszugeben! Vergeblich stelle ich ihm vor daß die Masse aus dem Vertrage gar keinen Nutzen ziehen kann (ich brauche einfach kein Manuscript weiter herzugeben, & ich thue es auch nicht) – er läßt mich nicht los. Ja; überrede einmal Einer einen starrköpfigen »Holsten« mit der »Holstentreue« im Leibe! Kurz, ich warte bis Montag auf letzten Bescheid & gehe dann sofort vor Gericht. Dann werde ich den Menschen (mit Entschädigungsklagen) peinigen bis aufs Blut: aber ich kann mit m. Buch gefälligst warten: es ist gar nicht möglich daß es dann zu Ostern erscheine. Bisher haben Breitkopf & Härtel, gegen meine Garantie, weitergearbeitet, ich habe bereits 13 Correcturbogen bekommen. Jetzt habe ich sie aufhören heißen: ich will nicht ein Object schaffen, das nachträglich die Masse saisiren könnte. Was ich bei diesen Scheußlichkeiten empfinde können Sie sich vorstellen. – Ganz undenkbar ists ja nicht daß Jena mir e. Heilpflaster auflege. Ich habe zuerst von Ritschl davon gehört, dessen Eifer und Wärme mich im Innersten gerührt haben. Das ist aber auch bisher stets die einzige Frucht solcher Angelegenheiten für mich gewesen: daß ich mit innerlichstem Dankgefühl empfunden habe daß es noch einige Menschen giebt, die mein eckiges Wesen zu schätzen wissen, ja mit freiwilligster Bemühung mich zu fördern suchen. So habe ich mir in dem herzlichen und guten Rühl in Dorpat einen wirklichen Freund erworben: ich werde ihm seine liebevolle Bemühung in jener Sache nie vergessen: ich kenne nun in ihm ein sehr warmes, wenn auch in äußerlicher Bewegung ein wenig eingeengtes Menschenwesen. – Materiell erwarte ich auch von Jena nichts: Sie brauchen nicht zu erwarten fürchten, daß ich mir »Luftschlösser« baute: ich baue mir stets nur in Gedanken Spelunken in Dornen u. Disteln, und das Schöne ist, daß die mir stets auch wirklich angewiesen werden. Questo è quel mondo, e questi i diletti gl’amori l’opre gli eventi onde cotanto ragionammo

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insième! Das liegt mir immer im Ohr. Es ist von Leopardi: und doch, wenn ich an den armen Dulder denke schlage ich mich wieder an die Brust: wenigstens bin ich, bisher zum Mindesten, nicht auch noch körperlich geplagt, wie Jener. Das ist zuletzt doch das Allerunleidlichste. – Da haben Sie nun doch den Hiob. – Genug davon. Ich will mich bis zur Betäubung in die Arbeit stürzen, das wird gut sein. – Ihr Brief hat mir sehr wohl gethan. Ich lese aus ihm heraus daß Sie sich in H. Ihr Nest behaglicher gebettet haben, daß auch Ihre Frau mit dem Dortbleiben zufrieden ist und daß die Collegialverhältnisse dort angenehmer werden. Möge es sich so weiter entwickeln! Vor Allem aber lese ich aufs Neue aus dem Briefe heraus, daß Sie mir Ihre Freundschaft erhalten haben: und ich bin im innersten Herzen dankbar dafür. Grüßen Sie Ihre liebe Frau auf das Herzlichste von mir. Ich höre mit Freude daß es ihr wieder gut oder doch besser ergeht, & daß Sie im Hause behaglich leben. Möge so diese neue Heidelberger Befestigung der Anfang einer sonnigen und heitern Zeit für Sie Beide sein. werden. Leben Sie wohl, mein lieber Freund, & behalten Sie mich lieb. Von Herzen der Ihre E. R. Ich habe an Ritschl geschrieben, wenn man mich riefe, käme ich sicher. Und wie denn auch nicht? Nur um jeden Preis weg von Kiel! Daß Weinhold nach Breslau geht, wissen Sie ja wohl. Kupffer geht nach Königsberg

2.133 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 10. 2. 76. Mein lieber Freund!

