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Wissenschaft Pro-Kernkraft-Klimaaktivistin

„Es gibt einige Widerstände der alten Umweltbewegung“

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Pro Kernkraft: Klimaaktivistin Ia Aanstoot
Quelle: Rowan Farrell
Die 18-jährige Aktivistin Ia Aanstoot kämpft für Kernkraft, um die globale Erwärmung zu bremsen. Im WELT-Interview berichtet sie, wie „Fridays for Future“ es ihr schwergemacht hat, wie sie in Kenia den Wert guter Stromversorgung schätzen lernte, und warum sie glaubt, dass Kernkraft den Planeten retten wird.

Sie hat an Schulstreiks gegen den Klimawandel teilgenommen, jetzt kämpft Ia Aanstoot aus Schweden mit jungen Mitreitern aus anderen europäischen Ländern für den Bau von Atomkraftwerken. Die klimafreundliche Energietechnologie sei naturschonend, nachhaltig und verlässlich. Die 18-Jährige kritisiert die alte Klimabewegung, sieht aber Anzeichen für einen Wandel.

WELT: Als Sie 13 Jahre alt waren, haben Sie an Schulstreiks gegen den Klimawandel teilgenommen, wie kam es dazu?

Ia Aanstoot: Ich ließ mich von Greta Thunberg inspirieren, sprach mit einer anderen Freundin, die sich Sorgen wegen der Klimakrise machte, und saß freitags einfach mit einem Banner vor dem örtlichen Rathaus. Zuvor habe ich von 2012 bis 2016 in Kenia gelebt, und diese Zeit hatte mein Bewusstsein für die Klimakrise bereits geweckt, mich aber auch für die Probleme im Globalen Süden im Allgemeinen und mit der Stromkrise im Besonderen sensibilisiert. Denn als Kind war der Unterschied zwischen einem Stromausfall, der alle paar Jahre auftritt und vielleicht zwanzig Minuten dauert und solchen, die alle paar Tage auftreten und manchmal bis zu einem Tag dauerten, gewaltig und schockierend.

WELT: Warum begannen Sie mit der Einstellung anderer Klimaaktivisten zu fremdeln?

Aanstoot: Meine Haltung zur Kernenergie wurde von einigen älteren Mitgliedern meiner Gruppe „Fridays for Future“ nicht gewürdigt, und ihre ständige Missbilligung und Befragung machten es mir schwer, aktiv zu bleiben.

WELT: Wie kam es zu Ihrem Engagement für die Kernenergie?

Aanstoot: Ich begann mit 14 Jahren etwas über Atomkraft zu lernen und engagierte mich in Schweden für den Klimaschutz. Ich war frustriert und suchte nach Lösungen für die Klimakrise. Je mehr ich mich umsah, auf desto mehr Hinweise auf Atomkraft stieß ich – also begann ich, mich darüber zu informieren und zu lesen. Das hat in mir eine sehr pragmatische Hoffnung geweckt, da niemand in meinen lokalen Aktivistengruppen wirklich über konkrete Lösungen gesprochen hat. Das Schöne an der Atomkraft ist, dass sie zusammen mit Wind, Sonne und Wasserkraft tatsächlich den Planeten retten kann. Dieser Gedanke führte natürlich dazu, dass ich ständig darüber redete – und so bekam ich immer mehr Unterstützung von meinen Freunden und meiner Familie.

WELT: Ihr Vater ist bei den Grünen aktiv, dennoch ist er ein Befürworter der Atomkraft. Hilft er Ihnen sehr?

Aanstoot: Stimmt, mein Vater ist bei den Grünen aktiv und befürwortet die Atomkraft. Bei meiner Kampagne hilft er mir nicht weiter, da wir sehr unterschiedliche Stile des Aktivismus haben, obwohl wir das natürlich ab und zu miteinander besprechen.

WELT: Sie haben sich jetzt mit anderen jungen Klimaaktivisten in Europa zusammengetan, wie kam es dazu?

Aanstoot: Ich habe mich mit ein paar anderen jungen Leuten verbündet, die sich für Kernenergie einsetzen. Ich hatte gehört, dass sie vielleicht daran interessiert wären, mir zu helfen, und nun ja, das waren sie auch, also hier sind wir!

WELT: Sie haben die Kampagne „Dear Greenpeace“ gestartet als Reaktion darauf, dass Greenpeace die EU wegen der Aufnahme der Atomkraft in ihre sogenannte Taxonomie für nachhaltige Energieformen verklagt hat. Ihr Ziel ist es, Greenpeace dazu zu bringen, seinen Widerstand gegen die Atomkraft aufzugeben. Die Umweltorganisation RePlanet unterstützt Sie bei dieser Kampagne, wie kam es dazu?

Aanstoot: Ich habe mit einigen Leuten gesprochen, die ich bei RePlanet von anderen Demonstrationen kannte, und gefragt, ob sie Interesse hätten, mir beim Kampf gegen Greenpeace zu helfen, weil ich als Privatperson nicht an einem EU-Gerichtsverfahren teilnehmen kann.

WELT: Warum haben Sie sich für RePlanet entschieden?

