Wie aus meinen verlorenen 750 Euro 32.500 Euro wurden
Frankfurt. Es ist der Albtraum aller Privatanleger: Was, wenn das mühsam Ersparte und Investierte im Depot nicht mehr sicher ist, weil der Anbieter pleitegeht?
Was aber, wenn man das Investierte dann ganze zehn Jahre später wider Erwarten doch zurückbekommt? Dazu noch mit einer schier unfassbaren Rendite von 4.233 Prozent?
Was wie ein Märchen klingt, ist Sascha Steiger, 48, Informatiker aus Dortmund, passiert. Seine Bitcoin
Erst mal ein kleiner Exkurs.
Bekanntlich sind Banksparer in Deutschland und der EU dank der gesetzlichen Einlagensicherung abgesichert.
Zudem sind die meisten Banken Mitglied in der freiwilligen Einlagensicherung, sodass Kunden mit deutlich höheren Einlagen im Ernstfall ganz entschädigt werden.
Beispiel Bitcoin: Bei Krypto-Assets droht der Totalverlust
Bei Anlagen in Kryptowährungen ist das anders. Hier greift keine gesetzliche Entschädigungseinrichtung. Wer bei einer Kryptobörse wie Coinbase
Und Pleiten passieren in der Kryptowelt gar nicht mal so selten. Seit 2022 mussten gleich vier Kryptobörsen Insolvenz anmelden: die damals mit einem täglichen Handelsvolumen von zehn Milliarden Dollar und über einer Million Nutzern weltweit drittgrößte Kryptobörse FTX, dazu Bitfront, Genesis und Blockfi.
Der Aufstieg und Fall des Krypto-Riesen Mt. Gox
Der wohl größte Kryptohack ereignete sich 2014, als der damals mit Abstand größte Kryptohandelsplatz Mt. Gox völlig überraschend pleiteging. Auf ihrem Höhepunkt hatte die japanische Plattform über 70 Prozent der weltweiten Bitcoin-Transaktionen abgewickelt. Nachdem rund 850.000 Bitcoin – später reduzierte man die Summe auf 650.000 Bitcoin – spurlos von der Plattform verschwunden waren, stellte Mt. Gox 2014 einen Insolvenzantrag.
Nach Angaben des Unternehmens haben ein technischer Fehler bei den Transaktionsabwicklungen sowie ein Hackerangriff zum Verschwinden der Bitcoin geführt. Zurück blieben jedenfalls Coins im Schadenwert von damals 450 Millionen und heute 20 Milliarden Dollar sowie Hunderttausende Gläubiger, rund um den Globus verstreut, die ihre Ansprüche geltend machten.
Die Geschichte von Bitcoin-Investor Sascha Steiger
Einer von ihnen ist Sascha Steiger, 48. Der ausgebildete Informatiker leitet als Chief Information Officer (CIO) den IT-Bereich eines IT-Dienstleisters in Dortmund. Das Thema Vermögensaufbau begleitet ihn schon lange.
Seit er 18 ist, beschäftigt sich Steiger intensiv mit Aktien, Finanzen, Börse und Geldanlage. Anfang der 90er kaufte er seine ersten Aktienfonds, dann im Neuen Markt vor der Jahrtausendwende auch Einzelaktien. Später handelte er gar mit riskanteren, hochvolatilen Anlageprodukten wie Optionsscheinen und Knock-out-Zertifikaten. Und dann eben auch mit Bitcoin.
Dem Handelsblatt erzählt Steiger, wie er bereits 2013 in die damals noch ganz neue Währung investierte. Und wie er sich fühlte, als er seine Investition 2014 vermeintlich ganz verlor und als er sie zehn Jahre später dann doch wider Erwarten erstattet bekam:
„2013 stieß ich in einer IT-Zeitschrift auf die damals noch sehr neue Kryptowährung Bitcoin. Anfangs war ich skeptisch und fragte mich, wie das funktionieren soll: eine dezentralisierte, digitale Währung. Aber ich wollte es wenigstens wagen und in meinem Portfolio eine kleine Bitcoin-Position eröffnen.
Das war gar nicht so leicht. In Deutschland konnte man die Währung nur schwer kaufen, schließlich gab es Bitcoin erst seit 2009. Ich war wirklich sehr früh dran. Die beste Option war die japanische Kryptobörse Mt. Gox. Mt. Gox war damals die mit Abstand größte Bitcoin-Handelsplattform weltweit und wickelte auf dem Höhepunkt über 70 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen ab.
