Heute hat die EU-Digitalkommissarin Marija Gabriel den Bericht einer Expertengruppe vorgelegt, in dem es um das Phänomen „Fake News“ geht. 39 Männer und Frauen aus Wissenschaft, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Print- und Broadcast-Medienhäusern sowie von den großen Plattformbetreibern (Facebook, Google, Twitter etc.) haben 10 Wochen lang an einem Report gearbeitet, der Antworten auf die Frage sucht, wie man mit dem Phänomen „Fake News“ umgehen kann oder soll. Und einer von den 39 war ich.
Zuallererst haben wir uns von dem Begriff „Fake News“ verabschiedet, weil er zu einem Kampfbegriff geworden ist, mit dem bestimmte Informationen oder Institutionen diskreditiert werden sollen. So haben wir uns auf den Terminus „Desinformation“ geeinigt. Danach haben wir nach Beispielen gesucht, welche Maßnahmen von verschiedenen Seiten in Bezug auf dieses Thema bereits ergriffen wurden. Hier habe ich als Beispiel unseren „Faktenfinder“ in den Bericht einfließen lassen. Danach ging es um die Frage, welche Maßnahmen kurz- und mittelfristig ergriffen werden sollten. Dabei ging es vor allem um mehr Transparenz, Medienkompetenz und die Stärkung journalistischer Arbeit. Die Details finden Sie im Bericht.
Lassen Sie mich noch ein paar persönliche Beobachtungen aus der Arbeit der Gruppe schildern. Ich habe in diesen Wochen seit Januar bei unseren Treffen in Brüssel, bei Telefonkonferenzen und bei zahllosen Mails mit Textentwürfen viel dazugelernt. Durch unsere tägliche Arbeit bei der Tagesschau weiß ich zwar eine Menge über die Arbeit mit Quellen, über die Verifikation von Informationen und über die Mechanismen sozialer Medien. Aber in unserer „High Level Expert Group“ habe ich in einer Art Schnellkurs gelernt, wie schwierig es sein kann, die Vertreter unterschiedlicher Institutionen, Interessengruppen und Nationalitäten zusammenzubringen. Gerade dieser Diskurs hat meinen Horizont erweitert.
Da war beispielsweise ein Wissenschaftler aus Osteuropa, der jegliche Art der Regulierung sozialer Medien ablehnte. Er möchte auch aus seiner historischen Erfahrung heraus jede Einschränkung der freien Rede vermeiden. Niemand sei berechtigt zu sagen, was wahr ist und was nicht. Es gebe ein Recht auf Zugang zu allen Informationen, auch zu Fake News. Da hatte ich argumentativ ganz schön dran zu knabbern. Und dann saßen eben auch Lobbyisten am Tisch, die natürlich versucht haben, jegliche Regulierung durch die Politik zu vermeiden, weil es einem Geschäftsmodell zuwiderläuft, das nicht nach Falschinformationen oder geprüften Informationen unterscheidet. Dabei wurde mir bewusst, dass es nicht nur um die Absicherung des demokratischen Diskurses ging, sondern auch um sehr, sehr viel Geld.
So manche Formulierung hätte ich mir in dem Report klarer gegenüber den Plattformbetreibern gewünscht. Alles in allem bin ich aber sehr zufrieden mit unserem Bericht. Alle Beteiligten haben zugestanden, dass Desinformation ein nicht zu unterschätzendes Problem ist. Und alle haben sich dazu bekannt, künftig mehr Verantwortung für die von ihnen verbreiteten Informationen zu übernehmen. Das scheint mir das Hauptverdienst der Expertengruppe zu sein.
6 Kommentare
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1: S.N. Remrisch:
14. März 2018 um 14:54 Uhr
Sehr lobenswerte Initiative. Vielen Dank für den Blog.
Ist/wird das alles auch spezifisch, messbar genug im Sinne terminierter einzelner Maßnahmen, sonst bleibt es wohl WISHFUL THINKING.
Bin gespannt.
Herzlichen Gruß
SNR
2: J. Richard:
15. März 2018 um 13:09 Uhr
Ich bin ja seltenst ihrer Meinung, aber dieser Blogbeitrag ist wirklich interessant.
Gut ist insbesondere der Begriff Deinformation. Fake News trifft es nicht immer und dem Begriff fehlt die Klarheit. Er klingt zu harmlos.
Desinformation bringt es auf den Punkt. Ich würde mir wünschen, dass dieser Terminus in der Berichtersattung zukünftig öfters statt Fake News genutzt wird.
3: Hellwig:
15. März 2018 um 16:11 Uhr
"… Niemand sei berechtigt zu sagen, was wahr ist und was nicht. Es gebe ein Recht auf Zugang zu allen Informationen, auch zu Fake News…".
–
Recht hat er, dieser osteuropäische Wissenschaftler!
4: Ohrenzwicker:
20. März 2018 um 10:33 Uhr
Natürlich geht es um sehr viel Geld. Sonst würden ja auch nicht so viele Unternehmer die AfD finanzieren, damit sicher gestellt wird, dass es nicht mehr zu einer rot-rot-grünen Mehrheit kommt. Am Dieselskandal in den Medien wird es jedem bewusst, die Umwelt und die Menschen sind halt für die Wirtschaft schlecht (es sei denn sie sind Konsumenten). Auch braucht man Kriege um Waffen zu verkaufen, "weiche Ziele" sind eben Kollateralschäden (und Flüchtende billige Arbeitskräfte). Wirtschaft, Wirtschaft über alles??? Mir wird übel.
5: Anonymous:
23. März 2018 um 16:18 Uhr
"Und dann saßen eben auch Lobbyisten am Tisch, die natürlich versucht haben, jegliche Regulierung durch die Politik zu vermeiden, ……. Dabei wurde mir bewusst, dass es nicht nur um die Absicherung des demokratischen Diskurses ging, sondern auch um sehr, sehr viel Geld."
Welch eine Neuigkeit. Es geht NUR um sehr,sehr viel Geld. Für Herrn Gniffke ist das offenbar neu; viele im TV-Pubkikum wissen das seit 10 Jahren und wundern sich, wie naiv Nachrichten-Profis offenbar sein können..
Da hat Herr Gniffke das Elend des "Qualitäts-Journalismus" in zwei Sätzen beschrieben.
6: André:
13. April 2018 um 22:21 Uhr
Desinformation ist vielschichtig.
Nicht die Kommissarin legt den Bericht der HLG vor, sondern die High Level Group legt der Kommissarin ihren Bericht vor.
Was haben außereuropäische Firmenvertreter in einer europäischen HLG zu suchen? Finden Sie gar nicht seltsam, Herr Dr. Kniffke? HLGs sind nicht für Lobbyisten, sondern für Experten.
Schade, wenn ein Experte aus Deutschland dabei ist, dem dies gar nicht auffällt, dass das nicht geht, eine HLG voller Nichteuropäer zu haben, die für US Konzerne tätig sind. Raegan z.B. ist Kanadierin.
Für mich hat sich Brüssel immer im Digitalbereich so angefühlt als seien wir eine Kolonie und die Kommission deren Hub. Auch ich habe schon mal an einer ähnlichen Gruppe der Kommission teilgenommen, wo wir Freitag 18 Uhr Telefonkonferenz hatten, damit die Kollegen aus Seattle mitmachen konnten.
Wenn man nicht mal bei einer HLG Einmischung von außen abblockt, braucht man auch vor Putins Fake News und Wahleinmischung keine Angst mehr zu haben.
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