AboHärtetest für ProfisportlerinDer Berg ruft, die Kinder brüllen
Unsere Autorin war Snowboard-Vizeweltmeisterin. Nun steht sie vor ihrer schwersten Prüfung am Hang: Ihren Kindern das Boarden beizubringen.
Einige der besten Tage meines Lebens habe ich auf dem Snowboard verbracht. Einmal sprang ich an einem Fotoshooting auf dem Sustenpass vierzigmal hintereinander über eine Schanze und war so fokussiert, dass ich den Geburtstag meiner besten Freundin vergass. In Japan surfte ich durch Tiefschnee, der so fein war, dass ich nach jeder Kurve husten musste. Einmal gelang mir in der Halfpipe ein neuer Sprung, und ich erinnere mich noch genau an das Glück, das durch meinen Körper schoss, als mein Brett sauber auf dem Schnee aufkam und ich mühelos weiterfuhr.
Snowboarden war mein Hobby und mein Beruf: Ich war viele Jahre Mitglied im Schweizer Snowboard-Nationalteam, und hin und wieder schaffte ich es bei internationalen Wettkämpfen aufs Podest.
Als ich nach meinem Rücktritt 2014 schwanger wurde, schenkte mir eine Freundin einen Baby-Body mit der Aufschrift «Born to Snowboard». Dass meine Kinder – inzwischen sind es drei – einmal Snowboard fahren würden, war klar. Nicht nur wegen mir, auch wegen ihrer Herkunft: Die Schweiz ist eine Wintersportnation. Rumrutschen auf Schnee und Eis gehört in vielen Köpfen immer noch zu einer erfüllten Kindheit dazu.
Meine Kinder haben ihre ersten Lebensjahre an einem Ort verbracht, von dem die Fahrt bis zum nächsten Skigebiet fünf Stunden dauert. Dann aber zogen wir in die Nähe der Berge. Höchste Zeit, herauszufinden: Haben meine Kinder Wintersport im Blut?
Ski oder Snowboard? Beides!
Bevor der Winter beginnt, rufe ich einen Freund an, der schon jahrelang als Ski- und Snowboardlehrer arbeitet. Ich frage ihn, ob meine Kinder – so wie ich vor Jahren – zuerst Skifahren lernen sollen oder ob ich sie direkt aufs Snowboard stellen kann. Er sagt: «Ideal wäre, wenn sie von Anfang an beides lernen würden. So haben sie die Grundlagen auf beiden Geräten drauf.»
Ich weiss, wie hilfreich eine polysportive Erziehung sein kann. Vielen Weltklasseathlet:innen ist gemeinsam, dass sie als Kinder verschiedene Sportarten betrieben haben. Roger Feder, nur ein Beispiel, war ein passabler Fussballspieler und entschied sich erst mit zwölf, voll aufs Tennis zu setzen.
Doch mir wird schwindlig bei der Vorstellung, dass neben Velos, Waschmaschine, Tennisschlägern, einem Schlagzeug und einem halb fertigen Hasenstall nun auch noch Ski- und Snowboardausrüstungen in unseren Keller einziehen sollen. Ganz zu schweigen von den Kosten.
Die Kinder sollen sich entscheiden: Brett oder Ski. Wir – also mein Mann, der auch Snowboard fährt, und ich – können es allerdings nicht lassen, ihnen bei der für uns sternenklaren Antwort auf diese Frage etwas zu helfen. Wenn sie von einer Mauer runterspringen, rufen wir ihnen zu: «Mit dem Snowboard macht das imfall noch viel mehr Spass!» Und als im Oktober der erste Snowboard-Wettkampf der Saison im Fernsehen übertragen wird, säuseln wir: «Überraschung, heute gibts TV und Popcorn!»
Es funktioniert. Als wir das Material für die Saison mieten, wählen der Sechsjährige und der Vierjährige beide ein Snowboard aus.
Tag 1: Mutterstolz auf dem Zauberteppich
Etwas vom Schönsten am Leben als professionelle Wintersportlerin ist, dass man selbst in der Hochsaison nur mit wenigen Menschen am Berg ist. An Wettkämpfen fuhr ich morgens um sieben per Extrafahrt in der Gondel zur Halfpipe. Am Sessellift gab es häufig einen separaten Korridor für uns Athlet:innen. Anstehen musste ich fast nie.
Als ich zum ersten Mal am Kinderlift stehe, Ikea-Bag und Rucksack auf den Schultern, ahne ich, dass das nun anders wird. Ein ganzes Volk behelmter Gnome rutscht über den Übungshang. Der sogenannte Zauberteppich hält ständig an, weil er ein halbes Kind abgeworfen hat. Eins bleibt minutenlang im Schnee liegen, der Vater brüllt: «Leon, jetzt tuesch normal!» Eine Mutter trägt ihre streikende Tochter zum Förderband und insistiert: «Chum, nur no drümal!»
