Vor drei Wochen schloss die Kunstausstellung Documenta in Kassel. Doch die Debatte über die dort ausgestellten antisemitischen Kunstwerke geht weiter. Der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, Maram Stern, sagte am Montag, die Documenta markiere „einen der schwersten Fälle von Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgeschichte“.
Wie konnte es so weit kommen? Und welche Rolle spielte die Bundesregierung – insbesondere die Beauftragte für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), aus deren Fördertopf die Großveranstaltung mit rund 3,5 Millionen Euro mitfinanziert wird? Die „Jüdische Allgemeine“ hatte Roth im Juni vorgeworfen, trotz zahlreicher Warnungen aus der jüdischen Gemeinde zu wenig getan zu haben, um die Ausstellung von antisemitischen Kunstwerken zu verhindern.
WELT erhielt über das Informationsfreiheitsgesetz Einsicht in den gesamten Schriftverkehr zwischen der Behörde und der Documenta-Leitung. Besonders relevant erscheint eine E-Mail, die Roths Amtsleiter Andreas Görgen am 17. Januar an Roth, den Kassler Oberbürgermeister, die hessische Kulturministerin, die damalige Documenta-Chefin Sabine Schormann und die Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, sandte.
Im Sommer hatte bereits der „Spiegel“ aus dem Schreiben zitiert. Aus der Mail gehe hervor, „dass die Kulturstaatsministerin frühzeitig auf die Vorwürfe reagierte und auch konkrete Vorschläge machte, wie sicherzustellen sei, dass auf der Documenta weder antisemitische Kunst gezeigt noch antiisraelischer Hetze eine Bühne geboten werde“, deutete das Nachrichtenmagazin. Doch beim Blick auf den Wortlaut der Mail drängt sich eine andere Interpretation auf.
(Lesen Sie die Mail hier im Wortlaut)
Zu konkreten Maßnahmen, die eine Ausstellung antisemitischer Kunst verhindert hätten, äußert sich Görgen darin nicht. Vielmehr konstatiert Roths Abteilungsleiter, dass der „mediale Druck“ auf die Documenta groß sei. „Forderungen nach Ausladungen von Künstlerinnen oder Künstlern“ würden erhoben und könnten, „wenn wir nicht schnell und umsichtig handeln“, die Documenta gefährden. Görgen gab eine Leitlinie vor, die einen politischen Eingriff sogar von vornherein ausschloss: „So weit als immer möglich“ solle verhindert werden, „dass Regeln des politischen Diskurses die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Kunst und der Wissenschaft beschränken.“
Das Kasseler „Bündnis gegen Antisemitismus“ hatte der indonesischen Kuratorengruppe Ruangrupa zuvor vorgeworfen, antizionistische Vorurteile zu bedienen, zahlreiche geladene Künstler würden die antisemitische BDS-Kampagne unterstützen.
Internationaler Beirat kommt nie zustande
Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committee (AJC) in Berlin, kritisiert: „Aus der Mail wird ersichtlich, dass die Handelnden fast ausschließlich um den Ruf der Documenta besorgt waren. Eine Haltung, die bei allen Verantwortlichen lange und bei einigen selbst dann noch vorherrschte, als im Wochentakt antisemitische Propaganda auf der Kunstausstellung entdeckt wurde.“ Dass sich bis heute niemand für den Schaden entschuldigt habe, der entstanden sei, halte er für einen „fortwährenden Skandal“.
Um den Kritikern die Angriffsfläche zu nehmen, hatte Görgen in seiner Mail weiterhin vorgeschlagen, dass sich der Aufsichtsrat der Documenta von einem internationalen Beirat beraten lassen könnte, der die Vorwürfe an zwei Arbeitstagen pro Monat „aufarbeiten“ solle. Eine Möglichkeit auf die Kuration Einfluss zu nehmen, was für die Verhinderung judenfeindlicher Motive nötig gewesen wäre, erwähnte Görgen nicht. Der Beirat kam nie zustande. Der „Spiegel“ berichtete später, Kassels Oberbürgermeister habe eine Zensur der Veranstaltung befürchtet.
Und noch eine Passage der Mail ist bemerkenswert. Darin betont Görgen die besondere Schutzwürdigkeit der Kunstausstellung vor Eingriffen aus der Politik – und rekurriert dabei ausgerechnet auf den NS. Die Documenta müsse ihre Tradition, einen internationalen Raum für Kunst zu schaffen, fortsetzen – „gerade in einem Land, das sich wie kein anderes an der Freiheit der Kunst vergangen hat“.
AJC-Direktor Leemhuis zeigt sich darüber irritiert: Die Verantwortlichen hätten sich scheinbar nicht mit der Frage beschäftigt, ob an den damals vorliegenden Erkenntnissen über die Verbindung zu antisemitischen Boykottbewegungen gegen Israel durch Mitglieder von Ruangrupa und der Findungskommission etwas dran sei. Stattdessen habe man „die Kritik daran mit dem Hinweis auf die deutsche Geschichte und die NS-Kulturpolitik verleumdet“. Das Büro der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien beantwortete eine WELT-Anfrage zu den Vorgängen nicht in der gesetzten Frist.
Görgens eigene Haltung zum BDS sorgte in der Vergangenheit für Spekulationen. Im Jahre 2020 schlossen sich führende deutsche Kultureinrichtungen und Kunstschaffende zur „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ zusammen und protestierten gegen die Bundestagsresolution, die die Israel-Boykottbewegung als antisemitisch eingestuft hatte. In einem veröffentlichten Plädoyer dankten die Initiatoren namentlich Görgen – „für fachlichen Rat und Diskussionsbeiträge“. Görgens damaliger Arbeitgeber, das Auswärtige Amt, reagierte schnell und verlautete: Dieser habe „bei der Formulierung des Aufrufs nicht mitgewirkt“ und sich den Text „ausdrücklich nicht zu eigen gemacht“.