Seit mehr als vier Jahrzehnten reißen ihn dieselben Albträume aus dem Schlaf: eine Bühne, davor eine wütende, johlende Menge. Großvater kniet auf Glasscherben, auf dem Kopf trägt er eine spitze Schandhaube mit der Aufschrift "Nieder mit dem Konterrevolutionär Peng Fangcong!".

Er wurde denunziert und geschlagen, mehrmals entkam er knapp dem Hungertod. Mao stahl ihm 20 Jahre seines Lebens – so lange leistete mein Großvater Zwangsarbeit.

Heute, im Alter von 85 Jahren, ist er wieder Fan der Partei. Patriot durch und durch.

"Schau, was unser Land geleistet hat", sagt er, als ich ihn in unserer Heimatstadt besuche. Es ist Mondfest, Mitte September. Die Frau meines Onkels hat Melonen und Kuchen geschnitten. Wie immer läuft der Fernseher: neuer Flachbildschirm, 55 Zoll, der Staatssender CCTV präsentiert mit schmetterndem Pathos die abgeschlossenen Bauarbeiten am neuen Mega-Flughafen in Peking. Fabrikneue Panzer und Kampfflugzeuge werden gezeigt – Manöverübungen für die große Parade zum 70. Geburtstag der Volksrepublik China am 1. Oktober. Mein Großvater strahlt.