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Hamburg Atomausstieg

„Wir haben ein schlechtes ,Erntejahr’ für grünen Strom“

Wirtschaftsreporter
Matthias Boxberger ist Vorstandsvorsitzender des Versorgungsunternehmens HanseWerk und Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg Matthias Boxberger ist Vorstandsvorsitzender des Versorgungsunternehmens HanseWerk und Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg
Matthias Boxberger ist Vorstandsvorsitzender des Versorgungsunternehmens HanseWerk und Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg
Quelle: Bertold Fabricius
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Zum Jahresende geht Brokdorf als letztes Atomkraftwerk und als letztes Großkraftwerk an der Unterelbe vom Netz. Der Energiemanager Matthias Boxberger sagt, welche Risiken und Herausforderungen er dabei sieht.

Was bedeutet die Abschaltung des Atomkraftwerks Brokdorf zum Jahresende für den regionalen Energiemarkt im Norden? Matthias Boxberger (55), Chef des Versorgungsunternehmen HanseWerk und Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg (IVH), sieht die Entwicklung aus der Perspektive der Energieanbieter und der Verbraucher. Seit 2013 führt der Wirtschaftsingenieur HanseWerk mit Sitz in Quickborn. Das Unternehmen betreibt Energienetze und unter anderem auch dezentrale Blockheizkraftwerke und versorgt rund drei Millionen Menschen im Norden mit Energie.

WELT AM SONNTAG: Herr Boxberger, wird das Aus für das Kraftwerk Brokdorf den norddeutschen Energiemarkt belasten?

Matthias Boxberger: Brokdorf ist ein leistungsfähiges Grundlastkraftwerk. Durch die Abschaltung wird Grundlast in der Region eher zur Mangelware. Alle Verantwortlichen – Bundesnetzagentur und Übertragungsnetzbetreiber – haben nach eingehender Prüfung entschieden, dass das Kraftwerk unter dem Aspekt der Netzsicherheit vom Netz gehen kann. Ob und in welchem Umfang die dann fehlende Leistung Auswirkungen auf die Preise am Strommarkt haben wird, lässt sich derzeit schwer prognostizieren. Der dominante Effekt am Strommarkt ist derzeit eher, dass wir aktuell ein schlechtes „Erntejahr“ für grünen Strom aus erneuerbaren Energien haben.

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WELT AM SONNTAG: Haben die Strommarkt-Akteure die Abschaltung von Brokdorf in ihren Kalkulationen schon berücksichtigt?

Boxberger: In den mittel- und langfristigen Strombezugsverträgen wird das bereits eingepreist sein. Bezogen auf den Spotmarkt – also im kurzfristigen Geschäft – spielt wiederum die Entwicklung der erneuerbaren Energien eine große Rolle. Wenn allerdings – wie derzeit – unterdurchschnittlich wenig Strom aus Windkraft- oder Solaranlagen zur Verfügung steht, verteuert das über den Spotmarkt den gesamten Strombezug, denn dieser erfolgt oft über eine Mischung aus kurz- und langfristigen Verträgen.

WELT AM SONNTAG: Könnte die Abschaltung der letzten sechs deutschen Atomkraftwerke zumindest noch aufgeschoben werden?

Boxberger: Nein, das Thema ist gesellschaftlich abschließend entschieden. In der aktuellen Situation, glaube ich, wird man versuchen, andere Register zu ziehen, um die Preise am Energiemarkt zu stabilisieren. Der Staat hat dabei ja einige Hebel in der Hand, von den Energie- und sonstigen Steuern bis zu den gesetzlich festgelegten Umlagen auf erneuerbare Energien. Vor allem der Bund ist hier in der Verantwortung und kann Einfluss im Sinne der Stromkunden nehmen.

WELT AM SONNTAG: Haben Sie nach der Abschaltung des Steinkohlekraftwerks Moorburg in Hamburg Anfang 2021 Auswirkungen auf den Strommarkt verzeichnet, speziell bei der Stabilität der Netze?

Boxberger: Bislang gibt es darauf keine Hinweise, was natürlich keine Garantie für morgen und übermorgen ist. Wir haben allerdings seit 2005 ganz erhebliche Fortschritte beim Zubau der erneuerbaren Energien auch im Sinne der Netzstabilität gemacht, insbesondere bei der Spannungshaltung im Störungsfall. Windturbinen etwa sind so ausgerüstet worden, um die Steuerungsfähigkeit und Netzstützung zu verbessern. Anders stellt sich allerdings die Kostensituation für große industrielle Energieverbraucher in Hamburg dar. Die hat sich aufgrund der nun weit entfernteren Kraftwerksversorgung deutlich verschlechtert.