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Vermuthlich haben Sie schon aus Leipzig von dem Verlaufe der Jenenser Dinge gehört: Wie das eigentlich so im innern Braukessel angerührt und zusammengequirlt und gesotten worden ist, verstehe u. weiß ich nicht. Aber am vorigen Sonnabend bekam ich ein amtliches Schreiben von Seebeck, in welchem dieser mir die Professur anträgt, wenn ich mich vorzugsweise auf Latina legen wolle. Ich sagte umgehend zu – nun warte ich von Tag zu Tage, aber keine Silbe kommt mir zu Handen. Ich wollte warten, bis Alles in Ordnung wäre, um Ihnen das freudige Ereigniß ohne Restrictionen und Bedenken mittheilen zu können. Jetzt wird mir allmählich etwas graulich bei diesem sonderbaren Stillschweigen »rings in der Runde«. Ich habe meine Erwartungen bereits vollständig wieder abgerüstet; ein Mißerfolg in letzter Stunde würde mich nicht mehr unvorbereitet treffen. Kommts anders, u. gut, so ist das desto reinerer Gewinn. Ich darf Sie

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wohl nicht besonders bitten, bei dieser Lage der Dinge kein Wort gegen irgend Jemanden von der Sache verlauten zu lassen. Geht es auch schief – ein Trost u Heilpflaster ist mir glücklicher Weise sicher. Ich habe, mit einer unglaublichen Anstrengung, fortwährendem Laufen, Quaeruliren, Drohen mit Processen, Briefen und langen Expositionen an Richter Advocat & alles Teufelszeug, mit einer wahrhaft jüdischen Assiduität – endlich, endlich den Vormund des Wechmar so mürbe gemacht, ihn auch durch Breitkopf & Härtel so in Angst setzten lassen, daß er zuletzt mich, mit Hängen u Würgen, frei gegeben hat! Das hat Aerger und Anstrengung gekostet! Alsbald habe ich mit Breitkopf & Härtel (bei denen gedruckt wurde) einen neuen Verlagscontract geschlossen, ich kriege zwar nur 30 M. per Bogen, aber das Buch erscheint zu Ostern, und ich bin ganz glücklich. Ich habe doch endlich einmal gesehen daß ich ganz gut im Stande bin, die verdammte fortune zu corrigiren, wo es nur auf meine eigne Energie Zähigkeit und Feuer ankommt. – Jetzt mache ich den letzten Rest des Manuscripts; Mitte März spätestens bin ich damit fertig: Wüsste ich einen Daemon, von dem ich annehmen könnte daß er mich in dieser Sache unterstützt habe, wahrhaftig, ich schlachtete ihm ein sehr convenables Opferthier. Diese Sache hat mir gräuliche Plage gemacht. – Am 28. Januar hat Minna e. Knaben geboren. Ich sage kein Wort darüber. Die alte Qual ist neu aufgelebt; ich werde sie dieses Mal, und endgültig, bald wieder ersticken. –––– Ich hoffe, meine Gedanken täuschen sich nicht, wenn sie sich Sie, Ihre Frau & Ihr ganzes Hauswesen diesen Winter in rechter Behaglichkeit und Heiterkeit, und Sie vor Allem auch in angenehmer collegialer Atmosphäre (rumpantur Coculini!210) sich, auf ihren Wanderungen, vorstellen. Sie in den Osterferien persönlich wiederzusehn, wie ich so sehr wünschte, wird, fürchte ich, nicht möglich sein. Entweder gelingts in Jena – εἰ δὲ μή, so fesselt mich mein Buch. Aber das bliebe doch noch zu überlegen. Einstweilen seien Sie auf das Herzlichste gegrüßt, und sagen Sie Ihrer lieben Frau meine besten Grüße u. Wünsche. Sobald ich aus J. Näheres weiß, sollen Sie es natürlich erfahren. Von Herzen der Ihre E. R. Besonders bitte ich, wenn Sie etwa nach Jena zu schreiben haben, meiner Angelegenheit nicht als ein Wissender zu gedenken. Nach Ritschls Andeutungen scheinen dort die Sachen ganz seltsam zu liegen.

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Anspielung auf den Namen Köchly, Ribbecks Kollegen.

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2.134 Erwin Rohde an Otto Ribbeck Kiel 12. 2. 76.

