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Tiktok-Trend sorgt für Aufregung

Talahons: Satirische Jugendkultur oder Anzeichen für gescheiterte Migration?

Markenklamotten, Gucci-Caps, kleine Taschen und auffälliger Schmuck zeichnet Talahons aus.

Markante Cap, weite Klamotten, Tasche umhängen, unter der Jacke die Armreifen sichtbar. „Wenn die Tops anzieht und die dabei rausgeht, dann geht das nicht“, sagt er auf die Frage nach den sogenannten Red Flags, nach Dingen, die für ihn bei einer Frau einen engeren Kontakt unmöglich machen. Andere sagen, die eigene Freundin dürfe sich nicht mit anderen Jungs treffen, nicht ins Freibad gehen, nicht mit anderen Jungs schreiben. Einige spucken zwischen ihren Antworten auf den Boden, machen obszöne Gesten oder deuten Gewalt an.

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Es sind Clips wie diese, die in den sozialen Medien zurzeit für eine neue Debatte sorgen, eine über die Jugend, über Migration und Geschlechterbilder. Denn die Videos sind keine Einzelfälle, Zehntausende davon gibt es, die teilweise von Millionen angesehen werden. Und immer geht es um diese Art von Jugendlichen: die sogenannten Talahons.

Tala – was?

Talahons werden junge Menschen genannt, vorwiegend zwischen 14 und 20, die einen bestimmten Lebens- und Kleidungsstil pflegen. Man sieht sie dem Klischee zufolge in deutschen Fußgängerzonen, an U-Bahnhöfen, auf Schulhöfen. Sie tragen Caps und Gürtel, bevorzugt gefälschte Markenwaren von Gucci, Louis Vuitton und Co. Einige haben Trikots an, die meisten weite Klamotten. Sie haben eine Tasche umhängen, in der sie Parfüm und eine Vape mit sich herumtragen, eine E-Zigarette.

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Talahons sind cool, provokant, laut

Meistens bewegen sie sich in den Videos, die das Netz gerade überfluten, in Gruppen auf öffentlichen Plätzen. Sie geben sich besonders cool, markant, provokant, sprechen oft Deutsch ohne Pronomen und streuen Wörter wie „Wallah“ ein. Sie spucken gerne auf die Straße. Wie Halbstarke kommen sie daher. Sie wollen sich zeigen, laut sein, auffällig sein. In vielen Videos sind sie beim Schattenboxen oder beim Rumhängen zu sehen.

„Diese Gruppen von Jugendlichen, die sich heute Talahon nennen, gibt es schon seit vielen Jahren“, sagt Sozialwissenschaftlerin und Co-Leiterin des Archivs der Jugendkulturen Gabriele Rohmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Ein im Internet häufig genanntes Beispiel dafür sind alte Fotos von Fußball-Nationalspieler Florian Wirtz. Auch er zeigte sich in dem Style – eine Art Premieren-Talahon, noch ehe es einen Begriff dafür gab.

Aus den sozialen Medien schwappte der Trend Talahon ins reale Leben

Die Bezeichnung Talahon geht wohl zurück auf einen Song des Hagener Rappers Hassan, der 2022 „Ta3al Lahon“ veröffentlichte. „Talahon, ich geb’ dir ein’ Stich, bin der Patron“, singt der beispielsweise. Oder: „Talahon, ich zieh’ dich zur Ecke, deine Jungs sehen, wie ich in dir Messer steche, Blut lecke und stecke deine Leiche in Säcke.“ Woher Hassan den Begriff hat, ist nicht bekannt. Eine Anfrage des RND ließ er unbeantwortet. Womöglich ist es eine Anlehnung an das arabische „taeal huna“, das so viel wie „komm her“ bedeutet.

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Schon seit Veröffentlichung des Songs gibt es Videos auf Tiktok, in denen sich junge Menschen als Talahon identifizieren. Hassan hat für diese Jugendgruppen eine Eigenbezeichnung erschaffen. Im Februar 2024 legte er mit dem zweiten Teil seines Songs, gleicher Titel, nach. Bisher war die Bewegung vor allem innerhalb der sozialen Medien bekannt, doch zuletzt erhielt sie auch massenmediale Aufmerksamkeit. Boulevard-Zeitungen fragten, ob die Integration zahlreicher junger Menschen gescheitert sei, wenn sie mit solch einem Frauenbild hausieren gingen.

Talahons sind nicht nur junge Männer mit Migrationsgeschichte

So einfach ist das aber nicht. Talahons sind zwar durchaus vornehmlich junge Kerle, oft wohl auch mit Migrationshintergrund. Aus den Videos aber auf eine gescheiterte Integrationspolitik schließen zu wollen, geht wohl zu weit.

Die Instrumentalisierung von rechts hat schon begonnen. Wenn es zu Stigmatisierung und Verunglimpfung aller kommt, die sich mit Talahon identifizieren, kann es auch passieren, dass sich einige Jugendliche deswegen radikalisieren.