Endlich fahren auch wir mit drei Stundenkilometern auf dem Teppich hoch. Ich stehe hinter meinen Söhnen auf dem Förderband und spüre ein Gefühl, das ich erst kenne, seit ich Mutter bin: Ich schaue meinen Kindern zu und erkenne mich selbst in ihrem Verhalten. Das ist nicht immer ein schönes Gefühl, auf dem Zauberteppich aber bin ich stolz. Der Vierjährige steht mit leicht gebeugten Knien auf seinem Brett, die Arme lässt er locker hängen. Der Sechsjährige verlagert das Gewicht gekonnt nach vorne und nach hinten.
Schon vielfach habe ich gelesen, dass Sportlichkeit vererbt wird. Der schwedische Sportwissenschafter Per-Olof Åstrand, der als einer der Gründerväter der modernen Sportphysiologie gilt, soll einmal gesagt haben: «Wer olympische Goldmedaillen gewinnen will, muss seine Eltern sehr sorgfältig auswählen.» Experten schätzen, dass die sportliche Leistungsfähigkeit bis zu fünfzig Prozent von den Erbanlagen abhängen könnte. Die anderen fünfzig werden von Trainingsintensität, Motivation oder Verletzungsanfälligkeit bestimmt.
Zurück auf den Zauberteppich. Wir schaffen es bis nach oben, doch dann plumpsen meine Söhne wie Kartoffelsäcke vom Förderband. Ich ziehe sie aus der Gefahrenzone. Der Sechsjährige stemmt sich hoch und rauscht ohne Bremsversuch in einen Schneewall. Als ich ihm die Piste hinunter nachfahre, rufe ich: «Füre luege! Meh ind Chnü! Jetzt z’Brett quer stelle!» Ich hasse meinen Coaching-Ton. Ich habe mir doch vorgenommen, alle Kritik zu vermeiden, stattdessen viel zu loben – und bete, dass mein Sohn niemandem den Weg kreuzt.
Oben brüllt der Vierjährige, er habe Hunger. Er verlangt, den Hang runtergetragen zu werden. Wir einigen uns auf eine «Abfahrt», bei der ich ihn an den Händen halte. Nach fünf Minuten Bückhaltung fühlt sich mein Körper an wie nach einem heftigen Sturz in der Halfpipe.
Über meinem Kopf höre ich die Sessel über die Rollen eines Mastes rattern. Dieses Geräusch gehörte früher zu meinem Alltag wie das Summen der Espressomaschine im Café. Ich schliesse die Augen und stelle mir vor, wie schön es wäre, auf diesem Sessel davonzuschweben und alleine ein paar Abfahrten zu machen. Weshalb ist es mir eigentlich so wichtig, dass meine Kinder snowboarden lernen?
Erinnerungen an Sotschi 2014
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich selbst zum ersten Mal auf einem Snowboard stand. Er begann auf einer frisch präparierten Piste und endete unter einem Röntgengerät. Bei einem Kurvenversuch hatte sich mein Brett im Schnee festgefressen und mich auf die Piste katapultiert. Die Ärztin diagnostizierte einen Faserriss am Musculus brachialis, einem ziemlich wichtigen Muskel im Oberarm.
Doch auf den paar Metern, die ich an dem Tag ohne Sturz auf dem Snowboard zurücklegte, habe ich mich unsterblich verliebt. Als ich mit dem Brett über den Schnee glitt und mich für einen Moment im Gleichgewicht hielt, waren meine Gedanken glasklar. Ich war komplett auf meinen Körper konzentriert und bewegte mich dabei durch eine wunderschöne Berglandschaft. Noch nie hatte ich mich so nahe bei mir selbst gefühlt.
In den Jahren danach erlebte ich zudem, wie glücklich Zugehörigkeit macht. Snowboarden war nicht nur mein Sport; es war auch meine Gemeinschaft. Am Berg war ich von Freund:innen umgeben, die das Gefühl auf dem Brett ebenfalls liebten und sich gegenseitig ermunterten, Sprünge auszuprobieren. Weil es in der Halfpipe sehr lange dauert, bis man etwas ohne Sturz schafft, waren die Tage am Berg zudem eine gute Übung in Frustrationstoleranz.
Als ich 2014 ohne Medaille von den Olympischen Spielen in Sotschi heimkam, fing ich aber an, zu verstehen, dass es meine Beziehung zum Sport war, die mich von den paar Athlet:innen unterschied, die sich an Wettkämpfen vor mir platzierten: Ihre Liebe war noch grösser als meine.
Sie liebten das Snowboarden so sehr, dass sie sogar unter der Dusche an ihre Sprünge dachten. Sie hatten nichts anderes im Kopf und im Herz als Snowboarden – bekamen nicht einmal mit, wenn ihr Land eine neue Regierung wählte oder Leonardo DiCaprio in einem neuen Film mitspielte. Ich hingegen wurde den Gedanken nie los, dass das Snowboarden nur ein Teil von mir ist. Statt an mein Snowboarden zu denken, kochte ich nach dem Training für das ganze Team, und abends lag ich gestresst wach, weil ich darüber nachdachte, was ich nach dem Rücktritt vom Spitzensport mit meinem Leben anfangen könnte.
