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Meinung Pflanzenzucht

Wir sitzen so in der Tinte, dass wir die Grüne Gentechnik einfach versuchen müssen

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Wissenschaftler versprechen sich viel von der Züchtung im Labor
Quelle: picture alliance/allOver/MEV/Karl Thomas
Mehr als 1000 Forscher fordern die EU in einem offenen Brief auf, die „Panikmache“ in Sachen Grüner Gentechnik zu beenden. Sie wünschen sich weniger Einschränkungen für die sogenannten Genscheren. Ist das eine gute Idee?

Zwei Nobelpreisträgerinnen führen die Liste an. Zu den Unterzeichnern zählen aber noch 33 weitere Nobelpreisträger und mehr als 1000 Forscher, das ist schon was. Sie haben einen geharnischten Brief an die EU-Parlamentarier geschrieben. Die Wissenschaftler fordern die EU-Angeordneten auf, ein für alle Mal Schluss zu machen mit der „Dunkelheit wissenschaftsfeindlicher Panikmache“. Sie fordern, bei der Pflanzenzüchtung endlich „neue genomische Techniken“ (NGT) einsetzen zu dürfen.

Da sind ganz schön viele Emotionen herauszulesen – und für Laien einiges an Fachjargon zu verstehen. Aber es ist wichtig zu begreifen, wie wichtig das Thema ist. Es geht alle an, es geht um eine Revolution in der Landwirtschaft. Und vielleicht auch in der Natur.

Neue genomische Techniken bedienen sich der sogenannten Genscheren, um Erbgut von Einzellern, Tieren oder eben Pflanzen zu verändern. Crispr-Cas9-heißt das bekannteste Modell, das nun seit gut zehn Jahren in der Anwendung ist. Für dessen Entdeckung und Entwicklung erhielten die beiden prominentesten Unterzeichnerinnen des Briefes, die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die US-amerikanische Biochemikerin Jennifer Doudna, 2020 den Nobelpreis.

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Diese Art von Genscheren haben ein neues Zeitalter in der Gentechnik eingeläutet, die sogenannte Genomchirurgie. Mit diesen Verfahren kann punktgenau eine bestimmte Stelle in der DNA gefunden und bearbeitet werden: Einzelne Gene lassen sich damit entfernen, hemmen, verbessern oder austauschen. Was mit althergebrachtem Kreuzen erst in Jahrzehnten – oder gar Jahrhunderten – entsteht, kann mittels Genchirurgie nun in wenigen Jahren erreicht werden. So gelingen neue Züchtungen außerdem unkomplizierter als etwa mit Hilfe von radioaktiver Bestrahlung.

Wissenschaftler argumentieren schon lange, dass man mit derart präzisen Veränderungen Nahrungspflanzen so weiterentwickeln könnte, dass sie die sich derzeit ankündigenden tiefgreifenden Klimaveränderungen unbeschadet überstehen, oder wie es die für Landwirtschaft zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides formuliert: Mit dieser Labortechnik würden die Werkzeuge zur Verfügung stehen, um „die Lebensmittelsicherheit und sogar unseren Lebensstil“ zu wahren.

Deswegen hat Kyriakides ein neues Gesetz geschrieben – keine Prüfverfahren mehr für genchirurgisch veränderte Pflanzen, keine Kennzeichnungspflicht mehr für die daraus entstehenden Produkte. Am 24. Januar wird der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments seine Meinung dazu mitteilen, am 5. Februar kommt der Entwurf ins EU-Parlament. Die Forscher würden sich ein zustimmendes „Ja“ in beiden Gremien wünschen. Aber die Verbraucher stehen solchen per Blitzevolution im Labor erzeugten Gewächsen eher kritisch gegenüber.

Die EU-Kommissarin ist eine mutige Frau. Weiß sie, was sie tut? Oder sollte man auf die Vorsichtigen hören? Dass Wissenschaftler, die dieser Technologie ihr Forscherleben widmen und damit auch ihren Lebensunterhalt bestreiten, das gern so hätten, das ist keine Überraschung. Sehr überraschend ist hingegen, wer den Aufruf der Wissenschaftler verbreitet: eine Umweltorganisation namens WePlanet; der Brief ist Teil der Kampagne „Give genes a chance“. Nach eigenen Angaben handelt es sich um „ein Netzwerk verschiedener Graswurzelbewegungen“. Dieses agiert online, eine Postadresse gibt es nicht.

