Gehört die Neoklassik ins Grundstudium?
Die Professoren Louis-Philippe Rochon und Sergio Rossi rechnen mit der Neoklassik in den Universitäten ab. Die herrschende Wirtschaftswissenschaft sei nicht nur falsch, ihr liegen auch folgenschwere ethische Prämissen zugrunde.
Die Liste von Artikeln, Blogs und Büchern, die der Neoklassik ‚vulgärökonomische‘ Fehler nachweisen, ist lang. Zu lang, um sie an dieser Stelle ausführlich zu erörtern. Im Universum der postkeynesianischen und heterodoxen Literatur sind solche Texte leicht zu finden. Autoren wie Paul Davidson haben wiederholt angezweifelt, ob der neoklassische Realismus die reale Welt auch realistisch beschreibt. Andere wiederum, wie Vicky Chick, beklagen unter anderem die methodologischen Mängel der neoklassischen Ökonomik: ihren atomistischen Individualismus, ihre Gleichgewichtsannahmen sowie selbstregulierende Mechanismen, von denen sie ausgeht.
Für einige, wie etwa Steven Klees von der University of Maryland, ist die neoklassische Ökonomie schlicht „tot“. Doch nur ein kurzer Blick in fast alle Zeitschriften und Universitätsfakultäten zeigt, dass dem keinesfalls so ist. Im Gegenteil: Sie floriert in den Universitätsfakultäten und gilt noch immer als einzige erwägenswerte Option. Und das trotz des Aufkommens heterodoxer Ansichten, die sich langsam in den Mainstream einschleichen. Ein zunehmend populärer werdende Denkschule in der Heterodoxie ist die Modern Monetary Theory (MMT).
Eine zutreffendere Einordnung als John Klees mit seiner Todeserklärung an die Neoklassik liefert vielleicht John King. Er stellt fest, dass „die gängige makroökonomische Theorie falsch ist und schädliche Folgen hat, wenn sie als Grundlage für die Wirtschaftspolitik verwendet wird.“ Damit schließt er an John Maynard Keynes Aussage in der General Theory, wo es heißt:
"Die Eigenheiten des von der klassischen Theorie vorausgesetzten Sonderfalles weichen überdies von denen unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse ab, und ihre Lehren werden daher irreführend und verhängnisvoll, wenn wir versuchen, sie auf die Tatsachen der Erfahrung zu übertragen."
Verhängnisvoll, in der Tat. Die Kluft zwischen Modell und Wirklichkeit war auch damals offensichtlich, wie Keynes in einem Essay aus dem Jahr 1930 anmerkte:
„Wir haben uns in ein kolossales Durcheinander verwickelt, weil wir bei der Steuerung einer empfindlichen Maschine, deren Funktionsweise wir nicht verstehen, einen Fehler gemacht haben. So bleiben Wohlstandschancen für eine gewisse Zeit – vielleicht auch für lange Zeit – ungenutzt.“
Man muss nicht lange suchen, um Beweise für solche „Fehler“ in der heutigen Zeit zu finden. Vor allem geld- und fiskalpolitische Austerität fügt den Arbeitnehmern erheblichen Schaden zu. Sparpolitik wird unter der Annahme durchgesetzt, dass es –wie einst Margaret Thatcher ihre neoliberale Reformpolitik legitimierte – „keine Alternative gibt“.
Sparmaßnahmen und sogar expansive Geldpolitik waren Teil neoliberaler Politiken. Sie wurden von verschiedenen Regierungen in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten ergriffen, aber insbesondere seit den 1980er-Jahren verstärkt angewendet. Sie gipfelten in der globalen Finanzkrise ab 2007, die auch als „Krise in der Warteschleife“ (crisis in the wait) bezeichnet werden kann – eine unvermeidliche Krise. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das System zusammenbrach.
Wirtschaftspolitik, die von der Neoklassik abgeleitet wird, sieht „den Markt“ als idealen Lenker der Wirtschaft. Diese Vorstellung mündet in einer Politik der Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung, die dazu neigt, einige mehr zu begünstigen als andere. Natürlich wird auch eine Politik Gewinner und Verlierer hervorbringen, die von postkeynesianischen Ideen inspiriert ist. Aber der Postkeynesianismus geht davon aus, dass eine ausgewogene Verteilung von Einkommen, Reichtum und Macht wirtschaftlich effektiver ist als eine neoliberale Politik, die sie in den Händen von möglichst wenigen Personen konzentrieren will.
