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Das Rätsel von Magdeburg: Warum ein vom Islam Abgefallener eine Terrortat verübt

Der saudische Arzt Taleb Jawad al-Abdulmohsen trat in Deutschland als Ex-Muslim auf. Mit der Radikalität eines Islamisten vertrat er seinen Atheismus und gilt der Polizei nun als mutmasslicher Attentäter, der fünf Menschen auf dem Weihnachtsmarkt von Magdeburg tötete und mehr als 200 verletzte.

Silke Mertins, Petra Ramsauer 5 min
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Nach dem Anschlag: Der Attentäter nutzte für seine Amokfahrt mit einem Auto den unversperrten Rettungsweg durch den Weihnachtsmarkt im Zentrum von Magdeburg.

Nach dem Anschlag: Der Attentäter nutzte für seine Amokfahrt mit einem Auto den unversperrten Rettungsweg durch den Weihnachtsmarkt im Zentrum von Magdeburg.

Omer Messinger / Getty

Taleb Jawad al-Abdulmohsen ist ein Musterbeispiel für Integration: Der mutmassliche Attentäter von Magdeburg spricht auf hohem Niveau Deutsch. Er hat sich bis zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hochgearbeitet und einen entsprechend gutbezahlten Job in der ostdeutschen Kleinstadt Bernburg in Sachsen-Anhalt gefunden. Der 50-jährige Saudi, der seit 2006 in Deutschland lebt, setzt sich ehrenamtlich für Flüchtlinge ein, hilft insbesondere Frauen aus Saudiarabien zur Flucht.

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Und dann rast er, wie es scheint, am Freitagabend kurz vor 19 Uhr über den Weihnachtsmarkt und mäht mit seinem Fahrzeug wahllos alle nieder, die ihm vor die Motorhaube kommen. Ein Erwachsener und ein Kind sind sofort tot, drei weitere sterben später, und 205 sind verletzt, viele von ihnen sehr schwer. Bundeskanzler Olaf Scholz und Innenministerin Nancy Faeser sind direkt am Samstag vor Ort – als bereits klar ist, dass es sich nicht um einen islamistischen Anschlag handelt.

Denn Taleb Jawad al-Abdulmohsen ist wohl das genaue Gegenteil eines Islamisten: Er hat sich von seinem Glauben abgewandt und sich als Islamkritiker und Aktivist einen Namen gemacht. Das macht die furchtbare Tat noch verstörender. Was bringt einen älteren, wohlsituierten Mann, der in Deutschland «angekommen» ist und leben kann, wie es ihm gefällt, dazu, zum mutmasslichen Massenmörder zu werden?

«Autoritäre Persönlichkeitsstruktur»

Zwar wisse man bis jetzt noch nichts Konkretes über das genaue Motiv des mutmasslichen Attentäters, betont der Psychologe und Radikalisierungsexperte Ahmad Mansour. Der Verdächtige wird noch von der Polizei verhört. Aber unter denen, die sich vom Islam abwendeten, gebe es viele «Umsteiger». Das heisst: «Leute, die mit der gleichen Leidenschaft und Radikalität, mit der sie vorher den Islam praktiziert haben, jetzt ihren Atheismus vertreten», erklärt er. «Die autoritäre Persönlichkeitsstruktur, die in ihrem Verständnis vom Islam vorher vorhanden war, übertragen sie auf die Anti-Islam-Haltung.» Zwei Seiten einer Medaille. Auch die antiislamische Haltung wird mit religiösem Eifer verfolgt.

Muslime, die sich mit dem in ihren Heimatländern praktizierten Glauben nicht mehr identifizieren können oder wollen, haben im Grunde drei Optionen: Sie können sich erstens dem liberalen Islam zuwenden, der in Deutschland etwa in Berlin auch in einer Gemeinde organisiert ist.

Zweitens nutzen einige die Möglichkeit, zum Christentum zu konvertieren. In Deutschland findet man besonders unter den Iranern viele, die sich taufen lassen. Oft sind es Menschen, die tiefreligiös sind, aber den Islam ihr Leben lang als strafend und repressiv erlebt haben, das Christentum in seiner heutigen Form dagegen als milde und verzeihend. Zumal Kirchen und Gemeindemitglieder in Deutschland sich häufig sehr aktiv in der Flüchtlingsarbeit engagieren.

Nicht wenige treten bereits in Iran einer geheimen Kirche bei. Andere lassen sich in Deutschland taufen, viele von ihnen in evangelischen Freikirchen. Wie viele Muslime zum Christentum übertreten, ist nicht dokumentiert. Die Zahl wird auf einige hundert im Jahr geschätzt. Zusätzlich ist das Konvertieren für Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus auch deshalb attraktiv, weil es sie ein für alle Mal vor Abschiebung schützt. Denn: In vielen islamischen Ländern, erst recht in Saudiarabien, wird eine Abkehr vom Islam mit dem Tod bestraft.