WELT AM SONNTAG: Wie nah an einer permanenten Versorgungsfähigkeit sind die erneuerbaren Energien im Norden heutzutage?

Boxberger: Bei unserem Strom-Verteilnetz in Schleswig-Holstein bekommen wir mittlerweile für zwei Drittel der Jahresstunden den gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt, der in Schleswig-Holstein selbst erzeugt wurde. In Schleswig-Holstein sind wir damit auf dem Weg zur Grundlastfähigkeit. Für die Industrie und das verarbeitende Gewerbe etwa in Hamburg sieht es – insbesondere – bei kritischen Produktionen anders aus.

WELT AM SONNTAG: Es fehlen also zum Beispiel Speicher für die Wind- und die Solarenergie?

Boxberger: Ja, wir haben derzeit etwa 5000 kleine Batteriespeicher am Netz, und es gibt es noch den einen oder anderen Großspeicher im Land. Zusammen kommen all diese Anlagen auf eine Speicherkapazität zwischen 70 und 100 Megawattstunden. Das ist aber alles noch nicht sehr viel im Vergleich zu den Bedarfen, die wir bei Nacht und bei Flaute haben. Es fehlt aber nicht nur an Kapazitäten zur Speicherung, sondern auch zur Umwandlung von Energie, etwa zur Herstellung von Wasserstoff per Elektrolyse. Deshalb ist es gut, dass wir weiterhin konventionelle Erzeugungsleistung in Hamburg und in Schleswig-Holstein zur Verfügung haben, Kraftwerke mit insgesamt rund 2000 Megawatt Leistung.

WELT AM SONNTAG: Welche Rolle spielen Erdgaskraftwerke in den kommenden Jahren?

Boxberger: In Hamburg und Schleswig-Holstein gibt es aktuell eine Strom-Erzeugungsleistung von etwa 450 Megawatt in Gaskraftwerken. Wir benötigen auch weiterhin steuerbare Erzeugungskapazitäten. Dies bestätigt auch die voraussichtliche künftige Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP, die in ihrem Sondierungspapier ja ebenfalls eingeräumt hat, dass es weitere Gaskraftwerke braucht, am besten solche, die später auf den Betrieb mit regenerativ erzeugtem Wasserstoff umgestellt werden können. Sinn ergibt das gerade auch dann, wenn man hocheffektive Blockheizkraftwerke baut, die Strom und auch Wärme erzeugen und die – wie wir in Hamburg-Othmarschen gezeigt haben – schnell auf Wasserstoff umgestellt werden können. Zuvor muss die Politik aber einen stabilen Ordnungsrahmen und Investitionssicherheit schaffen. Solch ein Kraftwerk sollte ja zehn bis 20 Jahre wirtschaftlich laufen, sonst wird keiner investieren. Wenn wir also eine große Zurückhaltung am Markt sehen, dann weniger wegen der aktuellen Erdgaspreise – sondern weil häufig nicht klar ist, ob man morgen noch Geld damit verdienen kann.

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Boxberger: Wir bei HanseWerk liefern kein Erdgas mehr, sondern konzentrieren uns auf den Betrieb von Erdgasleitungen und die Speicherung von Erdgas. Klar ist aber, dass wir wegen der Abschaltung von Kohle- und Kernkraftwerken bei der Stromversorgung einen starken Schwenk hin zum Erdgas bekommen werden. Verstärkt wird diese Entwicklung in diesem Jahr durch die bisher unterdurchschnittliche ,Stromernte’ aus den erneuerbaren Energien. Erdgas stand in den vergangenen Jahren nicht ausreichend im Fokus des Energiemarktes und der Politik, hier besteht offensichtlich Handlungsbedarf.

Seit 2013 führt der Wirtschaftsingenieur Matthias Boxberger (55) das Versorgungsunternehmen HanseWerk mit Sitz in Quickborn. Dieses betreibt Energienetze und unter anderem auch dezentrale Blockheizkraftwerke. Das Unternehmen versorgt drei Millionen Menschen im Norden mit Energie. Bei der Energiewende spielt HanseWerk eine wichtige Rolle. Das Unternehmen gehört mehrheitlich dem E.on-Konzern sowie zu einem Drittel elf Kreisen in Schleswig-Holstein. Boxberger ist seit 2018 auch Vorsitzender des Industrieverbandes Hamburg (IVH).

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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