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"Es ist unser gemeinsames Land!"

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Die Geschichte des israelisch-palästinensischen Künstlerpaars Jasmin Avissar und Osama Zatar, das weder in Israel, noch in Palästina zusammenleben konnte und schließlich in Wien landete.

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Die Geschichte des israelisch-palästinensischen Künstlerpaars Jasmin Avissar und Osama Zatar, das weder in Israel, noch in Palästina zusammenleben konnte und schließlich in Wien landete.

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Am 7. Oktober des Vorjahres ist Jasmin Avissar gerade in Dortmund, wo die leidenschaftliche Tänzerin immer wieder in ihrem Brotberuf als Choreographin arbeitet. Die 13jährige Tochter Leila begleitet sie. Als die Nachrichten vom Massaker der Hamas über die beiden hereinbrechen, reagiert Jasmin das erste Mal in ihrem Leben mit Panik. „Ich habe diese Panik geradezu körperlich gespürt“, erinnert sie sich. Nicht vor der Hamas hatte sie Angst, die ja weit weg war, sondern vor den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung. „Wir haben sofort aufgehört, hebräisch miteinander zu sprechen. Wir wollten nicht als Jüdinnen erkannt werden.“ Denn wie viele, fragt sich Jasmin, hätten diesen Terroranschlag als gerechte Reaktion auf die Unterdrückung der Palästinenser durch den israelischen Staat empfunden? Es seien übrigens nicht Palästinenser gewesen, die so reagiert hätten, sondern Europäer, rechts und links, hätten sich da im antisemitischen Ungeist gefunden.

Osama Zatar sitzt am 7. Oktober 2023 in seinem Winzerhäuschen am Stadtrand Wiens, in dem er auch an seinen Skulpturen arbeitet. Skulpturen mit einem politischen value, wie er sagt. An den Wänden hängen einige seiner berühmtesten Objekte, Waffen, die er in Gebrauchsgegenstände umgearbeitet hat. Frei nach Isaiah 2/4: "Ihr sollt Pflugscharen aus Waffen schmieden". Kein Volk soll das Schwert gegen das andere erheben.

"Krieg der Steine"

Osama ist auf Instagram unterwegs, als die schockierenden Nachrichten aus Israel eintreffen. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass die Hamas dazu imstande sei, ein derartiges Gemetzel anzurichten. Seit seinem 15. Lebensjahr ist er ein strikter Gegner jedweder Gewalt. Damals ist er von seinem Dorf in der Westbank nach Israel gegangen, um zu arbeiten. Das war ein positiver Schock, erinnert er sich. Er ist auf keine Ablehnung gestoßen, sondern hat ganz normale, freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, die so gar nichts mit den jungen Soldaten zu tun hatten, die das Westjordanland kontrollierten. Er kann mit diesen Menschen gut reden, denn er hat im Rekordtempo Hebräisch gelernt. Und durchs Reden kommen bekanntlich die Leute zusammen. Als Kind hat er noch Waffen gebastelt. Attrappen, mit denen man nicht schießen konnte. Sieben Jahre war er alt, als 1987 der erste Palästinenseraufstand ausbrach, den man auch "Krieg der Steine" nennt, weil die Palästinenser damals noch keine Waffen hatten. Wenn es nach Osama geht, dann hätte es dabei bleiben sollen.

Nach der Jahrtausendwende, als er und Jasmin einander kennen- und lieben lernen, sind sie Anfang 20 und arbeiten in einem Tierheim in Atarot, genau in der Mitte zwischen Jerusalem und Ramallah. Dieses Grenzgebiet ist rechtliche Grauzone. Was gehört zu Israel, was zum Westjordanland? Osama, der Israel verlassen musste, nachdem der Osloer Friedensprozess von Radikalen beider Seiten bekämpft wurde und die Hamas jede Woche einen israelischen Bus in die Luft jagte, nützt diese geographische Ungewissheit. Doch vor den Augen des jungen Paars werden reale Verhältnisse geschaffen, die nicht auf ihre Liebe Rücksicht nehmen. Die Separation Wall, die Sperrmauer zwischen Israel und dem Westjordanland, wird bald fertig sein. Kurzentschlossen heiraten die beiden. Aber Osama darf trotzdem nicht in Israel bleiben. Also zieht Jasmin mit ihm nach Ramallah.

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