Nigeria hat Programme eingeführt, um sich von Weizenimporten unabhängig zu machen / dpa

Nato-Ukraine-Rat und ukrainische Getreideexporte - „Wir haben noch immense Vorräte“

Beim Nato-Ukraine-Rat ging es gestern auch um die Zukunft der ukrainischen Getreideexporte nach dem Ende des russisch-ukrainischen Getreideabkommens. Die Marktanalystin Wienke von Schenck erklärt, wie das Wegfallen der ukrainischen Agrarexporte kompensiert werden kann.

(C) Patrick Müthing

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York Herder ist ausgebildeter Journalist und hospitiert derzeit bei Cicero.

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Wienke von Schenck arbeitet bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn und analysiert dort unter anderem die Märkte für Getreide und Ölsaaten im In- und Ausland.

Frau von Schenck, der Nato-Ukraine-Rat, der gestern tagte, beriet unter anderem über die Zukunft der ukrainischen Getreideexporte nach dem Ende des russisch-ukrainischen Getreideabkommens. Hatte das Getreideabkommen überhaupt funktioniert?

Das Getreideabkommen hat insofern gut funktioniert, als dass die Ausfuhren im Vergleich zu den Vorjahren zwar leicht zurückgegangen sind, aber dennoch immense Mengen an Getreide, Ölsaaten und Nachprodukte weltweit geliefert worden sind. In 47 verschiedene Länder sind insgesamt 33 Millionen Tonnen an Agrarprodukten exportiert worden. Das ist eine beachtliche Menge. Das meiste ging in Summe in Entwicklungsländer, aber eben auch ein Großteil in die EU. Auch an Produkten, die hier eigentlich nicht benötigt werden, wie z.B. Weichweizen, weil die Europäische Union bei Weizen Selbstversorger ist.  

Das heißt, die europäischen Kornspeicher sind übervoll?

Ja, die Weizenlager sind ziemlich voll. Das liegt daran, dass sich der Import im vergangenen Wirtschaftsjahr von zuvor 350.000 Tonnen auf 5,8 Millionen Tonnen fast versiebzehnfacht hat. Das wurde gemacht, um der Ukraine Export zu ermöglichen, den sie für die Devisen braucht.

Woher kommt diese Abhängigkeit von der Ukraine und Russland auf der Welt, wenn es um Getreide geht? War das schon immer so?

Die Abhängigkeit der Welt von Agrarprodukten aus Russland und der Ukraine ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Beide Länder sind sehr stark exportorientiert. Hinzu kommt die Geographie. Die Ukraine war schon immer die Kornkammer Europas. Aber auch in Russland ist Getreideanbau bis zum Ural ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und beide Länder haben in den vergangen Jahrzehnten versucht, ihre Exportanteile am Weltmarkt auszuweiten.

Also gab es diese Abhängigkeit erst seit der jüngeren Vergangenheit?

Wie gesagt, die Abhängigkeit ist über Jahrzehnte gewachsen. Und man muss ganz klar sagen, dass das zurückliegende Wirtschaftsjahr von Juli 22 bis Juni 23 ein extremer Ausnahmefall war, weil natürlich die Ukraine mit allen Mitteln und mit großem Druck versucht hat, so viel Agrarprodukte wie möglich aus dem Land zu bekommen. Schließlich muss mit Agrargütern Geld verdient werden, und der ohnehin geschrumpfte Inlandsmarkt kann diese Mengen gar nicht aufnehmen. Außerdem ist  ja auch ein wichtiger Handelspartner, nämlich Russland, weggefallen. Deswegen wurde so viel nach Europa exportiert.

von Schenk
Wienke von Schenck / Privat

Wird Russland durch die Sanktionen beim Export von Agrarprodukten gehemmt?

Nein, eigentlich nicht. Das mache ich daran fest, dass Russland beispielsweise Weltmarktführer bei den Weizenexporten ist. Diese Position hält Russland jetzt seit drei Jahren in Folge, und es hat die Exporte sogar noch ausbauen können. Das liegt neben der steigenden Produktion vor allem an den sehr wettbewerbsfähigen Preisen.  

Was bedeutet das Ende dieses Abkommens für die Versorgungslage weltweit?

Es sind vor allem jene Regionen betroffen, die nur über den Seeweg zu erreichen sind. Das sind die afrikanischen Länder und das ist Südostasien. Die afrikanischen Länder haben ja bereits große Sorgen geäußert, dass sie von den Gütern, die aus der Ukraine kommen, jetzt abgeschnitten werden. Das aufzufangen, ist nicht so einfach.

