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AboInterview über Reichtum, Demokratie und die AfD
«Jeder Haushalt könnte eine halbe Million haben»: Ex-Multimillionär will Umverteilung

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Sebastian Klein gründete 2012 als Student mit anderen die Bücher-App Blinkist. Durch seine Anteile am Vorzeige-Start-up wurde er Multimillionär. Doch dann hat der studierte Psychologe und Unternehmensberater 90 Prozent seines Gelds in gemeinnützige Engagements gesteckt; Riesenrenditen und Gemeinwohl gehen für ihn nicht zusammen. Seinen Weg, seine Gründe und Ratschläge für eine bessere Gesellschaft präsentiert er nun im Buch «Toxisch reich». Er sieht die Demokratie in Gefahr.

Herr Klein, Sie machen bei «Taxmenow» mit und haben Ihre selbst erarbeiteten Millionen – kein Erbe – zu 90 Prozent weggegeben. «Nur» etwas über eine halbe Million haben Sie behalten. Reicht das für ein gutes Gefühl und ein gutes Leben?

Ja. Mit der Zeit beobachtete ich bei mir einen ungesunden Effekt: Bei den ersten paar Hunderttausend Euro, dann bei der ersten Million und so weiter denkt man anfangs immer: «Jetzt bin ich reich!» Wenig später kommen Zweifel und das Gefühl: «Oh, noch mehr wäre aber noch besser.» Und die Ansprüche steigen. Ich wollte das nicht mehr mitspielen. Und ich wollte gezwungen bleiben, weiterzuarbeiten. Die halbe Million habe ich zudem sofort investiert, und wenn man ein gewisses Vermögen hat, steigt das sowieso von selbst wieder. Insofern war die halbe Million zu dem Zeitpunkt genau richtig für mich. Ich habe alles, was ich mir wünsche.

Aber wenn man eine halbe Million und einen guten Job braucht, um sich gut zu fühlen, werden die meisten Menschen nie dahin kommen, oder?

Rein rechnerisch würde das in Deutschland absolut gehen, dass jeder Haushalt ungefähr eine halbe Million haben könnte! In der Schweiz sowieso, da beträgt das durchschnittliche Vermögen sicher eine halbe Million. Aber ich bin ja gar nicht dafür, dass alle exakt gleich viel haben. Wettbewerb und Unterschiede sollen schon zur liberalen Demokratie gehören, da wird es immer Reichere und Ärmere geben. Nur so, wie die Unterschiede jetzt sind, ist es nicht in Ordnung. Wir müssen die Absicherung am unteren Ende wichtiger nehmen, statt dass irgendwelche Milliardäre unbegrenzt nach oben akkumulieren können.

Im «Global Risks Report 2025» des WEF figuriert die Ungleichheit als Risikofaktor ganz unten, zuoberst stehen die bewaffneten Konflikte. Sie sehen das anders?

Allerdings. Zumal die anderen aufgezählten Risiken wie geoökonomische Konflikte, die Polarisierung, der Verlust von Menschenrechten und Freiheit und auch kritische Veränderungen in den Erdsystemen durchaus mit der Ungleichheit zusammenhängen. Wir müssen extremen Reichtum und die Ungleichheit endlich als Problem für die Gesellschaft erkennen. Bei weniger Ungleichheit könnten die Menschen auch mehr und qualitativ hochstehender konsumieren – was gut für Wirtschaft und Ökologie wäre. Mehr Gleichheit ist zudem ein Grundpfeiler der Demokratie.

Inwiefern?

Kontrollieren wenige Menschen riesige Mengen an Geld allein, steigt deren politischer Einfluss so sehr, dass das überhaupt nicht mehr mit der Demokratie – in der alle, auch Minderheiten, partizipieren können sollen – vereinbar ist. Etwa Elon Musk: Der hat sich mit seinen finanziellen Ressourcen eine ganze Kommunikationsplattform sowie einen Platz in der US-Regierung gekauft.