Lobbyisten in der Brüsseler Blase

WePlanet hat die Umwelt zum Thema, verfolgt allerdings andere Lösungsideen als viele der weithin bekannten Akteure in diesem Bereich. So fordert die Organisation beispielsweise Atomkraft als Lösung für das Klimagasdilemma, und dass die EU eine Industrie aufbaut, die weltweit führend bei veganem Fleischersatz werden soll. Man kann WePlanet wohl getrost als grundsätzlich technologieoffen bezeichnen. Und als etwas undurchsichtig.

Die Forscher dagegen, die sich nun zu Wort melden, haben einen untadeligen Ruf. Mit der Genschere könne man den Einsatz von Pestiziden und Dünger drastisch senken, und angesichts des Klimawandels sicherstellen, dass es weiterhin überhaupt eine Landwirtschaft gibt, die alle Menschen ernähren kann. Die neuen Technologien würden „ein enormes Versprechen“ bergen, heißt es in dem offenen Brief. Dass es hätte eingelöst werden können, das hätten die „wissenschaftsfeindlichen Lobbyisten in der Brüsseler Blase“ verhindert.

Wenn so viel Ärger zwischen den Zeilen steht, dann hilft nicht noch mehr Emotion, sondern ein Blick in die Fakten. Natürlich sind Pflanzen denkbar, die mit weniger Nährstoffen schneller wachsen, sich gegen Fraßfeinde und Konkurrenten durchsetzen können und die es nicht kümmert, wenn es im Sommer in Mitteleuropa künftig so heiß ist wie heute auf Sizilien. Was in den Laboren und Gewächshäusern teils vielversprechend gedeiht, muss sich im großen Maßstab auf dem Acker aber erst noch beweisen.

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Dass die großen Hoffnungen bisher nicht erfüllt wurden, liegt nicht nur an den repressiven Gesetzen der EU: Nach zehn Jahren der Übung mit Crispr-Cas haben selbst Gentechnik-Euphoriker wie die USA oder China diesen Sprung bisher nicht geschafft. Denn selbst wenn nicht das gesamte Genom durcheinander gewürfelt wird, sondern man nur einzelne Gene verändert: Auch diese Pflanzen stehen eben nicht alleine im Feld, sondern sie sind dann Teil eines komplexen Ökosystems.

Ja, die modernen Genscheren können hochpräzise schneiden, und damit entfallen viele Risiken der bisherigen unpräzisen Züchtungsformen. Aber es lässt sich im Labor nicht vorhersagen, wie der Rest der Natur auf eine Neuzüchtung reagieren wird, welchen Einfluss die jeweiligen Crispr-Mutanten auf ihre Umwelt haben. Das wird man schlicht abwarten und untersuchen müssen. Und klug, mit Augenmaß vorbereiten.

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Solange nicht klar ist, ob sich all die ambitionierten Versprechen wirklich erfüllen lassen, wäre ein kritischer Blick auf die bestehende, industrialisierte Landwirtschaft angebracht. Mit einem Fokus auf die Monokulturen – auf Feldern, die bis zum Horizont reichen, und tückischen Nebeneffekten für die Natur: von Bodenerosion über Insektensterben bis hin zum Super-Unkraut.

Statt jetzt aus einem Acker alles herauszuholen, wären Kompromisse zwischen dem eigenen Wohlstand und dem Reichtum der Erde angebracht. Es könnte durchaus sein, dass kleinere Felder mit Wildstreifen, der Verzicht auf noch mehr Gewerbegebiete und weniger Schwimmbecken und Rasenflächen im Garten unsere Zukunft besser sichern, als die nächste Sorte Mais, die wieder bis zum Horizont wächst.

Der Fehler heißt jedoch nicht Gentechnik, er heißt Gier. Nicht Technologie an sich ist schädlich, sondern wie sie eingesetzt wird. Wenn wir diese Lektion begreifen, dann wird die Genschere das, was sich die Forscher versprechen, einlösen können. In einem Punkt haben die Wissenschaftler jedenfalls schon heute recht: Inzwischen sitzen wir so in der Tinte, dass wir die Blitzevolution der Grünen Gentechnik einfach versuchen müssen.