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Doch in Europa arbeitete Mt. Gox nur mit einem einzigen Dienstleister in Polen zusammen. Ich musste also erst mal Geld von meinem deutschen Bankkonto auf ein polnisches Konto überweisen. Das tat ich. Fünf Minuten später rief mich meine Sparkassenberaterin an und fragte mich, ob ich mir mit der Überweisung sicher sei. Das polnische Konto stehe unter Betrugsverdacht.
Ich musste meiner Bank damals eigens schriftlich per Mail bestätigen, dass ich die 750 Euro unbedingt investieren will: 50 Euro in Cash und 700 Euro in 2,7 Bitcoin. Bis heute erinnere ich mich an die besorgte Bankberaterin, weil es so ein guter Vorausblick war auf das, was danach passierte.
2014 fingen die Gerüchte über Mt. Gox an. In Kryptoforen berichteten erste Nutzer, dass sie nicht mehr an ihre Einlagen auf der Plattform herankämen, dass Mt. Gox alle Auszahlungen an Kunden gestoppt habe. Angeblich wegen technischer Störungen und interner Sicherheitslücken. Wenig später war die Plattform dann gar nicht mehr zu erreichen. Ich konnte mich nicht mehr einloggen. Dann wurde der Handel abrupt ganz eingestellt.
Im Februar 2014 stellte das Unternehmen dann einen Insolvenzantrag.
Und für mich ein ganz schöner Schock. Wie konnten so viele Bitcoin auf einen Schlag spurlos verschwinden? Und dann auch noch beim Weltmarktführer, der damals mit Abstand größten Bitcoin-Börse, in einem so fortschrittlichen Land wie Japan.
Dazu gab es auch nur spärlich neue Infos, viel lief über Online-Kryptoforen. Bis heute weiß man nicht sicher, wer Mt. Gox damals gehackt, die Bitcoin gestohlen und das Geld entnommen hat. Wahrscheinlich waren es Insider. Doch eigentlich war mir das ganz egal.
Schließlich war mein investiertes Geld futsch. Zwar hatte ich mir vorstellen können, dass der Bitcoin-Kurs über die Jahre schleichend sinken würde. Doch mit so einem Totalverlust hatte ich nie und nimmer gerechnet. Und dann auch noch durch einen Hack, den bis dahin größten Bitcoin-Hack überhaupt. Was für ein Pech. Immerhin hatte ich nur 750 Euro investiert. Damit beruhigte ich mich. Die Investition war eh nur Spielgeld gewesen, ein zarter Versuch, an der neuen Währung zu partizipieren.
Trotzdem ärgerte ich mich, dass ich die Bitcoin damals nicht direkt in eine externe Cold Wallet übertragen hatte, um auf Nummer sicher zu gehen. Wusste ich doch, dass die gesetzliche Einlagensicherung bei Kryptoassets nicht greift und eine Kryptobörse gehackt werden kann.
Doch bei 750 Euro Gegenwert hatte ich den Aufwand einfach gescheut. Und hatte Angst davor, das Passwort für meine Wallet zu vergessen und dann gar nicht mehr an meine Coins zu kommen. Da gibt es ja einige Berichte von Leuten, die aus Schusseligkeit an Millionenbeträge in Bitcoin nicht mehr rankommen.
Ich jedenfalls schrieb das Geld schnell ab. Sei’s drum, und weiter geht’s.
Doch dann landete Ende 2016, zweieinhalb Jahre nach der Insolvenz von Mt. Gox, die Mail eines japanischen Treuhänders in meinem Mail-Postfach. Auf Japanisch und Englisch. Der Treuhänder kümmere sich um die Abwicklung der Ansprüche von Gläubigern wie mir. Ich war erstaunt. Dass ich mein Geld je wiedersehen würde, dachte ich damals nicht.
Zum Glück hatte ich mich getäuscht. Das Insolvenzverfahren lief schon über Jahre – und es ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Ständig wurden Fristen verlängert. Wegen der Komplexität und der vielen Gläubiger verzögerte sich der Prozess immer wieder. Bis heute wurden von den ehemals 850.000 Bitcoin von Mt. Gox nur etwa 200.000 wiedergefunden.
In der ganzen Zeit seit 2016 habe ich bestimmt über 50 E-Mails auf Japanisch und Englisch zum aktuellen Stand zugeschickt bekommen; dazu auch mal eine Postkarte ohne Motiv oder 100 Seiten Gerichtsdokumente per Einschreiben aus Japan zu mir nach Dortmund. Bei vielen Dokumenten verstand ich nur Bahnhof. Um meine Ansprüche geltend zu machen, musste ich meine Identität und die Existenz meines alten Kontos verifizieren. Und mich bei einer der für die Auszahlung genutzten Kryptobörsen registrieren.
