Doch ging es zuvor darum, den Alltag durch regelmäßige Abläufe stoisch zu bewältigen oder das Bewusstsein zu heben, indem man sich kasteit und selbst diszipliniert, hat der heutige Gewohnheitsfetischismus oft etwas Verzweifeltes. Man versucht, den permanenten Mangel zu beheben, der dem spätmodernen Individuum scheinbar innewohnt. Statt sich ernsthaft in der Welt zu verorten, wirft man sich auf sich selbst zurück und traktiert die eigene Person mit kruden Rechnungen: "Wenn man ein Jahr lang jeden Tag ein Prozent besser wird, hat man sich am Jahresende um das Siebenunddreißigfache verbessert", schreibt etwa James Clear in seinem US-amerikanischen Bestseller Atomic Habits, auf Deutsch Die 1%-Methode. "Wird man dagegen ein Jahr lang jeden Tag ein Prozent schlechter, landet man fast bei null."