In Europa scheinen die demokratischen Institutionen mehrheitlich noch zu funktionieren.

Zum Glück. Trotzdem sehen wir in Deutschland erfolgreiche Lobbyarbeit zum Schaden des Normalbürgers. Da organisieren sich die Milliardärserben zum Beispiel in der Stiftung Familienunternehmen, die einen sehr direkten Draht zur Politik hat. Viel ist etwa vom Fachkräftemangel die Rede, aber tatsächlich suchen sie schlicht Leute, die für wenig Geld arbeiten. Mit ihnen produziert man dann etwa billigere, ökologisch schlechtere Lebensmittel: Das ist Ausbeutung von Menschen und Ressourcen und setzt die Arbeitnehmer hierzulande unter Druck. Ein Teufelskreis. Ich will niemand in Schutz nehmen, der eine rechtsradikale Partei wählt, aber es ist nachvollziehbar, dass Menschen das Versprechen der Demokratie nicht mehr glauben, wenn sie sehen, dass sie zur Wahl gehen und dann nur Politik für die Reichsten gemacht wird.

Die Leute fühlen sich bedroht und im Stich gelassen.

Viele Leute, die Angst vor sozialem Abstieg haben, wählen ausgerechnet Parteien, die diesen Abstieg wahrscheinlicher machen – absurd! Man merkt, es geht ungerecht zu, und dann bietet eine Partei Migranten oder Sozialhilfeempfänger als Sündenböcke an. In Wahrheit geht es um den Scheideweg Demokratie oder Oligarchie. Die USA sind offiziell in eine Oligarchie abgedriftet, andere Länder auf dem Weg dahin. Viele begreifen erst jetzt, dass eine Demokratie etwas ist, was man permanent verteidigen muss. Dazu gehört auch, sie weiterzuentwickeln, weil es an vielen Stellen knirscht.

Gibt es bei den anstehenden Wahlen in Deutschland eine Partei, die so eine Vision hat?

Nein – und ein Grund, warum ich mit dem Buch anfing, war die Frage, wie das sein kann. Wieso findet keine Politik statt, die im Interesse von 99 Prozent der Bevölkerung wäre? Selbst linke Parteien trauen sich da nicht ran: Der Einfluss der Reichsten-Lobby ist wahnsinnig gross. Es braucht viel zivilgesellschaftlichen Druck, damit sich die Parteien bewegen. Nichts wird geschehen, solange sich eine Mehrheit täuschen lässt und meint, sie stehe auf der gleichen Seite wie die paar Milliardärserben oder in Deutschland die paar Tausend Familien, die vom Status quo profitieren. Sogar in der CDU gibt es Politiker, die für Umverteilung und eine fairere Besteuerung sind, doch sie können sich momentan nicht durchsetzen.

Wieso nicht?

Es wird immer sofort die Keule rausgeholt, dass Arbeitsplätze verloren gehen, Geld ins Ausland abwandert. Da wurden Verängstigungsnarrative entwickelt, die bei der Bevölkerung und den Politikern verfangen. Wir haben daher nur zögerliche Versuche, etwa wenn Robert Habeck eine Milliardärssteuer ins Spiel bringt.

Warum sollen die Milliardäre ihren Reichtum nicht behalten dürfen?

Manche sind so reich, dass sie denken, sie seien entkoppelt und nicht angewiesen auf die Gesellschaft. Sie meinen, dass sie immer woandershin abhauen können. Aber bizarrerweise nutzen die Unternehmen der Superreichen ja die ganze hiesige Infrastruktur und machen ihr Business auf dem Rücken der Gesellschaft. Amazon, Apple und so weiter zahlen noch viel zu wenig Steuern; es sind die kleineren Firmen und die normalen Lohnempfänger, die gross zur Kasse gebeten werden. Ich finde es hanebüchen, dass die Menschen sich das einfach gefallen lassen. Das ist ja offensichtlich unglaublich ungerecht.