Die Neoklassiker argumentieren, dass Sparpolitik notwendig ist, um die Inflation zu bekämpfen. Teuerung gilt als wirtschaftliches und soziales Übel, weshalb eine niedrige und stabile Teuerungsrate das Ziel der Zentralbanken ist. Doch bereits 1974 warnte James Tobin in der New York Times vor den Folgen der Inflationshysterie, die Gefahr läuft, die wirtschaftliche Entwicklung weit unter ihrem Potenzial zu halten.
Drastischer formuliert es Keynes. Sparsamkeit gehöre „zu der Art von Heilmitteln, die Krankheiten kurieren, indem sie den Patienten töten“. Da die Inflation die realen Vermögenswerte wohlhabender Eliten deflationiert, darf für sie der Kampf gegen die Inflation um jeden Preis geführt und auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden. So wie die Anti-Inflationspolitik den Reichtum der Rentiers vergrößert, erhöht sie zugleich die Arbeitslosigkeit.
Die (Un)moral der Neoklassik
Sowohl Post-Keynesianer im Besonderen als auch heterodoxe Ökonomen im Allgemeinen haben die neoklassische Theorie ausführlich kritisiert. Trotzdem blieb bisher die wichtigste und naheliegendste Frage außenvor: Sollten Studenten der Wirtschaftswissenschaften die Neoklassik lernen? Schließlich werden in universitären Physikkursen weder die Theorie der flachen Erde noch geozentrische Modelle des Universums gelehrt. Überholte und falsifizierte Theorien haben in der Hochschullehre nichts zu suchen. Warum also lehren heterodoxe Ökonomen immer noch die neoklassische Wirtschaftslehre?
Tim Thornton von der Boston University liefert eine Antwort auf diese Frage: Die Neoklassik hat weit über die universitären Grenzen hinaus Konsequenzen. Sie prägt den Verstand der nächsten Generation von Politikern, Wählern und Bürgern.
Dass die neoklassische Wirtschaftslehre falsch ist, nicht die reale Welt repräsentiert und ihre Politik katastrophal Folgen haben kann, ist tragisch genug. Es gibt jedoch noch mehr zu bedenken. Die Heterodoxie diskutiert zunehmend die neoklassische Ethik und Moral. In dem kürzlich erschienenen „Handbook of Teaching Ethics to Economists“ stellen die Herausgeber Ioana Negru, Craig Duckworth und Imko Meyenburg einleitend fest, dass Ethik in der neoklassischen Ökonomie „keinen Platz" hat. Damit folgen sie Joan Robinsons Verdikt von 1978, dass in der Neoklassik das „moralische Problem abgeschafft ist".
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was genau Studierenden beigebracht wird, wenn sich Dozenten auf die neoklassische Wirtschaftslehre stützen. Welche Werte vermitteln sie den Schülern?
In den Seminaren und Vorlesungen zur Mikro- und Makroökonomie wird ein vom Eigeninteresse beherrschter homo oeconomicus modelliert. Das egoistische Streben nach dem eigenen Nutzen diene der Gesellschaft. Sich auf andere zu verlassen oder sich um andere zu kümmern, führe – wie es Margaret Thatcher sagte – zu "banalen und bürokratischen Instrumenten des Zwangs, der enteignenden Besteuerung, der Verstaatlichung und der repressiven Regulierung".
Mit anderen Worten: Die Ökonomen von morgen lernen, dass das Streben nach Eigennutz für wirtschaftliches Wachstum am besten ist. Dementsprechend ist „eine wichtige Grundannahme der konventionellen oder neoklassischen Ökonomik, dass ethisches Verhalten der Wirtschaft am ehesten schadet“, so Morris Altmann von University of Dundee.
Der berühmte US-amerikanische Soziologe Amitai Etzioni untersuchte 2015 in einer Studie mit dem Titel „The Moral Effect of Economic Teaching“ die Auswirkungen des (neoklassischen) Wirtschaftsunterrichts auf Studenten. Er fragte sich, ob „entartete“ (debased) Studenten durch eine Art Selbstauswahl zu den Wirtschaftswissenschaften hingezogen werden oder, ob der neoklassische Unterricht diese Entwertung mitverursacht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Wirtschaftswissenschaftler und Studenten der Wirtschaftswissenschaften mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Reihe von 'entarteten' moralischen Verhaltensweisen und Einstellungen zeigen.
