Der Stolz auf das neue Abwehrmittel ist greifbar an der schleswig-holsteinischen Küste: Soldaten der Luftwaffe freuen sich über ihr neues System. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, wird ganz offiziell die Einsatzbereitschaft verkünden. Und Vertreter des Herstellers dann sehr symbolisch einen Schlüssel überreichen. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und auch der Kanzler Olaf Scholz (beide SPD) haben sich eigens zur "feierlichen Indienststellung" am Mittwochnachmittag angemeldet. Der Grund für die Freude heißt Iris-T SLM und soll die Bundesrepublik künftig vor Angriffen mit Flugzeugen und Marschflugkörpern schützen.
In der Ukraine ist dieses System seit Oktober 2022 im Einsatz. Mehr als 90 Prozent aller Angriffe mit Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen können die ukrainischen Streitkräfte damit abwehren. Iris-T SLM, hergestellt vom deutschen Rüstungsunternehmen Diehl Defence aus Überlingen am Bodensee, ist ein Lebensretter in dem von Russland angegriffenem Land. Auf dem Truppenübungsplatz Todendorf in Schleswig-Holstein wird es nun an die Flugabwehrraketengruppe 61 übergeben.
Dass der Kanzler an die Ostsee gereist ist, obwohl er nach den krachenden Wahlniederlagen der Ampelparteien in Sachsen und Thüringen sicher auch dringende Aufgaben in stadt zu erledigen hätte, zeigt, welche Bedeutung das neue Gerät für ihn hat. Die Luftverteidigung hatte Scholz vor einiger Zeit zur Chefsache erklärt.
Der Sozialdemokrat hat bei Nato- und EU-Staaten intensiv dafür geworben, dass die Europäer eine gemeinsame Flugabwehr und Luftverteidigung aufbauen. Bereits im November 2022 präsentierte Scholz die European Sky Shield Initiative (ESSI). 21 Länder haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam Waffensysteme zu kaufen. So soll die Sicherheit erhöht und gleichzeitig die Kosten möglichst gering gehalten werden. Die beteiligten Staaten könnten sich etwa bei Iris-T SLM mit Personal, Ersatzteilen und Munition aushelfen, so die Idee.
Die Bundeswehr hat sechs Iris-T SLM bestellt
Bisher allerdings haben nur Schweden, Estland, Lettland und Österreich das System beschafft, Bulgarien und Litauen wollen nachziehen. Norwegen will die Raketen in sein bestehendes System integrieren. Die Bundeswehr hat insgesamt sechs Einheiten bestellt, zwei weniger als das deutlich kleinere Österreich. Vier weitere Iris-T SLM hat die Bundeswehr bereits an die Ukraine abgegeben.
Wichtige europäische Länder wie Frankreich, Italien und Polen allerdings haben sich der ESSI nicht angeschlossen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), ein sicherheitspolitischer Thinktank aus Berlin, stellt in einer Studie fest: "Der Aufwuchs einzelner militärischer Fähigkeiten wird keinen europäischen Sky Shield ermöglichen." Dazu brauche es einen Staat, der eine Führungsrolle übernehme.
Die Bundesrepublik soll das nach dem Willen des Kanzlers sein. Was Deutschland aber derzeit in der Flugabwehr vorweisen kann, rechtfertigt diese Position kaum. Nicht nur, dass die vorhandenen Systeme entweder veraltet oder in nur kosmetischer Stückzahl vorhanden sind, es fehlt auch an Experten. "1990 umfassten die Flugabwehrraketenverbände 10.970 Dienstposten, heute sind es nur noch rund 2.300", heißt es bei der SWP. "Damit hat sich der deutsche Beitrag für die gemeinsame Luftverteidigung Europas innerhalb der Nato stark verringert. Die deutschen Fähigkeiten könnten nur eine Fläche schützen, die in etwa so groß ist wie das Stadtgebiet Berlins."
Bis zu diesem Mittwoch verfügte die Bundeswehr lediglich über ein modernes System, das Raketen und Flugzeuge wirkungsvoll bekämpfen kann. Es trägt den klangvollen Namen Patriot, stammt aus den Vereinigten Staaten und ist ebenfalls in der Ukraine im Einsatz. Auch Patriot hat sich im Krieg bewährt, vor allem bei der Abwehr von ballistischen Raketen, die schwer abzuschießen sind. Es kommt bei großen Reichweiten bis zu 100 Kilometern zum Einsatz.
140 Kommentare
Ernst von Wegen
Auch dieses Sytem wird in der Ukraine dringenden gebraucht!
Was ist denn so schwer daran zu verstehen?
Wenn es beim Nachbarn brennt dann gebe ich dem alle Feuerlöscher! Und nicht nur den kleine mit dem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum und behalte nichts für mich selber zurück!
