Das Protokoll eines Zusammentreffens einiger hoher Nazi-Funktionäre am 20.Januar 1942 am Wannsee zu Berlin wurde nach dem Krieg von den Alliierten aufgefunden und sofort als ein Dokument von großer Bedeutung erkannt. Es handelt sich hierbei um eines der wichtigsten und zugleich entsetzlichsten Zeugnisse der Menschheit. Unsere großen Urkunden betreffen normalerweise die positiven Leistungen: Proklamationen, Kundgebungen, Gesetze oder Verfassungen bezeugen den Fortschritt, die Zivilisierung, das Recht. Dieses Verwaltungsstück hingegen dokumentiert den Rückfall in die Barbarei. Es proklamiert ein Delikt von bisher nie da gewesenem Umfang: ein „Protokoll“, das bis in die Einzelheiten hinein den Plan enthält, ein ganzes Volk auszurotten.
Die Alliierten entdeckten das Dokument 1946. Hier lag der Schlüssel zur Judenvernichtung vor: ein Entwurf für die alle Länder Europas betreffende Aktion; eine Statistik; die Mittel, die Opfer zu erfassen; die Blaupause für den Völkermord; und der Begriff – „Endlösung“ –, der den Vorgang benannte. Man behandelte dieses Schriftstück in den Nürnberger Prozessen als Beweis einer Verschwörung, die Juden Europas zu vernichten. Jetzt ist nun in aller Welt die Bezeichnung „Wannsee-Konferenz“ gleichbedeutend mit einem Treffen, bei dem man die Ermordung der Juden plante. Man glaubt dabei der Überschrift: „Besprechungsprotokoll“.
Im Verhör haben die Teilnehmer, die zugaben, dort gewesen zu sein, die Zusammenkunft als eine „Besprechung“ bezeichnet. Es akzeptierte sowohl die Anklage in Nürnberg als auch die Forschung, es habe sich um eine Konferenz gehandelt. Stimmt dies? Das Wort Konferenz stammt in erster Linie von den alliierten Übersetzern, die die Bezeichnung conference verwendeten. Sichtlich kannten sie den deutschen militärischen Ausdruck nicht. Denn der eigentliche Terminus in diesem Zusammenhang wäre auf Englisch Briefing Meeting – nicht nur eine „Besprechung“, sondern auch eine „Befehlsausgabe“. So entstand das Mythos Wannsee-Konferenz für ein Treffen, das in dieser Form nie stattfand.
Die Besprechung besaß einen hohen Stellenwert in der Hierarchie des Dritten Reiches. Als Reichskanzler hat Hitler schon 1933 die zentrale Regierungsform seit der Aufklärung verworfen, die Kabinettsregierung, und diese 1938 endgültig beendet. In der neuen Herrschaftsform untereinander rivalisierender Instanzen, die sich um den einen Führer gruppierten, nahmen Ad-hoc-Sitzungen wie die Besprechung am Wannsee die Funktion eines Kabinetts ein, um hohe Politik in einer administrativ fassbaren Gestalt zu betreiben.
Laut Eichmann dauerte die Sitzung bloß anderthalb Stunden. Dies ist angesichts der Länge des Protokolls kaum glaubhaft. Manche in einem Satz zitierten Punkte können kaum weniger als eine Viertelstunde verlangt haben. Drei bis vier Stunden dürfte diese schwierige Aussprache gedauert haben, für die eine Zusammenfassung von 15 Seiten notwendig war.
Obwohl man annimmt, dass das Protokoll von Eichmann stammt, ist es fast durchwegs in Heydrichs Stil gehalten, der das Treffen organisierte und sichtlich die Dokumentation kontrollieren wollte. Indem er vorgibt, eine Besprechung zu protokollieren, enthüllt er das Vorgehen als Befehlsausgabe. Zwei Drittel des Textes befassen sich mit der Ansprache Heydrichs; nur ein Drittel schildert das darauf folgende Gespräch.
