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26.09.2002, Ausgabe 39/02

Osten

Eine Nation in Tränen

Seit einer Woche quält Japan die eine Frage: Was ist mit den Landsleuten geschehen, die vor zwanzig Jahren von Nordkorea zu Spionagezwecken entführt wurden?

Von Christoph Neidhart

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Aus dem Nichts tauchen vier Männer am Strand auf. Sie packen das junge Paar, zerren die beiden zu einem Schnellboot. Dieses verschwindet in der Dämmerung.

Ungefähr so muss man sich einige der Entführungen vorstellen, die der nordkoreanische Präsident Kim Jong Il auf dem Gipfeltreffen vorige Woche gegenüber Japans Premier Junichiro Koizumi zugegeben hat. Andere geschahen mehr «mit Druck und Überzeugungsarbeit», wie die einstige Terroristengehilfin Megumi Yao in ihrem Prozess im Mai aussagte. Die Entführten wurden einerseits in der Spionageausbildung eingesetzt, andrerseits klaute Nordkorea ihre Identitäten.

Einzelne Opfer verschwanden von der offenen Strasse, die 13-jährige Megumi Yokota etwa auf dem Heimweg vom Badminton. Zuweilen dürfte ein Nachbar den nordkoreanischen Agenten geholfen haben, geeignete Opfer zur Verschleppung oder eine Landungsstelle an der Küste auszuspähen. Ein in Japan lebender Nordkoreaner sagte zur Tageszeitung Yomiuri, ihm sei oft gedroht worden: Falls er nicht kooperiere, würden seine Angehörigen in Nordkorea leiden.

Japan ist geschockt. Wo man hinkam, gab es vorige Woche nur dieses Thema. Wollte Koizumi seine Reise nach Pjöngjang innenpolitisch ausnützen, so musste er, das war ihm klar, Kim Jong Il das Versprechen abringen, die vor rund zwanzig Jahren Verschleppten könnten nach Hause zurückkehren. Das sahen die nordkoreanischen Unterhändler ein: In den Vorgesprächen versprachen sie Aufklärung.

Indes hatte niemand damit gerechnet, dass die Mehrheit der Verschleppten – vor zwanzig Jahren junge Leute – tot sei. Die Nachricht, der japanischen Delegation angeblich nur Minuten vor dem ersten Treffen der Staatschefs überreicht, soll Koizumi die Tränen in die Augen getrieben haben. Er will erwogen haben, den Gipfel platzen zu lassen. Stattdessen presste er Kim ein Geständnis ab. Eine Geheimdienstabteilung habe die Verbrechen zu verantworten, gab Kim zu und versprach Besserung. Glaubt man einem nordkoreanischen Deserteur, stand Kim freilich dieser Abteilung, dem «Büro Nummer drei» zur Spionage gegen Südkorea, damals selber vor.

So bestürzt Koizumi sich in Pjöngjang gab, den Angehörigen gegenüber verschleierten seine Bürokraten, was sie wussten. Mit Koizumis Zustimmung hielten sie die verdächtigen Todesdaten zurück. Entsprechend misstrauisch äussern sich nun die Familien: Sagt die Regierung, die über Jahre nichts für die Verschleppten getan hat, nun die ganze Wahrheit? Und wie glaubwürdig sind die Angaben Nordkoreas?

Immerhin nannte Pjöngjang eine Überlebende, die gar nicht auf Japans Liste figurierte: Hitomi Sago verschwand 1978 mit ihrer Mutter von der Insel Sago. Verstorben sind Keiko Arimoto, die 1983 als 23-jährige Studentin von London ins kommunistische Korea gelockt wurde, und der 1980 in Spanien verschollene Toru Ishioka. Als Todesdatum beider gab Pjöngjang den 4. November 1988 an, eine Todesursache wurde nicht genannt. Da waren die beiden 28 und 31 Jahre alt. Allerdings war es Ishiko kurz zuvor gelungen, über Reisende einen Brief nach Japan zu schmuggeln, in dem er seinen Eltern versicherte, er sei am Leben, könne Nordkorea aber nicht verlassen. Die Koinzidenz nährt die Vermutung, die beiden seien hingerichtet worden.

Die aus Saitama entführte Yaeko Taguchi verstarb 1986, 30-jährig. Sie soll jener Agentin Japanisch beigebracht haben, die am Attentat gegen ein südkoreanisches Verkehrsflugzeug beteiligt war und in Seoul dafür verurteilt wurde. In ihrem Prozess identifizierte die Agentin Taguchi als ihre Lehrerin auf der Spionageakademie in Pjöngjang. Hatte Taguchi ihre Aufgabe erfüllt? Wurde sie nicht mehr gebraucht?

Am Rande des Gipfels vorige Woche stellten die Nordkoreaner einem japanischen Diplomaten zwei Paare und ein Mädchen vor, angeblich Verschleppte, die überlebt hatten. Ferner die Tochter von Megumi Yokota, die als 13-Jährige verschwand. Ihre Mutter sei gestorben, als sie etwa fünf war, wusste das Mädchen – aber nicht woran. Ihr Vater ist Nordkoreaner, er hat inzwischen wieder geheiratet.

Wie alle andern Opfer trägt auch das Paar Kaoru Hasuike und Yukiko Okuda, 1978 verschleppt, heute koreanische Namen. Ihre Kinder seien als Nordkoreaner aufgewachsen; sie wüssten nichts vom Schicksal der Eltern, deutete Hasuike dem Diplomaten an, gegenüber dem er sich mittels detaillierter Kenntnisse seiner Kindheit und einer Unfallnarbe identifizierte. Über die Art und Weise, wie er nach Nordkorea gelangt war, wollte er nicht sprechen. Gefragt, ob sie nach Japan zurückkehren wollten, zögerte das Paar.

Japans Aussenministerium bereitet nun eine Reise für Angehörige vor. Derweil vermutet deren Interessenvereinigung, Nordkorea habe noch mehr Japaner verschleppt – auch Bürger anderer Staaten. Bevor dies und die Todesursachen nicht geklärt sind, wird Koizumi die Normalisierungsgespräche nicht wieder aufnehmen. Die anderen Ergebnisse des Gipfels sind in den Hintergrund getreten. Etwa, dass sich Koizumi für die japanische Kolonialherrschaft entschuldigte. Die war für Korea gewiss schlimmer als das Leid, das Nordkorea später Japan zugefügt hat.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 39/02
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