Gabriele Rohmann,

Co-Leiterin Archiv der Jugendkulturen

Talahons sind heterogener, als man vermuten könnte: Frauen gehören ebenso dazu wie Kinder. Und obwohl sich der Begriff ans Arabische anlehnt, identifizieren sich einige weiße Deutsche ebenso als Talahon wie Menschen mit Migrationsgeschichte. Einige mögen ein veraltetes Geschlechterbild haben, aber längst nicht alle. Primär bezeichnet Talahons der Expertin zufolge junge Leute mit einem auffälligen Kleidungsstil.

Provokation ist von jeher Teil von Jugendkulturen

„Viele Jugendkulturen zeichnen sich jeweils durch einen gemeinsamen Stil und oft auch Provokation aus“, sagt Rohmann. Das bedeutet, dass junge Menschen, die sich gerade vom Kind zum Erwachsenen entwickeln, gerne anecken, polarisieren, sich abgrenzen. Anders als früher verbreitet sich das heutzutage aber rasend schnell in sozialen Medien. Die Verlorenheit, die fast jeder Jugendliche irgendwann in sich spürt, wird plötzlich zur Show für ein Millionenpublikum.

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Und genauso gehen die Jugendlichen in vielen Videos auch mit sich selbst um. In vielen zeigt sich nämlich nicht nur ein Proll-Verhalten, sondern auch ein ganz bewusstes Aufgreifen der Vorurteile, die ältere Menschen ihnen gegenüber haben. „Einige spielen auch satirisch mit den Klischees und machen sich lustig darüber“, sagt Rohmann. Mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein wird überspitzt, um aufzufallen.

Viele Videos auf Social Media machen sich über Talahons lustig

So dürfen wohl nicht alle Aussagen in Bezug auf Geschlechterrollen ernst genommen werden, wenngleich einige beunruhigende Tendenzen zu erkennen sind. Denn jeder einzelne, der das Gesagte ernst meint, kann im schlimmsten Fall zum Problem für die Gesellschaft, vor allem aber zum Risiko für Frauen werden. Immerhin, diese provokanten und teils frauenverachtenden Videos bleiben nicht unbeantwortet. „Es ist teilweise auch ein Spiel zwischen Jungs und Mädchen. Manche Jungs haben ein fragwürdiges Geschlechterbild, aber es gibt auch junge Frauen, die sehr direkt und selbstbewusst in Videos darauf reagieren“, erklärt Rohmann.

In den sozialen Medien hat sich längst eine Gegenbewegung etabliert. In Videos wird sich über Talahons lustig gemacht, es gibt Anleitungen zur Kleidung, wenn man nicht fälschlicherweise für einen Talahon gehalten wird, es gibt Listen mit Städten und Orten, an denen man Talahons am wahrscheinlichsten antrifft. Es gibt Frauen, die sich einen Bart aufmalen und „Talahon spielen“. Es gibt Videos, die mit Kindermusik untermalt sind und sich an den Bildern der Talahons bedienen. Talahons wiederum greifen diese Kritik auf, verarbeiten sie in ihren Videos, werden noch provokanter.

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Es ist teilweise auch ein Spiel zwischen Jungs und Mädchen. Manche Jungs haben ein fragwürdiges Geschlechterbild, aber es gibt auch junge Frauen, die sehr direkt und selbstbewusst in Videos darauf reagieren.

Gabriele Rohmann,

Co-Leiterin Archiv der Jugendkulturen

Für rechte Kräfte sind die Videos ein Beweis für Parallelgesellschaften und verirrte Jugend. Talahons wurden in Kommentaren zu Feinden der Demokratie und Frauenrechte ernannt, eine Vorlage für rechte Politikerinnen und Politiker (deren Geschlechterbild oft gar nicht so stark abweicht von dem einiger Talahons). So wurden offensichtlich satirische Videos zu ernst zu nehmenden Inhalten erklärt.

Talahons – Rechte nutzen sie als Vorlage für ihren Rassismus

„Die Instrumentalisierung von rechts hat schon begonnen“, sagt Rohmann und warnt vor Gegeneffekten. „Wenn es zu Stigmatisierung und Verunglimpfung aller kommt, die sich mit Talahon identifizieren, kann es auch passieren, dass sich einige Jugendliche deswegen radikalisieren.“ Sprich: Werden junge Männer dafür ausgelacht und angefeindet, sich online so zu geben, wie sie es tun, könnte das zu einer Wesensveränderung führen. Die jungen Männer könnten sich dann tatsächlich von Demokratie und Gleichberechtigung abwenden. Einige Jugendforscher warnen bereits, dass „Talahon“ das seit den 1990er-Jahren gängige „Kanake“ ablösen konnte und die Eigenbezeichnung der Gruppe rassistisch umkonnotieren könnte – ein Nährboden für radikale und extreme Entwicklungen.

Zwar beobachtet die Wissenschaft das Phänomen bereits seit Längerem, doch noch lässt sich nicht sagen, was die Aufmerksamkeit von außen und die Instrumentalisierung von rechten Kräften mit der Bewegung macht. „Es ist gerade auf jeden Fall ein Trend“, sagt Rohmann. Wie viele diesem angehören, ist nicht bekannt. „Wir werden beobachten, ob sich das in den kommenden Jahren manifestiert. Es kann aber auch sein, dass das wieder nachlässt.“

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