Die Fixierung aufs Essen ist mehr als nur kluges Marketing für Italiens Produkte und geht über Fragen des Genusses hinaus: Diese Obsession ist ein Zeichen der Zerbrechlichkeit. Das zeigt die hochemotionale Debatte über die Wurzeln der italienischen Küche.
Staubige und heiße Luft, die Straße vollgestopft mit Autos, die sich den Weg zum Strandparkplatz erkämpften: Es war einer dieser typischen heißen Nachmittage rund um Ferragosto, dem inoffiziell wichtigsten aller italienischen Feiertage am 15. August. Wobei, etwas war sehr wohl anders an diesem Ferragosto vor einigen Jahren, etwas störte die bewährte Routine dieser heiligen Urlaubswoche: Die Regierungskoalition in Rom platzte. Der Zeitpunkt war sogar für das krisenkreative Italien ein Novum.
Wir schalteten also das Autoradio ein. Dort stritt und schimpfte man heftig, diskutierte Hochbrisantes und Politisches. Allerdings waren nicht die Wirren in Rom das Thema: Die gingen diesmal wirklich allen auf die Nerven, inklusive Politikern, die auf ihre Ferragosto-Pause verzichten mussten. Die emotionsgeladene Diskussion drehte sich um heikle Fragen der Nationalethik, um den kategorischen Imperativ für korrekt-italienisches Handeln: Im Zentrum der Debatte standen die italienische Küche und ihre roten Linien.
Konkret: Ein angesagtes Restaurant in Frankreich hatte einen italienischen Koch gefeuert. Der Küchenchef hatte sich geweigert, Spaghetti alla Carbonara weich zu kochen, wie es die Gäste verlangten. Die Pasta müsse al dente serviert werden, hatte der Gastronom den Franzosen klargemacht; wohl etwas zu direkt. Der Koch war zugeschaltet, er bereute nichts. Einwände des Moderators, manchmal müsse man Zugeständnisse machen, der Gast sei König, quittierte er mit Zorn. Zuhörer gaben dem Koch recht. Er war ihr Nationalheld, ein Patriot. Im Radio war die Hölle los.
Italienisches Essen und Trinken sind ein Kult
Dieses Ereignis sagt viel aus über das Verhältnis der Italiener zu ihrer Küche: Italienisches Essen und Trinken sind ein Kult. Man hat strikte Regeln zu befolgen. Die italienische Küche hat sogar ihren eigenen Tag, den 17. Jänner. Es ist der Gedenktag für Antonius den Großen, den Schutzpatron der Fleischhauer.