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Gestern, liebster Freund, sind meine letzten Zweifel gehoben worden: Seebeck schreibt mir, die Univers. habe die Weisung vom Ministerium erhalten, meine Ernennung formell auszufertigen; ich solle in Preußen schon jetzt gleich meine Entlassung nehmen, um Ostern antreten zu können. Ciò. ch’io feci; hoffentl. macht mir Falck keine Chikanen, wie einst Ihnen bei der Entlassung. Die Empfindungen über diese, wahrlich unverhoffte Glückswendung müssen sich erst allmählich bei mir ordnen & legen. Ich sehe schon deutlich die Schwierigkeiten einer solchen Umstellung, habe auch e. ungefähre Vorahnung von allerlei Reptilien u. Reptilismus, der mich in J. erwartet: aber ich gehe doch mit sehr gutem Muthe nicht nur von hier weg, sondern gerade nach dem alten Jena, das ich seit meinen Pensionsjahren211 so gut kenne u. in allen Lichtern und Lagen gesehen habe mit der energischen Phantasie eines Kindes, – und wo mich ein so ehrenhafter u ausgezeichneter College wie Gutschmid erwartet. An ihn habe ich sofort geschrieben, heute werde ich auch an M Schmidt schreiben, wozu mich Seebeck ermuntert, wegen des Seminars. Wohl mit richtiger Ahnung setze ich bei dem weniger guten Willen mir gegenüber voraus. Ich denke Alles genauer zu erfahren wenn ich (vermuthl. Ende März) nach J. über Leipzig reise, um Ritschl meine Dankbarkeit auszusprechen. So wenig Genaueres ich bis jetzt über den Verlauf der Dinge weiß, so gewiß weiß ich doch daß ich niemals durchgedrungen wäre ohne R. Gutschmid und Sie, mein lieber Freund. Ihnen brauche ich meine allerwahrhaftigste Dankbarkeit nicht erst in Worten auszusprechen: Sie kennen mich. Zu Ostern darf ich hoffen, in m. Buche Ihnen öffentlich von meiner Gesinnung ein Symbol darzubringen. Ich muß übrigens bis dahin noch stramm ochsen. Ach, werden sich die braven Kieler ärgern! Von andern Neidhammeln zu schweigen – aber denken Sie Sich unsern gemeinsamen Freund Petrum Guilielmum, qui Neptunum colit! – Addio für heute! Grüßen Sie Ihre Frau herzlichst, ich weiß daß sie an meinem Glücke Theil nehmen wird, wie vorher an meiner Trübsal. Und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt von Ihrem treu verbundnen E Rohde

211 Mit sechs Jahren kam Erwin Rohde in das nach modernen pädagogischen Ideen geführte Stoy’sche Institut in Jena. Mit 14 Jahren begann die gymnasiale Ausbildung am Johanneum in Hamburg.

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2.135 Erwin Rohde an Friedrich Nietzsche Kiel 14. 2. 76 Mein lieber Freund! Du verstummst so gänzlich daß ich immer besorgter um dein Ergehen werde. Overbecks letzte Nachrichten klangen sehr trübe – gieb mir endlich einmal ein kleines Zeichen, daß dir die Wellen nicht ganz über den Kopf gehen! und daß du anfängst, dich ein wenig mehr zu schonen! Ich habe vielerlei harte Kämpfe in der letzten Zeit durchleben müssen: – sie sind zumeist vorüber, dem Daemon sei Dank! zuerst das Malheur mit dem Verleger. Nach gräulichem Kämpfen & Ringen mit dem Vormund des Lumpen bin ich endlich frei gekommen, & erscheine nun, zu Ostern, bei Breitkopf & Härtel. Schmeitzner schrieb mir neulich wegen Uebernahme des Verlags: ich hatte eben mit Br. & H. abgeschlossen, denen ich, wegen ihrer energischen Unterstützung in den Losreißungskämpfen, ernstlich verpflichtet worden war. Uebrigens hätte ich auch ohne das jetzt wenigstens schwerlich Schm. genommen: ich hatte an der Einen Probe – die mich ganz gräulich geärgert hatte – vollkommen genug von nicht ganz sicheren Verlegern; ich meine in pecuniärer od.212 sonst geschäftl. Beziehung: denn im Uebrigen ist freil. der gute Schmeitzner e. durchaus braves & solide fundirtes Haus. Aber ich wünsche ganz & gar nicht aufs Neue mögl. Weise mit einer mühsamen Arbeit in die Luft gestellt zu werden. Uebrigens habe ich Schm. – der ja Indica zu verlegen wünscht – eine Unternehmung eines neuen Collegen von mir, eines braven kleinen Kerls, Prof. Pischel zum Verlage empfohlen: der will mit e. Engländer zusammen e. Reihe der ältesten, nie edirten buddhist. Sutras, pali und deutsch (oder englisch), ediren. Honorar wollen sie gar nicht, das Pali soll lateinisch transscribirt werden, also die Kosten sind nicht groß, der Absatz kann ganz gut werden namtl. nach England & Indien. – Am 28. Jan. hat die Unglückliche, die mich diesen Sommer & Herbst so gepeinigt hat, e. Knaben geboren. Ich bin die erneuete Qual der dorthin gerichteten Gedanken noch nicht ganz los. – Nun aber kommt das beste – und, was mehr ist, das gute Ende. Ich werde nun sehr bald alles hier eingeschluckte Trübe & Bittre zurücklassen & hoffentlich vergessen können: denn, denke dir mein getreuer Freund! ich gehe zu Ostern als Ordinarius nach Jena.! Ritschl u. Gutschmid (mein zukünft. dortiger College) sind die Hebel gewesen. Ich brauche kein Wort über die freudige Leichtigkeit zu sagen, mit der ich alles Kielerische von mir schleudern werde; dort giebt es scheußlich viel Arbeit (ich werde viel Latein lesen müssen) aber doch e. neuen Boden, & wills Gott einen frohereren als hier. 212