Als Snowboarderin erkannte ich, welche unendliche und exklusive Leidenschaft es braucht, um in einer Disziplin Weltklasse zu sein. Deshalb würde ich meine Kinder nie in den Leistungssport drängen. Aber ich wünsche mir, dass sie die Gefühle von innerer Einkehr, Zugehörigkeit und Durchhaltefähigkeit kennen lernen, die ich beim Snowboarden spüre.
Tag 2: Die Söhne spielen lieber «Unfall»
An Tag zwei des Projekts «Meine Kinder lernen Snowboarden» fasse ich einen Plan. Ich erinnere mich an einen befreundeten Olympiasieger, der sich selbst mittels Belohnungen zu Höchstleistungen motivierte. Und verspreche meinen Söhnen, dass ich sie nach dem Tag am Berg auf ein Stück Kuchen einladen werde.
Bis wir aus dem Haus kommen, ist es elf Uhr. Um einen erneuten Hungerast am Übungshang zu verhindern, beschliessen wir, vor dem Snowboarden ins Café zu gehen. Beide Söhne bestellen ein Stück Schwarzwäldertorte.
Als wir nach tausend Kurven beim Skigebiet ankommen, hat der Sechsjährige einen grünlichen Teint und klagt über Bauchschmerzen, der Vierjährige ist im Autositz eingeschlafen. Mein Mann und ich schleppen Kinder und Material zum Zauberteppich, wo sie im Food-Koma auf ihren Snowboards liegen.
Dann erfasst sie völlig überraschend ein Motivationsschub. Auf der Piste nebenan hat sich jemand verletzt; ein Rettungssanitäter ist mit dem Schneetöff zur Unfallstelle gefahren. Meine Söhne sind inspiriert und beschliessen, «Unfall» zu spielen: Sie fahren den Übungshang runter und jaulen nach jedem Sturz dramatisch. Später setzen sie sich auf ihre Snowboards und schlitteln talwärts, bis sie rote Backen haben und der Schatten die Piste hochkriecht.
Vielleicht, denke ich, ist Wintersport mit Kindern deshalb so aufreibend: Es gibt nichts Schöneres, als sie bei der Tätigkeit zu sehen, die man selbst so liebt und die einen – selbst wenn es nur ein Hobby ist – ein Stück weit definiert. Nun zeigt sich beim Sport aber noch mehr als sonst, dass Kinder keine Erweiterungen von uns selbst sind. Wenn sie mit dem Snowboard schlitteln statt surfen, wenn sie auf ihren Brettern stehen und nicht die Bewegungen machen, die wir ihnen zurufen, wenn sie sich auf die perfekt präparierte Piste schmeissen und «Ich will nach Hause!» rufen, sind sie uns fremd.
Sport gibt jungen Eltern einen Vorgeschmack auf das, was kommt: Als ich unten am Übungshang stehe und meine Söhne beobachte, wird mir bewusst, dass sie das, was ich ihnen vorlebe, nicht übernehmen werden. Bestenfalls interpretieren sie es neu.
Tag 3: Allein auf der Piste, und doch …
Es ist noch dunkel draussen, aber vor dem Wohnzimmerfenster zeichnen sich frisch verschneite Bergspitzen ab. Selbst zehn Jahre nach meinem Rücktritt spüre ich an solchen Tagen noch eine innere Unruhe. Früher musste ich bei solch perfekten Bedingungen alles stehen lassen und auf den Berg fahren.
Als meine Söhne nach dem dritten Frühstück verkünden, sie würden an diesem strahlenden Wintertag lieber drinnen spielen, statt Snowboard zu fahren, versuche ich nicht, sie zu überreden. Ich ernenne meinen Mann zum Babysitter, packe mein Brett und mache mich alleine auf den Weg.
Am Lift treffe ich zufällig einen ehemaligen Teamkollegen. Wir umarmen uns, sagen «lange nicht mehr gesehen» und setzen uns zusammen auf den Sessellift. Ich höre das Rattern der Rollen über meinem Kopf, spüre das Brett an meinem linken Fuss hängen, wir reden.
Als wir oben ankommen, sehe ich eine Gruppe Kinder im Schnee sitzen. Vielleicht sollten meine Söhne einfach einen Snowboardkurs nehmen, denke ich. Das hatte mein befreundeter Ski- und Snowboardlehrer von Anfang an geraten: Kinder hörten im Schnee besser auf Fremde als auf ihre Eltern.
Als ich losfahre, überlege ich, wo ich sie anmelden könnte. Und in dem Moment wird mir etwas klar: Als Mutter bin ich die Sportlerin geworden, die ich im Snowboarden nie war. Ich denke selbst dann noch an meine Kinder, wenn ich vor ihnen geflüchtet bin.
Ursina Haller ist Reporterin bei «Das Magazin». ursina.haller@dasmagazin.ch
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