Aanstoot: Sie hatten sich ausreichend mit der EU-Taxonomie auseinandergesetzt und daran gearbeitet, dass sie als Interessenpartei des Gerichtsverfahrens gehört werden können. Ich hatte dort Kontakte und sie waren daran interessiert, mir bei der Kampagne zu helfen.

WELT: Auf X (ehemals Twitter) wurde Ihnen vorgeworfen, eine Marionette der Atomlobby zu sein. Ist RePlanet Teil der Atomlobby, haben Sie Kontakte zur Atomlobby?

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Aanstoot: RePlanet ist kein Teil der Atomlobby und meine Kontakte dort sind sehr begrenzt. Ich habe ein paar Leute auf der UN-Klimakonferenz getroffen, aber mit den meisten von ihnen seitdem nicht mehr gesprochen.

WELT: Sie sind gut organisiert, eine Agentur koordiniert die Medienanfragen. Wie haben Sie das arrangiert?

Aanstoot: Es wurde über RePlanet arrangiert, da ich als 18-Jährige professionelle Leute hinter mir brauche bei Medienanfragen. Die Reichweite unserer Aktion war nämlich riesig und ich freue mich, von ihnen professionelle Hilfe zu bekommen.

WELT: Spüren Sie großen Widerstand seitens der alten Anti-Atom-Umweltbewegung?

Aanstoot: Es gibt einige Widerstände, aber ich spüre auch, dass die Zustimmung zunimmt. Die Leute überdenken ihre Meinung und werden dies hoffentlich auch weiterhin tun, je mehr über Atomkraft gesprochen wird. Die alte Umweltbewegung wird darin besser werden.

WELT: Wie erklären Sie sich den massiven Widerstand gegen die Atomkraft?

Aanstoot: Zum Teil ist es einfach eine Lüge, der Widerstand ist weltweit nicht verbreitet, er ist nur sehr laut. Teilweise basiert er auf Angst. Viele in der alten Umweltbewegung haben Angst vor Atomkraft, und selbst wenn ihnen die Fakten gezeigt werden, sagen sie schnell, es fühle sich nicht richtig an. Teilweise basiert er auf Identität und Nostalgie – diese Menschen sind in der Anti-Atomkraft-Bewegung aufgewachsen. Für einige von ihnen ist dies möglicherweise sogar ihre erste Erfahrung mit dem Umweltschutz. Gegen die Atomkraft zu sein, fühlt sich für sie natürlich und sicher an, weil sie schon immer gegen Atomkraft waren.

WELT: Im Namen der sogenannten Energiewende hat Deutschland sogar laufende Atomkraftwerke abgeschaltet, stattdessen Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen und will nun noch der EU klarmachen, dass Atomkraft nicht als nachhaltig gilt – der Bau von Kernkraftwerken würde für alle EU-Länder erschwert. Haben Sie den Eindruck, dass aufgrund solcher Entscheidungen auch in der alten Klimabewegung der Widerstand gegen die Atomkraft bröckelt?

Aanstoot: Ich denke, je mehr uns die Tragödie vor Augen geführt wird, welche die Abschaltung von Kernkraftwerken für die Umwelt mit sich bringt, desto mehr Menschen werden anfangen, darüber nachzudenken. Auch wenn sich einige Umweltschützer vielleicht nie ganz für die Atomkraft aussprechen werden, ist es leicht zu verstehen, dass sie um einiges besser ist als fossile Brennstoffe.

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Ia Aanstoot: „Mit der Kernenergie Platz sparen für die Wiederverwilderung der Natur“
Quelle: Rowan Farrell

WELT: Welche Unterschiede sehen Sie in der Klima- und Energiedebatte zwischen Schweden und Deutschland?

Aanstoot: Die Debatte weist insofern eine Gemeinsamkeit auf, als unsere jeweiligen grünen Parteien antiwissenschaftlich und anti-Atom sind. Aber ich denke, dass die schwedische Bevölkerung insgesamt eher für Atomkraft ist, was meines Erachtens auf zwei Dinge zurückzuführen ist: zum Teil auf das schwedische Bildungssystem und das dort ständige Beharren auf Quellenkritik. Und teilweise auf der Tatsache, dass Schweden seine Kernenergie größtenteils für die Verbesserung des Lebensstandards der Bürger durch elektrische Heizung, Transport, Kochen und so eingesetzt hat. Die schwedische Gesellschaft ist einfach stark auf Strom angewiesen, und daher ist die Atomkraft eher akzeptiert, während die deutsche Gesellschaft noch immer weitgehend auf fossiles Gas angewiesen ist.

WELT: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass es der Menschheit gelingen könnte, die globale Erwärmung zu verlangsamen?

Aanstoot: Ich habe große Hoffnung, dass die Menschheit den Klimawandel verlangsamen kann, denn wir verfügen bereits über alle Instrumente: Mit der Kernenergie können wir Verkehr, Heizung, Industrie und mehr elektrifizieren und gleichzeitig Platz sparen für die Wiederverwilderung der Natur, wodurch noch mehr der von uns bereits freigesetzten Kohlenstoffemissionen ausgeglichen werden. Wenn die EU hier einen entscheidenden Schritt vorwärts macht, kann sie der Welt zeigen, dass eine nachhaltige Zukunft mit nachhaltigem Lebensstandard möglich ist, was den Rest der Welt dazu motivieren wird, diesem Beispiel zu folgen.