KGB: und.

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– Entschuldige mich, mein Freund, ein gräulicher Leibschmerz quält mich so, daß ich aufhören muß; lies aus der Trockenheit dieses Gekritzels die »Borborygmen« meines Bauches heraus. Ich schreibe nächstens in e. bessern Stunde mehr: für heute nur die Anzeige dieser Hauptveränderung, die ich doch nicht verschieben wollte. Grüße mir Ov. von Herzen (dem gehts nun wohl recht gut u heiter) & auch deine Schwester. – Ich kann wahrhaftig nicht mehr. – Laß bald ein Wort von dir hören! mein alter lieber Freund; u. laß es, wenn möglich, ein gutes & tröstliches sein! Auf baldiges Wiedererscheinen dein nur »alleweile« so schmerzgeplagter E R.

2.136 Erwin Rohde an Franz Rühl Kiel 21. 2. 76.

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Ich finde in diesen überhäuften Arbeitsbelästigungen doch keine Zeit, lieber Freund, Ihnen einen vernünftigen Brief zu schreiben, wie ich seit Langem möchte. Nehmen Sie mit einem Notizenhaufen vorlieb. Sie wissen vielleicht schon aus den Zeitungen, daß ich zu Ostern als Ordin. nach Jena gehe. Ritschl & Gutschmid, auch Ribbeck haben es fertig gebracht. Ich schleudre alles Kielerische mit Jauchzen von mir, wiewohl die Verpflichtung, vornehmlich Latein zu lesen mir schwer aufliegt. Aber es wird schon gehen; zumal da ich von Ostern an mich ganz ausschließl. dem Colleg & Seminar werde widmen können. Denn mein Buch erscheint nun endlich zu Ostern, bei Breitkopf & Härtel. Ich habe auch darum wieder scheußliche Kämpfe durchmachen müssen: mein hiesiger Verleger wurde bankerott & brannte durch; sein Curator wollte mich vom Contracte nicht losgeben; ich habe Himmel & Hölle in Bewegung setzen müssen um endlich, nach abscheulichem Aerger (denn wer mag e. lange gehegte Geistesarbeit so im Koth herumziehen lassen!), mich frei zu machen. Jetzt ist denn Alles in Ordnung: So schließt also, hoffentlich, diese wüste Periode meiner Lebenserfahrungen ihre Thore zu hinter mir; ich trete in ein neues Dasein ein. Mir ist wirkl. als ob ich ἐκ λύκου στόματος endlich frei geworden wäre; dieser Berliner Bande bin ich (gewiß nicht sehr zu ihrem Aerger) entgangen, den Kieler mißgünstigen confratres nicht minder; möge nun auch ein wenig das positive Glück sich melden – wenn so etwas auf der Welt existirt. – Am Ende Januars schloß sich der letzte Act meines Liebesdramas ab, in der traurigen Peripetie, die nach einfachen Naturgesetzen den Schluß bilden musste. Es waren so seltsame Complica-