Es handelt sich um etwas, was man einen Operationsbefehl nennt – eine Sequenz von Anordnungen, um eine komplexe Aufgabe zu erfüllen. Hier finden sich die Namen der Befehlsinhaber, die Strategie, die Taktik, das Endziel. Was Heydrich bekannt gibt, ist eine militärische Operation – die Blaupause für den „Krieg gegen die Juden.“ Das Wort „Krieg“ war keine Metapher. Es bezeichnete das Vorgehen der SS beim Massenmord. Die „Endlösung“, wie sie Heydrich entwirft, ist ein seit Clausewitz in der deutschen Tradition beheimatetes Vorgehen, den Feind zu vernichten.
Den eigentlichen Sinn kann man erst ganz am Schluss des Dokuments erkennen. Der Autor hat dadurch den Sprengstoff verborgen: „Abschließend wurden die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten besprochen.“ Das heißt: Vertreibung, Hunger, Vernichtung durch Arbeit, Injektionen, Erschießung, Gaswagen. Auch die Gaskammern muss man behandelt haben, zumal die entsprechenden Pläne in Auschwitz weit fortgeschritten waren.
Ganz am Ende heißt es: „Mit der Bitte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD [d.h. Heydrich] an die Besprechungsteilnehmer, ihm bei der Durchführung der Lösungsarten entsprechende Unterstützung zu gewähren, wurde die Besprechung geschlossen.“ Da man die anderen „Lösungen“ bereits beherrschte, verweist das Wort „Lösungsarten“ an erster Stelle auf die Vernichtungslager wie Treblinka, Sobibór und Auschwitz.
Hinter der geschmeidigen Form einer „Bitte“ an die Anwesenden, bei dieser Arbeit mitzuwirken, steckt ein Imperativ. Eine „Bitte“ im quasimilitärischen Kontext kann nichts anderes als ein Befehl sein. Heydrichs Vortrag im Beisein so vieler SS-Männer besaß Auftragscharakter. Hinter dem scheinbar harmlosen Schluss steckt das unmissverständliche Kommando, an der „Endlösung der Judenfrage“ mitzuwirken.
Die Befehlsausgabe diente dazu, einen Befehl des Führers via die SS an die zivilen Ministerien zu erteilen – die nach dem geltenden Beamtenrecht solche Aufträge annehmen mussten –, um die Verantwortung für den Mord unter Ausschluss der Minister direkt auf die Staatssekretäre beziehungsweise die Verwaltung zu übertragen. Zwar hatten Deportation und Töten längst begonnen, doch ging es hier nicht darum, den Anfangspunkt des Mordens festzusetzen, sondern den offiziellen, juristischen Beginn der „Endlösung“ zu fixieren sowie den Rechtsweg und die amtliche Verantwortung zu bestimmen.
Es gibt Indizien dafür, dass Hitler die Besprechung am Wannsee beordert hatte, ja vielleicht sogar bis ins Detail konzipierte. Der Plan für die „Endlösung“ im Protokoll gleicht einer militärischen Operation, wie sie Hitler in seinen Erlassen für das Unternehmen Barbarossa kundgab. Sechs Monate plante man Barbarossa; sechs Monate dauerten die Vorbereitungen für die „Endlösung“, ab dem 25. Juli 1941, als Hitler eine private Unterredung mit Göring hatte.
Eichmann hat in seinem Jerusalemer Prozess Hitlers Rolle betont: „… das Wesentliche wollte Heydrich in das Protokoll verankert wissen, weil er die Staatssekretäre ‚annageln‘ wollte …, um Hitler [zu zeigen], das Wesentliche ist im Protokoll drin …“ Die Aussage Eichmanns besagt, das Protokoll sei für Hitlers Augen moduliert worden. Das dürfte in der Tat zehn Tage nachher erfolgt sein, da sich Himmler und Heydrich am 30. Januar beim Führer einfanden. Es war also zu Anbeginn eine Nachbereitung bei Hitler vorgesehen.