Wie würden Sie vorgehen?

Grundsätzlich sollten in reichen Gesellschaften die Menschen voll abgesichert sein, etwa über ein bedingungsloses Grundeinkommen oder über Universal Basic Services, durch die ich angeboten bekomme, was ich zur Daseinsvorsorge brauche, Krankenkasse, Wohngeld, Bildung, Essen … Stattdessen wird immer mehr Gemeinwohl abgebaut.

«In einer voll funktionierenden Demokratie wäre Philanthropie überflüssig.»

Was haben Sie denn zum Systemwechsel beigetragen?

Mein Bruder und ich haben mit dem Geld von Blinkist unter anderem eine gemeinnützige GmbH gegründet, wir nennen es einen systemischen Investmentfonds. Die Organisation versucht, mit Kapital gesellschaftliche Probleme zu lösen, ist aber kein klassisches Stiftungsmodell. Momentan suchen wir die Themen selber aus, etwa die Medien, weil ich der Meinung bin, dass unsere Demokratie unter den zu schwachen journalistischen Medien leidet. Darum haben wir 2024 den Medien Forward Fund mitinitiiert, der auch in der Schweiz Mediengründungen fördert, ohne Stimmrecht oder hohe Renditeerwartung. Natürlich retten wir dadurch allein nicht die Demokratie.

Im Buch schreiben Sie doch, Philanthropie sei nicht der richtige Ansatz.

Es ist gut, wenn Leute im vorhandenen System nicht alles für sich behalten, sondern Philanthropie betreiben. Aber in einer voll funktionierenden Demokratie wäre sie überflüssig. Heute muss Philanthropie, die ernst gemeint ist, stets versuchen, das System so zu verändern, dass sie sich selbst langfristig überflüssig macht. Doch meist ist sie ein Mittel zum Systemerhalt – damit die Vermögenden weiter profitieren. Gerade in den USA stellen sich viele der reichsten Männer der Welt auf die aus meiner Sicht falsche Seite. Krass. Da entsteht extremer Schaden, und die Philanthropie ist ein Tropfen auf den heissen Stein.

Trotzdem lehnen auch niedrigere Schichten oft höhere Reichensteuern ab.

Das liegt an den propagandistischen Narrativen. In Deutschland wird etwa seit Jahren immer dieses Häuschen der Oma beschworen, das angeblich wegbesteuert wird, wenn sich die Erbschaftssteuer ändert. Aber in Wahrheit geht es um die grossen Immobilienportfolios. Man erweckt irreführenderweise den Eindruck, dass es die kleinen Leute trifft, die vielleicht eine einzige Immobilie in der Familie haben.

Wieso gründen Sie nicht selber eine Partei?

Ich fühle mich nicht als geborener Politiker, ich bin Unternehmer und Autor. Generell ist es ungut, dass man erst in einer Partei Karriere machen muss, um dann mit 60 Kanzler zu werden. Ich vermute, dass im Losverfahren viele politische Ämter besser besetzt würden: Die Leute würden darauf fokussieren, in ihrer Zeit im Amt gute Politik zu machen, statt auf eine Wiederwahl zu schielen. Sie wären auch für Lobbyisten nicht so interessant. Ein weiteres Problem heute sind die Nebentätigkeiten von Politikern.

Sie bezeichnen sich trotz allem als optimistisch. Wieso?

Es ist nicht leicht, jetzt optimistisch zu sein. Aber uns bleibt gar nichts anderes übrig. In Deutschland setze ich auf die jüngeren Generationen der Milliardärsfamilien: Da haben etliche ein Interesse daran, dass wir nicht in eine Oligarchie und eine Klimakatastrophe abdriften. So hat Milliardenerbe Kai Viehof für sich «die Reissleine gezogen», wie er sagt, auf viel verzichtet und gespendet. Er ist nicht der Einzige.