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tionen daß man dergleichen schwerlich ja auch nur als Dichtung ersonnen finden wird. Sonst steht meine Leidensgeschichte, oder doch meine Empfindung beim Rückblick auf diese Leidensgeschichte, wie für mich geschrieben, bei Catull ausgesprochen, c. 76: Signa recordanti –. Nur mit dem Unterschied, daß ich gar nicht einmal der Werbende und Bewerbende gewesen bin sondern eher umgekehrt – Ach genug. Es soll nun vorbei sein, und Alles verblassen, Schmerz und Zorn und die einfältige Liebe, die sogar die Achtung zu überleben im Stande wäre. – Ihnen geht es hoffentlich gut, und zumal in der Aussicht auf künftige friedlich glückliche Gemeinschaft mit der Erkorenen. Leichte Trübungen giebt es ja stets in so intimen Verbindungen zweier Menschen; aber wozu taugte denn die Liebe, wenn sie nicht im innersten Grunde zusammenbände was sich in weiterer Verzweigung nach individueller Verschiedenheit immerhin und ohne Schaden selbständiger theilen kann? – Was hören Sie übrigens aus Königsberg? ich stelle mir doch vor, daß Sie dort jedenfalls lieber leben möchten als in dem ganz von der übrigen Welt durch starrenden Schnee abgebauten Dorpt.! Von nun an finde auch ich vielleicht manche Gelegenheit Ihnen zu einer Repatriirung behülflich zu sein. Viel Freude ist unter den »jetztzeitigen« Deutschen nicht zu holen, aber vermuthlich unter den Russogermanen auch nicht eben mehr. – Hier höre ich, daß in Kgsb. außer Ihnen & Nissen noch die trefflichen holsatischen Nullitäten Volquardsen (ein gänzlicher non-valeur!) und Gardthausen genannt werden: – An meine Stelle soll wieder nur ein Extraord. gesetzt werden; Lübbert redete von Ihnen, wusste aber nicht dß Sie Ordinarius sind. Ich bemühte mich für Mendelssohn; von den Möglichkeiten ohne 2fel die beste. Lassen Sie mich einmal Gutes von Ihrem Leben hören! Mit herzlichen Grüßen Ihr E Rohde.

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Griechische Wörter, Phrasen und Zitate

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die Mächtigeren, die Vorgesetzten griechischer Buchstabe »rho« (= r), Rohdes Namenskürzel ἀγαθῇ τύχῃ mit gutem Glück ϕϑόνος Neid ἕκας βέβηλοι! haltet euch fern, Uneingeweihte! (Akzent von ἕ… falsch!) πρᾶξις die »That«: so übersetzt Rohde weiter unten im Brief ἕν … πᾶν das Eine … das Ganze, das »Alleine«: schopenhauerisch κρώζω ich krächze Οὐ χρὴ γόνον λέοντος ἐν πόλει τρέφειν »Man soll das Junge des Löwen nicht in der Stadt heranziehen » – ungenaues Gedächtniszitat aus Aristophanes, Frösche, 1431, wo die politisch motivierten Worte dem Aischylos in den Mund gelegt sind. ἄμουσος unmusikalisch μελιτόεσσα εὐδία honigsüsse Heiterkeit ὁ νικῶν δὲ λοιπὸν ἀμφὶ βίοτον ἔχει μελιτόεσσαν εὐδίαν ἀέθλων γ΄ ἕνεκεν »Der Sieger aber hat für den Rest seines Lebens honigsüsse Heiterkeit wegen der Kampfpreise« – Pindarzitat, 1. Olympische Ode, Vers 97-99: Rohde las Pindar, s. 2.9 und 2.13 τέρπουσιν λιπαραὶ Φοῖβον ỏνοσφαγίαι es erfreuen fette Eselsopfer den Phöbus εὐδία Heiterkeit, gute Stimmung τραγῳδία Tragödie καταπυγοσύν Geilheit Ῥινοκέρως Rhinozeros πλήσιοι die Nahestehenden, Nächsten δαιμόνιον eine warnende oder abratende innere Stimme (Gewissen)

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GRIECHISCHE WÖRTER, PHRASEN UND ZITATE