Ein weiteres Indiz für Hitlers Rolle findet sich im Text selbst. Das Protokoll sagt, Hitler habe eine „vorherige Genehmigung“ erteilt, die „Juden“ nach Osten zu evakuieren. Die Stelle ist so formuliert, um den Leser über den genauen Gehalt in die Irre zu führen. Denn beim Führer kann es sich bei einer Genehmigung nur um eine Instruktion, d.h. um einen Befehl handeln, da der Oberbefehlshaber nicht billigt, sondern befiehlt. Die kuriose Formel Heydrichs hat den Zweck, Hitlers Rolle als Befehlsinhaber Rechnung zu tragen, doch gleichzeitig diese Tatsache zu tarnen.
Was war aber dieser Befehl? Dieser gilt der sogenannten Evakuierung der Juden nach Osten. Auch in seiner Posener Rede 1943 benutzt Himmler das Kompositum „Judenevakuierung“ gleichbedeutend mit der „Ausrottung des jüdischen Volkes“. Den Zeugnissen nach zu schließen bedeutete „Evakuierung“ den Völkermord. In Verbindung mit der Phrase „nach Osten“ hieß das „in Vernichtungslagern ermorden“.
Allerdings führt das Protokoll eine eigenartige Qualifikation ein: Die Aktionen seien „lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen“. Diese scheinbar harmlose Wendung hat einen militärischen Sinn. Im Kriegsfall schreibt die Strategie verschiedene Formen des Ausweichens vor. Was sich hinter dieser Wendung im Protokoll verbirgt, ist die erste Phase der Ausrottung, wie z.B. in Russland und der Ukraine, da man die Juden mit Erschießungskommandos niedermetzelte, oder aber der Einsatz von Gaswagen. Dieser Beginn soll jetzt durch eine zweite Phase ersetzt werden, die Ausrottung in Vernichtungslagern. Hitlers „Genehmigung“ betrifft die neue Art, den Genozid zu betreiben, den Massenmord in Todeslagern. Das ist das, was das Protokoll mit Erlösungseifer „die kommende Endlösung“ nennt.
Wenn Hitler, wie es hier heißt, um die taktischen „Ausweichmöglichkeiten“ weiß, dann muss er um das Endziel wissen: die „Endlösung“. Mit derselben Logik folgt, dass er dieses Ziel befohlen hat. Das Protokoll enthält einen gespenstischen Syllogismus: Dieser liefert einen sicheren Beleg für einen Führerbefehl, indem er ihn gleichzeitig verbirgt.
Dass Hitler dabei den Genozid in den Gaskammern im Sinne gehabt haben muss, wird ferner aus dem Vermerk klar, dass „rund 11 Millionen Juden in Betracht“ kamen. Eine solche Aufgabe konnte nur durch den in Vorbereitung befindenden industriellen Mord erfolgen. Weder Vernichtung durch Arbeit noch Massenerschießungen würden für die Beseitigung von elf Millionen Menschen hinreichen. Die Zahl bestätigt den genauen Inhalt von Hitlers Befehl.
Was man vereinbarte, ging weit über Heydrichs Ermächtigung hinaus. Er bittet die Anwesenden, „bei der Durchführung der Lösungsarbeiten die entsprechende Unterstützung zu gewähren“. Die Staatssekretäre sollen an der Mordaktion aktiv teilnehmen. Da das Heydrichs Ermächtigung überschreitet, die Endlösung vorzubereiten, muss es eine zusätzliche, höhere Befugnis gegeben haben, sie auszuführen. Ein solcher Auftrag konnte nur vom Führer stammen. Das durfte auch mündlich erfolgen.
Da keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen und Hitler in viel geringeren Angelegenheiten Erlasse erteilte, etwa über die Plünderung jüdischer Bücher, müssen wir a fortiori annehmen, dass Heydrich einen entsprechenden Führerbefehl erhalten hatte und diesen an die Staatssekretäre übermittelte. Das Protokoll dokumentiert Hitlers offizielle Befehl für die „Endlösung“.
Der voranstehende Text ist eine gekürzte Fassung des Vortrags, den Adler zur Erinnerung an den 78. Jahrestag der „Wannsee-Konferenz“ heute in der Akademie der Künste Berlin hält. Zeitgleich eröffnet das Haus der Wannsee-Konferenz die Dauerausstellung „Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden“.