Welche Länder werden am stärksten von den fehlenden Exporten betroffen sein?

Laut der UN wurden von den 33 Millionen Tonnen, die im Rahmen des Getreideabkommens über das Schwarze Meer verschifft wurden, 57% in Entwicklungsländer exportiert. Da sind Staaten dabei wie der Sudan, Somalia, Äthiopien, der Jemen und Bangladesch. Das sind natürlich Länder, die auf Importe angewiesen sind. Nehmen wir Bangladesch als Beispiel, dort wurden knapp 1,1 Millionen Tonnen an ukrainischem Weizen importiert. Damit hat Bangladesch ein Fünftel seines Importbedarfs gedeckt.

Wenn der Seeweg nicht passierbar ist, bleibt die Möglichkeit, das Getreide über den Landweg zu exportieren. Das wurde ja schon zu Beginn des Krieges versucht, wobei das insbesondere die polnischen Märkte aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Wie kann das umgangen werden?

Die Störung lag anfänglich daran, dass die ukrainischen Waren in so immensen Mengen auf die Märkte der Anrainerstaaten drängten, dass die heimischen Landwirte wenig Spielraum hatten, ihre eigenen Waren zu verkaufen, da der Preisdruck so hoch war. Aber da waren die Slowakei, Ungarn und Rumänien genauso betroffen wie Polen. Die haben ja auch protestiert, weil das natürlich der inländischen Landwirtschaft geschadet hat. Auf der anderen Seite dürften sich die Mühlen und Futterhersteller über die niedrigen Preise sicher gefreut haben. Das wird jetzt durch eine EU-Sonderregelung verhindert. Die gilt noch bis zum 15. September und besagt, dass ukrainische Waren in diesen Anrainerstaaten nicht vermarktet werden dürfen. Es ist nur der Transit durch diese Staaten möglich, um eben eine Störung des Marktes zu verhindern. Außerdem erhielten die genannten Staaten Sonderzahlungen aus Brüssel für ihre Landwirte.

Nach dem russischen Überfall gab es große Sorgen vor Hungersnöten. Der Exporteinbruch konnte durch das Getreideabkommen aber aufgefangen werden. Jetzt ist die Sorge vor Hungersnöten wieder da. Ist die Sorge berechtigt?

Wenn über das Getreideabkommen keine großen Mengen mehr verschifft werden können, kann es problematisch werden. Denn das, was über die Donau oder über die EU ausgeführt werden kann, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Da muss man nur die Zahlen mit dem vergleichen, was vorher verschifft worden ist. Aber eventuell kann man das Defizit auch auffangen. Wir haben noch immense Vorräte, und nicht alle Märkte sind knapp. Um den Weizen ist es im laufenden Wirtschaftsjahr jetzt nicht so üppig bestellt, aber der Markt wird wahrscheinlich mit großen Mengen aufwarten können. Zudem sind noch große Mengen aus der Rekordernte Australiens da. Da sind aber die langen Wege, die zurückgelegt werden müssen, um Länder in Afrika zu beliefern, das Problem. Aber es ist nicht so, dass es auf der Welt überhaupt keine Waren mehr gäbe.

 

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Dann wird also alles gut?

Das ist eine Frage des Preises. Wir haben ja gesehen, wie allein durch das Ende der Lieferungen über das Schwarze Meer am Beginn des Krieges die Preise für Exportgüter extrem stark gestiegen sind. Die Getreide-, Ölsaaten und Pflanzenölpreise sind damals explodiert. Dann kann man sich gut vorstellen, dass, wenn das Budget der Welthungerhilfe gleichbleibt, sich aber der Getreidepreis verdoppelt hat, nur noch die Hälfte verteilt werden kann. Ich glaube, dass das der kritische Punkt überhaupt ist. Dass eben nicht genug Bereitschaft für zusätzliches Geld da ist, um den notwendigen Warenfluss aufrechtzuerhalten.

Das bedeutet, es droht keine Knappheit beim Angebot, sondern das vorhandene Getreide wird für die Länder, die es brauchen, zu teuer sein?

Davon gehe ich aus.

Aber heißt das, dass Russland durch die eigenen Vorräte die Lücke füllen und vom Ende des Abkommens profitieren könnte?

Nicht hinsichtlich der Einnahmen, aber die hohen Lagervorräte könnten abgebaut werden. Ich habe vor ein paar Tagen eine Pressemeldung gelesen, dass die Russische Föderation auch gerade für solche Entwicklungsländer an Stellschrauben wie den Exportzöllen drehen könnte, um einen leichteren Zugang zu russischen Waren zu ermöglichen.

Das Interview führte York Herder

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