Dass selbst die Teilnahme an einem Kurs in neoklassischer Wirtschaftswissenschaft die menschliche Moral entwertet, könnte darauf hinweisen, dass der Kurs bereits vorhandene Neigungen zu solchen Haltungen verstärkt. In einer Welt, die zunehmend vom Finanzwesen und von Gier beherrscht wird, sind solche Entwicklungen besorgniserregend. Man könnte mit der Ökonomin Julie Nelson fragen: Haben wir uns einfach an die Gier gewöhnt? Sie schreibt:
"Ein Bild vom Wirtschaftsleben, das von Natur aus durch Eigeninteresse, mechanische Kontrollierbarkeit sowie Nutzen- und Gewinnmaximierung gekennzeichnet ist, hat viele Geschäftsleute, Richter, Soziologen, Philosophen, Politiker, Kritiker der Wirtschaftswissenschaften und die breite Öffentlichkeit dazu gebracht, Gier und Opportunismus zu tolerieren, zu erwarten oder zu fördern."
Die neoklassische Ökonomik wägt nicht nach ethischen Kriterien ab, sie stützt sich auf mathematische Modelle und Raffinessen, welche die Idee des homo oeconomicus stützen. Aber kann es eine mathematische Gleichung für ethisches Verhalten geben?
Warum man die Neoklassik dennoch lehren sollte
Es gibt dennoch einen wichtigen Grund, der für die neoklassische Wirtschaftslehre im Grundstudium spricht. Absolventen der Wirtschaftsfakultäten würden es schwer haben, einen Job zu finden, ohne sich in unserem neoklassischen Universum auszukennen. Die Welt wird von der Neoklassik beherrscht – und um einen Arbeitsplatz zu bekommen, müssen die Studenten ihre Sprache sprechen.
Joan Robinson sagte einmal, beim Studium der Wirtschaftswissenschaften ginge es darum, „nicht von Ökonomen getäuscht zu werden“. Und die unbequeme Wahrheit ist, dass die reale Welt – ob nun zu Recht oder zu Unrecht – von der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft dominiert wird, die in jeden Winkel unseres Lebens hineinreicht.
Wer die Neoklassik kritisieren will, muss sie kennen und verstehen. Den Studenten muss bewusst werden, was an ihr falsch ist und was sich mit der Logik der Märkte nicht erklären lässt. Es muss also unterschieden werden zwischen der Erkenntnis, dass Märkte nicht den Gesetzen der neoklassischen Ökonomie folgen, und der Tatsache, dass die Welt von ihrer Praxis beherrscht wird. Politikwissenschaftler, Politiker, Banker und Professoren ziehen es vor, jene Aspekte des realen wirtschaftlichen Verhaltens, die nicht mit neoklassischen Grundsätzen übereinstimmen, zu ignorieren oder herunterzuspielen. Diese Widersprüche sollten Teil der universitären Lehre sein.
Meisterökonomen sind gefragter denn je
Was sollte einen zeitgemäßen Ökonomen auszeichnen? Keynes schrieb einmal, der „Meisterökonom“ müsse „in gewissem Maße Mathematiker, Historiker, Staatsmann und Philosoph sein“ und „das Besondere im Hinblick auf das Allgemeine betrachten“ als auch „die Gegenwart im Licht der Vergangenheit studieren, um die Zukunft zu gestalten.“ Der moderne Ökonom wäre insofern Universalist, als „[k]ein Teil der Natur des Menschen oder seiner Institutionen […] völlig außerhalb seiner Betrachtung lieg[t].“
Das erinnert an eine Zeit, als die Ökonomik noch als Sozialwissenschaft galt. In einer Epoche der vielen Krisen ist sie gefragter denn je: Klimawandel, ökologische Probleme, soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, finanzielle Instabilität, Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, Krisen der Privatverschuldung, Krise des sozialen Wohnungsbaus, Krise der Ernährungssicherheit, Kriege oder geopolitische Konflikte.
Wenn die Politik an diesen Herausforderungen scheitert, weil sie aus der neoklassischen Theorie abgeleitet wird, machen wir Professoren uns als Mittler dieser Theorie mitschuldig an den Krisen, über die wir so viel reden.
Die ursprüngliche Version dieses leicht abgewandelten Beitrags erschien auf Kritica Economica.