2022 genehmigte das japanische Gericht dann endlich den Auszahlungsplan des Insolvenzverwalters. Wie sich meine Ansprüche nach japanischem Insolvenzrecht errechnen, war überaus kompliziert. Ich musste das Dokument sieben Mal lesen, bis ich es in etwa verstand. Es gab eigens Onlinerechner für Mt.-Gox-Geprellte, mit denen man errechnen konnte, was einem zusteht.
Lange war unklar, wie ausgezahlt wird: Für meine Bitcoin sollte ich ursprünglich nur den Euro-Gegenwert von damals, zum Zeitpunkt der Mt.-Gox-Insolvenz, bekommen. Das wäre verdammt ärgerlich gewesen! War der Kurs seit 2014 doch von etwa 500 Dollar auf heute über 65.000 Dollar gestiegen. Eine wahnsinnige Rendite! Dann verschob sich der Auszahlungszeitplan auch noch zwei Mal.
Im März 2024 gingen dann aus dem Nichts 1100,39 Euro auf meinem Bankkonto bei der Sparkasse ein. So viel gab es für die 50 Euro, die ich zu Mt. Gox transferiert hatte. Das ist wohl der Mindest-Cashbetrag, der jedem Gläubiger zusteht.
Im Juli zahlte Mt. Gox dann endlich auch die fehlenden Bitcoin aus. Ich schaue eh einmal pro Tag in meine Depots. Da sah ich dann letzte Woche, dass meinem Konto bei der Kryptobörse Kraken plötzlich 0,52 Bitcoin gutgeschrieben wurden, als Anspruch der 2,7 Bitcoin von damals. Heutiger Gegenwert: etwa 31.500 Euro!
Aus meinen anfänglichen 750 Euro sind so in elf Jahren also mehr als 32.500 Euro geworden – ergibt eine unfassbare Rendite von 4.233 Prozent, pro Jahr mehr als 45 Prozent Rendite.
Die Bitcoin habe ich fast alle direkt mal verkauft und die Gewinne realisiert. Denn die Auszahlungen an die Gläubiger fanden zeitgleich statt: Allein an „meine“ Bitcoin-Börse Kraken wurden von den Mt.-Gox-Treuhändern 44.500 Bitcoin im Wert von über 2,8 Milliarden Dollar überwiesen. So wie ich würden wohl viele ihre Bitcoin gleich wieder verkaufen, so meine Überlegung. Bevor der Kurs deshalb womöglich sinken würde, verkaufte ich also so schnell wie möglich.
Ich bin ganz sicher: Wäre das alles nicht passiert mit der Insolvenz, hätte ich die Bitcoin niemals so lange gehalten. Als Nicht-Bitcoin-Jünger kann ich nicht nachvollziehen, wieso die Kryptowährung heute so hoch bewertet ist. Denn sie verschwendet enorm viel Energie und hat keine konkreten Anwendungsfälle. Bei Aktien stecken immerhin Unternehmen dahinter, die Dinge produzieren und Wert schaffen – doch beim Bitcoin? Ich sehe darin einfach keinen Mehrwert.
Ich hätte also schon viel, viel früher verkauft. Allerspätestens, wenn aus den anfänglich 750 Euro 7500 Euro geworden wären. Dann hätte sich mein Einsatz ja bereits verzehnfacht. Welcher Investor träumt denn nicht von einem solchen Tenbagger!
Wahrscheinlich hätte ich sogar noch viel früher verkauft, Stück für Stück in die steigenden Kurse hinein, um Gewinne mitzunehmen. Im Endeffekt kann ich mich also fast glücklich schätzen, dass Mt. Gox damals pleitegegangen ist.
Für mich war das jetzt ein Riesenbatzen Geld auf einen Schlag. Ich habe mich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet, bin Arbeiterkind. Zu Hause war Geld immer knapp. Und nun, ganze elf Jahre später, diese enorm hohe Rendite! Ich bin einfach dankbar dafür und freue mich.“
So wie Steiger ging es nach zehn langen Jahren des Wartens auch den anderen Gläubigern. Laut dem US-Tech-Magazin „Wired“
142.000 Bitcoin, deren Wert in der Zeit um das 140-Fache gestiegen ist, von knapp 550 auf aktuell mehr als 65.000 Dollar.
Mehr: Warum eine Krypto-Pleite von 2014 jetzt den Bitcoin-Kurs bewegt
Erstpublikation: 02.08.2024, 04:00 Uhr.