οἷς ἁδεῖν σε χρή

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»wem du gefallen musst«: der BriefSituation angepasstes Zitat aus »Antigone« von Sophokles, Prolog, Vers 89 (Rohde las Sophokles (2.31)) δέξαι τὰν ἀγαθὰν τύχαν, δέξαι τὰν ὑγίειαν! »Nimm das gute Geschick an, nimm die Gesundheit an!« Theokrit-Zitat (Rohde las Theokrit: 2.31; erwähnt ist ebenda Fritzsches Theokritkommentar) Ἐρβῖνος. Erbinos: Erwin τὸν μινεραλόγον den Mineralogen κρείττονες Vorgesetzte εἴδωλον Bild τέμενος heiliger Bezirk κρείττονες Mächtige, Vorgesetzte κτλ etc, u.s.w. = καὶ ταῦτα λοιπά λοιπά das Uebrige ἐς κόρακας zu den Raben: gängige Verwünschungsformel δειλοὶ βρότοι elende, unglückliche Sterbliche κόσμος Welt καδίσκος Stimm-Krug (Stimmurne in Athen) ἀδιάφορα Gleichgültiges χαλεποῖσιν ἐνὶ ξείνοισιν unter feindseligen Fremden παχύτης γραμματική sprachwissenschaftliche Wucht βροτῶν ποίοις ff philologische Kritik an einer Schrift Nietzsches, die hier nicht übersetzt wird κόσμος οὗτος diese Welt σώζων rettend Φιλόλογος »Philologe« – aus Nietzsches Brief an Rohde vom 5. 5. 1873 wiederaufgenommen ἀπάθεια Gelassenheit ἀμβλύωσις (Rohdes Eigenbildung): Kurzsichtigkeit χάσμα Kluft θυμοῦ μεστός des Geistes voll μουσικός Musiker, Komponist κακοί Schlechte ἄτριπτοι τ’ ἄβατοι τε weder abgerieben noch betreten (freies Zitat nach Philon Judaeus)

GRIECHISCHE WÖRTER, PHRASEN UND ZITATE

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ὑγίεια μὲν ἄριστον ἀνδρὶ θνατῷ Gesundheit, dem sterblichen Mann das höchste Gut καλλίστη ὑγιεία die schönste Gesundheit Röntgen τὸν πάνυ Röntgen, den Hochberühmten ἔξεχ̉ὦ φίλ̉Ἥλιε! geh auf, liebe Sonne! νεανίσκος τῆς αὐλῆς ein jugendstarker Mann des Hofes, eine Art Hofpage τὸ σκῆνος NT: Gehäuse, bes. Leib als Behausung der Seele. (Gemoll, gr. Lexikon) μάντις κακῶν Unglücksprophet φυσικὴ συμπάθεια natürliche Sympathie βάσκανος δαίμων der Dämon mit dem bösen Blick σαρκίον Fleisch εἰ θαμὰ τοῦτ’ ἕρδοις wenn du dies häufig tust (leicht abgeändertes Zitat: Hesiod, Werke und Tage, 361) κατὰ κόσμον nach Gebühr ὁ Φθόνος der Neid (personifiziert) δύνασθαι σχολάζειν καλῶς auf gute Weise der Muße sich hingeben können δύνασθαι σχολάζειν καλῶς auf gute Art nichts tun können ἐρωτικόν etwas zur Liebe gehöriges μυστήριον Geheimnis ἐρωτικόν ein Erotikon ne γρῦ quidem! nicht einmal ein Mucks (γρῦ: Grunzlaut der Schweine) Ὄνος WV 1; Esel βαναὺσος Handwerker ἐλευθέριος nach Art eines Freien, edel Ὄνομα μου λεγεών frei nach Lukas 8,30: mein Namen ist »Legion« δημιουργός Schöpfer μακάρων νῆσος Insel der Seligen εἰ δὲ μή wenn aber nicht ἐκ λύκου στόματος aus dem Rachen des Löwen

ERWIN ROHDE BRIEFE AUS DEM NACHLASS Herausgegeben von Marianne Haubold

Band 1: Briefe zwischen 1865 und 1871 Mit einem Vorwort von Walter Burkert. 2015. 215 Seiten. Leinen. ISBN 978-3-487-15167-0 Band 2: Briefe zwischen 1872 und 1876 (Februar) 2017. 221 Seiten. Leinen. ISBN 978-3-487-15438-1 Band 3: Briefe zwischen 1876 (März) und 1878 (Dez.) ISBN 978-3-487-15550-0 Supplementum: Cogitata (zwischen 1867 und 1878) ISBN 978-3-487-15553-1 Band 4: Briefe zwischen 1878 (Dez.) und 1886 (Nov.) ISBN 978-3-487-15551-7 Band 5: Briefe zwischen 1886 (Dez.) und 1897 ISBN 978-3-487-15552-4