«Sozialer Tod»

Die dritte Option, sich vom Islam abzuwenden, ist der Atheismus – einfach nicht mehr zu glauben, wie es viele Deutsche ebenfalls nicht tun. Zu dieser Gruppe gehörte offenbar auch der mutmassliche Attentäter von Magdeburg. Er gehörte der schiitischen Minderheit in Saudiarabien an und bezeichnete sich in Deutschland als Ex-Muslim. Seit 2016, als Abdulmohsen Asyl beantragte und erhielt, auch unter seinem vollen Namen.

Allen drei Möglichkeiten, sich vom Islam abzuwenden, ist gemein, dass sie mit einem «sozialen Tod» für die Betroffenen einhergehen. Für das bisherige soziale Umfeld ist eine Abkehr vom Glauben absolut inakzeptabel. Ob andere soziale Beziehungen dieses Ausgestossensein auffangen können, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Manche suchen gezielt die Öffentlichkeit wie der in Köln lebende Aktivist Ali Utlu, der sich als homosexueller Ex-Muslim bezeichnet und der FDP beitrat. Utlu ist sehr aktiv in den Internetmedien.

Die Stadtregierung von Magdeburg hat nach dem Anschlag beschlossen, den Weihnachtsmarkt nicht mehr zu öffnen.

Die Stadtregierung von Magdeburg hat nach dem Anschlag beschlossen, den Weihnachtsmarkt nicht mehr zu öffnen.

Michael Probst / AP

Im Fall des Tatverdächtigen von Magdeburg ist laut verschiedenen Medien zumindest klar, dass er alleinstehend war, unauffällig lebte und offenbar auch im Kollegenkreis nicht viele direkte Kontakte hatte. Ob diese Isolierung, sofern die Berichte stimmen, zu der Tat beigetragen haben könnten, ist noch unklar.

Der engagierte Flüchtlingshelfer, als der er sich in einem Interview mit der «FAZ» vor fünf Jahren darstellte, ist er auf jeden Fall nicht mehr. Auf seinem Blog «We are Saudis» riet er schrill davon ab, in Deutschland Asyl zu suchen. Offenbar fühlte er sich verfolgt und verbreitete die Behauptung, saudische Geflüchtete würden von der deutschen Polizei misshandelt. Das Profil seines Accounts auf X – vormals Twitter – zeigt ein Maschinengewehr. Darunter: «Saudische militärische Opposition». Und: «Deutschland jagt saudische Asylbewerberinnen innerhalb und ausserhalb Deutschlands und will ihr Leben zerstören. Deutschland will Europa islamisieren.»

Deshalb wollte er Deutschland, wie es scheint, «bestrafen». Eine solche mutmassliche Motivlage überrascht selbst den Terrorismusforscher Peter Neumann. Er postete auf X: «Nach 25 Jahren in diesem ‹Geschäft› denkst du, nichts könnte dich mehr überraschen. Aber ein 50-jähriger saudischer Ex-Muslim, der in Ostdeutschland lebt, die AfD liebt und Deutschland für eine Toleranz gegenüber Islamisten bestrafen will – das hatte ich wirklich nicht auf dem Zettel.»

Nora Abdulkarim, eine saudische Expertin für Feminismus, Doktorandin an der Universität Harvard, wiederholte am Tag nach dem Attentat ihre bereits vor Jahren erhobenen Vorwürfe gegen Taleb Abdulmohsen. Sie habe ihn 2017 kontaktiert, als er sich für Dina Ali, eine aus Saudiarabien geflüchtete Frau, eingesetzt habe. «Mir war sein Stil sehr unangenehm. Mir fielen sein Ego-Drang, seine Paranoia, Aggressivität und die für mich unklaren und mitunter zweifelhaften Quellen seiner Informationen auf, seine emotionale Instabilität.»

Der Radikalisierungsexperte Mansour glaubt, dass Abdulmohsen sich für sein Engagement für saudische Frauen offenbar in Deutschland nicht wertgeschätzt fühlte. «Er will Dankbarkeit. Er will, dass Deutschland autoritär auf seine Wünsche reagiert.» Das, was er von Deutschland im Umgang mit ihm und anderen Saudi, die hier Asyl suchten, erwarte, habe ihn komplett enttäuscht. Er empfinde es als Kränkung. «Alles, was wir bis jetzt über Radikalisierungsverläufe beobachten, hat sich damit komplett verändert.»

Erklärt ist der Anschlag in Magdeburg damit noch nicht. Leidet der Attentäter an Verfolgungswahn, einer psychischen Krankheit? Weshalb ist den Arbeitskollegen des Arztes, den Behörden nichts aufgefallen? Die Ermittlungen versuchen, darauf eine Antwort zu geben.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»