Warum? Nicht weil ich selbstlos bin sondern weil ich weiss das der beste Brandschutz für mein eigenes Haus das löschen beim Nachbarn ist!
Ja für so eine Entscheidung muss man klar denken und Angst beiseite schieben! Aber sie ist doch so offensichtlich!
Alles liefern was die Bundeswehr, was Europa hat und den Brandherd austreten!
Grumgully
Dass unser unfähiger Finanzminister angesichts der größten Bedrohung der europäischen Friedensordnung seit 1945 und der unverhohlenen Drohungen aus Moskau gegen Deutschland aus rein parteipolitischen Gründen immer noch dogmatisch mit beiden Füßen fest auf der Schuldenbremse steht - die längst eine Deutschlandbremse ist -, wird künftig von Historikern als Hauptgrund bewertet werden dafür, dass sich der ökonomische und politische Bedeutungsverlust Deutschlands nach den Investitionsversäumnissen der Merkel-Jahre in den ausgehenden 2020er Jahren noch weiter verschärft hat.
Bogol
Was soll das Ding in der Bundeswehr? Sofort ab in die Ukraine, gerne als Leihgabe, damit wir es nach der russischen Niederlage wieder abholen können. Und was soll diese lächerliche Bestellmenge von sechs Einheiten? Sechzig hätten es mindestens sein sollen, das senkt auch die Kosten pro Einheit.
regilot
Warum gleichen sich die Artikel immer?
"Dieses und Jenes macht die Regierung zwar - aber... es ist nicht genug, es ist zu wenig ...
usw.
Wo ward Ihr all die Jahre zuvor, wo die Regierung NICHTS gemacht hat?
yberion45
Aufrüsten ja aber ohne Schulden - Somit benötigt Deutschland bestimmt noch 100 Jahre bis man sich selbst verteidigen kann.
Man muss sich mal überlegen, was für ein Schmarotzer eigentlich Europa ist:
Schön sich bequem im Schutzschirm der USA eingerichtet und dabei sich seit 30 oder mehr Jahren weigern an den Kosten beteiligen zu wollen, stattdessen wurde noch richtig naiv die Armeen runtergewirtschaftet um dann immer mehr Sozialleistungen zu verteilen und Stuhlkreise zu bilden. Getarnt hat man das, in dem man eine Phase des Friedens herbeigeblubbert hat mit solchen Konstrukten wie "Wandel durch Handel" " Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin" wie im Kindergarten, während die Kriege auf der Welt munter weiter gingen. Dann konnte man noch schön gegen die Nato demonstrieren und sie für überflüssig erklären, schließlich funktioniert Wandel durch Handel ja so toll und keiner kam auf die Idee: Wenn die angegriffen nicht in den Krieg gehen, dass der Aggressor ohne Widerstand gewinnt. Ja stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin, ein wirklich sinnvoller Konstrukt.
Dann konnte man ja noch sein antiamerikanismus Salonfähig machen, sich über die USA lustig machen und zu glauben man sei überlegen, gleichzeitig musste man hoffen, dass die USA nicht auf die Idee kommen, ihren Schutz runterzufahren.
Auch heute hat man noch nicht gelernt, man rechnet munterfröhlich alles mögliche in das 2 % Ziel der Nato herein:
Bürokratiekosten, Flüchtlingskosten, Gehälter der Soldaten.
lächerlich
Alfred Redl
Generalleutnant und Singapur-Schlingel Ingo Gerhartz weiß natürlich genau, wozu das European Sky Shield benötigt wird: zum Schutz der neu zu stationierenden US Angriffswaffen, mit deren Aufstellung Scholz die demokratische Öffentlichkeit der BRD vor kurzem vor vollendete Tatsachen stellte.
in medias res
Da wirft man 100 Milliarden hin und sagt wie weiland T. Heuss dazu
"Nun siegt mal schön".
So läufts nunmal nicht.
Wenn man fast 30 Jahre den Wehretat für überflüssig hielt muss man halt bereit sein, diese 30 Jahre eben verdichtet zu finanzieren.
100 Milliarden jedes zweite oder dritte Jahr bei gleichzeitiger Heeresstrukturreform incl. Wehrgrundpflicht- das entspräche der Notwendigkeit, um nach einem Jahrzehnt wieder abschreckend zu wirken.
Zur Zeit wirken wir eher einladend...
Jagelsonn
Herr Friedrichs, wenn Sie über eine komplexes Thema schreiben, sollten Sie sich vorher mit den Begrifflichkeiten auseinandergesetzt haben.
Es gibt keine Luftverteidigung. Wogegen sollte man sich da denn verteidigen?
Das heißt Flugabwehr. Auch die Geschwader der Bundeswehr heißen so.
Immer schön feste in die Tasten hauen, das bringt doch nichts.
Es ist mir ein Graus, was auf Zeit-Online in letzter Zeit im Ressort Technik/Wissenschaft ausgeliefert wird.